Joachim Ringelnatz – Weihnachten

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Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
Mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit,
Und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
Schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
Und das alte Lied von Gott und Christ
Bebt durch Seelen und verkündet leise,
Dass die kleinste Welt die größte ist.

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934)

Liebe Leute,

was, ist denn schon Weihnachten? Ein paar Tage dauert es zwar noch, aber ich verabschiede mich heuer mit Ringelnatz sehr frühzeitig in die Weihnachtspause. Und mit ihm möchte ich auch Danke sagen bei euch: Fürs Folgen, für das Interesse, für das Mitlesen und den Austausch.

Für mich ist der Blog nach wie vor ein Geschenk, dass ich mir selber mache: Weil mir das Schreiben über die Bücher, die ich lese, nach wie vor sehr viel Freude macht. Und die Freude verdoppel sich, wenn ich dadurch auf das eine oder andere Buch aufmerksam machen kann oder sich ein Austausch ergibt. Eure Likes und Kommentare sind ein Zeichen der Wertschätzung – dafür vielen Dank.

A propos Geschenke: Seit einiger Zeit ergänze ich meine eigenen, längeren Beiträge durch einen Spendenbutton. Ich habe lange gezögert, ob ich das tun soll. Ich möchte mich an dieser Stelle bei den Menschen, die mich bestärkt haben, dies zu tun, bedanken. Und ein herzliches Dankeschön an die Spenderinnen und Spender für eure Beteiligung!

Ich wünsche allen ein persönlich friedliches und schönes Weihnachtsfest in dieser unruhigen Zeit, glückliche und erholsame Tage und einen guten Start in das Neue Jahr!

Wir lesen uns 2020 wieder,

eure Birgit

 

 

Theodor Fontane – Noch einmal ein Weihnachtsfest

Noch einmal ein Weihnachtsfest,
Immer kleiner wird der Rest,
Aber nehm` ich so die Summe,
Alles Grade, alles Krumme,
Alles Falsche, alles Rechte,
Alles Gute, alles Schlechte –
Rechnet sich aus all dem Braus
Doch ein richtig Leben raus.
Und dies können ist das Beste
Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.

Theodor Fontane

Ich komme langsam in das Alter, in dem die Weihnachtszeit tatsächlich eine besinnliche wird. Die Großeltern-Generation fehlt seit einigen Jahren, die Kinder in der Familie machen sich allmählich selbständig. Der Kreis wird kleiner. Man denkt an die, die nicht mehr dabei sein können.
Zugleich mildert sich der Erwartungsdruck an diese Tage mit den Lebensjahren. Gesten sind wichtig, Geschenke weniger. Im Mittelpunkt steht das Zusammensein.
Man beginnt es wie Fontane zu halten, dem alten, weisen Knaben, und zieht ein wenig Bilanz. Ich wünsche mir an Weihnachten vor allem eines: Dessen Gelassenheit, dessen Lebensweisheit. Wie man das erreicht, davon gibt es sicher auch im kommenden Jahr, dem Fontane-Jahr, mehr zu lesen.

Allen meinen lieben Leserinnen und Lesern hier sage ich Dank für die Begleitung über das inzwischen sechste Blogjahr hinweg. Ich wünsche Euch schöne und frohe Festtage!

Wolfgang Borchert: Hinter den Fenstern ist Weihnachten.

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Im Bunker hält man das nicht aus. Und als dein Gesicht von dem Auto hellgemacht wurde, sah ich, daß du blaue Schatten um die Augen hast. Vielleicht ist das eine, bei der man`s leichter hat, dachte ich. Deswegen laufe ich hinter dir her.

Wir beide sind ganz allein in der Stadt. Hinter den Fenstern, da ist Weihnachten. Manchmal sieht man hinter den Gardinen die Kerzen vom Tannenbaum. Im Bunker könnte man das jetzt nicht aushalten, wenn sie singen. Du hast blaue Schatten unter den Augen. Vielleicht bist du eine von denen, die abends unterwegs sind. Die Schatten hast du von der Liebe. Aber jetzt sind sie ganz anders, jetzt singen sie Weihnachtslieder und schämen sich, weil sie weinen müssen. Ich bin weggegangen.

Ob du ein Zimmer hast? Und einen Tannenbaum? Mein Gott, wenn du ein Zimmer hättest? Merkst du, daß ich hinter dir hergehe? Wir sind ganz allein in der Stadt. Und die Laternen stehen Posten. Die Posten haben Zigaretten, weil heute Weihnachten ist, und die glimmen im Finstern: Hörst du, hinter den Fenstern machen sie Weihnachten. Sie sitzen auf weichen Stühlen und essen Bratkartoffeln. Vielleicht haben sie sogar Grünkohl. Aber dann sind sie reich. Aber sie haben ja auch Gardinen, dann haben sie auch Grünkohl. Wer Gardinen hat, ist reich. Nur wir beiden sind draußen. Da hast blaue Schatten an den Augen, das hab ich gesehen, als das Auto vorbeifuhr. Ich möchte, daß du die Schatten von der Liebe hast. Ich weiß sonst nicht, wohin. Im Bunker singen sie. Das hält man nicht aus.

Immer wenn eine Laterne kommt, seh ich deine Beine. Da kann man schon allerhand dran sehen, wie die Beine sind. Die anderen reden auch immer von den Beinen bei ihren Weibern. Sie sagen immer Weiber. Wenn sie abends nach Hause kommen, reden alle von ihren Weibern. Weiber, sagen sie immer. Immer bloß so Weiber. Die ganze Bude ist dann voll davon, wenn sie von den Beinen reden, von ihrer Brust und der rosa Unterwäsche.

Merkst du nicht, daß ich immer hinter dir hergehe? Immer, wenn eine Laterne kommt, hälst du den Kopf weg. Ich bin dir wohl zu klein, wie? Ja, mit einmal ist man wieder zu klein. Für den Krieg war man auch nicht zu klein. Nur für so was, was schön ist. Du brauchst gar nicht so zu rennen, ich lauf dir doch nach. Wenn ich denke, was du noch alles hast außer den Beinen, dann kann man sich schon allerhand ausdenken. Die andern haben das jeden Abend. Unter den Laternen sind deine Knie ganz weiß. Immer wenn ich dich bei einer Laterne überhole, hälst du dein Gesicht weg.

Im Vorbeigehen kann ich dich riechen. Aber du merkst gar nicht, daß ich was von dir will. So schnell wirst du mich nicht los. Ich weiß sowieso nicht, wohin. Bei solchem Nebelwetter ist es im Bunker immer naßkalt. Kann doch sein, daß du ein Zimmer hast. Bloß nicht bei deinen Eltern. Bei Freunden. Dann kannst du mich doch mitnehmen. Dann sitzen wir nebeneinander auf deinem Bett. Und der Nebel und die Kälte stehen vor der Tür. Und dann sind deine hellen Knie ganz dicht neben mir. Und du hast einen Tannenbaum. Und dann teilen wir uns ein Stück Brot. Du hast doch bestimmt Brot. Die andern erzählen immer, daß sie von ihren Weibern was zu essen kriegen. Ihr eßt ja nicht soviel wie wir. Wir haben meistens Hunger. Ich auch, du. Aber du hast vielleicht was. Wenn du bei deinen Eltern wohnst, das ist natürlich Mist. Dann müssen wir unten im Treppenhaus bleiben. Das geht auch. Die andern bleiben auch oft mit ihren Weibern im Treppenhaus. Aber Weihnachten? Mein Gott! Im Treppenhaus.

Du riechst gut. Ich gehe ganz dicht hinter dir und kann dich riechen. Mein Gott, du riechst so nach allerhand. Da kann man sich allerhand bei vorstellen. Wenn das bei uns im Bunker man mal so riechen würde. Aber da riecht es immer nach Tabak und Leder und nassen Klamotten. Du riechst ganz anders, so was hab ich noch nie gerochen. Bei der nächsten Laterne rede ich dich an. Die Straße ist gerade ganz leer. Aber wenn ich dich anrede, ist vielleicht alles vorbei. Du antwortest vielleicht gar nicht. Oder du lachst mich aus, weil ich dir zu jung bin. Älter als zwanzig bist du aber auch noch nicht.

Da kommt die Laterne. Deine Knie sind ganz hell im Dunkeln. Die Laterne kommt. Jetzt muß ich gleich was sagen. Oder doch nicht? Vielleicht ist dann alles aus. Die andern können das alle. Die haben alle ihre Weiber. Da ist die Laterne. Wenn ich jetzt rede, ist vielleicht alles aus. Die Laterne. Nein, ich warte noch ein paar Laternen. Noch nicht. Der Nebel ist gut. Du siehst wenigstens nicht, daß ich noch nicht so alt bin. Aber ich kenn welche, die haben schon eine, und sind auch nicht älter. Ja, jetzt ist man mit einmal wieder zu klein. Fürs Soldatsein war man nicht zu klein. Und jetzt läuft man rum. Im Nebel nachts. Und jeden Abend reden die andern von ihren Weibern. Davon kann man nachher nicht einschlafen. Die Luft im Bunker ist dann ganz voll davon. Von ihren Weibern. Und von dem nassen Nebel nachts. Draußen. Aber du, du riechst gut. Deine Knie sind ganz hell im Dunkeln. Sie müssen ganz warm sein, deine Knie. Wenn die nächste Laterne kommt, rede ich dich an. Vielleicht wird es was. Mensch, du riechst so. Das hab ich noch nie gerochen. Kuck mal, hinter den Gardinen haben sie Weihnachten. Vielleicht auch Grünkohl. Nur wir beide sind draußen. Wir sind ganz allein in der Stadt.-

Wolfgang Borchert

Diese Weihnachtsgeschichte von Wolfgang Borchert (1921 – 1947) wurde erst 1961 in der Erzählsammlung „Die traurigen Geranien und andere Geschichten aus dem Nachlaß“ veröffentlicht. Sie mag ein wenig ungehobelt, unausgereift wirken – aber dennoch zeugt sie vom großen Talent des jungen Schriftstellers, der viel zu früh starb. Er prägte das Schreiben der jungen Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg erst wieder zu sich finden musste – und die wußten, wie es ist, nach Krieg, Flucht und Vertreibung „draußen vor der Tür“ zu sein.

Mir scheint diese Geschichte für dieses Weihnachten passend: Soviele Menschen bleiben draußen, haben ihre Heimat verloren und fühlen sich als Fremde in diesem Land. Und in den nächsten Tagen wird ihnen dieses vielleicht noch verstärkt bewußt. Und im Grunde ist ja die ganze Weihnachtsgeschichte die Geschichte von der Unbehaustheit eines Paares, vom Ankommen und neuer Hoffnung.