Wer sich auf das Werk von Cormac McCarthy einlässt, betritt eine literarische Welt von archaischer Wucht. Ob in der Zeit des sterbenden Wilden Westens, in den staubigen Abgründen der US-Provinz der 1960er-Jahre oder in einer aschegrauen Zukunft ohne Hoffnung: McCarthys Romane kreisen unaufhörlich um die existenziellen Urfragen der menschlichen Natur.
Geprägt ist dieses literarische Universum von einem radikalen, unverwechselbaren Sprachstil: Seine Prosa verzichtet auf Anführungszeichen bei Dialogen, nutzt kaum Kommata oder Semikolons und verbindet einen extremen stilistischen Minimalismus mit einer biblisch-wuchtigen, fast schon lyrischen Rhythmik. McCarthy zwingt seine Leser dazu, den nackten Klang der Worte und die ungeschönte, oft brutale Realität seiner Figuren ungefiltert auf sich wirken zu lassen.

Rezension: Drei Meisterwerke von Cormac McCarthy im Fokus
An den drei hier vorgestellten Romanen – dem Western-Epos »All die schönen Pferde«, dem verstörenden Psychogramm »Ein Kind Gottes« und der meisterhaften Endzeit-Dystopie »Die Straße« – zeigt sich die ganze Bandbreite eines Autors, der für sein Schaffen mit den höchsten literarischen Auszeichnungen wie dem National Book Award und dem Pulitzerpreis geehrt wurde.
Mein Einstieg in den harten, düsteren Kosmos des Cormac McCarthy begann, wie vielleicht bei vielen anderen deutschen Lesern auch, mit einem Film: »No Country for Old Men«, natürlich geprägt durch die Handschrift der Coen-Brüder, nachhaltig in Erinnerung durch Javier Bardem in der Rolle des Killers Chigurh. Die wohl seltsamste Frisur eines Serienmörders in der Filmgeschichte. Die Frisur symbolisiert den Unterschied zwischen Film und Buch. Denn natürlich birgt der Film manche ironische Brechung, typisch für die Coens, aber atypisch für McCarthy. Dem ist es todernst mit seinen Aussagen. In dessen Büchern stößt man auf keine Ironie, keinen Witz. Was das Menschliche anbelangt, sind sie von einer harten, nackten, nüchternen Sprache. Sie eröffnen den Blick in eine grausame, menschenfeindliche Welt. Und überraschen doch mit einer eigenen poetischen Sprache.
Über das Kino also lernte ich diesen Autoren kennen, dessen Romane mittlerweile fast alle in deutscher Übersetzung vorliegen.
„Ein Kind Gottes“ – Alttestamentarische Grausamkeit in den USA
In seinem harten, düsteren Roman »Ein Kind Gottes« erzählt McCarthy von Lester Ballard, der in den 1960er-Jahren zum Höhlenbewohner und Täter wird. Eine alttestamentarische Parabel über das Dunkle im Menschen.
»Ballard, ein kleines Wesen, das mit dem Gewehr in den Armen brütend dort hockte, beobachtete sie vom Bergsattel aus. Es regnete seit drei Tagen. Der Bach weit unter ihm über die Ufer getreten, die Felder überflutet, mit Winterkraut und Futtergewächsen gefleckte, stehende Wasserflächen.«
»Ein Kind Gottes«. Auch Lester Ballard ist ein Kind Gottes, wenn man darunter das Menschsein an sich begreift. Auch wenn er, der schon ganz unten ist, noch weiter herabkommt, unmenschlich erscheint, Unmenschliches tut. Er ist und bleibt ein Kind Gottes, soll wohl auch bedeuten, nichts Menschliches ist uns fremd oder in der Umkehrung, dass alles mögliche, auch das Schlimmste, menschenmöglich ist.
Der schmale Roman beginnt mit der Versteigerung eines Hauses. Ballard, zuvor schon ein Einzelgänger, verliert damit wahrhaftig den Grund und Boden unter den Füßen, zieht sich immer mehr in die Einsamkeit zurück, mutiert zum Höhlenbewohner: Und das in den USA der 60erJahre. Als Ballard eines Tages ein totes Liebespaar in der Ödnis findet, scheint es, als verabschiede er sich dadurch gänzlich aus der menschlichen Gemeinschaft. Der Außenseiter nimmt die weibliche Leiche mit, staffiert sie aus, sie wird, auf Zeit, zu seiner Lebensgefährtin. Eine Metapher für die grenzenlose Einsamkeit dieses Mannes und für seine Unfähigkeit zur Mitteilung, zur Kommunikation, zur Anpassung. Ein tödlicher Kreislauf nimmt mit dieser ersten Leiche seinen Anfang.
Die Veranlagung zum Bösen ist in jedem vorhanden
Es braucht starke Nerven, um dieses Buch zu lesen, das so offensichtlich nüchtern, fast schon empathielos von menschlicher Grausamkeit erzählt. Dennoch ist das kein Trash, keine Splatterliteratur. Die Bücher von McCarthy bergen etwas Alttestamentarisches in sich. Man werfe einen Blick in die Bibel und stößt auf eine ganze Bandbreite von Gewalttaten. »Ein Kind Gottes« muss nicht nach Verantwortung und Schuld fragen, das erklärt sich aus dem Buch selbst. Wie aus den anderen Romanen McCarthys auch: Die Veranlagung zur Gewalt, zum Bösen, zum Dunklen liegt in jedem Menschen begraben.
»Die Hunde querten als dünne, dunkle Linie den Schnee auf dem Hang des Höhenrückens. Weit unter ihnen lief der Eber, den sie verfolgten, mit seinem merkwürdig steifbeinigen Schritt dahin, hochrückig und tiefschwarz vor der Winterlandschaft. Das Geläute der Hunde hallte in dieser riesigen fahlblauen Leere wider wie die Rufe dämonischer Jodler.«
»Schuld« allerdings liegt nicht nur im Handeln des Einzelnen, zudem ist der »Held« des Romans intellektuell und moralisch kaum auf der Höhe, seine Handlungen zu bewerten und zu ermessen. »Schuld«, das zeigt auch dieses Buch des Amerikaners, ist ebenso sehr eine Gesellschaft, die erntet, was sie aussät. Es gibt kaum eine zynischere Bezeichnung für Menschen, die außerhalb der gesellschaftlichen Normen stehen bzw. die aus den Rastern der Leistungsgesellschaft gefallen sind, als die vom »white trash«, »weißer Müll« – als seien sie, die Ausgestoßenen, keine Kinder Gottes mehr.

„All die schönen Pferde“ – Die Einsamkeit des amerikanischen Westens
Wenn auch seine Romane oft in der Einsamkeit des amerikanischen Westens spielen und aus der Zeit herausgefallen wirken: Cormac McCarthy analysiert mit ihnen den Zustand einer niedergehenden Gesellschaft, weist aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein. Dies zeigt sich meisterhaft in »All die schönen Pferde« (1992), dem Auftakt seiner berühmten Border-Trilogie, für den McCarthy mit dem renommierten National Book Award ausgezeichnet wurde.
Der Roman erzählt von zwei Jungs, John Grady Cole und Lacey Rawlins, die im Jahr 1949 nach Mexiko reiten. Sie jagen einem Traum hinterher, der in Wahrheit schon längst vergangen ist – der Freiheit des Cowboys. Zunächst scheint dieser Traum im Coahuila der späten 1940er-Jahre tatsächlich wahr zu werden: Sie finden Arbeit auf der idyllischen, riesigen Hacienda de Nuestra Señora de la Purísima Concepción des wohlhabenden Pferdezüchters Don Héctor. Inmitten dieser atemberaubenden, fast mythischen Kulisse beweist John Grady sein unnachahmliches, fast magisches Geschick im Umgang mit wilden Mustangs.
Die freie Landschaft im Kontrast zur Enge der Gesellschaft
Doch das Paradies währt nicht lange. Auf der Hacienda begegnet John Grady Alejandra, der stolzen Tochter des Patrons. Zwischen den beiden entbrennt eine von Anfang an zum Scheitern verurteilte Liebesgeschichte. Es ist die klassisch-tragische Konstellation unüberbrückbarer Klassenunterschiede. Die vermeintliche Freiheit der weiten Prärie steht im Kontrast zu den starren, unbarmherzigen Traditionen der Gesellschaft.
Aus Rache entzieht der Patron den Jungs seinen Schutz und liefert sie der korrupten mexikanischen Polizei aus. McCarthys düsteres Gesellschaftsbild offenbart sich im Anschluss auf brutalste Weise in der gnadenlosen Hackordnung eines mexikanischen Gefängnisses, in das sie geworfen werden. Dabei zieht der Autor eine bittere Parallele zu unserer modernen Welt: »Wie der Kapitalwirtschaft in den Industriegesellschaften liegt alldem ein Unterbau von Niedertracht und Gewalt zugrunde«, heißt es über den Alltag im Gefängnis.
Erst als Alejandras herrische Tante, Dueña Alfonsa, die Jungs freikauft, kommen sie mit dem Leben davon. Der Preis dafür: Alejandra muss schwören, ihn nie wiederzusehen, um die Familienehre zu retten. Durch diese traumatischen Erlebnisse verliert John Grady seine jugendhafte Unschuld und Zuversicht. Er reift schmerzhaft zum Mann heran, aber behält seinen moralischen Anstand. Dies zeigt sich ganz besonders in den letzten, berührenden Szenen des Buches bei der Begegnung mit dem Richter, vor dem John Grady trotz allem Erlebten aufrichtig bleibt und an seiner Integrität festhält.
Die philosophische Tiefe des Buches wird insbesondere in einem Gespräch von John mit Alfonsa deutlich, die die jungen Menschen zwar versteht, aber sich den gesellschaftlichen Konventionen beugt und ihre Desillusionierung auf den Punkt bringt: »Was das Leben nicht heilt, heilt der Tod.«
Die weite mexikanische Landschaft, die anfangs noch wie ein Versprechen auf unendliche Freiheit wirkte, entpuppt sich als Fata Morgana.
„Die Straße“ – Dystopie, Vaterliebe und die ultimative Endzeit
Diese unerbittliche Konsequenz treibt McCarthy in seinem wohl bekanntesten Roman »Die Straße« (2006) auf die absolute Spitze, das ihm im Jahr 2007 den Pulitzerpreis für Belletristik einbrachte. Hier verlässt er das Terrain des klassischen Westerns und wendet sich gänzlich dem Genre der Dystopie zu. Es gibt keine Gesellschaft mehr, die kollabieren könnte – sie ist bereits vollständig vernichtet. In einer aschegrauen, postapokalyptischen Landschaft, in der die Natur tot ist und marodierende Kannibalen die letzten Reste der Menschheit jagen, ziehen ein Vater und sein kleiner Sohn Richtung Süden.
Trotz der permanenten Grausamkeit ist das Buch im Kern eine zutiefst rührende Vater-Sohn-Geschichte. Der namenlose Vater klammert sich mit aller Macht an seine Aufgabe, das Kind zu beschützen:
»Er wusste, dass der Junge das einzige war, was zwischen ihm und dem Tod stand.«
Es zeigt, was ein Vater bereit ist für das Überleben seines Kindes zu tun. Und dennoch will er ein Vorbild sein und selbst in den extremsten Situationen menschliche Werte und die Würde nicht vergessen. McCarthy fängt diesen unbedingten Glauben an das Gute inmitten des Untergangs in herzzerreißenden Momenten ein:
»Es gab Zeiten, da fing er hemmungslos zu schluchzen an, wenn er den schlafenden Jungen betrachtete, aber das hatte nichts mit dem Tod zu tun. Er wusste nicht recht, womit er es zu tun hatte, glaubte aber, es habe mit Schönheit oder mit Güte zu tun.«
Hinter der Schilderung dieser filmreif düsteren Welt steht die zentrale Frage des Buches: Warum wollen Menschen überhaupt überleben? Und was ist der Preis dafür? Denn in einer Welt, in der alles Leben erlischt, schwindet auch das Göttliche und Metaphysische:
»Wo keine Menschen leben können, ergeht es den Göttern nicht besser.«
Und doch bleibt der Junge in all dem Grauen ein Lichtblick. In einer der stärksten Szenen des Romans steht er auf der Straße, »in der Ödnis schimmernd wie ein Tabernakel« – als heiliger Bewahrer der letzten menschlichen Wärme.
Alttestamentarische Wucht: Die existentielle Dimension bei McCarthy
Hinter der unerbittlichen Brutalität dieser Geschichten verbirgt sich eine tiefe existentielle und metaphysische Dimension. Obwohl McCarthy im privaten Leben als Agnostiker galt, sind seine Texte von biblischen Motiven und einer archaischen Symbolik durchdrungen. Seine Bezugnahme auf Religiöses spendet jedoch keinen konventionellen oder billigen Trost; sie gleicht vielmehr einer moralischen Spurensuche im Angesicht des absoluten Vakuums.
Da ist zum einen das Alttestamentarische: Seine Figuren sind einer schweigenden, kosmischen Urkraft ausgeliefert. Das Böse ist hier keine psychologische Fehlentwicklung, sondern eine Konstante, die zum Wesen der Welt gehört. Davon zeugt Lester Ballards animalischer Abstieg ebenso wie die bittere Erkenntnis aus All die schönen Pferde, dass menschliches Wissen uns nicht vor dem schicksalhaften Unterbau aus Gewalt retten kann.
Gleichzeitig schwingen starke gnostische Motive mit: Die Erde wird oft als eine irdische Hölle dargestellt, in der traditionelle religiöse Institutionen längst zu »heiligen Ruinen« verfallen sind und versagen. Wenn der äußere Rahmen jedoch zusammenbricht, verlagert McCarthy das Sakrale ganz in das Innere des Menschen. In einer Welt, aus der Gott sich zurückgezogen hat, wird jede flüchtige Geste menschlicher Güte – das unbedingte Festhalten an moralischem Anstand oder das Teilen der letzten Vorräte – zu einem Akt purer Gnade. Der Mensch wird zum alleinigen Hüter des transzendenten Lichts.
Das literarische Vermächtnis des Kult-Autors (1933 – 2023)
Cormac McCarthys Welt ist manchmal beinahe unerträglich gnadenlos, unerbittlich, von klirrender Kälte, aber auch von großer Schönheit in der Sprache:
»Ein Wald, alt und tief. Dereinst hatte es auf der Welt Wälder gegeben, die niemanden gehörten, und dieser glich ihnen. Auf dem Hang kam er an einem vom Wind gefällten Tulpenbaum vorbei, der im Griff seiner Wurzeln zwei feldkarrengroße Steinbrocken hochhielt, gewaltige Tafeln, auf denen mit Kameen urzeitlicher Muscheln und im Kalk geätzten Fischen nur eine Geschichte von verschwundenen Meeren geschrieben stand.«
Cormac McCarthy (1933 – 2023) wurde für sein literarisches Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die amerikanische Kritik feierte seinen Roman «Die Straße» als «das dem Alten Testament am nächsten kommende Buch der Literaturgeschichte» (Publishers Weekly). Das Buch verkaufte sich weltweit mehr als eine Million Mal und wurde 2009 mit Viggo Mortensen in der Hauptrolle bildgewaltig verfilmt. Mehrere von McCarthys Büchern wurden adaptiert, neben «Kein Land für alte Männer» und »All die schönen Pferde« (unter der Regie von Billy Bob Thornton) auch «Ein Kind Gottes» unter der Regie von James Franco. Die deutschsprachigen Übersetzungen der Romane McCarthys gibt es beim Rowohlt Verlag.
💡 Lese-Tipp: Düstere US-Provinz abseits von McCarthy
Wenn dir die illusionslose Härte von Cormac McCarthy gefällt, solltest du unbedingt einen Blick auf Donald Ray Pollock werfen. Seine Erzählungen in „Knockemstiff“ und der Roman „Das Handwerk des Teufels“ atmen dieselbe gnadenlose Atmosphäre.
„Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-in, wie man einem Mann so richtig wehtut.“
Bumm! Schon der erste Satz ist ein Schlag mitten in die Magengrube. Und so unerbittlich geht es in „Knockemstiff“ weiter: Das Leben kennt keine Gnade mit den Bewohnern dieses gottverlassenen Kaffs in Ohio – und Pollock keine Gnade mit seinen Lesern. Durchatmen ist nicht. Knockemstiff ist die amerikanische Hölle ohne Notausgang.
