Lyrik: Rezensionen von Gedichtbänden und Anthologien

Lyrik ist die Königsdisziplin – und hat demnach auch auf diesem Blog ihren gebührenden Platz. Ein Überblick über Rezensionen zu Gedichtbänden zeitgenössischer Lyriker*innen.


… kein Horizont der wie ein Zelt Gedichte auf dem Sprachsand
aufschlägt
der Tod allein
der Tod er prüft die Wahrheit
und prüft alles Geschriebene
nicht leicht ist es, an ihn zu glauben …
Zitat aus dem Gedicht: „Der Tod stimmt mich nicht traurig“

Ab 2011 tobt in Syrien dieser verheerende Krieg, dem hunderttausende Menschen zum Opfer fielen und der Millionen in die Flucht zwang. Darunter auch die junge syrische Dichterin Lina Atfah: 1989 in Salamiyah geboren, kam sie 2014 über den Libanon nach Deutschland. Sie hatte schon früh Repressalien erfahren müssen: Bereits  die Texte und Gedichte der 17-jährigen waren dem Assad-Regime aufgestoßen. 2006 wurde sie beschuldigt, Gotteslästerung und Staatsbeleidigung begangen zu haben. Erst nach einer langen Zeit des Wartens erhielt sie 2014 die Erlaubnis zur Ausreise.

Wie es ist, seine Heimat unfreiwillig verlassen zu müssen, wie es ist „Am Rande der Rettung“ zu stehen, einer Rettung, die Leib und Leben meint, aber die Seele zerreißt, das thematisiert Lina Atfah in dem Gedicht „Am Rande der Rettung“:

„…Ich nahm Abschied von allen Lieben
und umarmte zum letzten Mal die Seele des Ortes…“

Zugleich mit der Bilanz der Dinge, die sie zurücklässt, offenbart sich ihr, der Dichterin und Studentin der arabischen Literatur, die zeitweilige Ohnmacht der Sprache:

„… ich ordnete die Dinge meines Herzens
das Schreiben gehorchte mir nicht
meine Sprache umarmte meinen Wunsch nicht
meine fernen Erinnerungen beugten sich über meine Gegenwart…“

Es ist die Ohnmacht der Sprache und die spürbare Heimatlosigkeit, die eine Dichterin, die mit und in ihrer Sprache lebt, doppelt trifft. Nino Haratischwili, die zu diesem ersten in Deutschland erschienen Lyrikband von Lina Atfah ein Vorwort beigetragen hat, schreibt darin:

„Die Erfahrung, aus der Heimat fliehen zu müssen, ist, so denke ich, in jeder menschlichen Biografie ein harter Schnitt, eine Zäsur, ein Teilen in Davor und Danach, aber für einen Autor ist es eine doppelte Entwurzelung, ein Verlust der Sprache und somit ein Sprung in die Unerträglichkeit des Ungewissen.“

Auch davon erzählt „Das Buch von der fehlenden Ankunft“, von jenen, die wie in dem gleichnamigen Langgedicht „nach einem verlorenen Paradies“ suchen, die die „Narben des Abschieds tragen“, die schlicht und einfach Opfer sind:

„Wir flohen vor dem Krieg, doch dieser Krieg ist nicht
Täuschung oder List
er ist die Geschichte brutaler Gewalt in Zeiten der Blindheit
als bräuchte der Tod eine List!“

Mehr noch als die andauernden Fernsehbilder aus Syrien von zerstörten Städten schreiben sich einem diese Gedichte ins Herz, machen begreif- und erfassbar, was dies alles für die Betroffenen und für die Menschheit bedeutet. Lina Atfah klagt an, benennt zornig den Irrsinn des Krieges, beweint in ihren Zeilen die Kinder, die ihm zum Opfer fallen:

„Regen löscht das Feuer in den Leichnamen der Kinder
der uns entfachende Regen, Regen, der jetzt schreibt
für jede Stirn gibt es Patronen
zwei Mädchen die sich schwesterlich die Landeswunden teilen
und unser Unglück teilen“

(Auszug aus: „Lin und Leila und Der Wolf“)

Dass „Das Buch von der fehlenden Ankunft“ nun im Pendragon Verlag erscheinen konnte und somit Lina Atfah ein wenig auch im deutschen Literaturbetrieb ankommen konnte, das ist auf ihr Talent zurückzuführen, aber auch dem Projekt „weiter schreiben“ zu verdanken: Dort finden Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten eine Plattform. Denn:

„Weiter schreiben zu können heißt aber auch weiter gelesen zu werden. Denn das Schreiben und das Gelesenwerden gehören zusammen. Man schreibt nicht für sich, man schreibt aus sich heraus. Für Autor*innen ist es elementar, dass der Prozess des Schreibens nicht abbricht. Schreiben ist nicht nur eine Kunst, es ist auch eine Lebensform, eine Art, die Welt wahrzunehmen, sich auf sie einen Reim zu machen und sich darüber in Beziehung zu setzen mit ihr. Das gilt für Autor*innen aus Krisengebieten in besonderem Maße. Für sie ist der Schreibprozess durch die politische Situation nicht nur unterbrochen, sondern manchmal sogar lebensgefährlich. Mussten die Künstler*innen ihr Land oder ihre Region verlassen, bricht ihnen zudem der eigene Sprachraum weg.“

In dem schön gestalteten Band des Bielefelder Pendragon Verlages finden sich die Gedichte von Lina Atfah auch in arabischer Schrift, manche zudem in zweifacher Übertragung in die deutsche Sprache, was den Zugang zu ihrer Lyrik besonders interessant macht. So ist es spannend zu lesen, wie unterschiedlich beispielsweise Joachim Sartorius und Dorothea Grünzweig ihre Akzente bei einen Gedicht über den Umgang mit Tod und Gewalt setzen. Insgesamt zwölf Übersetzer und Autorinnen und Autoren, die die Gedichte übertragen und nachgedichtet haben, werden aufgeführt, darunter auch Jan Wagner und Julia Trompeter, Suleman Taufiq und Osman Yousufi.

Dadurch kann sich auch die ganze Spannbreite von Lina Atfahs Schreiben in der deutschen Sprache entfalten: Denn neben den Gedichten, die eine zornige, bittere Anklage gegen den Krieg und von politischer Wucht und Klarheit sind, beherrscht die Dichterin auch die Kunst der sinnlichen, orientalischen Dichtung, lebensprall, poetisch und voller Schönheit:

„ich berausche mich an mir
ich beobachte wie die Finger des Schattengottes mich zweimal gestalten
hier im Schatten des Stoffes
und hier im Text, wenn er zur unschuldigen Falle wird,
um das listige Gemälde zu verführen!“

Lina Atfah
Das Buch von der fehlenden Ankunft
Pendragon Verlag
Gebunden, Lesebändchen, 152 Seiten
22,00 Euro
ISBN: 978-3-86532-641-6


Die Lyrik von Kerstin Becker evoziert widersprüchliche Bilder, gegen den Strich gebürstet, von „Biestmilch“ getränkt: Vom schönen Land und hartem Landleben. Ihre Sprache: Spröde, nüchtern, herb. Wie das Land, über das sie schreibt. Dort, wo man Erdäpfel aus dem harten Boden klaubt. Wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen.

hinterm Hof hinterm Dorf
hinterm Feld hört die Welt
auf im Wald bellt nichts

Ja, sie wagt es auch, Wörter wie „Scholle“, „Schnitter“, „Stammesbrut“ in ihre Gedichte zu weben. Kontrastmittel. Die sofort Bilder auslösen vom harten Land, vom beinahe archaischen Dorfleben. Die geographische Verortung spielt dabei eine gewisse Rolle, wenn vom Traktoristen der LPG die Rede ist – aber so eine Kindheit, sie könnte auch auf der Schwäbischen Alb stattgefunden haben oder im tiefsten Niederbayern. Die Landschaft, die Äcker, die Wiesen, der Wald: Rückzug- und Zufluchtsort, Nahrungslieferant, Spielwiese, gefährlicher Feind. Alles in einem.

wir spionieren Nester aus
wir können nicht auf Stangen stehen
wir streiten was zuerst da war das Tier
oder das Ei
wir schlagens auf

Kein Arkadien. Ganz nüchterner Umgang mit dem, was ist. Die Frage ist auch, was wen mehr prägt, das Land die Menschen oder die Menschen das Land. Diese Lyrik evoziert widersprüchliche Bilder, gegen den Strich gebürstet, von „Biestmilch“ getränkt: Das Land ist schön. Das Landleben ist hart. Die Natur so nah, mal Freund, mal Feind. Das Dorf eng, die Älteren von einer Strenge, die in Grausamkeit übergehen kann. Aber dann wiederum sprechen ihre lyrischen Bilder auch von einer ungebrochenen Zusammengehörigkeit, Zugehörigkeit, die andere Orte nicht bieten können. „verbunden“, so der Titel eines Gedichts, das diese Mischung zum Ausdruck bringt aus dem „Verbunden sein“ und sich ans Land „gebunden“, an das Leben dort beinahe gekettet fühlen.

desto tiefer treiben unsere Innenleben
in die sture Scholle aus
durch die Krumme durchs Geröll
wir kommen drauf

Diese Lyrik, die sparsam ist, beinahe karg anmutet, in den richtigen Momenten Auslassungen zulässt, sie lebt von den beschriebenen Kontrasten und jenen, die die Leser in ihren Köpfen ausspinnen. Der Bodenhaftung der Alten, jener mit den Knotenhänden, die das „Vater unser“ murmeln, denen der “gallige Nachgeschmack des Krieges” noch die Träume bitter macht, setzt sie die “pulsende Wärme” der Jungen, Sehnsüchte, Fluchtgedanken entgegen.

Schwesterlein komm flieh mit mir
vor Schelte Schimpf Maschinenstampf

Die Natur, das Land, sie stehen hier für Herkunft, für eine Prägung, die sich nicht wie ein Kleidungsstück ablegen lässt. Schuhe, aus denen man herauswächst, die man doch nicht ausziehen kann, obwohl sie drücken – ein entsprechendes Zitat von Szilárd Borbély hat Kerstin Becker ihrem zweiten Gedichtband vorangestellt. Die 1969 im sächsischen Moosheim geborene Autorin hat ihr klug durchkomponiertes Buch in vier Kapitel unterteilt – vier Lebenszeiten, von der Geburt des lyrischen Ichs hinein in diese karge Welt über die Kindheit, Pubertät bis zum Weggang aus diesem Lebensbereich. Mit jedem Wechsel ist auch ein Standortwechsel verbunden, gerät das Land in den Hintergrund, erzählt Kerstin Becker vom Leben in den Städten. Die Enge, der Mangel, die Nähe der Nachbarschaft – sie macht die Menschen nicht weiter. Die Stadt als guter Lebensort, eine kindliche Vorstellung:

wir werden einst in raffinierte Städte ziehn
und ahnens nicht
wir halten Wintereier in den klammen Händen
blind vom Inneren des Tiers

Prügelnde Ehemänner in der Nachbarschaft, Eltern, die im Zorn zu „Riesen mit der Peitschenhand“ wachsen, „wenn wir träumen setzt es was“. Man lebt weiter, geht seinen Weg, lässt den Geburtsort hinter sich, sucht sich eine neue Heimat. Und doch kommt manchmal wie ein Phantomschmerz, als spüre man die abgeschnittene Nabelschnur, eine Wehmut, das Gefühl einer Heimatlosigkeit zurück:

ich schwimm in meine Einzelzelln zurück
im Niemandsland

Fast schon lakonisch klingt gegen Ende des Gedichtbandes das „Volkslied“ nach:

es kommt die Zeit in der wir stark nach Kneipe stinken
und unsre Haut unsterblich in der Sonne glänzt
wir glühen voller Inbrust unter Linden
am Brunnen vorm Fabriktore im Lenz.

Aber auch diese sprachliche Spielerei fügt sich in die ganze Komposition gut ein. Ironie, so drückte es einmal Anatole France aus, „ist die letzte Phase der Enttäuschung“: Land oder Stadt, das Leben schenkt einem nichts – nur manchmal diese wunderbaren Momente, in denen wir ungehemmt kindlich „wildern“ dürfen:

wir taumeln
in Libellenwolken
mit unstabilem Körperkern
durchs nabelhohe Gras

Nicht nur ich bin von dieser rauen, spröden Sprache, die zwischendurch so zarte Momente, mitten in Libellenwolken birgt, begeistert.

Kerstin Becker
Biestmilch, 2017
Edition Azur
ISBN: 978-3-942375-23-8


Eine Welt in voller Blüte.

Eine Hummel.
Ein Rasenmäher in einem fernen Garten.

Eine Welt, die war,
eine Welt der Schwerelosigkeit.

Aus: „Heyannir – Der vierte Sommermonat“.

Mit den Gedichten von Björg Björnsdóttir, die 2020 in Island erschienen sind, haben Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer, zwei unermüdliche Botschafter für die isländische Literatur, deutschsprachigen Leserinnen und Lesern ein besonderes Geschenk gemacht.

Der Band „Der sechste Wintermonat“ umfasst einen Jahresreigen. Zwölf Gedichte haben die beiden Übersetzer aus Björnsdóttirs erstem Gedichtband „Árhringur / Jahresring“ übertragen. Dem Zyklus, der wie der isländische Kalender nur die beiden Jahreszeiten Winter und Sommer kennt, ist eine feine Melancholie eingeschrieben, das Wissen vom Werden und Vergehen:

An diesem Morgen
ist die Stadt still.

Wir sind allein,
ich und die Ankunft des Herbstes.

(aus dem „fünften Sommermonat“).

Erinnert an Rilke, gewiss. Doch die isländische Dichterin braucht nicht das ästhetisch Überhöhte, das zuweilen Bombastische, um ihrem lyrischen Ich eine Stimme zu geben, die die „Angst vor dem Unwiderruflichen“ und das „Bedauern“ im Herzen angesichts des Vergehens, vielleicht auch dieser Angst vor einem langen Winter, zum Ausdruck bringt. Wissend, dass der Sommer zwar groß ist, der Winter aber wiederkommen wird, feiert sie vielmehr in zurückhaltenden, stillen Zeilen die „Sanftheit des Augenblicks“. Das ist alles fein und genau beobachtet, voller poetischer Bilder. Naturlyrik, die zeitlos und doch zugleich auch ganz zeitgemäß wirkt. Gedichte, mit denen sich der Sommer genießen lässt – aber Achtung:

Die Tage der Faulenzerei sind vorbei.
Vor mir steht das Fahrrad.

Wehendes Haar,
wilder Wind,
das Stahlross im Windschatten.

Dieser Zyklus, ein poetisches Juwel, kommt auch in einer besonderen, ihm angemessenen Verpackung daher: „Der sechste Wintermonat“ erschien zunächst in der Corvinus Presse als limitierte „Volksausgabe“. Es folgte ein Künstlerbuch mit den signierten Grafiken von Jón Thor Gíslason, handgebunden und in einer Kassette. Doch allein schon die Volksausgabe ist ein Beispiel allerfeinster Buchkunst: Mit den Radierungen des Künstlers, Gedicht für Gedicht sorgsam gesetzt auf einer Linotype und Buch für Buch nach japanischer Art offen gebunden, ist es ein wahrer bibliophiler Schatz.

Björg Björnsdóttir
Der sechste Wintermonat
Corvinius Press, 2021


Manchmal muss man sich ein großes Stück von der Welt entfernen, um sie wenigstens in Ansätzen zu verstehen. Vielleicht gerade in Zeiten wie den unseren: Von oben betrachtet, mit einem gehörigen Abstand, erscheint alles zwar nicht weniger chaotisch – aber über allem schwebend erringt man eine Art Souveränität und Distanz zu den Dingen.

 »Oder: Sieh, so zart meine Linie, dass sie an sich selbst zerbricht. Or: Look at my lines, tender enough to crush themselves.«  

Auf eine solche Reise nimmt einen die Lyrikerin und Musikerin Lydia Daher mit ihrem neuesten Buch, erschienen im Augsburger MaroVerlag, mit: „Kleine Satelliten“ ist ein Werk, das nur auf den ersten Blick filigran und minimalistisch wirkt. Wer sich mit diesen Text-Vignetten und den skizzenhaften Bleistiftzeichnungen von Warren Craghead III auf eine Reise begibt, der spürt bald die Kraft, die Melancholie, aber auch den Zorn und die Zweifel, die in diesen Zeilen stecken.

»(Das ist leicht zu verstehen und leicht auszuhalten. Aber niemand kann es verstehen und niemand kann es aushalten.) (Which is easy to comprehend and easy to cope with. Yet no-one seems to be able to understand or cope.)«

Schon bei vergangenen Arbeiten überschritt Lydia Daher Genre-Grenzen, tauschte sich mit Künstlern anderer Sparten aus, suchte die Zusammenarbeit. Für „Kleine Satelliten“ ließ sie „lines, snapshots and fragments“ in zwei unterschiedlichen Übersetzungen vom Deutschen in das Englische durch Lukas Wahden und Paul-Henri Campbell auf die Reise gehen. Adressat war der amerikanische Zeichner Warren Craghead III, der ebenfalls auch schon mit anderen Lyrikern und Schriftstellern „Kollaborationsprojekte“ und Gemeinschaftsproduktionen unternommen hatte.

»Ich werde nie aufhören schön zu malen, dich zu sehen auf Kosten des Lichts, in einer Verkettung von Tauschakten.« 

Von Lydia Daher hatte er eines auf den Weg mitbekommen: Sich völlig frei zu fühlen im Umgang mit ihren Texten, sie lediglich als Materialsammlung zu sehen – er könne kürzen, herauspicken, arrangieren und neu arrangieren. Craghead III unternahm jedoch etwas ganz anderes: Er sah die verschiedenen Übersetzungen, sah wie einzelne Wörter den Zeilen neue, andere Bedeutungen geben können, griff diesen Faden auf und „schrieb“ die Gedichte von Lydia Daher zeichnend weiter. So ist das Buch in drei Kapitel – deutsches Original sowie die beiden Übersetzungen – unterteilt und von Textfragment zu Textfragment kann man beim Betrachten nachvollziehen, wie das zunehmende Verständnis des Zeichners für die deutschen Zeilen sich in neue Kreativität umsetzt.

Das Verweben von Text und Zeichnung, von verschiedenen Sprachen und deren unterschiedlichen Interpretationen – das führt zu einem feinen, rätselhaften Gewebe aus Sprach- und Bildkunst. Das Ineinanderfließen der sprachlichen Varianten verdeutlicht das spielerische Element, das auch Cragheads Illustrationen innewohnt. Am Ende schreibt der Zeichner an die Texterin: „So this project at times is like a beautiful confusion.“

 »Und wieder ein sonnenfleckenfreier Tag, wo alles übergeht in Ideologie, in einen persönlichen Notfallplan.«

Die Gedichte Lydia Dahers – dem Buch übrigens als herausnehmbares Textblatt beigelegt – wirken selbst schon wie kleine Satelliten: Manchmal sieht man ein blinkendes Licht am Nachthimmel, weiß nicht, ob man sich täuscht, denn schon ist es wieder hinter einer Wolke verschwunden. Viel zu fern, um (be-)greifbar zu sein. Und doch irgendwie auch vertraut, man schickt einen kurzen Gruß nach oben…

Aus dem Gedicht „Kleine Satelliten“: „Einsam und am Wasser ging ich. Fing Stille. Streute sie aus. Denn falls ich verloren ginge man sollte mich finden.“

 »Once in a dream not far from here, my language vanished in pictures.«

Sprache und Bild gehen so einen Dialog ein, überlagern sich, kreuzen sich, lassen dem betrachtenden Leser (oder dem lesenden Betrachter) zugleich aber auch genügend Spielraum für eigene Reisen, für eigene Interpretationen und Deutungsmöglichkeiten. Zugleich zeigt dieser Gedicht- und Kunstband aber auch auf, was möglich ist, wenn sich zwei Künstler offen begegnen, wenn Mut zur Kollaboration besteht, wenn der eigene Anteil nicht für sakrosankt gehalten wird. „Die Grenze zwischen Text und Bild löst sich auf, Zeichnung wird Poesie und Worte werden zu Bildern“ ist im Verlagstext zu lesen – und in diesem Falle ist das tatsächlich nicht zu hochgegriffen: „Kleine Satelliten“ ist auch ein kleines Gesamtkunstwerk, das jedoch nicht nur bestaunt, sondern auch enträtselt werden will.

 »Ein Bild sagt: Es gibt hier nichts, was nicht vorher schon fehlte. An image speaks: There is nothing here that hasn’t been missing before.«

Lydia Daher / Warren Craghead III
Kleine Satelliten
MaroVerlag, 2016
ISBN: 978-3-87512-470-5


Die kleine Frau schreibt

Erst muss man alles aufzeichnen,
dann kann man sich aufzeichnen durch einen Satz,
der etwas ins Fließen bringt,
was vorher feststand.

Ich bin die kleine Frau,
ich glaube an die Macht des Mondes,
an Ebbe und Flut.
Aber mehr noch an die Worte,
die alle Spuren verwischen,
sobald sie entstehen.

Sich selbst definieren, sich selber finden mit den unzulässigen Mitteln der Sprache – das scheint mir ein Leitmotiv zu sein in diesem außergewöhnlichen Gedichtband. Eine Poesie, der die Macht der (Ent-)Täuschung innewohnt: Sätze, die so klar und nüchtern im Stil zu sein scheinen, und mit denen dennoch alle Spuren verwischt werden.
Beispielgebend dafür ist Sansibar, Protagonist im ersten Zyklus:

Es sollte ein Roman ohne Worte werden
aber voller Gedanken
Der Ehrgeiz packte mich
es schüttelte mich
Es ging mir nicht gut
Ich war kurz davor einen Satz in mein Heft zu schreiben
einen Satz der alle Worte zum Blühen gebracht hätte
und was blüht ist vergänglich

Was blüht, ist vergänglich, was gesagt ist, kann heute wahr sein und morgen ein gebrochenes Versprechen: Eine Dichterin im Ringen mit der Unzulänglichkeit, der Unzuverlässigkeit der Sprache. Ein Ringen, das funkelt, das Sätze birgt, die sich einprägen:

Der Tod, sagt meine Mutter, ist eine schnell
heilende Wunde. Die Narben, die er hinterlässt,
sind Sache der Lebenden.

So klar die Sprache von Elke Engelhardt erscheint, so viele Geheimnisse tragen Sansibar, die kleine Frau und die lyrische Stimme im dritten Zyklus, „Die Lumpen meiner Erinnerung“, mit sich herum. Man möchte mehr davon lesen, wohlwissend, dass man den Geheimnissen eines Menschen mit den Mitteln der Sprache wohl nie auf den Grund kommen wird.

Elke Engelhardt
Sansibar oder andere gebrochene Versprechen
Elif Verlag, 2020
ISBN 978-3-946989-32-5


Gedichte lehren einen das genaue Hinschauen. Schon Stefan George sprach die explizite Aufforderung aus “komm in den totgesagten park und schau” und Jahrzehnte später spinnt Matthias Engels diesen Gedanken weiter. Der 1975 am Niederrhein geborene Schriftsteller stellt sich mit seinem jüngsten Lyrikband in eine große Tradition, weckt Assoziationen zu George, Benn, Trakl, Rilke und ist dabei jedoch auch ganz und gar gegenwärtig, ein Kind seiner Zeit.

du sagst: Herrgottnochmal
der sommer war sehr klein
und der herbst nicht mehr
lassen wir den winter nicht rein
und hoffen dass er draußen
nichts anstellt

Auszug aus “Dein Traum muss durch die Wand”

“wir alle strahlen” nimmt einem beim Lesen gefangen durch eine eigenartigen Wechsel von Melancholie und Lebenslust, Saat, Keimnis und offener Sarg zugleich. Da wandert ein lyrisches Ich durch Landschaften und Städte (ein schönes Bild: die stadt trägt schuhe/aus mörtel und geröll), durch Innenräume und Außenwelt und lässt den Leser teilhaben an seiner sensitiven Beobachtungsgabe, die Auge und Ohr hat selbst für den “aufprall der trockenen blätter/auf den gehwegplatten”.

Es bedarf eben eines Poeten, um “die romantik von mono/blocksessel und filterkaffee” zu würdigen.
Das sind Gedichte, die das Sehen, das Hinsehen und die Würdigung des Alltäglichen zelebrieren und in wunderbare Bilder verwandeln:

die sonne von lamellen
in feine streifen aufgeschnitten
in dieser stunde sind alle getigert

Matthias Engels
wir alle strahlen
edition offenes feld, Dortmund, 2020
Hardcover, Schutzumschlag, 68 Seiten, 15,50 €
ISBN 9783751952613


Am Lebensende

spult sich eine laufmasche
von der achillesferse
langsam nach oben

die alte frau spuckt
ein grunzen über die straße
hinter ihr bleibt

ein blutiges bein
das schwarze kleid wirft
kaum mehr schatten

Aus: “Ein morsches Licht” von Anke Glasmacher

Es sind die Nachtgedanken einer Spaziergängerin, Bilder, die man beim Umherstreifen durch die Städte pflückt, Beobachtungen der Welt um uns herum. Das ist jedoch nicht in Hochglanz verpackt, sondern in gedämpften Farben beschrieben. Die Bilder erinnern an alte schwarzweiß Fotografien, Licht und Schatten, Nachtgewächse.

“Geisterstunde” ist ein Kapitel überschrieben, und das ist trefflich: Da sind die Gezeiten ein wechselhafter Tod, die “morsches Licht” über das Kind auf der Sandbank schütten, während die “eichenschwere” Zeit nur langsam kriecht. Selbst die Leichtigkeit eines Sonnentages offenbart ihre Schattenseiten.

Stadt, Land, Fluss: Die Lyrikerin, die bereits mehrere Bände im Elif Verlag veröffentlichte, nimmt mit diesem Band die Leserinnen und Leser mit auf ihre Streifzüge durch Landschaften und Städte. Die Beobachtungen dabei: Leise, melancholisch, unerbittlich. Ein besonderes Kapitel ist der letzte Abschnitt, “An einem Freitag”, überschrieben: Ein Totentanz im November, gespickt mit eindringlichen Bildern.

Anke Glasmacher
Ein morsches Licht
Elif Verlag 2020
Klappenbroschur mit Fadenheftung, 104 Seiten, 18,00 €
ISBN 978-3-946989-27-1


Liebste!
werden wir es wagen
barfuß zu laufen
über dieses Feuer

Schon der Titel dieses Buches lässt die Leidenschaft erahnen, aus denen diese Verse geschmiedet sind. Es sprühen die Funken in diesen Zeilen: „Aus Glut geschnitzt“ hat Dinçer Güçyeter seinen inzwischen dritten Gedichtband genannt. Sie sind ganz offenbar einem Herzen und Hirn entsprungen, das glüht, das brennt, das sich manchmal auch verbrennt:

Auf einem trockenen Kastanienzweig
hat mich der Morgenwind vergessen
mein aufgebraustes Dichterherz
bleibt die Brücke über alle Flüssen

Nicht mehr/weniger als diese Gedichte – das stellt Dinçer Güçyeter als denkbar knappste Selbstvorstellung auf dem Buchumschlag seinem Portraitfoto zur Seite. Was auch sagen will: Hier, in diesen Zeilen, steckt mein ganzes Ich, mit Herzblut geschrieben, aus Glut geschnitzt.

Es ist keine sachlich-nüchterne Lyrik, sondern Poesie – manchmal zart, manchmal brachial, manchmal verletzlich und gewalttätig zugleich. Und natürlich drehen sich viele der Verse um eine der elementarsten, wenn nicht gar die elementarste menschliche Leidenschaft: Die Liebe.

welche Erinnerung ich auch aufschlage
deine zitternde Handschrift flickt die Gegenwart
die Sonne küsst meine Brust
mit aufgerissenen Lippen

Mag sein, dass diese Zeilen an eine Geliebte gerichtet sind. Es mag aber auch sein, sie sind eine Widmung an die Mutter, den Vater. Denn Güçyeter wechselt immer wieder die Sichtweise, die Perspektive, den Adressaten in diesem Gedichtband, der vor allem auch eine Reminiszenz an das verlorene Paradies der Kindheit ist. Beeindruckend der Tonfall im Gedichtreigen „Konzert für Kinder und Nächte“, anrührend die Erinnerungen „an den Jungen, den Jungen mit der grünen Strickjacke“ – der Junge, in Deutschland geboren, der hier selbst zum Vater wird, in diese Kultur hineinwächst und dennoch den Samen der anderen Kultur mit den Eltern eingepflanzt bekam. Diese doppelte Prägung machen auch die Faszination der Gedichte aus: Da hat einer keine Scheu, fast schon ornamentale Sprachgewinde zu knüpfen, da pocht das Erbe der Märchenerzähler an die Tür, das dann wiederum durchbrochen wird durch alltägliche Szenerien, durch ein ganz und gar prosaisches Bild.

der verirrte Pfau klopft in der Morgendämmerung ans Fenster
jeder weiß: eine Brotdose kostet hier 3 Überstunden
aber dafür …

Dinçer Güçyeter, der 1979 in Nettetal zur Welt kam, hat anatolische Wurzeln: Seine Eltern kamen als Arbeitsmigranten nach Deutschland. Ihnen hat der Dichter mit diesem Band ein Denkmal gesetzt – voller Liebe für die Mutter, voller Respekt, wie sie ihr hartes Arbeitsleben bewältigte. Im Ringen und in der Abgrenzung, aber auch mit Hingabe an den Vater, der in manchen Bildern fremd und distanziert erscheint.

keiner will es glauben, aber…
der Tod eines Vaters ist die zweite Geburt des Sohnes

Und so rührt es auch sehr an, wenn der Schreibende seinem eigenen Sohn etwas auf den Weg mitgibt:

höre auf deinen Papa: sei ein Schmetterling, finde die Blütenlichter
nimm nicht den gleichen Weg, aber höre auf den verlorenen Dichter
(…)
warte nicht auf bessere Zeiten, nie auf das milde Wetter
springe auf den Schlitten, spalte den Schneesturm
ruhe nie im süßen Apfel, die Messer sind scharf

„Sei Schnitt, sei Schlitz, sei Wunde“: Die Verse von Dinçer Güçyeter sind dies. Viel Anerkennung bekam dieser auch optisch augenfällige und außergewöhnliche Gedichtband von Gerrit Wurstmann bei Signaturen:

„Hör zu“, fordert uns der Dichter auf, und was er zu erzählen hat, ist oft erschütternd. Seine Verse sind ein Brennglas auf die Untiefen der Realität; das Schöne findet sich nur als Wunsch, Fantasie, Erinnerung, hier und da blitzt oder glüht es auf zwischen all den Schrecken von Flucht, Ausbeutung und Gewalt, denen als Kontrapunkt die unschuldige Naivität des kindlichen Blicks entgegengesetzt wird.

Menschen, die ein großes Stück ihrer alten Heimat, ihrer Kultur, ihrer Tradition mitbringen und wie in einem Granatapfelkern verschlossen ihren Kindern einpflanzen – und daraus entsteht eine wunderbare Sprache, die beide Welten in sich vereint.

Dinçer Güçyeter
Aus Glut geschnitzt
Elif Verlag, 2017
ISBN 978-3-946989-09-7


An die Freiheit

Goldne Freiheit, kehre wieder
In mein wundes Herz zurück,
Weck mir neue, heitre Lieder
Und entwölke Geist und Blick.

Komm und trockne meine Tränen
Mit der rosig-zarten Hand,
Stille meines Busens Sehnen,
Löse, was die Liebe band. (…)

Sophie Albrecht (1757 – 1840)

Neben den – schon von der Muttersprache her – vertrauten Dichterinnen Hilde Domin, Rose Ausländer, Nelly Sachs und anderen versammelt dieser Reclam-Band Poesie von Frauen aus allen Erdteilen und Epochen: Gedichte aus drei Jahrtausenden.

Des Hervorhebens würdig macht dieses Buch jedoch auch das Nachwort seiner Herausgeberin Ulla Hahn. Ihre Schwierigkeiten beim Zusammenstellen der Anthologie: So wenige Lyrikerinnen anderer Nationalitäten und Sprachen, die in das Deutsche übersetzt wurden. Ungarische Dichtungen aus fünf Jahrhunderten, gegenwärtige Dichtung aus Schweden, Frankreich, Mexiko: Ganze Bücher ohne weibliche Stimmen.

„Kaum etwas legt die marginale Rolle der Frau in der Literaturgeschichte so bloß wie ihr verschwindender Anteil in den Anthologien aller Herren Länder.“

Dass Gedichte von Frauen aus den letzten hundert Jahren in ihrer Auswahl ein Übergewicht haben, führt Ulla Hahn auch auf die Frauenbewegung zurück, „die für das Schreiben von Frauen, den Beruf der Autorin die entscheidenden sozialen Voraussetzungen schuf.“

Ein Zimmer für sich allein: Die sozialen Voraussetzungen mögen gegeben sein, meine ich, die gesellschaftlichen Umstände und vor allem die praktische Umsetzung hinken noch etwas nach – noch mehr als schreibende Männer müssen sich schreibende Frauen ihren Frei- und Schreibraum wohl immer noch erkämpfen.

Doch mehr noch als auf die Veränderungen bei den äußeren Bedingungen konzentriert sich Ulla Hahn auf die formale und inhaltliche Entwicklung weiblicher Lyrik. Insbesondere wenn es um eines der Kernthemen geht, die Liebeslyrik, die poetische Auseinandersetzung mit diesem weiten Feld, zeigt die feinsinnige, elegant schreibende Hahn einen wachen Blick, schält das wachsende Selbstbewusstsein der Frauen heraus, folgt dem Prozess der Entzauberung.

Jedoch:

„Das Unterwerfungsverhältnis ist aufgekündigt, die flehenden Gebärden und Demutsgesten vergangener Zeiten sind weitgehend verschwunden, geblieben ist – die Sehnsucht.“ Frauen, so schreibt sie, “bekennen sich zu ihrer Destruktivität, zu negativen Gefühlen, akzeptieren auch ihre dunklen Seiten (…). Frauen dürfen endlich ihre wahren Gesichter zeigen, alle, auch die unannehmbaren.” 

Und:

“Zurückerobert haben sich die Frauen in dieser Auseinandersetzung, das zeigt eine Vielzahl von Gedichten, die Lust am eigenen Körper. Es ist eine selbstbewußte Lust, eine Lust an sich selbst in stolzer Bejahung der eigenen Körperlichkeit.” 

Echte Stechäpfel eben: Giftig, heilsam, aphrodisierend, berauschend, sagenumwoben.

Ulla Hahn (Hrsg.)
Stechäpfel. Gedichte von Frauen aus drei Jahrtausenden
Reclam Verlag, 2008
ISBN 978-3150106655


Psalm

Ich gehe unter Blüten,
denn so ist es sicher.

Fällt mich dort ein Raubtier an,
ein Heiliger mit seinem Glück,
die Zähne werden stumpf,
das irre Lächeln schwindet,
der Blütenschnee macht sie ermatten.

Auch Borke, Rinde, Federvieh.
Alles was sich weiß und rosa
in die Lüfte windet. So sänftigt
die Natur das Gift des hohen Säugetiers.

Es duftet. Es ist weich.
Federn, Blüte, Haargesichte.
Wir hätten was zu essen
und fühlten uns geliebt.
Das gute Ende der Geschichte.

Vielleicht sind dies die passenden Gedichte für Tage wie diese, in denen Sicherheiten schwinden und es keine Eindeutigkeiten mehr gibt. Alles wirkt “klassisch halb”, wie Marcus Hammerschmitt eines seiner Kapitel nennt. “Manchmal ist alles beseelt”, doch diese Momente sind selten. Meistens ist nichts, wie es scheint, und jedes Ding hat seine zwei Seiten:

“Ich trag ihn rum und zeig ihn vor,
den köstlich verrotteten Jahrgang.”

Die Zyklen in diesem Gedichtband führen in die Ferne, in das mauretanische Zouerate unter anderem, und führen zurück in die Heimat, die “Verschränkung” ist. Dazwischen Fein- und Grobalchemie und “Sexy Science”. Eine große thematische Bandbreite, die unter dem Mikroskop jedoch wiederkehrende Themen offenbart – wie der Mensch sich Natur aneignet, wie er versucht, eine ungezähmte Materie zu bändigen, die sich ihm aber immer wieder aufs Neue entzieht. So heißt es in dem Gedicht “Der Mond ist auf”:

“Die Nacht erzwingt den Wald.
Der Wald erzwingt die Gedanken.
Scherenschnitte erzwungen.”

Sprachlich sind diese Gedichte einfach kraftvoll, das sind Metaphern, die erst einmal einschlagen mit einer eigenartigen Wucht und dann Gedankenströme freisetzen. “Der Brief des Nachtportiers” erzwingt keine Scherenschnitte, sondern Lesenächte, in denen man die Zeilen gedanklich wiederkäut, enträtselt, weiterschreibt. Wunderbar!

Marcus Hammerschmitt
Der Brief des Nachtportiers
Edition Monhardt, 2019
ISBN 978-3-9817789-6-0


es ist geschehen u. war kein traum du in
dem immer dunkleren raum wie du für

mich die tarot-karten legst … da ist der mann
wieder mit den drei stäben u. du findest

den gehängten nicht u. es kann gar keine
zukunft geben aber die amsel singt abends (…)

Auszug aus „dämmerung“

Es ist Juni, als sie sich begegnen, sie wie ein flüchtiger Kohlweißling, der später allenfalls noch eine Windschutzscheibe streifen wird. Und bereits in der Juni-Dämmerung zeichnet sich die Nicht-Zukunft der beiden ab, die kurze, intensive Liebe eines Sommers. In diesem „Sonnengesang“ sind Herbst und Winter bereits eingeflochten, neigt sich alles einem melancholischen Ende zu, ein kurzes Aufbäumen, Bemühen noch – „meine wunde war noch einmal zugegangen“ – und doch über allem das Bewußtsein von Endlichkeit:

im beinhaus zu hallstatt den 3ten august
faßte ich mir an den eigenen Schädel

so seltsam war er mit haut überzogen … oben
wuchsen haare u. selbst augen standen noch

heißt es im sechsten und letzten Zyklus in dem Gedicht „vanitas“.

„Sonnengesang“ – das ist auch das erste Zeugnis der italienischen Literatur, das gleichnamige Gebet des Franz von Assisi, in dem er Gott und die Schöpfung preist. Und so verwebt auch Norbert Hummelt Elemente der Liebes- und Naturlyrik, singt gewissermaßen mit einem melancholischen Unterton freilich, die Sonne an.

Carsten Otte betont in seiner Besprechung beim SWR:

„Mögen sich Rhythmus und Binnenreim in den ersten Zeilen noch nicht aufdrängen, auch weil der Zeilensprung den semantischen Zusammenhang aufbricht, lässt sich aber schon im Eröffnungsgedicht eine Art poetisches Programm erkennen. Hier stellt sich ein lyrisches Ich vor, das von der Natur gerufen wird, um Flora und Fauna zu preisen, und zwar in einer Formensprache, die dem historischen Rondo näher ist als der lyrischen Moderne.“

Und doch sind es die modernen Elemente, die dem Reigen aus Begegnung und Abschied, Blühen und Vergehen ein Quäntchen Hoffnung eingeben:

(…) mein engel hatte mich verlassen.

aber das licht kam von der raumstation, die sich am himmel
über mir bewegte, rascher als der mond u. heller als ein stern.

Norbert Hummelt
Sonnengesang
Luchterhand Verlag, 2020
Hardcover mit Schutzumschlag, 96 Seiten, 20,00 €
ISBN: 978-3-630-87630-6


„Auf der Mitte des Lebens kann Liebe
verdammt beunruhigend sein
aber auf der Mitte des Lebens
gelang es mir jetzt
mit Hilfe des Stadtplans zurückzukehren
an den Platz auf dem ich sitzen wollte
allein“

In der Mitte des Lebens hat eine Frau idealerweise schon einige Variationen der Liebe hinter sich, Erfahrungen gesammelt, Dramen erlebt, Enttäuschungen überstanden, Hoffnung geschöpft, den Zauber des Anfangs und die Magie des Bleibens erfahren – von all dem erzählt die 1971 in Lübeck geborene Schriftstellerin Dagrun Hintze in ihrem Gedichtband „Einvernehmlicher Sex“.  So heißt es im titelgebenden Gedicht:

„Ich hatte in meinem ganzen Leben
noch nie einen One-Night-Stand hinbekommen
auch wenn jede zweite Frauenzeitschrift
behauptet dass man das vor Dreißig
geschafft haben muss“

Schon die wenigen Zeilen machen deutlich: Mit der Autorin könnte man einen herrlichen Frauenabend verbringen, bei ein paar Glas Wein kichernd und lachend die eigenen Liebespleiten austauschen. Es sind Geschichten vom ersten Petting, damals, mit fünfzehn, mit dem Sohn eines Müslifabrikanten über die Begegnung mit einem Tschechen, den frau gerne 20 Jahre früher kennengelernt hätte bis hin zum veritablen Liebeskummer, der unvermittelt über einen hereinbricht, weil sieben Jahre nach der misslungenen Liebesgeschichte plötzlich Brian Ferry im Taxi erklingt. Love is the Drug.

In 38 Prosagedichten erzählt Dagrun Hintze vom Liebesleben einer modernen Frau: Mal heiter, mal lakonisch, mal wehmütig, mal überschwänglich. In Szenen, die man selber kennt, von Gefühlen, die man nachvollziehen kann. Und hier trifft es der Text des Verlags, der behauptet: „Man begleitet die Erzählerin durch Höhen und Tiefen und merkt irgendwann, dass man sich zwischen den Zeilen befreundet hat.“

Mein Lieblingsgedicht in diesem Band ist jedoch eines geworden, das vergleichsweise verklausuliert wirkt:

Zwischenstand

Bis hier
Ein Fell auf nackter Haut
die auch nicht mehr schneeweiß ist
und Leberflecke an pikanten Stellen
Nicht aus der Zeit gefallen
auch nicht verrückt geworden
Pfefferminztee
und ein halbes Leben

Die Autorin Simone Buchholz äußert sich begeistert über die Gedichte der „open mike“-Preisträgerin 2005:

„Dagrun Hintze haut einem die Poesie um die Ohren, dass die Welt aus dem Takt gerät, mitten hinein in die schönste Schieflage, in eine zarte Schlagseite, ins heftigste Wetter, in bunte Himmel, und man möchte mit ihr und ihren Piratenfreunden durch diese Nächte und Tage tanzen, von denen sie schreibt.“

Dagrun Hintze
Einvernehmlicher Sex
Minimal Trash Art (MTA), 2018
ISBN 978-3-9814175-3-1-


Sie veröffentlichten ein Foto seiner Leiche auf Facebook.
Der Leiche meines kleinen Bruders.
Und nachdem wir ihn nirgends finden konnten,
druckten wir das Foto aus, wuschen es, wickelten es in ein Tuch und begruben es
auf dem Familienfriedhof.

Auszug aus dem Gedicht „Leichen“

Sie wirken in unseren Augen vielleicht beinahe surreal, aber sind doch so realitätsnah, die Gedichte von Kadhem Khanjar. Sie zeigen uns, wie weit weg wir in unserer gut situierten Welt von den Geschehnissen im Nahen Osten sind, wie wenig wir davon ahnen, was dort tatsächlich vor sich geht.

Die Gewalt, der Tod, sie sind allgegenwärtig in diesen Langgedichten, die der irakische Lyriker und Performer in seinen beiden Gedichtbänden „Picknick mit Sprengstoffgürtel“ und „Wir kämpfen zum Vergnügen“ veröffentlicht hat.

Wenn du der einzige Lebende bist unter Leichen,
dann bist du wie eine Leiche
unter Lebenden.

So ist das Gedicht „Sektarianistisches Tagebuch“ das genaue Gegenteil unserer Schöpfungsgeschichte von einem Gott, der an sieben Tagen die Welt schuf. In den sieben Tagen, die Khanjar schildert, ist alles auf Zerstörung angelegt, wird gezeigt, wie Sunniten und Schiiten versuchen, einen Fluss aus Blut zu bilden.

Diese Gedichte sind in der Schilderung der fast schon alltäglich zu nennenden Brutalitäten in dieser Region kaum auszuhalten – daher ist dem Band auch diese Anmerkung vorangestellt:

„Die Bilder expliziter Gewalt, von denen Khanjars Texte durchzogen sind, entsprechen einem breiten Trend in aktueller arabischer Literatur, ein Widerschein der teilweise dystopischen Realitäten der Region.“

Aber sie zeigen eben: Realität. In einem Portrait über den 1990 geborenen Dichter im „Deutschlandfunk Kultur“ ist eine Begründung für seinen direkten Stil zu finden:

Vor drei Jahren gründete Khanjar mit befreundeten Autoren in Babel die Kultur-Miliz. Sie lasen ihre Texte auf Friedhöfen, in Krankenwagen und Leichensäcken oder mit orangener Gefangenenkleidung in einem Käfig des so genannten Islamischen Staats und filmten sich dabei für’s Internet.

„Wir hatten es satt, über den Blick aus dem Fenster zu schreiben oder über Wolken. Wir müssen auf das Blut der jungen Leute hinweisen, die jeden Tag zu Dutzenden oder Hunderten auf der Straße sterben und deren Leichen unauffindbar sind.“

Das Buch „Dieses Land gehört euch“ vereint die beiden oben genannten Gedichtbände von von Kadhem Khanjar und ist die erste Veröffentlichung in deutscher Sprache. Die Übersetzung leistete Sandra Hetzl.

Kadhem Khanjar
Dieses Land gehört euch
Übersetzt von Sandra Hetzl
Mikrotext 2019
ISBN 978-3-944543-87-1


freunde
die menschen
unter den
leuten

Die Biographie eines österreichischen „Jedermenschen“, von der Wiege bis zur Bahre, durchschreitet Isabella Krainer mit ihrem Gedichtzyklus, der im Innsbrucker Verlag Limbus erschienen ist. Dort bietet die Reihe „Limbus Lyrik“ zeitgenössische Poesie in schöner Optik – die Bücher bestechen durch ihr Äußeres und die Reihe hält etliche Entdeckungen bereit.

„Vom Kaputtgehen“ ist der erste Lyrikband der 1974 geborenen Kärtnerin Isabella Krainer, deren Texte nach Selbstauskunft zwischen „Politsprech und Dialektlandschaft“ pendeln. Und der Titel ist Programm: Ein glückliches Leben ist dem Jedermann, der Jederfrau, deren Lebenslauf in den vier Kapiteln „gehschule“, „marschbefehl“, „laufpass“ und „endspurt“ beschrieben wird, nicht beschieden.

Das verdeutlichen schon die Anfänge:

freiheit wäre übertrieben

neun monate
fluchtwasser

und plötzlich
auf bewährung
draußen

Man muss aufmerksam lesen, um den Witz, die Wortspielereien wahrzunehmen. Die Gedichte, meist kurz, knapp und pointiert, wären manches Mal eher als Aphorismen zu bezeichnen, manches Mal sind sie allzu plakativ. Doch hinter dem manchmal all zu Offensichtlichen tun sich weitere Ebenen und tiefe Abgründe auf – Krainers Gedichte sind auch „gradmesser“ eines gesellschaftlichen Zustands. Durch den Ansatz, entlang eines Lebens zu schreiben, bekommt der Band in sich etwas Rundes, Geschlossenes, das nicht von ungefähr mit den mahnenden Worten einer Seherin endet: schau so gern beim leben zu – anstatt ein eigenes Leben zu leben.

Richtig stark ist die Lyrikerin dort, wo sie zur Mundart greift:

söba schuid

wennst es nimma
aushoitst
weilst di damit
aufhoitst
dass dir olles
aufhoist
bis dann amoi
umfoist

Isabella Krainer
Vom Kaputtgehen
Limbus Verlag Innsbruck, 2020
Gebunden mit Lesebändchen, 96 Seiten, 15,00 Euro
ISBN 978-3-99039-170-9


in morgendlicher bahnsteigkälte
gehetztes schnäuzen
gewissenloses husten
dem nächsten ins gesicht

geborgen hauche ich ans fenster
zeichne umrisse
in den bunten scheibenschleier
einiges wird klarer

Oftmals holt die Wirklichkeit die Poesie ein: Der Gedichtband “im stadtgehe” des Fotografen und Schriftstellers Henning Kreitel erschien bereits im November 2019, als Corona eine Erkrankung war, die noch weit entfernt war. Und dann verwandelten auch unsere Städte ihr Gesicht: Ungewohnt still, beinahe unbelebt.

Die Stadt, ansonsten ein Gehege, in dem das Leben pulsiert, mit allen seinen Schattenseiten: Die Gedichte Kreitels kreisen unverkennbar um die Metropole Berlin, ein Ort an dem “saftiges schreigespräch”, “handygegröl” und “huptumult” dominieren. Der Spaziergänger “im auswegkreislauf auf ruhesuche” findet keinen rückzugsort. Nur ab und an, vor allem morgens, eine “arie am morgen” und “einsamer amselgesang”.

“Berlin ist im Übergang und generiert seine neuen Ortsgefühle und widersprüchlichen Emotionen”, schreibt Frank Eckardt, Professor für Stadtsoziologie an der Bauhaus-Universität Weimar, im Vorwort zu diesem Gedichtband. So zeugten auch Kreitels Gedichte von “Ambivalenz und schwieriger Aneignungsfähigkeit”.

Im Stadtgehe entscheidet sich nachts in einem Augenblick, ob man “raubtier oder beute” ist, derweil die “lustentkernten kiezbewohner” ankämpfen gegen die Leere ihres Lebens. Die Stadt: In diesem Buch zwar ein belebter, aber nur in Teilen lebenswerter Ort.

Der Unruhe städtischen Lebens, die er mit Worten vermittelt, setzt Henning Kreitel Illustrationen von großer Ruhe entgegen: Stille Ecken, aufgenommen in den großen Berliner Parks. Rückzugsorte, so in den Erläuterungen, die “als Steckdosen” dienen, um wieder Energie zu tanken und vom stressigen Stadtalltag abzuschalten.

Kreitel bearbeitete seine Bilder im Eisendruckverfahren, der Cyanotypie, deren charakteristischer das “Berliner Blau” ist. Die Serie “Auf Ruhesuche” ist, so der Fotograf, noch nicht abgeschlossen. Die Suche geht weiter.

Henning Kreitel
im stadtgehege
Mitteldeutscher Verlag 2019
ISBN 978-3-96311-312-3


Jedem Leben ist Honig und Galle bereitet, und
Jeglicher rudert allein seinem Ende entgegen, aber
Die Wasser mögen noch anderen Fahrgästen singen
Die in den Wipfeln die entschlossenen Schwärme sehn
Im steten Verblühen der Jahreszeiten.

Aus “Donau oberhalb von Budapest”, aus dem Französischen übersetzt von Volker Braun.

Ob nun in den erst 2019 erschienenen “Fantȏmémoires” oder in dem bereits 1974 herausgekommenen Gedichtband “Les Gens perdus deviennent fragiles”: Da schlägt uns eine Stimme entgegen, die wahlweise zornig, bitter, ironisch und immer auch politisch ist. Und bis ins hohe Alter hinein frisch klingt: Der 1939 geborene Alain Lance beobachtet die Welt mit wachem Blick und hadert mit ihr und dem menschlichen Treiben. “Europa geht aus dem Leim” konstantiert er beinahe umgangssprachlich in seinem Gedicht “2017” und schreibt unter dem Titel “Es brennt” nur einige wenige melancholische Zeilen:

Kaum August schon fällt
Das Blattwerk in Schauern
sollen wir trauern
Um die untergehende Welt?

Man täte diesem Dichter jedoch unrecht, würde man ihn allein auf das Politische reduzieren. Volker Braun, verbindet eine beinahe lebenslange Freundschaft zu dem Franzosen, der sich auch in mannigfaltiger Weise um die deutsch-französischen Kulturbeziehungen verdient gemacht hat. Als Herausgeber hat Volker Braun eine gute Auswahl an Gedichten aus dem Werk seines Freundes getroffen, die dessen Entwicklung aufzeigen. Im Nachwort betont Braun auf ein Zitat von Gérard Noiret hin, der Lance als einzigen politischen französischen Dichter bezeichnet:

“So lese ich ihn nicht, das macht ihn nicht aus, es ist noch immer der robuste, turbulente, anspruchsvolle Geist des Quartier Latin: dieser erstaunlichen irdischen Mischung vom Leben. Nicht nur Résistance, sein Naturell lässt ihn immer wieder Renaissance erleben, wie das Gedicht für Renate wunderbar zeigt.”

Tatsächlich bietet dieser gelungene Auswahlband eine Mischung aus direkter politischer Lyrik ebenso wie Gedichter voller surrealer Bilder und gar dadaistischen Sprachspielereien. Und dazwischen eine Botschaft an den Freund V. B.:

Schreib über Bäume
Es ist kein Verbrechen mehr

Alain Lance, geboren 1939 in Bonsecours/Normandie, studierte Germanistik in Paris und Leipzig. Von 1985 bis 1991 leitete er das Institut français in Frankfurt a. M., im Anschluss das Institut français in Saarbrücken und danach bis 2004 das Pariser Literaturhaus Maison des écrivains et de la littérature. In seinem 2009 veröffentlichten Buch Deutschland, ein Leben lang (2012, Matthes & Seitz) beschreibt er anekdotenreich seinen Lebensweg als Vermittler zwischen den Kulturen. Bereits 1977 erschien eine erste Auswahl seiner Gedichte auf Deutsch, schon damals herausgegeben und nachgedichtet von Volker Braun (zusammen mit Paul Wiens).

Alain Lance
Rückkehr des Echos
Herausgegeben von Volker Braun
Mit Nachdichtungen von Volker Braun, Richard Pietraß, Gabriele Wennmer, Simon Werle und Ludwig Harig.
Faber & Faber, 2020
ISBN 978-3-86730-171-8


Mutter Sprache

Jetzt, nach ihrem Tod schreiben:
Schritte barfuß auf rissigem Boden
an den Rändern der Schollen
bröckelt der Staub
Es erscheint ein einziges Wort:
DURST

Jedes einzelne Gedicht in diesem Gedichtband ist ein Stolperstein, ein Denkanstoß. „Fluchtzustand“: Ein Zustand, so wird es an einzelnen Poemen deutlich, den die Autorin aus eigenem Erleben kennt, das dringt aus Gedichten wie „Zimmer hier“ und „Erinnerung an Wien, 11. November 1968“ hervor, die sich mit Vergangenheit und Herkunft auseinandersetzen.

Aber im „Fluchtzustand“ zu sein, das ist auch die Situation der Menschen, mit denen die Kulturjournalistin und Hörbuchautorin Agnieszka Lessmann in ihrer Arbeit als Dozentin bei Integrationskursen zu tun hat.

Für die vielen Facetten dessen, was Heimatverlust bedeutet, was die Unsicherheit des Ankommens in einer fremden Welt heißt, wie der Bruch zwischen Vergangenheit und ungewisser Zukunft vonstatten geht, für diese Facetten findet und nutzt Lessmann in ihrem ersten Gedichtband verschiedene Formen: Mal in kürzester Verdichtung wie in „Mutter Sprache“, mal in fast balladenhafter Langform, mal lautmalerisch, mal direkt und mitten ins Mark.

Und mit Bildern, die sich einprägen. So ein Auszug aus dem anrührenden Gedicht „Wie man sein Haus verlässt“, das Fluchtzustände aus drei Ländern und drei Generationen zusammenführt:

ragen die Skelette der
Häuser von Aleppo
in grauen Himmel
wo der Alp und die Zitronen
fallen aschen in
den Sand.

Agnieszka Lessmann wurde in Polen geboren und wuchs in Israel und Deutschland auf.

Agnieszka Lessmann
Fluchtzustand
Elif Verlag 2020
ISBN 978-3-946989-28-8


MEIN schuh der
erste abdruck im schnee

Der tod will
seine grösse wissen
wenn er die wege räumt

Verse schaufelt er frei
und nichts ängstigt ihn mehr
als ein gedicht

Auch wenn den Schreibenden nichts mehr ängstigt als das freizuschaufelnde Gedicht – der Tod behält nicht das letzte Wort. Es sind die Gedichte, die den Tod des Dichters überdauern – auch im Falle Philipp Luidls. Der MaroVerlag hat mit dem schön gestalteten Band „das wort beim wort genommen“ dem 2015 verstorbenen Typografen und Lyriker Philipp Luidl ein wunderbares Andenken geschaffen. Der Band versammelt 150 Arbeiten aus den Lyrikbänden, die im MaroVerlag und einem weiteren Verlag erschienen sind sowie aus dem Nachlass – er ist sozusagen die Zusammenfassung eines Dichterlebens.

Luidl war Dozent für Typografie an der Akademie für das Grafische Gewerbe in München und Vorstandsmitglied der Typografischen Gesellschaft: Auch bei seinen Gedichten bewies er eine eigene optische wie inhaltliche Handschrift. In konsequenter Kleinschreibung, meist nur wenige Sätze, in denen komprimiert und kondensiert ein Bild transportiert, eine Stimmung ausgedrückt wird. Die Gedichte markieren Wegmarken: Szenen eines Lebens, Lieben, Reisen, Schreiben.

STAUB

Wie dicht ist doch
der text geworden
der auf den
schränken liegen blieb

Mit einer hand
wischt du ihn fort
wie alles leichte
das so schwer sich schrieb

Im Jahr 2000 erschien beim MaroVerlag der erste Gedichtband Luidls. Damals schrieb Pia-Elisabeth Leuschner  beim Rezensionsforum literaturkritik.de über die Gedichte:

„Diamanten wachsen langsam, aber zu struktureller Makellosigkeit. Sie sind durchsichtig und zählen zum Unverwüstlichsten, das wir kennen. Wenn sie entsprechend geschliffen werden, wirken sie als Linsen, die unsere Sicht schärfen. Philipp Luidls Gedichte sind solche Diamanten, bleibend wertvoll im Panorama der deutschen Gegenwartslyrik.“

Philipp Luidl
das wort beim wort genommen
MaroVerlag 2020
ISBN: 978-3-87512-483-5


Rab bei Bora

Wohl dem der die Bora liebt,
auch auf einer ankernden Fähre.
Stahlharte Matrosen springen herab
wie Gewitterhummeln.
Bei der Kapelle essen zwei kleine Mädchen
aus einer Papiertüte gezuckerte Hostien.
Die göttliche Vernunft pflanzt Menschen an
wächst mit ihnen und besänftigt die Panik.
Wolken ballern, die Dunkelheit rauscht
den Weinberg entlang, über dem aufgerissenen Meer.
„Ich besitze eine Blume, die niemand pflücken kann“
Alles ist Staub außer dem Wohlsein.
Alles ist Glut und Salz.

Es ist, als habe die Bora selbst, dieser harsche Küstenwind an der Adria, diese Gedichte an Land gespült: Sie sind nicht aus Worten geschrieben, sondern aus den Elementen gemacht. Feuer, Wasser, Erde, Luft. Da ist einer, der das Leben und die Liebe feiert, auch deren schmerzhafte Seiten und dies in ekstatische Lieder gießt.

Vielsagend ist bereits das erste Gedicht dieses Bandes, der ein ganzes Leben in einem Tag unterbringt. Die „Memoiren eines jungen Banjalukaners“ umfassen das poetische Konzept dieses Dichters, der die Tradition des Volkssängers mit der Moderne verbindet:

„Genau um 9.29 am 19. Jänner
vor Christus und Mohammed sprang ich aus einer fliegenden Untertasse
auf das vereiste Dach der Gebärklinik von Banja Luka…“

Und von dort aus führt uns der Dichter im rasenden Galopp durch ein Land, das geprägt ist von seinen Traditionen, von den politischen Verwerfungen älterer und jüngster Zeit, in der Liebe und Gewalt Hand in Hand gehen.

Der bosnische Dichter Admiral Mahić (1948 – 2015) war Mitbegründer des P.E.N. Zentrums von Bosnien-Herzegowina, Herausgeber des Magazins „Republika poezije“ und einer alljährlich stattfindenden Künstlerkarawane durch die Herzegowina. Vor allem aber war er, so der Verlagstext, ein „Philanthrop und Weltbürger“, „Vertreter einer ekstatischen Poesie, die das Leben feiert, aber auch Echoraum für das multikulturelle Milieu Bosniens und die historischen Verwerfungen in diesem Raum“ sind.

Deutlich wird dies beispielsweise an einem Gedicht, das vergleichsweise kurz und sehr konkret ist und sich auf die Brücke bezieht, an der 1914 das Attentat verübt wurde, das die Welt erschütterte:

Princips Brücke

Wasser tropft
aus einem jungfräulichen Speier.
Es brennt mir in der Hand.

Der Brücken-Attentäter
taumelte in die Denkerstube.
Eine Waffe kann
auch eine Abenteuerreise bescheren …

Die Türen der Tramway
öffnen sich:
Archivalien steigen aus
unter der Achsel des Richters.

Da wo Princip stand
befinden sich jetzt zwei Ampeln
und Verkehrszeichen
die auf Passanten schießen.

Wie oben bereits bemerkt, bildet dieses Gedicht in seiner Konkretheit beinahe eine Ausnahme unter den „flirrenden Visionen“, die von Wind, Glut und Kraft dieser europäischen Region geprägt sind, von einem Dichter geschrieben sind, der von sich selbst sagt:

Falls ich noch in diesem Leben weile
muss ich mich vergiftet haben
mit den Geräuschen des Surrealen …

„Flirrende Visionen“ heißt demnach auch der zweisprachige Band, der eine Art Vermächtnis für dieses dichterische Werk ist. Ausgewählt und übersetzt wurden die Gedichte von Barbara Sax, die Lektorin am Institut für Slawistik und am Institut für Bildungs- und Erziehungswissenschaften in Graz ist.

Admiral Mahić
Flirrende Visionen
Mit einem Nachwort von Faruk Ŝehić
danube books, Ulm, 2019
ISBN 978-3-946046-16-5


Über mein Leben gilt das Gleiche wie über archäologische Funde in Island: Mehr als 95 % der Altertümer sind noch unter der Erde und unerforscht.

Zitat aus: „Einzigartige Silberschätze, endlose Überschenkelknochen“

Wie vieles in diesen Liedern und Texten ist auch dieser Satz von den einzigartigen Silberschätzen bestimmt von einem melancholischen Grundton: Ein wenig surreal, geprägt von der kalten „Realität, mit der wir, das heißt ich, leben müssen.“ Und dennoch birgt auch diese „Dichtersprache“ Wärmendes und Tröstliches, vermag sie doch die Stille zu durchbrechen:

„Es ist nicht so schwierig, wie es klingen mag.“

Die Stimme, die die Stille – ruhig und sacht wie ein Wollfaden an einem Kristallglas – zum Klingen bringt, stammt von Ragnar Helgi Ólafsson. Und man wünscht sich, das heißt, ich wünsche mir, dass nicht erst die Archäologen in ferner Zukunft weitere Texte des isländischen Schriftstellers, Regisseurs, bildenden Künstlers und Philosophen ausgraben werden.

„Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ ist der erste Lyrikband Ólafssons, der nach seinem Erscheinen 2015 mit dem renommierten Tómas-Guðmundsson- Poesie-Preis der Stadt Reykjavík ausgezeichnet wurde. Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason sind bereits ein eingespieltes Team bei Übertragungen isländischer Literatur in das Deutsche. Ihrem Engagement ist es zu verdanken, dass nun auch dem deutschsprachigen Publikum die Texte dieses ungewöhnlichen Schriftstellers zugänglich sind.

Ungewöhnlich allein schon die formale Ebene: Kein klassischer Zeilenfall, keine durchgängigen Rhythmen, keine durchgängige optische Erkennbarkeit und Anordnung der Texte als „Gedicht“. Gedichte, Textvignetten, liedähnliche Passagen wechseln sich ab, changierend in der Form und im Grundton – tag- und nachtträumerisch, surreal, konkret, mal melancholisch, mal voller leisem Humor. Bereits im Untertitel wird relativiert – um „Lieder und Texte“ soll es sich handeln. Und ein dem Buch vorangestelltes Zitat von Ryokan Taigu führt weiter auf den Pfad des Verständnisses dieser Textexperimente:

„Wer sagt, dass meine Gedichte Gedichte seien?
Meine Gedichte sind gar keine Gedichte.
Wenn du verstanden hast,
dass meine Gedichte keine Gedichte sind,
dann können wir uns hinsetzen und
über Dichtung sprechen.“

Die Gedichte, die keine Gedichte sind, sie sind: Das Leben. Das Leben in allen Facetten, in dem „nur kurz etwas bezüglich Kleidung“ (der geliebten Frau) ebenso berührt wird wie das Trübsalgesetz oder auch Magisterexamen. Die Titel täuschen jedoch über den Gehalt der Nicht-Gedichte hinweg – kein Fall von angewandter, konkreter Poesie, der hier zu erwarten ist. Vielmehr Zeilen, die zum Teil an surreale Traumfragmente erinnern, an schlafwandlerisches Erleben und Finden:

Ein Mann, der sucht
(Die Morgendämmerung bricht an)

Ich habe aufgehört zu suchen.
Treibe den Gedanken von mir weg.

Und gehe weiter in den Traum hinein.

Es ist, als ob der Dichter ein kleines Fenster zu seinem Innenleben – oder vielmehr Innendenken – öffnet, um dann sofort die Spuren wieder zu verwischen, auf neue Wege abzulenken:

„Ich werde mich nicht dazu äußern, ob ich
ein komplexes oder ein einfaches Ding bin. Es geht hier
einfach um zu sensible Informationen.“

Nicht zuletzt ist es auch dieser feine Schalk, der die Lektüre für all jene, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können, zu einem tröstlichen Genuss macht. Das Leben besteht aus einer ständigen Abfolge von Widersprüchen. Und nicht jeder bekommt, um darin zu bestehen ohne Angst, einen Kyniker an den Knöchel gebunden. Dem bleibt zum Trost und als Akt des Widerstands jedoch die Dichtung:

Nicht in der Arbeitsbeschreibung
oder: Stellungnahme (mit Wut)

Die Wirklichkeit hat angerufen, sie habe genug
von den poetischen Eingriffen des Dichters in ihre
Existenz.

Die trotzige Antwort des Dichters, sie lautet:

Ich mache mich verdammt noch mal doch
nicht zum Laufburschen für die Wirklichkeit.

Wolfgang Schiffer habe ich nicht nur die Entdeckung dieses auch optisch so ansprechenden (Nicht-) Gedichtbandes zu verdanken – der mir in der Versponnenheit seiner Texte auch persönlich einfach sehr zusagt – , sondern auch die des „Elif Verlages“, der das Buch herausbrachte. Im aktuellen Verlagsprogramm ist nochmals ein zweisprachiger Gedichtband zu finden, der eine Empfehlung wert ist: „Vielleicht lautlos“ von Gonca Özmen. Sinnlich, leidenschaftlich, bildreich, kraftvoll:

„Es war dein Mund,
er nahm ungeborene Verse und ließ sie liegen.“

Ragnar Helgi Ólafsson
Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können
Aus dem Isländischen übertragen von Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer
Elif Verlag, 2017
ISBN: 978-3-946989-02-8


Unspektakulär kommen sie daher, unaufgeregt und irgendwie auch „schwäbisch“-bedächtig, die „Mitbringsel“ von Walle Sayer. „Mitbringsel“, das sind kleine Betrachtungen über das Leben auf dem Lande, zu einer Kindheit und Jugendjahren in einem überschaubaren Raum, das sind Miniaturen von Land und Leuten – mal universell, mal ganz exakt verortet wie der Anblick einer Frauengruppe im Heimatmuseum oder des Platzwartes auf dem Fußballplatz. Das alles ist konkret und doch übertragbar: Augenblicke, die im alltäglichen, im normalen Leben stattfinden, hier und anderswo. Mich spricht diese Ruhe an, diese Genauigkeit des Beobachtens, die Liebe zum Detail. Und natürlich ist es für mich herkunftsbedingt besonders schön, in einigen Zeilen Dialektwörter vorzufinden, „Bäbbigsüßes“ und „schleckig“ beispielsweise.

Das ist poetisch, ruhig und manches Mal voll hintersinnigem Witz:

Kleine Aufrechnung (Auszug)

Seine Schnäpschen, ihre Schnäppchen.
Ihr Beleidigttun, seine Ehrenkäsigkeit.
Seine Kegelbrüder, ihre Betschwestern.
Ihr umsomehrer, sein nichtsdestotrotz.

Der Beschäftigungstherapeut verordnet Nichtstun (Auszug)

Also wiegt man
Schneeflocken ab,
schöpft Wasser mit dem Sieb,
entrümpelt eine ausgeräumte Wohnung (…)

Als „Mitbringsel“ bezeichnete auch die Jury zum Gerlinger Lyrikpreis Sayers Gedichte:

„unscheinbare Dinge, unspektakuläre Ereignisse und gemeinhin Übersehenes bringt er uns vor Augen, zeichnet alltägliche Details mit knappen, präzisen Strichen. Wenige Zeilen genügen dem Meister der kleinen Form für seine lyrischen Feinarbeiten, die etwa ein Kerngehäuse sezieren und in eine Streichholzschachtel passen.“

Jurymitglied und Lyrikkenner Michael Braun charakterisiert den Dichter und sein Werk treffend:

“Mit ganz wenigen Strichen kann er ein ganzes Weltgebäude skizzieren. Und dabei bewahrt er sich die zentrale Eigenschaft, die für das Schreiben von Gedichten unerlässlich ist: die Fähigkeit zum Staunen, jenen innigen Blick auf die Dinge, der unser Alltagsuniversum so ausleuchtet, als sähe man all diese Gegenstände zum ersten Mal.”

Walle Sayer
Mitbringsel
Verlag Klöpfer, Narr / 2019
ISBN 978-3-7496-1011-2


was uns möglicherweise eint im
nirgendland sind wir eher daheim als
in festgestelltem c`est une façon de
chercher

Auszug aus: „refuge/bild dir nichts ein“

Es sind die Momente, bevor der Vorhang hochgeht, das Herzklopfen, das Lampenfieber, die Nervosität vor dem Auftritt. Und da die innere Stimme, die leise flüstert: „Nimm dich nicht zu wichtig. Bild dir nichts ein.“ Es schimmert immer wieder durch in diesen „Pariser Skizzen“, diese Fragilität des weiblichen Selbstbewusstseins, das sich behaupten muss gegen die Glaubenssätze, die frau mitgegeben werden, schon von Kindheit an, die sie aber auch annimmt, um sie dann doch mit einer Mischung aus Stolz, aus Selbstentfaltung und Selbstgestaltung zu überwinden. Das zögernde Kind, die junge Künstlerin, die sich im ersten Zyklus dieses wunderschönen Gedichtbands, nicht einmal selbst zugesteht, eine zu sein – der aussagekräftige Titel: „an eine junge künstlerin (die ich nie war)“ – sie lässt die Selbstzweifel allmählich vorwärts tastend hinter sich, gelangt zu ihrer eigenen „façon“:

„(…) denken sie
immer daran was sich auch
tun tun sie es mit
einer krone aus
glas und mine
de rien“

Scheinbar beiläufig werden die „Gesetze der Wahrscheinlichkeit“, so der Titel des letzten Zyklus in „Pariser Skizzen. Je te flingue“ unterlaufen. Das pantherhafte Drehen im allerkleinsten Kreise wird überwunden. Das tragische Ende der „Azur in nuce“ ist nicht ihres. Beides zeigt auch, wie elegant Ulrike Schrimpf viele feine Bezüge zur titelgebenden Stadt einzuflechten vermag, wie sie mit müheloser Geste auf poetische Vorläufer*innen referiert. Doch nicht nur diese Zwiegespräche mit Rilke, Unica Zürn und anderen sind es, die das lyrische Ich dieses Bandes in seinem Weg bestärken, begleiten, befördern – es ist vor allem die Zwiesprache mit einer anderen Dichterin, die auch – und in diesem Gedichtband vor allem – als bildende Künstlerin tätig ist. Jedes der Gedichte Ulrike Schrimpfs korrespondiert mit einem Bild von Johanna Hansen. Und man sieht es deutlich beim abschließenden Doppelportrait: Da haben sich zwei Künstlerinnenseelen gefunden.

„Da haben sich zwei getroffen, die gern schonungslos ablichten zu shootings – im Sinne von Fotos, aber auch mit dem Messer oder Revolver – oder Lippenstift als Waffe. Sie sehen sich in ihrer Weiblichkeit nicht als Objekte, nicht als targets, sondern zielen selber hin“, so Kristian Kühn im Vorwort zu diesem Band.

Kristian Kühn von den „Signaturen“ brachte die beiden zusammen, als „Ulrike Schrimpf Bilder suchte, um ihr inneres Drängen mit konkret vorhandenen Bildern in ein formales Verhältnis zu bringen.“ Ausschlaggebend war für Kühn das „latent Überfließende“, das er im Werk beider Frauen wahrnahm. Was er nicht ahnte, war, dass beide Frauen diesen engen Paris-Bezug hatten: Johanna Hansen hatte ihre Pariser Skizzen während ihrer Zeit im Gastatelier der Cité Internationales des Arts in Paris erstellt, Ulrike Schrimpf die Stadt über ihre Familie und in ihrer Zeit als Studentin intensiv kennengelernt. Und so spielt auch die Stadt Paris in diesem Buch naturgemäß eine zentrale Rolle, neben dem lyrischen weiblichen Ich eigentlich wie ein eigenständiges Wesen, mal hell-leuchtend, dann wieder voller Abgründe. Eine wuchernde Pflanze, ein Moloch, wie er in der expressionistischen Lyrik als Topos erstand, in eindrucksvollen Bildern geschildert:

tu n`es pas venu zu einem
unterbrochenen klang der nun ihr
gehört wächst eine krautige
schlingpflanze im Jardin manche
enden um einen stuhl gewickelt“

Schlingpflanzen gleich ziehen Ulrike Schrimpfs Poeme mit ihren ausdrucksstarken Bildern beim Lesen förmlich in die Gedichte mit hinein, die überraschenden Wendungen, das Spiel mit den Polen, das Gefangensein in und entlassen werden aus diesen Gedichten ist ein sinnliches Erlebnis, das in den ebenso konkreten wie dennoch rätelshaften Bildern von Johanna Hansen seine Fortsetzung findet.

Johanna Hansen, Ulrike Schrimpf
Pariser Skizzen / je te flingue
Edition Melos, Wien, 2021
ISBN 978-3-9519842-8-5


Verrat, Schmerz, nagelreiche Stellen
über mich, wenn ich Korrektur lese,
kann es sein, dass ich einen Druckfehler mache –
eine kleine Lüge,
Hauptsache, man glaubt mir den Text!

Schreiben, das ist ein ewiges Ringen um das richtige Wort, die Suche nach dem wahrhaften Ausdruck. Selten ist mir das so bewusst geworden wie bei der Lektüre der Gedichte von Lia Sturua. Da spricht eine Stimme zu uns, mal rau, spröde, mal wild, mal zärtlich und liebevoll, aber auch melancholisch und beinahe verbittert. Ihre Gedichte treffen mitten ins Herz und bewegen das Hirn: Dem oftmals nüchternen, der Realität verhafteten Beginn folgen surreale Bilder, überraschende Gedankenvolten, die beim Lesen Einhalt gebieten, zum Nachdenken bringen, enträtselt werden wollen. Da ist eine, die auf der Suche ist nach den Bildern, die den Windungen ihrer Gedankengänge entsprechen – das ist beeindruckend, das ist manches Mal auch verstörend, aber vor allem ist es überragend schön.

Es ist, als lege die georgische Schriftstellerin mit ihren Gedichten eine Kartografie der Gefühle an im Widerstreit mit dem, was ihr der Verstand eingibt – die Vielfalt der Gedanken, erfasst in einem „Enzephalogramm“. Mit diesem nüchternen medizinischen Begriff ist der erste Gedichtband mit Übertragungen ihrer Lyrik ins Deutsche der nunmehr 80-jährigen Autorin betitelt. Dass wir ihren Hirnströmen folgen dürfen, ist der Übersetzung von Nana Tchigladze und der Nachdichtung durch den Verleger Stefan Monhardt zu verdanken – sie machen uns eine ganz besondere Stimme der georgischen Literatur zugänglich.

„Enzephalogramm“ umfasst vor allem Gedichte aus den beiden letzten Bänden, die die Lyrikerin in Georgien veröffentlichte: Zeilen einer älter werdenden Frau, die von Einsamkeit und Vergänglichkeit sprechen, von Verlusten, vergangenen Lieben, nie geborenen Kindern. Lia Sturua beschönigt dabei nichts, zieht ganz nüchtern Bilanz, die Bilanz eines langen Lebens:

(…) wie damals, als ich noch zur Begeisterung fähig war –
zu kräftiger Begeisterung; Hymne, Kapelle,
Symphonieorchester!
Für eine Glühbirne und den in die Tür eingeklemmten
gelblichen Streif genügt auch Kammermusik,
mezza voce, die leise Freude,
dass jemand zu Hause ist, und wenn keiner,
der entsprechende Gram, eine Salonform der Verzweiflung,
die mit knirschenden Zähnen auf mich wartet
als das Wirklichste, das es heute noch gibt.

Die große Dame der georgischen Lyrik – ihre erste Gedichtsammlung veröffentlichte die Philologin bereits 1965, es folgten weitere Lyrikbände, Essays und ein Roman – wirft dabei in ihren Gedichten einen unerbittlich klaren Blick auf sich, aber auch auf die Außenwelt.

(…) Manchmal gewöhnt man sich an einen Menschen
wie an ein Ding oder an das Brot,
an die Alltäglichkeit,
manchmal entdeckt man es und läuft weg (…)

Die Gleichsetzung von Menschen und Dingen, sie gehört zum poetischen Kosmos der Lia Sturua, die so nüchtern über die Angelegenheiten des Körpers einer (älterwerdenden) Frau spricht, zugleich aber einen „letzten Gedanken“ der „Beseeltheit eines Stuhls“ widmet.

Ihre Zeilen stehen da, als müsse sie sich immer wieder auch ihrer selbst versichern: Als Frau, als Liebende, als Schreibende – die Rolle der Dichter greift sie immer wieder auf, ironisch in der Außenbetrachtung, durchaus auch bissig wie in dem Poem „Nach Motiven von Platon“ oder in „Wer bist du jetzt?“:

Dichter, süß wie Zuckerwatte,
oder unreife Diebe,
dass noch die Luft davon Zahnschmerzen bekommt?

Allen Zeilen haftet diese unmittelbare, zumindest mich sehr tief berührende Wahrhaftigkeit an – denn; „ (…) ein Enzephalogramm kann nicht lügen“. Ein Jahr nach dem Gastland-Auftritt Georgiens gibt es aus der Literatur dieses Landes immer noch so viel zu entdecken – Lia Sturua ist dabei ein ganz besonderer Schatz!

Hervorzuheben ist auch die handwerklich liebevolle Gestaltung des Bandes, der in einer nummerierten Auflage erschienen ist. Für Liebhaber der georgischen Schrift sind alle Gedichte im Original der deutschen Übertragung gegenübergestellt.

Lia Sturua
„Enzephalogramm“
Edition Monhardt, 2018
ISBN 978-3-328-9817789-4-6


Der Blick streift in die Weite
Und hält solch ein Bild: ein Traum, Geborgenheit.
Die Wiesen liegen halb im Nebelreiche
Und atmen innig die Verlorenheit.

Wer diesen kleinen, liebevoll gestalteten Gedichtband zur Hand nimmt, der wird sich, wenn angesprochen, schon nach wenigen Zeilen fühlen, als spräche da eine alte Stimme aus der Vergangenheit zu ihm. Dabei ist der Dichter ein noch junger Mann, doch geschult an Hölderlin, Novalis, Goethe.

Und so ist diese Lyrik im besten Sinne „altmodisch“, erinnert mit ihren rätselschönen Bildern und den Anklängen an klassische Formen (dem Pflaumenbaum ist gar ein Sonett gewidmet) an die große Schule romantischer Dichtkunst. Und doch ist diese Sprache auch ganz gegenwärtig, zeigt Seelen- und Gefühlszustände und wirft Fragen auf, die immermenschlich sind:

Wir sind im tiefen Wesen unergründlich
Begegnen uns in der Unendlichkeit
Erfinden uns und sind doch unerfindlich
Und Träumen meint uns Möglichkeit.

Wer mitträumen möchte: Der Band erschien in der edition tas:ir (tas ir heißt im Lettischen „es ist“ oder „so ist es“), eine Edition für junge Lyrik, herausgegeben von Andres Miklaw, im Mirabilis Verlag.

Marius Tölzer
Ein rätselschönes Schweigen
Mirabilis Verlag, 2018
ISBN 978-3- 9818484-5-8


Wir…

„… sind unterwegs wie schaum an der küste
wie rauchige schlieren im ätherblau immer
allein das ist das ganze geheimnis nicht wahr?“

Auszug aus „schaum“

Immer allein, und manchmal doch zu zweit, zu mehreren, das eigene Angesicht im Spiegel der anderen, manchmal in der Selbstbetrachtung („spieglein spieglein  das rot gelackte eineurolächeln“), so tastet sich hier eine lyrische Stimme durch „reste von landschaft“.

Der Titel dieses Gedichtbandes, „reste von landschaft“, deutet auf das Fragmentarische, Abtastende hin, das diesen Zyklus aus insgesamt zwölf Gedichten prägt. Sechs Schritte bzw. Gedichte vor, sechs Schritt-Gedichte zurück – der Band kann ebenso vor- wie rückwärts gelesen werden, eine Metapher für das Leben vielleicht, das uns immer wieder diesen zwei-Schritte-vorwärts-und-einen-zurück-Takt dirigiert.

Das Fragmentarische, das Veränderliche, das was bleibt und das, was verloren geht, Wachstum und Verluste, sie bilden diese „reste von landschaft“. Nicht von ungefähr findet sich bereits im ersten Gedicht ein Hinweis auf Ovids Metamorphosen:

unlesbare fährten im frischgefalllenen nulli: nulli sua forma
manebat

Aber wenn nichts in seiner Form bleibt, wenn alles Veränderung ist, was ist dann die Substanz, wo bleibt der Kern? Das beinahe Chamäleon-artige lyrische Ich mit seinen „drei leben“ führt uns augenzwinkernd in die „wunderkammern“:

„Sind wir nicht Fetzen Fehlfunde nach Häutungen hin geblätterte
schlampig genähte so Wechselbalgstücke pathetisch geblähte Sind wir
nicht abgetakelte Wüstenwarane Zirkusvieh lautlos brennende Tiger
springen in Zauberers schwarzen Zylinder Apokalypse jetzt Sind wir“

Jetzt sind wir! Die Energie, die Kraft, die in dieser Aussage steckt, sie ist in allen diesen zwölf Gedichten zu spüren, auch in den düstern getönten Zeilen. Eine Eigenschaft der Sprache, die bereits Olga Martynova und Beate Tröger in ihrer Laudatio auf Pega Mund, die 2019 mit dem 2. Platz beim Gertrud Kolmar Preis ausgezeichnet wurde, heraushoben:

„Wodurch machen die Gedichte von Pega Mund gleich auf sich aufmerksam? Die einfachste und für mich die wichtigste Antwort: Sie haben poetische Substanz. Das ist eine schwer (wenn überhaupt) definierbare Eigenschaft, die alles entscheidet. Wenn sie fehlt, dann ist es egal, ob die Texte klug, witzig, aktuell, arrangiert, einfühlsam, kühl, leidenschaftlich oder was auch immer sind. Ohne diese Substanz bleiben sie nur leere Worte. Die Gedichte von Pega Mund haben diese Ladung, diese Energie, weshalb es interessant und spannend ist, sie näher zu betrachten.“

Nicht von ungefähr ist der schmale, aber gehaltvolle Band mit dem Untertitel „Eine Begehung“ versehen – eine Wanderung durch Stadt-Landschaften, durch Land-Landschaften, durch Seelenlandschaften. Beinahe atemlos folgt man dem lyrischen Ich auf seinen Pfaden, ein Weg, der spannend ist, der manchmal auch ängstlich macht, vor allem aber durch die spürbare Lust am Spiel mit der Sprache viel Freude bereitet.

„reste von landschaft“ ist die erste Einzelpublikation der Autorin, die seit 2014 ihre Gedichte unter anderem in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. Zudem betreibt Pega Mund einen Blog: https://driftout.wordpress.com/

Pega Mund
Reste von Landschaft
Black Ink Lyrik, 2021
28 Seiten geheftet, 8,00 Euro
ISBN: 978-3-930654-43-7