Donna Tartt: Der Distelfink

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Bild von Vember auf Pixabay

„Sorge! Was für eine Zeitverschwendung. Alle heiligen Schriften hatten recht. „Sorge“ war ganz offensichtlich das Kennzeichen einer primitiven und spirituell unterentwickelten Persönlichkeit. Wie hieß noch die Zeile bei Yeats, über die heiteren chinesischen Weisen? Alles fällt und wird wieder gebaut. Alte glitzernde Augen. Das war Weisheit. Jahrhundertelang hatten die Menschen gewütet und geweint und Dinge zerstört und gejammert über ihr nichtiges, individuelles Leben. während doch – was hatte es für einen Sinn? All diese nutzlose Sorge? Sehet die Lilien auf dem Felde. Warum machte man sich Sorgen um irgendetwas? Waren wir als denkende Wesen denn nicht auf der Erde, um glücklich zu sein in der kurzen Zeit, die uns zugeteilt war?“

Donna Tartt, „Der Distelfink“, 2013

Das Problem mit Donna Tartts Antihelden ist nur: Er muss durch die Hölle gehen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Er muss auf Droge sein, um Sorgen zu verdrängen. Und das Fazit seines jungen Lebens: Dasselbe ist eine Katastrophe, aber man ist nun mal hineingeworfen und muss sehen, wie man das Beste daraus macht.

Eine Rezension im üblichen Sinne will ich hier nicht schreiben – das Buch wurde nach Erscheinen der deutschsprachigen Übersetzung schon hinreichend vorgestellt. Mir kam der Distelfink als Geschenk ins Haus geflattert. Neugierig gemacht hatten mich die Besprechungen schon – immerhin hatte die Autorin zehn Jahre lang nichts veröffentlicht. Allein das, die anhaltenden Spekulationen zuvor und die Vorschusslorbeeren: Ganz großes Kino. Die Geschichte – eine Mischung aus Entwicklungsroman, Krimi, Kunstreflektion, Lebenserzählung – ist durchaus packend geschrieben, entwickelt ihre eigene Sogwirkung.

Fragen über Fragen

Aber mir gingen beim Lesen noch ganz andere Fragen durch den Kopf. Denn das Problem mit Donna Tartts Buch ist: 1022 Seiten. Da schwingt im Hinterkopf das Arno Schmidt-Zitat (wieviel Bücher kann man in einem Leserleben lesen? Wie wichtig ist es, die richtige Auswahl zu treffen?) mit.

Wie schwer es fällt, aus „Effizienzgründen“ einen flüssig geschriebenen Roman abzubrechen.
Wann fängt Konsumlesen an?
Der Ärger, der aufkommt, weil die Autorin sich nicht kürzer fassen konnte (wobei das Buch kaum Längen aufweist und zudem mit jeder Kürzung nicht dieses Buch, dieses Werk wäre).
Der Ärger, weil es in dieser Zeit anderes gegeben hätte – zu tun, zu leben, zu lesen.
Wäre es ein Buch, das ich ein zweites Mal lesen würde? (Nein.)

Meine persönliche literarische Kosten-Nutzen-Rechnung:
Für den eingangs skizzierten Erkenntnisgewinn – das Leben ist eine Katastrophe – „kostete“ mich dieses Buch zuviel Zeit. Die Kunst liegt eben manches Mal auch in der Beschneidung – letztendlich sagt Tartt auf 1000 Seiten, was Yeats in eine Zeile fasst. Um dagegen gut unterhalten zu werden, rein aus Lust an der Geschichte zu lesen – da genügt mir die kleine Form.

Der zarte Distelfink, auf dem namensgebenden Bild von Carel Fabritius, kann und darf nicht fliegen, weil eine Kette ihn bindet.
Der weit weniger zarte Distelfink von Donna Tartt – er kettet und bindet auch, durch routinierte, konventionelle Erzählweise, und alles, was in diesem Buch an Möglichkeiten und Ideen steckte (beispielsweise wie sehr die Liebe zur Kunst, zum Objekt zur Besessenheit werden kann und als Kompensation eigener Liebesunfähigkeit dient), wird irgendwie voluminös erstickt.

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