Dee Brown über den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern

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Wer sich mit der Geschichte der USA auseinandersetzt, kommt an einem Werk nicht vorbei: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses (Original: Bury My Heart at Wounded Knee) von Dee Brown. Das 1970 erschienene Buch brach radikal mit dem geschönten Mythos vom Wilden Westen und gilt bis heute als eines der einflussreichsten Sachbücher über den Genozid an den amerikanischen Ureinwohnern.

Während über Jahrzehnte hinweg die Heldentaten der US-Kavallerie glorifiziert wurden, lieferte der Historiker und Schriftsteller Dee Brown eine schonungslose Chronik der systematischen Vertreibung, der gebrochenen Verträge und der grausamen Massaker an der indianischen Bevölkerung. Es ist eine tief bewegende Anklageschrift, die die Perspektive der Betroffenen in den Mittelpunkt stellt.

Wie aktuell die Debatte um die historische Aufarbeitung und den Völkermord im eigenen Land bis heute ist, zeigt ein Blick auf die bewegenden Worte des Apachen-Häuptlings Geronimo:


„Die Coyoten streifen nachts umher und rauben und töten; ich kann sie nicht sehen; ich bin nicht Gott. Ich bin nicht mehr Häuptling aller Apachen. Ich bin nicht mehr reich, ich bin nur ein armer Mann. Die Welt ist nicht immer so gewesen. (…) Ich zog in der Welt umher mit den Wolken und mit der Luft, als Gott zu meinen Gedanken sprach und mir sagte, ich solle hierherkommen und mit allen Frieden schließen. Er sagte, die Welt sei für uns alle da.“

Der Völkermord im eigenen Lande ist in den USA nach wie vor ein schwieriges Thema: Es dauerte bis 2009, bis sich eine US-Regierung bei den amerikanischen Ureinwohnern für die „Vorkommnisse“ entschuldigte. Ob es sich beim Niedergang der indianischen Stämme in Nordamerika jedoch um einen „Völkermord“ im eigentlichen Sinne handelt, darüber streiten sich bis heute die Historiker. Zu zersplittert seien die einzelnen Gruppen gewesen, ein geplantes administratives Vorgehen habe es nicht gegeben, oftmals habe es sich um regionale Konflikte gehandelt, so die Argumentation der Gegner einer Genozid-These. Die Zahlen sprechen deutlich dagegen.

Der Niedergang der indigenen Bevölkerung in Zahlen
  • Nordamerika gesamt: Rückgang von ca. 890.000 auf 270.000 Ureinwohner (bis zum Jahr 1901).
  • Kalifornien (1848): Zu Beginn des Goldrausches lebten dort noch rund 100.000 Indianer.
  • Kalifornien (1859): Nur elf Jahre später war die Zahl bereits auf 30.000 dezimiert.
  • Kalifornien (1895): Der Bestand sank weiter auf nur noch 15.000 Überlebende.

„…bis 1911 der letzte freie Indianer wie ein von weitem zugereistes Stück Wild, verstört vor Angst und Hunger, im Hof des Schlachthauses von Orville auftauchte.“

Quelle: Siegfried von Nostitz; „Die Vernichtung des roten Mannes“ (Dokumentarbericht, 1970)

Einer der ersten Publizisten und Historiker, der die Völkermord-These ins Gespräch brachte, war in den USA Dee Brown. Sein 1970 erschienenes Buch „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ ist bis heute eines der meistverkauften Sachbücher in den USA. Anlässlich seines Todes 2012 hieß es in einem Radiobeitrag:

„Acht Jahrzehnte wird Schulkindern in  den USA von der Heldentat der US-Armee am „Wounded Knee“ berichtet. Es ist der Schriftsteller Doris „Dee“ Brown, der die Bevölkerung in seinem Bestseller „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ (1970) darüber aufklärt, dass dort vor allem indianische Frauen, Kinder und Alte getötet wurden: ein Trauma bis heute.“

Zwar ist mittlerweile einiges überholt, wurden weitere Faktenquellen erschlossen, manches wohl auch umgedeutet – aber dennoch behält dieses Buch seinen Stellenwert: Noch niemand hatte zuvor so akribisch und schonungslos über die massenhafte Ermordung des indianischen Volkes, über Massaker und Verfolgungen, über die Betrügereien und Lügen, mit denen den Indianern systematisch Land und Lebensraum geraubt wurde, geschrieben. In den USA führte es zu einer Neubetrachtung der eigenen Geschichte. „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ ist eine erschütternde Anklageschrift, die den Leser nicht unberührt lässt und im besten Fall sensibilisiert im Umgang mit Menschen aller Hautfarben und Rassen.