Ulrich Becher: New Yorker Novellen

new-york-1867569_1920

Bild von Pexels auf Pixabay

„Doch er war frei von jedwedem Gruppenhaß. Indes ein Deutscher. Und akkurat dieser auf der Altleutebank hockende Deutsche, fürchtete der Doktor dumpf in schlafarmen Nächten, werde vor das Tribunal gezogen werden wegen der namenlosen Untaten der deutschen Schreckensherrscher …
Ja, er hatte heimliche Sorgen, der erfolgreiche Seelenwart der Park Avenue. Nicht war er ohne Liebe. Doch konnte sie nicht als Triebkraft seines Daseins gelten. Diese Triebkraft, die ihn hatte vom Schlachtfeld des Ersten Kriegs in die Schweiz fliehen, zum Pazifisten werden, aus dem Dritten Reich fliehen, zum Hitlergegner werden lassen, dieser Motor, der ihm nimmer erlahmte, trag einen knapperen Namen:
Angst.“

Ulrich Becher, „New Yorker Novellen“.

Alle paar Jahre wird sein Magnum Opus, der 1969 erschienene Roman „Murmeljagd“, wiederentdeckt und gefeiert (verdientermaßen), als sei diese literarische tour de force durch die Schweizer Berge ein aufsehenerregendes Debüt. Dabei wäre es mehr als überfällig, Ulrich Becher (1910 – 1990) gleichrangig mit anderen Autorinnen und Autoren der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zu nennen und den Blick auf sein gesamtes Werk zu öffnen.

Wie Markus Bauer 2012 in „Der Tagesspiegel“ erwähnte, war der Berliner zu Lebzeiten in Österreich bereits ein Klassiker:

„Nach der Flucht von dem havarierenden Kontinent Europa nach Brasilien hatte der Exilant in den USA mit dem Piscator-Schauspieler Peter Preses das Stück „Der Bockerer“ über die Wurzeln des Faschismus in Österreich geschrieben, ein unübertroffenes, vielleicht nur noch vom „Herrn Karl“ seines engen Freundes Helmut Qualtinger sekundiertes Spiegelbild des Verhaltens der Alpenländler im Faschismus.“

Der Schöffling Verlag hat nun dankeswerterweise nicht nur die „Murmeljagd“ wieder aufgelegt, sondern auch die drei „New Yorker Novellen“, die zwanzig Jahre zuvor erschienen waren. Becher, den die Flucht vor den Nationalsozialisten durch etliche europäische Länder, schließlich nach Brasilien und 1944 an den Big Apple getrieben hatte, konnte diese Impressionen der New Yorker Zeit erst in deutscher Sprache veröffentlichen.

Drei Novellen, die das Fremdsein und Fremdbleiben, das Unbehauste der Vertriebenen, auf ganz unterschiedliche Art und Weise beschreiben. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Diesen schwarzhumorigen Unterton, die beinahe groteske Verzerrung mancher Situationen, die nicht von ungefähr an George Grosz erinnern: Ulrich Becher, eine Doppelbegabung als Schreibender und Malender, war Schüler und Freund des großen Künstlers.

Doch trotz der Lust am Sprachwitz und ungeheurer Kapriolen – allein, wie aus dem schmächtigen Flüchtling Hans Heinz Nachtigall der wohlsituierte und erfolgreiche Psychoanalytiker John Henry Nightingale wird, zeugt von der Spielfreude des Autors – sind die Erzählungen auch geprägt von einem düsteren Setting: Der in den USA aufgestiegene Nightingale, der es nicht wagt, seinen betagten Vater in Deutschland, den er allein zurückließ, aufzusuchen, der arme jüdische Exilant, der in der Erzählung „Der schwarze Tod“ von seinen Erinnerungen an das Konzentrationslager Dachau eingeholt wird, der amerikanische Soldat, traumatisiert von den Kriegserlebnissen, der in „Die Frau und der Tod“ durch das nächtliche New York streift, einer ebenso betörenden und verstörten Frau auf der Spur.

Als diese New Yorker Novellen im Nachkriegsdeutschland erschienen, waren sie nicht unumstritten: Ausgerechnet dem Exilautor, der mit seinem Witz eben niemanden verschonte, soll „antisemitische Propaganda“ unterstellt worden sein, andere hielten ihn für einen unverbesserlichen Kommunisten. Es ist zu hoffen, dass Ulrich Becher, so wie es Moritz Wagner, Herausgeber der „New Yorker Novellen“ es in seinem Nachwort andeutet, auch eine Lebenseinstellung hatte, die er in seinen Werken immer wieder durchblicken lässt: Das Komische als Überlebenshilfe, kein „Lamento-Boy“ sein.

Schon alleine wegen dieser literarischen Herangehensweise, dieser satirisch-grotesken Betrachtung der Welt, aber auch wegen seiner Fabulierlust, den fast schon barocken Sprachspielereien, lohnt es sich, Ulrich Becher immer wieder und wieder zu lesen.

Informationen zum Buch:

Ulrich Becher
New Yorker Novellen
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Moritz Wagner
Schöffling Verlag, 2020
408 Seiten, Gebunden,  Lesebändchen, € 24,00 €[A] 24,70
Auch als E-Book erhältlich
ISBN: 978-3-89561-453-8


Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Ulrich Becher: Murmeljagd

marmot-3465220_1280

Bild von analogicus auf Pixabay

Dieses Buch haut einen um wie eine Naturgewalt. Es macht atemlos. Und zunächst auch sprachlos. Als ich es zur Seite legte, war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt eine halbwegs anständige Besprechung dazu zustande bekäme. Sicher bin ich mir immer noch nicht. Aber es sollte, ja, es muss vorgestellt werden – denn jeder, der Sprache und das Spiel mit ihr liebt, der Wortkapriolen zu schätzen weiß, der sehen und lesen und lernen möchte, wie phantastisch phantasievoll man mit Sprache umgehen kann, der wird daran seine Freude haben. Und noch mehr: Einen langen, nachklingenden Genuss.

1969 erstmals erschienen, ist „Murmeljagd“ von Ulrich Becher (1910-1990) lange so etwas wie ein Geheimtipp gewesen. Dabei brächten Buch und Autor alle Voraussetzungen mit, in eine Ruhmeshalle der sprachmächtigsten, exaltiertesten und umwerfendsten Werke des vergangenen Jahrhunderts zu gelangen. Und man hätte sogar den Vorteil, Ulrich Becher als „Drei-Länder-Schriftsteller“ für sich vereinnahmen zu können: Becher, zwar 1910 in Berlin geboren, hatte über seine Mutter, eine Pianistin, Schweizer Wurzeln. Sein Schwiegervater war in Österreich ein Berühmter: Roda Roda. Österreich und die Schweiz zudem Stationen im Exil.
Und vor allem war Becher wohl ein allseits talentierter Mensch: Er studierte Jura, wurde der einzige Meisterschüler von George Grosz und begann zu schreiben. 1932 erschien sein Debüt „Männer machen Fehler“ – das kaum ein Jahr später von den Nationalsozialisten als entartete Literatur eingestuft wurde.

„Er konnte etwa für sich beanspruchen, der jüngste Autor gewesen zu sein, dessen Bücher die Nazis verbrannten. Keine geringe Ehre, das musste einer erst schaffen: knapp über zwanzig, ein erster schmaler Band und schon ein entarteter Staatsfeind. Becher war, als bildender Künstler, als der er begann, Schüler von George Grosz, fing an zu schreiben, floh aus den genannten Gründen über Österreich und die Schweiz schließlich nach Brasilien, schrieb eine ganze Reihe Romane, Erzählungen und Theaterstücke und starb, relativ vergessen, 1990 in Basel. Sein Theaterstück „Der Bockerer“, das  er gemeinsam mit Peter Preses verfasste, ist seit der Verfilmung mit dem Volksschauspieler Karl Merkatz immerhin in Österreich nationales Kulturgut, wenngleich dort kaum ein Mensch weiß, wer es eigentlich geschrieben hat“, so die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse in ihrem lesenswerten Artikel in der „Welt“.

Der Verlag Schöffling brachte das Buch heraus (inzwischen ist es auch bei btb als Taschenbuch erschienen). Und in der Presse brach Begeisterung aus, als handele es sich darum, das Erscheinen eines fulminanten Debütromans (siehe die Pressestimmen auf der Verlagsseite) zu feiern. Gut für das Buch, schade für Ulrich Becher: Der hätte die Aufmerksamkeit zu Lebzeiten genossen und verdient, Aber ihm ging es wohl, wie vielen seiner Schicksalsgenossen: Die Naziverfolgung, das Exil – es zerstörte viele Existenzen und Karrieren. Nicht alle von denen, die überlebten, fassten später wieder Fuß.

Das Überleben in finsteren Zeiten, die Flucht vor den Häschern, Exil und Vertreibung: Das sind auch die Hauptthemen dieser 700 Seiten starken, turbulenten Parforcejagd durch die Schweiz. Eine Berg- und Talfahrt, eine Tour de Force: Knallbunt und prallvoll wie das Leben, ab und an auch zappenduster und schwarz wie der Tod.

Den abtrünnigen Adeligen Albert Trebla, der sich – noblesse oblige – dem Sozialismus verschrieb, hat es (nach dem Anschluss von Österreich „heim ins Reich“) mit seiner Frau Xane in die Schweiz verschlagen. Dort versucht man einigermaßen durchzukommen, ständig unter Kuratel durch die Schweizer Behörden, versucht, mit den Verwandten im Vielvölkerstaat Österreich Kontakt zu halten, und, wenn möglich, weiter Politik zu treiben. Plötzlich häufen sich im Umfeld Treblas jedoch undurchsichtige Unfälle mit tödlichem Ausgang. Der Exilant wird auch in der Schweizer Bergwelt zum Gejagten – in seiner Gedankenwelt jedenfalls. Zwei Murmeltierjäger geraten ihm ins Visier, sein Verdacht: Mögliche Nazischergen. Trebla wird zum „Murmelmurmeljäger“. Zugleich häufen sich die finsteren Nachrichten aus der Heimat von Freunden und Weggenossen, die in den Konzentrationslagern und am spanischen Himmel ihr Leben verlieren.
Was Trebla, der seine Frau zwar abgöttisch liebt, jedoch nicht davon abhält, sich durch die Lokalitäten zu charmieren, den einen oder anderen amourösen Fehltritt zu begehen und letztendlich doch seine geliebte Xane noch zu schwängern.

Man sieht: In diesem Buch liegt alles nahe beieinander, Liebe und Leid, Leben und Wahn. Und dies in einer Sprache, die in ihrer Lust zum Spiel an Arno Schmidt erinnert, die die elegante Grandezza eines Heimito von Doderer mit der speziell österreichischen Melancholie eines Joseph Roth vereint. Manches Mal kapriolt er vielleicht zu sehr, manches Mal macht ihm das Groteske so viel Freude, dass man als Leser um das Niveau zu bangen beginnt – aber schnell schlägt Becher dann die nächste Volte. Und man ist schon wieder im besten Sinne: Mitgenommen. Dazu kommen noch zahlreiche Anspielungen und Verweise auf Jahrhunderte europäischer Geschichte und Kultur, die man beim ersten Lesen des Buches wohl auch kaum in ihrer Fülle erfassen kann. Hilfreich ist da die grandiose Seite des Schweizers Dieter Häner – dank dieser Hilfe wird so manches aufgeschlüsselt und erläutert, nicht zuletzt auch den Fluch „Fix Laudon!“, den Trebla zu gerne in den Mund nimmt.

Noch einmal seine Verehrerin Eva Menasse zum Schluss:

„Mag sein, dass einige dramaturgische Volten zu gewagt sind, mag sein, dass in diesem Buch zu viel und zu aufsehenerregend gestorben wird, mag sogar sein, dass der Schluss des Romans gegen den Rest etwas abfällt – dies ist dennoch eines der ganz seltenen Bücher, die einen mit physischer Gewalt ergreifen, die einen ihre Geschichte hören, riechen, schmecken, erleiden lassen. Und schließlich beweist dieses Hauptwerk eines fast vergessenen Teufelskerls wieder einen Hauptsatz der Literatur: Nur wer, wie Ulrich Becher, der Katastrophe auch ihre Grotesken abzulauschen versteht, vermag seinen Leser wahrhaft zu erschüttern. Denn das tiefste Erschrecken liegt direkt neben dem brüllenden Lachen, nirgendwo sonst.“

Stoff zum Weiterlesen:

Eva Menasse über Murmeljagd in der „Welt“
„Murmeljagd“-Leseprojekt
Leseprobe bei Schöffling

 

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00