Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes

Bücherfenster aus Naumburg (Saale)

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes

Dieses Buch begleitet mich seit Wochen. Ich habe es mir zur Angewohnheit gemacht, jeden Tag, in einer Art Morgenmeditation, zunächst eine dieser rund siebzig Miniaturen zu lesen. Eine Reise um die Welt, bevor die Welt erwacht, eine Reise zu mehr oder weniger fernen Ländern. Jede Geschichte für sich eine Perle, ein Schatz. Ransmayr ist ein Reisender mit einem genauen Blick – nicht von ungefähr beginnt jede Geschichte mit den Worten „Ich sah…“.

Sein Blick richtet sich jedoch nicht allein auf die Beschaffenheit der abgelegensten Winkel der Welt, sondern er erzählt von Begegnungen mit und Beobachtungen von Menschen. Warum dieses kleine Meisterwerk „Atlas eines ängstlichen Mannes“ heißt, erschließt sich mir eigentlich nur, wenn ich selbst verquer um die Ecke denke: Denn auch in Ländern, die von Armut gebeutelt sind, von Krisen und Katastrophen gezeichnet, von Kriegen zerstört, beobachtet Ransmayr Gesten von großer Menschlichkeit, erlebt Beispiele des Zusammenhalts. Vielleicht ist es seine Angst, dass dies in unserer heutigen Zeit, dem Zeitalter der digitalen Einsamkeit, die auch die abgelegensten Winkel erreicht, langsam verschwindet, diese Fähigkeit zur Empathie…

Wer weiß. Aber für mich haben diese Morgenmediations-Geschichten etwas Tröstliches. Und nehmen mich allmorgendlich auf eine poetische Reise um die Welt mit.

Eine begeisterte, ausführliche Besprechung findet sich bei literaturkritik.de