Theodor Fontane – Noch einmal ein Weihnachtsfest

Noch einmal ein Weihnachtsfest,
Immer kleiner wird der Rest,
Aber nehm` ich so die Summe,
Alles Grade, alles Krumme,
Alles Falsche, alles Rechte,
Alles Gute, alles Schlechte –
Rechnet sich aus all dem Braus
Doch ein richtig Leben raus.
Und dies können ist das Beste
Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.

Theodor Fontane

Ich komme langsam in das Alter, in dem die Weihnachtszeit tatsächlich eine besinnliche wird. Die Großeltern-Generation fehlt seit einigen Jahren, die Kinder in der Familie machen sich allmählich selbständig. Der Kreis wird kleiner. Man denkt an die, die nicht mehr dabei sein können.
Zugleich mildert sich der Erwartungsdruck an diese Tage mit den Lebensjahren. Gesten sind wichtig, Geschenke weniger. Im Mittelpunkt steht das Zusammensein.
Man beginnt es wie Fontane zu halten, dem alten, weisen Knaben, und zieht ein wenig Bilanz. Ich wünsche mir an Weihnachten vor allem eines: Dessen Gelassenheit, dessen Lebensweisheit. Wie man das erreicht, davon gibt es sicher auch im kommenden Jahr, dem Fontane-Jahr, mehr zu lesen.

Allen meinen lieben Leserinnen und Lesern hier sage ich Dank für die Begleitung über das inzwischen sechste Blogjahr hinweg. Ich wünsche Euch schöne und frohe Festtage!

#MeinKlassiker (10): Jan Haag gesteht seine wahre Liebe – Effi Briest

Jan Haag bloggt – ich habe nochmals nachgeschaut – seit Ende 2008. Ohne großen Aufhebens, ohne großen Rummel um Blog und Person. Dafür aber mit viel Fachwissen und Liebe zur Literatur: Thomas Mann, Arno Schmidt, Günter Grass und Hermann Hesse sind regelmäßig bei CON = LIBRI präsent. Für mich ist sein Blog mittlerweile schon eine Quelle, will ich mich über einen der großen Namen informieren, CON = LIBRI als Sekundärliteratur. Da findet man Beiträge, die ebenso gut in einer Literaturzeitschrift erstveröffentlicht werden könnten – beispielsweise die Serie zu Hermann Hesse und Ulm. Es hat mich daher sehr gefreut, dass Jan für #MeinKlassiker verriet, wem seine wahre Liebe gehört:

Fontane lesen? Geht das heute überhaupt noch? Zugegeben, der Einstieg in einen Fontane-Roman ist für unsere Lesegewohnheiten vielleicht etwas zäh. Beginnt er doch meist mit einer ausführlichen, zu detailliert wirkenden Beschreibung von Schauplätzen der behutsam einsetzenden Handlung. Erst nach und nach erfasst der Erzählstrom den Leser und er taucht ein in Fontanes Preußen des 19. Jahrhunderts. Eine autokratische, von strengen Normen geprägte Zeit. Eine Zeit, in der die Entwicklung hin zu all den individuellen und gesellschaftlichen Errungenschaften, die wir inzwischen für unverzichtbar halten, gerade erst begonnen hatte.

Der Roman “Effi Briest” wurde bereits fünfmal verfilmt und dem einen oder der anderen ist die Handlung bereits von daher weitestgehend bekannt. Etwa aus der spröde-genialen Fassbinder-Adaption von 1974, die sich dramaturgisch streng an die Textvorlage hält. Oder der 1968 in der DDR entstandenen Interpretation mit einer hinreißenden Angelica Domröse in der Titelrolle. Oder der aktuellsten Version von 2009, in der Julia Jentzsch die Hauptrolle verkörpert. Eine misslungene, banale Interpretation, die sich optisch anbiedert und zu bildhaft und offensichtlich zeigt, was Fontane allein mit seiner Sprache in der Phantasie der Leser entstehen lassen kann.

Wovon erzählt dieses Buch? Von unerfüllten Wünschen, könnte man sagen, um damit einen zeitlosen Aspekt hervorheben; von einer arrangierten Kinderehe, um aktuelle Bezüge herzustellen. Von patriarchalischen Strukturen, die bis heute nicht restlos verschwunden sind. Von gesellschaftlichen Zwängen, unter denen immer die Falschen zu leiden haben.

Es sind die 1880er Jahre im sandigen Brandenburg. Der alteingesessene Adel fürchtet um seine Privilegien. Selbstbestimmte Lebensentwürfe für Frauen sind in weiter Ferne. Effi Briest, die eben noch eine heiter-leichte Kinder- und Jugendzeit verbringen durfte, wird, gerade 17-jährig, an den Baron Geert von Innstetten verheiratet. Der nicht mehr ganz junge Adelige hatte einstmals Effis Mutter verehrt. Die beiden kamen sich durch verschiedene Umstände nicht näher und die Angebetete heiratete den jovialen, zu modernen Ideen neigenden, aber ausgesprochen entscheidungsschwachen von Briest. Innstetten derweil ist stolz wie Bolle ob der Möglichkeit, Versäumtes nachholen und die frische Tochter ins Ehebett nehmen zu können.

Effi wird von der Entwicklung völlig überrumpelt, ihr Leben vom einen auf den anderen Tag komplett umgekrempelt, als es mit dem Angetrauten in die hinterpommersche Provinz geht. Das Paar bekommt eine Tochter und lebt in einem Haus das der jungen Mutter überhaupt nicht behagt, sie beunruhigt, ihr Alpträume verursacht. Sie fühlt sich einsam und isoliert. Nur Gespräche mit dem örtlichen Apotheker, der sie platonisch verehrt, bieten etwas Ablenkung und Anregung.

Eines Tages wird der verheiratete, leichtlebige Major von Crampas nach Kressin abgeordnet. Er wirbt mehr oder weniger offen um die attraktive Effi, die sich schließlich auf ein ebenso heimliches wie kurzes Verhältnis einlässt. In der Folge belasten sie schwere Schuldgefühle. Als sie mit ihrem Mann nach Berlin umziehen muss, schreibt sie dem Major: “Ihr Tun mag entschuldbar sein, nicht das meine. Meine Schuld ist sehr schwer… Vergessen Sie das Geschehene, vergessen Sie mich.”

Jahre später, während seine schwächelnde Gattin auf Kur weilt, entdeckt Geert von Innstetten zufällig Briefe seiner Frau an von Crampas und das Unheil nimmt seinen von Konventionen diktierten Verlauf. Dem Duell der beiden Männer folgt die Trennung der Eheleute. Erst nach einigen Irr- und Umwegen, und gegen den Widerstand der Mutter, kehrt Effi in ihr Elternhaus zurück. Mit den Worten “komm Effi!” hat sich der alte Briest gegen die Ehefrau durch- und über die gesellschaftlichen Vorgaben hinweggesetzt. Seine Tochter indessen ist eine gebrochene Frau. Sie wird krank und siecht dahin. Ein reales Ereignis in Berliner Adelskreisen diente Fontane als Vorlage für den Roman.

“Theodor Fontanes zeitlose Heldinnen” nennt der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Burkhard Spinnen die Frauengestalten in Fontanes Romanen, und deutet damit an, dass sich die Lektüre dieser Bücher nach wie vor so sehr lohnt. “Irrungen, Wirrungen” und “Frau Jenny Treibel” sind zwei weitere “Frauenromane” Fontanes, die er vor “Effi Briest” geschrieben hat, sie jedoch historisch einige Jahre später und in der Großstadt Berlin ansiedelt. Die weiblichen Protagonistinnen sind hier selbstbewusster, initiativer, Fontanes Sprache voll leichtem Witz und sanfter Ironie.

“Eine Romanbibliothek …, beschränkte man sie auf ein Dutzend Bände, auf zehn, auf sechs, – sie dürfte “Effi Briest” nicht vermissen lassen.” So schrieb der Fontane-Verehrer Thomas Mann. Und es gibt ja dieses Gedankenspiel, in dem man sich zu entscheiden hat, welche drei Bücher man auf eine einsame Insel mitnähme. Mit drei Büchern würde ich mich niemals auf eine einsame Insel verbannen lassen. Mich müsste ein mindestens mittelgroßer Container begleiten und darin wären neben vielen anderen gedruckten Lebensbegleitern, die auszuwählen immer noch schwer genug fiele, mindestens drei Bücher Theodor Fontanes.

Doch das ist wahrlich “ein weites Feld”. Ein geflügeltes Wort, das einst der Dichter Effis Vater in den Mund legte und mit dem dieser gerne seine mangelnde Entschlussfähigkeit kaschierte.

Zu Fontane habe ich erst spät gefunden. Die Lektüre von „Effi Briest“ war mein Schlüsselerlebnis. Inzwischen habe ich alle Romane gelesen – manche mehrfach. Es gibt zwei Frauenfiguren der deutschen Literatur, die mich immer begleiten werden: Tony Buddenbrook und Effi Briest. Beide scheitern, jede auf ihre Weise. Woran scheitern sie? An den „Verhältnissen“? Nein. Sie scheitern an „ihren“ Männern. Den Vätern, den Brüdern, den Ehegatten. Zwei schreibende Männer haben daraus exemplarische Literatur gemacht. Bewegend und großartig.

Jan Haag
https://litos.wordpress.com/


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