Paul Scheerbart: Katerpoesie

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Bild: Birgit Böllinger

Moderner Gassenhauer

Der Eremit ist dick und groß;
Er haßt die Nebenmenschen bloß.
Er liebt nur seine Klause
Und bleibt daher zu Hause.

Die ganze Welt ist ihm Pomade.
Die Nebenmenschen sagen: schade!
Das aber rührt den Teufel nicht.
Hat er nur stets sein Leibgericht,
So ist ihm alles piepe –
Der Haß und auch die Liepe.

Auch der, der diese Verse schrieb, blieb sein Leben lang ein Einzelkämpfer. Er war der Dichter, der sein Leben dem Perpetuum Mobile widmete. Er war der Zeichner, der den Verlag der Phantasten gründete. Und er war der Lyriker, dessen Buch als eines der ersten im Rowohlt Verlag erschien: Paul Carl Wilhelm Scheerbart (1863-1915), der auch unter den Pseudonymen Kuno beziehungsweise Bruno Küfer arbeitete.

Erich Mühsam schrieb in seinen “Unpolitischen Erinnerungen”:
“Es wird — hoffentlich! — nicht nötig sein, Scheerbart als Dichter vorzustellen. Obgleich seine Bücher, die es so sehr verdient hätten, keine hohen Auflagen erreicht haben und, wie es scheint, jetzt völlig vom Markt verschwunden sind, hat es doch eine Zeit gegeben, die dem humorvollsten Phantasten und dem phantasievollsten Humoristen der modernen deutschen Literatur wenigstens die platonische Anerkennung nicht schuldig blieb. Die Zeit aber, die diesen kosmischen Spötter als sich zugehörig erkennen wird, diese Zeit, daran zweifle ich nicht, wird noch kommen. Es wird die Zeit sein, die von Freiheit des Menschen und seiner Gedanken- und Gefühlswelt wissen und die hinter dem dröhnenden Lachen des Dichters, der seine philosophischen Romane auf dem Mond und dem Jupiter spielen läßt, den tiefsten sozialen Ernst heraushören wird. Wer Paul Scheerbart persönlich nahestand, der sah, wie einheitlich diese Persönlichkeit war.”

Dies war 1927 – Scheerbart war gerade nur zwölf Jahre vorher, völlig verarmt und in Folge eines Gehirnschlags, gestorben. Schon zu Lebzeiten hatten seine Bücher keine hohen Auflagen erreicht. Zwar erschien Scheerbarts erster Roman, “Die große Revolution”, 1902 im Insel Verlag, 1909 verlegte Ernst Rowohlt Scheerbarts skurrile Gedichtsammlung “Katerpoesie”. Obwohl er somit zu den Gründungsschriftstellern zweier bedeutender Verlage zählte – der Bekanntheitsgrad Paul Scheerbarts blieb begrenzt. Immer noch gilt er als “Geheimtipp” oder etwas für literarische Kenner – dabei ist er einer der großen Autoren phantastischer Literatur, seine versponnene Poesie beeinflusste DADA und die Expressionisten.

Scheerbart lässt sich in keine Schublade pressen. Einerseits schrieb er humorvolle, warmherzige, ironische, skurrile, vor Lebenslust sprühende Verse, aber andererseits entwarf er phantastische Welten, stilisierte seine eigene zu einer Kunstwelt, ging gedanklich über Grenzen, über die ihm nicht jeder folgen mochte oder folgen kann.

Viel zitiert werden die letzten beiden Sätze am Ende der “Katerpoesie”: “Charakter ist nur Eigensinn. Es lebe die Zigeunerin!”. Das Gedicht in voller Länge zeugt von der inneren Verfasstheit seines Schöpfers:

Sei sanft und höhnisch!
Charakter-Cyklus

Charakter ist nur Eigensinn;
Ich bin mit mir zufrieden.
Ich geh nach allen Seiten hin;
Wir sind ja so verschieden.

Geht mir mit der Quälerei!
Sie macht wirklich kein Vergnügen;
Mir kann nur die Wurschtigkeit
Toll und voll und ganz genügen.

Was wie ein Schienenpaar zerfahren ist,
Das ist noch härter als der Antichrist.

Ich möcht am liebsten meine Tinte
Dem Menschenvolk ins Blutgeäder spritzen.
Ich will mich bloß nicht so erhitzen.

Glaube mir:
Ich streichle dir
Die zarten vollen Wangen.
Glaube mir:
Ich hab nach dir
Wahrhaftig kein Verlangen.
Ich will dir immer gut sein!
Bleibe mir nur ewig fern
Wie der stille Abendstern.

Ich hab die ganze Nacht gelacht –
Natürlich – nur im Traume!
Jetzt bin ich endlich aufgewacht –
Natürlich – noch im Raume!
Ich kann nun nicht mehr lachen!
Was soll ich also machen?
Weiterwachen?

Sei klein – dann ist die Welt so groß!
Sei schwach – dann ist die Welt so stark!
Sei dumm – dann ist die Welt so klug!
Sei stumm – dann ist die Welt so laut!
Sei arm – dann ist die Welt so reich!

Reimerei und Schweinerei!
Mir ist alles einerlei!
Alte Katzen sind nicht blöde.
Aber jene Untermenschen,
Die ich täglich braten möchte,
Machen mir die Welt so öde.

Mir ist alles einerlei!

Mensch, sei frei!

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.

Freche Fratze,
Deine Glatze
Ist nicht alt,
Auch nicht jung,
Bloß voll Dung,
Hast du bald
Dung genung?

Die Eitelheit, die Eitelkeit –
Die steckt ja wohl im Narrenkleid.
Doch bei den steifen ernsten Leuten –
Da steckt sie unter allen Häuten.

Der Nebel meiner Lebensqual
Ist dunkel, trüb und fett.
Ich liege still zu Bett.

Fahrig, lax, frivol und wischig
Ist die große Alterskunst –
Gräßlich ist der ganze Dunst.

Doch die stillen Flaggenstöcke –
Freunde, die laßt stehen,
Wenn auch die Spektakelfeste
Lichterloh vergehen.

Die Flaggenstöcke gingen tief
In unsre alte Erde ‘rein.
Wir aber gingen immer schief –
Im Sonnen- wie im Mondenschein.

Alte böse Menschen schimpfen
Über meine Lustigkeit.
Und das ist doch weiter nichts als
Alter, dunkelgelber Neid.

Du kindische Kröte,
Dich quetsch ich zu Brei.
Ich mag doch nicht hören
Die Mopslitanei,
Die sich lustig macht
Über den, der lacht.

Ich schmiß einen Menschen zum Fenster hinaus –
Natürlich – nur im Traume!
Ich fragte höflich die Mama:
Wozu ist das Männchen da?

Was denkt sich denn der junge Fant?
Ich liebte nie mein Vaterland.
Das tun ja schon so viel Soldaten!
So selbstgefällig bin ich nicht!

Lieber süßer Kannibale,
Liebst du meine Tante Male?
Friß sie auf – sie ist gesund –
Ihre Welt wird ihr zu bunt.

Klarheit wollt ihr?
Dicke Klarheit?
Seid ihr echte Untermenschen?
Wollt ihr nicht den kummervollen
Rausch der Ewigkeit umhalsen?
Wollt ihr nicht den götterhaften
Allempfindungsdünkel kosten?
Aber nein: ihr seid gescheidter;
Eure Sehnsucht will ins Bettchen,
Denn der liebe Sandmann kam.

Ich weiß, was ich begehrte;
Nie klar wird das Verklärte.
Mit den Ketten will ich rasseln,
Daß das Trommelfell euch platze!
Es erblüh in euern Dasseln
Alles Glück in einem Satze.

Ach, nur im Dunkeln
Funkeln die Sterne.
Breite Nachtkapuzen,
Ich will euch nur uzen!
Keiner sticht euch tot!
Alles ist im Lot!

Überwinden, überwinden
Wollen wir die letzten Trümpfe.
Und wenn wir das Letzte finden,
Machen wir uns auf die Strümpfe.

Charakter ist nur Eigensinn.
Es lebe die Zigeunerin!

Schluß!!

Seine Leidenschaft: Das Perpetuum mobile

Sein Werk und seine Interessen waren dergestalt vielfältig, dass dies in einer Kurzbiographie kaum umrissen werden kann. Neben dem Schreiben beschäftigte er sich vor allem mit Architektur und Erfindungen. So beeinflusste er mit seinen Aufsätzen zur Glasarchitektur auch die jungen Bauhaus-Architekten. Bruno Taut widmete ihm ein Glashaus bei der Werkbundausstellung 1914, mit dem Taut erstmals auch internationale Anerkennung fand. Ebenso faszinierend sind Scheerbarts Versuche zum “Perpetuum mobile”. Er beschäftigte sich jahrelang mit dieser Forschungsarbeit. Das Perpetuum mobile war für ihn “Wüstenkultur im großen Stil. Dagegen ist der Panamakanal eine Bagatelle.“ Mehr dazu findet man in einer der umfangreichsten Sammlungen im Netz unter www.scheerbart.de.

Völlig verarmt starb Paul Scheerbart 1915 an einem Gehirnschlag. Später wurde von Walter Mehring verbreitet, er habe sich aus Protest gegen den Ersten Weltkrieg zu Tode gehungert. Das Gerücht ließ sich nicht halten. Hungrig – im mehrfachen Sinne – materiell, aber vor allem geistig – hungrig nach Wissen, neugierig und phantasievoll, das war Scheerbart aber wohl sein Leben lang.

Nie verzagen, niemals klagen!
(1892)

Nie verzagen, niemals klagen!
Sei mein stetes Fluchtpanier.
Hab ja längst gelernt entsagen;
Niemals ich den Mut verlier.

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Franck Maubert: Caroline – Alberto Giacomettis letztes Modell

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Bild von StockSnap auf Pixabay

„Das Portrait ist unvollendet, ihr Oberkörper starr aufgerichtet. Alberto hat den kleinen Glanz ihrer Augen noch nicht erfasst, die ersten drei Sitzungen haben nicht ausgereicht. Ihr Oberkörper nimmt die ganze Höhe der Leinwand ein, und der Kopf zieht sich vielleicht mehr als gewöhnlich in den Hintergrund zurück. Den Kopf bezeichnete Alberto als einen «Kern von Gewalt». Ihre Augen bestehen aus einer bestimmten Anzahl von Überlappungen, kleinen harten senkrechten Strichen. Die Augen bleiben das zentrale Element, im Übrigen ist der Körper ätherisch, beinahe farblos. Aber was heißt bei Giacometti vollendet oder unvollendet?“

Franck Maubert, „Caroline – Alberto Giacomettis letztes Modell“, Piet Meyer Verlag, 2012.

Auch in ihrer Liebe lag ein Kern von Gewalt: 1959 lernt der Schweizer Künstler Alberto Giacometti (1901 – 1966), der seit 1922 überwiegend in Paris lebt, bei einem seiner nächtlichen Streifzüge durch die Kneipen im Quartier de Montparnasse die wesentlich jüngere Caroline kennen. Die Prostituierte, die versucht, in der Stadt an der Seine dem Elend der Provinz zu entfliehen, wird Giacomettis letzte Geliebte und sein letztes wichtigstes Modell: Es entstehen rund 20 Portraits, zahlreiche Zeichnungen und Grafiken, auch eine Bronzebüste.

Eines dieser Bilder zieht den Schriftsteller und Kunsthistoriker Franck Maubert bei einem Besuch im Musée d`Art Moderne in seinen Bann:

„Dort rief mich ein Lichtschein, und diese sitzende Frau sah mich an, sah nur mich an und wurde stärker als alles andere.“

Jahrzehnte später sitzt Maubert dieser Frau tatsächlich gegenüber: In Nizza trifft er Caroline Tamagno, alt, glücklos, verarmt. Aber immer noch einen Rest des Charmes ausstrahlen, der wohl auch Giacometti in seinen Bann zog – ein Charme, gepaart mit traurigen Augen. Verschwunden scheinen jedoch die unbändige Lebenslust und der Freiheitswille, mit dem sie ihren Liebhaber in Atem hielt – Maubert erzählt in seinem schmalen Buch, in Frankreich mit dem „Prix Renaudot Essai“ ausgezeichnet, eine melancholische  Geschichte. Die Geschichte einer Liebe, die nur noch wehmütige Erinnerungen hervorruft. Caroline sagt dem Zuhörer, für sie sei es das Glück mit großem G gewesen, auch wenn niemand sonst diese Liebe verstanden hätte. Maubert ist ein guter, zurückhaltender Beobachter. Er studiert die Frau gründlich und auch ein wenig distanziert, als betrachte er ein Kunstwerk, zugleich aber fühlt er sich in ihren Charakter ein, spürt die Widersprüchlichkeiten, auch ihre dunklen Seiten.

„Wolken, kleine Dunstflocken, zerfasern den Himmel. Caroline sackt in sich zusammen, und ihr Kopf scheint zu schrumpfen wie der einer Skulptur von Alberto. Ein Glanz in ihren Augen, eine kleine Sekunde lang, und die Hoffnung nimmt ab, das Leuchten schwindet.“

Von 1961 bis 1965 besucht Caroline Giacometti beinahe täglich in dessen Atelier, eine „amour fou“, deren Bande auch gegen den Widerstand von Annette, Giacomettis Frau, und dessen Bruder Diego immer enger werden: Der wesentlich ältere Liebhaber versorgt Caroline mit Geld, lässt sich von ihren Halbwelt-Freunden ab und an ausnehmen, schenkt ihr ein Auto, hilft ihr manches Mal aus der Bredouille. Er nimmt sie mit in den Louvre, den das Mädchen aus prekären Verhältnissen erstmals besucht, und auf Reisen, unter anderem nach London, durch ihn lernt sie die Kunst und Künstler, beispielsweise Francis Bacon kennen.

Es scheint jedoch mehr als die bekannte Geschichte vom wohlhabenden älteren Mann und der jungen Frau zu sein – als Giacometti, vom Krebs gezeichnet, in einer Klinik in Chur im Sterben liegt, kommt Caroline, ist in seiner letzten Stunde bei ihm, und ist – wenn auch hinter der Gattin, den Verwandten, den Kollegen – bei seiner Beerdigung. Was ihr bleibt? Ein einziger zerknüllter Zettel, ein handschriftlicher Gruß Giacomettis. Kein Bild, keine Skizze, nicht einmal eines ihrer Portraits. Und auch keine Aufmerksamkeit: An die Musen der berühmten Künstler erinnert sich die Geschichte meistens nicht. Sie wäre vergessen, hätte Maubert nicht diesen Text leisen, intimen Text geschrieben, der die Gesprächssituation mit all ihren Wendungen, mit den Zweifeln und Fragen, die bleiben, lebendig werden lässt. Was verband die beiden, Alberto und Caroline? Wann war es bei ihr Berechnung, wann Gefühl? Und was fand er in ihr, der Künstler?

Für Caroline jedenfalls war dies gewiss: „Ich war seine Maßlosigkeit“.

„Caroline“ erschien nun als jüngster Band in der Reihe der „Nicht so kleinen Bibliothek“ im Piet Meyer Verlag. Der Reihentitel ist ein feines, ein wenig ironisches Understatement für eine ziemlich großartige Bibliothek – hier finden sich literarische Texte über große Künstler, die einen ganz eigenen Blick auf deren Schaffen eröffnen. Literarische Preziosen, liebevoll aufgemacht und schön gearbeitet, mit zahlreichen Abbildungen, biographischen Angaben, mit erläuternden Nachworten und weiteren Informationen.

So kann ich aus der Reihe auch das Buch „Paul Klee – Frühe Begegnung“, eine temperamentvolle, lebhafte Verbeugung von Walter Mehring vor seinem Zeitgenossen, wärmstens empfehlen sowie die erste Monographie, die 1917 über Ernst Ludwig Kirchner erschien. Was die drei Bücher vereint: Alle bieten sie einen Blick auf Künstler, der – sei es wegen des persönlichen Zugangs, sei es wegen der Zeitgenossenschaft der Autoren – noch nicht verstellt ist von kunsthistorischer Überhöhung oder späterer Musealisierung.

Informationen zur nicht so kleinen Bibliothek und „Caroline“:
http://www.pietmeyer.ch/nichtsokleinebib.php

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Hugo Ball und Tristan Tzara: Das DADA-Manifest

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100 Jahre Dada in Zürich. Bild: Birgit Böllinger

„Ich verkünde die Opposition aller kosmischen Eigenschaften gegen die Gonorrhoe dieser faulenden Sonne, die aus den Fabriken des philosophischen Gedankens kommt, den erbitterten Kampf mit allen Mitteln des dadaistischen Ekels.

Jedes Erzeugnis des Ekels, das Negation der Familie zu werden vermag, ist Dada; Protest mit den Fäusten, seines ganzen Wesens in Zerstörungshandlung: Dada; Kenntnis aller Mittel, die bisher das schamhafte Geschlecht des bequemen Kompromisses und der Höflichkeit verwarf: Dada; Vernichtung der Logik, Tanz der Ohnmächtigen der Schöpfung: Dada; jeder Hierarchie und sozialen Formel von unseren Dienern eingesetzt: Dada; jeder Gegenstand, alle Gegenstände, die Gefühle und Dunkelheiten; die Erscheinungen und der genaue Stoß paralleler Linien sind Kampfesmittel: Dada; Vernichtung des Gedächtnisses: Dada; Vernichtung der Archäologie: Dada; Vernichtung der Propheten: Dada; Vernichtung der Zukunft: Dada; Absoluter indiskutabler Glauben an jeden Gott, den spontane Unmittelbarkeit erzeugte: Dada; eleganter, vorurteilsloser Sprung von einer Harmonie in die andere Sphäre; Flugbahn eines Wortes, das wie ein Diskurs, tönender Schrei, geschleudert ist; alle Individualitäten in ihrem Augenblickswahn achten: im ernsten, furchtsamen, schüchternen, glühenden, kraftvollen, entschiedenen, begeisterten Wahn; seine Kirche von allen unnützen, schweren Requisiten abschälen, wie eine Lichtfontäne den ungefälligen oder verliebten Gedanken ausspeien, oder ihn liebkosen – mit der lebhaften Genugtuung, daß das einerlei ist – mit derselben Intensität in der Zelle seiner Seele, insektenrein für wohlgeborenes Blut und von Erzengelkörpern übergoldet. Freiheit: Dada, Dada, Dada, aufheulen der verkrampften Farben, Verschlingung der Gegensätze und aller Widersprüche, der Grotesken und der Inkonsequenzen: Das Leben.“

Tristan Tzara aus dem „Manifest Dada“, 1918

Auch Richard Huelsenbeck lieferte eine Legende zur Begriffsfindung: „Als Ball und ich den Dadaismus entdeckten, waren wir uns unserer großen Mission bewusst. Ball hatte gerade einen Teller Nudelsuppe gegessen, und ich hatte gerade den letzten besoffenen Studenten aus dem Cabaret Voltaire geworfen, da sagte Ball: „Da … Da siehst du, wo das hinführt.“

Wo führte das hin? Zu einer kreativen, anarchistischen, wilden Explosion, zu einer künstlerischen Hitzewelle, die ausgerechnet in der Schweiz (!) einige wenige Jahre (im Herbst 1920 verließen die letzten Mitglieder dieser Künstlergemeinschaft die Eidgenossenschaft) ihren Raum fand.

Schon zu den Hochzeiten des Dadaismus ist die Fülle an beteiligten, inspirierten Künstlerinnen und Künstlern kaum zu fassen: Hugo Ball, Emmy Hennings, Hans Arp, Sophie Taeuber-Arp, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck, Walter Serner, Giorgio de Chirico, Marcel Janco, Hans Richter, Christian Schad, Mary Wigman, Katja Wulff, Hans Heusser, Max Ernst, und viele weitere mehr, die sich vom Dadaismus anstecken ließen.

1916 veröffentlichten Ball und Huelsenbeck ein erstes Manifest:

Es soll der Presse und dem Publikum durch unser Auftreten gezeigt werden, daß es Persönlichkeiten gibt, die die Sache der “jüngsten” Literatur auch im Kriege weiterführen. Diese jüngste Literatur hat eine ganz bewußte Tendenz. Diese Tendenz: Expressionismus, Buntheit, Abenteuerlichkeit, Futurismus, Aktivität, Dummheit (gegen die Intellektualität, gegen die Bebuquins, gegen die gänzlich Arroganten). Wir wollen: Aufreizen, umwerfen, bluffen, triezen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang, Draufgänger und Negationisten sein. Unsere Sache ist die Sache der Intensität, der Nüstern, der Askese, des methodischen Fanatismus, der Flaggen und Konspirationen. Wir werden immer “gegen” sein. Wir werden die geistige Führerschaft an uns nehmen. Wir werden zu Felde ziehen gegen die Gehirnwesen, Geistlinge, Systemlinge. Gegen die Aktionierer und lyrische Tenöre. Gegen die “Programmatiker” und Sektenbildner. Wir ergreifen die Partei der Bilderstürmer und jeglicher Radikalisten. Wir propagieren den Stoffwechsel, den Saltomortale, den Vampyrismus und alle Art Mimik. Wir sind nicht naiv genug, an den Fortschritt zu glauben. Wir haben es nur mit dem “Heute” zu tun. Wir wollen sein: Mystiker des Details, Bohrlinge und Hellseher, Antikonzeptionisten und Literaturstänker. Wir wollen den Appetit verderben an aller Schönheit, Kultur, Poesie, an allem Geist, Geschmack, Sozialismus, Altruismus und Synonymismus. Wir gehen los gegen alle “ismen” Parteien und “Anschauungen”. Negationisten wollen wir sein.

Huelsenbeck manifestierte sich nochmals, zwei Jahre später, in Berlin (Auszug):

Die Unterzeichner dieses Manifests haben sich unter dem Streitruf

DADA!!!!

zur Propaganda einer Kunst gesammelt, von der sie die Verwirklichung neuer Ideale erwarten. Was ist nun der DADAISMUS?

Das Wort Dada symbolisiert das primitivste Verhältnis zur umgebenden Wirklichkeit, mit dem Dadaismus tritt eine neue Realität in ihre Rechte. Das Leben erscheint als ein simultanes Gewirr von Geräuschen, Farben und geistigen Rhytmen, das in die dadaistische Kunst unbeirrt mit allen sensationellen Schreien und Fiebern seiner verwegenen Alltagspsyche und in seiner gesamten brutalen Realität übernommen wird. Hier ist der scharf markierte Scheideweg, der den Dadaismus von allen bisherigen Kunstrichtungen und vor allem von dem FUTURISMUS trennt, den kürzlich Schwachköpfe als eine neue Auflage impressionistischer Realisierung aufgefaßt haben. Der Dadaismus steht zum erstenmal dem Leben nicht mehr ästhetisch gegenüber, indem er alle Schlagworte von Ethik, Kultur und Innerlichkeit, die nur Mäntel für schwache Muskeln sind, in seine Bestandteile zerfetzt.

Das BRUITISTISCHE Gedicht

schildert eine Trambahn wie sie ist, die Essenz der Trambahn mit dem Gähnen des Rentiers Schulze und dem Schrei der Bremsen.

Das SIMULTANISTISCHE Gedicht

lehrt den Sinn des Durcheinanderjagens aller Dinge, während Herr Schulze liest, fährt der Balkanzug über die Brücke bei Nisch, ein Schwein jammert im Keller des Schlächters Nuttke.

Das STATISCHE Gedicht

macht die Worte zu Individuen, aus den drei Buchstaben Wald, tritt der Wald mit seinen Baumkronen, Försterlivreen und Wildsauen, vielleicht tritt auch eine Pension heraus, vielleicht Bellevue oder Bella vista. Der Dadaismus führt zu unerhörten neuen Möglichkeiten und Ausdrucksformen aller Künste. Er hat den Kubismus zum Tanz auf der Bühne gemacht, er hat die BRUITISTISCHE Musik der Futuristen (deren rein italienische Angelegenheit er nicht verallgemeinern will) in allen Ländern Europas propagiert. Das Wort Dada weist zugleich auf die Internationalität der Bewegung, die an keine Grenzen, Religionen oder Berufe gebunden ist. Dada ist der internationale Ausdruck dieser Zeit, die große Fronde der Kunstbewegungen, der künstlerische Reflex aller dieser Offensiven, Friedenskongresse, Balgereien am Gemüsemarkt, Soupers im Esplanade etc. etc. Dada will die Benutzung des neuen Materials in der Malerei.

Dada ist ein CLUB, der in Berlin gegründet worden ist, in den man eintreten kann, ohne Verbindlichkeiten zu übernehmen. Hier ist jeder Vorsitzender und jeder kann sein Wort abgeben, wo es sich um künstlerische Dinge handelt. Dada ist nicht ein Vorwand für den Ehrgeiz einiger Literaten (wie unsere Feinde glauben machen möchten) Dada ist eine Geistesart, die sich in jedem Gespräch offenbaren kann, sodaß man sagen muß: dieser ist ein DADAIST — jener nicht; der Club Dada hat deshalb Mitglieder in allen Teilen der Erde, in Honolulu so gut wie in New-Orleans und Meseritz. Dadaist sein, kann unter Umständen heißen, mehr Kaufmann, mehr Parteimann als Künstler sein — nur zufällig Künstler sein — Dadaist sein, heißt, sich von den Dingen werfen lassen, gegen jede Sedimentsbildung sein, ein Moment auf einem Stuhl gesessen, heißt, das Leben in Gefahr gebracht haben (Mr. Wengs zog schon den Revolver aus der Hosentasche). Ein Gewebe zerreißt sich unter der Hand, man sagt ja zu einem Leben, das durch Verneinung höher will. Ja-sagen — Nein-sagen: das gewaltige Hokuspokus des Daseins beschwingt die Nerven des echten Dadaisten — so liegt er, so jagt er, so radelt er — halb Pantagruel, halb Franziskus und lacht und lacht. Gegen die ästhetischethische Einstellung! Gegen die blutleere Abstraktion des Expressionismus! Gegen die weltverbessernden Theorien literarischer Hohlköpfe! Für den Dadaismus in Wort und Bild, für das dadaistische Geschehen in der Welt. Gegen dies Manifest sein, heißt Dadaist sein!

Tristan Tzara. Franz Jung. George Grosz. Marcel Janco. Richard Huelsenbeck. Gerhard Preiß. Raoul Hausmann. Walter Mehring.

Lüthy. Fréderic Glauser. Hugo Ball. Pierre Albert Birot. Maria d’Arezzo. Gino Cantarelli. Prampolini. R. van Rees. Madame van Rees. Hans Arp. G. Thäuber. Andrée Morosini. François Mombello-Pasquati.

Quelle:  Richard Huelsenbeck,  „Dadaistisches Manifest“ (1918), Dada Almanach, herausgegeben von Richard Huelsenbeck. Berlin: Erich Reiss, 1920, S. 35-41.  

Und auch wenn die Dada-Flamme in den 1920er-Jahren ausgebrannt erschien, anderes hatte sich an ihr entzündet und ist ohne sie nicht denkbar: Das „Narrenspiel aus dem Nichts, in das alle höheren Fragen verwickelt sind“ (Hugo Ball) hatte den Weg bereitet für Surrealismus,  abstrakte Dichtung, Pop-Art und viele andere Richtungen mehr. Denn Dada sagt im Grunde eines: Alles, was da ist, was vor allem in unserem menschlichen Hirn ist, ist da – Lautmalereien, Simultangedichte, Ausdruckstanz, der sich aus unseren Gebärden speist, abstrakte Malerei, alles, was ursprünglich ist, unverfälscht, ungekünstelt, direkt den Geistesblitzen unseres Hirns entsprungen ist da da da da da da … und will raus. So liest sich denn auch die spätere Aussage von Hans Arp:

„Dada ist für den Unsinn. Das bedeutet nicht Blödsinn. Dada ist unsinnig wie die Natur und das Leben. Dada ist für die Natur und gegen die Kunst.“

Hans Arp, Worte mit und ohne Anker, Limes, 1957

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