Thomas Wolfe: Eine Deutschlandreise

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„Aber Deutschland ist die Heimat des Fremden. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Seit jenen Tagen, da ich es zum ersten Mal betrat, vor acht Jahren, habe ich mich niemals fremd gefühlt. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ich habe keine Möglichkeit, dies zu beweisen, aber ich glaube, es muss in dem alten übervölkerten Gehirn der Menschen so etwas wie eine Rassenerinnerung geben.“ (…) So werde ich, ohne dass ich es begründen kann, in diesen beiden Ländern immer vom Geist der Erinnerung gejagt. Es ist eine merkwürdige Tatsache, aber von dem Augenblick an, da ich dieses Land betrat, vor acht Jahren, habe ich sofort ein Wiedererkennen gespürt.“

Thomas Wolfe, „Eine Deutschlandreise“.

Thomas Wolfe (1900 – 1938), der beinahe 2 Meter große Schriftsteller, wurde von Zeitgenossen oft als riesenhafter Junge (beziehungsweise jungenhafter Riese) beschrieben. Er neigte zum Schwärmen, Ausschweifen, Tagträumen. Dies ist auch an seinen gigantomanischen Romanen, so seinem 1929 erschienenen Debüt „Schau heimwärts, Engel!“ und „Von Zeit und Fluss“ spürbar.

Und so fühlte sich dieser amerikanische Mystiker der literarischen Moderne auch von dem Land, mit dem er väterlicherseits verbunden war, eigenartig angezogen: Von der Freundlichkeit der Menschen, der Ordnung, der Schönheit der Weinberge, von den märchenhaften Wäldern. Sechs Mal besucht Wolfe zwischen 1926 und 1936 Deutschland: Hier fand er mit Ernst Rowohlt einen geeigneten Verleger und erfuhr insbesondere bei seinem letzten Besuch zur Zeit der Olympischen Spiele in Berlin auch, wie es sich anfühlt, eine literarische Berühmtheit zu sein – seine Romane fanden zweitweise in Deutschland mehr Anerkennung als in seiner amerikanischen Heimat.

Die Texte, die während dieser Reise entstanden, versammelt nun ein neu erschienener Band im Manesse Verlag: Das Buch „Eine Deutschlandreise“ umfasst Tagebuchnotizen, die Listen über die bei den Reisen gekauften Bücher und besuchten Museen, Briefe an seine Geliebte Aline, Postkarten an die Mutter und auch die Novellen – darunter die berühmte vom „Oktoberfest“ – die von Wolfe in und über Deutschland geschrieben wurden.

Gerade die Erzählung vom Oktoberfest zeigt, wie eng biographisches Leben und literarisches Verarbeiten bei diesem Schriftsteller verknüpft waren: Tatsächlich besuchte Wolfe mit dem Sohn seiner Münchner Gastwirtin das seinerzeit schon berühmteste Volksfest der Welt. Dort geriert der starke Trinker nach etlichen Maß Bier in eine heftige Prügelei. In einem Brief an seine damalige Geliebte Aline schildert er das Geschehen unverblümt und mit allen schlimmen Konsequenzen – Wolfe erlitt schwere Kopfverletzungen und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Das blutige Ende seines Volksfestbesuches klammerte er in seiner Erzählung aus, aber andere Erlebnisse seines Oktoberfest-Bummels finden sich im Brief bereits skizziert und fast deckungsgleich in der Erzählung wieder.

Thomas Wolfe nimmt dabei zeitweise den Blick des Ethnologen ein, der, geprägt von eigenen Vorurteilen (von Beginn an tritt auch der hässliche Deutsche auf, der „Hunne“ mit Stiernacken, der unmäßig isst und trinkt), der fasziniert das Treiben der anderen betrachtet, der versucht, das Fremde zu erforschen:

„Die Wirkung dieser Menschenhorden überall in der riesigen und vernebelten Halle hatte etwas beinahe Übernatürliches und Rituelles: Etwas, das zum Wesen eines Volkes gehörte, war in diesen Horden beschlossen, etwas, so dunkel und seltsam wie Asien, etwas, das älter war als die alten barbarischen Wälder, etwas, das einen Altar umwogt und ein Menschenopfer dargebracht und verbranntes Fleisch verzehrt hatte.“

Trotz diesem Anblick der Massen beim Oktoberfest, bei dem „mir das Herz gefror“ und die in Wolfe Assoziationen zu „blondbezopften“ Kriegshorden hervorrufen, bleibt der Amerikaner, was das „Wesen dieses Tiers“ anbelangt, lange blind: Auch bei seinem letzten Besuch 1936 zeigt er sich unpolitisch und eher fasziniert von der Ordnung und Effizienz der Deutschen. Ganz unverblümt lässt er in seinen Notizen seine eigenen antisemitischen Vorurteilen freien Lauf, schreibt gar darüber, wie wenig Meinungsfreiheit man in seiner Heimat habe, wenn es um dieses Thema ginge. Doch einige Erlebnisse erschüttern ihn, führen zu einem Umdenken.

In der 1937 in einer amerikanischen Zeitung veröffentlichten Erzählung („Nun will ich Ihnen was sagen“) schildert er eine Bahnfahrt, bei der kurz vor der Grenze ein Jude verhaftet wird. Herausgeber Oliver Lubrich, der diese Erzählung auch in den Band der „Anderen Bibliothek“, „Reisen ins Reich“, aufnahm, analysiert detailreich in seinem Nachwort, wie sehr diese Erzählung die emotionale Abkehr Wolfes von seiner lang imaginierten Seelenheimat markiert.

„Es war die andere Hälfte meiner Herzensheimat. Es war die dunkle, verlorene Helena, die ich gefunden, es war die dunkle, gefundene Helena, die ich verloren hatte – und jetzt erkannte ich wie nie zuvor das ganze Ausmaß meines Verlusts – das ganze Ausmaß meines Gewinns – den Weg, der mir nun wohl auf immer versperrt sein würde – den Weg des Exils ohne Wiederkehr – und einen neuen Weg, den ich gefunden hatte.“

So ist „Eine Deutschlandreise“ nicht nur für Thomas Wolfe-Leser ein Kompendium, das verdeutlicht, welche Faszination, ja fast schon Hass-Liebe dieser Schriftsteller für Deutschland empfand, sondern auch ein Buch, das einen besonderen Blick auf ein Land kurz vor dessen größter Katastrophe aufzeigt.

Informationen zum Buch:

Thomas Wolfe, Oliver Lubrich (Hrsg.)
Eine Deutschlandreise
Manesse Verlag 2020
Gebunden, Schutzumschlag, Lesebändchen
416 Seiten, 13,5 x 21,5 cm, 16 s/w Abbildungen, 25,00 Euro
ISBN: 978-3-7175-2424-3


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Oliver Hilmes: Berlin 1936

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„Und Adolf Hitler? Der Reichskanzler nimmt an dem Empfang seiner Regierung nicht teil. Wie alles in diesen Olympiatagen, so ist auch Hitlers Fernbleiben Teil einer Inszenierung. Er kultiviert das Bild des unermüdlich arbeitenden „Führers“ und treusorgenden Übervaters, dem Amüsement und Geselligkeiten nichts bedeuten. Hitlers Popularität erreicht im Sommer 1936 einen Höhepunkt und wirkt nun auch tief in die Arbeiterschaft hinein.“

Oliver Hilmes, „Berlin 1936. 16 Tage im August“, Siedler Verlag, 2016.

Geschichtsvermittlung, die zum Pageturner wird? Barbara Tuchmann kann es, Bill Bryson kann es und Florian Illies gelang mit seinem „1913- Der Sommer des Jahrhunderts“ ein Bestseller. An dem aktuellen Olympia-Buch des Historikers und Publizisten Hilmes erinnert nicht nur der Titel an den Illies-Coup – auch das Rezept ist ein ähnliches: Man nehme ein Ereignis, einen Zeitraum, eine Epoche, gruppiere um eine These eine Fülle von dokumentierten Anekdoten rund um mehr oder wenige berühmte Zeitgenossen und runde diese populäre Art der Geschichtsvermittlung durch einen gut lesbaren Erzählstil ab.

Das perfekte Rezept für ein lesbares Geschichtsbuch light. Die Frage ist also nicht, ob man es lesen kann – ja, man kann, Hilmes ist ein geschickter Erzähler. Auch wenn der etwas redundante Hinweis darauf, dass sich „in wenigen Tagen“ das Schicksal von XY „ändern“ wird, die fröhlichen Tage überhaupt gezählt sind und bald ein Ende haben werden, mich als Leserin eher ärgert – Hilmes hätte es nicht nötig gehabt, durch solche Kniffe seine Leser bei der Stange zu halten.

Die Frage jedoch ist: Muss man es lesen? Während Illies, um das „Sommer-1913-Buch“ als Vergleichsmaßstab anzulegen, seine Anekdoten-Sammlung geschickt um eine These knüpft – nämlich jene, dass sich am Vorabend des Ersten Weltkrieges an unterschiedlichen Orten und Plätzen der Welt Künstler aller Genres zu kreativen Höhenflügen aufmachten, bevor die Götterdämmerung eintraf – so fehlt es dem Buch von Hilmes im Grunde an einem Überbau, einer neuen Idee, einer neuen Erkenntnis, die es zu den Olympischen Spielen im Nazi-Regime geben könnte. Und dadurch ist es, wenngleich auch gut erzählt, am Ende doch nicht viel mehr als eine Anekdotensammlung – in der vieles angerissen, für meinen Geschmack aber zu wenig vertieft wird.

80 Jahre nach den sportlichen Wettkämpfen in Berlin ist dies flott erzählte Werk der Marke „Histotainment“ für den Verlag mit Sicherheit ein gelungener Marketingzug. Hilmes verknüpft mehrere Erzählstränge, die aus verschiedenen Perspektiven die Olympiade 1936, die nach Willen der Nazis eine Leistungs-Demonstration von Hitler-Deutschland und ein Festspiel der Propaganda werden sollte, beleuchten.

Während im Berliner Stadion die Athleten um Spitzenleistungen und Weltrekorde wetteifern, brüten in der Reichskanzlei Hitler und Konsorten bereits über Kriegsplänen und dem Bau von Konzentrationslagern (Joseph Goebbel in seinem Tagebuch: „Nach der Olympiade werden wir rabiat“). Der Schriftsteller Thomas Wolfe taumelt etwas orientierungs- und ahnungslos durch sein geliebtes Berlin, bis ihm, der selbst vom Antisemitismus amerikanischer Bauart angekränkelt ist, die Augen geöffnet werden über die wahren Absichten der menschenverachtenden Diktatur. Mascha Kaléko leidet derweil an Liebeskummer, Leni Riefenstahl überwallen erotische Gefühle im Stadion angesichts diverser Muskelpakete, während Martha Dodd, die Tochter des US-Botschafters um Penisse flattert „wie ein Schmetterling.“ Und in den Lokalen rund um den Kudamm noch einmal die „Roaring Twenties“ nachgeholt werden.

Weniger aus der Abteilung „Klatsch und Tratsch“ wäre in meinen Augen mehr gewesen – ich muss nicht unbedingt mit dem Schicksal jedes Gigolos, der mit dem Geld einer reichen Berlinerin einen Club eröffnet hatte, vertraut gemacht werden. Dagegen wären einige erläuternde Worte zum Schriftsteller Ernst von Salomon, der immerhin mehrfach zitiert wird, wünschenswert gewesen: So erweckt das wenige an Zitaten einen irreführenden Eindruck dieses Autoren, der immerhin in seiner Jugend am Rathenau-Mord beteiligt gewesen war. Und Gretel Bergmann, die jüdische Leistungssportlerin, die als „Alibi“ eigens für die Olympischen Spiele von den Nazis zurück nach Deutschland geholt wurde und dann doch nicht antreten durfte – sie wird nur in einem kurzen Absatz erwähnt.

Es mag nun kleinkariert erscheinen, solche Auslassungen aufzuzählen. Aber etwas mehr an mancher Stelle an vertiefendem Hintergrund, dafür an anderer Stelle Verzicht auf nur Angerissenes – und das Buch hätte an Substanz gewonnen.

Zwar gelingt Hilmes durch seine Verknüpfung von Sport& Politik, Kultur& Halbwelt und einigen Hinweisen auf die anhaltende Verfolgung von Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, politisch Andersdenkenden und Intellektuellen es durchaus, den widersprüchlichen Charakter dieser Berliner Tage vom 1. bis zum 16. August 1936 aufzuzeigen. Doch außer Atmosphäre lässt dieses Buch wenig zurück – ein Lesehäppchen, das vor allem anregt, Originaltexte über diese Olymiade 1936 und diese Zeit zu lesen.

Positiver gestimmte Besprechungen finden sich bei der „Frankfurter Rundschau“ und „Zeichen & Zeiten“.


Weiterführende Literatur:

 „Reisen ins Reich 1933 bis 1945“, Herausgeber Oliver Lubrich, Eichborn Verlag, 2004.

In dieser Sammlung mit dem Untertitel „Ausländische Autoren berichten aus Deutschland“ finden sich auch Texte der bei Hilmes oftmals erwähnten Diplomatentochter Martha Dodd wieder, die mit der Zeit und zunehmenden Erfahrungen mit der Nazi-Clique eine kritische Sicht auf die Dinge entwickelt. Später wird sie politisch aktiv und offenbar für den sowjetischen Geheimdienst tätig. Enthalten ist zudem die 1937 entstandene Kurznovelle von Thomas Wolfe, die auch im Hilmes-Buch Erwähnung findet: „I have a thing to tell you“. Wolfe schildert, wie bei seiner Ausreise aus Deutschland ein jüdischer Anwalt von den Nazis aus dem Zug gezerrt und verschleppt wird. Wolfe, Antisemit amerikanischer Machart und bis dahin großer Deutschland-Liebhaber, kehrt nie wieder in das „Reich“ zurück.
Neben zahlreichen kritischen bis hin zu entsetzten Stimmen beinhaltet dieses Buch auch Texte von Anhängern des Faschismus wie Svend Hedin und Wiking Jerk. Einige Namen, so Sartre und Camus, sind wohl mehr wegen ihrer Prominenz vertreten, ihre während der jeweiligen Deutschlandaufenthalte entstandenen Texte sind jedoch eher von geringer Aussagekraft über das „Dritte Reich“. Überraschend dagegen der frech-zynische George Simenon, der als Reporter unterwegs war („Hitler im Fahrstuhl“), spürbar wird die Beklemmung, die Virginia Woolf bei einer Reise durch Süddeutschland empfindet, Samuel Beckett berichtet voller Abscheu von seinen Erlebnissen mit den Deutschen.

Insgesamt sind 33 Autorinnen und Autoren in diesem Buch vertreten: Dadurch entsteht ein vielschichtiges, zeitgenössisches Bild vom Nationalsozialismus und den Deutschen, gesehen aus der Perspektive von außen.

Weitere Informationen  zum Buch bei „Die andere Bibliothek“.


„Ich war die große jüdische Hoffnung“, Gretel Bergmann, G. Braun Buchverlag

Gretel Bergmann, 1914 in Laupheim, Baden-Württemberg, geboren, war eine der besten deutschen Hochspringerinnen – und sie ist Jüdin (die alte Dame feierte vor wenigen Wochen ihren 102. Geburtstag!). 1933 tritt der Ariererlaß in Kraft: Die junge Sportlerin wird aus ihrem Verein ausgeschlossen, darf an keinen Wettkämpfen mehr teilnehmen, studieren darf sie auch nicht. So geht sie 1934 nach England – wo sie prompt britische Meisterin im Hochsprung wird. Als, wie es auch Hilmes schildert, die USA und andere mit dem Boykott der Olympiade drohen, sollten keine jüdischen Sportler zugelassen sein, holt man Gretel Bergmann unter Zwang „heim ins Reich“. Doch kurz vor den Wettspielen wird sie unter fadenscheinigen Gründen wieder ausgeschlossen – ihr Schicksal wurde unter dem Titel „Berlin `36“ verfilmt, wenn auch fiktional etwas „aufgepeppt“.

In ihrer temperamentvoll formulierten Autobiographie blickt die „verhinderte“ Olympiasiegerin auf diese Jahre zurück und ihre eigenen Ängste und Gewissensnöte zurück: Jeder Sieg bei den Wettbewerben vor der Olympiade war ein Sieg über „die Unlogik der bösartigen Theorien Hitlers“:
„Ich hatte triumphiert, hatte ihnen Trotz geboten, mich behauptet und auf ausgesprochen befriedigende Weise gerächt. Aber bei aller Euphorie hatte ich auch Angst.“

Erst später erkannte die junge Frau:
„Unter den wachsamen Augen der Auslandspresse und des Internationalen Olympischen Komitees mußte Hitler sein Versprechen halten. Ich war in gewisser Weise ihre Eintrittskarte, und deshalb konnte mir nichts passieren. Sie brauchten mich, um das Ziel einer Olympiade par excellence zu erreichen. Es war reine Ironie, dass ausgerechnet ich, die Jüdin, den Deutschen zu ihrer größten Stunde verhalf. Wie müssen sie mich gehasst haben!“

Mehr Informationen und eine Leseprobe in „Die Zeit“.


 „Memoiren“, Leni Riefenstahl, Knaus Verlag, 1937

Ganz anderer Art dagegen die Erinnerungen der Leni Riefenstahl, jene innovative Regisseurin, die sich in den Dienst der Nazis stellte. Vor den beiden Olympiafilmen „Fest der Völker“ und „Fest der Schönheit“ hatte die Riefenstahl schon mit ihren Propagandafilmen 1933 und 1934 dazu beigetragen, den Menschen bestimmte Bilder von Macht und Willen einzubrennen.
Auch die Ästhetik ihrer Olympiafilme ist, wenn auch in gewisser Weise faszinierend, so doch von diesen „herkulischen“ Typen geprägt, vermittelt ein ganz bestimmtes Bild. In ihren „Memoiren“ pflegt sie das Image der missverstandenen Künstlerin, zeigt sich uneinsichtig und wenig selbstreflektierend. Um Politik sei es ihr nie gegangen, sie habe nur für die Kunst, die Filmkunst an sich gelebt – was widersinnig ist, wenn Kunst in den Dienst politischer Propaganda gestellt wird. Die „Memoiren“: Verschriftlichte Lebenslügen, Selbstverleugnung, Verharmlosung – ich konnte die selbstverliebte Inszenierung kaum ertragen beim Lesen.


„Der Fragebogen“, Ernst von Salomon, Rowohlt Verlag, 1951

Interessanterweise war Ernst von Salomon (1902 – 1972) ein Freund des Verlegers Ernst Rowohlt (er wird in diesem Zusammenhang auch an der einen und anderen Stelle im Hilmes-Buch erwähnt), war zudem im Verlag zeitweise als Lektor tätig. Aber von Salomon war auch: In Jugendjahren Freikorps-Anhänger, am Kapp-Putsch und am Rathenau-Mord beteiligt, preußisch und großnational eingestimmt.
Durch sein „Preußentum“ und seine jüdische Lebensgefährtin war von Salomon zwar in Distanz zum Nationalsozialismus, aber doch Vertreter einer rechten, erzkonservativen Denkungsart. Deutlich wird dies an „Der Fragebogen“. Das Buch wurde nach seinem Erscheinen Anfang der 1950er Jahre zum Bestseller. Das traf wohl den Nerv der Zeit: Eine schwafelhafte Rechtfertigung für stramm rechtes Denken. Das Buch mag als Zeitdokument wichtig sein – mir selbst war zu viel von Preußentum etc. die Rede. Nach einem Viertel abgebrochen und in die Ecke gepfeffert.
Der Titel des Buches bezieht sich auf die Entnazifizierungs-Fragebögen in der amerikanischen Besatzungszone. Von Salomon greift dies formal auf und beantwortet die 131 Fragen, nutzt dies als Plattform für eine zurechtfrisierte Autobiographie.

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Thomas Wolfe: Von Zeit und Fluss

Wolfe

Bild: (c) Michael Flötotto

“Was ist dieser Traum der Zeit, dieses seltsame und herbe Wunder des Lebens? Ist es der Wind, der die Blätter fliehend die kahlen Wege hinantreibt? Ist es das stürmische Jagen jähzorniger Tage, das sturmesschnelle Vorüberziehen einer Million Gesichter, allesamt verloren, vergessen, entschwunden wie im Traum? Ist es der Wind, der über die Erde hinwegfegt, ist es der Wind, der alle Dinge vor seiner Geißel hertreibt, ist es der Wind, der alle Menschen vor sich hertreibt wie tote fliehende Gespenster? Ist es das eine rote Blatt, das dort am Ast zerrt und bald für immer davonstieben wird?“

„Von Zeit und Fluss“, Thomas Wolfe, OA: 1935, in der Neuübersetzung von Irma Wehrl, 2014, Manesse Verlag.

Amerika. Home of the free. Land der Giganten. Thomas Wolfe (1900-1938) war so einer. Allein schon ein Riese von Gestalt – 1,99 Meter. Und einer, der sich nicht zähmen konnte, nicht zähmen wollte. Alles, aber auch alles aus der kurzen Lebenszeit herauspressen, was an Wörtern in ihm war. Bereits sein Debütroman „Look Homeward, Angel“ ein Gigant. Daneben arbeitete er an Erzählungen, an dem leichteren, kleinen Roman „The Party at Jack`s“, der zu Lebzeiten nicht veröffentlicht wurde, vor allem aber an der Fortsetzung seiner Künstlerbiographie „Of Time and the River“ – ein Mammutroman von rund 1200 Seiten.

„Wir wissen aus der Biografie des Autors, das Manuskript wäre noch weiter gewachsen, vielleicht dem Autor bis an den Hals, hätte es ihm nicht einer entrissen“, schreibt Schriftsteller Michael Köhlmeier in seinem klugen Nachwort zur deutschen Neuübersetzung „Von Zeit und Fluss“, nun erschienen im Manesse Verlag. Wie bereits „Schau Heimwärts, Engel!“ für Manesse hervorragend übersetzt von Irma Wehrli – Wehrli muss sich offenbar nun Jahre in Thomas Wolfe und sein Alter Ego, Eugene Gant, förmlich hineingelebt haben.

Die beiden großen Romane des 1938 an Tuberkulose verstorbenen Schriftstellers sind zum einem verkappte Autobiographien oder besser noch: Das eigene Leben wird als Folie benutzt, ausgepresst, ausgequetscht, um den amerikanischen Roman zu schreiben. Vielmehr als ein Abbild des eigenen Erlebens (und vor allem des Fühlens, der Entwicklung, der eigenen Gedanken) sind diese beiden Giganten der modernen amerikanischen Literatur eines: Sie sind die Erzählungen vom modernen Amerika, sie sind beinahe Amerika selbst, um es dem teilweise pathetischen Ton Wolfes nachzutun.

Nochmals muss ich auf das Nachwort von Michael Köhlmeier zurückgreifen, besser ließe es sich nicht ausdrücken:

„Es heißt, Thomas Wolfe habe nur ein Thema gehabt: Ich. Erstaunlich bei einem so wenig eitlen Mann. Aber dieser Dichter war kein pathologischer Egomane. In seinem Werk waltet nicht Dostojewski`sche Psychologie, sondern Seelenmythologie, wie sie in der Literatur bis dahin nicht zu beobachten war. (…) „Wir sind die Summe aller Augenblicke unseres Lebens.“ Schrieb Thomas Wolfe. Seine Adepten erhoben diesen Satz zu seiner Lebensphilosophie. Seelenmythologie (für diesen Begriff halte ich meinen Kopf hin) meint Resorption all dessen, was der Fall ist. Und das ist die Familie.“

„Schau Heimwärts, Engel!“, 1929 erschienen, erzählt die Geschichte der Großfamilie Gant – auch Wolfe selbst hatte sieben Geschwister, stammte aus sogenannten „einfachen“ Verhältnissen, die sich jedoch gerade auf eine sensible Künstlerseele wie die seine kompliziert auswirken mussten. Die Familie – Nest und Gefängnis zu gleich. Eugene Gant alias Thomas Wolfe gelingt die Flucht. Die letzten Sätze des Debütromans:

„Doch als er nun zum letzten Mal neben den Engeln auf seines Vaters Veranda stand, schien es, als wäre der Platz schon weit entfernt und verloren; oder vielleicht sollte ich sagen, er glich einem Mann, der auf einem Hügel steht über der Stadt, die er verlassen hat, jedoch nicht sagt: „Die Stadt ist nah“, sondern seine Augen emporhebt zu den in weiter Ferne aufragenden Gebirgszügen.“

„Von Zeit und Fluss“ erschien 1935. Und setzt nahtlos am Ende des Engel-Romans an: Eugene wird von Mutter und Schwester am Bahnhof verabschiedet, macht sich auf zum Studium an der Harvard University. Und damit beginnt eine lange Reise – weit weniger äußerlich, auch wenn es Eugene, den angehenden Schriftsteller in neue Kreise, ebenso zu den Underdogs wie zu den Neureichen verschlägt, auch wenn er Monate in England und Frankreich verbringt. Wichtiger ist die innere Suche, eine Suche, angetrieben von der Sehn-sucht. „Legende vom Hunger des Menschen in seiner Jugend“ lautet der Untertitel des Romans. Eugene, ein „grüner Heinrich“ der amerikanischen Moderne, hungert nach Wissen, Bildung, Liebe, Freundschaft, Nähe. Auf 1200 Seiten schildert Wolfe diese Sinnsuche, geprägt von Enttäuschungen, Desillusionierung, Entfremdung, seelischen Blessuren. Und dennoch feiert dieses Buch die Jugend, die Suche, das Werden. Weil Wolfe selbst einer war, der in sich den Zweifel ebenso trug wie die Lebenslust und die Liebe zum Leben, wird der Irrweg zunächst belohnt, ganz am Ende des Romans, durch die Begegnung mit einer Frau. Fortan, so weiß Eugene, wird er „am Dorn der Liebe zappeln“ – auch das wird ein Weg mit Umwegen, der Leser kann es erahnen. Und dann nur noch nach diesem Lesemarathon das Buch mit leiser Trauer schließen. Trauer darum, dass die Legende nicht fortgeschrieben werden konnte.

Wen das Volumen des Romans abschreckt: „Von Zeit und Fluss“ zieht einen mit seiner Sprache, nicht zuletzt dank der kongenialen Übersetzung Wehrlis, in seinen Strom, entreißt einem beim Lesen der Zeit. Wolfe`s Sprache umfasst alle Tonarten, ohne dabei störende Brüche zu hinterlassen – sie ist nüchtern, lyrisch, pathetisch zugleich. Meike Fessmann schreibt in einer Besprechung in der Süddeutschen Zeitung:

„Was für eine Fülle, was für eine Kraft, was für ein Überschwang! Wie ein breiter Fluss zieht dieser Roman seine Bahn. Er sammelt Episoden und Ereignisse ein, lässt die Zeit fließen, ruhig, gelassen, stark, um sie dann ganz plötzlich zu stauen. Man gleitet dahin, surft wie auf riesigen Wellen, wird von einem irren Schwung mitgenommen, obwohl dieser Roman alles andere als gefällig ist. Spürbar bleibt der Kampf mit dem in vielerlei Hinsicht autobiografischen Stoff, Thomas Wolfes Neigung zum Ausufern, die schwierige Arbeit des Eindämmens. Doch eben diese Gegenläufigkeit der beiden Bewegungen versteht er auszunutzen und formt daraus seinen eigenen Stil. Dabei bildet der Erzählfluss immer wieder furiose Strudel, die Themen schillern in allen Facetten – beinahe magisch, als stünde die Zeit für einen Augenblick einfach still.“

Ja, so ist es!

Zur Verlagsseite inklusive Leseprobe: http://www.randomhouse.de/Buch/Von-Zeit-und-Fluss-Roman/Thomas-Wolfe/e446713.rhd

Und ein ausführliches Portrait des Schriftstellers (in englischer Sprache):
http://www.nchistoricsites.org/wolfe/bio.htm

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Edith Wharton: Dämmerschlaf

„Dexter war in die Kanzlei aufgebrochen, ohne noch einmal nach ihr zu sehen; so wie am Abend zuvor die Fahrt hin zu den Toys und zurück verlaufen war, hatte sie fast damit gerechnet. Wenn er einen seiner Anfälle verkniffenen Schweigens hatte – und die wurden immer häufiger, wie sie bemerken musste -, war es zwecklos, sich einzumischen. Nachklänge aus Freuds Lehren, vielleicht etwas verworren ausgelegt, hatten ihren Glauben an die Heilsamkeit eines klärenden Gesprächs gefestigt, und sie hätte Dexter diese Medizin gerne aufs Dringendste empfohlen, aber beim letzten Mal hatte er sie mit der verletzenden Antwort abgefertigt, ein Abführmittel sei ihm lieber.“

Nun, Pauline Manford hat Mittel (auch in finanzieller Hinsicht) und Wege genug, um dieses Problem der fehlenden kommunikativen Achtsamkeit zu lösen. Mit etwas Lektüre von Dale Carnegie und Dr. Joseph Murphy schöpft sie ihr Unterbewusstsein als die wahre Quelle ihres Reichtums aus, ein Seminar in positivem Denken führt zu mentalem Positivismus, dazu eine Prise neurolinguistisches Programmieren, sowie einige Gespräche mit dem Trainer für Selbstoptimierung und für den programmatischen Überbau etwas Philosophie light mit Richard David Precht: Schon ist man wieder gerüstet für das nächste Society-Event, den nächsten Wohltätigkeitsball.

Uuups…da bin ich ein paar Jahrzehnte verrutscht. Um zu zeigen, wie modern Edith Whartons einziger satirischer Roman „Dämmerschlaf“ auch heute noch ist. Die Erzählung einer Familie der New Yorker „Oberen Zehntausend“ liest sich so frisch, als spielte er in der Jetztzeit. Also nicht, dass ich persönlich mich in diesen Kreisen bewegen würde – was aber in den „Goldenen Zwanzigern“ wohl ein Wohlstandsphänomen war, ist heute ein Massenphänomen in einer für viele gesättigten, ziellosen, orientierungslosen Zeit: Das Fieber der Selbstoptimierung. Die Suche nach dem mentalen Führer. Wo keine anderen Sorgen mehr spürbar sind, widmet man sich der eigenen „Achtsamkeit“ (mein Pfui-Wort des Jahres – aus Erfahrung sind dies meist die egozentrischsten, unachtsamsten Menschen), wo Wohlstandslangeweile vorherrscht, feilt man an seinem kleinen Ego.

„Dämmerschlaf ist eine Satire auf die besseren Kreise New Yorks. Schmerzfrei durchs Leben zu kommen, dabei stetig nach vorn zu schauen und an der Optimierung der eigenen Person, vor allem des eigenen Körpers zu arbeiten, damit weder große Gefühle noch Krankheit und Tod einem die Laune verderben – das sind die Themen dieses Romans. Nehmen wir die anderen Topoi dazu (…), dann schauen wir auf eine Gesellschaft, die uns bekannt vorkommt“, schreibt Verena Lueken in ihrem Nachwort zu diesem Roman, der 1927 erschien und nun vom Manesse Verlag in neuer Übersetzung (hervorragend: Verena Ott) herausgegeben wurde.

Das Buch war für die durchaus erfolgsverwöhnte Schriftstellerin Edith Wharton kein verkaufsträchtiger Meilenstein – wie Verena Lueken meint, lag dies wohl daran, dass Wharton zuvor ihre scharfe Zunge vor allem nur an Vergangenem gerieben hatte – dass sie in „Dämmerschlaf“ ein Milieu der Gegenwart erheiternd und bitterböse beschrieb nahm dieses Milieu, das die Autorin nur zu gut kannte, ihr übel. Aber wer möchte denn schon bei der Befragung des Spiegels nach der/dem Schönsten, Reichsten, Besten, Schnellsten im ganzen Lande das eigentliche Spiegelbild vorgehalten bekommen? Das wäre denn doch das Ende der Selbstoptimierung…

Letztendlich nützt das scheinbar beste Korsett aus Psychogeschwafel, Positivem Denken und einem wohlgefüllten Terminkalender, der zum Nachdenken keine Pause lässt, jedoch nichts, wenn das Leben zuschlägt – dies in Form der kleinen, amoralischen Lita, der „femme fatale“ des Romans, die das Lügengebäude mit zarter Hand zertrümmert.

Das Leben gescheitert, die Liebe gescheitert: Emotional und moralisch sind am Ende alle bankrott so wie zuvor. Und es bleiben nur die letzten, alten Ängste.

„Tiefer als all ihre eklektische Religiosität, tiefer als ihr Stolz auf den Empfang des Kardinals, tiefer als die vielen vordergründigen Widersprüche und Verrenkungen eines schon ganz ausgeleierten Gewissens, saß die nackte, altbekannte puritanische Angst vor dahingleitenden Priestern und Weihrauch und Götzendienerei, und Nona sah mit leichtem Lächeln, wie sie sich an die Oberfläche des Gesichts ihrer Mutter stahl. Vielleicht war diese nackte Angst der einzige ursprüngliche Charakterzug, der ihr noch geblieben war.“


Edith Wharton, „Dämmerschlaf“: Ein lesenswerter, moderner und erfrischend satirischer Roman.
Manesse Verlag, 320 Seiten, 24,95 €, ISBN 978-3-7175-2172-3.

Im Manesse Verlag ist 2011 zudem erschienen „Ein altes Haus am Hudson River“ von Edith Wharton – mit dem streckenweise sehr elegischen Ton dieses Buches tat ich mir hingegen etwas schwer.
Thematisch verwandt und überdies ein ebenso funkelndes Stück Literatur ist zu „Dämmerschlaf“ der Roman „Die Party bei den Jacks“ von Thomas Wolfe („Schau heimwärts, Engel“), 2011, Manesse Verlag.

Bild zum Download: Skulptur


 

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