Susanne Röckel: Der Vogelgott

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Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

„Jene bittere Not hatte eine unvergängliche Spur hinterlassen, und jenes kriegerische Gemetzel, bei dem die Bewohner des Gyrentals ihre Kinder verloren hatten, war nie vergessen worden. Die Trauer der Überlebenden hatte sich nicht in Ruhe, in Frieden verwandelt, sie war immer wieder angeschwollen und in Wut umgeschlagen, in rasenden Zorn und Gier nach Vergeltung. Was sie erlitten hatten, mussten sie wiederholen. Deshalb beteten sie zu den Engeln, ihren neuen Herren, die hungrig, mit blitzenden Augen über ihren Köpfen kreisten. Sie konnten keine Freude mehr dulden, ihre Freude war für immer ausgelöscht.“

Susanne Röckel, „Der Vogelgott“, Jung und Jung Verlag, Salzburg, 2018.

Als Konrad Weyde Jahrhunderte später nach dem schrecklichen Ereignis im Gyrtental nach dem Vogelgott greift – um mit dem mystischen Tier, fachkundig ausgestopft und präpariert, vor seinen Ornithologie-Freunden zu prunken – ahnt er kaum, welches Unglück er über die Seinen bringen wird. Seine Kinder Thedor, Dora und Lorenz, sie alle werden in gewisser Weise der Gottheit geopfert, verschwenden ihre Leben, unterliegen dem Wahnsinn. Jeder von ihnen ein moderner Prometheus, der sein Innerstes opfert – doch wartet auf sie weder Begnadigung noch Erlösung, offen bleibt ihr Schicksal in diesem außergewöhnlichen Roman.

Die Autorin und Schriftstellerin Susanne Röckel hat schon einige Werke veröffentlicht: Eigene, darunter Romane und Erzählungen, vor allem aber auch zahlreiche Übersetzungen, so eines meiner liebsten Bücher, „Der Gott der Alpträume“ von Paula Fox. Dennoch wird sie einem breiteren Publikum erst nun, durch diesen mystischen Roman, bekannt geworden sein, stand das Buch doch auch auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Vielleicht erschien „Der Vogelgott“ der Jury denn doch etwas zu außergewöhnlich, beinahe wie aus der Zeit gefallen in Sprache und Duktus, fast alttestamentarisch – man weiß es nicht. Eine großartiges Leseerlebnis ist der Roman, Preis hin oder her, allemal.

Hineinlesen lässt sich in dieses Werk vieles: Einerseits wirkt es durch seine geschickte Konstruktion, die Orte über Jahrhunderte und Kontinente mit einander verbindet, die Lebensläufe raffiniert mit einander verknüpft, fast hermetisch. Aber andererseits beinhaltet es eine Vielzahl an Topoi und damit Deutungsmöglichkeiten: Die Hybris des Forschers, der meint, die Natur bezwingen zu können. Die Dramatik einer Familiengeschichte, drei Kinder, gefangen zwischen einem kalten, strengen Vater und der sanften, viel zu früh verstorbenen Mutter. Der bei allem zivilisatorischen Fortschritt unausrottbare Aberglauben, der jedem Menschen innewohnt. Das Ringen zwischen Moderne und Tradition. Der Fortbestand eines Traumas über Generationen hinweg.

Die kunstvoll gewebte Erzählung ist kaum in aller Kürze wiederzugeben, ohne den einen oder anderen wichtigen Faden vernachlässigen zu müssen (deshalb meine dringliche Empfehlung: Selber lesen!), so vielschichtig, auf so vielen Ebenen geordnet ist dieses Werk. Vorangestellt ist dem Buch ein unveröffentlichtes Manuskript des Vaters, der bei einem seiner geliebten Streifzüge ohne Familienanhang in ein unwirtliches Bergdorf gelangt. Einer der wenigen Bewohner, der mit ihm spricht, warnt ihn deutlich: Der Fang eines bestimmten Vogels sei verboten, wer das Verbot nicht achte, habe mit einer Strafe zu rechnen. Aug in Aug mit diesem mysteriösen Vogel überfällt Konrad Weyde eine sonderbare Schwäche:

„Die Vorstellung, im kalten Schatten dieser Felsen unsichtbar zu werden, verloren zu gehen, zu verschwinden, ließ mich nicht mehr los. Ja, ich würde verschwinden – und mit mir meine Kinder und deren Kinder -, vom Licht vergessen, würden unsere Konturen sich auflösen, unsere Körper würden mit dem Schatten der Erde verschwimmen, und die Finsternis des Universums würde uns aufsaugen und verschlucken – dieser Gott aber, dessen Machtbefugnis ich nicht mehr bezweifeln konnte, er würde bleiben…“

Dieser Gott bleibt nicht nur, sondern zeigt sich auch omnipräsent, wie die nachfolgenden drei Kapitel, jeweils aus Sicht eines der erwachsen gewordenen Kinder von Weyde erzählt, erweisen werden: Thedor, der Jüngste, lässt sich als Arzt in ein (fiktives) afrikanisches Land verpflichten und erlebt dort, auf einer einsamen Missionsstation, den gewaltsamen Überfall einer Rebellentruppe, die einem Vogelgott huldigt – in einem grausamen Ritual werden diesem alle Kinder und jungen Mädchen geopfert.

Dora, die Tochter, erforscht das Schicksal eines Malers aus ihrem Heimatdorf, der zur Zeit des 30-jährigen Krieges berühmt wurde, eine Meisterwerkstatt aufbaut, dann jedoch von einem Tag auf den anderen scheinbar seine Kreativität verliert und dem Wahnsinn verfällt. Wie sie anhand der Analyse des Gemäldes von der „Madonna mit Walderdbeeren“ dem Geschehen auf die Spur kommt. Auch hier, man ahnt es schon, werfen die mächtigen Schwingen des Vogelgottes seine Schatten. Das ist nicht nur – obgleich natürlich auch der Maler Johann Wolmuth eine fiktive Figur ist – kunsttheoretisch spannend, sondern zugleich auch aufgrund der besonderen Sprachmacht Susanne Röckels wunderbar zu lesen. Sie erreicht es, ein nichtexistierendes Gemälde so zu beschreiben, dass man es beim Lesen zu sehen glaubt:

„Wolmuths Walderdbeerenstudie ist heute ein beliebtes Postkartenmotiv. Die kleine Staude mit den drei Stängeln wächst aus einem Boden mit welken Blättern und dunkler Erde heraus. Raum ist durch den Hell-Dunkel-Kontrast zwischen vorderen und hinteren Blättern angedeutet. Die dreizähligen gezähnten Blätter am vorderen Stängel sind dunkel schraffiert und sorgfältig gearbeitet, die des hinteren Stängels mit einigen zarten Strichen nur angedeutet. Der Hauptstängel wächst schräg nach oben. Auffällig ist, dass er sowohl Blüten wie Früchte trägt.“

Dem charakterlich am stärksten erscheinenden Sohn ist das schwächste, das letzte Kapitel vorbehalten: Lorenz, freiberuflicher Journalist, kommt seltsamen Experimenten mit Kindern in einer Heilanstalt auf die Spur, allen ist die plötzlich auftretende Angst vor Vögeln und Flugkörpern gemein. Dass die Beschreibung, wie auch Lorenz den Rahmen seiner scheinbar geglückten Existenz mit Familie und Beruf mehr und mehr verliert, gegen Ende etwas abfällt, ist der einzige Mangel dies wuchtigen, sprachgewaltigen Romans.

Schillernd schön, sprachlich elegant und untergründig unheimlich – mit diesen Beschreibungen wurde „Der Vogelgott“ im Feuilleton belegt. Irritierend, irisierend, irrlichternd: Zwischen all der Popkulturpoetik und Realexistenzprosa kann man dieses besondere Buch nicht genug hervorheben.

Empfohlen wurde es mir übrigens von Schriftsteller, Verleger und Zeichner Florian L. Arnold – dessen eigener Roman „Die Ferne“ durchaus in Verwandtschaft zu dieser literarischen Vogelgottheit steht.

Der Vogelgott
Susanne Röckel
Jung und Jung Verlag, 2018
22,00 Euro
272 Seiten, gebunden, Schutzumschlag
ISBN 978-3-99027-214-5

Weitere Meinungen:

Die Buchbloggerin

Lesen macht glücklich

Poesierausch

Literaturkritik

Beim Literaturportal Bayern anlässlich der Verleihung des Tukan-Preises.

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Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Dragana dreht sich von mir weg, packt den Sparschäler, rüstet Kartoffeln und Karotten, die einfachsten Tätigkeiten, die nicht mehr für sich stehen, nur davon zeugen, dass wir hier nichts tun, denke ich, sagt sie, und ich sehe es plötzlich klar vor mir, die beiden Welten, die einander gegenüberstehen und sich nicht vereinbaren lassen, wir hier in der Schweiz und unsere Familien in Jugoslawien, im ehemaligen Jugoslawien, wie man sagt, das sind meine Feinde, und Dragana zeigt auf die Kartoffelschalen, fährt sich mit dem Handrücken über die Augen, ja, wir leben hier, die Schweizer, im Zuschauerraum, denke ich, das ist zumindest eine Wahrheit.“

Melinda Nadj Abonji, „Tauben fliegen auf“, 2010, Jung und Jung Verlag.

Während die Buchpreisblogger bereits die Longlist zum Buchpreis 2015 lesen, noch ein Blick zurück: Einige der früheren Longlist- und Buchpreis-Titel habe ich hier schon ab und an besprochen.
Unter anderem den Roman von Melinda Nadj Abonji. Die 1968 in Serbien geborene Schriftstellerin, die heute in der Schweiz lebt, gewann mit „Tauben fliegen auf“ 2010 den Deutschen und den Schweizer Buchpreis.

Die Küche eines kleinen Schweizer Cafés als Mikrokosmos, als Abbild des jugoslawischen Völkergemisches, in dem die verschiedenen Nationalitäten aufeinanderprallen – Serben, Kroaten, Bosnier. Melinda Nadja Abonji erhielt für ihren Roman 2010 den Deutschen Buchpreis. Zu Recht. Nadj Abonji, selbst aus der Vojvodina stammend, dieser serbischen Region mit hohem ungarischen Anteil, beschreibt hier ihre Familiengeschichte. „Papierschweizer“, die sich ihr „menschliches Schicksal“ in der Eidgenossenschaft erst noch erarbeiten müssen. Die Eltern sind aus wirtschaftlicher Not in die Schweiz gekommen, lange, bevor der Bürgerkrieg die Nation Jugoslawien ein für alle mal verändert.

Zwischen zwei Welten

Dieser Krieg holt die Familie in der neuen Heimat ein und trennt sie zugleich von der alten, kappt die Wurzeln: Im Ungewissen bleibt, was mit den Familienangehörigen dort geschieht. In der neuen Welt, bei den „Käsigen“, noch nicht richtig angekommen, vielleicht auch immer „Mischwesen“ bleibend, ist der Zugang zur Herkunft gekappt.
Aber auch dort, in dieser Kultur, waren sie bereits „die Schweizer“. „Mein Land liegt im Sterbebett“, sagt einer der Flüchtlinge. Und die neue Heimat ist keine Geburtswiege, keine Gemeinschaft, die Fremde ohne weiteres aufnimmt.

Abonji erzählt dies nicht anklagend, nicht lamentierend. Im vordergründigen Sinne ist das Buch zudem eher ein Entwicklungsroman: Wie sich eine junge Frau auch aus dem Korsett der Familie löst, wie sie, hineingeworfen in die neue Welt, anfängt, eigene Wege zu gehen. Das gibt am Ende auch Hoffnung, dass Ankommen – zumindest in der zweiten Generation – doch möglich ist.

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