MeinKlassiker (40): Nick Hillmann und seine wunderbare Reise durch Schweden

Ist es nicht wunderbar, wenn man einen Wunsch äußert und prompt wird er nicht nur vernommen, sondern sogar auf ganz besondere Art und Weise erfüllt? So ging es mir nun mit meiner Reihe „Mein Klassiker“. Ich äußerte bei Instagram mein Bedauern darüber, dass auch in dieser Reihe Schriftstellerinnen unterrepräsentiert sind, dass insbesondere noch keine Nobelpreisträgerin für Literatur vorgestellt wird. Mein Wunsch fand Gehör: Nick Hillmann stellt nun in seinem Gastbeitrag Selma Lagerlöf und „Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden“ vor.

Nick Hillmann bloggt seit 2016 bei „Findos Bücher“. Ein Blog, der durch seine außergewöhnliche Auswahl besticht: Abseits des Mainstreams widmet sich Nick vor allem Sachbüchern zu geschichtlichen, politischen oder gesellschaftlichen Themen, stellt immer wieder aber auch Klassiker der Literatur vor und zeitgenössische Romane, abseits der Bestsellerlisten.


Ein Gastbeitrag von Nick Hillmann

Sprache und Ansichten sind einem steten Wandel unterworfen und damit auch die Literatur, die nicht nur dies als Gerüstzeug braucht und so verselbstständigt sich auch das eine oder andere Werk, fällt dem Vergessen anheim oder wird, ursprünglich zu anderen Zwecken bestimmt, in den Olymp der Klassiker erhoben. Beinahe unangreifbar auf der Spitze eines Berges, dessen Fundament aus vielen anderen Werken besteht, die zumindest zeitweilig sehr überschaubar beachtet wurden. Mit dem Unterschied nur, dass diese eben nicht aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen wurden und nun ein Eigenleben führen.

Nicht von der Spitze eines Berges herab, viel dynamischer, lebendiger aus der Perspektive vom Rücken der Vögel, ein Gänserich ist es hier, beobachtet ein auf Wichtelgröße geschrumpfter Vierzehnjähriger Landschaften, Orte, Menschen, lernt nicht nur diese, sondern auch sich selbst kennen. „Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden“ von Selma Lagerlöf ist dieser Roman, der ursprünglich zu einem anderen Zweck geschrieben wurde, sich jedoch schnell verselbstständigt hat, gleichsam unabhängig wie die Vögel, auf deren Rücken der Junge dem elterlichen Hof entflieht, auf dem sich all die Tiere für die ihnen auferlegten Untaten rächen wollen, die sie vor Umkehrung der Verhältnisse erleiden mussten.

Vom Wichtel klein geschrumpft, lernt Nils sich im Laufe der Zeit selbst kennen und ändert sich auch, nach allerhand Abenteuern, die aufeinandergereiht wie eine Perlenkette am Ende der Geschichte wirken, wie die Provinzen des Königreichs Schwedens, die der Junge am Ende durchquert hat. Erst danach ist er bereit, wieder in der Größengestalt eines Menschen aufzutreten. Die Metamorphosen zuvor erscheinen notwendig.

Eine Nils Holgersson-Skulptur im norwegischen Stavanger. Bild von Fabian Holtappels auf Pixabay

Nur so viel zum Inhalt, der durch allerhand Adaptionen bekannt sein dürfte, ohne zu viel jenen zu verraten, die dieses empfehlenswerte Stück Weltliteratur noch lesen möchten. Es sei ihnen wärmstens empfohlen, dies zu tun und sich zugleich auch mit der Werksgeschichte auseinanderzusetzen, die genau so interessant, so vielschichtig ist, wie der eigentliche Roman selbst. Teil einer neuen Schulliteratur für Schulkinder sollte dieser sein. Als solchen gab der Verband schwedischer Volksschullehrer Selma Lagerlöf den Auftrag, die einen Band über Land und Leute erstellen sollte.

Schon damals modern in der Form

Die Frau, die nur ein paar Jahre später den Literaturnobelpreis (als erste weibliche Autorin) erhalten sollte, nahm an und schuf ein Werk, welches zwischen den Genres gleitet und dem das Moderne dieser Form bis heute nicht abhandenkommen sollte. Natürlich, der kleine Hauptprotagonist, der einem schnell, trotz seines zumindest anfangs schwierigen Charakters, ans Herz wächst, lernt zahlreiche Orte und Provinzen Schwedens kennen, welches sich damals, wie viele andere Länder Europas im Fortschrittsglauben an der Schwelle zur Moderne befand. Auch Sitten und Gebräuche, detaillierte Landschaftsbeschreibungen hat Lagerlöf eingewoben, in einer Sprache, zu der man auch heute noch gut Zugang finden dürfte, für damalige Verhältnisse sicher umso wirkungsvoller.

Moralvorstellungen und Ethik werden nicht mit erhobenem Zeigefinger den jungen Lesenden aufgebürdet. Vieles nimmt man lesend so ganz nebenbei mit. Eine Qualität, von der sich manches Lehrbuch auch heute noch eine Scheibe abschneiden könnte. Eingebunden in einer Coming of Age-Geschichte, einem Gesellschaftsroman für Jugendliche, manchmal gar in Ansätzen mit Krimielementen versehen, wenn sich Nils einmal mehr finsteren Gestalten erwehren muss, entfaltet der Roman eine Sogwirkung, die damals wie heute funktioniert.

Selma Lagerlöf sammelte für dieses Wunderwerk, welchem aufgrund dieser Vielfalt einem Platz unter den Klassikern gebührt, jahrelang Material, musste schließlich mehrfach kürzen und überarbeiten, so dass im Mutterland Nils Holgerssons schließlich verschiedene Versionen kursierten, die eher dem Anspruch gerecht wurden, wie vorgesehen in einem Schuljahr untergebracht werden zu können als die Urfassung selbst. Es sind die überarbeiteten Versionen, die den Weg zu uns in ihren Übersetzungen fanden. Mal fehlen einzelne Abschnitte, Szenen, ganze Figuren oder gar Landschaftsbeschreibungen.

Lange Zeit nur verkürzte Versionen

Dass der Roman dennoch auch hier als Klassiker gilt, spricht für die Autorin. Man kann es drehen und wenden, wie man möchte. Die Geschichte, liebevoll erzählt, funktioniert, solange die jeweilige Version auch nur entfernt deren ursprünglichen Geist trägt. Übertragen gilt das sogar für einige sehr schlechte Verfilmungen des Stoffes. Man denke dabei an die wirklich schlimme Verhunzung durch das deutsche Fernsehen im Jahr 2011.

Seit 2015 können wir jedoch auf eine wirklich vollständige Übertragung des Textes ins deutsche zurückgreifen. Der Übersetzer und Autor Thomas Steinfeld hat sich hier verdient gemacht. Zusammen mit den liebevollen Zeichnungen von Bertil Lybeck aus dem Original können wir seit dem lesen, was ursprünglich schwedischen Schulkindern dazu dienen sollte, Land und Leute näher zu bringen und schon damals so viel mehr vermochte.

Natürlich ist es auch ein Reiseroman, ein Abenteuerroman, die Zustandsbeschreibung eines Landes, ein buntes Puzzle, ein Bild, welches man von allen Seiten betrachten kann. Lesende finden alle für sich Facetten, richten ihr Augenmerk auf jeweils andere Dinge und ziehen Gewinn aus der Lektüre. Das hat bei „Nils Holgerssons wunderbare Reise mit den Wildgänsen durch Schweden“ damals funktioniert. Und eben auch heute. Bleibt die Vielschichtigkeit über einen längeren Zeitraum wie in diesem Beispiel erhalten, ist ein Werk unbedingt berechtigt, bei den Klassikern sich einzureihen und dort zu verweilen.


Bibliographische Angaben:

Selma Lagerlöf
Nils Holgerssons wundersame Reise durch Schweden
Seiten: 704
In der Übersetzung von Thomas Steinfeld, 2015
Mit den Zeichnungen von Bertil Lybeck
Erschienen in der Reihe: Die andere Bibliothek
ISBN: 978-3-8477-1359-3

Nick Hillmann
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