#MeinKlassiker (2): Jürgen Bauer über «Die Niederlage»

Die Reihe #MeinKlassiker
Anfang 2016 startete auf dem Blog „Sätze&Schätze“, den ich damals seit drei Jahren betrieb und der inzwischen in Teilen auf diese Seite integriert wurde, die Reihe #MeinKlassiker: Zahlreiche Literaturblogger*innen, aber auch Autor*innen und andere Menschen aus der Literaturwelt stellten in Gastbeiträgen einen Klassiker vor, der sie und ihr Lesen prägte. Seither ist die Reihe, die immer wieder fortgesetzt wurde, auf eine stattliche Zahl von Beiträgen angewachsen, die durchaus ein kleines Literaturlexikon bilden. Einige der beitragenden Personen sind nicht mehr aktiv oder auch ganz von uns gegangen – aber ihre Beiträge bleiben bestehen und damit in dankbarer Erinnerung.


Mit seinen bisherigen Romanen, alle erschienen im Septime Verlag, hat sich der Schriftsteller und Kulturjournalist Jürgen Bauer  eine treue Lesergemeinde geschaffen. Im Jahr 2013 erschien sein Debütroman Das Fenster zur Welt im Septime Verlag, mit seinem dritten Roman, Ein guter Mensch, schaffte er den Sprung über die österreichischen Grenzen und wurde im gesamten deutschsprachigen Raum rezipiert. Mit Portrait, erschienen 2020, gelang der erste Bestseller eines österreichischen Autors im Septime Verlag. 2024 erschien sein fünfter Roman STYX. Mehr Information hält der Autor auf seiner Homepage bereit: http://www.juergenbauer.at/

Seien wir ehrlich. Der sogenannte „Kanon“ ist meist die Entsprechung Donald Trumps in der Literaturszene: weiß, männlich, heterosexuell. Zwar hat man irgendwann akzeptiert, dass es da draußen auch noch andere Identitäten gibt – so genau kennenlernen möchte man diese jedoch nicht. Zugegeben: das ist überspitzt (aber nur ein wenig). Vielleicht sollte man deshalb im Kampf gegen eine solche Einschränkung statt von Literatur vielmehr von Literaturen sprechen. Eine dieser Literaturen ist jene, die sich mit queerem Leben auseinandersetzt und das weite Feld der LGBT-Identitäten zwischen zwei Buchdeckeln abbildet. Doch in Literaturlisten, Klassikeraufzählungen und Literaturkanons fehlen deren Meisterwerke fast immer. Dezidiert schwule oder lesbische Literatur? Fehlanzeige. Ganz allein ist die Literatur in diesem Scheuklappendenken nicht. „Wenn in einer Szenenanweisung steht: Ein Mensch betritt die Bühne, hat man automatisch einen weißen heterosexuellen Mann vor Augen“, hat der Regisseur René Pollesch einmal gesagt. Und zu Händl Klaus‘ Film „Kater“ titelte eine Zeitung vor kurzem: „Ein Menschenfilm, kein Schwulenfilm.“ Man versteht die Intention und denkt trotzdem: Sind Schwule denn keine Menschen? Gut gemeint – immer noch das Gegenteil von gut.

Charles Jacksons Roman „The Fall of Valor“, erschienen 1946, hat vermutlich auch aus diesen Gründen bis heute nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die er verdient. Immer noch ist er weit weniger bekannt als Jacksons Alkoholiker-Roman „Das verlorene Wochenende“, dabei steht er diesem von Billy Wilder verfilmten Werk in Qualität, Stil und Kraft in nichts nach. Worum es geht? Um einen unglücklich verheirateten New Yorker Literaturprofessor, der im Kriegssommer 1943 Urlaub auf der Insel Nantucket macht und sich dort in einen jungen Offizier verliebt, sich jedoch erst nach und nach seinen Gefühlen stellt. Gefühlen, die im Amerika der Zeit verpönt sind. Ein gewagtes Thema also und einer der ersten in den USA publizierten Romane, der Homosexualität ganz zentral zum Thema macht und das Gefühlsleben seines Protagonisten ernst nimmt. Immerhin kannte der Autor sein Thema hautnah, haderte er doch selbst lange mit seiner Homosexualität. Schon als intime Seelenstudie ist der Roman also eine Wucht, doch Jackson geht darüber noch hinaus. „The Fall of Valor“ ist Zeitportrait, ist Auseinandersetzung mit Krieg und Tod, mit der Sehnsucht nach Jugend und Schönheit. Er ist die amerikanische Variante von Thomas Manns „Tod in Venedig“, quasi Tod in Nantucket. Ein Meilenstein also.

Image by wal_172619 from Pixabay

Und doch blieb der ganz große Erfolg bis heute aus, die Kritik der Zeit war sowieso gespalten. Zwar wurden um die 75.000 Hardcover-Exemplare und 291.000 Taschenbücher des Romans verkauft, doch zum Klassiker fehlt ihm schlicht die breite Bekanntheit. Erst 2016 erschien die deutsche Übersetzung von Joachim Bartholomae unter dem Titel „Die Niederlage“ beim Männerschwarm-Verlag. Nur zum Vergleich: Die Neuübersetzung von Jacksons „Das verlorene Wochenende“ im Dörlemann Verlag wurde von beinahe alle großen Zeitungen rezensiert. „Die Niederlage“? Meist Fehlanzeige, siehe oben. Dabei hat es dieser Roman verdammt nochmal verdient, endlich zum Klassiker werden. Warum? Weil er – ganz einfach gesagt –so geistreich-witzig und so berührend ist, dass er jede Leserschaft bereichert. Schwul oder nicht.

Jürgen Bauer
http://www.juergenbauer.at/