Tom Malmquist: In jedem Augenblick unseres Lebens

„Ich habe gelernt, den Weg durch die Verbindungsgänge allein zu finden: Da ist das Schild, das mit einem schwarzen Müllsack verhängt ist, dann der ausgebrannte Verteilerkasten, der ölverschmierte Socken, der sich seit Jahren auf einem Notausgangshinweis zu befinden zu scheint, die Spannplatte in der T-Kreuzung, die hastig hingekritzelten Zahlen auf der Schutzplanke, die dicke schwarze Bremsspur der Elektrokarren, die Kabelleiter, bei der sich eine Halterung gelöst hat.“

Tom Malmquist, „In jedem Augenblick unseres Lebens“, Schweden, 2015, in deutscher Übersetzung 2017 erschienen bei Klett-Cotta.

Täglich mehrmals hetzt Tom Malmquist durch diesen unterirdischen Krankenhausgang zwischen der Neugeborenenabteilung und der Intensivstation. Seine Freundin Karin, im achten Monat schwanger, erkrankte an akuter myeloischer Leukämie. Ihr Zustand verschlechtert sich rapide, so sehr, dass die Ärzte entscheiden, das Kind sofort zu holen. Karin jedoch kann selbst durch den Einsatz aller medizinischen und technischen Mittel nicht gerettet werden: Sie stirbt nach wenigen Wochen im Krankenhaus.

Der schwedische Musiker, Lyriker und Schriftsteller Tom Malmquist verarbeitet in seinem ersten Roman ein Jahr seines Lebens, das man nur tragisch nennen kann: Er verliert seine Lebensgefährtin, wenig später stirbt sein Vater. Zugleich muss er sich der Aufgabe stellen, für seine Tochter Livia selbst zum Vater zu werden und trotz aller Trauer, die ihn überrollt, für das kleine Mädchen da zu sein, für es zu sorgen.

Biographischer Roman voller Tiefe

Nun ist das Verwerten eigener – meist traumatischer und lebensgefährdender – Erfahrungen von Schriftstellern in der Literatur nichts Neues. Doch erlebt dieser literarische Grenzgang zwischen Fiktion und Autobiographie derzeit wohl eine Art besonderer Blüte. Beflügelt sicher von Karl Ove Knausgårds weltweiten Erfolg. Der Norweger wird gefeiert wie ein Popstar, er ist der Coverboy dieser Disziplin. Sein Freund Tomas Espedal agiert ebenfalls an der Schnittstelle zwischen Roman und Autobiographie. David Wagner errang mit „Leben“ den Preis der Leipziger Buchmesse, an Thomas Melle ging der Deutsche Buchpreis für „Die Welt im Rücken“ leider vorüber.

Es ließe sich lange und trefflich darüber streiten (und manche tun dies auch mit Genuss), in welche literarischen Schubladen solche Werke zu stecken sind, ja, wo denn überhaupt noch die Trennlinie zwischen „therapeutischem Schreiben“ und „literarischem Anspruch“ erkennbar ist. Vermutlich wird sich auch Tom Malmquist in Interviews und dergleichen dieser Frage häufig stellen müssen.

Aber ist diese Einordnung überhaupt relevant? Letzten Endes, so meine ich, hängt es vor allem davon ab, wie man solch ein Buch als Leser selbst rezipiert, inwieweit es einem gelingt (und inwieweit man das auch überhaupt von sich erwartet), Werk und Autor beim Lesen zu trennen.

Eine berührende Geschichte

Das ist mir, ich gestehe es frei, bei „In jedem Augenblick unseres Lebens“ nicht durchgängig gelungen – zu nah ging mir die Geschichte, zu sehr berührt hat mich das Geschehen. Ich stellte mir bei der Lektüre öfter als einmal die Frage, wie wohl ich mit solchen Lebensereignissen umgehen würde und könnte, wäre ich an der Stelle Malmquists. Vor allem aber beschäftigt mich jedoch nach wie vor der Gedanke, wie es der Tochter – die heute fünf Jahre alt ist – ergehen mag, wenn sie später einmal so detailliert über das Leben und Sterben ihrer Mutter sowie ihre ersten Lebenswochen lesen wird.

„Die Krankenschwester befeuchtet Karins Lippen mit einem Schaumstofftupfer. Sie mustert Karins Gesicht. So, Karin, jetzt werde ich Sie nicht länger behelligen, sagt sie, entdeckt mich und ruft: Hallo, kommen Sie rein, ich muss Ihnen gleich sagen, dass Karin aus dem Unterleib blutet, vom Kaiserschnitt, jemand von der Gyn ist hier gewesen und hat sich das angesehen, nur damit Sie es wissen.“

Bei allen positiven Aspekten, die ich zu dieser „Romanbiographie“ noch anmerken könnte – ich wurde den Eindruck nicht los, dass ich die mitlesende, wohlmeinend-betroffene Voyeuristin in mir während der Lektüre kaum abschütteln konnte.

Unstrittig jedoch ist, dass Tom Malmquist über ein gutes Gefühl für Sprache und großes Talent verfügt: Der Roman steigt mitten in das dramatische Geschehen im Krankenhaus ein, beginnt mit diesem ersten Satz: „Der Oberarzt tritt den Kipphebel an Karins Patientenbett fest.“ Klug komponiert Malmquist das gegenwärtige Geschehen mit Rückblenden, die einen Blick auf die lange Beziehung der beiden, ihre Anfangsschwierigkeiten, aber auch auf das Umfeld, das Geflecht aus Freundschaften, Familienbande, Lebensträume und Enttäuschungen erlauben. Ohne alles auserzählen zu müssen, kann Malmquist dennoch verdeutlichen, was er und Karin sich bedeutet haben – und was es bedeutet hätte, ein Kind gemeinsam großzuziehen, eine eigene Familie zu gründen.

„Auf dem Küchentisch lagen die Sachen. Karin hatte sie so angeordnet, dass sie der perfekten Silhouette eines Säuglings entsprachen. Sie beobachtete mich, als ich die Stücke in die Hände nahm, und erzählte, sie hätte sie kürzlich mit ihrer Mutter gekauft. Gefallen Sie dir?, wollte sie wissen. Was hatte denn ich damals gemacht? Was hatte ich gemacht, als Karin die Kleidung für unser Kind aussuchte?“

Gerade der zwar detailreiche, sich aber auf Fakten konzentrierende Erzählstil, der beinahe nüchtern und emotionslos erscheint, schafft die nötige Distanz, um das Gelesene verarbeiten zu können – wenn Malmquist beispielsweise die körperlichen Veränderungen seiner Lebensgefährtin beschreibt, den Leib, der plötzlich aufgedunsen ist, die Flecken auf der Haut, die sich mit den Pflastern ablöst und ähnliches, was unspektakulär eingeflochten, aber dennoch kaum aushaltbar ist, dann braucht man diese Distanz.

Aber braucht man als Leser(in) das Erzählte? Selten hat mich in den vergangenen Monaten ein gelesenes Buch dermaßen beschäftigt, auch aufgewühlt und betroffen gemacht. Und doch bleibt immer die Frage: Wäre das auch so, hätte ich reine Fiktion gelesen?


Ein sehr interessantes Interview mit dem Schriftsteller findet sich hier:
https://fastforward-magazine.de/tom-malmquist-im-interview/

Ausführlich wurde der Roman auch bei Petra von LiteraturReich besprochen:
https://literaturreich.wordpress.com/2017/06/08/tom-malmquist-in-jedem-augenblick-unseres-lebens/

Und hier die Informationen des Verlages zum Buch:
https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/In_jedem_Augenblick_unseres_Lebens/80002

Bild zum Download: Engel Friedhof Augsburg


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Tomas Espedal: Wider die Natur

„An manchen Tagen, so wie heute, bekomme ich nicht einen einzigen Satz zustande, kein einziges Wort. Trotzdem verbringe ich die meiste Zeit des Tages am Schreibtisch. Ich sitze da und warte. Warte auf die Wörter. Warte auf die Sprache. Warte darauf, dass sie anruft. Aber das tut sie nicht. Bisher haben wir jeden Tag miteinander geredet; bis spät nachts lagen wir da und redeten, und am Morgen fuhren wir fort. Jetzt habe ich seit einer Woche nicht mehr mit ihr geredet. Das ist nicht natürlich. Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass ich nicht mehr mit ihr reden kann.“

Tomas Espedal, „Wider die Natur“, 2014, Matthes & Seitz Verlag.

Der Mann ist Schriftsteller, Ende Vierzig, und er ist vor allem eins: Der Verlassene. Sie, die jüngere Frau, ist weg und er erkennt: Wenn man in diesem Alter noch einmal ganz „groß“ liebt, dann wird es lebensgefährlich.

Es riecht nach Klischee: Älterer Mann liebt junge, schöne Frau, wird verlassen, versinkt in Einsamkeit, Schmerz, Alkohol, Müll. Und auf den ersten Seiten dieses Romans werden denn auch einige (wenige) Klischees aufgezogen. Klischeehafte Erotik, fast ein wenig Porno, jedoch auf hohem sprachlichem Niveau. Die klassischen Ingredienzien: Hormonschub des älteren Mannes bei hochhakigem Vorbeigestöpsel schöner junger Frau, ein One-Night-Stand auf einer Party in der Silvesternacht, weiße Haut, weiße Brüste, schwarzer BH, sie auf seinem Schoß, Koks & Champagner. Doch tritt ein, was nicht vorhersehbar und wohl auch nicht beabsichtigt war: Aus der kurzen, aufgeladenen Begegnung entsteht eine tiefe Liebe. Zumindest auf seiner Seite.
Zwei Jahre später verlässt sie ihn, die jüngere Frau. Ihre Motive bleiben im Unklaren, werden in Andeutungen nur aus Sicht der Hauptfigur, des verlassenen Mannes, reflektiert. Vielleicht, so mag man rätseln, war auch dieses Ende „beziehungsimmanent“ – denn schon in die erste, sexuelle Begegnung tritt dieser Gedanke bei ihm ein:

„Der Altersunterschied kam später, in der Bibliothek, als sie sich im Spiegel sahen. Ein beunruhigendes Bild; die beiden Gesichter, so ähnlich in ihrer Verschiedenheit, wie Geschwister, wie Vater und Tochter, oder Mutter und Sohn, und vielleicht war es dies Naturwidrige, das Groteske und Malerische, ja, das Zeitlose an dem Bild im Spiegel, weswegen sie einander nicht loslassen wollten, sie wollten einander nicht loslassen.“

Die Verschiedenheiten, sei es nun der Altersunterschied, die Kultur, die Religion, die Herkunft, sie sind es, die die Paarattraktion auslösen können. Sie sind es aber auch, die die Trennung herbeiführen können. Ein älterer Mann, eine junge Frau: Es kann ja nicht gut gehen. Es scheint, als würde der Mann, ein mittelmäßig erfolgreicher Schriftsteller, dies immer wieder auch selbst beschwören, in Nebensätzen, in Halbsätzen, in Andeutungen.
Dort, wo es von der Beschreibung des Faktischen zur Reflektion der Gefühle kommt, greift Tomas Espedal zu Kunstgriffen – greift auf die Abaelard und Heloise, die großen, ewigen, getrennten Liebenden zurück, umkreist die Gedanken mit Fragmenten, kurzen Abschnitten, Tagebucheinträgen.

„Das Glück war wie eine Maske, es hatte sich wie eine fein gewebte Maske eng über Augen und Gesicht gelegt; ich saß auf ihrem Schoß, sie zog meinen Kopf an ihre Brust, es war, als würde die Zeit in einer fürchterlichen Verkehrung umgedreht; ich wurde zum Jüngeren von uns beiden.“

„Und etwas vom Glück legt sich über den Körper. Eine neue Haut, sie wächst über der alten, eine dünne, feine, wächserne Haut dehnt sich aus und schmiegt sich genau und weich dem Körper an; ich bemerkte nicht mehr, wie es ihr eigentlich ging.“

Es scheint, Männer schreiben von der Liebe besonders schön dann, wenn sie vergangen, verloren oder gefährdet ist, wenn an sie erinnert wird – siehe Navid Kermanis „Große Liebe“, siehe Philiph Roth „Das sterbende Tier“. Und nun „Wider die Natur“. Ein schmales Buch. Aber ein wuchtiges Buch. Ein Trauersog. Nüchtern, fragmentarisch und doch zutiefst berührend. Die verlorene Liebe, die vielleicht letzte Liebe, ist für den Schriftsteller Anlass, sich zu erinnern an die weiteren großen Lieben seines Lebens, derer da zwei sind. Die Jugendliebe, die von Beginn an ein Ende hat, die nur der Übergang ist in ein anderes Leben, raus aus dem Vorort, raus aus der Fabrik. Und dann die „Liebesarbeit“ (so die Kapitelbezeichnung): Die Verbindung mit einer kapriziösen Schauspielerin, der Versuch, mit der „falschen“ Frau Paardasein, Familiendasein, Haus auf dem Land und große Welt, Stabilität und Künstlerdasein zu vereinen. Für ihn, den Verlassen, scheint es aus der Rückschau so zu sein, als sei er erst mit ihr, der letzten Liebe, angekommen. Gedanken über das Glück:

Ein kleines Buch über das Glück

Lange träumte ich davon, eine Serie von kleinen Büchern zu schreiben. Ein kleines Buch über die Liebe. Ein kleines Buch über die Freundschaft. Ein kleines Buch über das Schreiben. Ein kleines Buch für meine Tochter. Ein kleines Buch über das Glück usw.
Das Buch über das Glück kann ohnehin nicht besonders dick werden.
Nicht dick, und auch nicht besonders tief, die glückliche Sprache ist einfach und banal, es gibt keine Tiefe im Glück, oder etwa doch?
Das Buch über das Glück muss kurz sein. Kurz und fragmentarisch, eine zusammenhänge Erzählung über das Glück zu schaffen, ist unmöglich. Keine Chronologie. Keine Logik oder Vernunft; es ist nicht möglich, einen Roman über das Glück zu schreiben.

Die letzten Seiten, Tagebucheinträge:

Montag, 31. Mai

Du hast die Fähigkeit zu lieben verloren.

Du bringst es nicht über dich, kannst niemanden mehr lieben.

Es ist zu Ende.

Du sagst Ende, aber die Liebe wird nicht enden.

Man kann es so ausdrücken wie Andreas Breitenstein in der Neuen Zürcher Zeitung (3.Juni 2014):
„Blickt man auf den Lakonismus von Künstlern wie Jon Fosse, Niels Fredrik Dahl, Per Petterson, Ketil Bjǿrnstad und Jan Garbarek, scheint es so etwas wie einen norwegischen Minimalismus der Melancholie zu geben. Tomas Espedal mit seinen radikalautobiografischen Prosa-Essays, in denen empathisches Sehen und dichtes Erleben, wortkarges Erzählen und bohrendes Nachdenken sich zu einem Amalgam von existenzialistischer Dringlichkeit vereinen, gehört wie Karl Ove Knausgǻrd zu jenen Autoren, die der postindustriellen Pasteurisierung der Lebenswelt die nackte Wahrheit des eigenen Daseins entgegenhalten.“
Oder man kann es so ausdrücken: Dieses Buch ist schön. Schön traurig. Ein kurzes, schönes, trauriges Buch über die Verzweiflung, die die Einsamkeit, das Älterwerden, der Liebesschmerz mit sich bringt. „Wider die Natur“ ist ein Buch über die Liebe, jedoch vor allem ein Buch über den Schmerz. Über die Verheerungen, die die Liebe anrichten kann. Schlicht und einfach über den großen, nie enden wollenden Kummer. Schlicht und einfach auch in der Sprache (oder wie Iris Radisch in der „Zeit“ schreibt: „Sprache wie klares Wasser“). Schlicht und einfach: Ergreifend.

Freitag, 7. Mai
Ich schlafe mit dem Mobiltelefon auf der Brust. Näher kann ich ihr nicht kommen.

Tomas Espedal, „Wider die Natur“,  Matthes & Seitz, Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Buch ISBN: 978-3-88221-188-7, Preis: 19,90 € / 27,90 CHF


Bild zum Download: Holzschuhe