Christopher Isherwood: Kondor und Kühe

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„Ich habe noch nie so viele Buchhandlungen gesehen. Zusätzlich zu Dutzenden von lateinamerikanischen Autoren, von denen ich noch nie gehört habe, haben sie auch zahllose Übersetzungen auf Lager – alles von Platon bis Louis Bromfield. Bogotá ist natürlich berühmt für seine Kultur. Es gibt einen Ausspruch, soweit ich weiß, dass hier sogar die Schuhputzjungen Proust zitieren. Es ist schön, sich einen von ihnen vorzustellen, wie er Bürste in der Hand, innehält, um zu bemerken: Tatsächlich liegt in der Liebe beständiges Leiden, das die Freude zwar neutralisiert, in bloß potenziellem Zustand erhält und aufschiebt, das aber jeden Augenblick werden kann, was es seit Langem wäre, wenn man nicht das erlangt hätte, was man wollte: entsetzlich…“

Christopher Isherwood am 12. Oktober 1947 in Bogotá in: „Kondor und Kühe“, Liebeskind Verlag, 2013.

Der britische Schriftsteller Christopher Isherwood (1904-1986) war, wie zahlreiche seiner Landsleute, lebenslang auch ein Reisender. Seine Reisebücher und Essays darüber sind hierzulande jedoch weitgehend unbekannt – Isherwood ist vor allem im Gedächtnis für seinen Roman „Leb wohl, Berlin“, die Vorlage für das berühmte Musical „Cabaret“ und für „A single man“, 2009 atemberaubend auf die Leinwand gebracht von Tom Ford, das gelungene Filmdebüt des Modedesigners.
So dauerte es leider bis 2013, dass ein Verlag so mutig war, das südamerikanische Reisetagebuch Christopher Isherwood ins Deutsche übersetzen zu lassen: „Kondor und Kühe“, übersetzt von Matthias Müller, erschienen im Münchner Liebeskind Verlag. Ein Gewinn für alle, die gerne lesend reisen und für jene, die sich in lateinamerikanischer Politik und/oder Kultur auskennen. Und das (freilich vom Autor noch vor Erscheinen redigierte) Tagebuch eines großen Stilisten: Isherwood beobachtet genau, analysiert messerscharf, schreibt brillant.

1947 besteigen er und sein Reise- wie Lebensgefährte, der Fotograf William Caskey, mit dem ihn eine fünfjährige, teils destruktive Beziehung verband, ein Schiff in New York.

„Er ist sechsundzwanzig Jahre alt, ein Ire aus Kentucky. Wahrscheinlich würde Dr. Sheldon ihn als einen kleinen viscerotonischen Mesomorphen klassifizieren. Seine Freunde vergleichen ihn oft, durchaus nett gemeint, mit einem Schwein. Dem brauche ich nichts hinzuzufügen. Er wird sich wahrscheinlich selbst beschreiben, ganz allmählich, in dem Maße, wie der Bericht unserer Reise fortschreitet. Er ist Fotograf von Beruf und begleitet mich, um Fotos für das Buch zu machen.“

Nun: Die Fotos sind es nicht, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dagegen Isherwoods Beobachtungen. Er sagte von sich selbst: „I am a camera“. Und so saugt er auf dieser Reise, die bis März 1948 währt, Bilder eines Kontinents im ewigen Unruhezustand auf, die er zu Papier bringt. Auf teils abenteuerlichen Routen, mit dem Schiff, Zug, Bus, seltener mit dem Flugzeug, reisen die beiden Männer über Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien bis Argentinien. Freilich erleichtert seine Bekanntheit als Schriftsteller Isherwood den Kontakt zu Land und Leuten und ermöglicht ihm Einblicke, die einem Rucksacktouristen nicht gewährt werden. Da hält er Vorträge vor literarischen Zirkeln, wird von den jeweiligen amerikanischen und britischen Botschaftern gerne auch mal betüttelt, trifft alte Freunde aus Berliner Zeit, Exilanten, die vor den Nazis fliehen mussten und in Südamerika eine neue Heimat fanden.

Freilich ist Isherwood jedoch intelligent und ironisch genug, um sich von den Fassaden der oberen Gesellschaftsschichten nicht blenden zu lassen – in langen Passagen setzt er sich mit den politischen Unwägbarkeiten Lateinamerikas auseinander, mit der Rolle der Kirche, der Armut der Landbevölkerung und der Stellung der Indios. Und immer wieder wird die Faszination für das Andere, das Fremde, selbst dessen grausame Seite, deutlich:

„Es ist ein gewalttätiges Land. Donner und Lawinen in den Bergen, riesige Überschwemmungen und Gewitter auf den Ebenen. Vulkane explodieren. Die Erde bebt und teilt sich. Die Wälder voller wilder Tiere, giftiger Insekten und tödlicher Schlangen. Ein falsches Wort, und ein Messer wird gezogen. Ganze Familien werden ohne Grund ermordet. Unruhen sind überraschend und blutig und oft sinnlos. Autos und Lastwagen werden mit einer Gleichgültigkeit, die schon beinahe selbstmörderisch ist, ineinander oder über Felsvorsprünge gefahren. Solch eine Energie in Zerstörung. Solche eine Apathie, wenn es darum geht, etwas zu reparieren oder zu bauen. So viel Humor in Verzweiflung.“

Die Reise liegt nun beinahe 70 Jahre zurück. Warum also ein Reisetagebuch lesen, von dem man annehmen könnte, alle Beobachtungen darin sind bereits überholt, alle Entdeckungen, die Bücher wie diese interessant machen könnten, waren bereits schon zuvor gemacht?
Nun, zum einem: Die Natur bleibt, wo sie nicht mutwillig vom Menschen zerstört werden kann, unabänderlich – noch immer kreisen Kondore, noch immer ist Argentinien geprägt von ihrer Pampa, schüchtern die Schneegipfel der Anden mit ihrer Mächtigkeit ein, birgt die von Isherwood geprägte Route atemberaubende Anblicke. Obwohl bekennende Reisemuffelin, kann ich dies doch aus eigener Anschauung bestätigen – einen Teil der Route, wenn auch einen kleineren mit weniger Zeit, nahm auch ich einstmals auf mich und ward überwältigt.
Und nachvollziehen kann ich auch die Todesängste, die Isherwood bei manchem Reiseabschnitt durchlitt und humorvoll kommentiert: Busfahrer, die mit Höchstgeschwindigkeiten Haarnadelkurven am Abgrund nehmen, Piloten, die durch den Nebel stochern, Buse, die notorisch unpünktlich kommen und dich irgendwo im Nirgendwo aussetzen – auch das ist eine Konstante.
Vor allem aber sind Isherwoods Bemerkungen über die politische Entwicklung dieses Kontinents, der lange in Abhängigkeiten gehalten wurde – von den spanischen und portugiesischen Eroberern und deren verlängertem Arm, der Kirche, später von den Weltmächten USA und UdSSR – hellsichtig und – leider – immer noch höchst aktuell.

„Doch die neuen Republiken sind noch nicht wirklich frei, nicht wirklich einheitlich. Sie sind noch keine Nationen geworden. (…) Um Nationen zu werden, müssen sie aufhören Kolonien zu sein. Die Natur arbeitet an diesem Projekt, vermischt allmählich Indios mit Latinos. Doch die Natur arbeitet sehr langsam. Und währenddessen fegt eine große Flut sozialer Revolutionen über die Welt. Eine Flut, die Kommunisten und andere zu lenken und zu kontrollieren versuchen. In Kolonialländern muss dieser gesellschaftliche Aufstand der Unterprivilegierten auch die Form eines rassischen Aufstands annehmen (…). Die unmittelbaren Aussichten sind beängstigend. Jahrzehnte der Unruhe. Militärherrschaft. Herrschaft des Pöbels. Endlose Gewalt, unterbrochen nur durch Perioden schierer Erschöpfung. Ausländische Intervention, die vielleicht für eine Weile eine unpopuläre Disziplin auferlegt. Dann noch mehr Revolten, noch mehr Blutvergießen…Oder bin ich zu pessimistisch? Es gibt Kräfte auf der anderen Seite, die friedliche Veränderung und Entwicklung betreiben. Sie sind vielleicht viel stärker, als sie aussehen.“

Noch, so scheint es, ist diese Entwicklung nicht abgeschlossen.

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Nathaniel Hawthorne: Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny

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„…und es gibt verschiedene andere Hawthornes, die uns ebenfalls überliefert sind: Hawthorne, der Allegoriker, Hawthorne, der hochromantische Fabeldichter, Hawthorne, der Chronist des kolonialen New England des 17. Jahrhundert, und, am bemerkenswertesten, Hawthorne, wie er von Borges neu interpretiert wurde – als Vorläufer Kafkas. Hawthornes Literatur kann mit Gewinn aus jedem dieser Blickwinkel gelesen werden, doch gibt es noch einen weiteren Hawthorne, der mehr oder weniger wegen der Vielzahl seiner anderen Verdienste vergessen und vernachlässigt wurde: der private Hawthorne, der Anekdoten und impulsive Einfälle hinkritzelte, der Arbeiter der Ideen, der Meteorologe und Landschaftsbeschreiber, der Reisende, der Briefautor, der Historiker des alltäglichen Lebens.“

Paul Auster zu „The American Notebooks“

In seinen Tagebüchern zeigt sich Nathaniel Hawthorne, dessen „Scarlett Letter“ nicht zuletzt auch eine groß angelegte Abrechung mit der puritanischen geprägten Gesellschaft seiner Zeit ist, von einer ganz anderen Seite. „Hawthorne ist nach eigenen Worten ein Individuum, das gern sein Gesicht verbirgt, keiner „dieser äußerst spendablen Leute, die ihr eigenes, köstlich zubereitetes, mit Hirnsoße gebratenes Herz ihrem geliebten Publikum als Leckerbissen vorsetzen“. Dabei führte er hingebungsvoll und ausführlich Tagebuch (…). Sein diaristisches Sudelbuch birgt die erstaunlichsten Schätze, denn es zeigt den scheuen, bisweilen strengen Schriftsteller immer wieder aus nächster Nähe, humorvoll, warmherzig, en famille“, schrieb Werner von Koppenfels in der Zeit.

Hawthorne, der Vater:

Einer dieser Schätze erschien in deutscher Übersetzung (von Alexander Pechmann) 2013 beim österreichischen Verlag Jung und Jung: „Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny“. Der Einzelgänger, der seine Frau Sophia abgöttisch liebt (dazu später noch mehr), muss einige Wochen im August 1851 allein mit Sohn Julian und Karnickel Bunny verbringen. Der Sohn überlebt, das Kaninchen nicht.

Das Tagebuch, das Hawthorne in dieser Zeit führt, ist eine schmale, reizende Lektüre. Vater und Sohn, allein auf sich gestellt, verbringen die Tage in einem ruhigen Rhythmus – Morgenwaschung, der Kampf mit Sohnes Lockenpracht, der Gang in das Dorf, das Warten auf Briefe von Sophia, bescheidene Mahlzeiten, ruhige Abende. Wenige Unterbrechungen – ein Höhepunkt ist ein Ausflug mit Freund und Nachbar Herman Melville in ein Shaker-Dorf. Die Verachtung für diese Sekte zeigt an einer der wenigen Stellen dieses kleinen Ausschnitts aus den Tagebüchern den giftig-bissigen Schriftsteller, der wenig Gnade mit den religiösen Irrwegen seiner Landsleute kennt.

Vor allem aber steht eines im Mittelpunkt des Büchleins: Die Erfahrung, rund um die Uhr mit seinem Sohn zusammen zu sein (die beiden Töchter waren mit der Mutter verreist). Die Hawthornes, so erläutert auch Paul Auster in seinem Nachwort, pflegten einen für damalige Zeiten ungewöhnlichen Erziehungsstil. Liebe und Nachsicht statt Härte und Strenge, den Kindern wurde die freie Entwicklung ihrer Persönlichkeit erlaubt. Doch Julians lebhaftes und vor allem gesprächiges Wesen bringen Hawthorne, der lange Jahre seines Lebens eher einsiedlerisch verbrachte, manchesmal auch an den Rand seiner Geduld. Gerade diese Notizen, in denen sich eine leichte Gereiztheit äußert, der Wunsch, den Redeschwall auch einmal brachial zu stoppen (der jedoch nie ausgeführt wurde), das Bekenntnis, dass das eigene Kind auch auf die Nerven fallen kann – gerade dies macht den Reiz von „Zwanzig Tage mit Julian und Little Bunny“ aus. Und in Stellen wie diesen können sich Eltern auch heute noch wiederfinden:

„Julian war bemerkenswert unruhig im Dorf (…). Seine Bewegungen waren so rastlos, dass ich ihn verdächtigte, sich – nach seinem eigenen Fachausdruck – „unbehaglich“ zu fühlen, doch er leugnete es nachdrücklich. Wir hielten beim Liebeshain und dort stellte ich ihm erneut eine diesbezügliche Frage, aber er sagte noch immer nein. (…) Ich hörte ihn schreien, als ich noch ein gutes Stück entfernt war, und als ich näherkam, sah ich, dass er breitbeinig ging. Armer kleiner Mann! Seine Hosen waren pitschnass. Es ist eine ausgesprochene Grausamkeit gegenüber dem Kind, dass seine Kleidung nicht derart gefertigt ist, jederzeit einem natürlichen Bedürfnis freien Lauf lassen zu können. Knaben mögen es nicht, ihre Bedürfnisse mitzuteilen (…).“

Hawthorne, der Liebende:

„Meine Abende sind alle trostlos, einsam und ohne Bücher, die ich gerade gerne lesen würde, und dieser Abend war wie die anderen. So ging ich ungefähr um neun zu Bett und sehnte mich nach Phoebe.“
Tagebuch, Sonntag, 10. August 1851

In seinen Tagebüchern nennt Hawthorne seine Frau Sophia zuweilen Phoebe. Aber auch: Taube, Geliebte, Allerliebste, Einzige. Beide waren schon älter, als sie 1842 heirateten: Hawthorne 38, die Malerin Sophia Peabody 33 Jahre alt. Bis zu seinem Tod 1864 blieben sie beinahe unzertrennlich – und die Gefühle füreinander offenbar ungebrochen, wie viele Belege beweisen.

Wie sehr das Paar verbunden war, zeigt ein frühes Zeugnis dieser Ehe: Ein gemeinsames Tagebuch der ersten Jahre, 2014, ebenfalls beim Jung und Jung Verlag, unter dem Titel „Das Paradies der kleinen Dinge“ erschienen. Eine ausführliche Besprechung gibt es hier: http://saetzeundschaetze.com/2014/05/18/hawthorne-paradies/

Hawthorne, der Selbstreflexive:

„Der Regen prasselte aufs Dach, und der Himmel drang trüb durch die staubigen Dachfenster, während ich in diesen ehrwürdigen Büchern wühlte, auf der Suche nach nur einem einzigen lebendigen Gedanken, der wie Kohlefeuer glimmen oder wie ein unverlöschlicher Edelstein zwischen all dem toten Geschwätz, das ihn so lange versteckt gehalten hatte, leuchten würde. Aber ich fand keinen solchen Schatz; alles war gleich tot; und ich konnte nur zutiefst verwundert über die demütigende Tatsache nachsinnen, dass die Werke des menschlichen Geistes genauso wie die seiner Hände zerfallen. Gedanken schimmeln.“
„Das Alte Pfarrhaus“, 1846

Im alten Pfarrhaus verbringt Hawthorne einige seiner glücklichsten Jahre, mehrfach bezieht er sich darauf in seinem Tagebuch und in seinen Werken. Nach einem gescheiterten Kommunen-Experiment auf der Brook Farm findet er, frischverheiratet mit seiner geliebten Sophia, in Concord das ideale Refugium: Hier kann er zurückgezogen leben und doch im losen Kontakt zu Freunden und Kollegen, darunter Emerson und Thoureau, sein. Den kurzen Text „The Old Manse“ stellte Hawthorne einem Erzählband voran. Er erschien als eigenständiges Buch vor wenigen Jahren in deutscher Übersetzung – verdientermaßen: Ist diese kleine Skizze doch auch zugleich ein gehaltvoller Essay, der nicht nur eingeschworenen Hawthorne-Fans einige schöne Lesestunden zu bereiten vermag. Eine ausführlichere Besprechung findet sich hier: https://saetzeundschaetze.com/2014/11/15/hawthorne-pfarrhaus/

Über den Dreiklang Ehemann-Vater-Privatmensch hinaus sei auch noch auf eine andere Seite des amerikanischen Autoren hingewiesen: Hawthorne, der Gruselige.

„In jenen Zeiten, wo Träume und Schwärmereien der Narren noch im Leben Wirklichkeit wurden, trafen sich einst zwei Personen zu verabredeter Stunde an vorher bestimmten Ort. Die eine war eine Dame, lieblich von Gestalt, schön von Angesicht, doch blaß und wie von einem unzeitigen Mehltau befallen in der Blüte ihrer Jahre. Die andere war ein altes, zerlumptes Weib, häßlich und verwelkt, das die Dauer solchen Verfalls, die gewöhnliche Zeit menschlichen Lebens, um vieles überschritten zu haben schien. Drei kleine Hügel lagen da dicht beieinander; und eingebettet in ihren Steinmauern war etwas wie ein Loch in die Unterwelt…“

Nathaniel Hawthorne, „Die Höhle der drei Hügel“.

Fast schon mit Shakespearschem Furor beginnt diese Mär. Aber an den blanken Horror, den beispielsweise „Grube und Pendel“ oder der „Untergang des Hauses Usher“ auslösen können, reichen die Erzählungen von Nathaniel Hawthorne nicht heran. Doch ähnlich wie sein nur fünf Jahre jüngerer Landsmann Edgar Allan Poe hatte auch Hawthorne einen Hang zum und ein Händchen für das Düstere, Unheimliche, Übersinnliche. Spürbar ist dies auch in seinen Romanen, insbesondere „Das Haus mit den sieben Giebeln“ weist starke Elemente des Schauerromans auf.

Hawthorne, der manchen seiner Zeitgenossen als „obskurster Schriftsteller“ Amerikas galt, verfasste neben seinen Romanen auch ein umfangreiches Erzählwerk – „Dr Heidegger`s Experiment“ (1837) kann getrost als eine der besten Erzählungen dieser Epoche bezeichnet werden. Leider ist diese im vorliegenden Band nicht enthalten, dafür etliche schön-schaurige Geschichten. Die wurden nun zum Hawthorne-Gedenkjahr 2014 anlässlich seines Todes vor 150 Jahren in dem dtv-Taschenbuch „Die Mächte des Bösen“ gebündelt – elf Stories von „Lady Eleanors Schleier“ über „Die Totenhochzeit“ bis hin zur obligatorischen alten Jungfer in Weiß. Übersetzt übrigens von Franz Blei, der in den 1920er Jahren mit dem „großen Bestiarium der Literatur“ reüssiert hatte, darüber hinaus aber auch Poe, Oscar Wilde sowie etliche Franzosen in die deutsche Sprache übertrug.

Den trocken-spröden Ton des Puritaner-Nachfahren Hawthorne trifft Blei gut, wenn auch manches etwas umständlich-dekorativ daher kommt, insbesondere in der Auftakterzählung „Rappacinis Tochter“, die Hawthorne in Italien spielen lässt. Das jedoch ist durchaus auf das Original zurückzuführen: So nüchtern er einerseits die menschliche Seele auseinandernehmen konnte, so verdrechselt formulierte Hawthorne auch bisweilen.

Um was dreht sich der Grusel? Ob es nun eine junge Frau ist, die von ihrem Vater buchstäblich als „Giftzange“ eingesetzt wird, ob es Verzweifelte sind, die einem Schatz nachjagen oder auch nur ein junges Paar, das sich das falsche Bild an die Wand hängt: Auslöser des Bösen sind menschliche Untugenden wie Eitelkeit, Besitzgier, falsches Begehren. Letztendlich ist Hawthorne nicht nur ein gründlicher Kenner (und oftmals auch Missachter) der menschlichen Seele, sondern daneben auch immer ein Moralist. Bezeichnenderweise sind die Mächte des Bösen meist weiblicher Gestalt – oder aber die jungfräuliche Schönheit verkörpert die Reinheit, die Unschuld. Wenn es dumm läuft, ist sie beides in einem, wie „Rappacinis Tochter“. Hawthornes Verhältnis zu Frauen war zwiespältig. Einerseits war seine Ehefrau Sophia seine engste Vertraute, schätzte er den Geist und die Leistungen gebildeter Frauen, andererseits bleibt er in seinen Beschreibungen oftmals auch stereotyp und in den Klischees seiner Zeit. Dennoch: In seinem bekanntesten Roman, „Der scharlachrote Buchstabe“ sind die Frauen das eigentlich starke Geschlecht.

Zurück zu Grusel&Grauen: Wer viktorianisch angehauchten Grusel mag, der wird auch am amerikanischen Horror seinen Gefallen finden – die „Mächte des Bösen“ wirken mitunter zwar etwas angestaubt, sind aber dennoch immer noch ganz unterhaltsam. Idealer Lesestoff für düstere Winterabende.

Hier geht es zu den Verlagsangaben inklusive Leseproben:
http://www.dtv.de/buecher/die_maechte_des_boesen_14300.html

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Sophia&Nathaniel Hawthorne: Das Paradies der kleinen Dinge

„Wie glücklich Adam und Eva waren! Niemand drängte sich zwischen sie, und all die Unendlichkeit, die sie umgab, diente nur dazu, ihre Herzen enger aneinander zu binden. Wir lieben einander ebenso sehr wie sie, doch für uns gibt es keinen stillen und lieblichen Garten Eden. Meine Liebste, willst du mit mir fortsegeln, um irgendeine Sommerinsel zu entdecken? – Glaubst du nicht auch, dass Gott seit Anbeginn der Zeit eine für uns reserviert hat?“

Nathaniel Hawthorne an Sophia Peabody. Boston, 21. April 1840

Das Zitat ist dem gemeinsamen Tagebuch von Nathaniel und Sophie Hawthorne vorangestellt. “Das Paradies der kleinen Dinge” erschien nun zum 150. Todestag des amerikanischen Autors.

Nur noch knapp zwei Jahre soll es währen, dann findet Hawthorne mit seiner Sophia seinen Garten Eden (allerdings weniger in lieblicher denn in rauer Natur), sein „Paradies der kleinen Dinge“. Wie es aber immer so ist mit paradiesischen Zuständen: Glück, von außen betrachtet, kann auf Dauer etwas monoton wirken. So monoton wie die Gräuselungen auf dem Concord River. Der nämlich ist, so lässt es ein Tagebucheintrag von Nathaniel Hawthorne vermuten, eine recht zähfließende Angelegenheit.

„Doch wenn ich den Fluss als Ganzes betrachte, finde ich nichts, was sich besser zum Vergleich eignet als einer dieser fast reglosen Würmer, die ich ausgrabe, um sie als Köder zu benutzen. Der Wurm ist träge, und ebenso der Fluss – der Fluss ist schwammig und ebenso der Wurm – man weiß kaum, ob sie lebendig oder tot sind, doch mit der Zeit gelingt es beiden trotzdem davonzukriechen.“

Bei solchen Stellen atmet man als Leser beinahe erleichtert auf: Da ist er wieder, der gute, altvertraute Miesepeter, der Skeptiker vor dem Herrn (Peter Handke spricht in seinem Vorwort von „Hawthornes geradezu elementarer Reizbarkeit und Verdrießlichkeit), der in diesem Tagebuch ansonsten eher in den Fluten seiner Liebesprosa untergehen zu droht. Denn: Anstrengend kann es mitunter sein, den Erzählungen frischverliebter oder angetrauter Paare zu lauschen. Man freut sich mit dem jungen Glück, doch spätestens nach dem zweiten Video von Traumhochzeit und Honeymoon fällt das geduldige Zuhören schwer. Und nun stelle man sich vor, es handelt sich hierbei um ein Flittern, das sich über beinahe anderthalb Jahre erstreckt, das sich zudem in ländlicher Zurückgezogenheit und dadurch bedingter Selbstgenügsamkeit des Paares abspielt – und dies alles in Tagebuchform festgehalten.

Eine literarische Wiederentdeckung

Passend zum 150. Todestag des amerikanischen Schriftstellers Nathaniel Hawthorne, der am 19. Mai 1864 in Plymouth verstarb, veröffentlichte der Verlag Jung & Jung nun eine literarische Wiederentdeckung: Das gemeinsame Tagebuch des Autors, der insbesondere für seine düstere Abrechnung mit den puritanischen Vorfahren in „Der scharlachrote Buchstabe“ weltberühmt wurde, mit seiner ihm frisch angetrauten Frau Sophia. Die beiden bezogen unmittelbar nach ihrer Hochzeit im Juli 1842 ein altes Pfarrhaus – „The Old Manse“ in Massachusetts, das auch heute noch als Museum zu besichtigen ist. Ihr gemeinsames Leben halten sie in einem gemeinsamen Tagebuch, „The Common Journal”, fest, das sich bis zum November 1843 erstreckt. Dank der Übersetzung durch Alexander Pechmann kann nun auch der deutschsprachige Leser in „Das Paradies der kleinen Dinge“ eintauchen. Und wird zunächst einmal überrascht. Denn Hawthorne, der ein ähnlich düsteres Menschenbild pflegte wie andere Vertreter der amerikanischen Literatur seiner Zeit – beispielsweise Melville, mit dem er vorübergehend befreundet war, und Edgar Allan Poe – zeigt sich privat von einer helleren Seite. Statt dunkler Literatur-Romantik helle Liebes-Romanze. Es ist die „kleine Frau“, die Frieden seiner Seele bringt, die wilden Blumen zu zarten Gebinden ordnet und das karge Pfarrhaus wohnlich macht. Wäre nicht so viel echtes Gefühl aus diesen Zeilen zu lesen, was wiederum sehr anrührend wirkt – so wäre mancher Tagebucheintrag auch nahe am Kitsch. Oder von unfreiwilliger Komik, so Sophias Seelenerguss vom 9. Mai 1843:

„Liebster Gatte, du solltest nicht arbeiten müssen, vor allem nicht mit den Händen, & du hasst es zu Recht. Du bist ein Engel, der kam, die noch schlafende Natur & die Menschen zu beobachten, ohne dazu gezwungen zu sein, doch mit Fortpflanzung oder dem Wegräumen von alten Abfall abzumühen. Apollo inmitten seiner Herden hätte nicht so deplatziert aussehen können wie du mit Säge&Axt&Rechen.“

Mittelpunkt der amerikanischen Literatur

Man wünschte sich ab und an mehr vom Skeptizismus, der Hawthornes Werken ansonsten innewohnt, mehr von den kritischen Betrachtungen, die sich allerdings, mangels menschlicher Begegnungen, vor allem in den Reflexionen über die Natur Bahn brechen. Hawthorne, der am Rande dem Kreis der Transzendentalisten angehörte, hatte schon Erfahrungen mit back-to-the-roots gemacht, als er für ein halbes Jahr auf der Brook Farm lebte, einem frühen Kommune-Projekt. Dass dem nicht sein Lebensstil war, wurde dem schüchternen Mann relativ schnell deutlich. Die Zweisamkeit, so vermittelt es auch das Tagebuch, lag dem Schriftsteller mehr. Allerdings war „The Old Manse“ kein unbedacht gewählter Ort – in unmittelbarer Nähe lebte Ralph Waldo Emerson, Margaret Fuller kam häufig vorbeispaziert und Henry David Thoureau wurde ein beliebter Gesprächspartner von Hawthorne. So ist das Tagebuch ein Fundus für alle, die an dieser literarischen Epoche interessiert sind. Oder die die Geduld haben, einem schwärmerischen Paar zu folgen.

Man weiß es jedoch nicht, ob in dem „Common Journal“ nicht irgendwann doch Sprengkraft steckte – den Sophia hat es, nach Nathaniels Tod, streng zensiert, ganze Seiten darin vernichtet. So sind etliche private Einträge für immer verloren – so (verständlicherweise) ihre Gedanken nach ihrer Fehlgeburt. Aber vielleicht auch der eine oder andere Hinweis auf kleine Zwistigkeiten im Paradies. Wenn auch der Ton streckenweise zu elegisch anmutet, so betont Peter Handke im Vorwort zum Tagebuch zu Recht:

„Ihrer beider Liebesgeschichte ist in zweifacher Hinsicht eine Dreiecksgeschichte, erst einmal im Dreieck mit der Natur, und dann im Dreieck mit den Menschen, mit den Verwandten, stärker wohl noch mit den Freunden, insbesondere Emerson und Thoreau, die zu dem einstigen Pfarrhaus auf Besuch kommen.“

Die Naturbeschreibungen Hawthornes und seine Reflexionen dazu sind es, die dieses Tagebuch insbesondere lesenswert machen:

„Hohes Alter gibt Flieder, Rosenbüschen und anderen Ziersträuchern ein einmaliges Aussehen. Es scheint, als ob sie, die nur der Schönheit wegen wachsen, in ewiger Jugend gedeihen oder wenigstens sterben sollten, bevor sie hinfällig werden. Sie sind Paradiesbäume und deshalb naturgemäß nicht dem Verfall unterworfen, doch sie haben ihr Geburtsrecht verloren, als man sie hierher verpflanzte. Die Vorstellung eines altehrwürdigen Rosenbusches erscheint irgendwie lächerlich unpassend, und hierfür gibt es eine Entsprechung im Menschenleben. Menschen, die nur anmutig und dekorativ sein können – die der Welt nichts als Blumen geben können – sollten jung sterben und nie mit grauem Haar und Falten gesehen werden, so wie Blumensträucher kein Moos auf der Rinde und spärliches Laub haben sollten wie der Flieder unter meinem Fenster. Nicht dass Schönheit der Unsterblichkeit nicht würdig wäre – eigentlich ist nichts anderes dessen würdig -, und daher vielleicht das Gefühl der Unangemessenheit, wenn wir sehen, wie die Zeit über sie triumphiert. Apfelbäume andererseits werden tadellos alt.“

Zwischen dem Kampf gegen den Kürbiskäfer, der großen Raum einnimmt, Apfelernte und den Ziehen eigener Bohnen liegt die eigene schriftstellerische Tätigkeit jedoch brach, was ab und an zu reizbaren Ausbrüchen Nathaniels führt:

„Ich glaube, dass dieses Wetter Laune und Gemüt sehr ungünstig beeinflusst – es herrscht eine Verdrießlichkeit, eine Ruhelosigkeit, eine durchdringende Unzufriedenheit, in Verbindung mit einer absoluten Unfähigkeit, den Geist zu irgendeiner ernsthaften Anstrengung zu bewegen. Was literarische Produktion angeht, ist der Sommer für mich nutzlos und unrentabel gewesen, und ich kann nur hoffen, dass meine Kräfte sich für den Herbst und Winter erholen.“

Tatsächlich scheinen das Leben auf dem Lande, aber vor allem die Ehe mit Sophia auf lange Sicht heilsam für Nathaniel, der bis zu seinem 30. Lebensjahr etwa kaum Anerkennung für seine schriftstellerische Tätigkeit gefunden hatte, gewesen zu sein: Seine drei großen Romane, die ihn zu seiner Zeit berühmt machten, entstanden alle nach der Zeit in „The Old Manse“. Er fand und verstand, wo – so aus dem Verlagstext – das Paradies verborgen sein könnte: in den kleinen Dingen des Alltags.


Bild zum Download: Rote Rosen