
Marc Richter vom Blog „Lesen macht glücklich“ ist immer für eine Überraschung gut. So zog er auch bei #VerschämteLektüren keinen unterirdischen Kitschroman, keine Schmonzette oder ein gar seltsames Kinder- oder Jugendbuch aus dem Hut, sondern überrumpelte uns mit Günter Grass. Und auch bei #MeinKlassiker geht Marc andere Wege, als erwartet – lest hier, womit er uns diesmal glücklich macht:
Birgit von „Sätze und Schätze“ hat wieder aufgerufen zu einem Thema zu schreiben. Diesmal geht es um Klassiker und ganz speziell um DEN Klassiker, der im eigenen Bücherkanon als solcher verortet ist. Da mich die Texte zu diesem Thema bisher sehr interessierten und ich auch sonst bei den Aktionen, die Birgit startet, gerne mitmache, steuere auch ich zu dieser Rubrik etwas bei. Aber ganz nach meinem Credo: Werfe alles über den Haufen, was unter der Definition Klassiker läuft und wie diese Rubrik aufzufassen ist, werde ich in diesem Text ein Buch in den Vordergrund rücken, welches in der jüngeren Vergangenheit erschienen ist, keinen politischen, keinen zeitgenössischen oder überhaupt einen Hintergrund aufzuweisen hat, der ernsthafter Literatur zu eigen ist. Es ist einfach eine Geschichte, die sich um das Überleben der Menschheit dreht und die mich so in ihren Bann gezogen hat, dass diese Geschichte für immer in meinem Kopf festzementiert sein wird. Er ist der Autor, bei dem immer wieder der Streit ausbricht, ob das überhaupt ernstzunehmendes Schreiben ist, welches er betreibt. Ich finde, es ist ernst zu nehmen und wer diesen Autor unterschätzt, macht etwas verkehrt. Es geht um Stephen King und das Buch, welches ich in dieser Reihe als ungewöhnlichen Gast sehe, ist „The Stand – Das letzte Gefecht“.
14, ein Alter, in dem die meisten Menschen schon den einen oder anderen Klassiker unter der Jugendliteratur gelesen haben. Ich dagegen habe Jules Verne links liegen gelassen, Karl Mays Winnetou verstaubte in meinem Regal und vom Räuber Hotzenplotz hatte ich nur mal so im Entfernten etwas gehört. Wer jetzt meint, ich hätte bücherseitig gesehen eine arme Jugend beziehungsweise Kindheit gehabt, der irrt (kleine Anmerkung: Ich hole jetzt alles über meine eigenen Kinder nach!). Es hat mich zum damaligen Zeitpunkt einfach nicht interessiert. Ich habe Bücher aus dem seichten Fantasybereich gelesen und diese dann auch gerne mehrmals.
Ein erstes Mal lief mir Stephen King mit seinem Buch „Es“ vor die Augen. Alle sprachen darüber. Über den wohligen Grusel, den die Geschichte um den Clown Pennywise auslöste. Ich fand keinen Zugang zu diesem Werk und hatte mit Stephen King in dem Moment eigentlich schon abgeschlossen. Zu umfangreich, zu langatmig, zu detaillierte Beschreibungen. Das sind alles Faktoren, die mich damals störten und die ich heute an seinem Schreiben so schätze. Dann, im schon angesprochenen Alter, war ich mit meinen Eltern in Stuttgart (schon komisch, wie sich bei speziellen Büchern einbrennt, WO man sie gekauft hat und in welchem Zusammenhang) und da in einer dieser riesigen Einkaufstempel unterwegs. Dort lachte mich in schmutzigem Gelb die ungekürzte Ausgabe des Buches „The Stand“ an. Ich schaute mir an, um was es in dieser Geschichte geht und war Feuer und Flamme, es mit Herrn King noch einmal zu probieren. Der erste Anlauf ging in die Hose, denn nach faszinierend temporeichen Start ging es wieder in die schon beschworene Langatmigkeit und Vielbeschreiberei über, die mich wieder einmal unendlich langweilte. Das Buch wurde beiseitegelegt und fast vergessen, bis zu einem erneuten Leseanlauf. Und diesmal klappte es, ich überwand mich, nahm mir stückchenweiße diesen dicken Brocken vor (auf Deutsch zirka 1200 Seiten) und las ihn innerhalb von zwei Wochen aus.
Doch was macht das Buch nun in meinen Augen zu einem der modernen Klassiker der Weltliteratur? Und warum ausgerechnet dieses Buch und nicht das um einiges öfter genannte „Es“? Zum einen, weil es hier um den uralten Kampf von Gut gegen Böse geht. Eigentlich der klassischste aller Konflikte. Auf jeder dieser zwei Seiten sammeln sich Personen, um einem großen Wortführer zu folgen, die ihre Armeen in die letzte Schlacht um die Menschheit schicken werden. Entweder geht die Menschheit dabei vollends vor die Hunde oder die Menschlichkeit wird bewahrt. Das, was heute in Endzeitfilmen oder Serien wie zum Beispiel „The Walking Dead“ bis ins Kleinste durchzelebriert wird, erschafft King in einem einzigen Buch. Man mag einwenden, dass es sprachlich nichts zu bieten hätte oder einfach zu viele Wörter für so wenig Inhalt verwendet werden. Doch das stimmt in diesem speziellen Fall nicht, denn King versteht es, ein komplexes Ensemble zusammenzuhalten und diesen Figuren mit einer bildlichen, umfangreichen Sprache Tiefe zu verleihen. Und das ist der zweite Grund, warum „The Stand“ für mich neben all den zeitgenössischen Büchern ein moderner Klassiker der Literatur ist. Man kann sich mit den einzelnen Persönlichkeiten auf die eine oder andere Art identifizieren, kann ihre Handlungen unter den gegebenen Umständen nachvollziehen, bringt ihnen entweder Sympathie oder wünscht ihnen die Pest an den Hals. Außerdem ist es auch noch spannend geschrieben und beschreibt ein ungewöhnliches Szenario so, dass man es sich jederzeit auch in der Wirklichkeit vorstellen könnte.
Insgesamt war dieses Buch ein Wegweiser für mich, denn ich bin mit diesem Werk den komplexen, dicken Büchern verfallen und hatte lange Zeit ein Misstrauen gegenüber den Geschichten, die weniger als 400 Seiten brauchten, um etwas zu erzählen. Stephen King im Speziellen habe ich somit zu einem Zeitpunkt in mein Leben gelassen, in dem andere schon lange wieder aufgegeben haben, diesem Autor die Stange zu halten. Ein Fehler, wie sich aktuell zeigt, denn sein Alterswerk strotzt nur so vor ungewöhnlich guten Werken und ich finde, er wird im Alter sogar besser und sollte in einem Atemzug mit anderen großen amerikanischen Autoren genannt werden. Nicht nur, weil er ein Werk in erstaunlicher Zahl vorzuweisen hat, sondern, weil er auch gut schreiben kann.
P.S.: M-O-N-D
Marc Richter
https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/
