Kurt Tucholsky: Herr Wendriner und das Lottchen

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Dieser Herr sieht irgendwie aus wie ein Wendriner. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

„Man kommt zu gar nichts mehr. Ich denk jetzt so oft an den Tod. Quatsch. Doch, ich denk oft an den Tod. Das kommt von der Verdauung. Nein, das kommt nicht von der Verdauung. Man wird älter. Wie lange sind wir jetzt schon verheiratet…Nu, für sie ist ja ausgesorgt, so weit bin ich schon, Gottseidank. Wenn ich tot bin, wern sie erst erkennen, was sie an mir gehabt haben. Man wird viel zu wenig anerkannt, im Leben. Hinterher ist zu spät. Hinterher wern sie weinen. Damals, beim alten Leppschitzer warn ja enorm viele Leute. So viel kommen bei mir mindestens auch…“

Kurt Tucholsky, „Herr Wendriner kann nicht einschlafen“, 30. März 1926, „Die Weltbühne“

Der Herr, der hier nicht einschlafen kann, ist der Herr Wendriner. Ein Geschäftsmann und Familienvater im besten Alter, der Spießbürger par excellence. Und wenn Herr Wendriner uff Jedanken kommt, dann wird es ein wenig schräg. So führt Schlaflosigkeit zu solchenen Lebens- resp. Todesweisheiten.

„Schrecklich, wenn man nicht einschlafen kann. Wenn man nicht einschlafen kann, ist man ganz allein. Ich bin nicht gern allein. Ich muss Leute um mich haben, Bewegung, Familie, Arbeit…Wenn ich mit mir allein bin, dann ist da keiner. Und dann bin ich ganz allein. Hinten juckts mich. Ich kenn das. Jetzt wer ich gleich einschlafen. Schlafen…Na, denn gut`n –„

Zwischen 1922 und 1930 erscheinen die Wendriner-Texte aus der Feder Kurt Tucholskys in der „Weltbühne“. Gesellschaftskritische Kurzgeschichten, Monologe, in denen einer vor sich hinschwadroniert und dabei unbewusst in seine kleine Seele blicken lässt. Nach außen hin braver Familienvater, versucht sich auch der Wendriner mal an einer Geliebten und guckt selbst im klassischen Theater den Schauspielerinnen lieber auf die Beine als ins Textbuch. Zumeist schwadroniert er übers Geschäft und – wenig fachkundig – über Politik: Politik ist letztlich das, was das Geschäft nicht stört. So sind ihm die Sozis ein Gräuel, die Bewegungen am rechten Rand notiert er in einer Mischung zwischen Furcht und Bewunderung – Bewunderung für deren „Ordnungssinn“.

Abscheu vor den Spießern

Der Wendriner kam schon bei Erscheinen nicht durchwegs gut an. Zu spitz, zu satirisch und Tucholskys Wort – „Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel“ – bewies sich einmal mehr. Aber auch nach Tucholskys Tod und nach dem Ende des Nationalsozialismus war lange Zeit eine unvoreingenommene Rezeption der Geschichten schwierig: Denn Herrn Wendriner ist ein deutscher Jude. Tucholsky wurde der Vorwurf des Antisemitismus gemacht. Dabei, so arbeitete auch sein Biograf Rolf Hosfeld heraus (nur zu empfehlen: „Tucholsky – Ein deutsches Leben“, Rolf Hosfeld), war es vor allem die Abscheu vor dem Spießertum, die den Schriftsteller und Satiriker antrieb. Aus einem Interview der Jüdischen Allgemeinen mit Rolf Hosfeld:

Zu denen, die versagt hatten, zählte für Tucholsky auch die deutsche Judenheit. Kurz vor seinem Tod 1935 hat er einen Brief an Arnold Zweig geschrieben. Da liest man: »Der Jude ist feige. Er duckt sich.« Tucholsky hatte offenbar einen ziemlichen Abscheu vor den deutschen Juden.

Nicht unbedingt vor den deutschen Juden. Aber vor einem bestimmten Typus des jüdischen Spießers, ja. Herr Wendriner zum Beispiel, ja. Tucholsky hatte eine enorme Abneigung gegen den damals verbreiteten Typus des deutschnationalen Juden. Etwa, wenn Herr Wendriner den SA-Mann vor seinem Geschäft hofiert. Bei Wendriner spielen aber noch andere Aspekte hinein. In seinem ungeordneten Weltbild hat er auch sympathische Züge. Die Wendriner-Geschichten sollten übrigens als Buch erscheinen. Tucholsky unterhielt sich mit Edith Jacobson darüber, wer sie illustrieren könnte. George Grosz wollte Tucholsky nicht, der war ihm zu karikaturenhaft; andere vorgeschlagene Zeichner waren ihm zu antisemitisch.

Das Interview in voller Länge, in dem es um Tucholskys Haltung zum Judentum geht, findet sich hier: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/12535.

Hellsichtige Skizzen

Bereits Edith Jacobsohn, die Frau des Weltbühnen-Herausgebers Siegfried Jacobsohn, plante in ihrem Verlag eine Wendriner-Ausgabe. Zustande kam sie schließlich nicht, selbst ihr waren manche Texte zu scharf. 1927 erschienen dann die bis dahin in der Weltbühne gedruckten Texte bei Rowohlt, in dem Sammelband „Mit 5 PS“. Nicht darunter ist selbstverständlich der interessanteste der Wendriner-Texte, weil erst 1930 entstanden: „Herr Wendriner steht unter Diktatur“. Geradezu hellsichtig skizziert Tucholsky das Heraufziehen einer neuen Gesellschaftsordnung mit Herrenmenschen und lässt seinen literarischen Wendehals bei einem Kinobesuch den Salto zur Unterordnung machen – auch Wendriner ist einer jener, die zu jener Zeit noch glauben, als „Schutzbürger“ und mit der rechten Gesinnung geschähe ihnen nichts.

Der Verlag vbb – verlag für berlin-brandenburg hat nun in einem schmalen Bändchen die Wendriner-Texte neu herausgegeben. Ergänzt durch eine weibliche Stimme: Mit den „Lottchen“-Geschichten lässt Tucholsky eine für diese Zeit typische freche Frauenstimme, emanzipiert, witzig und schlagfertig, zu Wort kommen. „Lottchen“ war im eigentlichen Leben Lisa Matthias, eine alleinerziehende Journalistin, die Tucholsky 1927 kennenlernte. Ihr widmete er „Schloß Gripsholm“.

Abgerundet wird das Buch durch den Briefwechsel Tucholskys mit Edith Jacobsohn zu ihrem geplanten Buchprojekt, der in dem Bändchen erstmals veröffentlicht wird. Allein schon diese briefschriftliche Auseinandersetzung zwischen den Beiden ist von hohem Amüsemang und macht das Buch zu einer kleinen Petitesse:

„Lieber dicker Tucho, was is mit Wendrinern, nuuh?“, fleht die Verlegerin namens Franziska Damenbart, und der Tucho antwortet dem „geliebten Weib“, der Wendriner werde schon mit besonderer Sorgfalt verarztet werden.

„Herr Wendriner und das Lottchen“, Kurt Tucholsky, vbb, 2014, 96 Seiten, Halbleinen, Format: 12,5 x 20,5 cm, ISBN: 978-3-945256-01-5.


Bild zum Download: Ein Herr Wendriner?


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Kurt Tucholsky: Traktat über den Hund

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Bild von Donald Clark auf Pixabay

„Es muss wohl Katzenmenschen und Hundemenschen geben. Magst du den Hund? Ich auch nicht. Er brüllt den ganzen Tag, zerstört mit seinem unnützen Lärm die schönsten Stillen und wird in seiner Rücksichtslosigkeit nur noch von der seiner Besitzer übertroffen. (Protest des Reichbundes Deutscher Hundefreunde. Kusch).“

Peter Panter, Brief an einen Kater, Vossische Zeitung, 25.11.1927

Kurt Tucholsky liebte das freie Wort, die Frauen und Katzen. Hunde liebte er nicht. Oder präziser: Er liebte nicht, was der Hundehalter, insbesondere der „teutsche“ Hundehalter, aus dem Wesen Hund machte. Und: Der extrem lärmempfindliche Autor, der wegen seiner chronischen Nebenhöhlenentzündungen oft unter höllischen Kopfschmerzen litt, ging an und unter die Decke, wenn in seiner Nachbarschaft Dauergebell zu hören war.

Dieses Kranken am deutschen Wesen Hund und an dem von ihm produzierten Lärm ist hier und da in den Texten Tucholskys zu finden. Er dichtete über „Führerhunde“ (1921), über liebestolle Hunde in „Der Lenz ist da“ (1914) und schrieb in „Zwei Lärme“ (1925) über die Quälereien, die am Klavier dilettierende Nachbarfräuleins und bellende Hunde auszuüben vermögen:

„Allmorgendlich versammeln sich zwei singende Klavierspielerinnen und sechs Hunde in meinem Zimmer, treffen dort zusammen, die Hunde heulen Symphonien, die Klaviere bellen, die Sängerinnen jaulen. Sie zerstören das Beste: Die Ruhe.“

Aber in keinem anderen Texte wurde er so deutlich in seiner Abneigung gegen den „besten Freund des Menschen“ (und dessen Halter) wie im 1927 in der Weltbühne veröffentlichtem „Traktat über den Hund“.

„Hundebesitzer sind die rücksichtslosesten Menschen auf der Welt“, beginnt er seine Überlegungen zum „Tierhalter“ und endet mit dem Schluss:

„So ist der treue Hund so recht ein Ausdruck für die menschliche Seele. Allerseits geschätzt; nur selten in der Jugend ersäuft; gehalten, weil sich der Nachbar einen hält, von feineren Herrschaften auch als Schimpfwort benutzt – so bellt er sich durchs Leben. (…) Eine fortgeschrittene Zivilisation wird ihn als barbarisch abschaffen.“

Boah! Was gab das für einen Aufruhr: Tucholsky wurde mit erbosten Leserbriefen überschwemmt, treue Leser kündigten ihre Abonnements der „Weltbühne“ und ließen wahre Schimpftiraden und Verwünschungen über den Autoren los. Der aber bellte und biss gekonnt zurück und ergänzte sein „Traktat“ 1929 um weitere Kapitel:

„Da habe ich über den Hund traktiert, eigentlich mehr über das nervabtötende Gebell dieser Tiere, und man muß schon das Vaterland, das teure, und was an Generalen, Zeitungen und deutschen Männern drum und dran hängt, beleidigen, um einen solchen Lerm zu erleben.“

(Lerm mit „e“ nach Schopenhauer).

Natürlich hatte Tucholsky als begnadeter Satiriker mit seinen Anti-Hund-Tiraden nicht nur das Hundeherz getroffen, sondern vor allem menschliche Eigenschaften bloßgelegt, die er Hund und Halter zuschrieb: „Duckmäusertum, Kadavergehorsam und Anpassung“ (Claus Lorenzen).
Und so hatte sein „Traktat“ wie andere seiner Texte eben auch eine gesellschaftspolitische Komponente. „Ein großer Teil dieser (…) Menschen hat an dem Hund nur einen Untertan“, schrieb Tucholsky 1922 in „Der Hund als Untergebener“.

Dieser Text, das Traktat sowie etliche weitere Beispiele, in denen „Tucho“ auf den Hund kam, gab Claus Lorenzen in einem wunderbar von Klaus Ensikat illustrierten Band 2013 heraus, erschienen bei der Officina Ludi. Das Buch wurde 2016 nochmals als Sonderausgabe nachgedruckt – ein wirkliches Schmuckstück, das nicht nur Tucholsky-Anhängern, Ensikat-Liebhabern, Katzenfreunden, sondern vielleicht auch dem einen oder anderen Hundehalter gefallen könnte.

„Ich denke mir die Hölle so, daß ich unter Aufsicht eines preußischen Landgerichtsdirektors, der nachts von einem Reichswehrhauptmann abgelöst wird, in einem Kessel koche – vor dem sitzt einer und liest mir alte Leitartikel vor. Neben dieser Vorrichtung aber steht ein Hundezwinger, darin stehen, liegen, jaulen, brüllen, bellen und heulen zweiundvierzig Hunde. Ab und zu kommt Besuch aus dem Himmel und sieht mitleidig nach, ob ich noch da bin – das stärkt des frommen Besuchers Verdauung. Und die Hunde bellen…!
Lieber Gott, gib mir den Himmel der Geräuschlosigkeit. Unruhe produziere ich allein. Gib mir die Ruhe, die Lautlosigkeit und die Stille. Amen.“

Zu den bibliophilen Schmuckstücken der Officina Ludi: http://www.officinaludi.de/

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Ernst Glaeser: Jahrgang 1902

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Bild von Michael Gaida auf Pixabay

„Pfeiffer sammelte weder Granatsplitter, noch klebte er auf die Flaschen die Photos der Generäle. Pfeiffer hatte auch keine Landkarte, auf der er die Front absteckte, nicht einmal ein schwarz-weiß-rotes Abzeichen oder einen Stempel: „Gott strafe England!“ Statt dessen machte er Botengänge, kehrte manchen Bürgern Samstags die Straße und verdiente damit monatlich 3,50 Mark, die er seiner Mutter genau ablieferte. Der zwölfjährige Junge war Zivilist, wir spürten das, ohne es formulieren zu können – deshalb verprügelten wir ihn. Er überwand diese Prügel, indem er sie aushielt.“

Ernst Glaeser, „Jahrgang 1902“, 1928, wiederaufgelegt und herausgegeben von Christian Klein im Wallstein Verlag, 2014.

Heranwachsende zwischen den Fronten, Kinder, die andere Kinder als Zivilisten bezeichnen, deren kindliche Spiele Krieg statt Frieden simulieren, die sich zunächst in den Ferien mit französischen Gleichaltrigen wortlos verstehen können und dann ebenso wortlos anfeinden müssen, deren erste Liebe von Bombensplittern zerfetzt wird: Mit diesem Psychogramm einer Jugend in Deutschland wurde Ernst Glaeser in der Weimarer Republik, der Zwischenkriegszeit, zum literarischen Star. Anders als bei den ebenfalls in diesen Jahren erschienenen Romane von Erich Maria Remarque und Arnold Zweig steht nicht der Frontsoldat im Mittelpunkt, beschrieben wird, ähnlich wie in Georg Finks „Mich Hungert“ die Generation, die mit dem Krieg aufwuchs, zu jung für die Front, doch bereits auch zu alt, um wegzusehen – eine „lost generation“, der „Jahrgang 1902“.

Auch der Autor selbst gehört zu dieser verlorenen Generation, zu den Orientierungslosen, im Geiste Wurzellosen – dazu jedoch später mehr. Als „Jahrgang 1902“ erscheint, ist Glaeser (1902-1963) gerade mal 26 Jahre alt und trat zuvor nur mit einigen wenigen Dramen hervor. Der Debütroman wird jedoch aus dem Stand zum Sensationserfolg – bis Ende 1929 erreicht er eine Gesamtauflage von 200.000 Stück und wird in über 20 Sprachen übersetzt. Ein Bestseller, ähnlich wie „Im Westen nichts Neues“, der offenbar den Nerv ganzer Massen trifft.

Der Glaube an Gott und Kaiser

Erzählt wird die Geschichte eines Jungen, der in behüteten Verhältnissen in der Wilhelminischen Zeit aufwächst. Christian Klein, Akademischer Rat im Fach Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Bergischen Universität Wuppertal, der nun für den Wallstein Verlag die Neuherausgabe des Buches besorgt hat, vermutet in seinem kenntnisreichen Nachwort wohl nicht von ungefähr, dass „Glaeser in ähnlichen Verhältnissen wie der Protagonist in seinem Roman Jahrgang 1902 aufwächst: Bürgerlich-konservativer Wohlstand und der Glaube an die Autorität von Kaiser und Vaterland dürften den jungen Glaeser zuhause umgeben haben.“ Und Glaeser selbst schreibt über sein Buch:

„Meine Beobachtungen sind lückenhaft. Es wäre mir leicht gewesen, einen ‚Roman‘ zu schreiben. Ich habe mit diesem Buch nicht die Absicht zu ‚dichten‘. Ich will die Wahrheit, selbst wenn sie fragmentarisch ist wie dieser Bericht.“

Scheinbar also in der hessischen Provinz nichts Neues, die konservativ-autoritäre Vaterfigur, die Mutter, weltflüchtend in die Lektüre von Hugo von Hofmannsthal. Doch die bürgerliche Ordnung birgt ihr dunklen Seiten und zeigt Risse: Das Buch beginnt mit der Schikane eines jüdischen Schulkameraden durch einen schmissigen Lehrer, aufgezeigt werden ebenso die Nöte und die Armut der Arbeiterfamilien, der Weltekel eines weltoffenen Adeligen, der am Provinzialismus und Militarismus seiner Klasse erstickt, die Obrigkeitshörigkeit und Dumpfheit der Konservativen ebenso wie die Verfolgung von Menschen, die sich für die Rechte der Arbeiter einsetzen. Glaeser streift die Grundzüge der Gesellschaftsordnung: Antisemitismus, Sozialismus und die Furcht davor, die konservativ-kaisertreue Klasse, die – bereits am Ende – ihr Heil auch im Krieg sieht und sucht. Dazwischen die Jugendlichen, die in dieser Welt ihre Orientierung suchen. Der Protagonist ist das beste Beispiel für einen sensiblen Jungen auf der Suche nach einem Vorbild, einem Halt. Berührungspunkte gibt es zu den verschiedensten Welten – zu Leo, dem jüdischen Freund, der bald verstirbt, zu Ferd, dem Adelsspross, zu August, dem Arbeitersohn. Gaston, ein Franzose, den er bei einem Kuraufenthalt in der Schweiz kennenlernt, äußert schließlich den entscheidenden Satz, der dem Buch auch als Zitat vorangestellt ist:La guerre, ce sont nos parents.

„Jene schon zu Friedenszeiten innerlich längst in Auflösung begriffenen, nach außen aber umso lauter propagierten Werte und Ideale, auf die man gerade im Ernstfall hätte bauen können sollen, verloren angesichts der Herausforderungen des Krieges gänzlich ihre Tragfähigkeit. Die Welt der Eltern erschien als Welt der leeren Versprechungen und verlogenen Phrasen“, schreibt Christian Klein in seinem Nachwort.

Vielmehr jedoch wird die Welt der Eltern zur Welt der Verheerungen:

„Es war Abend, als ich nach Hause kam. Ich war sehr erregt und konnte nichts essen. Mutter war auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung für „unsere Feldgrauen im Osten“, ich saß allein und wußte nicht, wie ich meine Mathematikaufgaben für den nächsten Tag fertigbringen sollte. Die Begegnung mit dem toten Soldaten hatte mir jede Sicherheit geraubt. Ich sah sein Gesicht, den verkrampften Mund und mußte plötzlich an Pfeiffer denken. Ich beschloß, zu ihm zu gehen und ihm die Geschichte mit den Pferden und dem Sergeanten zu erzählen. Dauernd hörte ich die Stimme des Urlaubers: „Der sieht aus, als sei er in der vordersten Linie gefallen…“ Sahen die alle so aus, die dort fielen? Sah so der Heldentod aus? Ich hatte ich ihn mir bisher als etwas Schönes vorgestellt.“

Der Wallstein Verlag zitiert auf seiner Homepage Erich Maria Remarque zu „Jahrgang 1902“:
„Die Schärfe des Blicks in diesem Buch ist außerordentlich, aber noch überraschender ist, daß eine so hart und klar gesehene Arbeit dennoch Wärme und Zartheit hat, daß sie wunderbar lebendig ist, und daß nie, trotz aller Unerbittlichkeit, das Knochengerüst der Gedanken sich durchscheuert. Die Fülle ist hier nicht eine Angelegenheit der Phantasie, sondern des Auges. Das Buch Glaesers ist nicht nur literarisch wertvoll, sondern bedeutend mehr: es ist zeitgeschichtlich wichtig.“

Zeitdokument einer verlorenen Jugend

So ist dieses Buch auch heute noch zu lesen: Als Zeitdokument, als Dokument einer verlorenen Jugend. Und – wer die historischen Umstände zu abstrahieren vermag – kann in dieser Adoleszenz-Geschichte durchaus auch Fingerzeige für die Gegenwart entnehmen, herauslesen, wie aus jugendlicher Zerrissen- und Verlorenheit Mitläufertum oder gar Radikalismus entstehen können. Denn Ernst, obwohl voller Empathie für die Schwächeren, kann sich auch der Anziehung der braungefärbten Dumpfen nicht entziehen, der Protagonist bleibt ein Fähnchen im Wind. Unsentimental – so durchaus auch ein zeitgeschichtliches Prädikat, das dem Roman zugeordnet wurde – ist das Buch nicht. Dazu sind Autor und Protagonist zu sehr auch in der eigenen Welt gefangen, durchaus auch selbstbemitleidend im Ton, durchaus zu indifferent in der Haltung – kritiklos kann der Roman auch heute nicht gelesen werden.

Letztendlich ist dieses Schwanken auch ein Hinweis auf die spätere, wechselvolle Biographie des Autoren:

„Sich selbst und seine Generation, die im Jahr 1902 Geborenen, hatte er als orientierungslose, verlorene Zwischengeneration beschrieben, ohne Halt und Haltung, zu Kriegsbeginn zwölf Jahre alt, am Ende sechzehn“, so Volker Weidermann in „Das Buch der verbrannten Bücher“. „Das Meisterliche an Glaesers Buch ist diese radikale Position, das jämmerliche Leiden und Selbstbemitleiden eines Einzelnen glaubhaft als Generationenphänomen darzustellen. (…) Als Buch war das groß. Im Leben war es lächerlich und armselig, in der einmal konstatierten Falle der Standort- und Überzeugungslosigkeit zu verharren.“

Sowohl bei Weidermann als auch im Nachwort von Christian Klein zu „Jahrgang 1902“ wird dieses Verharren respektive Schwanken Glaesers gut umrissen – vom etablierten Literaten über den revolutionären kommunistischen Schriftsteller, dessen Bücher verbrannt werden, zum wurzellosen Emigranten bis hin zum Rückkehrer, der sich den Nationalsozialisten anbiedert und schließlich Schriftleiter einer Frontzeitung der Luftwaffe wird. Eine ausführliche Biographie, geschrieben von Carsten Tergast, ist online hier zu finden: Ernst Glaeser.

Vor allem Ernst Glaeser gelten die Worte von Erika und Klaus Mann in ihrem Buch über die deutsche Kultur im Exil, „Escape to life“:
„Denn die Emigration ist kein Club, dessen Mitglied zu sein am Ende nicht viel bedeutet. Sie ist Verpflichtung und Schicksal; sie ist eine Aufgabe, und keine leichte. Diese Emigranten sind seltsame Leute. Sie wollen keinen in ihrer Mitte haben, der, kokett und verschlagen, sentimental und geschäftstüchtig, auch „nach der anderen Seite“ blinzelt. Einen solchen stoßen sie aus ihrer Mitte. Wohl ihm, wenn er nun noch einen Platz findet, wo er sein Haupt betten kann, das wir nicht einmal mehr mit den Spitzen unserer Finger berühren möchten.“

Glaeser bettete sich erneut ein im Nationalsozialismus. Doch ob er gut geruht hat, ist eine andere Frage.

Zur Seite des Wallstein Verlags zum Roman: http://www.wallstein-verlag.de/9783835313361-ernst-glaeser-jahrgang-1902.html
Eine weitere Besprechung gibt es bei den Literaturen: http://literatourismus.net/2014/01/ernst-glaeser-jahrgang-1902/
In der Zeit wurden die Romane Ernst Glaesers und Georg Finks zusammen rezensiert: http://www.zeit.de/kultur/literatur/2014-02/jugend-erster-weltkrieg

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Lili Grün: Mädchenhimmel!

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Bild: Birgit Böllinger

Geliebter Freund (Auszug)

Zum Schluß meinst du, ich soll dir Antwort schreiben,
Natürlich nur in dein Geschäft,
Denn deine junge Frau, sie könnte drunter leiden,
Und wenn sie meinen Brief erwischt,
Dann ging`s Dir schlecht.

Geliebter Freund, ich hab` dir nichts zu sagen;
Denn du bist fremd und fern und alles ist vorbei.
Ich hab` dich sehr geliebt…Es ist vorüber,
Ich sprech` nicht gern davon…Kurz:
Schwamm darüber!

Es ist so eine typische Stimme der 1920er und 30er Jahre, die aus diesen Gedichten zu uns spricht: Ein bisschen schnodderig, ein bisschen frech, ein wenig melancholisch, ein wenig bitter-süß. Man meint, den Sound der Weimarer Republik im Ohr zu haben, wenn man Lili Grün liest. Und nicht zu Unrecht wird sie als Vertreterin der Neuen Sachlichkeit mit Irmgard Keun, Erich Kästner und Kurt Tucholsky verglichen.

Nur: Wo Keun, Kästner und der Teobald Tiger heute noch beziehungsweise wieder ein Begriff sind, geriet Lili Grün in Vergessenheit. Es ist die Geschichte einer mehrfachen Vernichtung: Ermordet von den Nazis, ihr Werk anschließend für sehr lange Zeit vergessen.

Die 1904 in Wien geborene Lili Grün wurde von den Nazis deportiert und am Tag ihrer Ankunft im weißrussischen Lager Maly Trostinec ermordet. Und: „Vermutlich wurde Lili Grüns letzte Habe jedoch spätestens mit ihrer Deportation aus Wien 1942 vernichtet“, bedauert Anke Heimberg, die jetzt die Werke von Lili Grün, soweit noch erhalten, wieder herausgibt. Ihr und dem AvivA Verlag ist es zu verdanken, dass die Schriftstellerin zumindest wieder über ihre Bücher in ihrer ganzen Lebenskraft erwacht. Es liegen inzwischen ihre Romane „Alles ist Jazz“, „Zum Theater!“ und seit 2016 auch „Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit…“ vor.

In dem bereits 2014 erschienen Band „Mädchenhimmel!“ veröffentlichte Anke Heimberg die Gedichte und Kurzgeschichten Lili Grüns, die in zeitgenössischen deutschsprachigen Zeitschriften und Zeitungen zu Lebzeiten der Autorin erschienen waren. Es entsteht ein Bild vor meinen Augen von einer jungen, temperamentvollen Frau, die die Fesseln überkommener alter Ver- und Gebote abstreifen will, die den „Notschrei einer allzu Braven“ ausstößt…

„Ach, ich geh` mir selber auf die Nerven,
Weil ich gar so artig bin,
Und voll untentwegter Pflichterfüllung
Steck` ich stets in meiner Arbeit drin.“

… und deshalb aufbricht zu neuen Ufern am „Mädchenhimmel!“ und danach ein freches Lied singen darf:

Elegie bei einer Tasse Mokka (Auszug)

“Mein letzter Freund war ein Jurist.
Ich bin seit dieser Zeit gegen Juristen.
Juristen sind alle falsch, herzlos und bös,
Ich kann dieses Wort gar nicht hören, es macht mich nervös.
Darum wünsch` ich mir zum nächsten Verehrer
Beispielsweise einen Volksschullehrer.“

All die blonden und zarten Stenotypistinnen, Verkäuferinnen und Bürofräuleins, die Lili Grün in ihren Gedichten verewigt und von deren Rendezvous` nach Ladenschluss erzählt, haben  eines gemeinsam: Sie schwanken zwischen Lebenslust und Liebesleid, träumen vom Geldbriefträger, der die Millionen bringt und feinen Kleidern mit Dekolleté, gehen flüchtige Affären ein und sind doch vor allem auf der Suche nach der großen Liebe – auch wenn sie  die „Uralte Liebesmelodie“ singen, wohl wissend, dass alles seine Zeit und sein Ende hat.

„Der Tonfall ihrer heiteren-melancholischen Gedichte verweist bisweilen auf berühmte neusachliche Zeitgenossen wie Erich Kästner und Kurt Tucholsky, und doch beschreibt Grün mit ihrer ganz eigenen Note etwa die Sehnsüchte junger, moderner, selbstbewusster „Neuer Frauen“ am Ende der Zwanziger Jahre – hin- und hergerissen zwischen Autonomie, Selbstbehauptung und der Suche nach dem Traummann“, skizziert Anke Heimberg im Nachwort zu „Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit…“ die Gedichte Lili Grüns.

„Ein Fräulein erwacht in einer fremden Wohnung“, die Liebe, sie ist manchmal ein „Kurzer Zwischenfall“, das Leben auch einmal ein „Langweiliger Tag“. Schon die Gedichttitel bringen das Zeitgefühl der 1920er zum Ausdruck: Lebensgier und eine skeptische Sehnsucht, als ahnte man zugleich, dass die Zeiten nicht besser werden.

Lili, eigentlich Elisabeth, wurde 1904 als Jüngste der vier Kinder von Hermann und Regine Grün in Wien geboren. Ihr Mutter verlor sie früh, bereits 1915 – ein Verlust, der sie prägte, zumal wenige Jahre später, 1922, auch der Vater starb – er hatte sich an der Front ein chronisches Nierenleiden zugezogen. Das Theater wurde ihr Flucht- und Bezugspunkt, sie strebt eine Karriere als Schauspielerin an, es zieht sie – auch bedingt durch die Arbeitslosigkeit in Wien – nach Berlin. Anke Heimberg schreibt im Nachwort zu „Mädchenhimmel!“:

„Doch in der glitzernden Kulturmetropole Berlin wuchs mit der wirtschaftlichen Depression und den damit einhergehenden Spaßmaßnahmen beim Film und beim Theater die Zahl der ein Engagement suchenden KünstlerInnen ebenfalls kontinuierlich. (…). Wiederholt berichteten Berliner Zeitungen über die zunehmende Verelendung unter den SchauspielerInnen, deren Situation durch mangelhafte Ernährung, armselige Kleidung, äußerst bescheidene Wohnverhältnisse und chronische Erkrankungen, wie die weit verbreitete Armenkrankheit Tuberkulose, gekennzeichnet war.“

Dass in den goldenen Zwanzigern für die meisten wenig Gold auf der Straße lag, auch das blitzt bei aller Leichtigkeit in und zwischen den Zeilen immer wieder durch:

Einzelhaftpsychose (Auszug)

„Ich weiß nicht mehr, wie meine Stimme klingt,
Ich glaub`, ich habe seit Tagen nicht gesprochen.
Ob man sich etwas aus der Zeitung liest?
»In Neukölln hat einer seine Frau erstochen – – «
Ach nein, es ist schon besser, wenn man etwas singt.“

Statt großer Bühne findet Lili Grün jedoch Kontakt zum Kabarett, dort zum Brücke-Kollektiv um Julian Arendt, zu dem auch Erwin Straus, Margarethe Voß, Ernst Busch, Hanns Eisler und Erik Ode (Der Kommissar) gehörten. Lili Grün trägt eigene Gedichte vor – und findet Anklang bei den Presseleuten. Im Film-Kurier heißt es, »Lilly Grün trägt Erotik, sehr persönlich und sehr belustigend«, in der Vossischen Zeitung lobt man ihre  »witzig-sentimentalen Gedichte«. Lili Grün, die damit beginnen kann, ihre Gedichte und Geschichten in renommierten Zeitungen zu veröffentlichen, leidet jedoch an Tuberkulose. Ihrer Gesundheit wegen kehrt sie 1933 nach Wien zurück – sowohl für sie ein persönliches, als auch ein politisches Schicksalsjahr. Denn sie kann zwar ihren ersten Roman veröffentlichen, doch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Berlin ist der Weg für die Autorin – Jüdin, linksorientiert, in Handeln und Denken so gar nicht dem Bild vom deutschen Mädel entsprechend – schon vorgezeichnet. Verarmt und chronisch lungenkrank gelingt es ihr nicht, aus Österreich zu fliehen. 1942 wird sie mit dem Transport Nr. 23 aus Wien deportiert.

Eine weitere Stimme zum Schweigen gebracht, ein Leben gekappt, Sehnsüchte, die unerfüllt zurückbleiben:

Ich möchte wieder achtzehn Jahre sein…(Auszug)

„Ich möchte wiederum ein Tagebuch,
In das ich täglich niederschreibe,
Was leider nicht geschehen ist,
Und das ich in der stillen Hoffnung führe,
Daß es vielleicht doch einmal einer liest.“

Ein Tagebuch oder andere biographische Zeugnisse konnte Lili Grün, wie ihre Herausgeberin schreibt, wohl nicht mehr hinterlassen, sind nicht mehr aufzufinden. Aber zumindest können ihre Bücher nun wieder gelesen werden. Und Anke Heimberg arbeitet, gestützt durch mühsam zu recherchierendem, verstreutes dokumentarisches Material an einer Biographie dieser wunderbaren Autorin.

Mehr zum Buch beim AvivA Verlag:
https://www.aviva-verlag.de/programm/mädchenhimmel/

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André Uzulis: Hans Fallada / Peter Walther: Hans Fallada

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Fallada wurde in Greifswald geboren. Ein leichtes Spiel war das Leben nie für ihn. Bild von Kerstin Riemer auf Pixabay

„Rudolf Ditzen nannte sich Fallada nach dem höchst unheimlichen Märchen, darin der abgehauene, an der Wand hängende Kopf eines Pferdes namens Fallada zu sprechen beginnt. Märchenleser erinnern sich gewiss der Zeile „Oh Fallada, da du hangest“ als einer der erschreckendsten und mysteriösesten Klagen des Märchengutes. Die Wahl des geisterhaften Pseudonyms erscheint mir als typisch für einen höchst untypischen Schriftsteller. Denn dieser Autor, Sohn, wie gesagt, eines Richters war von frühauf von Katastrophen gleichsam umstellt und ging auch auf katastrophale Weise zugrunde, ein Trunk- und Drogensüchtiger. Er war ein Ungeratener, gescheiterter Gymnasiast und so etwas wie ein Mörder: 1911 brachte er nach Absprache wechselseitigen Selbstmords, beziehungsweise Freundschaftsmordes, einen Mitschüler um. Die Sache ging als „Rudolfstädter Gymnasiastentragödie in die Kriminalgeschichte ein. Der Freund war tot, er selbst überlebte in Selbstanklage und Verzweiflung. Zweimal saß er im Gefängnis, da er als landwirtschaftlicher Beamter, der er wurde, wiederholt in die Kasse gegriffen hatte, um seiner dürftigen Existenz wenigstens die tröstenden Räusche abzugewinnen.“

Jean Améry, „Aufsätze zur Literatur und zum Film“, Klett-Cotta, Werkausgabe 2003.

In ihrer ganzen prägnanten Kürze klingt diese Kurzzusammenfassung eines tragischen Lebens seltsam harsch – und trifft doch die wesentlichen Punkte einer Jugend, die einen der meistgelesenen deutschen Schriftsteller prägten. Nur nebenbei – Jean Améry war ganz offensichtlich kein großer Anhänger Falladas, dessen Roman „Kleiner Mann – was nun?“ er mit Lion Feuchtwangers „Erfolg“ in dem oben zitierten Aufsatz unter dem Titel „Zeitbetrachtungen, unpolitische und politische“ vergleicht. Sein Vorwurf an Fallada, bezogen auf den „kleinen Mann“:

„Es ist nämlich, spielend in einer Zeit, in der die politischen Kräfte Deutschlands sich zum letzten Absprung rüsteten, ein zum Verzweifeln unpolitisches Buch. Wo es Politisches beredet, wird es banal – bis zur Vulgarität.“

Wie eng Werk und Leben verknüpft sein können, das zeigt der „Fall Fallada“: Nicht nur, dass Rudolf Ditzen bei allen Romanen, von „Bauern, Bonzen, Bomben“, seinem ersten großen Erfolg, über „Der Alpdruck“ und der „Der Trinker“ bis hin zu „Jeder stirbt für sich allein“, stark nicht nur aus Selbsterlebtem, dem eigenen Leben schöpfte. Sein Schreiben, seine Bücher – sie erzählen auch von einer Persönlichkeit, die zwischen den Extremen pendelte, zwischen moralischer Entrüstung gegenüber von Ungerechtigkeit und zugleich politischer Indifferenz, zwischen Aufbegehren und Anpassung, zwischen Sehnsucht nach Normalität und der Sucht nach dem Rausch.

Dass das Leben oftmals so viel spannender, tragischer, vielfältiger sei als ein Roman – das klingt wie eine abgedroschene Phrase. Im Falle von Hans Fallada (1893 – 1947) ist dem jedoch so. Was für ein Auf und Ab! Welche Tragik! Zu seinem 70. Todestag am 5. Februar erschienen zwei umfangreiche Biographien: „Hans Fallada. Die Biographie“ von Peter Walther im Aufbau Verlag und „Hans Fallada. Biografie“ von André Uzulis im Steffen Verlag.

Das Leben von Fallada, mit bürgerlichem Namen Rudolf Ditzen, bietet so viel Stoff und Erzählenswertes, dass es sich kaum zwischen zwei Buchdeckeln fassen lässt. Beiden Biographien umfassen rund 400 Seiten, beiden Bücher sind ohne Längen oder Hänger, beide lesen sich eigenständig gut, ergänzen einander aber auch. Wo der Germanist und Kunsthistoriker Walther literarischer schreibt, dringt bei Uzulis der Journalist und Historiker durch (ein Detail dazu: Während Walther Falladas erste Frau, „das Lämmchen“ aus dem „kleinen Mann“ konsequent bei ihrem Kosenamen „Suse“ nennt, schreibt Uzulis durchgehend über sie mit ihrem Taufnamen „Anna“), wo Walther zugunsten der Erzählung einen Spannungsbogen schlägt, vertieft sich Uzulis in Details rund um das Umfeld Falladas und geht intensiver auf die zeitgeschichtlichen Umstände ein. Darüber hinaus bietet dieses Buch umfangreiches Bildmaterial, einiges davon wurde nun erstmals veröffentlicht.

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Das Haus in Carwitz. By Botaurus – Own work, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6056014

Peter Walther integrierte in seine Fallada-Biographie Archivmaterial, das erstmals veröffentlicht wurde, vor allem Dokumente aus dem Nachlass des Fallada-Neffen Horst Bechert. Zudem schöpfte er aus weiteren Quellen, die im Deutschen Literaturarchiv in Marbach zu finden sind: Unter anderem die Briefe Falladas an seine Frau Suse während seiner Tätigkeit für den Reichsarbeitsdienst werfen nochmals ein neues Bild auf den Schriftsteller in der Zeit des Nationalsozialismus.

Wie Walther recherchierte auch André Uzulis in Marbach sowie im Hans-Fallada-Archiv in Carwitz. Darüber schöpfte er aus den umfangreichen Veröffentlichungen, die es bisher schon über den Erfolgsschriftsteller gab: So ein umfangreich dokumentiertes und beschriebenes Leben – und doch bleibt es einem ein Rätsel.

Wer war der Mensch Fallada? Ein junger Mann mit äußerlich guten Startbedingungen, jedoch von psychischen Stürmen gebeutelt, aus der Bahn geworfen, in die Fänge der Sucht gefallen, ein Getriebener, der Ruhe und Ausgleich nur beim Schreiben fand?

Und bei allen Schriftstellern dieser Jahre kommt die Frage hinzu: Was hat er getan während der Jahre des Nationalsozialismus? Ist er geblieben oder gegangen? Geblieben, geschwiegen oder mitgehangen?

Peter Walther schreibt zu Beginn des Kapitels über Falladas „Carwitzer Jahre“:

„Blickt man mit Abstand auf ein Leben, zerfällt es in tausend Einzelteile: hier der Alltag, das Glück, die Kinder, das Schreiben und die Arbeit auf dem Hof, Selbstzweifel und Krankheiten, Ehe- und Geldprobleme, Querelen mit Freunden, dort die Politik mit ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf die private und wirtschaftliche Existenz des Einzelnen. In der Gegenwart jedoch, „im wirklichen Leben“, gibt es diese Trennung nicht, alles hängt mit allem zusammen, und selbst das, was scheinbar unvermittelt nebeneinandersteht, ist durch Unterströmungen miteinander verbunden.“

Dort, im mecklenburgischen Carwitz, findet Fallada 1933 für sich, Suse und die Kinder ein landwirtschaftliches Anwesen, auf dem er erstmals – im Rahmen seiner Möglichkeiten – etwas Ruhe findet, fast abstinent lebt und die Verlockungen Berlins vermeidet. Die Kehrseite jedoch: Der labile Künstler blendet weitestgehend auch die äußeren Umstände aus, „Carwitz ist ein Refugium in politisch bewegten Zeiten“ (Walther), dort „hoffte er, die Tragödie, die sich in Deutschland abspielte, aussitzen zu können“ (Uzulis). Nach Jahren der Abhängigkeit, nach Gefängnis und Psychiatrie, nach einer Irrfahrt durch das Leben hat Fallada Anfang der 1930er Jahre erstmals ein ausgeglichenes Privatleben und durch „Bauern, Bonzen, Bomben“ und „Kleiner Mann – was nun?“ wirtschaftlichen Erfolg. Dass Carwitz für den 40jährigen eine Insel war, auf die er sich vor den Stürmen der Zeit flüchten wollte, bezeichnet Uzulis als „verständlich“, aber der Schriftsteller zahlte für Bleiben nach Meinung Uzulis einen hohen Preis: „Denn Fallada bezahlte sein Verbleiben in Deutschland mit literarischer Qualität.“

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By OTFW, Berlin – Self-photographed, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=44034436

Wie wankelmütig der Schriftsteller, der 1935 von den Nationalsozialisten zum „unerwünschten Autor“ erklärt worden war und wegen seiner „zersetzenden Literatur“ zahlreiche Angriffe der Hetzpresse jener Jahre erdulden musste, selbst in seiner Haltung zum Regime war, zeigt sich an den Briefen, die Fallada 1943 schrieb, als er im Auftrag des Reichsarbeitsdienstes nach Frankreich geschickt wurde – Dokumente, die erst jetzt zugänglich geworden sind und Peter Walther für seine Biographie ausgewertet hat. Fallada hatte es dem Umfeld Goebbels zu „verdanken“, dass er in Deutschland noch veröffentlichen durfte, Aufträge von der UFA und jenen des Reichsarbeitsdienstes bekam. Dem instabilen Mann schmeichelt das Interesse auch in gewisser Weise, wie ein Brief an seine Mutter verdeutlicht:

„In meiner Mappe fand ich nicht weniger als zwei Anfragen der Reichsrundfunkgesellschaft nach Mitarbeit (die 11 Jahre nichts von mir hat wissen wollen!), dann eine Bitte des Auswärtigen Amtes um Mitarbeit an einer Auslandskorrespondenz; ich lehne das natürlich alles ab, mehr kann ich nicht übernehmen, als was ich schon auf den Schultern habe (…).“

Peter Walther ordnet dies so ein:

„Ein „offiziell anerkannter Mann“ – das ist die Währung, die im Elternhaus zählt, wie gern hätte er die Freude darüber noch mit dem Vater geteilt. Die Ausrichtung an staatlicher Autorität, egal, wer sie repräsentiert, gehört zu den tiefen Prägungen, die Fallada in seiner Kindheit erfahren hat. Dass er sich dessen bewusst ist, dass er sich selbst durchschaut in seinem Verlangen nach „offizieller“ Anerkennung, in seiner Eitelkeit und Autoritätshörigkeit, ändert an der Prägung selbst nichts.“

Es ist den Autoren beider Biographien positiv anzurechnen, dass sie sich mit Urteilen – auch im Falle der Frage der Emigration vs. Bleiben im „Dritten Reich“ – zurückhalten, sich der Person Fallada mit allen ihren, auch widersprüchlichen Aspekten, nicht durch Urteile, sondern durch reichhaltiges Faktenmaterial annähern. So können beide Biographien auch dazu beitragen, sein Werk, das heute wieder überaus populär ist, mit geschärften Sinnen zu lesen – mit Kenntnis seiner Stärken, seiner Schwächen.

„Er war aber auch nicht bloß der Volksschriftsteller, als der er gelegentlich bezeichnet wird“, meint André Uzulis. „Dazu reagierte er zu sensibel auf die Zeitströmungen, die er präzise zu erfassen und vielschichtig wiederzugeben und zu gestalten vermochte. Sein feines Sensorium für die Menschen seiner Zeit war der Erfolgsfaktor für sein literarisches Schaffen. Immer dann, wenn er nicht fabulierte, sondern Wirklichkeit verarbeitete – im besten Fall selbst erlebte Wirklichkeit – kam Großes heraus.“

Er ordnet Fallada als einen ein, der sich durch die Jahre des „Dritten Reichs“ wand, der eher Gegner denn Anhänger der Nationalsozialisten war, „aber keiner, der ihnen die Stirn bot.“

„Er versuchte zu überleben, sich halbwegs treu zu bleiben und nicht mitschuldig zu werden, soweit das ging. Ein kleiner Mann im Dritten Reich.“

Die Faszination, die von der Biographie des Schriftstellers ausgeht, begründet Peter Walther auch mit der Widersprüchlichkeit, die in der Person Falladas angelegt ist: „Hier der disziplinierte Arbeiter, der pedantisch den Alltag plant, der respektierte Landwirt, der liebende Familienvater und zuverlässig für die Angestellten sorgende Vorstand des Hauses, der Schriftsteller, der mit seinen beachtlichen Einkünften die wirtschaftliche Grundlage seines Kleinbetriebes sichert. Und dort der Künstler, bedrängt von seinen Dämonen, der Frauenheld, der politische Opportunist, der Tobsüchtige, der Alkoholiker und Morphinist. Fallada ist am Leben mit einer Größe gescheitert, wie nur wenige sie aufbringen, die es mit Erfolg bewältigen.“

Mit Größe am Leben gescheitert – mit Respekt von seinen beiden Biographen geschildert. So kann ich beide Bücher jedem empfehlen, der sich dem Werk Falladas annähern oder wieder widmen will. Ein Werk, das seinen eigentlichen inneren Wert daraus schöpft:

„Nicht im melancholischen Verdämmern, sondern in trotziger Selbstbehauptung und im Streben nach Glück begegnen seine Figuren der Unerbittlichkeit des Lebens, selbst dann, wenn ihnen das Scheitern eingeschrieben ist.“ (Peter Walther)

Verlagsangaben:

Uzulis, André: http://steffen-verlag.de/hans-fallada/1147/hans-fallada?c=21

Walther, Peter: http://www.aufbau-verlag.de/index.php/hans-fallada-4887.html

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Arnold Zweig: Der Streit um den Sergeanten Grischa

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Bild von JuergenPM auf Pixabay

Mit einer Art erschöpften Stimme begann Posnanski, während der alte Herr seinen Kaffee, schwarz, stark gesüßt, ausnippte: „Wir sind keine Jünglinge. Unsre Gefühle haben die Pflicht, den Weg über Einsicht und Erwägung zu nehmen, bevor sie in die Entschlußsphäre münden…Uns ist vollkommen klar, in einer Zeit wie dieser sieht Schieffenzahn das Leben eines Einzelnen so unbeträchtlich wie einen Roßkäfer. Über die Zulänglichkeit dieser Blickart streiten, heißt den Krieg selbst zur Debatte stellen, was zwischen einem Militärrichter und einem aktiven General im Jahre 1917 sein Komisches hätte. Über Sinn und Unsinn von Kriegen haben reife Leute seit einigen tausend Jahren entscheidende Einsichten geäußert. Der Krieg ist gründlich widerlegt, und zum Beweise sitzen wir beide hier in Uniform, und unten tippt Siegelmann den neuesten Heeresbericht. Wer der Meinung ist, das Lebendige lasse sich nicht beeinflussen, der muß für Krieg sein.“

Arnold Zweig, „Der Streit um den Sergeanten Grischa“, 1927.

Der große Romancier Arnold Zweig läutete mit diesem Antikriegsbuch eine Wende ein – waren zuvor, nach Ende des 1. Weltkrieges, vorwiegend Schlachtenbeschreibungen und national-patriotische Pamphlete erschienen, war der „Sergeant Grischa“ das erste ausgesprochene kriegs- und systemkritische Buch, dem weitere dieser Art folgten – unter anderem „Jahrgang 1902“ und „Im Westen nichts Neues“, beide bereits hier auf dem Blog besprochen – und doch ist der Roman einzig. Er machte seinen Autoren nicht ohne Grund weltberühmt.

„Der Streit um den Sergeanten Grischa“ birgt Elemente einer Schwejkiade – wenn auch mit tragischem Ausgang. Anhand der Geschichte über einen tatsächlich vorgekommenen Justizirrtum entblößt Zweig (1887-1968) vor allem den Irrsinn eines militärischen Justizapparates, der der Menschlichkeit und Gerechtigkeit verlustig ging, in dem das Einzelschicksal nicht zählt und Justitia tatsächlich blind ist: Blind vor Unmenschlichkeit, blind, weil im „anderen“ nur der Feind gesehen wird, der Mensch jedoch verloren geht. Das Geschehen ist schnell umrissen: 1917, als in Russland bereits die Oktoberrevolution alles umwälzt, fliegt der russische Soldat Grischa aus deutscher Gefangenschaft, nur ein Ziel vor Augen: Heim zu Weib und Kind. Mit falscher Identität ausgestattet, wird er erneut von Deutschen aufgegriffen und als angeblich russischer Spion verurteilt. Selbst als er seine eigentliche Identität nachweisen kann, hält ein Oberkommandierender (Schieffenzahn) aus Prinzipientreue am Urteil fest – gegen die Intervention einiger Militärs, die sich, im Gegensatz zu den Prinzipien der Technokraten, alter soldatischer Ehrenbegriffe verpflichtet fühlen. Letztendlich wird das Todesurteil vollstreckt.

Zweig braucht keine Beschreibungen von Schlachtengräueln, um die Unmenschlichkeit des Krieges aufzuzeigen – tatsächlich spielt der Roman hinter den Fronten, zwischen die Grischa gerät. Zweig zeigt mehr den Mangel, die Not, auch die Langeweile auf, die das Leben der Soldaten und der Bevölkerung prägt. Vor allem aber zielt er mitten in das Herz des Militärs, trifft die Begriffe von Soldatenehre und Gerechtigkeitssinn, die in diesem Krieg (und nicht nur in diesem) verloren gingen. „Der Streit um den Sergeanten Grischa“ ist zudem eine wunderbar zu lesende Parabel über die Menschlichkeit, die dennoch zwischen Einzelnen – so zwischen Grischa und seinen deutschen Bewachern – nicht verloren geht, über Zivilcourage, über den Wert von Werten, an denen man auch gegen Widerstände festhält bis zum bitteren Ende.

„Es sind die Regeln des Krieges, die lediglich mit Konsequenz verfolgt werden – und deshalb nur diese eine Lösung kennen“, schrieb der Literaturwissenschaftler Frank Hörnigk 2003 in einem Nachwort zum Roman. „Das dagegenstehende Wissen um die wahre Geschichte, um die tatsächliche Unschuld Grischas, wie auch die beschwörenden Appelle an die Moral und Gesittung des Gemeinwesens – und seines zwangsläufigen Niederganges im Falle des Versagens – dürfen nicht als bloße Gesten abgetan werden, aber sie bleiben letztendlich romantische Träume einer moralischen Verfaßtheit jenseits aller praktischen Erfahrungen – und nicht nur der des Krieges (…). Was bleibt, ist allein ein Anspruch auf Gerechtigkeit und Würde seines eigenen Sprechens – und ein untilgbares Gefühl der Liebe für die unter der Gefährdung ihrer Menschlichkeit leidenden Individuen.“

Volker Weidermann schrieb in „Das Buch der verbrannten Bücher“:
„Der linke Preuße und Jude Arnold Zweig hatte mit dem Grischa ein zutiefst preußisches, systemanklagendes Buch geschrieben. Er hat seinen Plan später so erklärt: `Wie, frage ich, widerlegt man ein System, eine Gesellschaftsordnung und den von ihr schwer wegzudenkenden Krieg? Indem man seine leidenschaftlichen Gegenaffekte abreagiert und Karikaturen vorführt? Meiner Meinung nach widerlegt man ein System, indem man zeigt, was es in seinem besten Falle anrichtet, wie es den durchschnittlich anständigen Menschen dazu zwingt, unanständig zu handeln…Wir wollen nicht Schurken entlarven wie unser Freund Schiller, sondern Systeme.´ (…)
Weidermann weiter: „Es (das Buch) war ein Tabubruch – Abrechnung mit dem militärischen Mordapparat, Abrechnung mit dem fehlgegangenen Preußentum von preußenfreundlichster Seite. Die Menschen jubelten, kauften das Buch massenhaft.“

Arnold Zweig, schon zuvor kein Unbekannter, ist mit dem „Grischa“, der auch im Ausland zum Erfolg wird, endgültig etabliert, kann es sich auch materiell gut gehen lassen. Lange währt das nicht – seine Bücher werden verbrannt, er flieht in das Exil, flieht mit der Familie nach Palästina.

Am 13. Dezember 1927 schreibt Kurt Tucholsky alias Peter Panter enthusiastisch über den Roman:

„Arnold Zweig unsern Gruß! Sein Buch ist voll wärmster Güte und voller Mitgefühl, voller Skeptizismus und voller Anständigkeit, voller Verständnis und oft voller Humor. Sanft hat er das getan, was im November durch die Schuld und das Unverständnis der Arbeiterführer versäumt worden ist: er hat einem seelenlosen Götzen die Achselstücke und die Knöpfe abgetrennt, nein, sie fallen von selbst ab, so gleichgültig sind sie ihm, und nackt und dumm steht das Ding da und glotzt mit blinden Augen in die Welt. Keine Sorge, die ›Tradition‹ wird es schon wieder mit rauschendem Leben anfüllen und mit Blut. Mit dem Blut der andern. Dieser ›Streit um den Sergeanten Grischa‹ ist ein schönes Buch und ein Meilenstein auf dem Wege zum Frieden.“
Die vollständige Besprechung in der Weltbühne ist online hier zu lesen: http://www.textlog.de/tucholsky-streit-grischa.html

Leider, so zeigte die Zeit, war der Glaube an die Kraft der Literatur vergebens – der Weg zum Frieden noch weit, ein weiterer Krieg musste folgen, weitere Grischas ihr Leben lassen.

Die Werke von Arnold Zweig erscheinen im Aufbau Verlag: http://www.aufbau-verlag.de/index.php/der-streit-um-den-sergeanten-grischa-724.html

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#MeinKlassiker (8): Der Untertan, zum Zweiten

Ist der Untertan ein Produkt der wilhelminischen Zeit? Ein Duckmäuser, der nach oben buckelt und unten tritt? Einer, der sich in einem überalterten hierarchischen System nach oben dient? Oder ein moderner Mensch, der durch den Einsatz von „Selbstkompetenz“ auch heute noch seinen Weg machen könnte?
Es sind spannende Gedanken, die sich Peter Peters zum Untertanen macht. Wie heute morgen bereits erwähnt, war es ein Zufall, dass sich zwei Autoren für ein- und dasselbe Buch entschieden haben. Ich habe mich daher entschlossen, heute ausnahmsweise zwei Klassiker zu veröffentlichen – weil ich finde, dass die beiden Texte sich wunderbar ergänzen und in ihrer Unterschiedlichkeit mit einander korrespondieren.

Die Rezensionen bei „Peter liest“ schätze ich als Leserin sehr – weil deutlich wird, wie sehr sich der Autor mit den Werken, die er vorstellt, auseinandersetzt. Meist stellt Peter zwar Gegenwartsliteratur vor, doch ein Fontane-Projekt ist offensichtlich im Entstehen. Und ich freue mich, dass er für die Reihe #MeinKlassiker einen Roman vorstellt, der ihn seit dem Studium begleitet.

Die alte dtv-Ausgabe sieht zerschlissen aus, Einband und Buchblock vergilbt und ein bisschen verschmutzt, die Ecken leicht zerstoßen. Der Satzspiegel ist vielleicht nicht mehr state of the art, enges Schriftbild, wenig Seitenrand, so dass der Inhalt des Romans auf gut 360 Seiten passt statt, wie in der derzeit gängigen Taschenbuchausgabe des Fischer Taschenbuchverlags, auf rund 500. Aber es ist über die Jahrzehnte dennoch meine Ausgabe geblieben; ich besitze keine andere und habe auch kein Bedürfnis nach einer Neuanschaffung gehabt. Das liegt nicht allein an der tollen Umschlaggestaltung des legendären Celestino Piatti, die eine Romanszene zitiert und in ein ausdrucksstarkes Bild umsetzt. Es liegt wohl mehr an den Erinnerungen, die sich mit dem Buch und dem Roman verbinden. Zwei sind es vor allem, die immer gleich da sind.

Bekanntlich trügt nicht nur die Farbe der Erinnerung, sie ist auch häufig nicht faktensicher. Aus diesem Grund muss ich vorsichtig so beginnen: Ich glaube, es war im Wintersemester 1981/82, als ich eine Vorlesung zum Roman der Weimarer Republik besuchte. Wenn dem so war, so befand ich mich im dritten Semester. Wie üblich gab es eine Leseliste mit den Romanen, die in der Vorlesung im Zentrum stehen sollten, sowie einer Übersicht über grundlegende Sekundärliteratur. Bis vor kurzem, als mir diese Liste durch Zufall wieder in die Hände fiel, wusste ich nicht, dass ich sie noch besaß. Ein DIN A5-Blatt, eng beschrieben; es fehlt darauf der Semestervermerk. Aber der obere Rand war irgendwann einmal offensichtlich mit einer Schere oder einem ähnlichen Werkzeug traktiert worden, so dass ich zwar Schwarz auf Weiß habe, welche Romane gelesen wurden, für den genauen Zeitpunkt aber keine Gewähr.

Folgende Romane wurden genannt: Thomas Manns Der Zauberberg, Erich Kästners Fabian, Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz, Hermann Brochs Die Schlafwandler, Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften und eben, aus Gründen der Chronologie zuerst aufgeführt, Heinrich Manns Der Untertan. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen der genannten Romane gelesen, aber ich war beseelt zu dieser Zeit – ich weiß, ein altertümliches Verb, aber anders kann ich diesen Zustand kaum beschreiben – ich war also beseelt von einem ungeheuren Leserausch und wollte die literarischen Texte, zu denen ich Studienveranstaltungen besuchte, auch gelesen haben. Man muss dazu sagen, dass an diese Vorlesungen keinerlei Prüfungsnachweise geknüpft waren; ein Zustand, von dem heutige Bachelor- und Masterstudenten wohl annehmen müssen, er sei erfunden. Ist er nicht! Man besuchte die Vorlesung, weil man sich für die Sachverhalte interessierte, nicht um irgendwelche Creditpoints zu erhalten. Vollkommen frei von jeder Art von Prüfungsdruck konnte ich also lesen. Aber: nein, es ist mir nicht gelungen, alle Romane gelesen zu haben. Brochs Schlafwandler blieben auf der Strecke (und sind es bis heute geblieben).

Fragt man jedoch umgekehrt, welcher der verbliebenen und gelesenen Romane Bestand hat bis heute, und zwar nicht weil er literaturgeschichtlich bedeutsam ist, sondern weil er mich als Person angesprochen hat, weil ich deutlich gespürt habe, dass er etwas mit mir gemacht hat, mir etwas anderes abgefordert hat als analytisches Lesen aus einem sich entwickelnden literaturwissenschaftlichen Interesse heraus, dann ist es weit vor allen anderen Der Untertan.

Warum ist das so?

Bevor ich dazu komme, muss die andere Erinnerung vergegenwärtigt werden, die auch gleich präsent ist, wenn es um den Roman geht. Ein Nachdenken über den Untertan ist kaum möglich, ohne dass die Bilder der Schlusssequenz aus Wolfgang Staudtes DEFA-Verfilmung aus dem Jahr 1951 hochkommen. Diederich Heßling hat sein Ziel erreicht. Statt das Geld des verstorbenen Fabrikanten Kühnemann für den Bau eines städtischen Säuglingsheims einzusetzen, gelingt es ihm, die Mehrheit der Stadthonoratioren für den Bau eines Kaiser-Wilhelm-Denkmals zu gewinnen. Bei dessen Enthüllung hält er die Festrede. Es zieht, wie im Roman auch, ein Unwetter auf, das schließlich alle Gäste vom Festplatz vertreibt. Als letzter steht da nur noch Heßling in tiefer Verbeugung vor dem Denkmal. Dann schwarzer Rauch. Eine Toncollage, unter anderem aus „Lieb Vaterland“ und der NS-Wochenschau-Fanfare, leitet über eine Schwarzblende in die letzte Einstellung. Begleitet von wiederholten Auszügen aus Heßlings Rede sowie einem Erzählerkommentar aus dem Off, sieht man den Festplatz in Trümmern, wie nach einem Bombenangriff. Alles zerstört. Menschen versuchen mühselig die Schuttberge zu beseitigen. Nur das Denkmal steht noch.

Staudtes Absicht ist erkennbar, zeithistorisch und sicherlich auch tagespolitisch verständlich, legitim allemal. Staudte zeigt den Untertan Diederich Heßling als Präfaschisten, dessen Gesinnung den Nationalsozialismus vorbereitet und die Zerstörungskatastrophe verursacht hat, dessen Schoß, glaubt man der Stimme aus dem Off, über die Trümmer hinweg immer noch fruchtbar ist. Staudte bezahlt für diese Lesart allerdings einen Preis. Er schaut vom wilhelminischen Netzig aus, dieser Kleinstadt, in der Heßling sein Unwesen treibt, in die historische Zukunft, in ein Morgen, das sich genauso ereignet hat wie es die geifernden Reden gefordert haben.

Der Roman hat so viel Didaktik nicht nötig. Es ist nicht der Umstand, dass der 1918 veröffentlichte Roman natürlich nicht auf die NS-Zeit schauen und sie reflektieren konnte. Es ist die grundsätzliche Blickrichtung, die ihn vom Film unterscheidet. Das Unwetter gibt es, wie gesagt, auch hier; es hat dem Film zur Vorlage gedient. Aber es wird inszeniert als Endzeitszenario, als Auftritt der apokalyptischen Reiter, die, wie es heißt, „ein Manöver abgehalten“ haben für „den Jüngsten Tag“.  Doch damit endet es nicht. Heßling begibt sich völlig durchnäßt auf den Weg nach Hause, sieht aber an dem Haus, das sein einst größter und mittlerweile verarmter Widersacher, der alte Buck, bewohnt, merkwürdige Aktivitäten. Er schleicht sich hinein und wird Zeuge vom Ableben des alten Mannes, dieses liberalen Stadtpatriziers, der 1848 beim gescheiterten Revolutionsversuch selbst noch auf den Barrikaden gestanden hatte, mit dessen Tod dieses gesamte Lebenskonzept zu Ende geht, zukunftslos. Niemand bemerkt Heßling, außer der alte Buck in seinem letzten Atemzug. „Er hat etwas gesehen! Er hat den Teufel gesehen!“, so heißt es entsetzt, ohne dass die Anwesenden ahnen, wen er gesehen hat. Der letzte Satz des Romans dann: „Diederich war schon entwichen.“ Heinrich Mann inszeniert also nicht die kommende Katastrophe, sondern den Untergang des Liberalismus. Und er inszeniert es als … ja nicht einmal als Gottesgericht. So schrecklich sich die Apokalypse aufführt, am Ende dieser Denkfigur ereignet sich Erlösung im neuen Jerusalem. Hier nicht; die apokalyptischen Reiter sind weitergezogen. Was bleibt ist schlimmer, es ist des Teufels.

Hier nun finde ich vielleicht eine Antwort auf die oben gestellte Frage. Warum ist es gerade dieser Roman, der geblieben ist?

Man darf eines sicherlich nicht unterschlagen: Der Untertan ist neben Kästners Fabian vielleicht der eingängigste Roman, den ich in der Vorlesung kennenlernen durfte, ein Roman, der sich nicht sperrt, erst recht nicht dem gerade Zwanzigjährigen. Er ist von einer ungeheuren satirischen Zuspitzung und Schärfe. Das ist, was nicht vergessen werden soll, höchst vergnüglich zu lesen, damals wie heute.

Dieser Diederich Heßling, der „ein weiches Kind“ gewesen sein soll, der „viel an den Ohren litt“, wird zum Duckmäuser erzogen. Er lernt schnell, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten.  Man kann ihn als Fleisch gewordenes Untertanendenken seiner Zeit, als Prototypen des autoritären Großbürgers charakterisieren. Doch dann ist er zugleich ein armes Schwein, ein bloßes Produkt der Verhältnisse, fast schon bemitleidenswert. Man steckt ihn auf diese Weise in die Schublade, auf der außen das Schildchen „Wilhelminismus“ steht, und ist mit ihm fertig.

Dabei ist, so steht zu fürchten, Heßling ein ganz moderner Mensch. Sein Werdegang vom geprügelten Kind zum studentischen Burschenschaftler, vom gewieften Drückeberger und Beinahe-Bankrotteur zum wohlhabenden Fabrikbesitzer und Mitglied er Honoratiorenschaft zeigt die ausgesprochene Anpassungsfähigkeit dieses Mannes. Er hat ein immenses Selbstvertrauen, kennt seine Ziele, hat eine große Entschlusskraft, kann Rückschläge und auch Demütigungen wegstecken, ist also in besonderem Maße resilient, ist flexibel und zugleich werte- und normenorientiert (welche das sind, ist egal; man ist ja tolerant). All das bezeichnet man heutzutage als Selbstkompetenz, und die steht ungeheuer hoch im Kurs.

Er ist zudem wahnsinnig gut vernetzt. Man muss nur daran erinnern, wie es ihm gelingt, sich aufgrund seiner burschenschaftlichen Verbindungen vor dem Wehrdienst zu drücken oder wie er Geschäftsbeziehungen aufbaut und pflegt. Dass er zu diesem Zweck auch seine beiden Schwestern instrumentalisiert, dass er selbst seine Frau nach ökonomischen Erwägung auswählt … Aber, mein Gott, wer will ihm das verdenken. Der hat es halt drauf. Selbstkompetenz! Diederich Heßling 2.0, 3.0, x.0. Solche Leute haben heute das Zeug zum Mr. President.

Dieser Heßling ist moderner als er ausschaut, viel moderner. Und weil er das ist, ist er der Teufel, der entweicht und zugleich bleibt. Er hat nichts Metaphysisches, er ist ganz diesseitig. Bannen lässt er sich nur dann, wenn man sich seiner bewusst wird, z.B. dadurch, dass man den Untertan liest.

Peter Peters
http://www.peter-liest.de/


Bild zum Download: Skulptur

 

#MeinKlassiker (7): Der Untertan, zum Ersten

Wenn man verschiedene Autorinnen und Autoren nach ihrem besonderen Klassiker fragt, dann kann es auch zu Doppelnennungen kommen – so ist es mit „Der Untertan“ von Heinrich Mann geschehen. Beide Autoren waren einverstanden, dass es zwei Beiträge zu diesem wichtigen Roman der Weimarer Republik geben kann – für die Leser ist es vielleicht auch spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Zugänge sein können.

Heute schreibt Jörg Mielczarek: Jörg ist ein profunder Kenner der Literatur der Weimarer Republik – ihr gilt seine ganze Leserleidenschaft. Unter dem Titel „Von Untertanen, Zauberbergen, Menschen ohne Eigenschaften“ veröffentlichte er ein Buch, das anhand seiner literarischen Reisen informativ und lebendig aufzeigt, was diese Literaturepoche ausmacht: http://literatur-weimar.de/index.htm.

Aber lassen wir ihn nun zu Wort kommen:

Wenn sich Geist und Moral, Recht und Anstand in ihr Gegenteil verkehren und jeder Versuch misslingt, humanistisches Denken und Handeln durchzusetzen, ist eine Gesellschaft gescheitert.

Das zeigt sich in Heinrich Manns „Der Untertan“. An dem Roman hat Mann Jahre gearbeitet: „Den Roman des bürgerlichen Deutschen unter der Regierung Wilhelms II dokumentierte ich seit 1906. Ich brauchte sechs Jahre immer stärkerer Erlebnisse, dann war ich reif für den ,Untertan´“, schreibt er in seinen autobiographischen Mitteilungen.  Obwohl kurz vor Ausbruch des 1. Weltkriegs im Juli 1914 fertiggestellt — und größtenteils als Vorabdruck in der Zeitschrift Zeit im Bild erschienen (der Beginn des 1. Weltkriegs verhinderte den kompletten Abdruck des Werkes – der Krieg, der im Roman als unausweichlich erscheint), 1916 vom Verleger Kurt Wolff privat in einer Auflage von mindestens 10 Exemplaren gedruckt — konnte die reguläre Buchausgabe des Untertans erst im Dezember 1918, nach Aufhebung der Zensur, erscheinen, und wurde umgehend ein großer Erfolg: Innerhalb von sechs Wochen konnten 100.000 Exemplare verkauft werden. So avancierte der Roman zum ersten Bestseller der jungen Republik.

unternanDie satirische Entlarvung des kaiserlichen Untertans bildet den ideellen Mittelpunkt von Manns Werk. Feige Kriecherei gegenüber allem Mächtigen und Starken, unerbittliche Brutalität gegenüber Schwächeren und Untergebenen; so kann man sich eine Teilnahme an der Macht sichern. „Wer treten wollte, mußte sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht.“ Diederich Heßling ist „Der Untertan“.

Mit Diederich enthüllt Mann „die Vorgestalt des Nazi“ (Originalton des Autors), bereits als Schüler zeigt Heßling Eigenschaften, die Kennzeichen des nationalsozialistischen Deutschland werden sollten; Diederich quält einen jüdischen Mitschüler und erlangt das Wohlwollen seiner Lehrer. „Was Diederich stark machte, war der Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus Arme ihm halfen, die überwältigende Mehrheit drinnen und draußen. Denn durch ihn handelte die Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit und einem Selbstbewusstsein, das kollektiv war!“

Eine weitere Schlüsselszene: Heßlings wollüstiges Erschauern, als ein Arbeiter grundlos von einem Soldaten erschossen wird: „Für mich hat der Vorgang etwas direkt Großartiges, sozusagen Majestätisches.“ 

Mit „Der Untertan“ ist Heinrich Mann ein großer Wurf gelungen; eine wunderbare Darstellung der wilhelminischen Zeit, eine auf den Punkt gebrachte Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, die Deutschland in den Ersten Weltkrieg führten.

Wenn ich heute Manns Buch aus dem Regal ziehe, stellt sich mir eine Frage: Wo ist der Gegenwartsautor, der die gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme literarisch aufarbeitet?

Jörg Mielczarek
Zum Inhalt von „Der Untertan“ schreibt Jörg in seinem Buch:
http://literatur-weimar.de/autoren/heinrichmann.htm

Amerikanische Nestbeschmutzer – Upton Sinclair, Theodore Dreiser und John Steinbeck

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Bis vor ein oder zwei Jahren waren auf den Schlachthöfen auch Pferde geschlachtet worden, angeblich zur Herstellung von Düngemitteln; aber nach langer Agitation hatte die Presse der Öffentlichkeit klarmachen können, dass die Pferde in die Fleischkonserven wanderten. Jetzt war es daher gesetzlich verboten, in Packingtown Pferde zu schlachten, und dieses Gesetz wurde sogar befolgt – jedenfalls vorläufig.“ 

Upton Sinclair, „Der Dschungel“, 1906, Neuauflage beim Europa Verlag Zürich 2013.

Eine große Zeit der politischen Romane lag in der amerikanischen Literatur in den bewegten 1920er und 1930er Jahren. Insbesondere Sinclair Lews (1885-1951), der erste amerikanische Schriftsteller, der den Literaturnobelpreis erhielt, steht für diese Phase der kritischen Darstellung amerikanischer Gegenwart – ihm wird beizeiten hier ein eigener Beitrag gewidmet werden. Heute der Fokus auf drei andere Autoren und ihre Romane, die – wenn auch kurz – die Welt ein wenig verändert haben.

Upton Sinclair (1878-1968) landete 1906 mit seinem Debütroman “Der Dschungel” einen literarischen und politischen Sensationserfolg. Er verstand sich selbst als Enthüllungsjournalist, der mit seinen Texten Missstände offenlegen wollte. Für den Dschungel hatte er über Wochen hinweg in den Schlachthöfen Chicagos recherchiert – und war dort tatsächlich auf einen Dschungel gestoßen, in dem ein eigenes Gesetz gilt, in dem nur die Stärksten überleben. Sein Buch schildert schonungslos die menschenverachtenden Arbeitsmechanismen der Lebensmittelindustrie am Beispiel einer litauischen Familie, die an den Härten der Ausbeutung untergeht. 

Sinclair zeigt die Folgen eines gnadenlosen, nur auf Gewinn ausgerichteten Kapitalismus: Monopolisierung, Schieberei, Korruption, Zwangsprostitution, Ausbeutung, Armut, Umweltzerstörung. Das ganze Spektrum in einem Roman. Der Autor, der selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammte, wurde im Nachgang als „muckraker“, sprich Nestbeschmutzer angeprangert – man könnte das „muckraking“ fast schon als spezifische Stilart der nordamerikanischen Literatur bezeichnen: Auch John Steinbeck, Theodore Dreiser, John Reed und Dos Passos gehören mit zu dieser Klasse engagierter, linker, journalistisch geprägter Literaten. 

Trotz der Diffamierungsversuche blieb das Buch nicht ohne Folgen: „Onkel Toms Hütte der Lohnsklaverei“ (Jack London) führte immerhin zu neuen Lebensmittelgesetzen. Sinclair war jedoch enttäuscht, dass die amerikanischen Bürger mehr an der Qualität der Konserve als am Schicksal der Arbeiter interessiert waren. „Ich zielte mit meinem Roman auf das Herz und das Gewissen der Amerikaner, aber ich traf nur ihren Magen“, beklagte er sich später….oder wie Brecht sagte: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral!“ 

Sinclairs Werke wurden in zahllose Sprachen übersetzt und gingen um die Welt. In der Weimarer Republik war er einer der meistgelesenen Autoren. Stilistisch und literarisch gehören seine Romane nicht zur ersten Garde – Sinclairs Dschungel ist stark dort, wo er die Auswirkungen der Massenausbeutung auf einen seiner Protagonisten schildert. Das Buch ist aber auch streckenweise belehrend, detailversessen und trocken-mühsam: Die sozialistische „Erweckungspredigt“ mit fast schon biblischen Zügen wirkt etwas verstaubt.  

Eine amerikanische Tragödie – Theodore Dreiser

“The usual criticism of Dreiser is that, line for line, he’s the weakest of the great American novelists. And it’s true that he takes a pipe fitter’s approach to writing, joining workmanlike sentences one to the other. But by the end he will have built them into a powerful network, and something vital will be flowing through them.”

So lautete 2010 das Urteil von Richard Lacayo, der in der Time an den Roman “Eine amerikanische Tragödie” (1925) erinnerte. 

Stimmt: Ein Lesevergnügen ist dieser Wälzer nicht – vor allem, wer zuvor die Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Montgomery Clift gesehen hat, der wird anhand der Dutzenden von Seiten, die von Erweckungspredigten und religiösem Eifer handeln, kapitulieren. Glamour ist was anderes. Und dennoch: So minutiös, wie Dreiser (1871 – 1945) den Aufstieg und Fall des jungen Clyde Griffiths, der schließlich auf dem elektrischen Stuhl endet, schildert, lässt einen das 800-Seiten-Buch nicht unberührt. Die Stärke des Romans liegt in seiner Gesamtheit: Ihn zu lesen, bedeutet Arbeit, doch das Ergebnis sind Figuren und Schicksale, die man nicht vergisst.

Die Story in der Kurzfassung: Clyde gelingt es, sich aus den Fängen des bigotten Vaters, der sich als Straßenprediger durchschlägt, zu befreien, in dem er zunächst Hoteljunge wird. Ein Leben immer am Rande von Armut und Kleinkriminalität. Durch Zufall trifft er auf einen reichen Verwandten, der ihm einen Job in seiner Fabrik vermittelt. Dort erfährt er zwar erstmals materielle Sicherheit, aber auch Ausgrenzung: Der Zugang zum “Geldadel” seines Onkels bleibt ihm verwehrt, bis sich ein Mädchen aus besseren Hause in ihn verliebt. Sein Aufstieg wäre perfekt, wäre da nicht die Arbeiterin Rosalie, die behauptet, von ihm schwanger zu sein. Clyde plant zwar, Rosalie umzubringen, tut es jedoch nicht – und wird dennoch (wegen anstehender Wahlen und dem Druck auf die Staatsanwaltschaft) zum Tode verurteilt. Ganz im Stil der französischen Naturalisten wie Zola und Balzac zeigt Dreiser an “der amerikanischen Tragödie” das Zusammenspiel des Dreigestirns “Sex, Geld und Macht” auf. Clyde Griffiths, so wird deutlich, hatte niemals eine wirkliche Chance, den amerikanischen Traum vom Tellerwäscher zum Millionär zu leben.

Dreiser war, trotz seines schwerfälligen und streckenweise moralinsauren Tons, auch in Europa und natürlich in der Sowjetunion ein vielgelesener Schriftsteller. Er stammte selbst aus einer Familie ähnlich jener seiner Hauptfigur Clyde – er war das zwölfte Kind in einer deutschen Einwandererfamilie, die unter Armut und der Bigotterie des Vaters litt. Das Schreiben bedeutete für ihn auch eine Befreiung aus diesen engen Verhältnissen.  

Früchte des Zorns – John Steinbeck

“Eine Minute lang saß Rose von Sharon still in der Scheune, auf deren Dach leise der Regen flüsterte. Sie ging langsam hinüber in die Ecke und blickte herab in das verwüstete Gesicht, in die großen angstvollen Augen. Und dann legte sie sich neben ihn. Er schüttelte müde den Kopf. Rose von Sharon lockerte ihre Decke an einer Seite und entblößte ihre Brust. “Du must”, sagte sie. Sie drängte sich dichter an ihn und zog seinen Kopf zu sich heran. “Komm, hier!” sagte sie. “So.” Sie schob ihre Hand hinter seinen Kopf und stützte ihn. Ihre Finger fuhren sanft durch sein Haar. Sie blickte auf und durch die Scheune, und ihre Lippen schlossen sich und lächelten geheimnisvoll.”

Das ist eines der literarischen Bilder, die man wohl nie vergisst: Die junge Frau, die eine Totgeburt erlitten hat und einen verhungernden Mann, einen Landstreicher wie sie, an ihrer Brust trinken lässt. Harter Tobak, mit dem John Steinbeck (1902 – 1968) seine “Früchte des Zorns” enden ließ. Man spürt in dieser Schlußszene förmlich, wie der Autor sein lesendes Publikum noch einmal packen und rütteln will: Schaut her, was bei uns im Lande geschieht.  

Der Roman entstand 1937/1938 und erschien unter dem Originaltitel “The Grapes of Wrath” 1939. Er erregte sofort Aufsehen, wurde in einigen amerikanischen Bundesstaaten verbrannt, in Kalifornien sogar zwischenzeitlich verboten, aber auch 1940 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und noch in diesem Jahr von John Ford erstklassig verfilmt. John Steinbeck kannte die Nöte der Wanderarbeiter aus eigener Erfahrung: Er hatte selbst in Kalifornien als Erntehelfer gearbeitet und die Not der Farmerfamilien, die in den Depressionsjahren ihr Hab und Gut verloren hatten und sich auf der Suche nach Arbeit auf Wanderschaft befanden, kennengelernt. In “Früchte des Zorns” schildert Steinbeck anhand der Familie Joad ein typisches Schicksal jener 1930er-Jahre: Schlechte Ernten, vor allem aber die drückende Kreditlast und die Unnachgiebigkeit der Banken führen dazu, dass die Familie ihre Farm in Oklahoma verliert. Kalifornien wird als das Paradies für Arbeitssuchende angepriesen – doch die Familie wird schon auf dem mühsamen Weg dorthin mit der Realität konfrontiert: Die landlosen Arbeiter werden ausgebeutet, kaum bezahlt oder um ihren Lohn geprellt, in den Schlaflagern ausgepresst und ausgenommen. Sie leben tatsächlich immer am Rande des Verhungerns. Steinbeck, der große Humanist, schildert diesen Passionsweg voller Anteilnahme für seine Figuren, zugleich aber auch mit dezidierter Kritik an den Verhältnissen.  

Wie “Der Dschungel” hatte auch “Früchte des Zorns” unmittelbare Auswirkung auf die amerikanische Gesetzgebung: Die beiden Romane wurden öffentlich so stark diskutiert, dass die Legislative folgen musste und jeweils die Rechte der Verbraucher und der Arbeiter stärkte. Die amerikanische Tragödie löste wieder einmal eine Diskussion um die Todesstrafe aus – ohne gravierende Folgen allerdings.

Zumindest kurzfristig konnten diese Bücher die Welt minimal verbessern – wenn man über eine “nachhaltige” Wirkung nachdenken würde, müsste man eigentlich verzweifeln. Siehe hier: http://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2008/04/22/fruechte-des-zornsund-des-widerstands/

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Irmgard Keun: Kind aller Länder

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Wir haben so viele Gefahren, das alles ist so schwer zu verstehen. Vor allem muss ich lernen, was ein Visum ist. Wir haben einen deutschen Pass, den hat uns die Polizei gegeben. Ein Pass ist ein kleines Heft mit Stempeln und der Beweis, dass man lebt. Wenn man den Pass verliert, ist man für die Welt gestorben. Man darf dann in kein Land mehr. Aus einem Land muss man `raus, aber in das andere darf man nicht `rein. Doch der liebe Gott hat gemacht, dass Menschen nur auf dem Land leben können. Jetzt bete ich jeden Abend heimlich, dass er macht, dass Menschen jahrelang im Wasser schwimmen können oder in die Luft fliegen.“

Irmgard Keun, „Kind aller Länder“, 1938, Neuauflage bei Kiepenheuer & Witsch 2016

Der Pass, nach Brecht edelster Teil des Menschen, ein immer wiederkehrender Gegenstand in der Exilliteratur. Verzweifelt warten beispielsweise die Protagonisten in „Transit“ (Anna Seghers) oder „Die Nacht von Lissabon“ (Erich Maria Remarque) auf Papiere: Einen Pass, ein Visum, eine Bordkarte. Sie ermöglichen die Flucht, Flucht ohne eine Wiederkehr auf absehbare Zeit – am Ende egal wohin, nur weg vom brennenden Kontinent, in dem es für Juden, politisch Widerständige, Intellektuelle und andere Verfolgte kein Versteck mehr gibt. Papiere sind lebensrettend.

In dem 1938 von Irmgard Keun geschriebenen Roman „Kind aller Länder“ schlagen sich diese Themen nieder, das Herumirren durch ganz Europa, die Not der Exilanten, ständig auf der Jagd nach Papieren, Geld, einem neuen Unterschlupf. Allerdings mit einem wesentlichen Unterschied: Irmgard Keun, damals 33 Jahre alt und selbst schon seit Mai 1936 im Exil, schreibt aus der Sicht eines Kindes, der zehnjährigen Kully. In deren Eltern – dem haltlosen, leichtsinnigen Schriftsteller Peter und der Mutter, die im Exil zwischen Heimweh, Wunsch nach Bodenständigkeit (der Versuch, ein Heim in der Fremde zu imitieren, scheitert nicht nur an der politischen Situation, sondern auch an der Rastlosigkeit des Mannes), Pragmatismus und Tagträumerei schwankt – hat Keun, nicht unschwer zu erkennen, auch ihrem Geliebten Joseph Roth und sich ein literarisches Denkmal gesetzt, ihre Erfahrungen dieser Zeit verarbeitet.

„Mein Vater schreibt für unseren Lebensunterhalt. In Ostende hat er ein neues Buch geschrieben, das aber nicht fertig geworden ist, weil wir so viele Sorgen hatten. Wenn meine Mutter und ich meinen Vater mittags abholten, sahen seine Augen manchmal aus, als seien sie weit ins Meer geschwommen und noch nicht wieder zurück. Meine Mutter und ich können sehr gut schwimmen, aber die Augen von meinem Vater schwimmen noch viel weiter. Er hat uns auch oft fortgeschickt, weil er nicht essen wollte. Ein regelmäßiges Leben stört seine Arbeit und ekelt ihn an.“

Dieses ständige Gehetztsein, der Druck, an Geld zu kommen, gerade auch der Druck, der deshalb auf dem Schreiben lastet  – dies ist nicht nur ein Thema des Romans, sondern auch ein Thema, das sich hier offenbar in der Sprache von Irmgard Keun niederschlägt: Die Leichtigkeit des Erzählens, der schnodderige Ton, wie wir sie aus „Gilgi, eine von uns“ und „Das kunstseidene Mädchen“ kennen, sie wirken ausgerechnet, da Keun ein Kind als erzählende Figur wählt, da dieser Erzählton der „reflektierten Naivität“ stimmig wäre, nicht durchgehend schlüssig: Manches Mal klingt das Kind eine Spur zu altklug, manches Mal zu wenig kindlich-ängstlich in dieser bedrängenden Situation. Ähnlich wie die erwachsenen Protagonistinnen der Keun-Bücher plaudert das Mädchen Kully über die Alltagsnöte und ihre kindlichen Ängste hinweg:

„Mein Vater treibt ja immer wieder Geld auf. Er kommt auch immer wieder zurück. Ich glaube nicht, dass er uns vollkommen vergisst. Damals in Ostende hat er mich ja auch nicht vollkommen vergessen, nur beinahe.“

Verlustängste und Angst vor dem Krieg sind an solchen Stellen spürbar, werden dann aber unter diesem Erzählstrom, der Begegnungen, Anekdoten und nicht zuletzt zahllose Orte – Amsterdam, Brüssel, Prag und schließlich auch die USA sind Stationen dieser Hatz – aneinander reiht, begraben. Die Keun-Biografin Hiltrud Häntzschel wertete das Buch als „vergnügliche Lektüre“, die zugleich die Schrecken der Heimatlosigkeit dadurch potenzieren, weil die Leser eben mehr wissen als die Erzählerin, die noch das Urvertrauen eines Kindes in sich trägt. So könnte man das Buch lesen – doch dieses kindliche Geplauder wirkt auf Dauer eher etwas ermüdend denn vergnüglich, zudem, und das gesteht auch Häntzschel ein, wirkt der Roman „unfertig“, „zerfleddert“ am Ende. Das „Nichtmehrbewältigen der erzählerischen Struktur“ sei symptomatisch für Keuns Situation im Herbst 1938: Die Hetzerei von einem Ort zum anderen – sie findet nicht nur im Roman, sondern auch im Leben der Autorin statt. Und so wirkt auch der Erzählton: Gehetzt.

Dennoch gibt es von mir eine Leseempfehlung:

An vielen Stellen blitzen „Gilgi“ und „Doris“ auf und damit das erzählerische Temperament der Irmgard Keun.

„Und weiter hat sie gesagt: Ein guter Mann hat immer eine schlechte Frau – und ein schlechter Mann hat immer eine gute Frau. Das muss so sein. Ich finde es besser, eine gute Frau zu sein und einen schlechten Mann zu haben, denn mit einem guten Mann ist man auch nicht glücklich, aber mit einem schlechten Mann langweilt man sich wenigstens nicht.

Trotz der erzählerischen Schwächen: Das Experiment, das Exil und seine Konsequenzen aus der Sicht eines Kindes zu zeigen, hat Wirkung. Keun bringt bittere Wahrheiten, kindlich-süß verpackt, auf den Tisch – ganz nach dem Motto „Kindermund tut Wahrheit kund“.

„Es gibt auch Emigranten, die keine Dichter sind. Die Emigranten haben auch Vereine, wo sie sich ungestört zanken können. Viele Emigranten wollen sterben, und mein Vater sagt oft, es sei das beste und einzig Wahre, aber sie sind alle etwas unschlüssig und wissen nicht recht, wie sie es anfangen sollen, denn es genügt nicht, dass man einfach betet: Lieber Gott, lass mich bitte morgen tot sein.“

Und nicht zuletzt ist dieses wohl das engste an ihrer eigenen Biographie entlanggeschriebene Werk, das Einblick gibt in diese fatale Beziehung zwischen Irmgard Keun und Joseph Roth. Von daher für Anhänger der beiden Schriftsteller, die dieser „amour fou“ nachspüren wollen, eine Pflichtlektüre.

Das narrative Verfahren – Erzählen aus der Sicht eines Kindes – fand bereits im ersten „Exilbuch“ von Keun Anwendung: Noch in Deutschland geschrieben, veröffentlichte sie 1936 die Erzählungen um „Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ im holländischen Verlag Allert de Lange. Auch dieses Buch hat Kiepenheuer & Witsch neu aufgelegt.


Irmgard Keun, „D-Zug dritter Klasse“, 1938:

Wenn eine Schriftstellerin von Beginn an einen eigenen Stil, eine eigene Sprache gefunden hat, dann fällt es dem Leser mitunter schwer, ihr bei wesentlichen Veränderungen zu folgen. Doch allein daran lag es wohl nicht, dass dieser Roman mich wenig ansprechen konnte. Irmgard Keun, die sonst so Rasante, bummelt im „D-Zug dritter Klasse“ vor sich hin, die Erzählung quält sich voran. Mag sein, dass ihre private Situation Einfluss auf ihre Schreiben hatte: Irmgard Keun quälte sich noch mit der Trennung von Joseph Roth, das Leben in der Emigration war äußerst belastend, von Zukunftsängsten und Geldsorgen bestimmt.

Vielleicht musste gerade deswegen schnell „Nach Mitternacht“ ein neues Buch erscheinen – eine kurze Romanerzählung, die jedoch unfertig, beinahe fahrig wirkt. Warum auch immer, aber der „D-Zug dritter Klasse“ lässt vieles vermissen, insbesondere die gewohnte freche und naive und dabei doch so hellsichtige Erzählerinnenstimme. Der schmale Roman ist konventionell angelegt: Eine auktoriale Erzählstimme, ein nicht ganz neuer Plot – eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe deutscher „Reichsbürger“ im Zug nach Paris. Nach und nach treten die Reise- und Fluchtgeschichten, die privaten Irrungen und Wirrungen zutage.  Doch die Figuren bleiben unglaubwürdig, unausgegoren, ihre Motive wenig glaubhaft, fast schon parodistisch übertrieben.

Auch nutzte Irmgard Keun die politische Lage – 1938 gab es genügend existentielle Gründe, um aus Deutschland zu fliehen – kaum: Die Reisenden sitzen im Zug, weil sie ihr privates Leben in Sand gesetzt haben, sie flüchten vor ihren Lebensumständen. Dass in ihrer Heimat eine Diktatur wütet, dass ein Krieg heranzieht, dass Menschen verfolgt werden, ist dem Roman kaum zu entnehmen. Zwar werden die Ängste thematisiert, die mit einer Flucht in ein neues, fremdes Land, mit einem Neubeginn und mit dem Leben im Ungewissen verbunden sind, aber auch das wirkt seltsam unausgereift, flüchtig dahingepinselt. Die Keun-Biographin Hiltrud Häntzschel schreibt: „Fast mutet D-Zug dritter Klasse wie Spott auf die Emigration an; vielleicht lässt sich das Buch auch als – dann allerdings misslungene – „Emigrationsparodie“ lesen.“

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