Romane mit bissigem Blick auf die konservative Mittelschicht in den Vorstädten, mit melancholischer Betrachtung der Liebe und realistischer Auseinandersetzung mit dem Rassimus in den USA.
Inhaltsverzeichnis:
- John Cheever: Die Lichter von Bullett Park (1969)
- John Cheever: Ach, dieses Paradies (1981)
- William Melvin Kelly: Ein anderer Takt (1962)
- John Kennedy Toole: Die Verschwörung der Idioten (1980)
- Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes (1973)
- Wallace Stegner: Zeit der Geborgenheit (1987)
- Edward Lewis Wallant: Der Pfandleiher (1961)
- John Williams: Stoner (1965)
- Sloan Wilson: Der Mann im grauen Flanell (1955)

John Cheever, der Tschechow der amerikanischen Vorstadt
Die Lichter von Bullet Park (1969)
Eines der giftigsten, bösesten Bücher über die Tristesse im Leben amerikanischer Vorstadt-Paare stammt von John Cheever: „Die Lichter von Bullet Park“, 1969 erschienen. Was in dieser fiktiven, aber wirklichkeitsnahen Vorhölle von denen, die sich hier ansiedeln wollen, erwartet wird, das wird schon beim Hausverkaufsgespräch ganz klar.
Cheever, der auch mal gerne als „Tschechow Amerikas“ oder „Chechov of Suburbia“ bezeichnet wird, erzählt hier mit einem gnadenlosen Blick auf die Mittelschicht. Nichts ist und bleibt dabei so „herrlich, herrlich, herrlich, herrlich wie früher“, um den allerletzten, bösen Satz dieses Buches zu zitieren.
Im Roman wird der Blick auf zwei Familien geworfen: Zunächst steht der unauffällige Marketingangestellte Nailles im Fokus. Die blendende Fassade kann er jedoch nur noch mit Medikamenten aufrechterhalten. Eliot Nailles trifft auf seinen neuen Nachbarn Paul Hammer, dem der zweite Teil des Buches gewidmet ist. Ein Alkoholiker, der mit dem psychopathischen Plan, Nailles zu töten, nach Bullet Park gezogen ist. Die Verbindung der beiden Männer, die selber nur Opfer dieser Hölle der Vorgärten sind, erschließt sich erst im Laufe des Buchs. Doch eines wird schnell klar: In diesem Biotop bigotter, judenfeindlicher, schwulenhassender Vorstadtscheinheiliger braucht man so oder so alle Geisteskräfte, um nicht den Verstand zu verlieren.
Ach, dieses Paradies (1981)
„Wenn er im Kino sah, wie sich ein Mann und eine Frau leidenschaftlich küssten, fragte er sich stets, ob das ein Land war, dass er schon am nächsten oder übernächsten Tag verlassen musste.“
Den letzten Roman des 1982 verstorbenen US-Amerikaners als ökologisches Lehrstück zu beschreiben, wie es auch schon geschehen ist, greift viel zu kurz. Sicher, vordergründig ist dies der Plot. Lemuel Sears, ein alternder Geschäftsmann, zieht seine Kreise auf Kufen über den vereisten Lake Beasley seiner Kindheit. Kurz darauf wird der Teich zur Mülldeponie erklärt, ein Kampf um den Erhalt Arkadiens beginnt.
Dieser wenige Zeit vor Cheevers Tod veröffentlichte Kurz-Roman (Cheever, der zunächst durch seine Erzählungen berühmt und mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, bestand auf die Bezeichnung „Roman“) ist jedoch mehr als eine Lang-Erzählung über die Zerstörung der Natur durch den Menschen. Die Vermüllung der Kindheit – das ist eine Metapher, ein Sinnbild für die andauernde Suche des Menschen nach dem Paradies. Auf dem Weg dorthin macht das Tier auf zwei Beinen sich und den anderen solange das Leben perfekt zur Hölle. Und vor allem ist es eine Erzählung über Verluste: Den Verlust der Unschuld, der Reinheit, der Kindheit, der Liebe, des Verlangens. Erzählt wird der vergebliche Kampf gegen das Altern, das Verschwinden der Schönheit, der Kampf gegen die kindlich-menschliche Urangst vor der Vertreibung aus dem Paradies.
Auf der Höhe seiner Erzählkunst
John Cheever beschreibt das Treiben seiner Protagonisten – neben Sears beinhaltet der Roman trotz seiner Kürze noch etliche bemerkenswerte Nebenstories mit ebenso bemerkenswerten Figuren – auf der Höhe seiner Erzählkunst. In seinen ersten, den Wapshot-Romanen, erzählte Cheever die Geschichten aus – von „Die Lichter in Bullet Park“ über „Falconer“ bis hin zum Paradies kann man die Perfektionierung eines Stils, der die hintersinnige Andeutung beherrscht, mit-erlesen.
Im Paradies sind die Fäden lose miteinander verknüpft, die Erzählung ist ein wunderbar leichtes Gespinst, kommentiert von einem ironisch-distanzierten Erzähler. Ein bitterschönes Stück Literatur, das Cheever mit vollendetem Understatement durch seinen Erzähler enden lässt: „…und wie ich schon zu Beginn sagte, ist dies bloß eine Geschichte, die sich vortrefflich als Bettlektüre für eine Regennacht in einem alten Haus eignet.“
William Melvin Kelley: Ein anderer Takt (1962)
„Hör zu, Harold“, sagte er und suchte nach Worten, die sogar ihm selbst eigenartig vorkamen. Er wusste nicht genau, warum er sich fühlte, wie er sich fühlte, spürte aber, dass es irgendwie richtig war, diese Gefühle zu haben und seinem Sohn davon zu erzählen. „Eines Tages, wenn du so alt bist wie ich jetzt, ist das Leben vielleicht nicht mehr so, wie es jetzt ist, und darauf musst du vorbereitet sein, verstehst du? Wenn du dann so bist wie einige meiner Freunde, wirst du mit allen möglichen Leuten nicht auskommen können. Verstehst du?“
Was der gutmütige Farmer Harry seinem Sohn da im Jahr 1957 etwas verklausuliert mitteilen will, ist seine Ahnung davon, dass die von Weißen errichteten Rassenschranken in den Südstaaten der USA nicht in alle Ewigkeit Bestand haben werden. Dass sie, auch das denkt sich Harry, verschweigt es jedoch wohlweislich vor Freunden und Nachbarn, widernatürlich sind. Und es eines Tages selbstverständlich sein wird, dass Freundschaft, Solidarität, auch Liebe keine Rassengrenzen mehr kennt.
Dass die Nachfahren der afrikanischen Sklaven jedoch Menschen zweiter Klasse sind, ohne Rechte und Ansprüche, unter sich lebend, lediglich geduldet ihrer Arbeitskraft wegen, das ist in diesen Tagen in den Südstaaten einfach Gesetz. Da geschieht in einem fiktiven Bundesstaat irgendwo im Süden der USA, den William Melvin Kelley für seinen Debütroman erfand, etwas Ungeheuerliches. Es beginnt mit der scheinbaren Wahnsinnstat des bis dahin unscheinbaren Tucker Caliban. Tucker, Nachfahre eines sagenumwobenen Sklaven (der spektakulär im Widerstand gegen seine Gefangennahme starb), probt den Aufstand auf seine Art: Er versalzt seine Felder, tötet sein Vieh, fackelt seine Hütte ab, packt seine Frau und geht. Geht ganz einfach. Und seinem Beispiel folgt, ruhig, leise, geordnet, die komplette schwarze Bevölkerung des fiktiven Staates. Einem Exodus gleich ziehen sie mit ihren Familien und dem wenigen Hab und Gut innerhalb weniger Tage fort, Richtung Norden.
Aus der Perspektive weißer Männer
In seinem raffiniert konstruierten Roman lässt William Melvin Kelley diese ungeheurere Begebenheit aus den Augen mehrerer Weißer betrachten. Nicht aus den Augen überzeugter Rassisten, diese Falle vermeidet er. Es sind die von Natur aus gutherzigen Menschen wie Harry und sein kleiner Sohn und die Aufgeklärten, wie der kommunistisch angehauchte, im Leben gescheiterte Gutsherrensohn Dewey, die aus ihrer Perspektive erzählen. Gerade durch diesen Kniff, jene zu Erzählern zu erheben, die zwischen den beiden Welten stehen, wird die alltägliche Grausamkeit des systematischen Rassismus umso deutlicher.
Dewey, der Mann mit den gescheiterten Träumen, glaubt in Tucker Caliban gar jemanden gefunden zu haben, der auch ihn befreit und kann in seinen Worten doch nicht verbergen, dass er sich insgeheim überlegen fühlt:
„Sein gestriger Akt der Entsagung war der erste Schlag gegen meine verschwendeten zwanzig Jahre – zwanzig Jahre, die ich mit Selbstmitleid vertan habe. Wer hätte gedacht, dass eine derart schlichte, primitive Tat einen so gebildeten Menschen wie mich etwas lehren kann?
Jeder, jeder kann seine Ketten abstreifen. Der nötige Mut, ganz gleich, wie tief er begraben ist, wartet nur darauf, gerufen zu werden. Es braucht nur die rechte Ermunterung, die richtige ermunternde Stimme, dann springt er hervor, brüllend wie ein Tiger.“
Weißer Mob in rasender Wut
Dass das so einfach nicht ist, das wird Dewey am eigenen Leib erfahren: Als dem weißen Mob des Städtchens bewusst wird, was es bedeutet, wenn von einem Tag auf den anderen da niemand mehr ist, der ihre Äcker pflügt, die Häuser sauber hält, die öffentlichen Gebäude pflegt, kurzum, wenn da niemand mehr ist, der das tägliche Leben in Gang hält, da schlägt die Verblüffung in rasende Wut um. Wut, die sich entladen muss – der Roman schließt mit einer grausamen Tat.
Vielleicht ist dieses Ende auch prophetisch zu interpretieren, vielleicht wollte William Melvin Kelley damit deutlich machen, dass es so einfach mit Gleichberechtigung und Emanzipation der schwarzen Bevölkerung nicht gehen wird. Dass „der weiße Mann“ immer wieder zurückschlagen wird – gerade dies macht das Buch in Zeiten der Trump-Ära bemerkenswert aktuell. Über diesen politischen Aspekt hinaus ist „Ein anderer Takt“ auch in vielerlei anderer Hinsicht eine große Empfehlung: Das Debüt eines Autoren, der es erreicht, in einem ruhigen, beinahe lakonischen Ton (wunderbar übersetzt von Dirk van Gunsteren) von einem eigentlich fantastischem Ereignis zu erzählen und dabei ganz lässig den alltäglichen, in Fleisch und Blut übergegangenen Rassismus seiner Protagonisten zu entblößen.
Ein in Vergessenheit geratener Autor
Einen eigenen Roman wert wäre das Leben und die Wiederentdeckung des Schriftstellers William Melvin Kelly (1937 – 2017). Im Grunde wollte Kelley als junger Mann Anwalt für Bürgerrechte werden, doch eine Leseschwäche, die er nie ablegen konnte, machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Im Nachwort zur deutschsprachigen Erstausgabe seines Debütromans schreibt Jessica Kelley über ihren Vater:
„Kelley, schon damals ein begabter Geschichtenerzähler, ein Talent, das er auf seine Großmutter Jessie Marin Garcia zurückführte, wechselte das Studienfach, belegte Englisch und besuchte Seminare von John Hawkes und Archibald MacLeish (…) Kelley merkte bald, dass ihm das Schreiben wichtiger als alles andere war und brach sein Studium in Harvard sechs Monate vor dem Abschluss ab. Zwei Jahre darauf, 1962, erschien sein erster Roman, A Different Drummer.“
Nach dem Mord an Malcom X. beschließt Kelley, mit seiner jungen Familie die USA zu verlassen. Erst nach Jahren wird er wieder in sein Heimatland zurückkehren. 1970 erscheint sein letzter Roman, danach veröffentlicht er zwar noch Essays und Kurzgeschichten, unterrichtet als Dozent für Kreatives Schreiben, gerät jedoch mehr und mehr in Vergessenheit im manchmal sehr kurzlebigen Literaturbetrieb.
Wiederentdeckung des Buchs bei einem Trödler
Einem Zufall ist es zu verdanken, dass sein Debütroman zunächst nach einer Neuauflage in den USA zu einer literarischen Sensation wurde und seine Romane nun wiederentdeckt werden: Die Journalistin Kathryn Schulz, deren Vorwort auch in der deutschsprachigen Ausgabe zu finden ist, stößt bei einem Trödler auf eine vergilbte Ausgabe des Buchs. Und ist sofort fasziniert von der Originalität der Geschichte und Kelleys Stil.
„Das Ende von „Ein anderer Takt“ ist pessimistisch, nicht so sehr in Bezug auf das Schicksal der Afroamerikaner als vielmehr auf das moralische Potenzial der Weißen. Und doch verdankte Kelley diesem Umstand den mächtig optimistischen Start seiner Karriere. Dies war einer der seltenen Erstlingsromane, denen zwangsläufig weitere vielversprechende Bücher folgen – und tatsächlich veröffentlichte Kelley in weniger als zehn Jahren vier weitere Romane. Doch war ich nicht die Einzige, die noch nie von ihnen gehört hatte. Nach dem furiosen Start seiner Karriere geriet Kelley schon zu Lebzeiten fast in Vergessenheit. Kein seltenes Schicksal für einen Autor. Merkwürdig an dem Kelleys ist aber, dass er heute nicht wegen der Schwächen seiner Bücher, sondern wegen ihrer unheimlichen Stärken kaum noch gelesen wird.“
John Kennedy Toole: Die Verschwörung der Idioten (1980)
„So gesehen bewahren mich allein schon die Ausmaße meiner Physis davor, wirklich in die tiefsten Niederungen unserer Zivilisation hinabzusinken.“
Es ist eine schillernde Persönlichkeit, die durch diesen Roman wabert, watschelt, walzt. Ignaz ist ein wortgewaltiges und arbeitsscheues Riesenbaby. Ein Schwergewicht an Körper und Gequatsche. Er quatscht alle nieder – bis in den Ruin. Seine Mutter ist die Best(i)e. Ein Dream-Team, das eine Spur der Zerstörung hinter sich lässt.

So saukomisch der Roman, so dramatisch die Geschichte dazu. Autor John Kennedy Toole hatte auch im echten Leben eine, wie es Alex Capus in seinem Nachwort ausdrückt, „narzisstisch gestörte Anakonda von einer Mutter“. Den Roman klopfte er in einem Wahnsinnstempo 1963 während seiner Militärzeit in die Schreibmaschine. Zielvorstellung des Autors: Berühmt werden, Geld machen, sich von Mutters Schürzenzipfel lösen. Klappte alles nicht. Zwar fand Kennedy Toole einen Verlag, der sich des Manuskriptes annahm – aber nach all den vorgeschlagenen Kürzungen wäre das Buch in seinen Augen nicht mehr dasselbe gewesen. Das Tragische daran: Straffungen hätten dem Roman, der in den Ergüssen seines Helden auch seine Längen aufweist, durchaus gut getan.
Toole setzte seinem Leben ein Ende
Doch John Kennedy Toole gab im wahrsten Sinne des Wortes auf – er sperrte das Manuskript in eine Schublade, schnappte sich einen 67er Chevrolet Chevelle und verschwand im Januar 1969 ohne ein Wort. Zwei Monate später fand man Chevrolet und Fahrer an einer Landstraße zwischen Biloxi und New Orleans – er hatte seinem Leben ein Ende gesetzt.
Die Pointe: Die anakondische Mutter fand Jahre später das Manuskript – und setzte tatsächlich dessen Erscheinen durch. Sie erreichte das, was dem von ihr deformierten Sohn nicht gelungen war. Das Buch wurde 1980 veröffentlicht, erhielt 1981 den Pulitzer-Preis und wurde zum Kult. Dies vielleicht auch bedingt durch seine dramatische Geschichte, aber ebenso sehr durch die Respekt- und Tabulosigkeit, die das Buch von Seite zu Seite zeigt. Nichts entgeht den Tiraden des Ignaz, einer vollschlankeren Version seines Schöpfers: Homosexuelle, Linke, Konservative, Rednecks, Arbeiter und Fabrikanten, Hosenschneider und Würstchenverkäufer, alle bekommen ihr Fett ab. Die Unterhaltungskraft dieses Buches liegt, trotz seiner Längen, in der subversiven Lust, mit der sämtliche politischen Korrektheiten unterminiert und in Grund und Boden gequatscht werden.
Cormac McCarthy: Ein Kind Gottes (1973)
„Ballard, ein kleines Wesen, das mit dem Gewehr in den Armen brütend dort hockte, beobachtete sie vom Bergsattel aus. Es regnete seit drei Tagen. Der Bach weit unter ihm über die Ufer getreten, die Felder überflutet, mit Winterkraut und Futtergewächsen gefleckte, stehende Wasserflächen.“
Mein Einstieg in den harten, düsteren Kosmos des Cormac McCarthy begann, wie vielleicht bei vielen anderen deutschen Lesern auch, mit einem Film: „No Country for Old Men“, natürlich geprägt durch die Handschrift der Coen-Brüder, nachhaltig in Erinnerung durch Javier Bardem in der Rolle des Killers Chigurh. Die wohl seltsamste Frisur eines Serienmörders in der Filmgeschichte. Die Frisur symbolisiert den Unterschied zwischen Film und Buch. Denn natürlich birgt der Film manche ironische Brechung, typisch für die Coens, aber atypisch für McCarthy. Dem ist es todernst mit seinen Aussagen. In dessen Büchern stößt man auf keine Ironie, keinen Witz. Was das Menschliche anbelangt, sind sie von einer harten, nackten, nüchternen Sprache. Sie eröffnen den Blick in eine grausame, menschenfeindliche Welt. Und überraschen mit einer eigenen poetischen Sprache.
Über das Kino also lernte ich diesen Autoren kennen, dessen Romane mittlerweile fast alle in deutscher Übersetzung vorliegen. Nun auch sein dritter Roman, 1974 unter dem Titel „Child of God“ herausgekommen, jetzt in der deutschen Übertragung von Nikolaus Stingl.
Ein Höhlenbewohner in den USA
„Ein Kind Gottes“. Auch Lester Ballard ist ein Kind Gottes, wenn man darunter das Menschsein an sich begreift. Auch wenn er, der schon ganz unten ist, noch weiter herabkommt, unmenschlich erscheint, Unmenschliches tut. Er ist und bleibt ein Kind Gottes, soll wohl auch bedeuten, nichts Menschliches ist uns fremd oder in der Umkehrung, dass alles mögliche, auch das Schlimmste, menschenmöglich ist.
Der schmale Roman beginnt mit der Versteigerung eines Hauses. Ballard, zuvor schon ein Einzelgänger, verliert damit wahrhaftig den Grund und Boden unter den Füßen, zieht sich immer mehr in die Einsamkeit zurück, mutiert zum Höhlenbewohner: Und das in den USA der 60erJahre. Als Ballard eines Tages ein totes Liebespaar in der Ödnis findet, scheint es, als verabschiede er sich dadurch gänzlich aus der menschlichen Gemeinschaft. Der Außenseiter nimmt die weibliche Leiche mit, staffiert sie aus, sie wird, auf Zeit, zu seiner Lebensgefährtin. Eine Metapher für die grenzenlose Einsamkeit dieses Mannes und für seine Unfähigkeit zur Mitteilung, zur Kommunikation, zur Anpassung. Ein tödlicher Kreislauf nimmt mit dieser ersten Leiche seinen Anfang.
Alttestamentarische Grausamkeit
Es braucht starke Nerven, um dieses Buch zu lesen, das so offensichtlich nüchtern, fast schon empathielos von menschlicher Grausamkeit erzählt. Dennoch ist das kein Trash, keine Splatterliteratur. Die Bücher von McCarthy bergen etwas Alttestamentarisches in sich. Man werfe einen Blick in die Bibel und stößt auf eine ganze Bandbreite von Gewalttaten. „Ein Kind Gottes“ muss nicht nach Verantwortung und Schuld fragen, das erklärt sich aus dem Buch selbst. Wie aus den anderen Romanen McCarthys auch: Die Veranlagung zur Gewalt, zum Bösen, zum Dunklen liegt in jedem Menschen begraben.
„Die Hunde querten als dünne, dunkle Linie den Schnee auf dem Hang des Höhenrückens. Weit unter ihnen lief der Eber, den sie verfolgten, mit seinem merkwürdig steifbeinigen Schritt dahin, hochrückig und tiefschwarz vor der Winterlandschaft. Das Geläute der Hunde hallte in dieser riesigen fahlblauen Leere wider wie die Rufe dämonischer Jodler.“
„Schuld“ allerdings liegt nicht nur im Handeln des Einzelnen, zudem ist der „Held“ des Romans intellektuell und moralisch kaum auf der Höhe, seine Handlungen zu bewerten und zu ermessen. „Schuld“, das zeigt auch dieses Buch des Amerikaners, ist ebenso sehr eine Gesellschaft, die erntet, was sie aussät. Es gibt kaum eine zynischere Bezeichnung für Menschen, die außerhalb der gesellschaftlichen Normen stehen bzw. die aus den Rastern der Leistungsgesellschaft gefallen sind, als die vom „white trash“, „weißer Müll“ – als seien sie, die Ausgestoßenen, keine Kinder Gottes mehr.
In der Einsamkeit des amerikanischen Westens
Wenn auch seine Romane – so die Border Trilogie – oft in der Einsamkeit des amerikanischen Westens spielen und aus der Zeit herausgefallen wirken: Cormac McCarthy autopsiert den Zustand einer niedergehenden Gesellschaft. Dazu passen die Bilder von Seph Lawless, die beim Bloggerkollegen Gerhard Emmer zu sehen sind, auch wenn sie ein anderes Phänomen amerikanischen Niedergangs zeigen.
Cormac McCarthys Welt – manchmal beinahe unerträglich gnadenlos, unerbittlich, von klirrender Kälte, aber auch von großer Schönheit in der Sprache:
„Ein Wald, alt und tief. Dereinst hatte es auf der Welt Wälder gegeben, die niemanden gehörten, und dieser glich ihnen. Auf dem Hang kam er an einem vom Wind gefällten Tulpenbaum vorbei, der im Griff seiner Wurzeln zwei feldkarrengroße Steinbrocken hochhielt, gewaltige Tafeln, auf denen mit Kameen urzeitlicher Muscheln und im Kalk geätzten Fischen nur eine Geschichte von verschwundenen Meeren geschrieben stand.“
Cormac McCarthy (1933 – 2023) wurde für sein literarisches Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Pulitzerpreis und dem National Book Award. Die amerikanische Kritik feierte seinen Roman «Die Straße» als «das dem Alten Testament am nächsten kommende Buch der Literaturgeschichte» (Publishers Weekly). Das Buch verkaufte sich weltweit mehr als eine Million Mal. Mehrere von McCarthys Büchern wurden verfilmt, neben «Kein Land für alte Männer» auch ein «Ein Kind Gottes» unter der Regie von James Franco. Die deutschprachigen Übersetzung der Romane McCarthys gibt es beim Rowohlt Verlag.
Wallace Stegner: Zeit der Geborgenheit (1987)
„Ich stelle mir vor, sie wäre im Kindbett gestorben, unter den Händen jenes Arztes, bei dessen Erinnerung mich heute noch die Wut befällt und dessen Namen ich wohlweislich vergessen habe. Ich hätte diesen Kreißsaal als ein Nichts verlassen, vernichtet durch das blutige Etwas, das auf dem OP-Tisch blieb, aber ich hätte sie überlebt. Ich hätte weitergelebt und wahrscheinlich weitergeschrieben, denn das Schreiben war neben Sally das Einzige, was meinem Leben Sinn und Halt gab.“
In „Zeit der Geborgenheit“ erzählt Wallace Stegner ganz unaufgeregt und gelassen von zwei Ehepaaren, die über Jahrzehnte hinweg miteinander eng verbunden sind. Larry, der Erzähler aus der Ich-Perspektive, hat viel mit „Stoner“ gemeinsam: Er erarbeitet sich den Weg an die Universität, er kommt aus „kleinen“ Verhältnissen, er erobert sich die Literatur. Doch anders als „Stoner“ begegnet ihm das Glück – mit Sally, der Frau, mit der er sein Leben lang zusammenbleiben wird. Als Spiegel dient dem Paar das Ehepaar Sid und Charity – privilegiert, begütert, aber weniger in Liebe als in Reibung aneinander gekettet. Als Charity im Sterben liegt, zieht der Erzähler auch seine Bilanz: Abgeklärt, weise und voller Dankbarkeit für das Glück, dem einen Menschen begegnet zu sein, der sein Leben zusammenhielt.
Wallace Stegner (1909-1993), unterrichtete unter anderem in Stanford, erhielt für seine Bücher den Pulitzer-Preis und den National Book Award und ist dennoch im deutschsprachigen Raum noch einer der weniger Bekannten der modernen amerikanischen Klassiker. Schade – ich schätze seinen ruhigen, gelassen Erzählstil sehr.
Edward Lewis Wallant: Der Pfandleiher (1961)
„Heute ist der Achtundzwanzigste … meine Jahrzeit, meine Jahrzeit“, sagte er, als er hinter dem Ladentisch stand und die Kante umklammerte, als böte sie ihm Halt gegen eine Riesenwelle. An diesem Tag vor fünfzehn Jahren war sein Herz atrophiert; wie das Mammut hatte auch er sich in Eis konserviert. Was fürchtete er also? Wenn das Eis irgendwann taut und das Fleisch des großen begrabenen Geschöpfs freilegt, verrottet es ganz einfach. Man kann nur einmal sterben. Gestorben war er schon längst, nur der Kadaver war noch zu beseitigen.“
Sol Nazerman ist ein Mammut, ein beinahe schon Gestorbener, dessen Lebendigkeit sich nur noch dadurch auszeichnet, dass er einem „von innerem Druck langsam berstenden Koloss“ gleicht. Tag für Tag wird der Betreiber eines Pfandleihhauses in Harlem mit dem Bodensatz der Gesellschaft konfrontiert: Junkies, Alkoholiker, Obdachlose, Huren, sitzengelassenen Jungfern. Doch den 45jährigen scheint auch das größte Elend kalt zu lassen, nichts rührt ihn noch in seiner Seele an. Die Menschen, die sich ihm annähern – sein Ladengehilfe, ein Neffe, eine überengagierte Sozialarbeiterin – stößt er brüsk vor den Kopf.
Misanthropie als Überlebensstrategie
Umso mehr man jedoch in die enge, düstere Welt dieses Pfandleihers eindringt, umso mehr man sich von der sanft-melancholischen Sprache Wallants einfangen lässt, desto deutlicher klarer kristallisiert sich heraus, dass die Misanthropie, die Gleichgültigkeit und Ablehnung, mit denen der Pfandleiher seinen Mitmenschen begegnet, dass dies seine Überlebens- oder vielmehr Weiterlebens-Strategie ist. Ein nur mühsam aufrecht zu haltendes Konstrukt, das durch einige, nicht einmal allzu gewaltige Anstöße von außen ins Wanken gerät.
„Sol Nazerman, dieser monolithische, unnahbare Mann, der mit dem Unglück und der Armut seiner Kunden Geschäfte macht, hat alles verloren: sein früheres Leben, seine Frau, seine Kinder, sein Mitleid oder besser: die Notwendigkeit, hohle Konventionen des Miteinanders zu erfüllen“, schrieb Ulrich Rüdenauer in seiner Rezension „Ein lebendiger Grabstein“ in der Süddeutschen Zeitung am 12. Feburar 2016. „Sol Nazerman hat die Shoah nicht überlebt, sie tötet ihn nur langsamer als die Menschen, die er in den Lagern hat sterben sehen.“
Verfilmung 1964 löste Holocaust-Debatte in den USA aus
Über fünf Jahrzehnte hat es gedauert, bis dieser Roman endlich ins Deutsche übersetzt wurde. Und das, obwohl das Buch, auch befeuert durch die gelungene Verfilmung, in den USA bereits 1964 eine breitere Auseinandersetzung über die Geschehnisse des Holocaust ausgelöst hatte.
Obwohl Nazerman an seinen Tagen die Welt von sich abhält und sich selber dieses glauben macht –
„Er trauerte nicht, grämte sich nicht; alles Abstrakte in ihm war abgetötet. Die Wirklichkeit bestand aus der sichtbaren, riechbaren, hörbaren Welt. Kein Gedenken an niemanden, an nichts. Das war das Geheimnis seines Überlebens.“
– nachts holen ihn die Träume ein. Die Monster und Schrecken – der Hungertod im Lager, der Anblick seines wie Schlachtvieh aufgehängten Kindes, seiner vergewaltigten Frau, der Geruch von verbranntem Fleisch, das Gas in der Luft.
Schreiben über das Grauen der Konzentrationslager
Lassen sich die Grausamkeiten der Lager in der Literatur darstellen? Und welche Darstellung ist „erlaubt“ oder möglich, ohne eine gewisse Form des Voyeurismus hervorzurufen? Die Diskussion begann mit den ersten Werken über die Shoah und dauert seither an. Man könnte sagen Wallant, der als gebürtiger Amerikaner die KZ-Realität „nur“ aus Erzählungen kannte, bediente sich in diesem frühen Werk der Holocaust-Literatur eines erzählerischen Kunstgriffes: In die Welt der Träume und der Vergangenheit gerückt, gelingt eine gewisse Distanz zudem, was da in deutlicher Grausamkeit erzählt wird, ja auch erzählt werden muss. Wie tiefgehend diese Verletzungen jedoch sind, dies wird umso deutlicher an dem gebrochenen Menschen Sol Nazerman. Wie auch Ulrich Rüdenauer in seiner Rezension schrieb: So einen abweisenden, verletzten Menschen zur Hauptfigur zu machen, dazu gehört auch Mut.
„Eine Winzigkeit, er wußte noch nicht, was es wohl wäre, würde ihn an diesem Tag entzweibrechen, und die dunkle Kraft dieses Wachsen in ihm würde ungehindert hervorbrechen und sich ihm in der Sekunde, bevor sie ihn zerstörte, zu erkennen geben.„
Doch im Laufe des Buches weckt dieser Pfandleiher trotz seiner Misanthropie unser Mitgefühl und unsere Sympathie. Man beginnt, seinen kümmerlich dünnmanteligen Selbstschutz zu akzeptieren, man versteht seine Beweggründe. Und ahnt dabei doch: Es gibt Grausamkeiten, die übersteht kein Mensch unbeschadet.
Das Kommen und Gehen der Kunden, die familiären Szenen – Nazerman hält die zerstrittene Familie seiner Schwester sowohl finanziell als auch nervlich aus -, die Annäherung der naiv-drallen Jugendfürsorgerin, die Konfrontation mit dem Mafioso, der die Pfandleihe zur Geldwäsche unterhält dies alles rüttelt mehr und mehr am Nervenkostüm des Protagonisten. Alles spitzt sich auf ein tragisches Ende hin zu – ob es für Nazerman selbst zur Katharsis wird, wer weiß?
Moloch New York als zentrale Figur
Neben seiner Stärke, mit wenigen Pinselstrichen quasi einprägsam Charaktere zu zeichnen, die auf der Bühne des Pfandleihhauses an- und abtreten, hatte Wallant auch ein Talent für die Beschreibung der Stadt und ihrer Straßen: In einigen Szenen wird er zur Hauptfigur, der staubige, hässliche, vermüllte Moloch New Yorks.
Die Traurigkeit und sanfte Schwermut dieses Romans ist eine zeitlose, die auch heute noch Leser anzusprechen vermag. Und Edward Lewis Wallant einer der großen Erzähler amerikanisch-jüdischer Herkunft, den es wieder zu entdecken gilt. Nur vier Romane konnte Wallant, der in der Werbung tätig gewesen war, vollenden, als ihn 1962, gerade einmal 36 Jahre alt, ein Gehirnschlag traf. Seine Wiederentdeckung heute ist jüngeren Schriftstellern wie Dave Eggers zu verdanken, die nimmermüde auf das schmale Werk Wallants aufmerksam machen. Eggers schrieb im Guardian:
„In the short time he was writing – about three years wherein he considered himself and was considered a serious writer – he was counted as part of a brilliant group of postwar Jewish American writers – Saul Bellow, Bernard Malamud, Norman Mailer and Philip Roth among them. That Wallant died so young, unable to travel on with these writers, is criminal, especially given how prolific he was. But the novels he finished in his short life are all miniature masterpieces. The Tenants of Moonbloom is a particularly lovely book, lightly comic, frequently melancholy, carrying about it the unmistakable air of allegory.“
John Williams: Stoner (1965)
„Er hatte jene Phase in seinem Leben erreicht, in der sich ihm mit wachsender Dringlichkeit eine Frage von solch überwältigender Einfachheit stellte, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Er begann sich nämlich zu fragen, ob sein Leben lebenswert sei, ob es das je gewesen war (…). Er fand ein ebenso grimmiges wie ironisches Vergnügen an der Möglichkeit, ihn habe jenes bisschen Bildung, das er sich erworben haben mochte, zu folgender Einsicht geführt: Letzten Endes war alles, selbst das Studium, das ihm dieses Wissen ermöglichte, sinnlos und vergeblich und gerann zu einem unabänderlichen Nichts.“
Stoner ist ein stiller Mann, der, aus ärmlichen Verhältnissen kommend die Liebe zur Literatur entdeckt, sich ein Leben an der Universität erwählt und geradezu erkämpft, der weder so scheinbar abgeklärt noch zynisch ist wie Salters Held und sich beinahe naiv, still und „unschuldig“ den Verhältnissen in die Hand gibt. Steht Bowman für Eleganz und Glamour, viel Oberfläche, steht Stoner für Arbeit und Dienen, und das in der zweiten Reihe.
Aber er ist einer, der irgendwie mit zäher Kraft überlebt – auch gegen die Umstände: Eine gescheiterte, lieblose Ehe, die geliebte Tochter verfällt dem Alkohol, er selbst wird an der Universität angefeindet und in seiner Berufung beschnitten. Und dennoch behält Stoner Liebe, Mitgefühl, Verständnis und vor allem auch seine Würde. Nur einmal ist ihm im Leben das reinste Glück mit einer Frau vergönnt – Aber auch dies muss scheitern, die Verhältnisse, sie sind nicht so. Ein stiller Held, mit dem man mitleidet und mitlebt – bis zum Ende:
„Die Finger lockerten den Griff, und das Buch, das sie gehalten hatten, rutschte langsam und dann immer rascher über den reglosen Leib und fiel in die Stille des Zimmers.“
Der Roman „Stoner“ erschien 1965 und blieb ohne große Resonanz. Dass er wiederentdeckt wurde, ist eines der kleinen Wunder der Literatur. Stoner, für mich einer der traurigen Helden – ein Mann der Hingabe und der Hinnahme, einer, der sich in Würde in sein Schicksal begibt.
Sloan Wilson: Der Mann im grauen Flanell (1955)
„Walkers Vorzimmer war beeindruckend. Als Tom es betrat, wusste er, dass er für eine Stelle ernsthaft in Betracht gezogen wurde, vielleicht sogar für eine ziemlich gute. Walker hatte zwei Sekretärinnen, die eine offenkundig wegen ihres Aussehens, die andere der Nützlichkeit wegen ausgesucht.“
Wer Richard Yates mag und wer John Cheever liest, der wird auch an diesem Buch Gefallen finden. Man sieht den idyllischen Vorort vor sich, in dem die aufstrebenden jungen Leute wohnen, die Pendler mit ihren weißen Krägen und im grauen Flanell-Anzug, am Bahnhof stehen winkende Gattinnen im Petticoat, die den Gatten zum Arbeiten in die Metropole entlassen. Abends ertönt das sanfte Klirren der Cocktail-Gläser. Ein Paar, zunächst auf den ersten Blick erinnernd an Doris Day & Rock Hudson. So locker der Ton, so leicht die Sprache. Darunter lauert jedoch ein Melodram à la Douglas Sirk.
Die Raths sind ein nettes Paar – aber ständig in Geldnöten, jonglierend in einem leicht maroden Haushalt, dahintuckernd in einer veralteten Auto-Kiste. Tom arbeitet bei einer gemeinnützigen Stiftung. Beide wollen mehr, beide wollen aber auch „ehrlich“ bleiben. Ehrlichkeit ist ein Schlüsselwort dieses Romans.
Denn Tom, der den Zweiten Weltkrieg als aktiver Soldat miterleben musste, befindet sich bereits unbewusst in einem zweiten schweren Konflikt: Wie authentisch bleiben, wenn man bereits mitten drin ist im Kapitalismus- und Leistungsgetriebe? Der Krieg war, so wird deutlich, eine tragische Zäsur. Seine Konsequenz jedoch ist keine Neuorientierung der Gesellschaft, keine Neuordnung. Tom bleibt im Hamsterrad.
Verfilmt mit Gregory Peck
Auch ein Erbe bringt keine Erleichterung, sondern neue Zwänge – Erbschaftssteuern, Erbstreitigkeiten, Grundstücksspekulationen. Vom schlecht bezahlten Job in der Gemeinnützigkeit wechselt Tom als PR-Mann zu einem Großunternehmer. Der will, für die eigene Reputation, eine Stiftung für psychische Gesundheit gründen. Aus dem Nine-to-Five-Job wird ein Rund-um-die-Uhr-Manager-Dasein, man fürchtet um die psychische Gesundheit der Protagonisten mit.
Natürlich löst sich alles in Wohlgefallen auf, die Raths sind als Paar einfach zu nett. Zurück bleibt ein schaler Nachgeschmack. Im scheinbar leichten Lese-Cocktail war zuviel Hochprozentiges.
„Der Mann im grauen Flanell ist ein Buch über die Fünfziger“, schreibt Jonathan Franzen in seinem Nachwort zur Neuauflage. „Die erste Hälfte lässt sich immer noch zum Vergnügen lesen, die zweite als Ausblick auf die darauf folgenden Sechziger. Schließlich vermachten die Fünfziger den Sechzigern ihren Idealismus – und ihre Wut.“
Der 1955 erschienene Roman wurde sofort ein Bestseller, der Titel „The Man in the Grey Flanel Suit“ zu einem feststehenden Begriff. Bereits 1956 wurde der Roman verfilmt mit Gregory Peck in der Hauptrolle.
Der Autor und sein One-Hit-Wonder
Sloan Wilson wurde 1920 in Norwalk, Connecticut geboren. Schon als junger Mann entwickelte er ein Faible für die Seefahrt und das Segeln – gerade mal 18 segelte er einen Schoner von Boston nach Havanna. Er studierte in Harvard und leistete anschließend seinen Militärdienst, wo er unter anderem einen Trawler der Greenland Patrol in Grönland befehligte. Danach arbeitete er als Reporter und Hochschullehrer. Bereits während des Zweiten Weltkrieges veröffentlichte er Gedichte, 1947 folgte sein Debütroman „A voyage to Somewhere“. Sein zweites Buch, „Der Mann im grauen Flanell“ wurde zum Bestseller, danach arbeitete Wilson ganz als freier Schriftsteller. Obwohl noch zahlreiche Romane folgten, konnte er an den Erfolg seines zweiten Romans nicht mehr anschließen. Sloan Wilson schrieb dennoch bis ins hohe Alter. 2003 verstarb er in Colonial Beach, Virginia.
Bibliographische Angaben:
William Melvin Kelley
Ein anderer Takt
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Hoffmann und Campe, Hamburg 2019
ISBN: 978-3-455-00626-1
John Kennedy Toole
Die Verschwörung der Idioten
Übersetzt von Alex Capus
dtv Verlag, 2013
ISBN: 978-3-423-21434-6
Cormac McCarthy
Ein Kind Gottes
Übersetzt von Nikolaus Stingl
Rowohl Verlag, 2014
ISBN: 978-3-499-26799-4
Sloan Wilson
Der Mann im grauen Flanell
Übersetzt von Eike Schönfeld
Dumont Verlag, 2013
ISBN: 978-3832196783
