William S. Burroughs und Jack Kerouac: Und die Nilpferde kochten in ihren Becken

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Bild von Achim Scholty auf Pixabay

„Der Barkeeper hatte das Radio an. Ein Nachrichtensprecher brachte eine Meldung über einen Brand in einem Zirkus und sagte: „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken zu Tode.“ Er brachte diese Details mit dem für Nachrichtensprecher typischen salbungsvollen Genuss.“

William S. Burroughs/ Jack Kerouac, „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“, Verlag Nagel & Kimche, 2010

Zwar nur zu einem kurzen Auftritt, aber immerhin bis zur Titelzeile bringen es die Hippos in diesem Romanexperiment. 1944, rund zehn Jahre bevor sie mit ihren Werken als Vertreter der „Beat Generation“ berühmt  wurden, saßen William S. Burroughs, damals 30 Jahre alt, und Jack Kerouac (22) in einer Bar in New York. Im Radio wurde eine Nachricht gebracht: Ein grauenhafter Brand in einem Zirkuszelt, Menschen verloren ihr Leben, Hunderte wurden verletzt und, so der Sprecher, „die Nilpferde kochten in ihren Becken“. Der Titel war gefunden. Für ein Buch, dessen Entstehungsgeschichte so abenteuerlich ist wie sein Plot. Nilpferde spielen in diesem Krimi, der mit seiner „monochromen, urbanen Atmosphäre sexuell gewagt und stilistisch hardboiled“ ist (so Douglas Kennedy 2008 in der Times), übrigens dann keine weitere Rolle.

Kerouac und Burroughs verarbeiteten einen Totschlag, der in ihrem weitgespannten Bekanntenkreis tatsächlich geschah, in einen Krimi à la Chandler und Hammett. Abwechselnd schrieb jeder ein Kapitel, der gegenseitige Vorantrieb ist festzustellen.

Das Manuskript blieb jedoch lange unveröffentlicht – erst mangels Verlag, dann aus Rücksicht auf die Hauptperson: Lucien Carr. Er ist im Roman der junge Mann, der seinen langjährigen Freund, Mäzen und Geliebten aus Überdruss und in einer Überreaktion ersticht. Carr machte später als Journalist Karriere, brachte es bis zum Nachrichtenchef der United Press. Er starb 2005. Der Nachlassverwalter von Burroughs, James W. Grauerholz, hatte ihm zugesichert, das Buch erst nach seinem Tod erscheinen zu lassen.

„Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“ vereint von beiden Autoren bereits das, was sie später auszeichnen sollte: Atemlosigkeit des Stils, trotzdem Nüchternheit in der Beschreibung selbst absurdester Szenen, der Mut zu Bildern, die bis dato in der amerikanischen Literatur noch nicht häufig zu finden waren. Immer in Fahrt und auf der Suche nach dem nächsten Kick die beiden Hauptfiguren. Auch ein Buch über Freundschaft (Männerfreundschaft), Zusammenhalt und Lebenslust.

Die Koordinaten, so Julia Encke in der FAZ: „Radio und Kino, die Hafenbars, ihre Wohnungen – und die Straßen von New York in den vierziger Jahren. Burroughs und Kerouac erzählen die Tage vor der Tat; wie Will Dennison, Barmann mit Verbindungen in die Unterwelt, und der Seemann Mike Ryko mit ihren Freunden ihre Zeit verbringen: Da sieht Phillips Freundin Barbara ein wenig aus wie die österreichische Schauspielerin Hedy Lamarr; ein Kommilitone sondert ständig „Noël-Coward-Dialoge“ ab; das spanische Restaurant an der Eigth Avenue ist „ein Laden, der ,mañana‘ ist“, und im „Automatenrestaurant“ an der 57th Street gibt es Bohnen mit Bacon. In der Union Hall am Hafen stehen Bücherstände, an denen Werke wie Woody Guthries „Bound for Glory“ und Roi Ottleys „New World A-Coming“ zu kaufen sind; durchgeknallte Journalisten führen sich im „George’s“ furchtbar auf, glauben, sie wären wer, weil sie für den „Saturday Evening“ schreiben.“

 

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#VerschämteLektüren (10): Burroughs? Selby? Céline? Bukowski? Ellroy? Jungs, lernt mal von Cecil Brown!

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Bild von Kurt Wiedwald auf Pixabay

Es gibt ja Nordlichter, die meinen immer noch, München sei nur die Weltstadt mit Herz, Schmerz, Nerz. Blau-weißer Schickimicki. Dass München aber auch ganze andere Saiten aufziehen kann (und das nicht nur musikalisch) und ganz andere Seiten hat, das zeigt Gerhard Emmer auf seinem Blog KULTURFORUM. Reinschauen lohnt sich nicht nur für Einheimische!

Gerhard bringt für die #VerschämteLektüren ein besonderes Schmankerl aus dem Greno Verlag (ebenfalls ein Stück Kulturgut aus Bayern, das es allerdings leider, leider nicht mehr gibt!):

Ich bin eine Weile vor der Bücherwand gestanden und habe überlegt, was zu dem Thema passen könnte. Mehrere Bücher sind in die engere Auswahl gekommen:

„Mauern“ von Hubert Selby (unter anderem: grauenvolle Vergewaltigungsszene!), „Naked Lunch“ von William S. Burroughs, sein Drogen-, Gewalt- und Psychopathen-Hauptwerk, dass ich offen gestanden aufgrund seiner vielen Handlungsstränge, Erzählebenen und der eingesetzten Cut-Up-Methode nie zur Gänze kapiert habe, oder auch irgendwas von Charles Bukowski. Auf alle Fälle sollte es etwas aus meinen Anfangsjahren als (ernsthafter) Leser sein (Karl May und Jules Verne kamen natürlich schon vorher dran…)  – und es war klar, es musste etwas aus der Abteilung „Schmutz und Schund“ sein, sonst hätte es ja nix Verschämtes (Heutzutage im gesetzten Alter lese ich selbstredend nur noch Qualitätsveröffentlichungen… ;-))).

Letztendlich bin ich bei folgendem Schmöker gelandet, er hat die von mir gestellten Anforderungen perfekt erfüllt:
Cecil Brown – Leben und Lieben des Mr. Jazzarsch Nigger (1987, Greno Verlag; Originaltitel, Erstveröffentlichung: The Life and Loves of Mr. Jiveass Nigger, 1969)
Kurzinfo zum Autor: *1943, Bolton, North Carolina; Afro-Amerikanischer Autor von Novellen, Short Stories und Drehbüchern; lebt in Berkeley, Kalifornien, wo er als Professor an der University of California unterrichtet.
Das Werk: Ein unsäglicher,  politisch völlig unkorrekter Schelmenroman über den schwarzen Schwerenöter und Vollzeitgigolo George Washington, der im Kopenhagener Exil jede Frau beschläft, die nicht bei drei auf den Bäumen ist. Dargebracht in einer unverblümten, mitunter extrem unflätigen Sprache, in den Schilderungen sexueller Praktiken ungeschönt und an etlichen Stellen geradezu pornographisch. Dabei flott zu lesen. Wenn es nicht in Dialogen in ausfallenden Gewaltausdrücken extrem zur Sache geht, ist das Werk durchaus literarisch anspruchsvoll geschrieben.  1969 von einem afroamerikanischen Literaten verfasst, schwingt der in den sechziger Jahren schwelende Rassenkonflikt innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft permanent als Rahmen, in den die Geschichte eingebettet ist, mit.
Welchen LeserInnen kann man das Buch ans Herz legen? Freunden der skandalträchtigen Kriminal-Romane des französischen Schriftstellers Boris Vian, Lesern der Krimis über die Harlem-Detektive Gravedigger Jones und Coffin Ed Johnson des afro-amerikanischen Autors Chester Himes, allen, die mit der grandiosen Menschheitsbeschimpfung „Reise ans Ende der Nacht“ des französischen Misanthropen  Louis-Ferdinand Céline glücklich wurden – und auch das Vertrautsein mit den Werken von Charles Bukowski und einem seiner größten Verächter, James Ellroy, kann auf keinen Fall schaden.
1987 im inzwischen aufgelösten Greno Verlag veröffentlicht und längst nicht mehr aufgelegt, aber über Antiquariate bzw. Amazon sicher noch als Second-Hand-Ausgabe zu beziehen.
„Ich schwör’s bei Gott, dieser Kerl, das ist das schlimmste Schandmaul, das die Welt gesehen hat, er hat bestimmt schon geflucht, als er auf die Welt kam; als seine Mutter, Miss Lillybelle Washington, diesen Heidenbengel in die Welt setzte, war gewiß das erste was er von sich gab ein Fluch, und die Hebamme und seine Mutter und wer da sonst noch rumstand, hat er wahrscheinlich erst mal angerotzt, weil sie ihn überhaupt rausgeholt haben, so einer ist das nämlich, mußt du wissen. Ich kenn‘ keine Menschenseele in der Gemeinde, die er nicht schon zur Sau gemacht hat, und auch keine Katze und keinen Hund. Aber der Herrgott wird über diesen Nigger kommen, wart’s nur ab, heimsuchen wird er diesen Nigger, und wie! Als er mir zum ersten Mal unter die Augen kam, da hat er meine Brüder angepöbelt, mitten auf der Straße, und ich hab‘ mich gefragt, was hat dieser Nigger da rumzupöbeln? Aber, hab‘ ich mir gedacht, das ist nun mal die Jugend, er ist ja noch jung, und dann war ich so idiotisch und hab den Idioten geheiratet.“ (…)
(Cecil Brown – Leben und Lieben des Mr. Jazzarsch Nigger, Prolog)
Hier geht es zum Blog KULTURFORUM: https://gerhardemmerkunst.wordpress.com/