Beginnend als junge tschechische Publizistin, später dann, von Deutschland aus eine neue Perspektive einnehmend, widmete sich Alena Wagnerová über fünfzig Jahre lang der literarischen Reportage. Dieser Band kann als ein Überblick über ihr Gesamtwerk gelten.
Die Texte im ersten Teil des Buches stammen aus den 1960er Jahren und sind in tschechischen Zeitschriften erschienen. Thematisch reichen sie vom Widerstand im Zweiten Weltkrieg bis hin zu damals aktuellen gesellschafts-politischen Themen in der sozialistischen Tschechoslowakei. Als eine der ersten schrieb sie über das Schicksal der vertriebenen Deutschen aus dem Böhmerwald.
Mit ihrer Übersiedlung 1969 in die Bundesrepublik musste sie sich als Autorin neu erfinden. Die in deutschsprachigen Medien erschienenen Artikel spiegeln diesen erweiterten Blickwinkel wider. Nach 1989 dann konnte sie sich wieder frei bewegen und erwies sich als präzise Beobachterin der deutsch-tschechischen Beziehungen.
Im Stil ist sie sich immer treu geblieben: Ihr Interesse gilt vornehmlich dem Schicksal des einzelnen Menschen innerhalb der „großen“ Geschichte. Denen, die vergessen wurden oder verstumm-ten oder auch heute ausgegrenzt werden. Sie bewegt sich kenntnisreich durch die Historie Mitteleuropas, lotet die vergessenen Ränder aus und fördert Erstaunliches zutage. West und Ost verbindet mehr, als viele vermuten. Liest man ihre Texte, dann bekommt man wieder eine Ahnung, was das bedeuten könnte: „Zuhause in Mitteleuropa“.

Alena Wagnerová
Zuhause in Mitteleuropa
Literarische Reportagen
Aus dem Tschechischen von
Ines Spieker und Raija Hauck
2026 | Hardcover | 328 Seiten |28,- €
BALAENA Verlag Landsberg am Lech
ISBN: 978-3-911491-02-0
Erscheinungstermin: 22. Mai 2025
Rezensionen
Alena Wagnerová bei „Literatur im Gespräch“ im Saarländischen Rundfunk anlässlich der Verleihung des Gustav Regler-Preises für ihr Lebenswerk
Autorin & Übersetzerin

Alena Wagnerová: Geboren 1936 in Brno/Brünn (ČSR), wo sie an der Masaryk-Universität Biologie, Pädagogik und Theaterwissenschaften studierte. In den 1960er Jahren verfasste sie Beiträge zu kulturpolitischen Themen für tschechische Zeitschriften und den Rundfunk.
Nach der Heirat mit dem deutschen Buchhändler Karlheinz Köhler zog sie 1969 nach Saarbrücken. Auch dort setzte sie ihre publizistische Tätigkeit fort, nun in deutscher Sprache. Veröffentlichungen in tschechischen Medien waren damals nicht mehr möglich. Dafür brachte sie ihre tschechische Perspektive in den bundesrepublikanischen Diskurs ein und schrieb Sachbücher zu Themen der Familienpolitik aber auch literarische Texte.
Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs konnte sie sich nun frei bewegen und in beiden Sprachen publizieren (u.a. NZZ, FAZ, Listy, Tvar) und sie nutzte die Erfahrungen ihrer tschechisch-deutschen Biografie, um zwischen Ost und West zu vermitteln. Als „Oral-Historikerin“ setzte sie sich systematisch mit der Kultur Mitteleuropas und den nach 1945 belasteten deutsch-tschechischen Beziehungen auseinander.
Für diese „Brückenbauer-Tätigkeit“ wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem deutsch-tschechischen Journalistenpreis „Milena Jesenská“, zuletzt 2025 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland und dem saarländischen Gustav-Regler-Preis 2026 für ihr Lebenswerk.
Alena Wagnerová ist unter anderem auch als Biografin von Milena Jesenská und Sidonie Nádherny bekannt und darüber hinaus eine auszeichnete Kafka-Expertin.
Bild: Privatarchiv Wagnerová
Ines Spieker: Geboren 1992 in Passau, wurde die Nähe zum slawischen Sprachraum durch ihre doppelte Muttersprache Deutsch und Polnisch in die Wiege gelegt. Sie studierte Sprach- und Textwissenschaften in Passau und sowie Slawistik an der Universität Regensburg.
2018 gewann sie als deutsche Kandidatin den Internationalen Susanna-Roth-Wettbewerb für junge Übersetzer:innen aus dem Tschechischen. Sie übersetzt Literatur aus dem Tschechischen und Polnischen.
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