Dostojewskis «Böse Geister» – sie spuken immer noch

Obwohl es an diesem Klassiker heute viel zu kritisieren gibt, allen voran der ausgeprägte Nationalismus und eine «anti-westliche» Haltung, ist er dennoch ein Meisterstück: Darin, wie er aufzeigt, wie Disruption in einer Gesellschaft im Umbruch verfängt. Und so ist «Böse Geister» respektive «Die Dämonen» von Fjodor Dostojewski nicht nur eine immerwährend aktuelle Mahnung vor totalitären Ideen, sondern auch zeitlos gute Literatur.

Die «bösen Geister» spuken immer noch. Bereits als die ersten Folgen von «Besy» ab 1871 im «Russischen Boten» erschienen waren, erregten sie Aufsehen. 1873 brachte Fjodor Dostojewski das Buch dann 1873 im Eigenverlag heraus. Schon beim «Russischen Boten» hatte es wegen des Romans immer wieder Konflikte mit dem Herausgeber Michail Katkow und dessen Redakteuren gegeben. Und obwohl Dostojewski, ein notorischer Spieler, wie immer in seinem 59 Jahre währenden Leben in finanziellen Nöten war, entschloss er sich dazu den Roman, um den altbekannten Problemen mit der Zensur und zögerlichen Verlagen zu entgehen, selbst zu veröffentlichen.

Bronzestatue eines Mannes mit Bart und ernstem Gesichtsausdruck, vor einem verschwommenen Hintergrund von Bäumen.
Dostojewski-Statue in Baden-Baden von Leonid Baranov. Bild: Gerd Eichmann

Den Großteil der «Dämonen» – häufig wurde der Roman auch mit «Die Besessenen» und 2018 in der kongenialen Übersetzung von Swetlana Geier, mit «Böse Geister» betitelt – schrieb Dostojewski in Dresden: Dort konnte er von den Unruhen in seiner Heimat in den unzensierten ausländischen Zeitungen lesen, zudem erfuhr er vom Bruder seiner Frau, der zu Besuch war, von den Vorgängen um den sogenannten Netschajew-Prozess. Sergej Netschajew, ein Nihilist und Anführer einer revolutionären Truppe namens «Volksgericht», ließ von seinen Mitkämpfern 1869 einen Studenten ermorden, der Zweifel an seinen Methoden geäußert hatte.

Für Dostojewski war dies eine Quelle der Inspiration für einen Roman, den er später selbst als «Abrechnung» bezeichnete: Eine Abrechnung mit dem Geist des Nihilismus, in dem er eine politische «Seuche» sah, die in seinen Augen vor allem aus dem Westen kam. Zudem sah er sich durch die materialistischen und atheistischen Grundpfeiler des Nihilismus mit einer Frage konfrontiert, mit der er sich zeit seines Lebens auseinandersetzte: Die nach der Existenz Gottes.

«Wer sein Volk und sein Volkstum verliert, der verliert auch den Glauben seiner Väter und seinen Gott. Wenn Sie es also wissen wollen – das ist eben das Thema meines Romans», formulierte er später in einem Brief über die «Dämonen». Dass dieses Werk, das als sein zentrales politisch-philosophisches Buch zu betrachten ist, auf viel Widerspruch stoßen würde, das sah der russische Schriftsteller voraus (Zitat aus der Dostojewski-Biographie von Henri Troyat):

«Was ich jetzt schreibe hat eine Tendenz. Ich werde mir meinen Zorn vom Herzen reden. Sie werden mich ankläffen, die Nihilisten und die Westler und mich als einen Reaktionär behandeln. Aber hol` sie der Teufel, ich werde alles sagen, was ich denke.»

Tatsächlich stieß der Roman jedoch beim breiten Publikum im vorrevolutionären Russland auf fruchtbaren Boden und wurde zum Erfolg. Teils wohl, weil der Netschajew-Prozess großes Interesse erregt hatte, teils wohl auch, weil der Roman selbst für Dostojewskis Verhältnisse nichts Düsteres aussparte – bis hin zum Missbrauch einer Minderjährigen durch einen der Protagonisten, ein Kapitel des Buches, das lange jedoch in den zensierten Fassungen fehlte. Zudem traf Dostojewski eventuell eine Stimmung und Ängste, die eine Gesellschaft im Umbruch erfasst hatte. Georg Dox schrieb dazu 2021 in «Die Furche»:

«Als nach der Oktoberrevolution von 1917 die Frage nach den tieferen Ursachen dieses epochemachenden Ereignisses gestellt wurde und man wissen wollte, wie eine Bevölkerung beschaffen war, die solches anzetteln, erdulden und begrüßen konnte, wusste man sich bei Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821 bis 1881) großzügig zu bedienen. Im Spannenden fand man das Fiebrig-Nervöse, aus sozialen Bruchlinien wurde eine Vorahnung künftiger Beben, aus einem Kriminalfall eine Weltanklage.»

Umstritten ist der Roman, wiewohl er zur Weltliteratur zählt und beispielsweise im Kanon der «Zeit»-Bibliothek der 100 Bücher Aufnahme fand, bis heute. Linke Kreise beurteilen das Werk als «reaktionär». Und es verwundert wenig, dass «Die Dämonen» in der späteren UdSSR zwar nicht offiziell verboten waren, aber nicht aktiv publiziert werden durften – eine geplante Neuausgabe 1935 wurde im letzten Moment gestoppt. Auch der Antisemitismus Dostojewskis wirft einen schwarzen Schatten auf sein Werk.

Natürlich kann und darf in einer Zeit, in der der ungerechtfertigte Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine immer noch anhält, eine Seite von Dostojewskis Werk nicht unterschlagen: Gerade «Die bösen Geister» predigt das Heil in einer Art russischen Nationalismus. Die radikalen Ideen, die Dostojewski zufolge alle aus dem Westen kommen, zerstörten die russische «Seele» und Identität. Gott, Glaube und Volk werden bei ihm gewissermaßen zu einer Trinität:

«Wenn ein großes Volk nicht glaubt, dass in ihm allein die Wahrheit ist (…), wenn es nicht glaubt, dass es ganz allein fähig und dazu berufen sei, alle anderen mit seiner Wahrheit auferstehen zu lassen und zu erlösen, dann verwandelt es sich sogleich in ethnographisches Material und hört auf, ein großes Volk zu sein. Ein wahrhaft großes Volk kann sich niemals mit einer Rolle zweiten Ranges in der Menschheit zufriedengeben (…)», lässt Dostojewski einen seiner Revolutionäre im Roman schwadronieren.

Man könnte dem Schriftsteller heute mit Blick auf Putins Träumen von der Wiederherstellung eines großrussischen Reichs trefflich entgegenhalten, dass auch die Idee eines Nationalismus, sei es ausgeführt durch völkerrechtswidrige Angriffskriege oder durch eine rücksichtslose Politik des «Make America great again», nichts anderes ist als die zerstörerischen Ideen seiner Romanfiguren – das Durchsetzen politischer Ideologien jenseits von Moral und Recht.

Und sieht man also von Dostojewskis «anti-westlichen» Ausfällen ab, so kann man dieses «dämonische» Buch auf einer übergeordneten Ebene lesen: Eine prophetische Warnung vor jeglichem Despotismus und Totalitarismus, unabhängig von der Nationalität der Betroffenen. So betrachtet, ist «Böse Geister» so aktuell wie schon lange nicht mehr – man könnte die handelnden Figuren mit der Namen der Gegenwart austauschen, man stelle sich anstelle der russischen Protagonisten Herrschaften wie Elon Musk, Alex Karp und Peter Thiel vor und bekommt in diesem Roman all das geboten, was von den Tech-Giganten mehr oder weniger offen formuliert und zur Zerstörung westlicher Demokratien eingesetzt wird: Propaganda, Fake News, Beeinflussung politischer Eliten, all das Handwerkzeug, das nur ein Ziel vor Augen hat – Disruption. Leider beschränkt sich der Einfluss der Genannten nicht auf ein russisches Dorf.

Schon der Religionsphilosoph Nikolaj Berdjajew bezeichnete diesen Mammutroman bereits kurz nach der Oktoberrevolution als ein Buch «nicht über die Gegenwart, sondern über die Zukunft». Die Revolutionäre des Romans würden einer «Utopie» wie einer pervertierten Religiosität anhängen, die allerdings nichts Gutes bringe, sondern nur zur Zerstörung von Freiheit und Moral führt.



Die Handlung dieses radikalen «Antirevolutionsromans»: In einem verschlafenen, fiktiven russischen Provinzstädtchen verschwören sich 1869 mehrere junge Männer, um dort ein Exempel zu statuieren. Sie wollen einen revolutionären Umsturz durchführen, der beispielhaft sein soll für andere lokale Terrorzellen, die letzten Endes so ganz Russland in Schutt und Asche legen sollen.

Die zentralen Figuren sind Nikolaj Stawrogin, ein völlig amoralischer Landadeliger, ein Mann, der wenig empfindet, dem die Gewalt und Intrigen allenfalls zur Unterhaltung – oder besser: zur Ablenkung seines Lebensüberdrusses – dienen. Und Pjotr Werchowenskij, der Sohn von Stawrogins Hauslehrer, ein Fanatiker. Er wird wesentlich auch von der Verachtung, die er gegenüber seinem Vater hegt, angetrieben – dieser, ein lebensuntüchtiger, gescheiterter Schriftsteller, lebt im wesentlich vom Geld und der Unterstützung von Stawrogins Mutter. Er hängt liberalen Ideen an und predigt von diesen nur allzu gerne, ohne jedoch irgendetwas davon in die Tat umzusetzen – es ist, als müsse sein Sohn geradezu aus Trotz einen anderen, totalitären Weg einschlagen (nicht von ungefähr bezeichnete auch Stefan Zweig Dostojewski als großen Psychologen). Spätere Interpretationen weisen darauf hin, die liberalen Ideale der Vätergeneration seien bei Dostojewski der Nährboden für die mörderische Skrupellosigkeit der Söhne. Man könnte einwenden: Es ist das Fehlen von Werten, die Orientierung bieten und Halt geben, die dazu führen, dass sich auch andere junge Leute von der Anziehungskraft zerstörerischer (Werchowenskij) und dekadenter Ideen (Stawrogin) verführen lassen.

Innerhalb weniger Wochen verwandelt die Gruppe der Revolutionäre die Stadt in ein Tollhaus. Es gibt Morde und Suizide, Streiks, Skandale und Affären. Am Ende ist alles zersprengt, die Revolution zwar gescheitert, aber auch die alte Gesellschaft in Trümmern. Das alles liest sich rasant, ein Pageturner, in dem Dostojewski vor allem auch seine große Fähigkeit, Spannung aufzubauen (und die braucht es bei über 900 Seiten) und seine Figuren psychologisch zu unterfüttern, offenbart. Nimmt der Roman im ersten Kapitel, in dem die Figuren vorgestellt werden – und es gibt eine schier unüberschaubare Anzahl davon – erst langsam Fahrt auf, so entwickelt er auf den weiteren Seiten ein unheimliches Tempo. Während die Oberschicht bei einem «literarischen Ball» feiert, streiken die Arbeiter einer Fabrik, wird ein Stadtbezirk niedergebrannt, um einen Doppelmord zu vertuschen, entbindet eine Frau ein Kind, legt ein gescheiterter Student Hand an sich, usw. – kurz, es herrscht das von den Nihilisten herbeigesehnte Chaos. Dostojewski führt uns vor Augen, wie schnell so ein Umsturz geschehen kann, wie manipulier- und lenkbar Menschen sind. Einen Ausweg aus der Misere dagegen bietet er allerdings nicht, der Roman vermittelt eine kompromisslose Hoffnungslosigkeit.

Der Erzähler, ein Beamter und mit Werchowenskijs Vater befreundet, zieht im letzten Kapitel eine bittere Bilanz:

«Und jetzt wundern sich unsere solidesten Köpfe über sich selbst: wie hatten sie damals nur so versagen, so ihre Pflicht verabsäumen können? Doch worin nun eigentlich die Unruhe unserer Zeit bestand oder wovon oder zu was es einen Übergang bei uns gab – das weiß ich nicht, und ich denke, das vermag niemand zu sagen …»

Dostojewskis Roman ist nach wie vor Mahnung und Aufforderung zugleich: Er zeigt, wie fragil Systeme sein können, wie lenkbar Menschen, wie sehr von eigenen Interessen geleitet jene Institutionen sein können, die das System eigentlich beschützen sollten. Neben den «großen» Fragen nach Gut und Böse stellt «Böse Geister» aber auch die der persönlichen Verantwortung. So ist das Buch heute vielleicht auch als Mahnung an jene zu lesen, die ihre Demokratie verteidigen möchten: Denn Demokratien sind erschütterbar, wie unsere Gegenwart zeigt. Erstmals seit zwei Jahrzehnten leben mehr Menschen auf dem Globus in einem Staat mit autokratischer Herrschaft denn in einer Demokratie. Vertreiben wir die «bösen Geister» wieder. Und sei es nur, dass jeder bei sich selbst dafür sorgt, disruptiven Kräften keinen Raum einzugestehen.