„Ausweitung der Kampfzone“, 1994 in Frankreich herausgekommen, 1999 dann bei Wagenbach, ist der Debütroman des französischen Skandalautors. Mit 155 Seiten ein überschaubares Werk, jetzt gut geeignet, mir wieder vor Augen zu führen, was mir einst an Houllebecq gefiel, ja, wenn nicht geradezu anzog, mittlerweile aber ein Gefühl von Ennui verursacht.
Ennui als ein vorübergehendes Symptom ist verkraftbar, da vorübergehend, ihre große Schwester, das Taedium vitae dagegen von einem ganz anderen Kaliber. Dieses Gefühl des Lebensüberdrusses ist es jedoch, das alle Romane, die ich von Michel Houllebecq las, durchzieht, ein Werk getränkt von Absage an alles, was der Menschheit auch irgendwie nur Hoffnung oder „Heil“ verspräche: Adieu alle politischen und gesellschaftlichen Programme, Marxismus, Kommunismus, Demokratie, Feminismus, Psychoanalyse, bäh 68er in ihrer Naivität, adieu, adieu, bonjour tristesse.

Der Untergang des Abendlandes oder zumindest das Ende der Aufklärung als literarisches Programm, weil der Mensch im Grunde ein Tier ist, das in Freiheit nicht sinnvoll leben kann. In „Ausweitung der Kampfzone“ ist dieses alles bereits angelegt: Ein namensloser EDV-Ingenieur, 30 Jahre alt, ohne familiäre oder freundschaftliche Beziehungen, auch ohne Lebensplan oder Ziel, befindet sich mit einem Kollegen auf einer beruflichen Tour durch die Provinz. Jener Kollege – als abgrundtief häßlich geschildert, gar als „krötenhaft“ bezeichnet – leidet an seiner Chancenlosigkeit bei den Frauen.
Die Saat des Bösen: Inhalt von „Ausweitung der Kampfzone“
Während eines frustrierenden Discoabends animiert der Ich-Erzähler (der gelegentlich aus eigenen zynischen Tierfabeln zitiert) den Kompagnon zu einem Sexualmord – die Tat bleibt ungetan, der potentielle Mörder kommt noch in derselben Nacht bei einem Autounfall ums Leben. Potentiell, denn die Saat des Bösen wäre gelegt gewesen, nur einmal noch blieb das Messer stecken, siegte die übernommene (und bereits überkommende?) Moral.
Der Ich-Erzähler befindet sich dann schon längst auch auf einer Abwärtsspirale, verbringt eine Nacht am Bahnhof von Lyon unter Junkies, geht dann in die Psychiatrie, wo eine depressive Erkrankung festgestellt wird. Wie es mit ihm weitergeht, bleibt offen.
„Ich verließ die Klinik an einem 26. Mai; ich erinnere mich an die Sonne, die Wärme, die Atmosphäre der Freiheit auf den Straßen. Es war unerträglich.“
„Ausweitung der Kampfzone“ bedeutet: Alles ist ein Markt, alles den Gesetzen des Marktes, des „freien“ Spiels der Kräfte unterworfen. Der Mensch als Ware, Sexualität als Produkt, als erweiterte Kampfzone. Wer hier überleben will, als Sieger aus dem Spiel hervorgehen möchte, der hat Leistung zu erbringen. Verlierer ist, wer ohne Kontakte bleibt, bei Houellebecq hat man da bereits von vornherein das falsche Los gezogen, bleibt außen vor. Lupus est homo homini – Problem nur: Selbst wenn der Mensch einen anderen Mensch erkennt, führt dies nicht zur Menschlichkeit, die Protagonisten verharren in einem autistischen Modus oder im tierischen Spiel der Mächte, fressen oder gefressen werden, selbst ein Schwacher treibt den noch Schwächeren zum Wahnsinn (da fast bis zum Mord), Mitgefühl, Empathie, Solidarität sind menschliche Werte, die keinen Raum einnehmen.
Die kalte Kritik an der westlichen Zivilisation
Als Kritik am Neoliberalismus haben mich die Bücher Houellebecqs vor mehr als zehn Jahren gepackt und fasziniert: So kalt und grausam geschildert, so pointiert, habe ich ein Abbild einer Welt und unserer westlichen Zivilisation zuvor nicht gelesen. Die Befindlichkeit einer Gesellschaft, die zwischen absoluter Pluralität und individueller Verlorenheit pendelt: Scheinbar geht alles und doch weiß der Mensch an sich damit wenig anzufangen. Diese grenzenlose Freiheit – die Sexualität ist bei Houellebecq dafür die geeignete Metapher – die sich in spießiger Dekadenz, in Orientierungslosigkeit und Einsamkeit erschöpft. Zumal „Freiheit“, „Pluralismus“ etc. Gängelbändel sind, dem Einzelnen Wahlmöglichkeiten nur vorgetäuscht werden, Entscheidungsfreiheit als politische Fata morgana. Dies in nüchterner, präziser Sprache geschrieben, in wenigen Seiten verdichtet, macht die Qualität dieses Debütromans aus. Dazu ironische Seitenhiebe auf die Literatur:
„Das fortschreitende Verlöschen menschlicher Beziehungen bringt für den Roman allerdings einige Schwierigkeiten mit sich. Wie soll man es anstellen, diese heftigen Leidenschaften zu erzählen, die sich über mehrere Jahre erstrecken und deren Wirkungen manchmal über Generationen hinweg spürbar sind? Von den Sturmhöhen haben wir uns weit entfernt, das ist das mindeste, was man sagen kann. Die Romanform ist nicht geschaffen, um die Indifferenz oder das Nichts zu beschreiben; man müßte eine plattere Ausdrucksweise erfinden, eine knappere, ödere Form.“
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Das ist die Ironie: Seit seinem Debütroman 1994, dem dieses obige Zitat entnommen ist, schreibt Houellebecq Roman um Roman über: Das Nichts. „Unterwerfung“, so habe ich aus manchen Kritiken geschlossen, ist nicht mehr oder weniger als eine dystopische Variation davon. Eine Satire auf den Untergang tradierter Werte und Gesellschaftsformen. Nach dem dramatischen zeitlichen Zusammentreffen des Erscheinen des Romans und der Pariser Anschläge war die mediale Hysterie groß: Was darf ein Roman? Wo liegen die Grenzen? Dazu schrieb Nils Markwardt eine sehr intelligente Reflektion: „Moral ist der falsche Maßstab“.
Darf Literatur alles?
D`accord. Literatur darf alles, muss nichts – insofern kostet Houellebecq den Pluralismus, den er oftmals so schwarz zeichnet, als Autor bis zur Neige und Schmerzgrenze aus. Es liegt dagegen in meiner alleinigen Entscheidung als Leser, welche Dosis davon ich zu mir nehme. Und auch dazu finde ich bei Markwardt einige Sätze, die ich unterstreichen kann, die im Grunde der Grund sind, warum ich mich inzwischen lesend von Michel Houellebecq verabschiedet habe:
„Man kann in Unterwerfung, so wie eigentlich auch bei fast allen anderen Romanen Houellebecqs, eine Reihe von Dingen ärgerlich, platt oder ermüdend finden. Beispielweise den quengeligen Vulgär-Nietzscheanismus oder die immer gleiche, abgegriffene Zivilisationskritik, die erkenntnistheoretisch nicht über das Lamento eines frustrierten Kneipenphilosophen hinauskommt.“
Adieu, tristesse. Denn Kritik ist gut, aber Erkenntnis ist besser – aber was letzteres anbetrifft, da bietet mir der traurige Nörgler zuwenig Gewinn.
Wer ist Michel Houellebecq? Ein Kurzporträt des Skandalautors
Um die radikale Zivilisationskritik in „Ausweitung der Kampfzone“ vollends zu verstehen, lohnt ein Blick auf die Vita des Autors. Michel Houellebecq (eigentlich Michel Thomas, geboren 1956 oder 1958 auf der Insel Réunion) gilt heute als der weltweit bekannteste und gleichzeitig umstrittenste französische Schriftsteller der Gegenwart.
Interessanterweise spiegelt sein Debütroman in weiten Teilen seine eigene Biografie wider: Houellebecq absolvierte ein Studium der Agrarwissenschaften und arbeitete in den 1980er-Jahren jahrelang als Informatiker und EDV-Mitarbeiter unter anderem im französischen Landwirtschaftsministerium. Nach persönlichen Krisen, einer Scheidung und Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken verarbeitete er diese lähmende Tristesse und den Lebensüberdruss direkt in der Figur des namenlosen EDV-Ingenieurs seines Debüts.
Wichtigste Werke und Auszeichnungen:
- 1994: Ausweitung der Kampfzone (Literarischer Durchbruch in Frankreich)
- 1998: Elementarteilchen (Internationaler Bestseller und endgültiger Durchbruch)
- 2010: Erhalt des Prix Goncourt (Frankreichs wichtigster Literaturpreis) für den Roman Karte und Gebiet
- 2015: Unterwerfung (Dystopischer Roman über ein islamisches Frankreich, erschienen am Tag des Anschlags auf Charlie Hebdo)
Houellebecq inszeniert sich seit jeher meisterhaft als literarisches Enfant terrible und scharfzüngiger Provokateur. Seine Romane fungieren wie soziologische Sezierungen, die regelmäßig gesellschaftliche Debatten über Religion, Neoliberalismus, die sexuelle Befreiung und den moralischen Verfall des westlichen Abendlandes auslösen.
