Wilhelm Genazino: Tarzan am Main

„Wer in einem Flugzeug sitzt und sich langsam der Stadt Frankfurt am Main nähert, wird Opfer einer harmlosen Blendung. Etwa fünfzehn Minuten dauert der Sinkflug, und er spielt sich über schier endlosen Häusermeeren ab. In der Mitte des Panoramas erhebt sich machtvoll eine Wand von Hochhäusern, die zusammengewachsen scheinen. Wer die Geographie nicht kennt, hält den riesigen Teppich für Teile von Frankfurt, das seit langer Zeit damit leben muss, dass sie für die amerikanischste Stadt Deutschlands gehalten wird.“

Wilhelm Genazino, „Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“, 2013, Hanser Verlag

Über den Wolken scheint nicht nur die Freiheit grenzenlos zu sein. Eine Täuschung. Denn im Grunde, so macht es Wilhelm Genazino seinen Lesern deutlich, ist Frankfurt ein provinzielles Dorf, dessen Stadtkern in 20 Minuten durchquert werden kann (wenn einem nicht ständig die Massen an überwiegend asiatischen Touristen im Weg stünden). Zu gern wäre ich mit dem mittlerweile über 70jährigen Schriftsteller, dessen Romanhelden durch die Bank exzellente Flaneure sind, durch „Mainhattan“ oder auch „Painfurt“, wie ich es nenne, gebummelt. Hab` mich aber nicht getraut, bei ihm zu klingeln. Stattdessen habe ich seinen „Tarzan am Main“ als Begleitung dabei.

Eine Sammlung kurzer Texte, die verkürzt und fälschlicherweise oft „Genazinos Frankfurt-Buch“ genannt wird. Natürlich nehmen die Stadtbetrachtungen in diesem schmalen Band einen breiten Raum ein – zugleich sind sie aber auch ein Aufhänger für Biographisches. Genazino, der 1970 nach Frankfurt kam, um dort beim Satiremagazin „Pardon“ zu arbeiten, erzählt von den Anfängen seiner Schriftstellerexistenz, vom Schriftstellerdasein an sich („Ich sitze am Schreibtisch und suche nach Wörtern“), von den „zwiespältigen Wochen“ des Wartens auf die Herren vom Deutschen Literaturarchiv Marbach, die seine Aufzeichnungen übernehmen wollen („Vorlass“ genannt), von Kollegen (und dem leidigen und sträflich nachlässigen Umgang der Hochkultur mit den unterschätzten Vertretern des Fachs „Humor“ wie seinem Freund Robert Gernhardt). Es ist also ein Buch über das Spazierengehen UND das Schreiben.

Beides gehört für den Büchner-Preisträger unmittelbar zusammen, denn:
„Vermutlich ist der Schreibende das Gefäß einer Reizung, für die er sich immer besser präparieren lernt. Aus diesem Grund ist es irreführend, sich Literatur nur aus Sprache bestehend vorzustellen. Ohne die andauernde Wechselbelebung zwischen äußeren Bildern, ihrem verzögerten inneren Echo und deren Drang nach Gestaltung würde niemand schreiben wollen.“

Ich schreib hier keine Literatur. Und doch merke ich, dass mich meine Frankfurt-Eindrücke der letzten Tage so beschäftigen, dass ich sie schreibend erfassen will. Für eine Besucherin für mich aus der bayerischen Provinz ist die Stadt, die ich bislang nur vom Weg vom Bahnhof bis zur Buchmesse und zurück kannte, eine Stadt der Extreme: Himmelsstürmende Wolkenkratzer, Obdachlose auf Matratzenlager am Boden. Christopher-Street-Day auf der Zeil, der brummelnde alte Hesse, Schwulen-und-Ausländer-Hass-Parolen in seine Bierflasche murmelnd. Menschenmassen zwischen Alter Oper und Hirschgraben, dazwischen, beim Bücherflohmarkt am „Haus des Buches“, plötzlich ein Ort gepflegter Ruhe.

Dass Genazino, dieser begnadete Alltagsbeobachter, in seinen Frankfurt-Beobachtungen keine Sehenswürdigkeiten (Römer, Paulskirche, Bankenviertel, Schaumankai, Goethehaus) abhandeln würde, davon bin ich ausgegangen. Wer sich der „Seele“ dieser Stadt ein wenig annähern möchte, für den ist der „Tarzan am Main“ (das Titel“bild“ entstammt eigentlich einer Vignette über Genazinos Geburtsstadt Mannheim, wo sich Klein-Genazino inmitten der Kriegstrümmer vorstellte, er könne sich mit Lianen buchstäblich abseilen) richtig. Und es erklärt sich aus Buch und Stadterleben auch, warum Frankfurt den passenden Nährboden abgab, damit Genazino hier mit seinem „Abschaffel“ das Genre des Angestelltenromans „erfinden“ konnte. Im Park joggt ein junger Mann an mir vorbei, eigentlich noch ein Milchgesicht, an den Füßen stinkteure Sneakers, und hechelt beim Laufen in sein Headset: „Ja, Mama, aber die haben gesagt, dass ich dieses Jahr noch nicht zum Consultant upgegradet werden kann.“ That`s Ebbelwei-City.

Hingewiesen sei noch auf eine ausführliche Besprechung des „Frankfurt“-Buches bei Culturmag.

„Zum einen gefällt sich die Stadt in ihrer hausbackenen Eppelwoi-Seligkeit, zum anderen will sie als Mainhattan gelten. Man muss annehmen, dass Menschen, die derlei Verschmelzungen angemessen finden, noch nie in New York gewesen sind.“

„Frankfurts vielleicht heikelstes Kapitel ist die Zeil. Die Straße wird allgemein für das Zentrum der Stadt gehalten, weil hier tagtäglich abertausende von Menschen unterwegs sind und immer nur eines wollen: kaufen, kaufen, kaufen.“

„Das Erhabene in der Moderne entsteht durch den ungeplanten Zusammenprall von Elend und Kitsch.“

„An manchen Nachmittagen, besonders im Frühjahr und im Sommer, verwandeln sich Teile der Innenstadt in eine Art Szenario der Verwahrlosung. (…) Ich fürchte sowieso, unser Wirtschaftssystem hat einen Grad von Geschlossenheit erreicht, der die einmal Ausgeschlossenen nicht mehr zurücklässt. (…) Wie sehr die heutige Gesellschaft in geschlossene Segmente auseinandergefallen ist, kann man erleben, wenn man einen Abend in der Oper oder im Schauspielhaus verbringt. Wer in der Pause – ein Glas Prosecco für fünf Euro in der Hand – ein wenig im weiträumigen Foyer umherwandelt, kann ganz nah und doch im Dunkeln die herumhuschenden Schatten derer sehen, die in der Grünanlage unmittelbar vor dem Theater die Nacht verbringen.“

„Die moderne Stadt bringt kaum noch bemerkenswerte ästhetische Reize hervor, die von den Menschen ein längeres Verweilen fordern.“


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Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns

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Bild von Hans Braxmeier auf Pixabay

„Ein wenig Hoffnung schöpfte ich, als ich zu einem Sommerfest eingeladen wurde. Auf dem Sommerfest würden bestimmt ein paar in Frage kommenden Frauen herumflirren und Nachtfalterblicke aussenden. Ich fürchtete mich vor meinen humoristisch gemeinten Reden, die sich bei solchen Anlässen unangenehm in den Vordergrund schoben. Ich hörte mich schon jetzt, wie ich zu einer alkoholisierten Frau sagte: Ich habe den seriösen Paarungsdrang eines Maikäfers und biete problemfreie Anhänglichkeit. Am liebsten wollte ich mich nach solchen Sätzen selber ohrfeigen, wenn derlei nicht noch peinlicher gewesen wäre.“

Wilhelm Genazino, „Außer uns spricht niemand über uns“, Hanser Verlag, 2016.

Kennt man einen, kennt man alle. Nein, ich meine nicht die Männer an sich. Sondern jene Männer in den Genazino-Romanen der vergangenen Jahre, die sich, bis auf einige wenige Ähnlichkeiten, so ähneln wie … na eben ein Genazino-Mann dem anderen.

Auch im erst vor wenigen Tagen veröffentlichten neuesten Roman des Wahl-Frankfurters ähneln sich Konzept und Interieur: Ein gescheiterter Schauspieler, der sich als Radiosprecher, Modeschauen-Moderator und Gedichte-Vorleser gerade so durchschlägt. In einer Gewohnheitsbeziehung verharrend. Mit lockeren Zähnen und dem nahenden Alter hadernd. Und dazu noch: Die Stadt, das Spazierengehen, der Müll.

Als Chronist des Wandels unserer Innenstädte bleibt Genazino auch mit diesem Buch auf der Höhe. Ebenso als Alltagsbeobachter, Wortschöpfer, Sprachspieler. Doch irgendwann, ich muss es mit schmerzendem Leserherzen gestehen, wird man der ewig lebenslustlosen Helden dieser Romane müde. Und gerade dieses Buch wirkt, als wäre sein Schöpfer selbst beim Schreiben müde geworden, zermürbt von der anhaltenden Alltagsuntauglichkeit seiner Protagonisten. Waren in den vorhergehenden Romanen die Spaziergangs-Assoziationen und die Liebeswirren noch von einer gewissen erzählerischen Stringenz, so wirkt dieser Roman, so schmal er auch ist, verheddert, undurchdacht, so zerrissen wie das Seelenleben seines Helden.

Dieser wird durch den Suizid seiner Partnerin in eine Krise geworfen: Es fehlt ihm etwas „Körperliches (Carola)“, der Verzicht auf Frauen, „eine“ Frau zu finden als Ersatz (gleich welche), will ihm aber auch nicht gelingen. Er wehrt sich gegen eine Trauerbehaftung und wird dennoch zur „Ein-Personen-Peinlichkeit“. Es ziehen die Geliebten vergangener Tage, Freundinnen, ältere Frauen, die den Jungen verführten, usw. am geistigen Auge des Mannes vorüber – nichts davon wirkt besonders lustvoll, lebenslustvoll. Eine neue Frau findet sich zunächst auch nicht, zumal sich auch die Suche danach nur halbherzig gestaltet. Und wer will schon mit einem Kerl, der mit Tomatenflecken auf der Hose, löcherigen Unterhemden und einem anhaltenden Missmut kokettiert, Maikäfer-Tänzchen wagen? Kurzum: Der Sexualtrieb ist noch so ziemlich der einzige Antrieb, der bei diesem Genazino-Helden nicht im Halbschlaf schlummert. Und Thema des Buches ist die Pein des Nicht-Ausleben-Könnens.

Aber selbst wenn das Begehren ein Objekt findet, wirkt das irgendwie und irgendwann schal… Am Ende schläft er mit der Schwiegermutter, der ganze Akt verschmilzt in der Vorstellung zu einer Liebeshandlung mit der eigenen Mutter. Endlich, möchte man als Leser sagen: Unterschwellig wartet dieser Ödipus-Komplex schon seit etlichen Büchern Genazinos auf eine Auflösung.

Man könnte dem Buch zugutehalten, dass es die beiden stärksten Triebe der Menschen, Todesangst und Paarungswillen, in knappster Form miteinander verknüpft. Aber ganz ehrlich? Das Ganze wirkt bis zum Finale uninspiriert und blutlos.

Jörg Magenau urteilte in der Süddeutschen Zeitung:

„All die kleinen, feinen Alltagsbeobachtungen, die Genazinos Prosa seit jeher tragen, können den Roman auch nicht mehr retten. Über die Marathonläufer im Ziel bemerkt der Erzähler, dass hier endlich einmal einige Menschen ihre Erschöpfung öffentlich zeigen, dass es dazu hierzulande aber wohl eines Marathonlaufs bedarf. Dieser Roman, ließe sich ergänzen, kann das aber auch: Eine große Erschöpfung spricht aus ihm, die sich zu nichts mehr aufschwingen kann.“

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Kai Weyand: Applaus für Bronikowski

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Hallo, Ihr sorgenvollen Lebenstraumerfüllte,
Um mich müsst Ihr euch keine Sorgen machen. Ich lebe meinen Traum. Ich arbeite mit Abraham Lincoln zusammen, und ich halte ihn für echt. Er ist ein Untoter. Früher kämpfte er gegen die Starrköpfigkeit der Südstaaten, heute gegen die Leichenstarre der Toten. Ich helfe ihm, sie wieder geschmeidig zu machen. Eine Kleinwüchsige und ein Kasache sind auch mit von der Partie. Es gibt verdammt viele Tote. Sie kommen von überall her. Aus der ganzen Welt. Unser Arbeitgeber ist sehr demokratisch. Er macht keine Unterschiede zwischen reich und arm, alt oder jung, männlich oder weiblich, schwarz oder weiß, Muslim oder Christ, alles egal. Alle landen sie bei uns. Tägliche rieche ich den Duft der weiten Welt. Herrlich. Dafür muss ich nicht einmal nach Kanada oder London. Mein Traum ist direkt hier um die Ecke. Demnächst organisiere ich eine Seebestattung. Ein Geheimauftrag, darf niemand von wissen, nicht mal der Bruder, das wird bestimmt ganz toll. Heute habe ich jemanden zusammengeschlagen, das war auch toll. Der meinte, ich sei nekrophil. Ich denke nicht, dass er recht hat.

NC
Executive Funeral Management
Operator Worldwide

Kai Weyand, “Applaus für Bronikowski”, 2015, Wallstein Verlag

Nach dem ersten Longlistlesen – Ralph Dutli (akademisch-anstrengend) und Valerie Fritsch (apokalyptisch-bedeutungsschwanger) kam dieses Buch zur rechten Zeit. Ja, auch so kann die neue deutsche Literatur sein! Da schreibt einer einen kleinen Roman über die großen Fragen des Lebens – dessen Sinn, das Leben vor und nach dem Tod, die Würde über das Lebensende hinaus – voller skurriler Ideen, echter Typen, liebevoll beschriebener Charaktere und einer mitreißenden Handlung. Hut ab! Oder vielmehr: Applaus – wenn auch ein etwas zurückgenommener. Ganz ohne Mäkelei geht es denn doch nicht.

Applaus für: Diese herrlich absurde, groteske „Initiationsgeschichte“ (dies Etikett wurde dem Roman in den Feuilletons gegeben – wobei ich mich frage, ob dies auf den Entwicklungsschub eines 31jährigen tatsächlich noch passt?). Egal. Jedenfalls ist es Kai Weyand gelungen, mit dieser Erzählung über Halbtote, Untote und sehr tote Menschen eine lakonische Leichtigkeit zu transportieren – und das ist auch schwere Kunst. Im Mittelpunkt seines Romans steht Nies: Ein eigentlich gescheiterter 31jähriger, der sich von Job zu Job hangelt, gerade (wohl wieder) eine Beziehung hinter sich gelassen und wenig Perspektiven vor sich hat. An seinem Geburtstag ist ihm klar, dass „der Kurs seiner Lebensaktie wohl wirklich auf Ramschniveau gesunken ist.“ Andere – so der lebensoptimierte Banker-Bruder in London – würden dynamisch-effizient-energisch die Krise beim Schopfe packen. Das ist jedoch nicht die Sache des Protagonisten: Jener verharrt, seit seine Eltern ihn und den älteren Bruder als „Aufpasser“ zurückließen, um sich zwecks Erfüllung ihres Lebenstraums gen Kanada aufzumachen, in der Trotzhaltung eines Verlassenen. Das kindliche Trauma wird konserviert, allenfalls bricht es sich in gelegentlichen harmlosen Gewaltausbrüchen Bahn – Nies setzt Statements, indem er Eier gegen Häuserwände klatscht. Und sich konsequent allen bürgerlichen Bahnen verweigert. Nomen est omen: Auch als 31jähriger nennt sich Nies konsequent noch „NC“ = No Canadian.

Beim letzten gemeinsamen Essen am Abend zuvor verkündete Nies, dass er seinen Namen ablege und sich ab sofort NC nenne. Das C werde englisch ausgesprochen.
Und was soll das bedeuten?, fragte seine Mutter.
No Canadian, antwortete NC.
Bernd verdrehte die Augen und schüttelte genervt den Kopf.
Sein Vater schaute ihn lange an. Schließlich räusperte er sich und sagte: Find ich gut, dass du kreativ mit der Situation umgehst.
Dann waren sie weg.

Dieser kurze Ausschnitt zeigt die Stärken und Schwächen dieses Romans: Kai Weyand schreibt szenisch, bildhaft, lebhaft – aber die Sprache, wenn auch dem Thema „Initiation“ angemessen, ist nicht immer literarisch ausdrucks- oder gar anspruchsvoll.

Im Grunde ist dieser Nies, der sich in seiner Verweigerungshaltung durch das Leben und die Straßen der Stadt treiben lässt, der kleine Alltagsbeobachtungen macht und genießt, der aufmerksam und liebevoll die Dinge am Wegesrand registriert, aber im Zusammentreffen mit Menschen seine Schwierigkeiten hat, im Grunde ist das ein Genazino-Typ, wenn auch bedeutend jünger als dessen letzte Helden. Und was dem Autoren (noch) fehlt im Vergleich zum Frankfurter Flaneur: Dieses eigenwillige, typische Spiel mit Wörtern, die Wortneuschöpfungen, die jeden Genazino prägen. Ansätze sind vorhanden, ist Nies doch einer, der ständig über die Sprache, über Wörter und ihre Bedeutungen philosophiert:

Er blieb stehen, obwohl er glaubte, in der Holpenstraße etwas Erfreulicheres entdecken zu können als ein Bestattungsinstitut. Aber er blieb stehen und bemerkte, dass Tod ein einsilbiges Wort war. Das gefiel ihm. Komplizierte Dinge bestanden aus mindestens zwei Silben, das Wort Liebe zum Beispiel. Noch schlimmer: Liebesverhältnis. Zwei Hauptwörter, zusammengesetzt, fünf Silben. Wahnsinn.
Tod.
Drei Buchstaben. Absolut ausreichend. Kaum mehr als die Mindestanzahl für ein Hauptwort. Mehr Buchstaben oder gar ein mehrsilbiges Wort wären geradezu geschwätzig für ein Ereignis des Verstummens, um das es sich ja handelte.

Wo Nies alias NC über den Tod und das Verstummen philosophiert, da ist auch der Ort, an dem der Roman so richtig Fahrt aufnimmt: Kurz entschlossen bewirbt sich der Spaziergänger um eine Stelle in einem Bestattungsinstitut – die Arbeit mit den Toten wird zur Stelle seines Lebens. Zwar scheitert Nies in einem Sinne auch hier – zu kreativ sind seine Vorstellungen bei der Umsetzung letzter Wünsche, eine symbolisch gemeinte Seebestattung geht buchstäblich unter – aber als Mensch reift er, wird „erwachsen“, erwacht aus seinem Dämmerzustand. Bis es soweit ist, überrascht Kai Weyand mit ungewöhnlichen Typen, anrührenden Szenen – so wird Nies der „Beschützer“ eines gemobbten Schuljungen und verguckt sich in eine „BäckereiFACHverkäuferin“ – und absurden Situationen, unter anderem bei der Abholung der Leiche des alten Bronikowski. Ein Wermutstropfen: Manches, beispielsweise die Witze mit der kleinwüchsigen Bestattergattin, geraten nah an den Klamauk, sind etwas platt.

Ansonsten aber: Ein wunderbar leichtes Buch, das wohl nicht lange auf eine Verfilmung warten muss – geradezu eine Vorlage für eine der neueren deutschen Komödien. Ein leichtes Buch über die schweren Fragen, über die letzten Fragen – aber wohl kein Roman für die Ewigkeit. Dennoch: Auf das nächste Buch dieses Freiburger Autoren freue ich mich jetzt schon. Wunderbare Unterhaltung.

Kai Weyand, „Applaus für Bronikowski“, Wallstein Verlag.

Mit Dank für das Besprechungsexemplar.

Auf der Longlist beim Deutschen Buchpreis, auf der Leseliste der Buchpreisblogger und auf der Hotlist der Unabhängigen Verlage.

Hier hält der Kaffeehaussitzer auf dem Laufenden, welche Bücher der Longlist von den Buchpreisbloggern bereits besprochen wurden.

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Wilhelm Genazino: Aus der Ferne. Auf der Kippe

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Bild von Momentmal auf Pixabay

„Wenn dieses Bild aufscheint, am Ende von „Modern Times“, sind die Zuschauer erleichtert, daß Charlie und die schöne junge Frau endlich zusammengefunden haben. Nach hundert Fehlschlägen leuchtet ihnen die Utopie des Glücks, der sie nun, auf einer von allen Niederlagen gereinigten Straße, entgegengehen. In unserer Begeisterung übersehen wir, daß sich in diesem Schlußbild noch eine andere, viel verstecktere Hoffnung zu Wort meldet, eine Sehnsucht, die wir vielleicht deswegen nicht bemerken, weil unser Innerstes ihr Scheitern schon lange ahnt. Erst eine Postkarte wie diese hier, die das Schlußbild einfriert und es damit für ein beliebig langes Betrachten freigibt, läßt uns mehr sehen als das Offenkundige. Das Paar – der haarsträubende Trottel, dem es gegen alle Wahrscheinlichkeit gelungen ist, eine wundervolle Frau für sich einzunehmen – erinnert uns an all die Menschen, die wir außerhalb des Kinos kennen und die sich oft verzweifelt anstrengen, richtige Paare zu sein. Vermutlich gibt es auf der ganzen Welt nicht ein einziges Paar, das wirklich zusammenpaßt, und vielleicht kann es auch keines geben. Jedem einzelnen von ihnen haftet etwas Falsches an, etwas sanft Erzwungenes oder heiter Gelähmtes, jene nicht tilgbare Spur von Überredung und Gewalt, ohne die wir unser Leben nicht aufbessern können. An dieser wunden Stelle setzt Charlie die verborgene Utopie an. Er zeigt uns zwei in ihren Äußerlichkeiten kraß auseinanderstrebende Menschen, die trotzdem ein Paar sind. Ein Paar freilich, das keinen Versuch unternimmt, einander passend zu machen, worin es sich von allen „Paaren“ der Wirklichkeit unterscheidet. Kurz bevor wir aufatmend das Happy-End beklatschen, sehen wir die traumhafte Utopie einer Annäherung ohne Verähnlichung. Eine Utopie ist dann echt, wenn sie uns an etwas Unwirkliches wie an etwas Wirkliches glauben läßt. In dieser für das Bewußtsein kaum erträglichen Fallhöhe liegt die fast läppische Größe dieses Schlußbilds.“

Wilhelm Genazino: Auch aus einer kurzen Bildbetrachtung macht er einen Text voller Welt. „Aus der Ferne. Auf der Kippe“ beinhaltet Texte zu Fotos und Postkarten, die der Spaziergänger Genazino auf Flohmärkten, in Trödelläden und bei seinen Streifzügen erstand. Mehr Informationen zum Buch gibt es hier.

 

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Wilhelm Genazino: Bei Regen im Saal

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Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Du duckst dich gern weg, sagte sie überraschend.
Ich ahnte nur ungenau, was sie meinte, aber ich wollte entgegenkommend sein und sagte nur: Ja, geb` ich zu.
Fühlst du dich wohl dabei?
Schwer zu sagen, antwortete ich.
Deine Rückzugsgefechte führen nicht zu einem eigenen Leben, sondern höchstens zu einer Eigenbrötlerei.
Mir war nicht klar, wie ausgerechnet sie als Finanzbeamtin von einem eigenen Leben reden konnte. Aber ich war viel zu verblüfft, um zu widersprechen.
Merkst du, wie die Eigenbrötlerei mehr und mehr zu einer Abkapselung führt, sogar wenn wir im Bett liegen.
Das kann ich nicht nachvollziehen, sagte ich.
Und aus deiner Abkapselung tritt die Einsamkeit hervor und aus dieser ein vorzeitiges Altern.
Hast du diesen Satz auswendig gelernt, fragte ich.
Ich meine es ernst, sagte sie.
Ich hätte viel darum gegeben, wenn ich jetzt schon gewusst hätte, wie die nächsten Stunden verlaufen würden. Tatsächlich saßen wir inzwischen wie zwei fremde Skulpturen an einem Cafétisch und achteten darauf, dass wir uns nicht anschauten. Am Nebentisch erklärte eine Mutter ihrem Kind, was eine Monatskarte ist.

Wilhelm Genazino, „Bei Regen im Saal“, Hanser Verlag, 2014.

Immer dasselbe: Ein Mann, meist Anfang bis Ende Vierzig, Einzelgänger, ohne berufliche oder private Perspektiven geschweige denn Ambitionen, meist mit einem Bein außerhalb der „normalen“ Gesellschaft stehend, meist mit einem Bein doch auch hineinwollend, mit einem halben Herzen in einer Liebesbeziehung, mit dem anderen halben Herzen nicht dabei, ein beobachtender Spaziergänger, Alltäglichkeiten registrierend und kontrollierend, nicht ohne Aburteilungstendenzen, ja, eigenbrötlerisch bis hin zur Misantrophie. Eine typische Genazino-Figur eben.

Mit großer Verlässlichkeit schickt der Frankfurter Schriftsteller einen dieser Anti-Helden alle ein, zwei Jahre auf den Weg. Man könnte sagen: Kennt man einen, kennt man alle. Und dennoch harre ich geduldig seit dem „Abschaffel“ um wieder einmal „Mittelmäßiges Heimweh“ oder das „Glück in glücksfernen Zeiten“ empfinden zu können, um einen „Regenschirm für einen Tag“ zu haben oder auch, um von „Der Obdachlosigkeit der Fische“ zu erfahren.

Nun also „Bei Regen im Saal“. Reinhard, 43 Jahre alt, (einer der seltenen Fälle, in denen die männliche Hauptfigur einen Vornamen erhält, wenn auch nur einmal nebenbei erwähnt) ist so ein Zwischendrinsteher, der nach den Möglichkeiten zur Durchführung des Lebens sucht.

„Ich war gerne zu Hause, wenn mich meine Müdigkeit ratlos machte. Gleichzeitig belastete mich die Unzufriedenheit mit meiner derzeitigen Lage. Ich sehnte mich nach mehr Normalität. Wie die meisten anderen Menschen wollte ich tagsüber arbeiten und nachts schlafen und am Wochenende ins Kino gehen.“

„Ich meinte auf der Haut zu spüren, wie mich die Abende zermürbten. Ich sehnte mich danach, ein gewöhnliches Leben zu führen. Die meisten Menschen wissen genau, was sie dürfen und worauf sie sich verlässlich freuen können.“

„Eines meiner Probleme war, dass ich mich für fast alles zu alt fühlte. Ich war vierundvierzig oder achtundvierzig, vielleicht aber auch erst einundvierzig. Wie meine Mutter hatte ich angefangen, mein genaues Alter nicht mehr wissen zu wollen. Jedenfalls war mir unklar, was ich inmitten der schnellverderblichen Welt noch anfangen sollte.“

Eines der Probleme der Reinhards und der unbenannten weiteren Genazino-Helden ist es zudem, dass sie meist nicht wissen, was sie wollen (und wenn sie es denn haben, wollen sie es nicht mehr), wohin und zu wem sie gehören (wollen). Oder auch nicht. Und, frei nach Teresa von Ávila, werden auch hier mehr Tränen über erhörte Gebete vergossen denn über die Unerfüllten…
So schlägt sich Reinhard, studierter Philosoph, als Nachtportier, Barmann und in freier Beratertätigkeit als „Überwinder“ (er, der von Ängsten selbst geplagte, hilft anderen bei der Angstüberwindung) durch, unterhält ein intimes Verhältnis zu Sonja („Wahrscheinlich verdankte ich es ihrem Druck, dass ich noch den Pfad der Ordentlichkeit gefunden hatte.“), prokrastiniert jedoch vor deren Verlangen nach elfjähriger Beziehung nach mehr Verbindlichkeit („Die Technik des schnellen Vergessens erinnerte mich an die Ehe meiner Eltern und beunruhigte mich. Tauchte am Horizont allmählich die Ehe auf?“) und etwaigen Erlebnissen. Eine Paris-Reise ist Überforderung pur. Als Sonja ihn jedoch verlässt, ereilt auch Reinhard die typische Genazino-Zuspitzung der seinen Figuren eigenen chronischen Sinnkrise.

„Während des Herumstehens im Regen gelang mir das Gefühl meiner momentweisen Abtrennung von der Welt. Dabei konnte ich mir die harmlose Freude am stillen Herumtrödeln nicht mehr länger leisten. Ich musste den Schlingerkurs meiner Existenz endgültig beenden. Gegen die Ödnisse der Tage ging ich rücksichtslos vor, aber wie beendete man das Schwanken einer Biografie? Ich ahnte, dass ein anhaltend falsches Leben im Handumdrehen in ein Schicksal umschlagen konnte.“

Überlassen wir hier Reinhard seinem Schicksal. Er wird, wie seine Vorgänger, noch einige Buchseiten herumstehen, herumlaufen, herumdenken, herumhadern, um dann von Sonja wieder aufgenommen zu werden. Um auch dann erneut nicht zu wissen, was er vom Leben will. Oder auch nicht.
Genazino lesen, das könnte auch niederdrückend sein. Für manche Leser vielleicht schon. Wer ihn jedoch schätzt, der kennt die Erfahrungen der Halberlebnisse, der Vollkommenheit einer persönlichen Unordnung, der Arbeit, dies braucht, um das Gefühl zu erfinden, halbwegs zur Welt zu gehören, das Gefühl der Verflusung des Lebens. Man kann sich dabei in eine Versenkung hineinlesen und dennoch Momente des Glücks in glücksfernen Zeiten erfahren. Sei es beim Beobachten einer tumben Taube. Sei es beim Genuss eines Mettwurstbrötchens. Oder einfach auch beim Anliegen bei einer Busenbegleitung.

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