Harper Lee: Gehe hin, stelle einen Wächter

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„Dr. Finch streckte die Beine aus. „Es ist ziemlich kompliziert“, sagte er, „und ich möchte nicht, dass du dem leidigen Irrtum verfällst, dir auf deine Komplexe etwas einzubilden – du würdest uns damit bis ans Ende unserer Tage langweilen, also lassen wir die Finger davon. Die Insel eines jeden Menschen, Jean Louise, der Wächter eines jeden Menschen ist sein Gewissen. So etwas wie ein kollektives Gewissen gibt es nicht.“
Das war neu, aus seinem Munde. Aber lass ihn reden, irgendwie wird er den Weg ins 19. Jahrhundert finden.
„…und du, die du mit einem eigenen Gewissen geboren wurdest, hast es irgendwann an das deines Vater geheftet, wie eine Klette. Als Heranwachsende, als Erwachsene hast du deinen Vater mit Gott verwechselt, ohne es selber zu merken. Du hast ihn nie als einen Mann mit dem Herzen und den Schwächen eines Mannes gesehen.“

Es ist wohl über kein anderes Buch in den letzten Wochen so viel gesprochen und geschrieben worden wie über jenes: Harper Lees Erstling „Gehe hin, stelle einen Wächter“. 1960 veröffentlichte sie „Wer die Nachtigall stört“, jenen Südstaaten-und Anti-Rassismus-Roman, der ein Jahr später mit dem Pulitzer ausgezeichnet wurde, sich mehr als 40 Millionen Mal verkaufte, dessen Verfilmung mit Gregory Peck als integrem Anwalt Atticus mit drei Oscars gekrönt wurde und in dessen Folge Jahr für Jahr zahlreiche Amerikaner ihren Nachwuchs „Atticus“ taufen liessen. Und dann kam: Nichts mehr. Es schien, als sei Harper Lee mit Mitte 30 angesichts des eigenen Erfolgs verstummt.

„Ich hatte gehofft, dass die Kritiker mich einen schnellen, barmherzigen Tod sterben lassen würden, aber gleichzeitig hoffte ich auch, dass jemand „Wer die Nachtigall stört“ ausreichend lieben würde, um mir Mut zu machen. Als dieser Fall dann tatsächlich eintrat, war es auf eine Art nicht weniger anstrengend, als das Szenario, das ich mir zuvor ausgemalt hatte.“

Zwar gab es in der Folge noch die Ankündigung eines Romans und eines Sachbuches, doch die Veröffentlichungen blieben aus. Harper Lee, die bis zu ihrem Erfolg in New York gelebt hatte, zog schließlich wieder in ihre Heimatstadt zurück, nach Monroeville, jenem Südstaatenstädtchen, das die Schriftstellerin und ihr Freund aus Kindertagen, Truman Capote, zu einem literarischen Pilgerort verwandelt hatten. Monroeville – das ist auch Maycomb, dieser fiktionale Ort, der sozusagen eine literarische Wiederauferstehung feiert: Erst jetzt, fast ein halbes Jahrhundert nach dem Pulitzer-Erfolg, wurde der Erstling von Harper Lee veröffentlicht. „Gehe hin, stelle einen Wächter“, entstand bereits Mitte der 50er-Jahre, spielt aber Jahre nach der „Nachtigall“. Die Lektorin hatte das Manuskript als unausgereift empfunden und Harper Lee vorgeschlagen, aus den Kindheitspassagen ein eigenes Buch zu machen – die „Nachtigall“. Jetzt wurde dieses Manuskript, das gescheiterte Debüt sozusagen, doch noch veröffentlicht.

Scout (Jean Louise), die burschikose Kleine, ist eine nicht weniger burschikose 26jährige, die für einige Sommerwochen in ihren Heimatort zurückkehrt. Ihr Bruder Jem ist bereits verstorben, Kindheitsfreund Dill – hinter dem eindeutig Truman Capote steckt – ist nach dem Krieg irgendwo in Europa geblieben und Atticus, der Übervater, scheint zwar körperlich angeschlagen, aber geistig immer noch ungebrochen. Bis Scout hinter die Fassade blickt.

Fritz Göttler schrieb dazu in einem bemerkenswerten Beitrag unter dem Titel „Heldenverkehrung“ in der Süddeutschen Zeitung vom 17. Juli 2015:

„Es ist ein unerbittliches Coming-of-Age für Jean Louise, für den Leser, von dem der „Wächter“ erzählt.“

„Genauso plötzlich, wie ein grausamer Junge die Larve eines Ameisenlöwen aus ihrem Sandloch zerrt, um sie zappelnd in der Sonne liegen zu lassen, wurde Jean Louise an einem schwülen Sommernachmittag um genau 14.18 Uhr aus ihrem friedlichen Dasein gerissen und musste fortan zusehen, wie sie ihre empfindliche Epidermis so gut wie möglich schützen konnte.“

Jean Louise findet im Wohnzimmer ihres Vaterhauses eine Broschüre mit dem Titel „Die schwarze Pest“, erlebt in jenem Gerichtssaal, in dem einst Atticus einen Schwarzen gegen den Mob verteidigte, wie ebendieser Vater an einem Tisch mit Rassisten und Ku-Klux-Klan-Anhängern sitzt und sich letztlich als Vertreter der Rassentrennung entpuppt, weil er insgeheim doch Vorurteile hegt. Eine, so meint Göttler, durchaus weit verbreitete Haltung unter den Liberalen der 50er-Jahre in den Südstaaten.

Fritz Göttler stellt das Buch in Bezug zum Zeitgeschehen:

„Der Roman spielt in einem prekären Moment der amerikanischen Geschichte. Nach Jahrzehnten der strikten Rassentrennung und – diskriminierung beginnt die Regierung in Washington, Gesetze für die Gleichstellung der Afroamerikaner durchzusetzen, was den Wahlzensus angeht oder den Anspruch auf Bildung – und es gibt im Süden Widerstand dagegen. Die Bürgerrechtsbewegung formiert sich, mit Martin Luther King. Maycombs Hauptstraße mündet auf den Highway nach Montgomery, der Hauptstadt Alabamas, wo 1955 die Afroamerikanerin Rosa Parks ihr Recht auf einen „weißen“ Busplatz beanspruchte, wohin zehn Jahre später die Märsche von Selma führten.“

Jean Louise, geprägt von New York und dem Norden, sagt, sie kenne nur eine Art der Farbenblindheit, und zwar die, was schwarz und weiß anbelange. Atticus dagegen fühlt sich, wie wohl so manch anderer, durch die neuen Gesetze bedroht, reagiert mit Vorbehalten und latentem Rassismus.

Ein letztes Mal Fritz Göttler:

„Das Ende einer Jugend, die so glücklich war, dass ganz Amerika und ein großer Teil der Welt sie teilen wollte, die Dekonstruktion eines Mythos.“

Wir haben uns das Buch ebenfalls angesehen.

Birgit: Es wurde als DAS internationale Romanereignis angekündigt, dieses bislang unveröffentlichte Manuskript von Harper Lee. Ein Ereignis ist es – aber mehr aus literaturhistorischer (oder auch aus literatur-voyeuristischer) Sicht denn aus rein literarischen Gesichtspunkten heraus gesehen. Es gab gute Gründe dafür, dass Lektorin Theresa von Hohoff das Manuskript 1957 zurückwies. Das Buch wirkt unausgereift, ein eigentlicher Spannungsbogen baut sich nur mühsam auf, zu viel Abschweifiges, die Charaktere wirken unrund, mit manchmal zu groben Pinsel gezeichnet, die Dialoge streckenweise hölzern. Die wohl schnell zu bewerkstelligende Übersetzung kann ich in ihrer Qualität nicht beurteilen. Doch insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Da ist etwas unfertig, bis hin zum offenen Schluss. Als habe sich da eine junge Frau impulshaft ihre Empörung von der Seele geschrieben – die Empörung über ihre Herkunft aus einer von Rassismus geprägten Region, die Empörung über den Sturz ihres persönlichen Helden, die Empörung über ein kleingeistiges und engstirniges Milieu. Am Ende des Buches kommen Atticus und seine Tochter zu einer Art Waffenstillstand. Der letzte Satz des Buches lautet:

„Sie ging um das Auto herum, und als sie sich hinters Lenkrad schob, achtete sie diesmal darauf, sich nicht den Kopf zu stoßen.“

Für mich klingt das beinahe wie eine Metapher für das Leben der Autorin selbst: Nur niemanden mehr vor den Kopf stoßen, vor allem auch nicht sich selbst?
Wie ihre literarische Figur Scout wagte sich Harper Lee, wohl im Schlepptau ihres Jugendfreundes Truman Capote, nach New York, zoge vom schwül-schwülstigen Südstaatenmilieu in die große, weite, intellektuelle und liberale Welt. Aber anders als Capote konnte sie sich offenbar nie ganz von ihrer Herkunft abkapseln, arrangierte sich irgendwie, kehrte zurück. Mag der „Wächter“ als Akt der Rebellion interpretiert werden, so ist die „Nachtigall“ trotz ihrer antirassistischen Haltung ein Akt der Verklärung, wenn man die beiden Bücher autobiographisch interpretiert. So war Harper Lees eigener Vater Vorbild für Atticus in der „Nachtigall“, ein Zeitungsverleger und Anwalt, der gegen den Rassismus ankämpfte.

Wieviel von Amasa Coleman Lee ist auch im Atticus des „Wächter“ zu finden?
Verstummte Harper Lee nicht nur angesichts des Erfolgs der „Nachtigall“, der schwer zu toppen gewesen wäre, sondern auch, weil sie über die tatsächlichen Verhältnisse nicht schreiben konnte, weil Blut dicker ist als Wasser?
Wollte sie durch ein überarbeitetes, ehrliches „Wächter“-Buch niemanden vor „den Kopf stoßen“, wollte sie sich bewusst mit diesem Milieu der scheinbar aufgeklärten Weißen in ihrer Heimat irgendwie arrangieren, war die Rebellion in ihr verstummt?

Und: Wieviel von Truman Capote steckt tatsächlich in den beiden Büchern? Ein Rezensent sah in der zuweilen aufblitzenden warmherzig-poetischen Sprache des „Wächters“ einen Beleg dafür, dass die Gerüchte, T.C. habe wesentliche Teile der „Nachtigall“ mitgeschrieben – ein Gerücht, dass der notorische Geschichtenerzähler Capote (mehr dazu in George Plimptons Capote-Buch) selbst wohl auch nie ganz aus der Welt bringen wollte – nichtig seien. Für einen Beleg halte ich das nicht – wer die Sprache Capotes aus der „Grasharfe“ und anderen Erinnerungen an seine Kindheit kennt, der findet Übereinstimmungen. Und wieso sollte er nicht auch beim Erstling seiner Kindheitsfreundin geholfen haben?

Dass der „Wächter“, unabhängig von seiner Qualität, zu einem Verkaufserfolg werden würde, das war klar. Die Fragen, die das fast 50jährige Schweigen von Harper Lee aufwerfen, kann das Buch freilich nicht beantworten. Das könnte eben nur eine: Jene fast 90jährige Dame, die, von einem Schlaganfall getroffen, inzwischen in einem Altenheim lebt. Und immer noch schweigt. Und so bleibt am Ende noch eine Frage übrig: Tat man der alten Dame, tat sie sich einen Gefallen damit, dieses Buch jetzt doch noch an die Öffentlichkeit zu bringen? Der „Wächter“: Er wirft jetzt aus vielerlei Gründen dunkle Schatten auf die Nachtigall.

Claudio: Ein Jahr nach Ferguson – und immer noch werden fast 100 Schwarze jährlich von weißen Polizisten getötet. Unzählige weitere Gewalttaten, die rassistisch bedingt sind, gehören zum Alltag in den USA. Dies mehr als ein halbes Jahrhundert nach Erscheinen der „Nachtigall“. Und deshalb ist es gut, dass der „Wächter“ gerade jetzt erschienen ist. Zeigt das Buch doch, wie tief der Rassismus in den USA (aber nicht nur dort) ist und war. Selbst bei Menschen, bei denen man es nicht vermutet. Atticus, der Übervater, wird vom Sockel gestoßen, die weiße Weste zeigt Flecken. Biedermann und die Brandstifter. Atticus wird im „Wächter“ zu einem jener, die auch hierzulande sagen: „Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, die Menschen aus Syrien tun mir furchtbar leider, ABER…“. Dieses „ABER“ also zeigt, wie wenig Platz unter dem Mantel der human-humanistischen Haltung, die Atticus trägt, tatsächlich für „die anderen“ ist.

In der „Nachtigall“ klingt Atticus noch so:

„Es gibt Dinge in unserer Welt, über denen die Menschen den Kopf verlieren. Sie können dann einfach nicht mehr gerecht sein, selbst wenn sie es wollten. Steht in unseren Gerichtshöfen das Wort eines Weißen gegen das eines Schwarzen, dann gewinnt unweigerlich der Weiße. Das ist eine Tatsache, wenn auch eine sehr häßliche.
(…)
Gerade vor Gericht sollte allen Menschen, von welcher Farbe des Regenbogens sie auch sein mögen, das gleiche Recht zuteil werden. Nur neigen die Leute leider dazu, ihre Vorurteile mit auf die Geschworenenbank zu nehmen. Du wirst später tagtäglich Weiße sehen, die Schwarze betrügen. Aber eines möchte ich dir sagen, und bitte, vergiß es nicht: Wenn ein Weißer – ganz gleich, wie angesehen, wie vornehm, wie reich er ist – einem Schwarzen so etwas antut, dann gehört dieser Weiße zum Pack.“

Ich empfand diese Figur, den moralischen aufrechten Verfechter humanistischer Gesinnung, den intellektuellen Vertreter der Menschlichkeit versus eher dumpfe Weiße mit rassistischer Gesinnung, immer schon als seltsam überhöht. Zuviel des Guten. Und jetzt zeigt dieses frühe Buch dieser Chronistin einer Art Südstaatenromantik (nach dem Motto „So lange es wahre Helden gibt, werden Rassenkonflikte überwunden“) einen anderen, vielleicht echteren Atticus: Der, der unter der liberalen Anwaltrobe tiefverwurzelte, über Generationen verfestigte Vorurteile in sich trägt. Zwar sind ihm in der Theorie alle Menschen gleich, in der Praxis sieht es jedoch anders aus: Das Recht auf Wahlbeteiligung, die Fähigkeit zur Bildung spricht Atticus der schwarzen Bevölkerung ab. Sicher, auch er will sich letzten Endes mit dem „weißen Pack“ des Klan nicht gemein machen – aber ebenso wenig möchte er wohl einem schwarzen Kollegen auf der Anwaltsbank gegenübersitzen. Und so ist er im Grunde ein Vertreter des übelsten Rassismus: Den, den man kaum erkennt, der im Geist vorhanden ist und sich in seinen Anschauungen von Generation zu Generation fortsetzt.

Schmunzeln musste ich, als die Marketingmaschine für dieses Buch anlief: Selten, dass es ein Roman in die altehrwürdigen Nachrichtensendungen unserer Öffentlich-Rechtlichen schafft. Gezeigt wurden US-Amerikaner, die am Erscheinungstag Schlange standen. Eine Dame äußerte – fast schon ein wenig hysterisch – ihre Angst, was aus „ihrem Atticus“ wohl im „Wächter“ geworden sei. Nun, die Angst hatte ihre Begründung. Und vielleicht auch etwas Gutes: Wenn das Buch dazu beiträgt, die Diskussion um offenen und verdeckten Rassismus in den USA weiterzuführen, dann ist es trotz seiner offensichtlichen Mängel (sprachlich und inhaltlich) noch ein spätes Geschenk von Harper Lee an ihre Heimat.

Wir danken dem DVA-Verlag (hier Verlagsangaben zum Buch) für das Besprechungsexemplar.

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George Plimpton: Truman Capotes turbulentes Leben

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„Ich habe vor Jahren schon gesagt, dass Truman in unserer Generation derjenige mit dem besten Stilgefühl war. Er hatte ein wunderbares Ohr für Poesie. Aber er hatte nicht sonderlich viel Verstand. Ich weiß nicht, ob er sich jemals auch nur eine Minute lang mit einer größeren Idee beschäftigt hat. Er schrieb zwar sehr poetisch, aber er dachte nicht so. Ihm fehlte der Sinn für Metaphern, der einen Dichter auszeichnet. Aber er hatte ein gutes Timing. Frühstück bei Tiffany ist eigentlich ein ziemlich unbedeutendes Buch, aus marxistischer Sicht ist es reine Schaumschlägerei. Andererseits hat es kein anderes Buch geschafft, eine bestimmte Epoche in New York so gut einzufangen wie dieses. In dieser Hinsicht ähnelt er Fitzgerald. Wenn ich sie miteinander vergleichen müsste, würde ich Truman etwas unterhalb von Fitzgerald einordnen, aber in derselben Kategorie. Er beschrieb die Epoche und den Ort besser als viele andere.“

Norman Mailer über Truman Capote in: „Truman Capotes turbulentes Leben“, George Plimpton, erschienen bei Rogner & Bernhard, Juli 2014.

Die Zeit wird es zeigen, wessen Werke vor der Nachwelt Bestand haben werden – von Norman Mailer, der 2007 starb, vielleicht „Die Nackten und die Toten“. Von Capote? Sicher auch bedingt durch die mediale Präsenz des Autoren schon zu Lebzeiten, durch die Fama, die um ihn wabberte und weiterhin schwillt, eben doch etwas mehr. Das leichtfüßige, tänzerische, bittersüße „Frühstück bei Tiffany“. Das nüchtern, kalte, halbdokumentarische „Kaltblütig“. Und dann auch die Erzählungen…

Wer Capotes Werke schätzt, der wird vor allem seine frühen Bücher immer wieder gerne zur Hand nehmen – nicht nur die Geschichte von Holly Golightly, die das Lebensgefühl des „Swinging New York“ festhält. Sondern auch die posthum veröffentlichten „Sommerdiebe“, sowie die beiden Romane um eine Südstaaten-Kindheit und Jugend, „Die Grasharfe“ sowie „Andere Stimmen, andere Räume“.

Traumvolle Sätze voller trauriger Poesie:

„In jener Nacht war der Schlaf wie ein Feind; Träume, ein geflügelter Rachefisch, schwammen herauf und herunter, bis das Licht des anbrechenden Tages seine Augen öffnete.“

Aus: „Andere Stimmen, andere Räume“, 1948, in deutscher Übersetzung 2006 beim Kein & Aber Verlag.

Immer schwingen in der flirrenden Südstaatenhitze dieser ersten Romane auch die Schatten mit. Ganz licht ist es nie in der Welt des Truman Capote. Auch nicht in seinem Hafen, dem quirligen, lebendigen New York. Auch Holly hat ihre dunkle Seite, das „rote Elend“:

„Nein“, sagte sie langsam. „Nein, das graue Elend ist, weil man zu dick wird oder es zu lange regnet. Man ist traurig, das ist alles. Aber das fiese rote ist schrecklich. Man fürchtet sich, und man schwitzt wie ein Schwein, aber man weiß nicht, wovor man sich fürchtet. Bloß, dass etwas Schlimmes passieren wird, aber man weiß nicht was. Hast du das Gefühl schon mal gehabt?“

„Ziemlich oft. Manche nennen es Angst.“

Aus: „Frühstück bei Tiffany“, 1958, ebenfalls in neuer Übersetzung bei Kein & Aber.

Leichte Erzählungen (hinter denen dennoch harte Arbeit steckte), frühe Kurzromane, Biographisches, journalistische Arbeiten – sie erscheinen Capote selbst wie Übungen auf der Suche nach dem Roman, dem Format. Bei der Zeitungslektüre glaubt er, seinen Stoff gefunden zu haben: Zwei Kleingangster, Herumtreiber, Haltlose, überfallen im ländlichen Kansas eine Farmerfamilie, die sie scheinbar kaltblütig ermorden. Capote fährt mit seiner Jugendfreundin Harper Lee („Wer die Nachtigall stört“) in das Städtchen Holcomb und beginnt mit einer Recherche, die sechs Jahre währen wird. Die den Autoren selbst mitten ins Herz der Finsternis führt, die Capote an Grenzen bringt, an denen er letztlich zerbrechen wird. Aber 1965 wird es veröffentlicht: Das Buch, sein großes Buch, das Höhe- und Wendepunkt seines Lebens ist.

Mit „Kaltblütig“ schuf Capote das Format des Dokumentarromans, der ein reales Geschehen in eine packende Erzählung einbettet, wiedergegeben in einem sachlichen, spannenden und präzisen Ton. „In Cold Blood“ gilt gemeinhin als Ausgangspunkt eines „New Journalism“, dem auch Norman Mailer, Hunter S. Thompson, ebenso aber auch George Plimpton, dessen Capote-Buch nun in deutscher Übersetzung erschienen ist, zugerechnet werden. Polizeireportage, Psychogramm zweier Mörder, Abbild einer Gemeinschaft, die durch eine sinnlose Gewalttat in ihren Grundfesten erschüttert wird – all dies ist „Kaltblütig“.

Sehenswert ist dazu nicht nur die Verfilmung des Romans durch Richard Brooks, die bereits 1967 in die Kinos kam, sondern vor allem der 2005 erschienene Film „Capote“ mit dem- ähnlich wie Capote – an Drogen und Alkohol zerbrochenen Philip Seymour Hoffmann. Der Fokus des Films liegt auf der engen Verbindung, die sich zwischen Capote und den beiden Tätern, insbesondere zu Perry Smith, entwickelt. Eine Verbindung, die zum psychischen Absturz Capotes beitragen sollte. Denn die Tragik seines Buches liegt nicht nur in dem unbegreiflichen Geschehen, das es so nüchtern-sachlich schildert. Sondern auch in der Tatsache begründet, dass die beiden Mörder selbst sterben mussten, damit das Buch erscheinen konnte: Erst nach Vollstreckung des Todesurteils kam „Kaltblütig“ heraus.

„Wir fuhren nach Eugene, Oregon, und hielten an, um uns die Redwood-Bäume anzusehen. Truman blieb im Auto, und ich wollte durch den Wald hindurch zum Meer gehen. Es war ein Jahr, nachdem Perry und Dick hingerichtet worden waren. Da hörte ich einen schrillen Schrei: „Komm zurück! Komm zurück! Perry und Dick sind hier!“ Das war kein Witz. Sein Schrei hatte eine schreckliche, durchdringende Intensität. Er hatte einfach Angst bekommen.“

Piedy Lumet über Truman Capote in: „Truman Capotes turbulentes Leben“, George Plimpton.

Von den Ereignissen erschüttert, lässt sich der Schriftsteller dennoch auf der Höhe seines Ruhms feiern. Legendär noch Jahrzehnte danach der „Black and White Ball“ im New Yorker Plaza Hotel, bei dem sich auf seine Einladung hin die „Oberen Zehntausend“ einfanden. Capote wird zum Schoßhündchen der Schickeria. Die Schattenseite: Sein Alkoholismus, die zunehmende Abhängigkeit von Drogen und Medikamenten. Und vor allem auch: Die Angst vor dem nächsten Buch, die Angst vor dem Scheitern.

Unerhörte Gebete

Nach „Kaltblütig“ erscheinen nur noch einzelne Erzählungen und journalistische Arbeiten. Zwar hatte Capote bereits 1966 einen Vertrag bei Random House über einen neuen Roman abgeschlossen, doch der Abgabetermin, zunächst 1968, wurde immer wieder geändert. Capote kündigte dennoch immer wieder – etwas großsprecherisch – an, er schriebe an nichts weniger als einem zeitgenössischen Pendant zu Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Es entstehe ein Abbild der Gesellschaft der Schönen und Reichen, erneut ein literarisch aufgearbeiteter Tatsachenroman – doch was noch zu Capotes Lebzeiten als Vorabdruck im „Esquire“ erschien, war weit von Proust entfernt. Und löste einen Tumult aus: Ausgerechnet jene, von denen Capote sich jahrelang verhätscheln ließ, mit denen er vermeintlich freundschaftlich verkehrte, lieferte er, mit schlecht verschleierten Pseudonymen, dem Klatsch aus, plauderte aus dem Nähkästchen.
Der Titel des Projektes, das dann posthum als Buch erschien, lässt tief blicken. Truman Capote in seinem Vorwort zu Musik für Chamäleons:

„Das Buch sollte Erhörte Gebete heißen, der Titel ging auf Teresa von Ávila zurück, die einmal geschrieben hatte: Es werden mehr Tränen über erhörte Gebete vergossen als über nicht erhörte.“

Capotes Gebete waren erhört worden: Der homosexuelle Südstaaten-Junge hatte es geschafft, als Schriftsteller den Zenit erklommen, zur Ikone der Schwulenszene geworden, der seine Homosexualität offen leben konnte, er war eine Person des öffentlichen Lebens, die Ruhm und relativen Wohlstand genoss, er verkehrte mit den Schönen und den Reichen – und blieb dennoch zutiefst unglücklich. Es scheint, als habe er mit diesem, dem unvollendeten Roman seine Gebete zurücknehmen wollen.

Nach den zahlreichen Indiskretionen im „Esquire“ kehrte ihm jahrelange Weggefährten den Rücken, vereinsamte Capote mehr und mehr. T.C. könnte heuer am 30. September seinen 90. Geburtstag feiern – gestorben ist er vor 30 Jahren, am 25. August 1984 im Haus einer der wenigen ihm verbliebenen Freundinnen in Los Angeles.

Joseph M. Fox, sein amerikanischer Herausgeber, schreibt im Nachwort zu Erhörte Gebete (Kein & Aber Verlag):

„Der letzte Grund für den Verfall unserer Beziehung war Trumans zunehmende Abhängigkeit von Alkohol und Drogen ab 1977. Ich habe inzwischen eingesehen, dass ich für sein Elend längst nicht genug Mitgefühl aufbrachte, vielmehr wurmte es mich, wie er sein Talent vergeudete, wie er sich selbst betrog, mich nervten seine endlosen Faseleien, sein Lallen am Telefon nachts um eins – und vor allem grämte mich der Verlust eines langjährigen wunderbaren, geistreichen und herrlich boshaften Freundes, was mich in meiner Selbstsucht mehr dauerte als seine wachsende Not.“

Wie ein „Who`s who“ der amerikanischen High Society liest sich der Überblick der Zeitzeugen und Wegbegleiter die der Journalist George Plimpton in seinem Buch zu Wort kommen lässt. „Truman Capotes turbulentes Leben“ erschien im Original bereits 1997, jetzt erstmals in deutscher Übersetzung bei Rogner & Bernhard. Plimpton, Gründer und Herausgeber der Literatur- und Politikzeitschrift Partisan Review, zeichnet das Leben Capotes mit „anderen Stimmen“ nach: Statt einer Beschreibung und Interpretation der Biographie besteht das Buch aus einer Montage zahlreicher Interviews und Aussagen von „Freunden, Feinden, Bewunderern und Konkurrenten“ (Untertitel). Mosaikstein für Mosaikstein zeigen sich die vielen Facetten dieser vielschichtigen Persönlichkeit. Das Buch: Für Capote-Kenner eine willkommene Ergänzung, für interessierte Leser ein Einstieg in das Werk, der neugierig macht und dabei auch jede Menge unterhaltsamen Klatsch und Tratsch beinhaltet.
http://www.rogner-bernhard.de/titles/show/480

 

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