Lyrik made in the USA – im Ozean der Sprache

Bild von Pok Rie auf Pixabay

Eine kleine Auswahl an Beiträgen zur zeitgenössischen Lyrik aus den USA.


Ein Gastbeitrag von Michael Braun

Eine der schönsten Legenden, die diesen Giganten der Weltpoesie umwehen, erzählt davon, dass selbst die Falschschreibung seines Namens Poesie erzeugt hat. „Ash-berry“ – die Asche und die Beere. Die „Beere aus Asche“ verweist auf das beunruhigend Flimmernde seiner Gedichte, das Opake als eine Brücke zum Wunderbaren. John Ashbery, dieser lyrische Solitär und Vorbild für eine unüberschaubare Zahl von poetischen Bewunderern, unternahm über sechzig Jahre lang die „Anstrengung, sich hinzusetzen, und, der Kopf eine tabula rasa, mit dem Schreiben zu beginnen“.


Die Fama besagt, dass der 1927 in Rochester geborene John Ashbery zu den jungen wilden Dichtern der New York School gehörte. 1950 lernte er seine aufrührerischen Kollegen Frank O´ Hara und Kenneth Koch kennen und mischte mit provozierenden „kubistischen“ Gedichten die Feten der avantgardistischen Maler und Bohemiens auf. „Der Wüstling“, so schreibt sein großer Freund und wichtigster Übersetzer ins Deutsche, Joachim Sartorius, „steckt in der frühen Lyrik.“ In seinen frühen Bänden „The Tennis Court Oath“ (1962) und „Rivers and Mountains“ 1966) inszenierte er den Zusammenprall von Alltagsslang und erhabener Metaphorik und collagierte die Sprache des Melodrams mit Fundstücken aus der Medienwirklichkeit.

Seine späteren epischen Gedichte, die sich in viele Richtungen verzweigen, die epochalen Bände „Self-Portrait in a  Convex Mirror“ („Selbstporträt im konvexen Spiegel“) von 1975 und „Flow Chart“ (1990)  setzen einen Prozess der Selbsterforschung in Gang, der an kein Ziel führt, sondern nur in der Bewegung des Fragens selbst, im rastlosen Grübeln und Vor-Tasten in eine fremde Welt existiert. Der endlose Dialog, den er in diesen Gedichten mit seinem Bewusstsein führt, so schreibt Joachim Sartorius sehr treffend, „mag noch so trivial, noch so sehr small talk, noch so idiosynkratisch sein, er berührt immer das Universelle.“

Im langen Gedicht „A Wave“ („Die Welle“) ist diese Form von Bewusstseinsstrom prägnant zusammengefasst: „Durch so viele Systeme wie die,/in die wir verstrickt sind, durch ebensoviele/ wurden wir freigesetzt auf einen Ozean der Sprache, der zu einem Teil/von uns wird, als ob wir je davonkämen.“ Es scheint, als teilte sich das lyrische Subjekt immer wieder in mehrere Stimmen – „a kind of crowd of voices“ – , die sich zwischen den Zeiten bewegen.

John Ashbery unterrichtete viele Jahre am Brooklyn College, später am Bard College, als freier Autor vagabundierte er dann viele Jahre zwischen seiner Stadtwohnung in New York, seinem Haus in Hudson und ausgedehnten Reisen nach Europa hin und her, zehn Jahre lang lebte er von 1955 bis 1965 in Paris. Nach zahlreichen Publikationen im Hanser Verlag und im Residenz Verlag war es in den vergangenen Jahren der Luxbooks Verlag, der in Deutschland die Erinnerung an diesen Riesen der amerikanischen Poesie wach hielt. Zuletzt haben Matthias Göritz und Uda Strätling das komplizierte Langgedicht „Flow Chart“ in eine kühne deutsche Fassung („Flussbild“, 2013) gebracht. „Einer von uns bleibt zurück“, heißt es im Gedicht „Hotel Lautréamont“, „Einer von uns geht auf der Brücke weiter / wie auf einem Teppich. Leben – es ist herrlich – folgt und fällt zurück.“ Im Juli 2017 hatte er noch seinen 90. Geburtstag gefeiert, am 3. September 2017 ist das herrliche Leben des Weltpoeten und Pulitzer-Preisträgers John Ashbery in seinem Haus in Hudson zu Ende gegangen.



Michael Braun, (1958 -2022), lebte als Literaturkritiker in Heidelberg. Er veröffentlichte Essays zu Fragen zeitgenössischer Poetik. Von 2007 bis 2011 gab er den Deutschlandfunk-Lyrikkalender heraus, ab 2012 den Lyrik-Taschenkalender (Wunderhorn Verlag). Weitere Veröffentlichunge (u.a.): „Jean Krier: Eingriff, sternklar. Gedichte aus dem Nachlass“ (Hrsg., Poetenladen, Leipzig 2014) und „Der gelbe Akrobat 2. 50 deutsche Gedichte, kommentiert“ (Hrsg. zusammen mit Michael Buselmeier. Poetenladen, Leipzig 2016). Er galt als einer der profiliertesten Lyrik-Kritiker.


„The art of losing isn’t hard to master;
so many things seem filled
with the intend to be lost
that their loss is no disaster.“

Für eine bedeutende amerikanische Lyrikerin war die große Lyrikerin Marianne Moore Mentorin und Freundin zugleich: Elizabeth Bishop. Die beiden Frauen verband das Leben und die Lyrik – wie Moore verlor Bishop ihren Vater früh.

Ihre Mutter kam wegen einer psychischen Erkrankung in eine Heilanstalt. Elizabeth sah sie das letzte Mal, als sie fünf Jahre alt war. Die wohlhabenden Großeltern väterlicherseits ermöglichten ihr schließlich den Besuch des renommierten Vassar Colleges – dort traf sie Moore, dort begann ihre literarische Karriere. Zu Lebzeiten veröffentlichte sie nur einige wenige Prosastücke und 101 Gedichte, an denen sie extrem lang feilte. Ein schmales Werk, aber umso kostbarer und wichtiger. Zeilen und Worte, die von Trauer, Verlusten, Sehnsüchten handeln, alles reduziert und verdichtet – Verdichtung als Kunst.

2011, zu ihrem 100. Geburtstag, erschien eine zweisprachige Ausgabe einer Auswahl ihrer Gedichte, übersetzt und herausgegeben von dem Literaturwissenschaftler Klaus Martens, der über ihre Arbeit schreibt:

„Sie schreibt keine poetische Diktion, ihre Syntax wird immer eine alltägliche sein und aus dieser allgemeinen Verbindlichkeit heraus eine Magie herauszuoperieren, einfach durch Selektion, durch Edition über Jahre so zusammenzuschreiben, dass der Grundstock bleibt und dann doch ein ganz neuer Schimmer, ein neuer Glanz hinzukommt, das konnten nur ganz wenige, und Bishop ist da eine der ganz Großen.“

Die Kunst des Dichtens, die Kunst des Verlierens: Elizabeth Bishop lernte dies in ihrem Leben. Wer sich für ihre Biographie interessiert, dem kann ich auch dieses Biopic empfehlen: „Die Poetin“, ein Film, der 2013 in die Kinos kam und sich auf ihre Beziehung mit der brasilianischen Architektin Lota de Macedo Soares konzentriert.

Wie Susan Vahabzadeh in ihrer Filmbesprechung in der Süddeutschen Zeitung richtig anmerkte:

„Beide Frauen sind heute nicht mehr präsent, die Dichterin Bishop nicht und nicht die Architektin Lota de Macedo Soares, die so gern ein neues Brasilien gestaltet hätte. Die Sache ging tragisch aus. Aber das Verlieren hatte Elizabeth ja gelernt. Ich verlor zwei Städte, verlor zwei Flüsse, einen Kontinent. . . Die Zeile stammt aus einem ihrer Gedichte, es heißt „Die Kunst des Verlierens“.“


Lily Brett hat den Holocaust nicht selbst erlebt – aber sinnbildlich mit der Muttermilch aufgesogen. Sie wurde 1946 in Deutschland geboren, ist eines der ersten Kinder, die in einem Auffanglager für die Überlebenden geboren wurden. Ihre Eltern heirateten im Ghetto von Lodz, wurden im KZ Auschwitz getrennt und fanden einander erst nach zwölf Monaten wieder. 1948 wanderte die Familie nach Australien aus. Mit neunzehn Jahren begann Lily Brett für eine australische Rockmusik-Zeitschrift zu schreiben. Sie interviewte und porträtierte zahlreiche Stars wie Jimi Hendrix oder Mick Jagger.

„The single most defining aspect of my life, and I have always known this, is the fact that I was born to two people who had each survived years of imprisonment in Nazi ghettos, labor camps and death camps. My parents were a rare statistic. Two Jewish people who were married to each other and who each survived death camps“, sagt die Schriftstellerin beim Holocaust Commemoration Talk 2016 in Sydney.

Trotz der beruflichen Karriere, trotz ihres Eintauchens in eine neue Welt: Lily Brett bleibt ein Kind des Lagers. Die Erlebnisse nehmen ihre Eltern, insbesondere die Mutter, mit, sogar bis an das andere Ende der Welt: Selbst in Australien, so macht es der zweite Teil des Gedichtbandes deutlich, ist Auschwitz immer spürbar. Und auch der nachfolgenden Generation wird diese Erfahrung eingebrannt in die Gene, auch die Nachkommen sind Gezeichnete, mit einer unsichtbaren Nummer auf dem Handgelenk.

Karg sind die „Auschwitz Poems“, meist nur ein Wort pro Zeile, als sei jedes Wort zu viel, als ringe die Autorin damit, die maschinelle Nüchternheit, die bei der Menschenvernichtung in Auschwitz herrschte, in wenige Worte zu fassen. In Worte, die auf den Kern zielen: Ihre lebenslange Erschütterung über dies Geschehen, das sie von ihren Eltern erfuhr, weiterzugeben. Und so sind die Zeilen tatsächlich streckenweise kaum ertragbar, entkleidet jeder sprachlichen Metapher, grausam in ihrer Direktheit.

Renjas Baby (Auszug)

Spaltete
man
ihm
den Schädel

warf
es

auf
eine

andere
Mutter.

Die „Auschwitz Poems“ einer Nachfahrin zweier KZ-Überlebenden machen die Frage nach dem „Schreiben dürfen“ solcher Gedichte obsolet. Der schmale Band macht deutlich: Lily Brett hat diese Gedichte schreiben MÜSSEN. Die 1986 entstandenen „Auschwitz Poems“ sind der Ausdruck eines lebenslangen Traumas, das auch die Kinder der Danach-Generation in seinem eisernen Griff hält. Noch lange wird dieser Einschnitt des Bösen nachwirken – jedoch bei den Opfern, nicht bei den Tätern, denen Verdrängung weitaus besser zu gelingen scheint. Und auch deswegen MÜSSEN Gedichte wie diese, die in ihrer bewusst gewählten Kunstlosigkeit vom Unfassbaren erzählen, geschrieben werden – weil sie das Verdrängen im Augenblick ihrer Lektüre unmöglich werden lassen.

Lily Brett
Auschwitz Poems
Übertragen von Silvia Morawetz
Suhrkamp Verlag, 2004
ISBN: 978-3-518-45605-7


„… aber sie wollen
mir ständig weismachen, dass man der sprachlichen ghettoisierung am
besten entkommt, indem man die
lebenswirklichkeit der schwarzen einfach ausblendet bla bla bla …“

Wanda Coleman, Auszug aus: „Ein Essay über Sprache“

Wer die Gedichte von Wanda Coleman (1946 – 2013) liest, der wird ganz unmittelbar mit der Lebenswirklichkeit der schwarzen Bevölkerung in den USA konfrontiert: Das sind Zeilen, die brennen vor Zorn und Frustration, Gedichte, die aufrütteln. Und man spürt: Diese Frau hat all dies erlebt, die Armut, der Existenzkampf als alleinerziehende Mutter, die Vorurteile, die dazu führen, „angespornt durch meine schwarze haut zu versuchen, die allerbeste zu sein.“

Coleman, die 1999 als erste afroamerikanische Frau mit dem Lenore Marshall Poetry Prize der American Academy of Poets ausgezeichnet wurde und in späteren Jahren zahlreiche Preise und Stipendien für ihr Schreiben bekam, wurde, wenn nicht schon durch ihre Herkunft, spätestens durch die Watts Riots politisiert – die junge Frau, aufgewachsen in Watts, dem Schwarzen-Ghetto in Los Angeles, erlebte die Aufstände 1965 hautnah. „Aber“, so schreibt auch der Schriftsteller Frank Schäfer in seinem taz-Artikel über Wanda Coleman, „Straßenschlachten mit der Nationalgarde sind nicht mehr nötig, um sie zu politisieren.“ Ihr Vater hatte noch den Lynchmord an einem jungen Mann in Little Rock miterlebt, eine geistige Last, die auch Wanda mit durch ihr Leben trug.

„in seiner würde war er schweigsam und in seiner schweigsamkeit wandte er
sich an gott. mein vater nahm seinen mord mit würde. sie schlugen
ihm von 1914 bis 1991 jahrzehntelang auf den schädel. sie schlugen ihn
bis aus der wunde ein tumor entsprang, der seine augen zerfraß“,

schreibt Coleman in ihrem „Amerikanischen Sonett 70“, einem von zahlreichen Sonetten, die das Bild eines anderen als des weißen Amerikas zeigen. Wie sehr die Erfahrungen ihrer Eltern und ihrer eigenen Zugehörigkeit die Dichterin prägten, das wird in den letzten Zeilen dieses Sonetts nur allzu deutlich:

„sie erheben ihre killerfäuste und schlagen auf mich ein, erheben ihre killerfäuste und schlagen und schlagen, bis sie sicher sind
dass von der anderen seite des grabsteins keiner zurückschlägt
gott, ich rufe dich an in meinem nebel.“

Verzweiflung, Wut, Zorn: Wanda Colemans Sprache ist zornig, sie ist direkt. Terrance Hayes, der eine Auswahl ihrer Gedichte in den USA wieder herausgab, fand in seinem antiquarischen Exemplar von „Mad Dog Black Lady“, dem ersten umfassenden Gedichtband von Wanda Coleman, der bei Black Sparrow Press erschien, eine treffende Randnotiz: „Ihre Welt ist Geschrei.“ Ihre Gedichte, so Hayes, „sind eine Mischung aus Manifest und Bekenntnissen, Fremd- und Selbstbezichtigungen voller Gewalt und Zärtlichkeit, satirischen Anklängen und Aufrichtigkeit.“

Und – angesichts der Aufmerksamkeit, die schwarze Literatur derzeit erfährt und dem vielbesprochenen „berühmtesten Gedicht der Welt“ – kann ich mir diese Bemerkung nicht verkneifen: Colemans variantenreiche Poesie, die voller Anspielungen zu politischen Ereignissen, zum schwarzen Widerstand ist, die Elemente des Jazz, der Popkultur, der Untergrund- und Gegenkultur in sich birgt, sie ist zugleich frei von Pathos, sie ist authentisch. Ein versöhnliches Element trägt diese Lyrik nicht in sich, da ist kein Hügel zu erklimmen, er soll erstürmt werden:

Ich bin die sense des schnitters. Meine klinge ist unerbittlich.“

„Wanda Coleman“, schreibt Terrance Hayes, „war eine große Poetin, eine leibhaftige, fleischfressende Poetin und zugleich eine echte, schwarze Frau (…) Nur wenige Lyrikerinnen jeglicher Couleur schreiben mit einer solchen Vehemenz über Armut, literarische Ambitionen, Depressionen und unsere gewalttätigen und fragilen Leidenschaften.“ Wer es kennenlernen möchte, dieses andere, verletzte, unterdrückte Amerika, wer erahnen will, welche Berge es noch zu ersteigen gilt, der wird bei der Lektüre Wanda Colemans eine Ahnung davon erhalten. Die von Terrance Hayes getroffene Auswahl von 120 Gedichten aus acht Lyrikbänden, die zu Lebzeiten der Dichterin erschienen, wurden von Esther Ghionda-Breger übersetzt und erschienen nun beim MaroVerlag: „strände. warum sie mich kaltlassen.“

Wanda Coleman
strände. warum sie mich kaltlassen
Übertragen von Esther Ghionda-Breger
MaroVerlag, 2020
ISBN: 978-3-87512-497-2


“No water so still as the
dead fountains of Versailles.”

Für ihre konzentrierte, präzise Sprache, den dichten Einsatz von Bildern, Metaphern und anderen sprachlichen Mitteln, für die Fähigkeit, Gedanken und Ideen in dem einen richtigen Wort auszudrücken, wurde Marianne Moore (1887-1972) von ihren Kolleginnen und Kollegen allseits bewundert. Moore ist eine der großen Poetinnen der amerikanischen Moderne. Sie setzte sich für die Gegenständlichkeit in der Lyrik ein, bewegt von “a burning desire to be explicit”. Statt Metaphorik die Gegenwärtigkeit und Direktheit des Ausdrucks. Als technisches Mittel diente ihr dazu auch die Vereinnahmung von Zitaten, Schlagzeilen und anderen Fremdtexten – so beginnt ihr berühmtes Gedicht „No swan so fine“ mit dem oben zitierten Satz, den sie in einem Bericht über Versailles las. Und es endet ganz explizit mit den Worten: „The king is dead.“

Die 1887 in St. Louis geborene Marianne Moore war ein vaterloses Kind. Dieser war bereits vor ihrer Geburt nach einem Nervenzusammenbruch in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden, sie lernte ihn nie kennen. 1894 zog die Familie nach Pennsylvania. Marianne Moore besuchte eine private Mädchenschule, erste literarische Gehversuche folgten, 1915 veröffentlichte sie ihre ersten Gedichte. 1918 zog sie mit ihrer Mutter nach New York. Drei Jahre später begann sie als Assistentin in der New York Library zu arbeiten, lernte Wallace Stevens und William Carlos Williams kennen, kam in literarische Kreise. Die mit ihr befreundeten Schriftsteller Hilda Doolittle und Robert McAlmon veröffentlichten ohne ihr Wissen ihr erstes Buch.

Für ihr Werk wurde Moore, die 1972 in New York starb, wiederholt ausgezeichnet, unter anderem mit dem Pulitzer-Preis und dem National Book Award. Mehr noch jedoch zählt wohl die vorbehaltlose Anerkennung durch andere Dichter und Autorenkollegen. So schrieb William Carlos Williams in einem Essay über ihre genaue Beobachtungsgabe:

“So that in looking at some apparently small object, one feels the swirl of great events.”

T.S. Eliot betonte:

“Living, the poet is carrying on that struggle for the maintenance of a living language, for the maintenance of its strength, its subtlety, for the preservation of quality of feeling, which must be kept up in every generation… Miss Moore is, I believe, one of those few who have done the language some service in my lifetime.”

Darüber hinaus war Marianne Moore zeitlebens auch bekannt für ihr exzentrisches Auftreten, stets mit seltsamen Kopfbedeckungen und in eine Art Cape gewandet. Sie liebte auch im hohen Alter noch den Besuch von Sportveranstaltungen. So eröffnete sie beispielsweise 1968 die Saison der Yankees mit dem ersten Wurf.  Zu ihren Freunden zählte Muhammad Ali. Zu dessen Schallplatten-Aufnahme der legendären „I am the Greatest“-Rede schrieb sie die den Covertext.

„The deepest feeling always shows itself in silence;
not in silence, but restraint.“


Noch eine Chance gemeinsam aufzuwachen,
ich nehme die Einladung für
einen weiteren Morgen an. Noch eine Chance,
um den schwarzen Traum, allein zu erwachen,
über den Rand der Welt zu schieben,
wo mich kein Leben erhält.

Liest man diese melancholischen Zeilen, die in ihrem letzten in den USA erschienenen Gedichtband „Alive Together“ (1996) enthalten sind, liest man diese „Notizen im Winter“ spürt man, dass da eine vom Herbst des Lebens schreibt.

Lisel Mueller, als Elisabeth Annedore Neumann am 8. Februar 1924 in Hamburg geboren, starb 2020 in Chicago. Die gebürtige Deutsche blieb hierzulande nahezu unbekannt, galt aber in den USA als eine herausragende Lyrikerin. Ihr Werk ist von berührender Schönheit, von tiefer Nachdenklichkeit geprägt.

In den Vereinigten Staaten zählte sie zu den bedeutendsten Dichterinnen der Gegenwart, wurde mit allen namhaften Preisen ausgezeichnet, mit dem Carl Sandburg Prize, dem Lamont Award, dem National Book Award und nicht zuletzt, als einzige in Deutschland geborene Dichterin, mit dem Pulitzer-Preis.

Und dennoch lief ihr Werk unter dem Radar des deutschen Feuilletons und Verlagswesens. Allein im MaroVerlag erschien bislang unter dem Titel „Brief vom Ende der Welt“ eine Auswahl ihrer Gedichte, herausgegeben und zum überwiegenden Teil von Andreas Nohl ins Deutsche übertragen. Das Ausmaß ihrer Unbekanntheit mag auch damit zusammenhängen, dass Lisel Mueller, ihrem Vater, der als aufgeklärter Pädagoge und Jude vor den Nationalsozialisten flüchten musste, gemeinsam mit Mutter und Schwester bereits 1939 ins Exil in die Vereinigten Staaten folgte. Die junge Frau fasste schnell Fuß in der neuen Heimat, zum Schreiben begann sie als Reaktion auf den frühen Tod der Mutter und in ihrer neuen Sprache, dem amerikanischen Englisch.

Mag sein, dass es diese Biographie war, die ihren Teil dazu beitrug, dass Lisel Mueller leider immer noch eine große Unbekannte hierzulande ist, mag auch sein, dass Lyrikerinnen es von Haus aus schwer haben – aber keineswegs sollte man an ihrem Werk vorübergehen.

Benno Schirrmeister von der taz ist einer der wenigen Kenner ihres Werks hierzulande, der ihr nicht nur etliche längere Artikel in der taz widmete, sondern auch eine Ausstellung über ihr Leben und Werk mitkuratierte (ein Interview zur Ausstellung im Deutschen Auswandererhaus findet sich hier). Er schreibt in einem Portrait über die „Dichterin der zweiten Sprache“:

„Deutsche Dichterin ist falsch, das klingt nach Vereinnahmung, darum darf es nicht gehen. Lisel Mueller ist Amerikanerin, Bürgerin der USA seit den frühen 1940ern. Ihre Lyrik ist durch und durch amerikanisch, auch wenn hie und da Brecht-Zitate auftauchen – und sie immer wieder die Abgründe der deutschen Volksmärchen nutzt (…)
Deutschland spielt aber immer eine Rolle, eine zutiefst ambivalente, für sie selbst und in ihren Texten: „For ­years“, schreibt sie, nachdem sie 1983 erstmals die Stätten ihrer Kindheit besucht hat, „I did not want to be German, wanted nothing to do with German traditions“
(…) Und trotzdem nennt sie Deutschland „what should have been my own country“, also, das, was mein Land hätte sein sollen.

Diese Ambivalenz spricht auch aus ihrem Gedicht „Eine Anthologie von deutschen Nachkriegsgedichten“, das in der Maro-Auswahl enthalten ist:

Amerika hat mich gerettet
und die Geschichte hat mir eine Nase gedreht:
Ich wurde nicht unter Trümmern
begraben, noch wurde ich
an einem gefrorenen Straßengraben erschlagen (…)

Es ist das Schuldgefühl der Überlebenden, das aus diesen Zeilen spricht, und  zugleich die Bewunderung für die Nachkriegsgeneration. Vielleicht schwingt auch ein wenig Wehmut mit, weil sie schon da weiß, dass sie nicht mehr dazugehört:

Unter diesen Dichtern bin
ich Dornröschen, eine Schläferin im Tal,
eine Fremde ihrem Mut,
wenn sie eine neue Sprache schaffen
aus den Trümmern und dem Bösen,
aus dem Grauen ihres Wissens. Ich sehe
staunend wie das Wort
aus Ruinen sich erhebt
und, eine lebende Zelle, sich teilt,
ins zukünftige Geschick.

Auch wenn einige dieser Gedichte von ihrer amerikanischen Sozialisation sprechen – so die Szenen aus „Glückliche und unglückliche Familien“ oder die Zeilen an „Ihr Müden, Ihr Armen“, ganz ist die Nabelschnur nicht durchschnitten, die Herkunft lässt sich nicht vollends abschütteln, auch nicht das Wissen um das, was in Deutschland, in Europa geschah.

Andreas Nohl schreibt denn auch in seinem Nachwort zu „Brief vom Ende der Welt“:

„So sehr das Bewusstsein der Unversehrtheit Muellers Werk von dem gleichaltriger deutschsprachiger Dichter unterscheidet – Paul Celan war um vier Jahre älter, Ingeborg Bachmann um zwei Jahre jünger als sie -, so sehr unterscheidet sie sich von ihren amerikanischen Zeitgenossen in dem Bewusstsein der historischen Kontingenz, die eine solche Rettung ermöglichte.“

In den folgenden Sätzen geht Andreas Nohl auf die weitere Entwicklung der Dichterin ein:

„Erst im Privaten, im Familienleben, in eigensinnigen Traditionen und Erbschaften lässt sich eine Art Einspruch, lässt sich eine Art menschliche Würde gegen die Machination des historischen Unglücks formulieren. Doch umgekehrt trägt das geglückte Private immer die Male des bloßen Davongekommenseins.“

Die damit einhergehende Zwiespältigkeit sei ein wesentliches Motiv ihrer Gedichte.

Nach außen hin dominiert das private Glück im Leben der Poetin: Am College lernt sie Paul E. Mueller kennen, die beiden heiraten 1943, mit ihrem Mann und den beiden Töchtern führt sie zwar ein tätiges, aber auch beschauliches, ein normales Leben. Was aber ihren Gedichten weder verzärtelten noch sentimentalen Ton gibt, vielmehr sind ihre Gedichte geprägt von einer souveränen Ruhe, häufig geradezu auch beinahe lakonisch-beiläufig wirkend, man werfe nur einen Blick auf ihren Lebensbericht.

Diesen Anklang haben auch die ersten Zeilen bei „Entwurf für eine Landschaft“:

Sieh, der einsame Wanderer
an diesem kältesten Sonntag des Jahres
schultert da draußen die ganze Last der Geschichte.

Im „Brief vom Ende der Welt“ schreibt Lisel Mueller:

Der Punkt ist: seit ich dich verlor,
bin ich durch die Welt gezogen,
dich zu suchen, und statt deiner
fand ich mich selbst, Bruchstücke einer Frau,
die langsam zueinander passen.

Liest man ihre späteren Gedichte, wie „Im Schwinden“ oder „Dinge“, dann merkt man auch, da hat eine zu sich gefunden, da passen die Stücke zusammen, auch wenn das Ende, an dem alles zerbricht, naht. Man würde sich nun nur noch wünschen, der Brief vom Ende der Welt käme endlich an, in dem Land, in dem Lisel Muellers Leben begann, und die Menschen hier könnten diese wundervolle Lyrik, so klug und wunderbar mit ihren fein gesetzten Metaphern, lesen und würdigen.

Lisel Mueller
Brief vom Ende der Welt
MaroVerlag
Paperback, 108 Seiten, 14,00 Euro
ISBN: 978-3-87512-281-7


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