Tobias Döring: Wie er uns gefällt

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„Nicht, dass Dein Name uns erweckte Neid,
Mein Shakespeare, preis` ich Deine Herrlichkeit,
Denn wie man Dich auch rühmen mag und preisen:
Zu hohen Ruhm kann keiner dir erweisen!“

Ben Jonson (1572-1637)

Schon sieben Jahre nach Shakespeares Tod pries ein Autorenkollege den Genius dieses Mannes, dessen Name auch 450 Jahre nach seiner Geburt unvergessen ist. Ben Jonson hinterließ diese Verse auf seinen Freund in dem berühmten Folioband, der Shakespeares Werke 1623 versammelte – ein Widmungsgedicht, das freilich ein wenig großsprecherisch wirkt, das aber seine Gültigkeit bis heute nicht verloren hat.

Jahr für Jahr erscheinen Tausende von neuen Publikationen über den berühmtesten aller Dramatiker. Wer zwischen all den Sachbüchern, Biografien und Neuübertragungen seiner Werke einen besonderen Zugang sucht, für den hielt der Manesse Verlag zum mutmaßlichen 450. Geburtstag Shakespeares etwas bereit: „Wie er uns gefällt“ ist ein schön aufgemachter Lyrikband, der rund 120 Gedichte an und auf William Shakespeare versammelt.

„Wir vergessen, dass es Dich gibt,
Nicht unachtsam, sondern weil Du in unserem Blut
Lebst und den Nerven und in jeder Zelle unsres Hirns.“

Elizabeth Jennings (1926-2001)

Für eine qualitätsvolle Auswahl steht schon der Name des Herausgebers: Tobias Döring, der an der LMU München einen Lehrstuhl für Englische Literaturwissenschaft innehat und von 2011 bis April 2014 Präsident der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft war.

Tobias Döring umreißt das Konzept in seinem Nachwort:

„In zwölf Dutzend Spielarten zeigt unser weltpoetisches Kabinett, welchen Reim sich Lyriker auf Shakespeare und sein Werk gemacht haben – in vier Jahrhunderten, zehn Sprachen und mehr als zwanzig Ländern.“

Nicht nur die Auswahl ist trefflich – schön ist es auch, dass die Gedichte nicht nur in der deutschen Übersetzung, sondern auch im Original abgedruckt sind.

„Weit entfernt vom Anspruch auf Repräsentativität oder gar Vollständigkeit, will unsere Sammlung einen möglichst vielstimmigen und vielgestaltigen Eindruck davon vermitteln, wie das Bühnenwerk in Gedichten aufgegriffen, verwandelt, neu akzentuiert, fort- und umgeschrieben worden ist. Darin wird zugleich erfahrbar, wie Autoren und Autorinnen vom 17. Jahrhundert bis in unsere Gegenwart im Verweis auf Shakespeare ihre eigene Position bestimmen.“

Ein Gespräch komme damit in Gang, meint der Herausgeber – zwischen Shakespeare und den Lyrikern, zwischen den Lyrikern und den Lesern, die wiederum den Nachhall der Gedichte im Theater oder bei der Lektüre erfahren können – ein Lyrikkabinett und gleichsam eine Echokammer in dem anhaltenden Dialog mit dem großen Theatermann. Tatsächlich regen die Gedichte zur erneuten Auseinandersetzung mit dem dramatischen Werken an. Auch weil sie so viel über die Schreibenden selbst und deren Zugang beispielsweise zu „Hamlet“ oder „Wie es euch gefällt“, zu den Königsdramen und zu den Komödien verraten.

„Im Keller erteilt die Geheime Staatspolizei
dem Kommunisten Hans Otto Gesangsunterricht
ICH BIN SCHAUSPIELER KEIN VOLK sagt Hamlet
Wenn Laertes politisch wird Er seinerseits
weiß wie man sich dreht und wendet im
Gespräch mit Mördern aus Liebe zur Kunst.“

Heiner Müller (1929-1995)

„So setzt sich das Gespräch mit Shakespeare wie in einer großen Echokammer fort und ließe sich wohl nur dann ganz unterbinden, wenn unsere Kultur zugleich ihre Verständigung über sich selbst jemals einstellen wollte.“

Und diese Verständigung sowie der Dialog mit dem Theatermann hält bis heute an – namhafte Autoren der Gegenwartsliteratur sind in „Wie er uns gefällt“ mit Gedichten vertreten, die erstmals veröffentlicht werden: Mirko Bonné, Nora Bossong, Heinrich Detering, Ulrike Draesner, Durs Grünbein, Ursula Krechel, Friederike Mayröcker, Alexander Nitzberg, Albert Ostermaier und Marion Poschmann.

Thematisch sind die Gedichte nicht, wie es auf der Hand läge, um die einzelnen Stücke angeordnet, sondern um inhaltliche Komplexe: Beispielsweise rund um die Inspiration, die Shakespeare so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie dem Schweizer Autodidakten Ulrich Bräker (1735-1798), unserem deutschen „Dichterfürsten“ Goethe oder Vladimir Nabokov gab. Oder auch um die Welt, die eine Bühne ist, um Figur- und Maskenspiele sowie Spielräume und Vorstellungswelten. Zwei Einzelfiguren des Shakespear`schen Kosmos regten von jeher die Phantasie an – so sind denn auch Hamlet und Ophelia besondere Objekte dichterischer Begierden. und werden daher mit zwei eigenen Kapiteln beehrt.

„Ich Hamlet habe kaltes Blut.
Die Welt da draußen ist durchtrieben.
Doch tief im Innern ist noch Glut
für dich – Ophelia – geblieben,

für dich, vom kalten Blut verbannt
aus der durchtriebnen Welt. Verginge
ich – Prinz – im eignen Heimatland –
an einer giftgetränkten Klinge!“

Alexander Blok (1880 – 1921)

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.randomhouse.de/Buch/Wie-er-uns-gefaellt/Tobias-Doering/Manesse/e446710.rhd


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Heinrich Heine: Shakespeares Mädchen und Frauen

„Es wird mir flau zu Mute, wenn ich bedenke, dass er am Ende doch ein Engländer ist, und dem widerwärtigsten Volke angehört, das Gott in seinem Zorne erschaffen hat. Welch ein widerwärtiges Volk, welch ein unerquickliches Land! Wie steifleinen, wie hausbacken, wie selbstsüchtig, wie eng, wie englisch!“

Heinrich Heine, „Shakespeares Mädchen und Frauen“, erstmals erschienen 1838

Ein Kleinod und Lesevergnügen ist dieses Buch für jeden, der nicht nur Shakespeare, sondern auch den scharfzüngigen HH schätzt. Man ahnt es bereits: Wenn Heinrich Heine, Shakespeare-Verehrer und Bewunderer der holden Weiblichkeit, über die Frauenfiguren des englischen Dramatikers schreibt, dann nicht nur mit viel (Lust-)Gefühl, sondern auch mit der ihm eigenen Spottlust. Schon das Vorwort nutzt der frankophile Heine, der zu dieser Zeit bereits in Paris lebte, um in einem kurzen Streifzug mit den Engländern abzurechnen und die Rezeption und Nachwirkung Shakespeares in anderen Ländern aufzuzeigen:

„Besser als die Engländer haben die Deutschen den Shakespeare begriffen. Und hier muss wieder zuerst jener teure Name genannt werden, den wir überall antreffen, wo es uns eine große Initiative galt. Gotthold Ephraim Lessing war der erste, welcher in Deutschland seine Stimme für Shakespeare erhob. Er trug den schwersten Baustein herbei zu einem Tempel für den größten aller Dichter, und, was noch preisenswerter, er gab sich die Mühe, den Boden, worauf dieser Tempel erbaut werden sollte, von dem alten Schutte an zu reinigen.“

So wird die Galerie der Schönen, der Intrigantinnen, der Leidenden und der Holden aus Shakespeares Dramen von der Präambel an bereits weit aus mehr als ein bloßer Streifzug durch die dramatische Frauenwelt – Heine, der begnadete Feuilletonist, nimmt die Miniaturen sozusagen als journalistische „Aufhänger“, um über Kultur, insbesondere die Theaterwelt und Literatur, Politik, Soziales, Religion und viele weitere Themen zu schreiben. Insbesondere findet sich in diesem Buch, das ein wenig ein Schattendasein unter den Heine`schen Werken führte, eine treffende Analyse des Antisemitismus, selbstverständlich bei den Frauenfiguren aus dem „Kaufmann von Venedig“.

Auftragsarbeit aus Geldnot

Die „Shakespeare Gallery“ wurde 1836 zunächst vom britischen Verleger Charles Heath veröffentlicht: 45 Bilder von Frauenfiguren aus Shakespeares Dramen, Stahlstiche fiktiver Cassandras, Ophelias, Cleopatras, Julias bis hin zu einer ziemlich vergrätzt schauenden und leicht übergewichtigen Lady Macbeth. Das britische Original war mit Zitaten aus den Stücken ergänzt – ein Ansatz, der eines Heines kaum würdig gewesen wäre. Dieser, wie immer in Geldnöten, nahm das Werk als Auftragsarbeit an. Für die deutsche Ausgabe, für die der Verleger Henri-Louis Delloye die Lizenz erhalten hatte, schrieb Heine 1838 innerhalb weniger Wochen ausführliche Essays zu den „dramatischen“ Frauenfiguren, die oftmals alles andere zum Inhalt haben – nur nicht die Frau. Nur jene weiblichen Gestalten aus den Komödien wurden dann auch in der deutschen Ausgabe von HH mit Zitaten aus den Shakespeare`schen Werken beglückt.

Selbst diese Schönheitsgalerie stieß bei der preußischen Zensur auf Missfallen, wie Jan-Christoph Hauschild, Autor, Germanist und Mitarbeiter am Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf in seinem Nachwort zur Ausgabe 2014 schreibt.

Den Beamten missfiel, dass Heines „ungezügelte Spottlust (…) die Gegenstände seiner vielfachen Antipathien mit dem ganzen Übermut seines reichen Talentes“ geißle. „Hauptsächlich“ sei es England, das er „mit schneidendem Witz und galliger Bitterkeit“ verfolge und wozu sein „Enthusiasmus für Frankreich und Franzosentum“ den „entschiedensten Gegensatz“ bilde.

Zugang zu Shakespeares Welt

Letztendlich ging das Werk jedoch durch und war eines von den insgesamt nur vier Heine-Büchern, die in Preußen verkauft werden durften. Zum Glück. Denn nebst den außerliterarischen Streifzügen und Seitenhieben bot Heine damals schon mit seinen Schriften dem Lesepublikum einen hervorragenden Zugang zu Shakespeares Welt – das Buch verdient allein deswegen einen besseren Rang in der Shakespeare-Literatur, als es bisher innehatte. So sieht Eduard Engel in seinem Vorwort zur 1921 erschienenen Gesamtausgabe Heines nur zwei deutsche Schriftsteller, die in ihrer Shakespeare-Kenntnis von gleichem Rang seien: Heinrich Heine und Goethe.

Wie immer man im einzelnen über Heines Auffassungen Shakespeare`scher Gestalten – er spricht durchaus nicht bloß immer von den weiblichen – denken mag, der Wert seiner kleinen und größeren Abhandlungen über Shakespeares Meisterdramen kann keinem entgehen, der die Werke gründlich kennt, aber auch keinem, der einigermaßen mit der Shakespeare-Literatur vertraut ist. Und man wäge die wissenschaftliche Grundlage, worauf Heine zu jener Zeit, vor dem Erscheinen der bedeutendsten Arbeiten über Shakespeare fußen konnte.“

Die Bandbreite der Themen, die Heine anhand der Frauenportraits auffächert, kann hier in einer Inhaltsangabe kaum wiedergegeben werden. Ich halte es wie Heine selbst und übernehme den Schlüsseldienst:

„Die vorstehenden Blätter sollten nur dem lieblichen Werke als flüchtige Einleitung, als Vorgruß, dienen, wie es Brauch und üblich ist. Ich bin der Pförtner, der Euch diese Galerie aufschließt, und was Ihr bis jetzt gehört, war nur eitel Schlüsselgerassel.“

Heinrich Heines „Shakespeares Mädchen und Frauen“ wurde nun anlässlich des Jubiläumsjahres von Hoffmann und Campe wieder aufgelegt – das Buch ist auch handwerklich gut gemacht, mit den Abbildungen von 1838 versehen, im Schuber und mit Lesebändchen.


Bild zum Download: Engelstatue Augsburg


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Neil MacGregor: Shakespeares ruhelose Welt

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Bild von Martin Ludlam auf Pixabay

„Es liegt eine merkwürdige Kraft in Dingen: Sie können, einmal hergestellt, unser Leben verändern.“

Neil MacGregor, „Shakespeares ruhelose Welt“

Seltsam ist`s, im Nebel zu wandeln…seit Tagen hängt eine Nebelwand über der Fuggerstadt. Von der Straße dringen die Geräusche nur wie in Watte gepackt in mein Arbeitszimmer. Selbst das Augsburger Rathaus, sonst vom Bürofenster fast handgreiflich nah, bleibt in ein diffuses Licht gehüllt. Das Wahrzeichen der Stadt im Nebelkleid. Ich überlege, ob vor 400 Jahren, als der Grundstein für diesen Bau, der, so ein neuzeitlicher Slogan, „Bürgersinn und Bürgerstolz“ repräsentieren soll – und – so ist doch anzunehmen – auch in der freien Reichsstadt zum Repräsentationszweck der wenigen Privilegierten, der wenigen wirklich „Freien“, vor allem auf dem Rücken des städtischen „Unterbaus“ erhoben wurde, ein Bau, der wahrscheinlich Leben&Kraft der Handwerker, Arbeiter, Arbeitssklaven kostete – gut, ich überlege, ob dieser Bau auch schon vor vierhundert Jahren wochenlang im Nebel versank. Und warum sich die Augsburger Patrizier darin überschlugen, Florenz, die mächtige Konkurrentin im Handel, durch Kopieren des Renaissancestils zu übertrumpfen, statt Eigenes zu gestalten, und ob auch an der Themse heute Nebel herrscht…

Vom nebeligen Augsburg 2014 zur Grundsteinlegung 1615 in der freien Reichsstadt sind es nur wenige Schritte zurück in das London der 1590er Jahre. Ein Denkmal wie das Augsburger Rathaus vermag immer noch Geschichten zu erzählen vom Ehrgeiz und den Ambitionen reicher Kaufleute, von Machtbewusstsein und Machtdemonstrationen, von Konkurrenz und Wettbewerb in einer bereits globalisierten Welt.

Einer, der solche Geschichten ebenfalls trefflich wiedergibt, ist Neil MacGregor. Der Kunsthistoriker war Leiter der National Gallery in London, seit etlichen Jahren ist er der oberste Hüter des Sammelsuriums im British Museum. Bereits mit seiner „Geschichte der Welt mit 100 Objekten“ landete er einen Bestseller. Zum Shakespeare-Jubiläumsjahr kam nun ein „Sequel“ – bewusste Wortwahl, denn dieses Buch lebt mit und vom Medium Bild und der multimedialen Weiterverwertung als Radioreihe und Hörbuch. „Shakespeares ruhelose Welt“, ein schön aufgemachter Bildband, der am Beispiel von 20 Objekten mitten hineinstößt in das turbulente, von der Pest gebeutelte, von den Iren und Schotten in die Zange genommene, den Spaniern und Katholiken unterwanderte, Magie-gläubige, nach Italien schielende und von aufständischen Lehrlingen gerüttelte London unter Elisabeth I.

Neil MacGregor erhebt nicht den Anspruch, Shakespeares Dramen zu analysieren oder Neues aus dem Dichterleben zu enthüllen.

„Vom Charisma der Dinge bewegt, unternimmt dieses Buch zwanzig Reisen in eine vergangene Welt – dies aber nicht in der Absicht, uns irgendeinem bestimmten Heiligen oder Helden näher zu bringen, schon gar nicht der Gestalt im Zentrum des Geschehens selbst, William Shakespeare. Wir wissen über das, was er tat, recht wenig, können nicht hoffen, mit auch nur annähernden Sicherheit aufzudecken, was er dachte, woran er glaubte. Shakespeares innere Welt bleibt, so bitter das ist, im Dunkeln. Stattdessen aber erlauben uns die Objekte in diesem Buch, an den Erfahrungen seines Publikums teilzuhaben (…).“

Wahren Shakespearianern bietet dieser opulente Bildband also keine neuen Erkenntnisse zu Leben und Werk. Es ist aber auch weitaus mehr als nur ein „coffee table book“, das sich im Jubiläumsjahr hübsch auf dem Wohnzimmertisch ausmacht. Kein „biopic“ auf Papier to go ohne inhaltlichen Anspruch – sondern ein fundiert und lebendig geschriebener Führer durch die englische Geisteswelt und Geschichte dieser dramatischen Zeit. Das Buch eröffnet einen Blick auf die Welt, in der der Dichter und seine Anhänger lebten. Unterstützt von den Shakespeare-Kennern des British Museums, das im vergangenen Jahr die Ausstellung „Shakespeare: Staging the world“ zeigte, verknüpft Neil MacGregor historisches Geschehen, Zeitkolorit, Dokumentiertes mit den Dramen und der Gedankenwelt Shakespeares. Und zeigt damit auch auf, wie modern der Dichter zu seiner Zeit war…

Ein Beispiel: Noch die Eltern des Dramatikers, mutmaßt Neil MacGregor, hatten wohl nie das Ticken einer Uhr gehört. Zimmeruhren waren um 1590 etwas Neues, ein Statussymbol. „Zeit des Wandels, Wandel der Zeit“ ist dieses Kapitel überschrieben. Mit den Uhren wird das Diktat der Zeit ein anderes, wird sich der Alltag der Menschen verändern. Reflektionen über die Zeit – sie sind auch ein fester Bestandteil Shakespearscher Werke. MacGregor verknüpft dieses geschickt, zeigt, was die Stunde geschlagen hat – sowohl im Alltag der Leute, als auch auf der Bühne des „Globe“.

Weil man vom Schöpfer von „Romeo und Julia“, „Othello“, „Hamlet“ und „Macbeth“ so wenig wissen kann, bringt der MacGregor die Welt, in der Shakespeare lebte, auf andere Weise nahe – mit Gabeln, Mützen, Kelchen, Spiegeln. In einem, dem letzten Kapitel macht der Kunsthistoriker das Shakespear`sche Werk zum Objekt: Denn nicht nur die Dinge haben die Macht (siehe Eingangszitat), das Leben der Menschen  zu verändern.

Auch die Worte, die Sprache können es auf den Kopf stellen, uns zu Taten bewegen, eine Welt zum Einsturz bringen. So mancher ist in ein Shakespeare-Stück gegangen und kam, wie nach einem Sommernachtstraum, als ein anderer heraus. Und auch  450 Jahre nach seiner Geburt ist der große Dramatiker und Lyriker William Shakespeare immer noch ein großer Weltveränderer – der Zauber und die Macht seiner Worte ungebrochen. Sein Werk hat die Jahrhunderte überlebt, und viel mehr als das: Es ist immer noch in uns lebendig. Dies verdeutlicht Neil MacGregor eben vor allem im letzten Kapitel „Shakespeare erobert die Welt“. Lauten könnte es auch: „Shakespeare hilft, in der Welt zu bestehen“. Denn selbst in den dunkelsten Winkeln hilft und trägt das Dichterwort weiter – sei es bei der Trauung von Marcel Reich-Ranicki im Warschauer Ghetto, sei es im Gefängnisalltag auf Robben Island. Für ein einziges Buch durften sich die Gefangenen rund um Nelson Mandela für die lange Dauer der Haft entscheiden – die Wahl fiel auf Shakespeares gesammelte Werke.

Neil MacGregor, „Shakespeares ruhelose Welt“, C. H. Beck, 2013, 347 Seiten mit 125 farbigen Abbildungen, 29,95 Euro.

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Kurt Kreiler: Der zarte Faden, den die Schönheit spinnt

Kreiler

Bild: (c) Michael Flötotto

„Empfanget, werte Dame, den roh und rauhen Vers,
leiht der Erzählung Euer Ohr, mit der ich vor Euch tret.“

Edward de Vere

Am 26. April 2014 wird – allen Zweiflern und Skeptikern zum Trotz – sein 450. Tauftag gefeiert: William Shakespeare, der wohl berühmteste Dramatiker und Dichter der Welt, manche sagen auch: „der Beste“, soll drei Tage zuvor das Licht der Welt erblickt haben, gesichert ist nur der Taufeintrag im Kirchenregister in Stratford-upon-Avon. Bevor ich jedoch den kompletten Beitrag im Konjunktiv verfasse und hätte, könnte, wäre schreibe: Gehen wir davon aus, dass es so ist, dass Shakespeare tatsächlich geboren wurde, und zwar in diesem April anno 1564 und zwar in der bei Birmingham gelegenen Stadt – es kann auch anderes behauptet werden, wie dieser Beitrag noch zeigen wird.

Vieles liegt im Dunkeln über Leben und Wirken des William Shakespeare: Schlug am 23. April tatsächlich die Geburtsstunde des „Gulielmus filius Johannes Sakspere“? Wo ging er zur Schule? Wann heiratete er? Wo sind die berühmten „verlorenen acht Jahre“? Und: Welche der überlieferten Sonette sowie der „Comedies, Histories and Tragedies“, die sich in „First Folio“ (herausgegeben von Freunden Shakespeares nach seinem Tod 1616) befinden, sind tatsächlich von ihm? War der Mann aus Stratford gar nur die Lerche, ein anderer jedoch die Nachtigall? Sein oder Nichtsein – Fragen über Fragen.

So hält der Dramatiker noch heute nicht nur das Theaterpublikum in Atem, sondern auch Scharen von Wissenschaftlern. Mit Wortfeldanalysen werden seine Texte und Zeitgenössisches auf den Ursprung hin untersucht, Historiker kramen in Archiven, Literaturwissenschaftler studieren hingebungsvoll Quellen. Nur eines scheint gewiss: Auch im 450. Geburtsjahr werden neue Theorien und Sensationen zu Shakespeares Leben und Sein die Runde machen.

Die Zuordnung Shakespear`scher Werke zu Francis Bacon oder Christopher Marlowe kursiert schon seit langem. Doch aller guten Dinge sind drei: Seit den 1920er Jahren gibt es auch die sogenannte „Oxford-Bewegung“, die nun durch einen deutschen Autoren weiter befeuert wird: Shakespeare war nicht Shakespeare, sondern Edward de Vere, Earl of Oxford, alias „Meritum petere grave“ alias „Master Fortunatus Infoelix“ alias „Spraeta tamen vivunt“ alias „Ferenda Natura“. Unter diesen Pseudonymen – „Es ist schwer, das Verdiente erbitten zu müssen“, „Der unglücklich Beglückte“, „Das Verschmähte lebt dennoch“ und „Die zu ertragende Natur“ – soll der lebenslustige Earl of Oxford (1550-1604) seine Gedichte veröffentlicht haben.

Dass zwischen den Lebensjahren, den vermeintlichen, des Shakespeare aus Stratford-upon-Avon und des Earls eine Lücke klafft und auch ansonsten die Oxford-These nicht allzu sehr gestützt wird, ficht Kurt Kreiler nicht an. Bereits 2009 veröffentlichte der Münchner Schriftsteller das Buch „Der Mann, der Shakespeare erfand“ – und heimste damit ein wenig Lob, vor allem aber viel Kritik und auch Häme ein. Von „Verschwörungstheorien“, „ausgemachtem Humbug“ und „obskurem Geniekult“ war in den Rezensionen die Rede, kurzum: Kreilers Theorie wurde von den Anglisten zunichte gemacht, bestenfalls als exotische Randnotiz zur Kenntnis genommen.

Doch Kurt Kreiler bleibt dabei: Es war die Lerche, und nicht die Nachtigall. In einem neu erschienenen Gedichtband beim Insel Verlag – „Der zarte Faden, den die Schönheit spinnt“ – veröffentlicht Kreiler hundert Gedichte des Earls, die er herausgefunden, übersetzt und kommentiert hat. Und wiederholt seine These: „Ein einmaliger Vorgang: Der Dichter – Edward de Vere, Earl of Oxford (1550-1604) – verbirgt seinen Namen von Anfang an hinter einem Schleier. Sein poetisches Werk, das sich von der mausgrauen Dutzendware der Zeit abhebt, wird aus dem Verkehr gezogen, weil es die höfische Gesellschaft provoziert – und entschwindet die nächsten Jahrhunderte den Blicken der Leser. (…) Allerdings gewinnen die Oxfordschen Gedichte ihren Wert nicht durch die mögliche Zuschreibung an William Shakespeare. Umgekehrt: Ihre Qualität stützt die These, dass Edward de Vere, Earl of Oxford, ab 1593 unter dem Pseudonym WILLIAM SHAKESPEARE publizierte.“

Wie Urs Jenny in seinem kenntnisreichen Spiegel-Essay „Der Dichter und sein Doppelgänger“ 2009 so trefflich schreibt: „Die Debatte wird weitergehen. Vielleicht ist das Geheimnis des Autodidakten Shakespeare aus der Provinz ganz einfach: Eben weil man nichts über ihn weiß, traut man dem Mann aus Stratford alles zu.“

Und in der FAZ hieß es:
„Tobias Döring lässt keinen Zweifel daran, dass er die in Kurt Kreilers Buch dargelegte, bereits seit 1920 kursierende These, hinter William Shakespeare stecke in Wahrheit der anonym bleiben wollende 17. Earl of Oxford, Edward de Vere, für ausgemachten Humbug hält. Als Anhänger einer „gut organisierten Oxford-Bewegung“ gehe es dem deutschen Autor darum, diese These zu untermauern, erklärt der Rezensent, der sich allerdings vor allem mit nicht belegten „Verschwörungstheorien“ und obskurem „Geniekult“ konfrontiert sieht. Für diesen Leserkreis sei es schlechterdings undenkbar, dass der Sohn eines Handschuhmachers derart tiefen Einblick in die englische Adelsgesellschaft haben sollte, weshalb sie de Vere, von dem offiziell lediglich mittelmäßige dichterische Werke bekannt sind, die berühmten Shakespeare’schen Dramen zuschrieben, erklärt der Rezensent. Wenn es aber darum geht, sich ein Bild von der elisabethanischen Gesellschaft und deren adligen Vertretern zu machen, kann man sich durchaus an den vielen Geschichten und Anekdoten des Autors erfreuen, für schlüssige Beweisführungen allerdings empfiehlt der Rezensent lieber die Sherlock Holmes-Romane von Conan Doyle.“
Quelle: Perlentaucher

Sei es, wie es will – wer „Venus & Adonis“, die vermutlich 1592 entstandene Versdichtung Shakespeares liebt, der wird auch die 100 schönen Gedichte am Faden des Edwards de Vere schätzen.  Shakespeare oder nicht Shakespeare: Gleichwohl, die Verse, zumeist der Liebe gewidmet, sprühen vor Sinnlichkeit, Witz, Lebendigkeit und Übermut.

„Ich weis nicht, ob ich Ew. Gn. beleidigen werde, indem ich Ihnen diese ungefeilten Zeilen zueigne…“ so Shakespeare (vermutlich) in seiner Widmung an den Grafen von Southampton und Freiherrn von Tichfield. Mit diesem Understatement läutet er eines der sinnlichsten Versepen der Literatur ein.

Auszug:
„Der Schweis begann der schönen Stirn
Der liebesiechen Liebesgöttin
Jetzt zu entquillen. Denn
Der Schatten war dem Ort entwichen,
Wo sie mit ihrem Liebling lag;
Und Titan, von der Mittagshitze müd,
Schos einen glühnden Blick auf sie,
Und wünschte dem Adon
Die Zügel seines feurigen Gespanns
Und sich des Knaben Plaz.-
(In der Übertragung von Heinrich Christoph Albert, aus der deutschen Erstausgabe 1793).

Und so schmachtet und spöttelt Edward de Vere:

Und wenn ich`s tat, was dann?

Und wenn ich`s tat, was dann?
Seid Ihr darum betrübt?
Das Meer hat Fisch für jedermann.
Und Ihr? was wollt ihr mehr?

So sprach sie, die ich liebt,
so hat sie mich verwirrt:
und warf mir dies als Frage hin,
in der ich mich verirrt.

Da sagte ich zu ihr:
Ein Fischer wünscht sich wohl,
daß allzeit auf hohem Meer
er ganz alleine wär.

So wünscht` auch ich: umsonst.
Doch da es nicht sein kann,
laßt andre ausfahr`n nach dem Fang
und leer laßt meinen Kahn.

Ein tiefer Abgrund war das Meer (Auszug)
Ein Liebender, den das Meer von seiner Lady trennt, beklagt sich

Ein tiefer Abgrund war das Meer,
das Hero von Leander trennte,
doch kein Bedenken hielt ihn mehr,
es gab nichts, das ihn retten konnte.
Schuldlos gab er sich selber hin,
den Willen Neptuns zu erfülln.

O gier`ger Schlund, verhexte Wellen,
O grause Flut, schmählicher Pfuhl,
gewillt, die Liebenden zu quälen
und Mann und Frau Gewalt zu tun.
Das offne Maul bleibt aufgesperrt,
bis es sein in die Tiefe zerrt.

Wie auch immer man Edward de Vere und die Theorie von Kurt Kreiler einordnen will – unterhaltsam zu lesen sind beide Bücher:

Kurt Kreiler, „Der Mann, der Shakespeare erfand“, insel taschenbuch 4015
Broschur, 595 Seiten, ISBN: 978-3-458-35715-5

Edward de Vere, „Der zarte Faden, den die Schönheit spinnt“, Insel Verlag, gebunden, 401 Seiten, ISBN: 978-3-458-17587-2

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Mark Twain: Ist Shakespeare tot?

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Bild von ANThy auf Pixabay

„Als Shakespeare 1616 starb, verfügte die Londoner Welt über großartige literarische Produktionen, die ihm zugeschrieben wurden und die seit vierundzwanzig Jahren höchstes Ansehen genossen. Doch sein Tod war kein Ereignis. Er sorge nicht für Betroffenheit, er erregte keine Aufmerksamkeit.“

Mark Twain, „Ist Shakespeare tot?“, Piper Verlag, 2016.

Heutzutage ist das anders: Von den wenigen biographischen Daten, die man von William Shakespeare hat, ist zumindest der Todestag gesichert: Der 23. April 1616. Und 400 Jahre danach gedenkt die Welt jenes Mannes aus Stratford-on-Avon mit allerhöchster Aufmerksamkeit. Aber im Grunde bräuchte es keine Jubiläen, um an den berühmtesten aller Dichter zu erinnern. Denn jede Minute wird – bewußt oder unbewußt – irgendwo auf der Welt ein Shakespeare-Zitat ausgesprochen, jeden Tag irgendwo auf dem Globus ein Shakespeare-Stück aufgeführt. Der Mann und sein Werk: Sie überstrahlen noch immer alles und alle.

Doch wer war Shakespeare? Seit jeher brodelt die Gerüchteküche: Dass einer aus einfachen Verhältnissen, ohne nennenswerte Bildung, ohne akademische Karriere, ohne die entsprechenden Verbindungen zum berühmtesten Dichter seiner und der nachfolgenden Zeiten aufsteigt – das befeuert die Phantasie. Shakespeare – also jener Shakespeare aus Stratford – so ist die überwiegende Meinung, war nicht Shakespeare, jedenfalls nicht der Mann, der „Romeo und Julia“, „Hamlet“ und „Der Sturm“ schrieb.

Im Grunde ist es für mich zweitrangig, wer Shakespeare wirklich war, solange es diese wunderbaren Stücke gibt und sie immer wieder neu adaptiert und interpretiert werden. Die zeitweise erbittert geführten Debatten zwischen „Shakespearianern“ und „Baconisten“ sind in ihrem Ernst und in ihrer Absurdität streckenweise befremdlich. Und wer für Aufsehen sorgen will, kommt irgendwann mit einem neuen Shakespeare – beispielsweise de Vere – daher. Doch wenn schon spekulieren, dann wenigstens so vergnüglich, wie es nun in einem von Nikolaus Hansen übersetzten Text des bejahrten Mark Twain geschieht.

1909 veröffentlicht der amerikanische Schriftsteller und Satiriker ein schmales Buch: „Is Shakespeare dead?“ und bekennt frei heraus:

„Im Wir-nehmen-an-Handel machen drei separate und voneinander unabhängige Kulte miteinander Geschäfte. Zwei dieser Kulte sind unter den Namen Shakespearianer und Baconisten bekannt, und ich bin der dritte – der Brontosaurier. Der Shakespearianer weiß, dass Shakespeare der Verfasser von Shakespeares Werken ist. Der Baconist weiß, dass Francis Bacon ihr Verfasser ist; der Brontosaurier weiß nicht so genau, wer von beiden sie geschrieben hat, ist aber recht entspannt und zufrieden der festen Überzeugung, dass Shakespeare es nicht war, und er hegt die starke Vermutung, dass Bacon es war.“

Ganz so entspannt bleibt der alte Mark Twain – beim Verfassen des Textes immerhin schon 73 Jahre alt – jedoch im Verlaufe des Büchleins nicht. Die hauptsächliche These, auf die er sich als Beinahe-Baconist stürzt: Die Shakespeare-Dramen zeugen von einem profunden juristischen Wissen, das sich ein ungebildeter Geldmensch aus einem Kaff namens Stratford niemals habe aneignen können. Francis Bacon dagegen war, so Mark Twain, ein Universalgenie mit klassischer Bildung, ein strahlender Stern am Horizont. Sicher ist es zwar in seinen Augen nicht, dass Bacon Shakespeare war – aber so gut wie unmöglich, dass eben jener Shakespeare Shakespeare war.

Hauptsache jedoch, er war:

„Es hat nur einen Shakespeare gegeben. Zwei kann es nicht gegeben haben; schon gar nicht zwei zur selben Zeit. Es braucht Ewigkeiten, einen Shakespeare hervorzubringen, und weitere Ewigkeiten für einen, der ihm ebenbürtig ist. Diesem war niemand vor seiner Zeit ebenbürtig; und niemand in seiner Zeit; und niemand seither. Die Aussichten, jemand könnte ihm in unseren Zeiten ebenbürtig sein, sind nicht gerade rosig.“

Neue Erkenntnisse in Sachen Shakespeare-Detektei birgt dieser Text von Mark Twain dem Leser nicht. Auch war der Satiriker schon in besserer Form: Es gibt unterhaltsamere und bissigere Texte von ihm. Aber dennoch: Mark Twain ist Mark Twain, gerade auch wenn er über einen Shakespeare schreibt, der nicht Shakespeare war. Und so ist der schmale Band eine vergnügliche Lesestunden-Fußnote für alle Shakespeare-Fans und oder eben Liebhaber jenes Dramatikers, der wer auch immer war …

Der Piper Verlag, dem ich für das Rezensionsexemplar danke, hat für das Buch Leander Haussmann für ein Vorwort gewonnen – und der Regisseur und Schauspieler fährt Mark Twain in einem Brief auf dem Verlagsblog vergnüglich in die Parade: Shakespeare war ein Kollektiv, ein „writers room“.
Zum Blog: https://www.piper.de/aktuelles/buchblog/leander-haussmann-schreibt-an-mark-twain

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