#MeinKlassiker (26): Wenn Ruth ihren Klassiker liest, dann liest sie «Mein Michael»

Die Reihe #MeinKlassiker
Anfang 2016 startete auf dem Blog „Sätze&Schätze“, den ich damals seit drei Jahren betrieb und der inzwischen in Teilen auf diese Seite integriert wurde, die Reihe #MeinKlassiker: Zahlreiche Literaturblogger*innen, aber auch Autor*innen und andere Menschen aus der Literaturwelt stellten in Gastbeiträgen einen Klassiker vor, der sie und ihr Lesen prägte. Seither ist die Reihe, die immer wieder fortgesetzt wurde, auf eine stattliche Zahl von Beiträgen angewachsen, die durchaus ein kleines Literaturlexikon bilden. Einige der beitragenden Personen sind nicht mehr aktiv oder auch ganz von uns gegangen – aber ihre Beiträge bleiben bestehen und damit in dankbarer Erinnerung.


Ruth Justen erliest sich die Welt – diesen Eindruck konnte man auf ihrem Blog gewinnen: Dort waren kluge Rezensionen zu Romanen von Autor*innen von Afghanistan bis Weißrussland zu finden. Leider existiert dieses wunderbare Literaturarchiv nicht mehr. Die freie Journalistin und PR-Beraterin, die unter anderem auch für die Leipziger Buchmesse tätig war, steuerte zu der Reihe einen ganz besonderen Beitrag bei:

Eine Schlüssellektüre war für mich 1989 der Roman „Mein Michael“ von Amos Oz. Zunächst einmal ist der Titel irreführend. Der Roman dreht sich gar nicht um Michael. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Hannah. Denn das Buch des Autors nimmt komplett die Perspektive der jungen Frau ein. Wie kann ein Mann authentisch die Sicht einer Frau schildern? Amos Oz kann es:

„Ich schreibe dies nieder, weil Menschen, die ich geliebt habe, gestorben sind. Ich schreibe dies nieder, weil ich als junges Mädchen erfüllt war von der Kraft der Liebe und diese Kraft der Liebe nun stirbt. Ich will nicht sterben. Ich bin 30 Jahre alt und eine verheiratete Frau….“

Mit diesen Zeilen beginnt die Erzählung. Amos Oz Darstellung der jungen Liebe zwischen Hannah und Michael, des Ehelebens und schließlich der Trennung – geschrieben Mitte der 60iger Jahre – überzeugt noch heute.

Bild von beauty_of_nature auf Pixabay

Vor dem Hintergrund des (noch) geteilten Jerusalems führen die beiden ehemaligen Studenten eine freudlose Ehe in trostloser Umgebung. Genau genommen basiert die Eheschließung auf einem großen Missverständnis und dem Unvermögen, sich selbst dieses einzugestehen und die Angehörigen zu enttäuschen. Schier undenkbar scheint die Auflösung der Verlobung zu sein. Dankbar sollte man sein, nicht allein durch das Leben zu gehen.

Doch wenn man zweisam auch bloß einsam ist, so ist es eben auch keine Grundlage für eine glückliche Ehe. Eine einfache Erkenntnis? Heute vielleicht. Obwohl ich mir da auch nicht so sicher bin. Aber Mitte der 60iger Jahre wahren Scheidungen, vor allem scheinbare „grundlose“ Trennungen, keineswegs an der Tagesordnung. Denn im ganzen Buch passiert nicht ein Drama. Es gibt keinen Hass, keine Gewalt, keinen Liebhaber – die beiden Menschen waren einfach nie wirklich miteinander verbunden. Und Hannah braucht zehn Jahre, um dies zu begreifen und entsprechend zu handeln.

Sehr einfühlsam erzählt Amos Oz, wie sehr die Elterngeneration ihre Kinder zur Ehe und zu Enkelkindern drängt und wie sehr sich die jungen Menschen nach einer intakten Familie sehnen.

Bereits in diesem frühen Werk gelingt es dem Schriftsteller, die vielen Facetten der Protagonisten feinfühlig herauszuarbeiten und gleichzeitig präzise den gesellschaftlichen Rahmen zu zeichnen.

Amos Oz mag heute in aller Welt zu den berühmtesten Schriftstellern Israels gehören. Ende der 80iger Jahre, als die erste Auflage von „Mein Michael“ in Deutschland erschien, war das noch nicht so. Sein Stern ging gerade erst am deutschen Literaturhimmel auf. Warum griff ich zu diesem Buch? Im Erscheinungsjahr 1989 steckte ich gerade mitten in meinem Studium der Mediavistik und Judaistik an der Johann Wolfgang von Goethe-Universität Frankfurt am Main. So schön es war und ist, sich mit längst vergangenen Epochen zu beschäftigen, so neugierig war ich aber auch auf die jüngste Geschichte. Zumal der Roman „Mein Michael“ zu Beginn an der Hebräischen Universität in Jerusalem spielt, an der ich im Sommer 1987 einen Modernhebräischkurs besucht hatte. Meine Begeisterung für dieses Buch ist also nicht nur im Werk selbst begründet. Der Roman berührt an vielen Stellen meine eigene Biografie.

Ruth Justen