ATEF ABU SAIF: Leben in der Schwebe

„Es gibt Dinge, die uns immer wieder weit in die Vergangenheit zurückziehen und uns forttragen können, ohne dass wir begreifen, dass sie Vergangenheit sind.

Atef Abu Saif: Leben in der Schwebe, Sujet Verlag, Januar 2025

Gazastreifen, 2011: Der 62-jährige Naîm ist Inhaber eines Copy-Shops, in dem Poster von Gefallenen („Märtyrern“) produziert werden. Als er selbst durch einen Blindgänger getötet wird, entsteht zwischen seinem Sohn Salmân, der nach Jahren in Europa in den Gazastreifen zurückkehrt, und seinem Neffen Nasr eine Debatte darüber, ob Naîm ein Held oder ein Opfer ist – eine Grundsatzdebatte, die den ganzen Roman durchzieht. „Leben in der Schwebe“ zeigt die ganze Vielschichtigkeit und die Komplexität des Nahost-Konflikts aus innerpalästinensicher Perspektive. Der Roman, bereits 2014 veröffentlicht, liegt nun erstmals in deutscher Übersetzung durch Hartmut Fähndrich vor.

Fast zehn Jahre vor dem Massaker und Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem nachfolgenden Krieg entstanden, weist das Buch anhand einer Familiengeschichte auf Entwicklungen hin, die das Leben der Menschen in Gaza vor dem Kriegsausbruch prägten. „Leben in der Schwebe“ handelt von jungen Leuten mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen: Die einen entscheiden sich für politische Aktivitäten, immer verbunden mit dem Risiko, verhaftet zu werden, die anderen suchen neue Perspektiven im Ausland, wieder andere engagieren sich in NGO’s oder leiden unter der schleichenden Islamisierung der öffentlichen Politik. Vor allem aber zeigt der Roman, wie sehr das Trauma von Fluchterfahrung und Heimatverlust das Leben eines Menschen prägt, wie es gewissermaßen ist, in einem „Provisorium“ zu leben – ein „Leben in der Schwebe“.

Eine andere Dimension des Romans zeigt die politische Entwicklung unter dem Regime der Hamas: Es kommt zu heftigen Zusammenstößen zwischen der Bevölkerung des Lagers und der Gaza-Verwaltung, als einige Wohnhäuser einer überdimensionierten Moschee und einem Einkaufszentrum weichen sollen. Die Zusammenstöße zeigen den Versuch der Gesellschaft, sich gegen eine wachsende und korrupte Machtclique zu wehren, die sich nicht scheut, auch die Religion mittels mehr oder weniger Gewalt in ihre Dienste zu nehmen. Der Roman erscheint am 9. Januar 2025 im Sujet Verlag.

Atef Abu Saif, 1973 in einem Flüchtlingscamp in Dschabaliya am Gazastreifen geboren, kennt, was er schreibt, auch aus eigener persönlicher und politischer Erfahrung. Der Politik- und Sozialwissenschaftler war Sprecher der Fatah-Bewegung und als palästinensischer Kulturminister (2019 – 2024) tätig. Er lehrte Politikwissenschaften an der Al-Azhar Universität in Gaza und ist Chefredakteur für das Magazin Siyasat, herausgegeben vom Institut für öffentliche Politik in Ramallah. Als Autor veröffentlichte er bereits zahlreiche Romane, die teilweise in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Seine Romane „A Suspended Life“ (dt. „Leben in der Schwebe“) (2014) und „Hajji Christina“ (2016) standen beide 2015 und 2016 in der engeren Auswahl des International Prize for Arabic Fiction. Abu Saif verfasste während seiner Zeit im israelischen Krieg in Gaza zwei Tagebücher, in denen er über die täglichen Ereignisse berichtete („The drone eats with me” (dt. „Frühstück mit der Drohne), „Don’t look left: a genocide diary”).

Übersetzt wurde „Leben in der Schwebe“ von Dr. Hartmut Fähndrich. Er unterrichtete von 1978 bis 2014 an der ETH Zürich arabische Sprache und Kulturgeschichte und war  von 1984 bis 2010  Herausgeber der Reihe „Arabische Literatur“ im  Basler Lenos Verlag. Hartmut Fähndrich publizierte dutzende Übersetzungen aus der modernen arabischen Prosa und zahlreiche Studien zur früharabischen Biografie und zur zeitgenössischen arabischen Prosaliteratur. Er wurde mehrfach für seine Übersetzungstätigkeit ausgezeichnet,  zuletzt 2016 mit dem Schweizer Literaturpreis – Spezialpreis Übersetzung; und mit dem Sheikh Hamad Award for Translation and International Understanding (Qatar). Im Buch „Leben in der Schwebe“ enthalten ist ein informatives Nachwort von Fähndrich über die palästinensische Erzählliteratur.


Stimmen zum Buch:

Atef Abu Saif in der arte-Sendung „Twist“ (ab Min. 22:10): Vertreibung, Flucht, Krieg und Heimatverlust haben sich in die Familiengeschichte des palästinensischen Schriftstellers Atef Abu Saif, geboren im Flüchtlingslager Dschabaliya in Gaza, eingeschrieben. Das Schreiben ist seine Überlebensstrategie.

Lena Bopp spricht in der FAZ (24. April 2025) mit Atef Abu Saif über seinen Roman und das Leben in Gaza

Ein Beitrag in 3sat Kulturzeit zu „Leben in der Schwebe“ und einem Interview mit Atef Abu Saif

Atef Abu Saif im Interview beim SRF zur Kulturszene in Gaza

„Urteile erlaubt Saif sich nicht. Vielmehr macht er klar: Es ist eine erbarmungslose Maschinerie. Und: Bleiben oder gehen? Diese Frage treibt alle um in Gaza. Für alle ist sie
eine moralische Frage.“ – Claudia Kramatschek bei Deutschlandfunk Kultur

Angela Gutzeit interviewt im Deutschlandfunk den Übersetzer Harmut Fähndrich zu „Leben in der Schwebe“ und palästinensischer Literatur

„Das Anliegen des Buches (ist es), die ambivalenten Haltungen des palästinensischen Volkes zu durchleuchten und an die Möglichkeit seiner Selbstbestimmung zu appellieren, fern jeder Propaganda. Das kann nur Literatur mit ihrer Möglichkeit, ins Wohnzimmer des anderen zu schauen, und mit ihrem Vermögen, jeden einzelnen Toten in der seinem Leben gemässen Art zu betrauern.“ – Silvia Henke, „infosperber“

„Die Frage, ob Naîms Tod heldenhaft oder sinnlos war, stellt die Leser vor eine zentrale Herausforderung: Wie wird in einem Kontext von anhaltender Gewalt und politischem Widerstand die Grenze zwischen Heldentum und Opferrolle gezogen? Der Roman verweigert einfache Antworten und zeigt die Ambivalenz, die beide Perspektiven mit sich bringen.“ – Benedict Pappelbaum, lesering.de

Ein Portrait des Schriftstellers in der Schweizer Republik: „Unterwegs mit Atef Abu Saif“.


Zum Buch:

Atef Abu Saif
Leben in der Schwebe
Aus dem Arabischen von Dr. Hartmut Fähndrich
Sujet Verlag, Bremen
Erscheint am 09.01.2025
1. Auflage 2024 | 456 Seiten
Softcover mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-96202-143-6

Kontakt Verlag:

Sujet Verlag
Bornstraße 18
28195 Bremen
Tel.: +49 421 703737
E‑Mail: kontakt@sujet-verlag.de


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3 Antworten auf „ATEF ABU SAIF: Leben in der Schwebe“

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