Friedrich Hölderlin – Heimkunft

Heimkunft erschien 1802 erstmals in „Flora. Teutschlands Töchtern geweiht von Freunden und Freundinnen des schönen Geschlechts“.

Bild von Th G auf Pixabay

Freilich wohl! das Geburtsland ists, der Boden der Heimat,
Was du suchest, es ist nahe, begegnet dir schon.
Und umsonst nicht steht, wie ein Sohn, am wellenumrauschten
Tor‘ und siehet und sucht liebende Namen für dich,
Mit Gesang ein wandernder Mann, glückseliges Lindau!
Eine der gastlichen Pforten des Landes ist dies,
Reizend hinauszugehn in die vielversprechende Ferne,
Dort, wo die Wunder sind, dort, wo das göttliche Wild
Hoch in die Ebnen herab der Rhein die verwegene Bahn bricht,
Und aus Felsen hervor ziehet das jauchzende Tal,
Dort hinein, durchs helle Gebirg, nach Komo zu wandern,
Oder hinab, wie der Tag wandelt, den offenen See;
Aber reizender mir bist du, geweihete Pforte!

Friedrich Hölderlin, „Heimkunft“, Auszug aus der 4. Strophe.

Lindau, Pforte des Landes, Pforte zum See, den die Einheimischen gerne auch das „schwäbische Meer“ nennen. Hölderlin ging beim Anblick des Hafens das Herz auf, Mörike schwärmte von der vergnüglichen Stadt, Michel de Montaigne mochte das Essen. Und auch für mich seit meiner Kindheit ein Sehnsuchtsort, ein Ort zur Seelenbaumelei.

Eduard Mörike – Gebet

Seine Mitte, die musste der schwäbische Landpfarrer Eduard Mörike immer wieder erringen. Das Gebet darum erschien erst 1848 in vollständiger Fassung.

Bild von TheoLeo auf Pixabay

Gebet

Herr! schicke, was Du willst,
Ein Liebes oder Leides;
Ich bin vergnügt, daß Beides
Aus Deinen Händen quillt.

Wolltest mit Freuden
Und wolltest mit Leiden
Mich nicht überschütten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

Eduard Mörike, 1867

„Die Welt im Rücken, werde ich nicht aufgeben. Die Hoffnung heißt: nie wieder manisch werden. Aber es mag mich noch einmal umhauen und hinaustragen, dann als quallig knochenloses Etwas heranspülen. Ich werde mir die Knochen schon wieder erarbeiten. Sollte ich eine weitere Manie haben, möge mir jemand dieses Buch in die Hand drücken. Sollte ich wieder dem Wahn verfallen, werde ich es als Schicksal hinnehmen. Ich meinte schon nach der zweiten Manie, eine dritte würde ich nicht überleben. Habe ich aber. Würde ich wieder. Ich mag mich wieder umbringen wollen, irgendwann. Dann werde ich dennoch weiterleben.
Dann werden diese Zeilen wie ein Gebet sein.“

Thomas Melle, „Die Welt im Rücken“, 2016.

Das Buch von Thomas Melle habe ich in den vergangenen Tagen zu Ende gelesen. Ob ich eine Rezension hier schreibe, weiß ich nicht. Derweil verweise ich auf den klugen Text bei Frank O. Rudkoffsky : „Durch die Tage fetzen, irrlichtern.“
Im Grunde kann man Franks Rezension nichts mehr hinzufügen. „Die Welt im Rücken“: Ein sprachlich, stilistisch beeindruckender Text. Und alles andere als Befindlichkeitsliteratur, auch wenn Thomas Melle eben über eine – seine manisch-depressive Erkrankung – schreibt: Da ist keine Koketterie, keine falsche Sentimentalität, kein falscher Ton zu finden. Melle erweist sich als der souveräne Erzähler, dem mit diesem Buch auch eines gelingt – er erschreibt sich die Souveränität über sein Leben zurück, über das diese Krankheit immer wieder die Herrschaft übernahm.
Und ich schließe mich den auf einigen Blogs bereits ausgesprochenen Wünschen an: Ich erhoffe mir für dieses Buch viele Leser.

Literarische Orte: Mit Mörike und Hesse am Blautopf

Rund 22 Meter geht es nach unten, dann erreichen Taucher über die Blautopfhöhle den Einstieg in ein grandioses Höhlensystem.

Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

’S leit a Klötzle Blei glei bei Blaubeira, glei bei Blaubeira leit a Klötzle Blei.

Nun, da der Frühling erste zartesblaueste Bändchen flattern lässt, ganz, ganz zarteralszartblaue noch, zog es mich in die Natur. Sämtliche Mutterbusen-Metaphern erspare ich mir und den Lesern: Dafür ist die Schwäbische Alb viel zu harsch und herb gebaut. Kindheitsgefühle werden hier wach: Als meine Eltern noch jung und klamm waren, die Hypothek für das Fertighaus und den Kredit für einen orangen Käfer abzahlten, wurden wir Kinder oft Sonntags in diesen Käfer gequetscht und auf die Alb verfrachtet – das höchste an Urlaubsgefühlen zu dieser Zeit.

Eingang in ein Höhlenlabyrinth

Ein Höhepunkt der Himmelsfahrten: Ein Stopp am „Blautopf“. Aus kindlicher Perspektive hatte dieser Teich, ja vielmehr diese Pfütze, den Namen voll verdient – ratlos standen wir da und wunderten uns über die Ekstase älterer Menschen: „Dieses Blau!“. Wir sahen: Einen Topf mit Wasser. Gut, nur von der Oberfläche her betrachtet, ist das Gewässer eher unspektakulär – eine kleine Pfütze im Querschnitt und im Vergleich zum Bodensee, der uns, aus Mangel an anderen Möglichkeiten, als das „schwäbische Meer“ schmackhaft gemacht wurde. Doch es ist die Tiefe (wie immer), die zählt: Rund 22 Meter geht es nach unten, dann erreichen Taucher über die Blautopfhöhle den Einstieg in ein grandioses Höhlensystem. Deep Blue.

Heute sehe ich dieses Gewässer mit anderen Augen. Türkisblau. Meerblau. Violett. Cyan. Ultramarin. Kobalt. Hellblau. Dunkelblau. Indigo. Warm wie der Sommerhimmel. Kalt wie im Inneren einer Eishöhle.

Dieses BLAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAU, dieses sagenhafte, wunderbare, changierende Blau des Wassers tröstet über manche Randerscheinungen an der Karstquelle hinweg. Jetzt ist die richtige Jahreszeit, das Gewässer zu besuchen, jetzt kann man noch ein wenig von der Stille, der Atmosphäre erahnen, die auch Hermann Hesse in den Bann zog:

„Überall roch es nach Schwäbisch, nach Roggenbrot und Märchen“, schrieb Hermann Hesse 1953 nach einem Besuch: „Überall duftete es nach Jugend und Kindheit, Träumen und Lebkuchen, Hölderlin und Mörike.“

Quelle: Thomas Köster, Angaben s.u.

Blaues Wunder

Im Sommer dagegen wird man hier sein „blaues Wunder“ erleben: Da spucken Busreiseunternehmen ihre Touristengruppen aus, Radler und Wanderer drängeln sich im Biergarten und am Souvenirladen und das Blautopfbähnle bahnt sich bimmelnd seinen Weg. Rund um den kleinen Topf muss man sich zwischen Mountainbikern und Familien mit missgelaunten Kindern (so wie wir es einstmals waren) mit Ellbogen einen Blick auf den Tümpel erkämpfen. Von wegen mystischer Idylle. Von wegen meditativer Ruhe. Von wegen heiliger Ort.

Eduard Mörike und die schöne Lau

Besser also die Atempause zwischen Winter und Frühlingsankunft nutzen, um wenigstens den Hauch einer Ahnung zu haben, warum dies seit jeher ein magischer Ort, warum der „Blautopf“ Eduard Mörike zu seinem Märchen von der schönen Lau inspirierte.

„Die schöne Lau“, das ist eine Wassernixe, die von ihrem Gemahl vom Schwarzen Meer in das Schwäbische verbannt wurde (der Originaltext ist bei Gutenberg zu finden). Ein typisches weibliches Schicksal: Die traurige Nixe, die keine Kinder bekommen konnte, wird verstoßen. Nur das Lachen kann sie von ihrem Fluch – Kinderlosigkeit und Verbannung – erlösen. Dass eine handfeste Schwäbin der romantischen Udine das Lachen zurückbringt, versöhnt wieder ein wenig mit dem Frauenbild jener Zeit. Heute, angesichts des Rummels am Blautopf, würde der Lau wahrscheinlich jedoch wieder mau und ihr das Lachen schnell vergehen.

Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Die Schriftstellerin Renate Schostack schrieb in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über ihr Lieblingsmärchen:

„Nirgendwo sonst in der Literatur wird das Schwäbische so zart und fein überhöht, ohne daß es seiner Erdhaftigkeit beraubt würde. (…) Die 1852 in der Märchensammlung vom „Stuttgarter Hutzelmännlein“ veröffentlichte Geschichte enthält viel von des Autors Neigung zu den Abgründen des Lebens und der Seele, seiner Sehnsucht nach dem Gewöhnlichen, dem Wunsch, das Unheimliche mit dem Heimeligen zu versöhnen. Eine Aura des Gefährlichen, des Unerlösten bleibt.“

Der Weltschmerz, das Melancholische, die Weltflucht, auch das Abgründige: Lange wurde dies in den Werken Mörikes übersehen, galt er als kleiner, spießiger Landpfarrer, der Idyllen-Dichter, an die Heimat gebundene Biedermeiermann bevorzugt. Dabei dringt das Doppelbödige, das Dunkel-Melancholische auch aus vielen seiner Verse. Es sind die Nachtgespenster, die ihn quälten. Abgrundtief wie das Gewässer.

In der Frühe

Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,
Dort gehet schon der Tag herfür
An meinem Kammerfenster.
Es wühlet mein verstörter Sinn
Noch zwischen Zweifeln her und hin
Und schaffet Nachtgespenster.
– Ängste, quäle
Dich nicht länger, meine Seele!
Freu dich! schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.

Märchendichter Wilhelm Hauff besuchte das Seminar

Jedoch zurück zum Blautopf: Nicht nur wegen Mörike und seiner Lau ist dies ein literarischer Ort. Neben der Quelle liegt das um 1085 gegründete Benediktinerkloster, dessen Kirche vor allem wegen ihres spätgotischen Altars kunstgeschichtliche Interessierte begeistern wird. Im Zuge der Reformation wurde das Kloster sozusagen „evangelisiert“ – und ist bis heute neben Kloster Maulbronn, in dem Hesse darbte und Friedrich Hölderlin litt, Standort der evangelischen Seminare in Baden-Württemberg. Literarisch bedeutsame Seminaristen in Blaubeuren waren Märchendichter Wilhelm Hauff und Albrecht Goes (1908 – 2000), dessen berühmteste Erzählung „Das Brandopfer“ ist.

Kein Seminarist, sondern ein unfreiwillig Gefangener auf dem Klostergelände war Christian Friedrich Daniel Schubart (1739 – 1791), der spottende Dichter, der gegen die Kirche und den württembergischen Hof polemisiert hatte. Schubart hatte Zuflucht im bayerischen Augsburg gesucht, wurde jedoch auch von dort vertrieben und schließlich nach Blaubeuren gelockt und im Anschluss auf die Bergfestung Asperg verbracht: Schubart war zehn Jahre dort, der berühmteste politische Gefangene seiner Zeit.

In einem Klostergebäude ist in Blaubeuren eine Schubartstube eingerichtet – angeblich ein kleines Literaturmuseum. So, wie es Schubarts Freunden jedoch jahrelang nicht gelang, ihn aus der Haft zu erlösen, so gelang es mir noch nie, einen Blick in die Stube zu werfen – Öffnungszeiten gibt es nur nach vorheriger Vereinbarung. Aber ich mag eben nicht die Tage planen, an denen es mir nach einem blauen Wunder ist.

Als wir dem Blautopf an diesem Tag den Rücken kehrten, hatte sich das zartblaue Frühlingsbändchen bereits verzogen, der Himmel zeigte sich plötzlich winterlich grau in grau – und darunter das eisklare Blau dieser Quelle, magisch funkelnd wie Kristall.

Zum Weiterlesen:

Renate Schostak, Wasserweib, Frankfurter Allgemeine Zeitung:
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/renate-schostack-wasserweib-eduard-moerikes-historie-von-der-schoenen-lau-1282645.html

Thomas Köster, Märchen vom häuslichen Glück, Goethe-Institut:
http://www.goethe.de/lrn/prj/mlg/mad/mdj/de9038516.htm

Literaturland Baden-Württemberg, Schubartstube:
http://www.literaturland-bw.de/?search=ort&show=Blaubeuren

Zum Blautopf:
http://www.blautopf.de/der-blautopf/schoene-lau/schoene-lau/

Bilder zum Download:

Bild 1, Skulptur der schönen Lau
Bild 2, Blautopf
Bild 3, Schöne Lau
Bild 4, Klostergebäude
Bild 5, Fachwerk Blaubeuren
Bild 6, Wasserrad

Die mobile Version verlassen
%%footer%%