MICHAL AJVAZ: Passagen unter Glas

Nach dem großen Erfolg der deutschen Erstübersetzung von „Die andere Stadt“ bringt der Allee Verlag München nun mit „Passagen unter Glas“ den jüngsten Roman von Michal Ajvaz, der 2024 auf Tschechisch erschienen ist, heraus. Erneut von Verlegerin Veronika Siksa übersetzt, ist dies der zweite Roman aus Michal Ajvaz’ Gesamtwerk im Allee Verlag.

Der Erzähler wird Zeuge einer seltsamen, fast symmetrischen Begegnung: Zwei Männer laufen in einer Leipziger Passage aufeinander zu und tauschen identisch aussehende Taschen aus. Als er sie später in einem Café sitzen sieht, gesellt er sich – neugierig geworden – hinzu.

Wer diesen philosophischen Künstlerroman, dieses formstrenge wie zugleich verschwenderisch verzierte Bauwerk zur Hand nimmt, auf den warten in Gestalt von gekonnt miteinander verbauten Binnenerzählungen Seitenflügel mit tausenden Kammern und Nischen, jede überwältigend in ihrer Wirkung und doch getragen von ruhiger Souveränität. Großthema ist die Entstehung von Kunst aus dem Nichts; bei dieser wilden Kamerafahrt durch den menschlichen Geist dürfen sich Lesende selbst beim Denken zuschauen, sich von fließenden Metamorphosen in einen Flow hineinreißen lassen, sich dem Wuchernden und der sinnlichen Wucht hingeben. Dabei werden sie Zeugen einer interessanten Juxtaposition: Gegenstände, Gewächse und glitzernde Oberflächen sehen sich von ihrer vermeintlichen Banalität erlöst und wirken oft lebendiger als die aus der Masse bewusst nicht ausscherenden Menschen.

Prägnante Solo-Rollen haben etwa ein namenloser Roboter oder aber ein Einzelgänger namens Angelo inne; ihren Szenen wird auch ein Übermaß an geradezu sentimentaler Intensität zuteil. Auf diese müssen die meisten menschlichen Handlungsträger verzichten, nicht zuletzt ein deutlicher Wink in Richtung KI. Frei nach dem u. a. von Michel Foucault geadelten Vor-Surrealisten Raymond Roussel werden nach dessen Bauprinzip, einer klanglich-assoziativen Methode, aus dem Vornamen Andrée der Andréide (Roboter), aus E. T. A. Hoffmann wird Hugo von Hofmannsthal. Angelos Idiotie steht (ähnlich Dostojewskis Der Idiot) für die Geschichte eines vermeintlichen Defekts, der mangels konventioneller Wertungsschemata Freiheit im Kopf erst ermöglicht, aber in seiner Naivität auch tragikomische Züge aufweist. Zahlreiche surrealistische Elemente wie z. B. ein fliegendes Auge (Odilon Redon) vervollständigen das Bild.

Wer sich auf diesen Roman einlässt, dem schwinden mit größtem Erkenntnisgewinn sämtliche seiner Sinne; am Ende werden ganze Passagen der wahrnehmbaren Welt nicht mehr die gleichen sein.


Zum Autor:

Michal Ajvaz (*1949 in Prag) studierte Tschechisch und Ästhetik an der Karls-Universität Prag und promovierte über Richard Weiner und Karel Čapek. Während des kommunistischen Regimes lebte er in »innerer Emigration« und arbeitete in verschiedenen Berufen, bevor er 1994 freier Autor wurde. Seit 2003 ist er zudem als Wissenschaftler am Zentrum für theoretische Studien der Akademie der Wissenschaften und der Karls-Universität tätig. Seine Gedichte, Romane, Essays und Studien sind in 24 Sprachen übersetzt.

Auszeichnungen:
Longlist Magnesia-Litera-Preis für Passagen unter Glas (2025)
Tschechischer Staatspreis für Literatur (2020)
Prix Utopiales (2015)
Magnesia-Litera-Preis (2012)
Jaroslav-Seifert-Preis (2005)

Bild: David Konecny


Übersetzung & Verlag:

Veronika Siska (*1976) studierte französische Sprache und Kultur an der Sorbonne in Paris, anschließend Neuere deutsche Literatur und Slawistik in München und Prag. Sie war viele Jahre in der Redaktion des Biographischen Lexikons zur Geschichte der böhmischen Länder tätig. Seit 2000 arbeitet sie als freiberufliche Übersetzerin und Lektorin. Als Kulturvermittlerin organisiert sie seit 2022 Lesereihen. 2024 gründete sie den Allee Verlag für europäische Literatur in deutscher Übersetzung.

Der 2024 gegründete Allee Verlag in München veröffentlicht literarische Stimmen aus ganz Europa, deren Sprachen und Perspektiven im deutschsprachigen Raum unterrepräsentiert sind. Er steht für Bücher, die kulturelle Vielfalt erfahrbar machen, vermeintliche Ränder ins
Zentrum rücken und literarische Grenzen ausloten.


Zum Buch:

Michal Ajvaz
Passagen unter Glas
Roman
Aus dem Tschechischen von Veronika Siska
456 Seiten | Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
22,1 × 14,2 cm
€ 30,00 [D] | € 30,90 [A]
ISBN 978-3-911524-09-4 | Auch als E-Book erhältlich
Erscheinungstermin: 9. März 2026


Downloads & Informationen:

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