Karen Cleveland: Wahrheit gegen Wahrheit

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

In dem Thriller „Wahrheit gegen Wahrheit“ weiß irgendwann niemand mehr, wer die Wahrheit sagt und wer welche Wahrheit meint. Ein gutes Debüt der amerikanischen Autorin Karen Cleveland – diese Wahrheit steht jedenfalls fest, meint Florian Pittroff:

Tja, was soll ich sagen: Volltreffer! Spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Ein Thriller ohne Blut, dafür mit viel Empfindung.

Darum geht`s: Vivian Miller ist Spionageabwehr-Analystin bei der CIA. Mit ihrem Mann Matt, einem IT-Spezialisten, und ihren Kindern lebt sie in einem Vorort von Washington D.C. Auf diesen Tag hat sie seit zwei Jahren hingearbeitet: Mithilfe eines speziellen Algorithmus will Vivian ein Netzwerk russischer Spione in den USA enttarnen. Ihr gelingt der Zugriff auf den Computer eines russischen Agentenbetreuers. Sie stößt auf eine Datei mit fünf Fotos – allesamt „Schläfer“, die auf amerikanischem Boden operieren. Doch was sie entdeckt, bringt alles, was ihr wichtig ist, in Gefahr. Ist es den Russen gelungen, sie an ihrer einzigen Schwachstelle zu treffen? Ist Matt nicht nur ein perfekter Mann und ein perfekter Vater. Sondern am Ende auch ein perfekter Lügner?

Der Plot ist gut durchdacht, die Protagonisten gut beschrieben, mit der nötigen Präsenz und Tiefe. Die wechselnde Gefühlslage von Vivian Miller wird sehr klar herausgearbeitet.

Dazu wird die Beziehung von Vivian und Matt in Rückblicken erklärt: „Ein glücklicher, unmöglicher Zufall. So habe ich unser Kennenlernen damals erlebt“. (…) Wie es nach ihrer Hochzeit weiterging: “Unseren ersten Hochzeitstag haben wir auf den Bahamas verbracht“. Und wie sich die Situation in der Gegenwart darstellt: „Mir schwirrte der Kopf, als ich zu Hause in die Garage fahre. Was ich getan habe, war doch richtig, oder?“

Vivian kann nicht mehr zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden. Der Leser schwankt und zweifelt förmlich mit ihr mit, als sie beginnt, alles zu hinterfragen.

Vivian pendelt zwischen Beruf und Familie. Oft hat sie das Gefühl, dass ihre Kinder zu kurz kommen – aber ihr Mann Matt ist ihr ein wunderbarer Partner, der ihr hilft, der sich um die Kinder kümmert und der sie unterstützt. Einmal Himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt und niedergeschlagen. Kann Vivian Miller ihrem Mann trauen? Es ist der Autorin auf 352 Seiten hervorragend gelungen, diesen Zweispalt in immer neuen Varianten zu beschreiben und darzustellen. Was tun, wie raegieren, was sagen die Kinder, was sagt mein Arbeitgeber, wem soll ich mich anvertrauen und vor allem: was sagt mein Mann.

Das Buch hat mich von Anfang an in seinen Bann  gezogen. Mein Lieblingsthema, der Cliffhanger, trägt erneut zu einem außergewöhnlichen Lesevergnügen bei. Auch bei „Wahrheit gegen Wahrheit“ ist der Cliffhanger so gewählt, dass ein Weiterlesen quasi zwingend erforderlich ist: „Fassungslos starre ich in das Gesicht meinen Ehemannes“ – Kapitel Ende!

Der Thriller wird übrigens von Universal Pictures mit Charlize Theron in der Hauptrolle verfilmt.

Ein Beitrag von Florian Pittroff
www.flo-job.de

Karen Cleveland
Wahrheit gegen Wahrheit
btb Verlag (10. April 2018)
352 Seiten

JP Delaney: The Girl Before

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ein Beitrag von Florian Pittroff

JP Delaney präsentiert mit „The Girl Before“ einen Thriller, der den Leser nicht mehr loslässt. Es gibt zwei Handlungsstränge. Zuerst erfolgt die Rückblende: „Damals. Emma“. Und dann „Heute: Jane“. Die Idee mit zwei unterschiedlichen Handlungen, die sich dann doch zu einer Geschichte verquicken, gefällt mir sehr gut. Ebenso, dass die einzelnen Kapitel jeweils kurz und knapp gehalten sind. Zum einem wird der Leser dadurch immer wieder zum Weiterlesen animiert und es verleiht dem Buch eine gewisse Dynamik.

Der Plot: Nach einem Schicksalsschlag braucht Jane dringend einen Neuanfang. Daher überlegt sie nicht lange, als sie die Möglichkeit bekommt, in ein hochmodernes Haus in einem schicken Londoner Viertel einzuziehen. Die Miete ist gering, doch der Regelkatalog, den der neue Mieter einhalten muss, ist alles andere als gewöhnlich. Doch bald erfährt Jane, dass ihre Vormieterin im Haus verstarb – und ihr erschreckend ähnlich sah.

Die Story rund um das Architektenhaus überzeugt, denn JP Delaney schafft es, sofort eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen. Der Spannungsbogen, der zu Beginn richtig abgeht, hängt dann allerdings durch. Der Mittelteil hatte ziemliche Längen, war zum Teil sehr vorhersehbar und unspannend. Aber, oh Glück, danach zog die Geschichte wieder an. Beim Zusammenfädeln der beiden Erzählstränge und bei der der Auflösung wurde das Tempo deutlich erhöht und man wollte das Buch nicht mehr zur Seite legen.

Die zwei – respektive vier Protagonisten – sind gut dargestellt. Die Story um das kalte Architektenhaus und die beiden Frauen Jane und Emma ist mit einer dicken Portion Sex aufgehübscht. „Ernsthaft spannend wird „The Girl before“, als sich herausstellt, dass die beiden Frauen Jane und Emma keineswegs nur bemitleidenswerte Opfer sind, sondern auch ihre kleinen, schmutzigen Geheimnisse haben – und nicht nur sie.“, schreibt Lukas Jenkner in der Stuttgarter Zeitung.

Seinem Fazit schließe ich mich an:  Mit „The Girl Before“, seinem ersten Psychothriller, ist JP Delaney „perfekte Thrillerkost auf hohem Niveau“ gelungen. Die Verfilmung ist bereits in Planung. Und beim Lesen fiel mir unter anderem ein berühmtes Vorbild ein: „Rebecca“ von Alfred Hitchcock.

Florian Pittroff
www.flo-job.de

Verlagsinformationen:
https://www.randomhouse.de/Paperback/The-Girl-Before-Sie-war-wie-du-Und-jetzt-ist-sie-tot-/JP-Delaney/Penguin/e502770.rhd

 

 

Philip Kerr: Die Hand Gottes

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Fußballfreie Zeit – außer Confed Cup eben, aber der ist für echte Fans nicht ganz so prickelnd – da hab ich mir mal wieder einen Fußballroman angelacht: „Die Hand Gottes“ von Philip Kerr. Eines vorweg: Wer einen rasanten Thriller erwartet mit Action und Dramatik, bei dem die Spannung über den ganzen Roman hochgehalten wird, der sollte besser zu einem anderen Buch greifen. Dieser Roman ist nun wirklich alles andere als ein Thriller, auch wenn das Buchcover es so anpreist. Den Geschehnissen fehlt die Dramatik, Spannung ist etwas anderes. Der Roman ähnelt eher einer zwar soliden, aber langweiligen WM-Vorrunde, in der sich alle abtasten – ein spannendes Spitzenspiel sieht anders aus.

Der Plot ist dennoch nicht schlecht, so dass man das Buch nach den fast 400 Seiten recht zufrieden weglegen kann: Griechenland im Hochsommer. Die Sonne brennt, auf den Rängen im Hexenkessel des Karaiskakis-Stadions toben die Fans. Scott Manson, Cheftrainer und Ermittler wider Willen und sein Team vom skandalträchtigen Erstligisten London City wollen nur das Champions League Spiel gewinnen und nichts wie zurück ins kühle England. Da bricht Scotts Topstürmer vor laufenden Kameras tot zusammen. Die griechische Polizei stellt die gesamte Mannschaft unter Verdacht, der ukrainische Clubchef und Ex-Mafiaboss Sokolnikow verlangt schnelle Aufklärung. Doch als wenig später ein totes Escortgirl aus dem Hafenbecken von Piräus gefischt wird, weiß Scott, dass der Schuldige nicht unter seinen Spielern, sondern in der Chefetage von London City zu finden ist. Ein Spiel gegen den Gegner aus den eigenen Reihen beginnt.

Soweit so gut.

Der Autor verfügt über gut recherchiertes Hintergrundwissen aus der englischen und internationalen Fußball-Szene. Es ist auch etwas echt Besonderes, in einer fiktiven Geschichte reale Fakten über den aktuellen Profifußball zu erfahren. Und Kerrs Liebe zu Hertha BSC in den Roman einzubauen, ist zudem ein toller Kniff. Im Verlauf der Geschichte gibt es dann sogar einiges über Griechenland in Erfahrung zu bringen, über die dortige Wirtschaft, die Spannungen in der Gesellschaft und die Schwierigkeiten der Bevölkerung.

Allerdings kommen viel zu viele Charaktere vor – sich die Rolle und Bedeutung jeder Figur zu merken, wird durch die Vielzahl der doch recht komplexen, aber dennoch ähnlichen Namen der griechischen Protagonisten nicht gerade erleichtert. Man muss schon „höchschte Konzentration“ bewahren, wie Bundestrainer Löw zu sagen pflegt, und ab und an zurückblättern, um sich nochmals zu vergegenwärtigen, wer nun eigentlich wer ist und was er bisher für eine Rolle gespielt hat. Das unterbricht den Lesefluss und lässt auch die wenigen spannenden Momente meist im vor- und zurückblättern verpuffen, insbesondere auf den ersten einhundert Seiten. Das Ende wirkt auf mich ein wenig zu sehr konstruiert.

Eher ein grundsolider Kriminalroman denn ein echter Thriller. Oder um es mit dem Augsburger Dichter Bert Brecht zu sagen, der mit Fußball nichts am Hut hatte: “Wir stehen selbst enttäuscht und sehr betroffen – den Vorhang zu und alle Fragen offen“.

Ein Beitrag von Florian Pittroff
www.flo-job.de

Verlagsinformationen zum Buch:
https://www.klett-cotta.de/buch/Literarischer_Krimi/Die_Hand_Gottes/79981

Mukoma wa Ngugi: Black Star Nairobi

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Bild von David Mark auf Pixabay

„Überlegt doch mal, meine Freunde, wir haben Katastrophenprogramme für fast alles: Epidemien, Überschwemmungen, Hurrikans, Flächenbrände – aber nicht für politische Katastrophen. Menschen verhungern infolge schlechter Politik, die Malaria ist nicht ausgerottet wegen schlechter Regierungsarbeit, und dann gibt es diesen Krieg. Deswegen greifen wir ein. Wir kümmern uns um politische Desaster, bevor sie stattfinden“, sagte er und schlug begeistert mit der Hand auf den Tisch.
Er machte eine Pause. „Darf ich nachschenken?“, fragte er dann und ging zur Minibar. Wir lehnten ab, und er schenkte sich mehrere Doppelte ein.
„Kenia ist unsere Debütantenparty. Wir gehen nach Kenia, zwingen das Land auf die Knie und dann bauen wir es neu auf.“

Mukoma wa Ngugi, „Black Star Nairobi“, 2013, in deutscher Übersetzung 2015 beim Transit Verlag.

„Er“, der Herr mit den doppelten Drinks, ist Teil eines weltweiten Verbundes von „Schattenmännern“: Den grauen Eminenzen,  die für mächtige Leute arbeiten, Thatchers Büroleiter, Reagans Persönlicher Referent, Clintons ehemaliger Rechtsberater, Kofi Annans Sonderberater und ein Stellvertretender Direktor der Mandela-Stiftung. Die Herren im Hintergrund haben sich zu einer Organisation zusammengeschlossen, die  – in Umkehrung des Goethe-Zitates – das „Gute“ will und dabei das Böse schafft. Weil in ihren Augen die Mittel der demokratisch legitimierten Politik versagen, spielen sie „Weltgeist“: In von Krisen geschüttelten Ländern wollen sie die Systeme weiter so sehr destabilisieren, bis ein Neuanfang unvermeidbar erscheint – ein Neuanfang allerdings unter Federführung dieser geheimen Organisation.

Das erste Experimentierfeld dieser Schattenbande soll Kenia sein – diese in sich zerrissene ostafrikanische Republik, die erst nach langen, blutigen Aufständen 1963 Unabhängigkeit von Großbritannien erreichte. Der junge Staat ist anfällig für Manipulationen von außen: Unter den Auswüchsen des anfänglichen Einparteiensystems und korrupter Machthaber brechen Gewalttätigkeiten und ethnische Anfeindungen zwischen den beiden größten Bevölkerungsgruppen bis heute immer wieder auf. In ein Kenia, in dem es im Vorfeld der Wahlen von 2007 knistert wie in einem Pulverfass, siedelte der kenianisch-amerikanische Schriftsteller Mukoma wa Ngugig seinen zweiten Kriminalroman an.

Grenzgänger zwischen den Kulturen

Bereits in seinem ersten Roman „Nairobi Heat“, in deutscher Übersetzung ebenfalls beim Transit Verlag erschienen, führte der Autor Mukoma wa Ngugi das Ermittlerduo Ishmael Fofona und den kenianischen Cop „O“ ein. Fofona ist ein aus den USA nach Kenia zurückgekehrter Privatdetektiv – die Figur lebt von den Erfahrungen ihres Schöpfers als Grenzgänger zwischen zwei Kulturen.

Fofona und O – ständig ziemlich bekifft und etwas betrunken – geraten eher zufällig mitten in die eingangs skizzierte Weltverschwörung. Zwar ist das Duo begabt mit detektivischem Spürsinn, ebenso aber auch mit der Gabe, stets zur falschen Zeit am falschen Platz zu sein. Die Beiden geraten zwischen alle Fronten – CIA, Diplomaten, kenianische Politiker, Al Qaida, somalische Islamisten und was sich sonst noch in Nairobi tummelt. Und so jagt sie der Autor von einem Schauplatz zum anderen: Von einer Bombendetonation in einem Luxushotel in Nairobi über ein Massaker an Dorfbewohnern bis hin zu blutigen Auseinandersetzungen an der amerikanisch-mexikanischen Grenze.

Die politische Verschwörung kann, soweit es die kenianischen Wahlen betrifft, zwar gestoppt werden – aber bis dahin ist viel Blut den Tana hinuntergeflossen. Und nicht nur Fofona fragt sich am Ende des Buches: Warum? Denn sowohl im Roman als auch in der Realität: Die Verhältnisse in Kenia bleiben  auch nach den Wahlen von 2007, die 2010 zu einem Referendum und einer neuen Verfassung führten, schwierig, weitaus schwieriger als sie mancher Tourist auf Foto-Safari wahrhaben will. Bis heute sind die Köpfe, die die Gewaltakte zwischen den größten Bevölkerungsgruppen in Kenia während der Wahlen schürten, mit an der politischen Macht, auch eine Anklage vor dem Internationalen Staatsgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit scheiterte.

Rasanter Thriller mit ein paar logischen Mängeln

So ist „Black Star Nairobi“ ein rasanter Thriller, der Einblick gibt in die kenianische Misere, der auch aufzeigt, mit welchem Zynismus die ehemaligen Kolonialstaaten immer noch zum Spielball von exterritorialen Mächten und einheimischen Bonzen gemacht werden.

Für meinen Geschmack mangelt es dem Roman zwar häufiger an kriminalistischer und inhaltlicher Logik, insbesondere scheint mancher Gewaltakt eher dem Vorantreiben der „Action“ denn einer inneren Notwendigkeit zu folgen. Zur Gewalt in seinem Roman äußerte sich Mukoma wa Ngugi in einem Interview:

„In this novel I’m driven by the question of violence. In the post-electoral violence of 2007 it was a sort of intimate violence where it was neighbor-against-neighbor — people who knew each other. And there are a lot of questions that arose … questions of class, the question of the whole democratic process. So I wanted to have characters, you know, who are running around trying to do their case, you know, but all the while being drawn back, you know, by the power, by the powerful nature of the violence that broke out.“

Quelle:
http://www.npr.org/2013/07/13/200832498/searching-for-clues-in-a-dangerous-nairobi

Dafür aber glänzt der Krimi durch die Darstellung seines Helden, einem Wanderer zwischen zwei Kulturen: Ishmael ist in dieser Beziehung wohl durchaus ein Alter ego seines Schöpfers. Denn dieser ist der Sohn des kenianischen Literaturnobelpreisanwärters Ngugi wa Thiong’o.

1971 in Evanston, Illinois, zur Welt gekommen, also gebürtiger US-Staatsbürger, wuchs er jedoch in Kenia auf und ging zum Studium zurück in die USA. Auch sein Privatdetektiv Ishmael erfährt in Kenia Misstrauen, wird – trotz seiner Hautfarbe – als „Weißer“ bezeichnet, ebenso aber auch in den USA wegen seiner Hautfarbe diskriminiert und zurückgesetzt.

„For a very long time I had difficulty, you know, accepting that I was an American citizen because I grew up in Kenya, my parents are Kenyan, my nationality really is Kenyan. And then I came to the U.S. and at some point I had to realize, wow, I’ve been in the U.S. now longer then I’ve been in Kenya.“

„In a way I do mirror — or maybe Ishmael mirrors — you know, my struggles for identity. Eventually I had to tell myself, ‚Who decides a person can have only one identity? Who is the gatekeeper of identity?‘ And I just decided to acknowledge, to live out, my multiple identities.“

Mukoma wa Ngugi ist Literaturprofessor an der Cornell University, Kolumnist für etliche englischsprachige und afrikanische Medien und veröffentlichte vor seinen Krimis überwiegend Lyrik.

Verlagsangaben zum Buch:
https://www.transit-verlag.de/produkt/black-star-nairobi/

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Karim Miské: Arab Jazz

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Bild: (c) Michael Flötotto

Wer etwas über die innere Befindlichkeit einer Gesellschaft erfahren möchte, ist mit Kriminalliteratur nicht schlecht bedient. Wenn sie denn auch noch so hervorragend flüssig geschrieben ist wie das Romandebüt des Journalisten und Filmemachers Karim Miské. Bereits ab 2006 arbeitete der Pariser, Sohn eines Mauretaniers und einer Französisin, an „Arab Jazz“ (was den deutschen Verlag dazu verleitete, diesen eingängigen Titel, der bei den meisten Übersetzungen beibehalten wurde, durch „Entfliehen kannst du nie“ zu ersetzen, das weiß der Himmel).
Jedenfalls ist Miské, wie vor wenigen Tagen in der Süddeutschen zu lesen war, nun ein begehrter Interviewpartner: Hat er doch mit dem 2012 veröffentlichten, inzwischen mehrfach mit Preisen ausgezeichneten Krimi, quasi die Pariser Geschehnisse der vergangenen Wochen vorweggenommen. So schreibt Axel Hücke im SZ-Feuilleton (20.2.2015/“Hättet ihr uns mal gefragt“):

„Es spielt unter islamistischen Muslimen, ultraorthodoxen Juden, rechtsradikalen Polizisten und Zeugen Jehovas. Und es spielt im 19. Arrondissement von Paris und damit zufälligerweise in genau den Straßen, in denen Saïd und Chérif Kouachi aufgewachsen sind. In denen sie 1992 ihre tote Mutter in der gemeinsamen Wohnung entdeckten; sie hatte sich umgebracht, als sie zum sechsten Mal schwanger geworden war. Die Straßen, in denen ultraorthodoxe  Juden und radikale Islamisten Tür an Tür wohnen. Die Straßen, durch die die Kouachis nach dem Anschlag auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo flohen. Auch der Hassprediger Farid Benyettou, der die Brüder 2005 vom Dschihad überzeugte, kommt unter anderem Namen in „Arab Jazz“ vor. Bei unserem Treffen wird Miské sagen, der Prozess gegen die Brüder und ihren „Mentor“ 2008 habe das Buch stark geprägt, ihn habe beeindruckt, wie es diesem Benyettou gelungen ist, seinen blanken Hass religiös zu verkleiden.“

Ein Einwanderer mit psychischen Problemen, die bestialisch ermordete Tochter strenger Zeugen Jehovas, Jungs, die Salafisten in die Hände geraten, junge Frauen, die auf jüdisch-orthodoxe Weise an Fremde verheiratet werden sollen, korrupte, rassistische Polizisten sowie ein originelles, intellektuelles Ermittlerpaar: Diese Gemengelage nutzt Miské nicht nur für eine rasant daherkommende Handlung mit überraschenden Wendungen, sondern auch, um einen glasklaren Blick auf den Zustand des modernen Frankreichs zu zeigen. Hass, Brutalität, Orientierungslosigkeit – da trifft die Verführungskunst orthodoxer Prediger auf offene Gemüter. Denn eine ganze Generation wird ausgeschlossen und vernachlässigt, steht außerhalb. Das wird allerdings nicht mit erhobenem Zeigefinger erzählt, sondern in einen raffinierten Plot verkleidet, stilistisch sind deutliche Anklänge bei Ellroy  zu erkennen (der Titel „Arab Jazz“ ist eine Hommage an den US-Amerikaner und dessen Roman „White Jazz“, was von Weißen verursachter Trubel bedeutet). Aktueller können die Bezüge kaum sein – so wenn die Kommissarin, Tochter weißrussischer Einwanderer, auf den älteren Kollegen, „eingeborener“ Franzose trifft, dann ist sie „charlie“:

„Ekelhaft. Der Kerl ist einfach nur ekelhaft. Allein sein Anblick weckt in ihr das Bedürfnis nach einer Dusche. Er ist einer von den ewig Gestrigen – fett, aber muskulös, ein verbitterter Rassist, überzeugter Macho und verbissener Schwulenhasser. Und natürlich Antisemit, vor allem wohl deshalb, weil man ihn mit seinem elsässischen Nachnamen oft für einen Juden hält. Wenn sie ihm gegenübersteht, lässt Rachel unwillkürlich die engelsgleiche Antirassistin heraushängen, oder sie gibt sich als Wachhündin und Abonnentin der Satirezeitschrift Charlie Hebdo.“

Miské zeigt, wie Jugendliche aus Einwandererfamilien – egal ob zuhause der Islam gepredigt oder die Thora gelesen wird – zunächst eben durchaus wie in einem „melting pot“ zusammenleben, bis die Ereignisse Fronten schaffen und einige in die Radikalität, andere in die Kriminalität treiben. A lost generation. Das alles, wenn auch etwas brutal, rasant, temporeich und äußerst unterhaltsam geschrieben von einem, der die Lebensumstände dieser Generation kennt: Miské arbeitete an einer Langzeit-Filmdokumentation über die Fundamentalistenströmungen in Frankreich, als er mit dem Buch begann.

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