
Zwischen humorvoller Alltagsbeobachtung und bitterer Gesellschaftskritik: Kaum ein Autor verstand es so gut, den Zeitgeist einzufangen, wie Kurt Tucholsky. Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser veröffentlichte er 1931 in der Weltbühne ein Porträt, das so universell ist, dass es Epochen überdauert. Kurt Tucholskys „Der Mensch“ ist keine bloße Abrechnung, sondern eine humorvoll-gebissene Analyse unserer Spezies. Der historische Originaltext zeigt: Das ist ein Stück Weltliteratur, das aktueller ist als je zuvor.
Die Krise der Weimarer Republik
Als die Glosse am 16. Juni 1931 in der renommierten Wochenschrift Die Weltbühne erschien, befand sich Deutschland im freien Fall. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 hatte zu Massenarbeitslosigkeit und bitterer Armut geführt. Die politische Landschaft war extrem polarisiert: Auf den Straßen herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Tucholsky, der die Zerbrechlichkeit der ersten deutschen Demokratie hellsichtig erkannte, war zutiefst desillusioniert von der Ignoranz und dem Opportunismus des deutschen Bürgertums.
Warum das Pseudonym „Kaspar Hauser“?
Tucholsky schrieb den Text unter dem Namen Kaspar Hauser. Er nutzte insgesamt vier Pseudonyme (Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser), da er oft mehrere Artikel pro Ausgabe der Weltbühne verfasste. Kaspar Hauser stand als Pseudonym für den erstaunten Beobachter des Geschehens von außen.
Abrechnung mit dem Militarismus seiner Zeit
Als überzeugter Pazifist verarbeitete Tucholsky hier die Traumata des Ersten Weltkriegs. Nur wenige Wochen später, im August 1931, veröffentlichte er in der Weltbühne seinen wohl folgenreichsten und am heftigsten umstrittenen Satz: „Soldaten sind Mörder“. Seine Satire „Der Mensch“ ist ebenfalls eine scharf formulierte Kapitalismus- und Militarismuskritik an einer Gesellschaft, die sehenden Auges in die nächste Katastrophe steuerte.
Der Mensch
Zwischen humorvoller Alltagsbeobachtung und bitterer Gesellschaftskritik: Kaum ein Autor verstand es so gut, den Zeitgeist einzufangen, wie Kurt Tucholsky. Unter dem Pseudonym Kaspar Hauser veröffentlichte er 1931 in der Weltbühne ein Porträt, das so universell ist, dass es Epochen überdauert. Kurt Tucholskys „Der Mensch“ ist keine bloße Abrechnung, sondern eine humorvoll-gebissene Analyse unserer Spezies.
Der Mensch ist ein Wirbeltier und hat eine unsterbliche Seele, sowie auch ein Vaterland, damit er nicht zu übermütig wird.
Der Mensch wird auf natürlichem Wege hergestellt, doch empfindet er dies als unnatürlich und spricht nicht gern davon. Er wird gemacht, hingegen nicht gefragt, ob er auch gemacht werden wolle.
Der Mensch ist ein nützliches Lebewesen, weil er dazu dient, durch den Soldatentod Petroleumaktien in die Höhe zu treiben, durch den Bergmannstod den Profit der Grubenherren zu erhöhen, sowie auch Kultur, Kunst und Wissenschaft.
Der Mensch hat neben dem Trieb der Fortpflanzung und dem, zu essen und zu trinken, zwei Leidenschaften: Krach zu machen und nicht zuzuhören. Man könnte den Menschen gradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört. Wenn er weise ist, tut er damit recht: denn Gescheites bekommt er nur selten zu hören. Sehr gern hören Menschen: Versprechungen, Schmeicheleien, Anerkennungen und Komplimente. Bei Schmeicheleien empfiehlt es sich, immer drei Nummern gröber zu verfahren als man es grade noch für möglich hält.
Der Mensch gönnt seiner Gattung nichts, daher hat er die Gesetze erfunden. Er darf nicht, also sollen die andern auch nicht.
Um sich auf einen Menschen zu verlassen, tut man gut, sich auf ihn zu setzen; man ist dann wenigstens für diese Zeit sicher, dass er nicht davonläuft. Manche verlassen sich auch auf den Charakter.
Der Mensch zerfällt in zwei Teile:
In einen männlichen, der nicht denken will, und in einen weiblichen, der nicht denken kann. Beide haben sogenannte Gefühle: man ruft diese am sichersten dadurch hervor, dass man gewisse Nervenpunkte des Organismus in Funktion setzt. In diesen Fällen sondern manche Menschen Lyrik ab.
Der Mensch ist ein pflanzen- und fleischfressendes Wesen; auf Nordpolfahrten frißt er hier und da auch Exemplare seiner eigenen Gattung; doch wird das durch den Faschismus wieder ausgeglichen.
Der Mensch ist ein politisches Geschöpf, das am liebsten zu Klumpen geballt sein Leben verbringt. Jeder Klumpen haßt die andern Klumpen, weil sie die andern sind, und haßt die eignen, weil sie die eignen sind. Den letzteren Haß nennt man Patriotismus.
Jeder Mensch hat eine Leber, eine Milz, eine Lunge und eine Fahne; sämtliche vier Organe sind lebenswichtig. Es soll Menschen ohne Leber, ohne Milz und mit halber Lunge geben; Menschen ohne Fahne gibt es nicht.
Schwache Fortpflanzungstätigkeit facht der Mensch gern an, und dazu hat er mancherlei Mittel: den Stierkampf, das Verbrechen, den Sport und die Gerichtspflege.
Menschen miteinander gibt es nicht. Es gibt nur Menschen, die herrschen, und solche, die beherrscht werden. Doch hat noch niemand sich selber beherrscht; weil der opponierende Sklave immer mächtiger ist als der regierungssüchtige Herr. Jeder Mensch ist sich selber unterlegen.
Wenn der Mensch fühlt, dass er nicht mehr hinten hoch kann, wird er fromm und weise; er verzichtet dann auf die sauern Trauben der Welt. Dieses nennt man innere Einkehr. Die verschiedenen Altersstufen des Menschen halten einander für verschiedne Rassen: Alte haben gewöhnlich vergessen, dass sie jung gewesen sind, oder sie vergessen, dass sie alt sind, und Junge begreifen nie, dass sie alt werden können.
Der Mensch möchte nicht gern sterben, weil er nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern; weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.
Im übrigen ist der Mensch ein Lebewesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen läßt. Manchmal gibt er auch Ruhe, aber dann ist er tot.
Neben den Menschen gibt es noch Sachsen und Amerikaner, aber die haben wir noch nicht gehabt und bekommen Zoologie erst in der nächsten Klasse.
Kaspar Hauser
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