Sina Kamala Kaufmann: Helle Materie

„Timo sprach nicht mehr über seine Wut. Grundsätzliche Konsumkritik ist ein Killerthema. Jeder stimmte zu, zumindest mehr oder weniger, und weiter – weiter durfte man nicht denken. Zweifeln brachte die Lebensroutine in Bedrängnis. Solche Themen sparte man in seinem Freundeskreis mittlerweile aus, sprach konstruktiv über Naheliegendes. Lieber weiter so, keiner war mehr jung genug, alle relevanten Lebensentscheidungen waren bereits getroffen. Reflexion führt ins Ungewisse. Lieber blieben sie an der Oberfläche, an derselben Oberfläche, die sie selbst weiterhin so gerne zynisch kommentierten. Das Risiko, zu weit zu denken, die Anschlussfähigkeit zu sich, zur eigenen Timeline zu verlieren, war zu groß. Er hatte sich damit abgefunden, selbst keine Konsequenz leben zu können.“

Sina Kamala Kaufmann, „Helle Materie“.

Vielleicht wäre es um unsere Zukunft nicht allzu schlecht bestellt, hätten wir mehr Schriftstellerinnen vom Schlage einer Sina Kamala Kaufmann. Schriftstellerinnen, die politisches Engagement und literarisches Talent verbinden. Und zudem noch die Fähigkeit besitzen, ihren Erzählungen auch einen Unterstrich von Chuzpe und Schalkhaftigkeit zu geben.

Mit ihrem Erzählband „Helle Materie“, betrat die politische Aktivistin, die auch Herausgeberin der deutschen Ausgabe des Extinction-Rebellion-Handbuchs ist, erstmals literarisches Terrain – und erregte damit ordentliches Aufsehen. Tatsächlich sind diese „nahphantastischen“ Stories, fast schon Sittenbilder unserer heutigen Generation, etwas Besonderes und Neues, wenn man auf die sonstigen angesagten literarischen Themen und Trends schaut.

Sina Kamala Kaufmann wirft einen kritischen, analytischen Blick auf unsere Gegenwart und unsere Seinszustände und spinnt sie weiter – mal ironisch, mal düster-dystopisch, mal auch mit konkreten Praxisvorschlägen für die kommende Welt. Utopien ohne Haftungsgarantie. Die jedoch dazu anregen, aus der eigenen Komfortzone zu kommen, sich die „Was wäre wenn?“-Frage selbst zu stellen.

Schon die erste Erzählung dieses Debütbandes zeigt die Richtung auf, in die es geht: In „Nochmal, nochmal“ besichtigt eine Besucherin die entleerten Facebook-Hallen, zieht Vergleiche zum Beginn der Industrialisierung.

„Damals. Noch ein wenig Mysterium umgab dieses mächtige Start-up aus der Hippie-Stadt. Das Internet war noch nicht ganz entzaubert.“

Der Zeitrahmen ist somit gesetzt, wir befinden uns in der nahen Zukunft. In einer Zukunft, in der „die Stöckelquote“ eingeführt wird – Männer müssen Frauenkleidung tragen, weil einfach immer noch nicht genügend Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten zu finden sind -, in der bei Studenten der „N-Faktor“ gemessen wird, deren Anfälligkeit für narzisstisches Verhalten also, um zum Wohle ihrer Umgebung entsprechend frühzeitig therapiert zu werden, in denen es Anti-Prokrastinationsgruppen und Urschlamm-Kuren gibt, damit ein jeder sich möglichst selbst optimiere.

Was in den seltensten Fällen gelingt. Denn da sind die Zweifler wie Timo aus „Eine Kleidergeschichte“ oder Paul aus „Produktivität“:

„Und da war er wieder, hilf- und hoffnungsloser als je zuvor. So leer, wie man nur sein konnte, wenn man berücksichtigte, wo er lebte. Wohlwissend, er sollte glücklich sein, schlicht glücklich, dass er auf der sonnigen Seite der Zivilisation, der Erde geboren worden war. Sein Pass allein war Grund genug, vor Sonnenaufgang mit dem Tanzen zu beginnen und nicht aufzuhören. Er sollte aufhören, sich Sorgen zu machen, diese offensichtliche Dummheit, die Unterdrückungen, Manipulationen, all diese kleinen Details, die schiefliefen zur Zeit und die ihm riesengroß erschienen.“

Dass auch Sina Kamala Kaufmann eine ist, die sich Sorgen macht über die Blauäugigkeit, mit wir uns alle in Konsum- und Verhaltenszwänge begeben, ist offensichtlich (man lese dazu nur die Story „Opt-In Slavery“). Aber im Gegensatz zu manchem Kulturpessimisten wie ein Jonathan Franzen warnt sie weder mit erhobenem Zeigefinger noch bettet sie sich in bequemer kompletter Ablehnung aller neuzeitlichen Entwicklungen ein. Vielmehr spinnt sie mit viel Einfallsreichtum Zukunftsszenarien, die verstören, nachdenklich machen, vor allem aber dazu anregen, die Zukunft mitzugestalten: Future nicht nur für Sonntagsleser.

„Helle Materie“ ist so auch eins: Ein helles Lesevergnügen.

Informationen zum Buch:

Sina Kamala Kaufmann
Helle Materie
Mikrotext Verlag, 2019
Taschenbuch, 176 Seiten, 14,99 Euro
ISBN 978-3-944543-74-1
E-Book, 6,99 Euro
ISBN 978-3-944543-71-0

Weitere Besprechungen:
In Deutschlandfunk Kultur und Deutschlandfunk Nova.


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Wilhelm Genazino: Aus der Ferne. Auf der Kippe

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Bild von Momentmal auf Pixabay

„Wenn dieses Bild aufscheint, am Ende von „Modern Times“, sind die Zuschauer erleichtert, daß Charlie und die schöne junge Frau endlich zusammengefunden haben. Nach hundert Fehlschlägen leuchtet ihnen die Utopie des Glücks, der sie nun, auf einer von allen Niederlagen gereinigten Straße, entgegengehen. In unserer Begeisterung übersehen wir, daß sich in diesem Schlußbild noch eine andere, viel verstecktere Hoffnung zu Wort meldet, eine Sehnsucht, die wir vielleicht deswegen nicht bemerken, weil unser Innerstes ihr Scheitern schon lange ahnt. Erst eine Postkarte wie diese hier, die das Schlußbild einfriert und es damit für ein beliebig langes Betrachten freigibt, läßt uns mehr sehen als das Offenkundige. Das Paar – der haarsträubende Trottel, dem es gegen alle Wahrscheinlichkeit gelungen ist, eine wundervolle Frau für sich einzunehmen – erinnert uns an all die Menschen, die wir außerhalb des Kinos kennen und die sich oft verzweifelt anstrengen, richtige Paare zu sein. Vermutlich gibt es auf der ganzen Welt nicht ein einziges Paar, das wirklich zusammenpaßt, und vielleicht kann es auch keines geben. Jedem einzelnen von ihnen haftet etwas Falsches an, etwas sanft Erzwungenes oder heiter Gelähmtes, jene nicht tilgbare Spur von Überredung und Gewalt, ohne die wir unser Leben nicht aufbessern können. An dieser wunden Stelle setzt Charlie die verborgene Utopie an. Er zeigt uns zwei in ihren Äußerlichkeiten kraß auseinanderstrebende Menschen, die trotzdem ein Paar sind. Ein Paar freilich, das keinen Versuch unternimmt, einander passend zu machen, worin es sich von allen „Paaren“ der Wirklichkeit unterscheidet. Kurz bevor wir aufatmend das Happy-End beklatschen, sehen wir die traumhafte Utopie einer Annäherung ohne Verähnlichung. Eine Utopie ist dann echt, wenn sie uns an etwas Unwirkliches wie an etwas Wirkliches glauben läßt. In dieser für das Bewußtsein kaum erträglichen Fallhöhe liegt die fast läppische Größe dieses Schlußbilds.“

Wilhelm Genazino: Auch aus einer kurzen Bildbetrachtung macht er einen Text voller Welt. „Aus der Ferne. Auf der Kippe“ beinhaltet Texte zu Fotos und Postkarten, die der Spaziergänger Genazino auf Flohmärkten, in Trödelläden und bei seinen Streifzügen erstand. Mehr Informationen zum Buch gibt es hier.

 

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