
Aktualisiert am 19.10.2025
Was lief nicht rund in diesem Land, wo sie alles hatten?
Die Männer waren groß und stark, gesund, sauber und im Allgemeinen fröhlich. Die Frauen waren fast ausnahmslos hübsch. Die Kaufhäuser quollen vor Waren über und die Wohnungen waren die komfortabelsten der Welt, an jeder Straßenecke gab es ein Kino, man sah nie einen Bettler und das Elend schien hier unbekannt.
Der Einbalsamierer finanzierte ein Musikprogramm im Rundfunk, und die Friedhöfe waren herrliche Parkanlagen, bei denen man nicht das Bedürfnis hatte, sie mit Mauern und Gittern zu umgeben, als ob man sich vor seinen Toten fürchtete.„
Georges Simenon, “Maigret in Arizona”, 1949
Zu der Zeit, als Simenon “Maigret in Arizona” schreibt, lebt der Belgier selbst in den USA. Und anders als sein Kommissar kann er sich mit dem “american way of life” ganz gut anfreunden, erwägt sogar die endgültige Übersiedlung. Erst unter dem Eindruck der McCarthy-Hetze gegen Intellektuelle kühlt seine Begeisterung ab.
Dennoch ist die amerikanische Zeit eine der produktivsten des ohnehin schon produktiven Vielschreibers. Während der zehn amerikanischen Jahre von 1945 bis 1955 schreibt er 21 Romane und etliche Erzählungen – allerdings spielen nur zwei der Maigret-Bücher in den Vereinigten Staaten: “Maigret in New York” und “Maigret in Arizona”.
Welten stoßen aufeinander
Insbesondere der Arizona-Trip des Kommissars fasziniert – da stoßen Welten aufeinander: Der Mann vom Kontinent, Pariser Leben gewöhnt, in der Provinz der „Neuen Welt“. Auf einer Studienreise durch die USA wird Maigret Zuhörer bei einer gerichtlichen Voruntersuchung: Nach einer durchzechten Nacht landen fünf junge Männer vor Gericht – die 17jährige, die bei ihnen war, wird zunächst mitten in der Wüste zurückgelassen und später auf den Bahngleisen von einer Lokomotive erfasst. Ungewiss ist, ob es sich um einen Unfall handelt oder um Mord. Maigret ist zur Untätigkeit verurteilt, zum Beobachten verdammt: Ein Zustand, der die Laune des ohnehin schon brummigen Bären nicht aufhellt.
Und so, angesichts der begrenzten Möglichkeiten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, hadert Maigret mit Gott und der Welt – vor allem also mit dem Lebensstil, den er beobachtet. In diesen Beobachtungen liegt die Stärke des Romans, der als der “antiamerikanischste Roman” Simenons bezeichnet wurde, gar als bittere Abrechnung mit dem Gastgeberland. Maigret schaut auf die saubere Fassade und erkennt die Doppelmoral: Prostitution ist offiziell verboten, über Geschlechtsverkehr oder gar die Möglichkeit einer Vergewaltigung wird vor Gericht nicht gesprochen. Ebenso ist alles auf Funktionalität und Wettbewerb ausgerichtet – doch die Leere des Lebens allabendlich in Kneipen oder Clubs ertränkt. Der massive Alkoholkonsum scheint das Einzige zu sein, was sowohl Verdächtige als auch Cops in der Wüste Arizonas über Wasser hält – er ist das Ventil in einer Welt, die zur Funktionalität verdammt ist.
Bei Wikipedia zu diesem Roman:
Maigret in Arizona (französisch: Maigret chez le coroner) ist ein Kriminalroman des belgischen Schriftstellers Georges Simenon. Er ist der 32. Roman einer Reihe von insgesamt 75 Romanen und 28 Erzählungen um den Kriminalkommissar Maigret. Der Roman entstand vom 21. bis 30. Juli 1949 in Tucson, Arizona, und wurde im Oktober 1949 vom Pariser Verlag Presses de la Cité veröffentlicht. Die erste deutsche Übersetzung von Jean Raimond publizierte 1957 Kiepenheuer & Witsch unter dem Titel Maigret in Arizona. Im Jahr 1981 gab der Diogenes Verlag eine Neuübersetzung von Wolfram Schäfer unter dem Titel Maigret beim Coroner heraus, die ab 1991 ebenfalls als Maigret in Arizona erschien.
Im Anschluss an seine Übersiedlung nach Amerika im August 1945 ließ sich Simenon nach Aufenthalten in New York, Kanada und Florida im Juni 1947 in Arizona nieder, zuerst in Tucson, später im nahegelegenen Tumacacori. In all seiner Zeit in Nordamerika schrieb Simenon 21 Romane und 5 Erzählungen der Maigret-Reihe, doch nur zwei davon spielen tatsächlich auf dem amerikanischen Kontinent: Maigret in New York, wo den pensionierten Kommissar ein privater Ermittlungsauftrag nach New York führt, und Maigret in Arizona, wo ein noch in Diensten der französischen Polizei stehender Maigret zur Weiterbildung nach Amerika reist. Laut Murielle Wenger dienten die beiden Romane ebenso wie der spätere Band Maigret, Lognon und die Gangster, in dem der Kommissar über eine Bande amerikanischer Gangster triumphiert, dem Autor Simenon dazu, persönliche Rechnungen mit seinem Gastgeberland zu begleichen. Jack Edmund Nolan spricht von Maigret in Arizona gar als einem „besonders antiamerikanischen Roman“.
Übersetzt von Mirjam Madlung und Jean Raimond kam der Roman inzwischen auch beim Kampa Verlag heraus.
