Alfred Döblin und sein Meisterwerk «Berlin Alexanderplatz»

Schriftzug Alex in Berlin - passend zu Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin
„Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin. Bild von Thomas Wolter auf Pixabay

„Von Erde bist Du gekommen, zu Erde sollst Du wieder werden, wir haben gebauet ein herrliches Haus, nun geht hier kein Mensch weder rein noch raus. Ninive, Hannibal, Cäsar, alles kaputt, oh, denkt daran. Erstens habe ich dazu zu bemerken, dass man diese Städte jetzt wieder ausgräbt, wie die Abbildungen in der letzten Sonntagsausgabe zeigen, und zweitens haben diese Städte ihren Zweck erfüllt, und man kann nun immer wieder neue Städte bauen. Du jammerst doch nicht über deine alten Hosen, wenn sie morsch und kaputt sind, du kaufst neue, davon lebt die Welt.“


Atemlos und dabei sprachmächtig, Bilder, Szenen, Eindrücke, die im Cinemascope-Format vorüberrauschen, Gesprächsfetzen, die man im Vorübergehen aufschnappt, Gedanken, die in den Kopf schießen. Das ist der Wort- und Bewußtseinsstrom, mit dem Alfred Döblin (1878-1957) den deutschen Roman revolutionierte.

Auch vor Alfred Döblin gab es ein Berlin in der Literatur. Da meist als Fassade, Studiohintergrund, Potemkinsches Dorf, Schauplatz, Verortungspunkt. Aber in „Berlin Alexanderplatz“ ist die Großstadt mehr als das – sie ist nicht nur der Ort, sie ist die Hauptfigur, die Handelnde, der lebendige, aktive und agierende Mittelpunkt, der städtische Mahlstrom, um den das Romangeschehen kreist.

„Berlin Alexanderplatz“, 1929 erschienen, markiert einen Einschnitt in der deutschen Literatur. Expressionismus und literarische Moderne: Sie hatten nun endlich auch im epischen Erzählen ihren Platz gefunden. Abrupte Brüche im Satzbau, stakkatoartiger Rhythmus, ständige Wechsel der Erzählperspektiven, aber vor allem die Technik der Montage – Zeitungsschlagzeilen, Statistiken, Fahrpläne in den Text gestreut – dies alles macht „Berlin Alexanderplatz“ auch heute noch zu einem Leseabenteuer. Oder auch Leseungeheuer, je nach Perspektive. Spürbar ist in Döblins Roman der Einfluss des Films (siehe auch „Brecht und der Film“), der sich als Kunstform langsam etablierte.

Döblin nimmt auf das Medium, das gerade die Welt erobert, bereits in seinem „Berliner Programm“ aus dem Jahr 1913 Bezug, wo er die „Montagetechnik“ als sein Romanprogramm vorstellt.

„In den Rayon der Literatur ist das Kino eingedrungen, die Zeitungen sind groß geworden, sind das wichtigste, verbreitetste Schrifterzeugnis, sind das tägliche Brot aller Menschen“, so Döblin.

„In das Bild von heute gehört die Zusammenhanglosigkeit seines Tuns, des Daseins überhaupt, das Flatternde; Rastlose. Der Fabuliersinn und seine Konstruktionen wirken hier naiv. Dies ist der Kernpunkt der Krisis des heutigen Romans. Die Mentalität der Autoren hat sich noch nicht an die Zeit angeschlossen.“

Auch in einer Besprechung zu James Joyces‘ „Ulysees“ der ebenso wie „Manhattan Transfer“ von John Dos Passos mit „Berlin Alexanderplatz“ in eine Reihe zu stellen ist, nimmt er auf den Film Bezug. Eine der kenntnisreichsten Besprechungen zu „Berlin Alexanderplatz“ erschien schon kurz nach der Veröffentlichung des Romans – 1930 durch Walter Benjamin.

In „Krisis des Romans“ formuliert er: „Stilprinzip dieses Buches ist die Montage. Kleinbürgerliche Drucksachen, Skandalgeschichten, Unglücksfälle, Sensationen von 28, Volkslieder, Inserate schneien in diesen Text. Die Montage sprengt den »Roman«, sprengt ihn im Aufbau wie auch stilistisch, und eröffnet neue, sehr epische Möglichkeiten“, schrieb Benjamin. Besser kann dieses literarische Experiment kaum beschrieben werden, in voller Länge kann es unter diesem Link gelesen werden.



Zweifelhaft und kryptisch ist für mich allein das Ende des Romans. Franz Biberkopf, der einarmige Bandit mit dem goldenen Herzen, der Überangepasste, der Naive, der sich Mitziehen lässt, als skeptischer, aber dennoch sozial integrierter kleiner Angestellter, der beobachtet, wie draußen marschiert wird, wie die Trommeln schlagen – „weiter ist hier von seinem Leben nichts zu berichten“, schreibt Döblin einen Absatz zuvor. Aber man ahnt es schon: Götterdämmerung über Babylon Berlin, es wird für den Biberkopf wieder kein gutes Ende nehmen.

Heute ist der Alexanderplatz längst schon mehrfach von der Geschichte überrollt, plattgemacht, auf Touristengaudi hochgebürstet, wieder ab- und hochgekommen. Es ist ein anderes Berlin als 1929. Aber immer noch ein Moloch, ein anderer Hexenkessel. Drehen wir noch eine Runde – ein letzter Streifzug um den Alex mit Günter Lamprecht, der den Franz Biberkopf in der Filmserie von Rainer Werner Fassbinder verkörperte: „Berlin-Alexanderplatz“. Oder man streift gleich mit dem großartigen Heinrich George in der Verfilmung von 1931 um den Platz:

FAQ: Häufige Fragen zu „Berlin Alexanderplatz“

Welche Epoche ist „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin?

Der 1929 erschienene Roman wird primär dem Expressionismus sowie der literarischen Moderne (Neue Sachlichkeit) zugeordnet. Alfred Döblin bricht darin radikal mit den traditionellen Erzählstrukturen des klassischen Realismus.

Was versteht man unter der Montagetechnik bei Döblin?

Die Montagetechnik ist das zentrale Stilmittel des Romans. Döblin fügt reale Textfragmente wie Zeitungsschlagzeilen, Werbeanzeigen, Kursbücher, Liedtexte und Statistiken direkt in den Fließtext ein. Dadurch wird die Reizüberflutung und die Hektik der Großstadt Berlin im Text spürbar.

Wer ist die Hauptfigur in „Berlin Alexanderplatz“?

Die menschliche Hauptfigur (Protagonist) ist der entlassene Strafgefangene Franz Biberkopf, der vergeblich versucht, in Berlin anständig zu bleiben. Literaturwissenschaftlich wird jedoch oft die Großstadt Berlin selbst als die eigentliche, agierende Hauptfigur des Romans bezeichnet.

Warum ist der Roman ein Meilenstein der Weltliteratur?

Weil Döblin den inneren Monolog und den Bewusstseinsstrom auf eine neue Stufe hebt. Gemeinsam mit James Joyces Ulysses und John Dos Passos‘ Manhattan Transfer revolutionierte der Roman das epische Erzählen durch die Verbindung von Filmästhetik und Literatur.