LITERARISCHE ORTE: Tschechows letzte Tage

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Nachbildung des 1918 eingeschmolzenen Tschechow-Denkmals. Alle Bilder: Birgit Böllinger

„Badenweiler ist ein sehr origineller Kurort, aber worin seine Originalität besteht, ist mir noch nicht klargeworden. Eine Menge Grün, der Eindruck der Berge, es ist sehr warm, die Häuschen und Hotels, die als Villen im Grünen stehen. Ich wohne in einer kleinen Villen-Pension mit viel Sonne (bis 7 Uhr abends) und einem großartigen Garten, wir zahlen 16 Mark pro Tag für beide (Zimmer, Mittagessen, Abendessen, Kaffee). Wir werden gewissenhaft verpflegt, sehr sogar. Aber ich kann mir vorstellen, welche Langeweile hier im allgemeinen herrscht! Heute übrigens regnet es seit dem frühen Morgen, ich sitze im Zimmer und höre zu, wie unter und über dem Dach der Wind pfeift.“

Anton Pawlowitsch Tschechow an W.M. Sobolewski am 25. Juni 1904

Ebenfalls an einem Sommertag, nur 115 Jahre später, verschlägt mich ein Zufall nach Badenweiler. Der Ort wirkt auch heute noch originell, wenn er auch an denselben Krankheiten wie viele andere Kurorte zu leiden scheint. Das Grandhotel am Schlossplatz liegt verlassen da. Stillstand. Belebt werden die Straßen und Plätze vor allem von den französischen Tagesgästen, die es zur Therme zieht. Ein Hauch gepflegter Langeweile liegt in der Luft. Und dennoch scheint das Städtchen im Südschwarzwald auch heute noch anziehend für die Prominenz: Der Fernsehmann Horst Lichter hat sich hier niedergelassen, ebenso wie Rüdiger Safranski, der seit Jahren dafür sorgt, dass die Badenweiler Literaturtage mit hochkarätigen Namen glänzen können.

Seit 2015 gibt es zudem im Rathaus eine weitere literarische Attraktion: Ein literarisches Museum, kostenfrei zugänglich, sorgfältig aufgemacht und interessant präsentiert. Sein Kern ist ein seit 1998 bestehender „Tschechow-Salon“, das einzige deutsche und westeuropäische Museum, das so umfangreich an den russischen Dramatiker und Schriftsteller erinnert. Durch die Erweiterung des Museums eröffnet sich inzwischen auch der Blick auf die vielen bekannteren Kurgäste, die dem Ort in der Vergangenheit einen Hauch von Mondänität und Intellektualismus verliehen: Unter anderem kurten hier bereits Stephen Crane, Hermann Hesse, Gabriele Wohmann (die in Tschechows Sterbehotel mit dem Roman „Frühherbst in Badenweiler“ begann), Theodor Heuss und Indira Gandhi. Albert Fraenkel ließ sich im Ort als Landarzt nieder und René Schickele, Annette Kolbe sowie Oskar Schlemmer bildeten eine Art Künstlerkolonie, die häufig von Thomas Mann und Hermann Kesten besucht wurde.

2019_Freiburg (89)Doch aus diesem „name dropping“ ragt ein Name heraus: Tschechow, der eigentlich nur wenige Monate seines Lebens hier verbrachte. Allerdings seine letzten Tage und Wochen: Er war bereits schwer von der Tuberkulose gezeichnet, als er im Juni 1904 auf Anraten eines Arztes mit seiner Frau Olga – die er erst drei Jahre zuvor geheiratet hatte – in den badischen Kurort kam. Nur kurz bekam ihm das milde Klima wirklich gut. Mitte Juli 1904 hatte er mehrere Schwächeanfälle, schließlich starb er am 15. Juli. In ihren Memoiren schrieb Olga Knipper über die letzten Minuten ihres Mannes:

„Kurz nach Mitternacht wachte er auf und bat erstmals in seinem Leben selbst darum, einen Arzt zu holen (…) Es kam der Doktor, verfügte, ein Glas Champagner zu bringen. Anton Pawlowitsch setzte sich auf und sagte irgendwie bedeutungsvoll, laut zu dem Arzt auf deutsch (er konnte nur sehr wenig Deutsch!): ‚Ich sterbe…‘ Dann nahm er das Glas, wandte sich zu mir und sagte: ‚Lange keinen Champagner mehr getrunken …‘, trank in aller Ruhe aus, legte sich still auf die linke Seite und war bald für immer verstummt.“

Das Ehepaar war zunächst im mondänen Hotel Römerbad – jenes Grandhotel, das heute mitten am zentralen Schlossplatz leer steht – abgestiegen, dort aber wollte man Lungenkranke offenbar nicht dulden. Vom Hotel, dass den Tschechows zu pompös war, wechselte man in das Traditionshaus „Sommer“, das als Gasthaus bereits 1620 gegründet worden war. Am Balkon seines ehemaligen Zimmers erinnert eine Plakette an den Schriftsteller, der dort verstorben war.

2019_Freiburg (187)Das Gedenken an Tschechow hat in Badenweiler durchaus eine wechselhafte Geschichte: Bereits 1909 errichteten Verehrer des Schriftstellers ein Denkmal für ihn in Badenweiler, das erste überhaupt außerhalb Russlands. Die Bronzeskulptur wurde 1918 eingeschmolzen: Der Krieg forderte seine Opfer, auch in dieser Weise. Unter den Nationalsozialisten war die Erinnerung an einen sozialkritischen, russischen Schriftsteller von vornherein verpönt. Im Kalten Krieg gestalteten sich Versuche, erneut ein Tschechow-Denkmal zu errichten, ebenso schwierig.

So dauerte es Jahrzehnte, bis die Erinnerungsarbeit wieder Schwung aufnehmen konnte – heute ist Badenweiler nicht nur Museumsort, sondern auch Sitz der deutschen Tschechow-Gesellschaft. Auf deren Seiten ist ausführlich nachzulesen, was den Schriftsteller und den badischen Kurort verbindet:

„Seit Anfang der 1970er Jahre hat Badenweiler die Zusammenarbeit mit der deutschen universitären Slavistik wie auch mit russischen Institutionen gesucht. Ein großer Teil des frühen musealen Bildbestandes kam so 1979 als Geschenk des Moskauer Tschechow-Zentralmuseums nach Badenweiler. Seither verging kein Jahr in Badenweiler, ohne dass die moderne internationale Tschechow-Rezeption in Badenweiler ihre Spuren hinterlassen hätte.“

Und es ist gut so, dass die Tschechow-Rezeption dort ihre Spuren hinterlässt und von Badenweiler aus ausstrahlt: Denn Anton Pawlowitsch Tschechow ist weit mehr als der vielgespielte Dramatiker, den man mit der Möwe und dem Kirschgarten in Verbindung bringt. Vor allem ist er ein ausgezeichneter Geschichtenerzähler gewesen: Seine Erzählungen und Novellen wirken bis heute frisch und modern, glänzen durch seinen subtilen Humor, vor allem aber durch Tschechows Menschenliebe. Tschechow, selbst Enkel eines Leibeigenen und aus kleinen Verhältnissen kommend, wurde zwar nie offen politisch in seinem Schreiben, zeigte aber eben auch die Schattenseiten seiner Zeit auf und blieb dadurch sozialkritisch. 2010 schrieb Karla Hielscher zum 150. Geburtstag des Schriftstellers im Deutschlandfunk:

„Es ist spannend zu beobachten, wie Anton Tschechow, ein Schriftsteller, dessen wirkliche Entdeckung in Deutschland erst viele Jahrzehnte nach seinem Tod in den 70er-Jahren ganz zögernd und schrittweise begann, inzwischen zu den unumstrittenen Größen der Weltliteratur geworden ist. Wie Shakespeare ist er von den Bühnen überhaupt nicht mehr wegzudenken, und seine sensible, in ihrem Verzicht auf alles Moralisieren und jede Autorenallwissenheit so moderne Prosa haben auch die Leser des 21. Jahrhunderts lieben gelernt. Der Mensch und Arzt Tschechow mit seiner Bescheidenheit, seinem lebenslangen Engagement für andere, seiner skeptisch melancholischen Lebensfreude und seiner außergewöhnlichen inneren Freiheit ist zur bewunderten Leitfigur geworden.“


Weitere Informationen:

Zum „Literarischen Museum Tschechow Salon“ 

Zur Deutschen Tschechow-Gesellschaft

Bilder zum Download:
Bild 1, Tschechow-Skulptur
Bild 2, Straßenschild
Bild 3, Lampe am Sterbehotel


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LESEZEICHEN von: Monika Maron

maron

„Worüber zu sprechen ich mich hier aufgefordert fühle, ist etwas sehr Intimes, über das ich öffentlich eigentlich gar nicht sprechen möchte. Mir wurde zwar gesagt, ich dürfe dieses Amt gestalten, wie ich es wünsche, aber das ändert nicht viel, denn auf jeden Fall soll ich ja über Bücher sprechen und über das Schreiben und über mein Verhältnis zu Büchern und zum Schreiben; und das empfinde ich als geradezu exhibitionistisch. Seit jeher hat mich die Frage nach meinem Lieblingsbuch, die einem übrigens erstaunlich oft gestellt wird, meistens von Journalisten, in Verlegenheit gestürzt, weil ich erstens kein Lieblingsbuch habe, sondern in bestimmten Lebensaltern bestimmte Autoren mehr geliebt habe als andere und weil ich an Tschechow etwas anderes bewundere als an Kafka, und an Uwe Johnson etwas anderes als an Natalia Ginzburg oder Philip Roth.
Weil ich zweitens so viele Bücher, die ich hätte lesen müssen, nicht gelesen habe und darum nicht weiß, ob nicht eines dieser ungelesenen Bücher mein eigentliches Lieblingsbuch ist.
Und drittens erschreckt mich der Gedanke, was ich alles über mich verraten würde, wenn ich mein Lieblingsbuch, das ich aber nicht habe, preisgäbe.
Eine andere Frage, die mir seltener von Journalisten als von Lesern oder Zuhörern gestellt wird, sich aber ebenso gegen eine Antwort sperrt, ist die nach dem Grund, nach dem Warum; warum schreiben Sie?
Ich vermute, dass diese Frage so beliebt ist, weil viele Menschen hin und wieder das Bedürfnis verspüren, selbst ein Buch zu schreiben, dass sie in sich eine Geschichte bewahren, die sie für mitteilenswert halten, aber nicht die Kraft oder den Mut finden, mit dem Schreiben anzufangen, und nun wissen wollen, worin sich jemand, der es wirklich getan hat, von ihnen unterscheidet. Ich weiß auf diese Frage natürlich keine Antwort. Die Antwort wäre die Frage. Der eine tut es, der andere nicht.
Vielleicht ist es eine frühe Erfahrung, dass etwas, über das man nicht sprechen will oder kann, sich einem Stück Papier anvertrauen lässt und dass Konfusion, in Sprache gefasst, Gestalt annimmt; dass also etwas, das als Zuviel, als störender Überschuss an der eigenen Person empfunden wird, sich plötzlich als sinnstiftende Möglichkeit offenbart. Und wenn eine solche Empfehlung mit dem Lesen einhergeht und eines Tages der Blick auf das eigene Leben darin nach einer Form sucht, nach einer erzählbaren Form, kann der Wunsch entstehen, den unzähligen Büchern ein eigenes hinzuzufügen.“

Monika Maron, „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“, 2005, Fischer Taschenbuch (Infos zum Buch hier).

Temperament- und humorvoll berichtete Monika Maron in ihren Frankfurter Poetikvorlesung 2005 davon, wie sie ihrer Hauptfigur Johanna aus dem Roman „Endmoränen“ in einem zweiten Buch dazu verhelfen will, aus ihrer Lebenskrise etwas zu machen. Wie die Autorin Maron und ihre Figur Johanna beinahe daran scheitern und ein Hund aus der Schreibkrise helfen muss. Wie es als Ausweg erscheint, erstmals als männlicher Perspektive zu erzählen. Und weil bei einer Krise, ob im Schreiben oder auch sonst, manchmal nur die Flucht nach vorne hilft respektive eine Reise, führt dieser literarische Ausflug vom Frankfurter Hörsaal bis nach Mexiko City.

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