Francis D. Pelton: Sprung über ein Jahrhundert

„Übrigens: Was ist Utopie? Alle Wirklichkeit ist die Utopie von gestern. Vor hundertfünfzig Jahren glaubte niemand, dass der Mensch je würde fliegen können. Und so ist alle Utopie nur die Wirklichkeit von morgen.“

Francis D. Pelton, „Sprung über ein Jahrhundert“, Erstveröffentlichung 1934.

Eine todbringende Pandemie, ein Krieg in Europa, Kriege und Krisen in der ganzen Welt, Inflation und Rezession und nicht zuletzt die über allem drohende Klimakatastrophe: Wer wünschte sich derzeit nicht zurück in die Zukunft, einen Trip in der Zeitmaschine, einen Ausweg in eine bessere Welt? So ähnlich muss es auch dem Helden aus diesem eigenartigen kleinen Roman gegangen sein, der 1932 auf seinem schwäbischen Anwesen die Zeitmaschine aus H.G. Wells Roman entdeckt und kurzerhand einsteigt. 100 Jahre später landet Hans Bachmüller genau dort, wo die Reise losging. Und doch in einer ganz anderen Welt.

Der von Max Bill gestaltete Umschlag der Erstausgabe ziert auch die Wiederauflage im Quintus-Verlag.

Es ist eine kleine humoristische Petitesse, dass der Schwaben nach seiner Zeitreise sich zunächst nach Spätzle sehnt. Ansonsten aber ist dieses Buch geprägt von einem tiefen Ernst, literarisch etwas spröde – aber gerade darin liegt sein außerordentlicher Wert und auch seine Aktualität für unsere Zeiten: Denn diese Utopie zeigt eine Welt auf, in der der gnadenlose Raubtier-Kapitalismus überwunden wurde zugunsten einer Gesellschaft freier, gleichgestellter Menschen. Die aufgezeigte Alternative ist jedoch kein kommunistisches Modell, von dem der Autor, zu dem wir gleich noch kommen, ebenfalls nicht viel hielt:

„Der Kommunismus war nichts als das fotografische Negativ des Kapitalismus: schwarz wo weiß, weiß wo schwarz war.“

Der Kommunismus sei ein System, das den Menschen als „Maschinenteilchen“ betrachtet hat, so bekommt es Hans Bachmüller von seinen Nachfahren aus dem Jahr 2032 erklärt. Der Kapitalismus befördere die Herrschaft einiger weniger Menschen und höhle die Demokratie aus. Kommt einem das bekannt vor?

Das ideale Gesellschaftssystem liegt, so will es der Roman vermitteln, in der Akratie, der Aufhebung der Klassengesellschaft, die das Ideal einer Gesellschaft ist, die von jeder wirtschaftlicher Ausbeutung befreit ist. Wie das im Praktischen geschehen kann, das erfährt Hans Bachmüller bei seinem Besuch in der Zukunft. Statt großer Monopolisten gibt es kleine Produktionseinheiten, die die Zusammenarbeit fördern, die Genossenschaftsidee steht im Vordergrund. Im Roman wird das insbesondere an der Landwirtschaft deutlich gemacht: Die Bauern behalten ihren eigenen Besitz, der in jedem Fall die ausreichende Selbstversorgung garantiert, und arbeiten darüber hinaus in der Lebensmittelproduktion zusammen. Ein Modell, das, wenn auch nur vereinzelt, auch in unserer heutigen, tatsächlichen Welt von 2021 umgesetzt wird: Landwirtschaftliche Kollektive von Bauern, die sich vom Brüsseler Subventionstopf unabhängig machen wollen und auf Direktvermarktung sowie genossenschaftliches Handeln setzen.

Auch der Autor dieses Romans versuchte solche Genossenschaftsmodelle, unter anderem in Palästina, durchzusetzen. Der Urheber dieser Fiktion war, wenn man zu Schubladen greifen will, ein liberaler Sozialist, eigentlich der „Großvater“ unserer sozialen Marktwirtschaft: Franz Oppenheimer (1864 bis 1943), der erste Inhaber eines Soziologie-Lehrstuhls in Deutschland. Einer seiner Schüler war Ludwig Erhard, der im Gedenken an ihn sagte:

„Etwas hat mich so tief beeindruckt, dass es für mich unverlierbar ist, nämlich die Auseinandersetzung mit den gesellschaftspolitischen Fragen unserer Zeit. Er erkannte den »Kapitalismus« als das Prinzip, das zur Ungleichheit führt, ja das die Ungleichheit geradezu statuiert, obwohl ihm gewiss nichts ferner lag als eine öde Gleichmacherei. Auf der anderen Seite verabscheute er den Kommunismus, weil er zwangsläufig zur Unfreiheit führt. Es müsse einen Weg geben – einen dritten Weg -, der eine glückliche Synthese, einen Ausweg bedeutet. Ich habe es, fast seinem Auftrag gemäß, versucht, in der Sozialen Marktwirtschaft versucht, einen nicht sentimentalen, sondern einen realistischen Weg aufzuzeigen.“

Als Oppenheimer 1933 seinen Roman beginnt, ist für den in Berlin geborenen Juden die Situation in Deutschland schon unhaltbar geworden: Zwei seiner Bücher, so Herausgeberin Claudia Willms, die den Roman für seine Wiederauflage 2017 ans Licht hob und mit einem kenntnisreichen Nachwort versah, standen bereits auf der Schwarzen Liste der Nationalsozialisten. Und dennoch wollte Oppenheimer zu den Krisen seiner Zeit nicht schweigen, die Menschen nochmals aufrütteln. So wählte er die Form einer Fiktion, so wählte er zudem ein Pseudonym, um „Sprung über ein Jahrhundert“ überhaupt veröffentlichen zu können. Der Roman erschien dann 1934 in der Schweiz.

„Sein Inhalt ist unter der Verkleidung von Science-Fiction ein dialogisierter Traktat über eine andere Möglichkeit des 20. Jahrhunderts, die zum Zeitpunkt seiner Entstehung ziemlich das genaue Gegenteil dessen darstellte, was sich gleichzeitig beim Aufstieg von Nationalsozialismus und Stalinismus vollzog“, schrieb Gustav Seibt in der Süddeutschen Zeitung zur Wiederentdeckung dieses schmalen Buches.

Der an ein Traktat erinnernde Stil sowie insbesondere das etwas mystisch verbrämte Schlusskapitel mindern etwas den literarischen Genuss dieses Werkes, das aber andere Qualitäten zu bieten hat: Denkanstöße, wie eine bessere Welt wie die unsere, die momentan eigentlich Konkurs anmelden müsste, zu gestalten wäre. Neben den wirtschaftlichen Ideen ist dieses Buch auch in politischer (wenn auch nur eurozentrischer) Hinsicht visionär: In der Welt des Jahres 2032 gibt es keine Nationalstaaten mit ihren patriotisch-egoistischen Auswüchsen mehr, sondern – und hier war Oppenheimer außerordentlich modern – ein „Europa der Regionen“, das von unten her gestaltet wird und lediglich von einer Weltregierung aus Experten zurückhaltend verwaltet wird. Grundlage dafür ist die Überwindung der deutsch-französischen Erbfeindschaft. Und diese gelingt durch einen Wissenschaftler, der die Folgen für alle durch eine neue Massenvernichtungswaffe aufzeigt: Wer in diesem Herrn Albert Einstein zu erkennen glaubt, täuscht sich nicht, wie das Nachwort verdeutlicht.

Natürlich war Oppenheimer nicht in allem auf der Höhe der Zeit: Von der Klimakatastrophe konnte er noch nichts ahnen und so ist es ein Fortschritt 2032, dass jeder ein Auto besitzt. Frauenrechte lagen für ihn darin, dass dieselben zwar gebildet sein durften, aber nicht mehr berufsmäßig sein mussten. Und der Blick ist auf Europa verengt, der Umgang mit den Kolonialländern etwas schwierig. Dagegen aber spricht er in diesem Roman Dinge an, die heute immer wieder diskutiert werden: Eine Reichensteuer beispielsweise, neue Wirtschaftsformen, Arbeitszeitverkürzung.

Noch einmal Gustav Seibt:
„Man könnte lange fortfahren, die Details dieser in vielen Zügen urdeutschen, sogar patriotischen, ein bisschen sogar mystischen Technik-Garten-Fortschritts-Idylle aufzuzählen. Denn natürlich zeigt das Buch wie alle vergangene Zukunft tiefe Spuren seiner Entstehungszeit (…) Am besten man liest das Buch selber und staunt, was schöpferische Vernunft im düstersten Moment der europäischen Geschichte ausdenken konnte. Es ist eigentlich unglaublich.“

Birgit Böllinger

Nachtrag: Ich wäre auf dieses Buch nicht gestoßen ohne einen Hinweis von Wolfgang Hempel von der Wilhelm-Fraenger-Gesellschaft, die in der „Bibliotheca Fraengeriana“ dafür sorgt, dass solche Werke nicht vergessen werden.

Bemerkenswert ist nicht nur der Inhalt des Romans, sondern auch die Umschlaggestaltung – eine frühe Arbeit des später renommierten Formgestalters, Architekten und Künstlers Max Bill, der obendrein auch noch sein eigenes Konterfei – von seiner Frau fotografiert – in die Collage hineinmontiert hat.

Das Buch erschien im Quintus-Verlag, alle weiteren Angaben dazu finden sich hier:
https://www.quintus-verlag.de/Sprung-ueber-ein-Jahrhundert/978-3-947215-01-0

Sina Kamala Kaufmann: Helle Materie

„Timo sprach nicht mehr über seine Wut. Grundsätzliche Konsumkritik ist ein Killerthema. Jeder stimmte zu, zumindest mehr oder weniger, und weiter – weiter durfte man nicht denken. Zweifeln brachte die Lebensroutine in Bedrängnis. Solche Themen sparte man in seinem Freundeskreis mittlerweile aus, sprach konstruktiv über Naheliegendes. Lieber weiter so, keiner war mehr jung genug, alle relevanten Lebensentscheidungen waren bereits getroffen. Reflexion führt ins Ungewisse. Lieber blieben sie an der Oberfläche, an derselben Oberfläche, die sie selbst weiterhin so gerne zynisch kommentierten. Das Risiko, zu weit zu denken, die Anschlussfähigkeit zu sich, zur eigenen Timeline zu verlieren, war zu groß. Er hatte sich damit abgefunden, selbst keine Konsequenz leben zu können.“

Sina Kamala Kaufmann, „Helle Materie“.

Vielleicht wäre es um unsere Zukunft nicht allzu schlecht bestellt, hätten wir mehr Schriftstellerinnen vom Schlage einer Sina Kamala Kaufmann. Schriftstellerinnen, die politisches Engagement und literarisches Talent verbinden. Und zudem noch die Fähigkeit besitzen, ihren Erzählungen auch einen Unterstrich von Chuzpe und Schalkhaftigkeit zu geben.

Mit ihrem Erzählband „Helle Materie“, betrat die politische Aktivistin, die auch Herausgeberin der deutschen Ausgabe des Extinction-Rebellion-Handbuchs ist, erstmals literarisches Terrain – und erregte damit ordentliches Aufsehen. Tatsächlich sind diese „nahphantastischen“ Stories, fast schon Sittenbilder unserer heutigen Generation, etwas Besonderes und Neues, wenn man auf die sonstigen angesagten literarischen Themen und Trends schaut.

Sina Kamala Kaufmann wirft einen kritischen, analytischen Blick auf unsere Gegenwart und unsere Seinszustände und spinnt sie weiter – mal ironisch, mal düster-dystopisch, mal auch mit konkreten Praxisvorschlägen für die kommende Welt. Utopien ohne Haftungsgarantie. Die jedoch dazu anregen, aus der eigenen Komfortzone zu kommen, sich die „Was wäre wenn?“-Frage selbst zu stellen.

Schon die erste Erzählung dieses Debütbandes zeigt die Richtung auf, in die es geht: In „Nochmal, nochmal“ besichtigt eine Besucherin die entleerten Facebook-Hallen, zieht Vergleiche zum Beginn der Industrialisierung.

„Damals. Noch ein wenig Mysterium umgab dieses mächtige Start-up aus der Hippie-Stadt. Das Internet war noch nicht ganz entzaubert.“

Der Zeitrahmen ist somit gesetzt, wir befinden uns in der nahen Zukunft. In einer Zukunft, in der „die Stöckelquote“ eingeführt wird – Männer müssen Frauenkleidung tragen, weil einfach immer noch nicht genügend Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten zu finden sind -, in der bei Studenten der „N-Faktor“ gemessen wird, deren Anfälligkeit für narzisstisches Verhalten also, um zum Wohle ihrer Umgebung entsprechend frühzeitig therapiert zu werden, in denen es Anti-Prokrastinationsgruppen und Urschlamm-Kuren gibt, damit ein jeder sich möglichst selbst optimiere.

Was in den seltensten Fällen gelingt. Denn da sind die Zweifler wie Timo aus „Eine Kleidergeschichte“ oder Paul aus „Produktivität“:

„Und da war er wieder, hilf- und hoffnungsloser als je zuvor. So leer, wie man nur sein konnte, wenn man berücksichtigte, wo er lebte. Wohlwissend, er sollte glücklich sein, schlicht glücklich, dass er auf der sonnigen Seite der Zivilisation, der Erde geboren worden war. Sein Pass allein war Grund genug, vor Sonnenaufgang mit dem Tanzen zu beginnen und nicht aufzuhören. Er sollte aufhören, sich Sorgen zu machen, diese offensichtliche Dummheit, die Unterdrückungen, Manipulationen, all diese kleinen Details, die schiefliefen zur Zeit und die ihm riesengroß erschienen.“

Dass auch Sina Kamala Kaufmann eine ist, die sich Sorgen macht über die Blauäugigkeit, mit wir uns alle in Konsum- und Verhaltenszwänge begeben, ist offensichtlich (man lese dazu nur die Story „Opt-In Slavery“). Aber im Gegensatz zu manchem Kulturpessimisten wie ein Jonathan Franzen warnt sie weder mit erhobenem Zeigefinger noch bettet sie sich in bequemer kompletter Ablehnung aller neuzeitlichen Entwicklungen ein. Vielmehr spinnt sie mit viel Einfallsreichtum Zukunftsszenarien, die verstören, nachdenklich machen, vor allem aber dazu anregen, die Zukunft mitzugestalten: Future nicht nur für Sonntagsleser.

„Helle Materie“ ist so auch eins: Ein helles Lesevergnügen.

Informationen zum Buch:

Sina Kamala Kaufmann
Helle Materie
Mikrotext Verlag, 2019
Taschenbuch, 176 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-944543-74-1
E-Book, 6,99 Euro
ISBN 978-3-944543-71-0

Weitere Besprechungen:
In Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova.


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Wilhelm Genazino: Aus der Ferne. Auf der Kippe

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Bild von Momentmal auf Pixabay

„Wenn dieses Bild aufscheint, am Ende von „Modern Times“, sind die Zuschauer erleichtert, daß Charlie und die schöne junge Frau endlich zusammengefunden haben. Nach hundert Fehlschlägen leuchtet ihnen die Utopie des Glücks, der sie nun, auf einer von allen Niederlagen gereinigten Straße, entgegengehen. In unserer Begeisterung übersehen wir, daß sich in diesem Schlußbild noch eine andere, viel verstecktere Hoffnung zu Wort meldet, eine Sehnsucht, die wir vielleicht deswegen nicht bemerken, weil unser Innerstes ihr Scheitern schon lange ahnt. Erst eine Postkarte wie diese hier, die das Schlußbild einfriert und es damit für ein beliebig langes Betrachten freigibt, läßt uns mehr sehen als das Offenkundige. Das Paar – der haarsträubende Trottel, dem es gegen alle Wahrscheinlichkeit gelungen ist, eine wundervolle Frau für sich einzunehmen – erinnert uns an all die Menschen, die wir außerhalb des Kinos kennen und die sich oft verzweifelt anstrengen, richtige Paare zu sein. Vermutlich gibt es auf der ganzen Welt nicht ein einziges Paar, das wirklich zusammenpaßt, und vielleicht kann es auch keines geben. Jedem einzelnen von ihnen haftet etwas Falsches an, etwas sanft Erzwungenes oder heiter Gelähmtes, jene nicht tilgbare Spur von Überredung und Gewalt, ohne die wir unser Leben nicht aufbessern können. An dieser wunden Stelle setzt Charlie die verborgene Utopie an. Er zeigt uns zwei in ihren Äußerlichkeiten kraß auseinanderstrebende Menschen, die trotzdem ein Paar sind. Ein Paar freilich, das keinen Versuch unternimmt, einander passend zu machen, worin es sich von allen „Paaren“ der Wirklichkeit unterscheidet. Kurz bevor wir aufatmend das Happy-End beklatschen, sehen wir die traumhafte Utopie einer Annäherung ohne Verähnlichung. Eine Utopie ist dann echt, wenn sie uns an etwas Unwirkliches wie an etwas Wirkliches glauben läßt. In dieser für das Bewußtsein kaum erträglichen Fallhöhe liegt die fast läppische Größe dieses Schlußbilds.“

Wilhelm Genazino: Auch aus einer kurzen Bildbetrachtung macht er einen Text voller Welt. „Aus der Ferne. Auf der Kippe“ beinhaltet Texte zu Fotos und Postkarten, die der Spaziergänger Genazino auf Flohmärkten, in Trödelläden und bei seinen Streifzügen erstand. Mehr Informationen zum Buch gibt es hier.

 

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