Stefan Zweig: Ein Europäer von heute

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Stefan Zweig, portraitiert von Michael Hahn. Foto: Birgit Böllinger

„Die geistige Einheit unserer Welt?? Welch ein absurdes Thema! Spreche ich da nicht über ein Phantom? Existiert sie wirklich? Hat sie je existiert? Wird sie je realisierbar sein?

Leider, ich gestehe es, ist sie nicht sehr sichtbar im gegenwärtigen Augenblick, diese moralische Einheit unserer Welt – im Gegenteil, selten war die Atmosphäre der Welt (insbesondere unseres alten Europas) so vergiftet von Misstrauen, Uneinigkeit und Angst. Mit Unruhe nimmt man jeden Morgen die Zeitung zur Hand, mit einem Seufzer der Erleichterung legt man sie nieder, wenn nichts besonders Gefährliches sich ereignet hat, nur manchmal glaubt man die schwarzen Schwingen des drohenden Kriegs über seinem Schlafe rauschen zu hören.“

Stefan Zweig aus: „Die geistige Einheit Europas“.

Wenn man diesen Vortrag von Zweig, 1936 in Rio de Janeiro gehalten, heute liest, muss man sich die Augen reiben: Wort für Wort beschreibt der große österreichische Autor unsere gegenwärtige Situation. Mag man heutzutage auch keine Zeitung mehr lesen, sondern Nachrichten im Internet, mag es die wunderbare Sprache Zweigs sein, die manchem etwas antiquiert erscheinen mag: die Worte verlieren dennoch nicht ihre Gültigkeit und Aktualität.

Zweigs „Welt von gestern“ erscheint wie die „Welt von heute“:

„Woche für Woche, Monat für Monat kamen immer mehr Flüchtlinge, und immer waren sie noch ärmer und verstörter von Woche zu Woche als die vor ihnen gekommenen.“

Zwar spricht Zweig hier, in seinen „Erinnerungen eines Europäers“, von der jüdischen Bevölkerung, die versucht, aus dem nationalistischen Deutschland zu fliehen – doch an dem Kapitel „Sie standen an den Grenzen“ wird deutlich, was Flucht und Heimatverlust bedeuten, damals wie heute.

Der Verlag „Topalian & Milani“, der schon einmal mit „Die unsichtbare Sammlung“ einen wunderbaren bibliophilen Band mit zwei Erzählungen Zweigs herausgab, begeistert nun erneut mit einem absolut schön gestalteten Buch, einem Buchkunstwerk, das zwei Novellen des Autors beinhaltet.

Ergänzt durch die beiden oben zitierten Aufsätze zeigt dieser Band die politische und moralische Aktualität des Österreichers, der sich, verzweifelt über das Leben im erzwungenen Exil, 1942 das Leben nahm, an zwei Erzählungen. Auch die beiden ausgewählten Novellen für das stimmig illustrierte Buch, „Der Amokläufer“ und „Episode am Genfer See“, zeigen, warum Stefan Zweig ein Autor der Moderne ist: Er taucht förmlich in die Psyche seiner Figuren ein, er geht bis an ihren Seelengrund und die gewählten Thematiken, Machtmissbrauch eines Mannes über eine Frau und die Lage eines Flüchtlings, sind nach wie vor aktuell.

Mag „Der Amokläufer“, der allein von der Länge der Erzählung aus schon mehr Raum einnimmt, die spannendere Geschichte sein, an der Zweigs ganze Kunst des erzählerischen Gestaltens deutlich wird, so ist die „Episode am Genfer See“ die deutlich anrührendere Erzählung. Am schweizerischen Ufer des Sees strandet ein nackter, unbekannter Mann, ein Russe, als Soldat in den Krieg gezwungen, der nur noch nach Hause zu seiner Familie möchte. Mit welchen Vorbehalten die Bevölkerung reagiert, wie wenig Bereitschaft da ist, dem Mann über das Notwendigste – Kleidung und Essen – hinaus zu helfen, wie sehr dieser aber wiederum unter seiner „Sprachlosigkeit“, seinem Heimweh und seiner Isolation leidet, dies alles schildert Zweig in wenigen, einprägsamen Szenen. Eine Geschichte, die auch heute noch dazu beizutragen vermag, sich in die Ausnahmesituation eines Flüchtlings hineinzudenken. Dass beide Erzählungen tragisch enden, dies sei an dieser Stelle noch vermerkt.

Es ist also auch heute immer noch ein großer Gewinn, Stefan Zweig zu lesen. Und mit diesem vorliegenden Buch liegt auch eine der schönsten Neuausgaben vor, die es von Zweigs Erzählungen gibt: Handwerklich und optisch von der Auswahl der Schriften bis hin zum Papier aufwendig und wunderschön gemacht, wie man es von dem 2015 gegründeten Verlag inzwischen schon erwartet.

Die Illustrationen von Michael Hahn sind überwältigend – sie greifen die jeweilige Atmosphäre der Geschichten auf, arbeiten beispielsweise beim „Amokläufer“ mit Motiven der indonesischen Bilderwelt, aber ebenso bei den Portraits der Kolonialherrschaften mit Elementen des Jugendstils und Art déco. Über die Arbeit Hahns mache man sich am besten selbst ein Bild, direkt hier: www.hahn-illustration.de

Informationen zum Buch:

Stefan Zweig
Der Amokläufer/Episode am Genfer See
Topalian & Milani, 2019
Hardcover, Großformat, 176 Seiten,
durchgehend illustriert von Michael Hahn, 28,00 Euro
ISBN: 978-3-946423-07-2


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Stefan Zweig: „Die unsichtbare Sammlung“ und „Buchmendel“

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Illustration: Joachim Brandenberg, Offenbach. Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

„Eigentlich schämte ich mich: Da war ich wie der Engel des Märchens in eine Armeleutestube getreten, hatte einen Blinden sehend gemacht für eine Stunde nur dadurch, daß ich einem frommen Betrug Helferdienst bot und unverschämt log, ich, der in Wahrheit doch als ein schäbiger Krämer gekommen war, um ihm ein paar kostbare Stücke abzujagen. Was ich aber mitnahm, war mehr: Ich hatte wieder einmal reine Begeisterung lebendig spüren dürfen in dumpfer, freudloser Zeit, eine Art geistig durchleuchteter ganz auf die Kunst gewandter Ekstase, wie sie unsere Menschen längst verlernt zu haben scheinen. Und mir war – ich kann es nicht anders sagen – ehrfürchtig zumute, obgleich ich mich noch immer schämte, ohne eigentlich zu wissen, warum.“

Stefan Zweig, „Die unsichtbare Sammlung“, 1927.

Zweig nannte diese Novelle „eine Episode aus der deutschen Inflation“: Sie handelt von einem Sammler, der Kunstblätter und Stiche Rembrandts, Dürers und Mantegnas in seinem Besitz glaubt. Was der alte Mann, ein erblindeter Kriegsveteran des deutsch-französischen Krieges, jedoch nicht weiß: All seine Kostbarkeiten wurden von Frau und Tochter verkauft, die wertvollen Blätter durch leeres Papier ersetzt. Die Not der Nachkriegszeit hatte die Frauen dazu gezwungen – doch die galoppierende Geldentwertung in den 1920er Jahren führt dazu, dass der Familie der kostbare Besitz förmlich zwischen den Händen zerschmilzt. Erzählt wird diese anrührende Geschichte aus der Perspektive eines Berliner Kunstantiquars, der sich eigentlich von der Fahrt in die sächsische Provinz erhofft, bei dem Sammler einige Stücke zurückkaufen zu können.

Rund um den alten Sammler versinkt die Welt – doch ihn, den Blinden, hält die Freude an seinen ideellen Reichtümern aufrecht: auch wenn er sie nicht mehr sehen kann, so ist es doch ihr Dasein, das ihn erfüllt.

„Unvergeßlich war mir der Anblick: dies frohe Gesicht des weißhaarigen Greises da oben im Fenster, hoch schwebend über all den mürrischen, gehetzten, geschäftigen Menschen der Straße, sanft aufgehoben aus unserer wirklichen widerlichen Welt von der weißen Wolke eines gütigen Wahns. Und ich mußte wieder an das alte, wahre Wort denken – ich glaube, Goethe hat es gesagt: »Sammler sind glückliche Menschen.«“

Oh ja, und wie glücklich! Denn in den Tagen rund um die Buchmesse, an denen beinahe inflationär Bücher bepriesen werden, an den Tagen der Buch-Inflation also, an denen auch deutlich wird, wie sehr das Buch eben auch Ware ist, erreichte mich ein besonderer Schatz. Man muss es mir nachsehen, wenn ich hier völlig ungehemmt schwärme: Aber in meinen Augen ist dieser Band mit zwei Novellen von Stefan Zweig aus dem erst 2015 gegründeten Verlag Topalian & Milani das schönste Buch des Jahres.

Die beiden Verleger machen ein, zwei Bücher pro Saison – diese aber mit völliger Hingabe und großer Liebe zum Detail. War schon „Die römische Saison“ von Lutz Seiler ein optisches und haptisches Juwel, so ist dieser Zweig-Band noch ansehnlicher und schöner geworden. Mit „Buchmendel“ und „Die unsichtbare Sammlung“ haben Rasmus Schöll und Florian L. Arnold zwei bekannte Novellen des Österreichers herausgegriffen, die in Zweig`scher Manier, melancholisch-menschenfreundlich, Sammler und Buchbesessene zum Inhalt haben.

Insbesondere im „Buchmendel“ wird von Zweig die Welt von gestern heraufbeschworen: die der ostjüdischen-galizischen Kultur, wie sie Zweig und Joseph Roth so eindrucksvoll beschrieben haben, die der untergegangen Welt des Kaffeehauses der Vorkriegszeit, die sich im Vielvölkerstaat Österreich durch Toleranz, Mehrstimmigkeit, Offenheit auszeichnete. Der Buchmendel, ein wandelndes Literaturlexikon, eine Koryphäe auf seinem Gebiet, nimmt, als sich die Zeiten langsam zum Schlechteren wenden, ein tragisches Ende. In den Wirren des Ersten Weltkriegs als Spion verdächtigt und interniert, wird er später im Kaffeehaus, seiner Lebensbasis, nicht mehr geduldet, stirbt an Auszehrung. Der Erzähler, der Jahre später auf Spurensuche geht, erinnert sich an diesen tragisch-komischen Menschen so:

„In diesem kleinen galizischen Büchertrödler Jakob Mendel hatte ich zum ersten Mal als junger Mensch das große Geheimnis der restlosen Konzentration gesehen, das den Künstler macht wie den Gelehrten, den wahrhaft Weisen wie den vollkommen Irrwitzigen, dieses tragische Glück und Unglück vollkommener Besessenheit.“

Zu Buchkunst wird diese Ausgabe durch die schwarz-weiß-Illustrationen, die Zweigs Novellen nicht nur kongenial interpretieren, sondern auch eigenständige Kunstwerke sind. Florian L. Arnold, der bei Sätze&Schätze mit seinem Roman „Die Ferne“ bereits als Schriftsteller verewigt ist, nähert sich der unsichtbaren Sammlung mittels einer grotesken Zeichensprache an – kleine Vignetten, großformatige Bilder, die beinahe an anatomische Studien angelehnt sind. Immer wieder schauen den Betrachter Augen an, so beispielsweise auf dem Titelbild. Als wolle der Illustrator Einblick in das menschliche Gehirn geben, aufzeigen, dass man eben nicht nur durch das Auge sieht. Der Blinde, der durch seine Bildersammlung blättert – eine tragisch-komische Erscheinung, die Arnold als Drama mit Tuschfeder und Elementen der Kupferstichtechnik, wie sie auch für die Novelle Zweigs prägend sind, umsetzt.

Direkter, aber nicht weniger eindrücklich in seinem Ausdruck ist Joachim Brandenberg, der „Buchmendel“ illustriert hat. Ein mit Stacheldraht umwickeltes Notizbuch, ein Portrait, bei dem Buchfetzen aus den Augen quillen, eine zerbrochene Brille – melancholische Bilder, die den Ton der Zweig-Novelle treffen, aufnehmen, weiterführen. Einen Eindruck von den Arbeiten des Illustrators und Buchkünstlers gewinnt man hier: http://joachimbrandenberg.de/

Abgerundet wird dieser Buchschatz durch ein Nachwort zu Stefan Zweig, einen Überblick über seine Veröffentlichungen sowie einen Abdruck seines Abschiedsbriefes vor dem Freitod am 22. Februar 1942.

Schön gestaltete Vorsatzblätter, Fadenheftung und die Papierauswahl machen dieses Bucherlebnis perfekt: Ein Schmuckstück, das mich restlos begeistert hat!

Wer einen Blick auf das Buch tun will:
http://www.topalian-milani.de/portfolio/stefan-zweig-buchmendel-die-unsichtbare-sammlung/

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LITERARISCHE ORTE: Stefan Zweig Ausstellung – Abschied von Europa

 

Als die alte Welt vor Hass zu lodern beginnt, ist auch er zur Flucht gezwungen: Stefan Zweig, einer der Verfechter des europäischen Gedankens, verlässt 1935 Salzburg. Auch England ist nur Zwischenstation, 1940 emigriert er mit seiner Ehefrau Lotte nach Brasilien.

Am 14. Juni 1940 schreibt Stefan Zweig in seinem Tagebuch über die bürokratischen Schwierigkeiten, die ihm die Ausreise von England nach Südamerika bereitet:

„Ich habe nicht das Mindeste erreicht, weiß heute nicht, was wird, ob und ob überhaupt (,) habe nur Zeit verloren, Nerven verbraucht, nicht eine Minute etwas Vernünftiges denken können. Dazu die lähmend(en) Nachrichten – die Hakenkreuzflagge auf dem Eiffelturm! Hitlersoldaten als Garde vor dem Arc de Triomphe. Das Leben ist nicht mehr lebenswert. Ich bin fast 59 Jahre und die nächsten werden grauenhaft sein – wozu alle diese Erniedrigungen noch durchmachen.“

Stefan Zweig, Tagebücher, Ausgabe S. Fischer Verlag, 1984

Aber auch dort, in der „Neuen Welt“, ist für ihn kein Bleiben mehr – im Februar 1942 scheidet er mit seiner Frau aus dem Leben.

Paul Zech, langjähriger Vertrauter des Schriftstellers, der selbst nach Südamerika geflüchtet war, erinnert sich:

„Wollen wir doch nicht vergessen, dass Stefan Zweig in den beiden letzten Jahren der Emigration mehr gelitten hat, als in den vorhergehenden Jahren seines Lebens überhaupt. Er wurde die Dämonen nicht mehr los, die sich in sein Denken hineinbohrten und mit Fieberanfällen sein Blut unruhig machten, seine Nerven strapazierten und einen ruhigen Schlaf nicht mehr aufkommen ließen.“

Zweig hatte ihm gegen Ende seines Lebens geschrieben:

„Schließlich bin ich ja auch nicht zivilisationsmüde, aber müde dieses Schlachtens ohne Sinn, das kein Ende nehmen will. Es wäre dumm und verlogen, Dir nun zu sagen: Sei guten Mutes, es wird alles wieder besser werden. Nein. Wir brauchen einen ganz anderen Mut…“

Beide Zitate aus: „Stefan Zweig – Paul Zech, Briefe 1910 – 1942, Fischer Taschenbuch 1986

Verloren war die Welt von Gestern.

„Wir brauchen einen ganz anderen Mut!“ – dieses Zitat steht auch über der Ausstellung „Stefan Zweig – Abschied von Europa“, die 2015 im Literaturhaus München zu sehen war.

 

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Walter Bauer: Die Stimme

„Die friedlose Erde rundete sich und besaß wieder Tag und Nacht in ihrer Ordnung. Ich spreche vom Glück.
Verstehen Sie? Ich wage das Wort zu sagen in einem glücklosen Jahrhundert, das in die Luft fliegen kann. Ich spreche nicht von der Dauer des Glückes; ich spreche von Augenblicken – von jenen Augenblicken, in denen ich mich zum ersten Mal wieder leben fühlte, weil ich einen anderen in meinen Armen hielt. War das alles? Hätte das nicht auch „drüben“ geschehen können? Vielleicht; weshalb nicht? Aber es geschah hier und in einem Augenblick, auf den alles in mir gewartet zu haben schien; und die Worte, die ich gebrauchte, sagte ich zum ersten Male. Ich sagte sie in einer anderen Sprache; und wenn ich allein in meinem Zimmer war, schlug ich das Wörterbuch auf und suchte nach Worten, die ich sagen wollte. Sie waren alle neu, sie glänzten von Leben und Frische und waren mit Leben gefüllt. Denen, die hier lebten und sich in ihrer Sprache bewegten, wie in einem vertrauten Haus, waren sie abgenutzt, kleine Münze; doch nicht mir. Die Worte dieser Sprache wurden von mir neu erschaffen. Mund, Lippe, Brust, es war alles neu, frisch wie frisches Silber im Morgenlicht. Zärtlichkeit, Verlangen, Ruhe, Gelassenheit, Sterblichkeit, mir schien, als wüsste ich jetzt erst, was sie bedeuten. Das Wörterbuch war ein Buch des Lebens, und wenn ich nach Worten suchte, war es mir, als flüstere ihre Stimme die Worte mit, damit sie nicht nur Worte blieben, sondern, gefüllt mit ihrer Stimme, Teil meines Lebens wurden, wie meine alte, eingeborene Stimme Teil meines Lebens war; und auch sie, diese liebe, alte Sprache wurde von einem merkwürdigen Licht getroffen; sie wurde durchsichtig und rein.“

Exil und Neuanfang

Es ist eine ruhige, sachte Stimme, die aus dieser Erzählung zu uns spricht. Nicht aufdringlich, dafür desto eindringlicher. Diese Stimme erzählt von einem Schicksal, das im vergangenen Jahrhundert Abermillionen traf (und, solange es Menschen und Kriege und Katastrophen geben wird, weiter Abermillionen treffen wird): Exil, Verlust der Heimat, des Gewohnten, Neuanfang, neues Herantasten an eine neue Welt. Für die meisten bedeutet dies zudem: Neu sprechen lernen, lernen, in einer neuen Sprache auch zu denken, zu fühlen, zu leben. Für Schriftsteller, die in, mit und von ihrer Sprache leben, noch eine ganz andere, besondere Situation. Walter Bauer (1904-1976) verlieh dem mit seiner schmalen Erzählung eine Stimme.

Ein Einwanderer in Kanada – ganz offensichtlich das Alter Ego des Schriftstellers – berichtet einem jüngeren Besucher aus der alten Heimat von seinem Hineinwachsen in eine neue Welt. Angestrandet mit Millionen anderen, nichts als bittere, belastende Erinnerungen an einen Krieg, in dem die Seele beinahe zerbrach, im Gepäck. Er muss zuerst Fuß fassen, in Tritt kommen, auch in der neuen Sprache – um im herum doch Menschen, die ebenso aus allen Teilen der Welt angekommen sind auf diesem Kontinent, der Hoffnung und Vergessen verspricht. Aber:

„Jeder von ihnen war eine winzige Insel für sich, ohne Zusammenhang mit einem Kontinent, ich meine: mit anderen. Gibt es irgendwo soviel einsame Menschen wie hier?“
In einer Bibliothek schließlich lernt der Einwanderer eine Frau kennen. Dank ihr findet er seinen Weg hinein – hinein in die Sprache, zurück ins Leben.

Eine schmale Erzählung, knapp 100 Seiten, ihr Inhalt in wenigen Worten umrissen. Und dennoch steckt in diesem kurzen Text soviel Welt. „Die Stimme“ – sie ist nicht zuletzt eine wunderbare Parabel über die Kraft der Sprache. Die heilsame Kraft der Sprache, wenn zwei Menschen lernen, miteinander zu sprechen – „Geschichte einer Liebe“ hat Walter Bauer seine Erzählung untertitelt.

„Keine Frage, die Geschichte von Richard und Diana ist die Geschichte einer großen Liebe, eine Liebesgeschichte, die archetypischen Vorbildern aber eine neue Bedeutungsebene hinzugewinnt: Die beiden können einander nur finden, indem sie eine gemeinsame Sprache finden.“
Der Schriftsteller Jürgen Jankofsky im Nachwort zur vorliegenden Ausgabe.

Wie bereits erwähnt, ist die Erzählung autobiographisch geprägt. Walter Bauer, 1904 in einfachen Verhältnissen in Sachsen geboren, findet bereits mit seinen ersten Veröffentlichungen große Anerkennung, wird von Stefan Zweig gefördert, von Tucholsky, Werfel und Hesse gelobt. 1933 werden seine Werke, die davor erschienen, verboten. Der Schriftsteller und Lehrer wird zwar von den Behörden schikaniert, kann aber weiterarbeiten und publizieren.

So werde ich mein Leben verbringen: den Abgrund vor Augen
und eine gestählte Freude im Herzen.

Er geht in die innere Emigration. Einberufung, Fronteinsätze und Kriegsgefangenschaft folgen, Erlebnisse, die ihn nie wieder loslassen. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitet Walter Bauer äußerst produktiv vor allem als Autor von Hörspielen weiter und engagiert sich im PEN. Doch enttäuscht von restaurativen Entwicklungen in der Bundesrepublik entschließt er sich 1952 zur Auswanderung nach Kanada, zu einem Neustart. Er studiert moderne Sprachen und unterrichtet bis zu seinem Tod als Professor an der Universität von Toronto.

„Die Stimme“ wurde nun beim Lilienfeld Verlag wieder veröffentlicht, ansonsten sind seine Bücher und Texte nur noch antiquarisch zu erhalten.

„Gut, dass Walter Bauer nicht stumm wird. Gut, dass seine Stimme wieder stärker gehört werden kann. Er hat uns nach wie vor viel zu sagen.“
Jürgen Jankofsky.

„Die Stimme“ wurde beim Lilienfeld Verlag als Rezensionsexemplar angefragt.

Bestellen bei buchhandel.de: Walter Bauer, „Die Stimme“, Lilienfeld Verlag, 2014.

 

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Volker Weidermann: Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft

„In Zeiten, die Zeit hatten, hatte man an der Kunst etwas aufzulösen. In einer Zeit, die Zeitungen hat, sind Stoff und Form zu rascherem Verständnis getrennt. Weil wir keine Zeit haben, müssen uns die Autoren umständlich sagen, was sich knapp gestalten ließe.“

Karl Kraus, „Heinrich Heine und die Folgen“

Volker Weidermanns biographischer Roman „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“ das wäre wohl so ein Büchlein, an dem Karl Kraus seine spitze Zunge geschärft hätte. Ein Ergebnis „impressionistischen Feuilletonismus“ hätte er es wohl genannt.

Sagen wir mal: Es ist ein Stimmungsbild, mit viel literaturwissenschaftlichem Know-how routiniert gepinselt. Solche Bücher sind geradezu en vogue – man denke nur an den Erfolg des anderen Sommer-Buches eines anderen Journalisten, „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“. Jüngere Geschichte, in anmutige Form verpackt, wohldosiert.

Ja, Ostende – man muss es nicht lesen, es schadet aber auch keinem. Gesetzt den Fall, man greift denn doch noch (einmal) zu den Originalen, liest Stefan Zweig, Joseph Roth, neben deren Romanen und Essays auch ihren Briefwechsel, begegnet dem kunstseidenen Mädchen nach Mitternacht und dem rasenden Reporter in deren ECHTEN Büchern. Ostende erfüllt seinen Zweck allenfalls als Appetithäppchen. Dafür jedoch ist es mit viel feuilletonistischer Routine zusammengesetzt.

Weidermann beschreibt die Begegnung einiger Schriftsteller 1936 im Badeort Ostende. Vor allem das Zusammentreffen der beiden so unterschiedlichen Freunde aus Österreich steht im Mittelpunkt: Stefan Zweig, die Welt von gestern noch frisch betrauernd, aber im zweiten Frühling mit einer neuen Liebe, Joseph Roth, haltlos, orientierungslos, bodenlos dem Alkohol verfallen. Mit Irmgard Keun, die die Sommer- und Exilgemeinde aufmischt, kommt noch einmal ein Silberstreif an den Roth`schen Horizont. Dennoch: Alle wissen, es ist Götterdämmerung, das Heil besteht nur noch in der Flucht. Ostende, `36, das ist ein letzter „magischer“ Sommer, in dem persönliche und politische Hoffnungen wie kurze Leuchtfeuer aufflackern und ebenso schnell erlöschen.

Ein kurzes Feuer ist auch das wenig mehr als 150 Seiten umfassende Buch. Zwar durchaus: Informativ, sich auf die Quellen stützend, wörtliche Zitate aus Briefen und Aufsätzen einflechtend, faktenreich, dort, wo die Situation der Schriftsteller und Journalisten abgebildet wird, die vor den Nazis flüchten mussten. Dort, wo Weidermann jedoch vom Biographischen verstärkt in das Romanhafte gleitet, erreicht das Buch seine Grenzen.

„Ein paar Tage später sitzen sie noch einmal alle zusammen. Alle braun gebrannt, außer Roth, dem alten Sonnenfeind. Sie sitzen wieder im Flore, mit Blick aufs Meer und die Badehäuschen. Christiane Toller strickt trotzig vor sich hin, Gisela Kisch lacht, wann immer es etwas zu lachen gibt und auch wenn es nichts gibt, Lotte Altmann ist still, und nur wenn sie leise hustet, bemerkt die große Runde, dass sie noch da ist, Schachfuchs schaut aufs Meer, Stefan Zweig sitzt zwischen Lotte und Fuchs, raucht und hört zu, wenn Egon Erwin Kisch von Spanien spricht, vom Krieg der Kommunisten, neuesten Berichten von der Front, und Arthur Koestler von seinen Reiseplänen, die ihn in Francos Hauptquartier führen sollen.“

Es scheint, als habe Weidermann der Ehrgeiz gepackt, das „Who-is-who“ der Ostender Exilgemeinde 1936 in einen Satz zu pressen. Stimmungsvolle Stillleben – die Charaktere werden skizziert und angepinselt, mehr jedoch nicht. Von seinem (vermutlich) insgeheimen Vorbild Stefan Zweig, dem Meister des psychologisierenden biographischen Romans („Maria Stuart“, „Marie Antoinette“), bleibt der FAZ-Feuilletonchef weit entfernt.

Was bleibt von der Lektüre? Hunger nach Zweig und Roth im Original. Die Zeit sollte man sich, gerade in einer Zeit, die keine Zeit hat, etwas aufzulösen, dringend nehmen.


Bild zum Download hier: Strandhütte Travemünde


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Robert Seethaler: Der Trafikant

„Franz` sexuelle Erlösung bedeutete nicht gleichzeitig eine Besserung seines Gesamtzustandes. Das Feuer, das jetzt zwischen seinen Schenkeln entzündet war, brannte lichterloh und würde nie mehr zu löschen sein, so viel war ihm klar. Dabei – und auch das war ihm auf schmerzhafte Weise bewusst geworden – gab es noch so viel zu lernen. Zu kurz war diese eine Nacht gewesen, selbst ein komplettes Leben schien nicht auszureichen, um das Mysterium Frau in seiner ganzen schrecklichen Schönheit begreifen zu können. An den Klippen zum Weiblichen zerschellen selbst die Besten von uns, hatte der Professor gesagt. Das wird schon so sein, dachte Franz, aber dann ist es halt so.“

Robert Seethaler, „Der Trafikant“,  Kein & Aber Verlag.

Auch wenn hiermit schon das melancholische Ende verraten wird – ja, der Franz, er zerschellt, jedoch nicht nur an den Klippen des Weiblichen. Vielmehr wird er im Strom der Zeit weggerissen, zermalmt – aber nicht ohne vorher noch ein paar ganz bemerkenswerte Schritte zu tun, Entwicklungsschritte für sich, seine Männlichkeit, aber auch für die Menschheit im Allgemeinen und die Wiener im Besonderen.
Der Franz – er ist mein heimlicher, kleiner literarischer Held der letzten Lesemonate. Anfangs möchte man den Buben aus der österreichischen Provinz am liebsten adoptieren und bemuttern – wenn er denn nicht schon eine ganz patente Mutter hätte. Der Tod des mütterlichen Liebhabers zwingt den 17jährigen von der heimischen Schürze und dem Salzkammergut hinaus in die große Stadt. Wien kurz vor dem Anschluss – die Gemütlichkeit geht langsam flöten, man meint den preußischen Stechschritt der lederbestiefelten Nazis schon auf den Straßen zu hören.

Da steht der Franz anno 1937 in Wien – ein bisschen tapsig, ein bisschen neben der Spur, aber gut aufgehoben bei einem anarchistisch angehauchten, einbeinigen Trafikanten. Die Trafik: Neben dem Kaffeehaus geistige Heimat belesener und rauchender Wiener. Der Trafikant: Ratgeber in politischen Fragen, Philosoph und kleiner Geschäftsmann.

„Das Problem, meinte Otto Trsnjek mit einem traurigen Blick auf das bis unter die Decke dicht mit Zigarrenkisten vollgeräumte Wandregal, das große Problem für das Zigarrengeschäft sei – so wie für vieles andere übrigens auch – die Politik. Die Politik verhunze nämlich grundsätzlich alles und jedes, und da sei  es ziemlich egal, wer da gerade mit seinem breitgesessenen Hintern die Regierung bilde, ob der Kaiser selig, der Zwerg Dollfuß, sein Lehrling Schuschnigg oder drüben der größenwahnsinnige Hitler: Von der Politik werde alles und jedes verhunzt, verpatzt, versaut, verdummt und überhaupt zugrunde gerichtet.“

Ähnlich wenig Optimistisches äußert Trafikant Trsnjek auch zu Liebesabenteuern – dafür findet Franz einen zweiten großväterlichen Freund und Ratgeber in der Nachbarschaft: Den jüdischen „Deppendoktor“ Sigmund.

„Also gut“, sagte Freud. „Ich schlage vor, dass wir jetzt erst einmal die Begrifflichkeiten klären. Ich vermute, wenn wir von deiner Liebe sprechen, meinen wir in Wahrheit deine Libido.“

„Meine was?“

„Deine Libido. Das ist die Kraft, die Menschen ab einem gewissen Alter antreibt. Sie schafft ebenso viel Freude wie Leid und hat, etwas vereinfacht gesprochen, bei Männern ihren Sitz in der Hose.“

„Auch bei Ihnen?“

„Meine Libido ist längst überwunden“, seufzte der Professor.

Dumm nur, dass Franzens Libido ihn zu einem beehmischen Meedel der berechnenderen Sorte treibt – die mag den Jungen zwar, aber muss eben auch schauen, wo sie in diesen unsicheren Zeiten bleibt. Und als Tänzerin in einem Varieté ist die richtige Auswahl aus überlebenstaktischen Gründen leicht zu treffen.Franz ist es jedenfalls nicht. Geplagt also von Liebeskummer und Libido erlebt der zunächst politisch unbeleckte Landbub mit, wie rund um ihn alles zusammenbricht: Menschen, auch der einbeinige kriegsversehrte Otto, verschwinden und sterben in den Kellern der Gestapo, Juden und politisch Andersdenkende werden verfolgt und ermordet und der hochbetagte Freud muss sich in das Exil retten.

„Herr Professor, ich glaube, ich bin ein riesengroßer Depp“, sagte Franz nach ein paar Augenblicken angestrengt nachdenklichen Schweigens. „Ein von hinten bis vorne verblödeter oberösterreichischer Schafsschädel.“

„Gratuliere, die Einsicht ist die Hebamme der Besserung!“

„Ich habe mich nämlich gerade gefragt, was meine kleinen, dummen Sorgen überhaupt für eine Berechtigung haben neben diesen ganzen verrückten Weltgeschehnissen.“

„Ich glaube, da kann ich dich beruhigen. Erstens sind Sorgen in Bezug auf Frauen zwar meistens dumm, aber selten klein. Und zweitens könnte man die Frage auch andersrum stellen: Was hat dieses ganze verrückte Weltgeschehen überhaupt für eine Berechtigung neben deinen Sorgen?“

Sorge dich nicht, lebe – vielleicht will Freud dies seinem jungen Freund mitteilen, denn er selbst sieht den ganzen Irrsinn klar heranziehen: ein Weltgeschehen wie „ein Tumor, ein Geschwür, eine schwärende, stinkende Pestbeule, die bald platzen und ihren ekeligen Inhalt über die gesamte westliche Zivilisation entleeren wird.“

Gerade humorig sind sie nicht gestimmt, die Herrschaften in Robert Seethalers Roman. Die Geschichte ist traurig. Und die Zeiten sind schwer. Und trotzdem durchhaucht dieses Buch eine wundersame Leichtigkeit des Stils, die angesichts der sich zuspitzenden Dramatik keine Schwere, sondern allenfalls eine bittersüße Melancholie hervorruft.

Seethaler – Jahrgang 1966! – schreibt, als sei er selbst als junger Zuhörer neben Stefan Zweig, Arthur Schnitzler oder auch Joseph Roth bei einem großen Braunen oder einer Melange im Kaffeehaus gesessen und habe deren Sprache erlauscht. Mit leisen Tönen wird eine traurige Geschichte von schweren Zeiten erzählt.
Seethaler verfügt über eine Sprache, die mich wiederum verführt hat, so ungewöhnlich viele Zitate in diese Besprechung einzustreuen. Eine Inhaltsangabe gäbe diesen besonderen „Sound“, diese Sprachmelodie nicht nur nicht wieder, sondern würde sogar in die Irre führen: Denn das Stück endet tragisch, der Weg dorthin ist es aber nicht. Man meint, dem Buch zuweilen anzuhören, zwischen welchen Polen es pendelt – ein bisschen Walzertakt, ein wenig Wienerwald, Marschmusik, gemütliches Wienerisch und im Hintergrund das Radio, aus dem plärrend die hysterische Stimme des Anstreichers dringt. Der Roman hat den Sound der Wiener Heldenplatz-Zeit.

Franz jedenfalls wird vom Weltgeschehen aufgerüttelt und zu einer ganz eigenen Rebellion gegen die nationalsozialistischen Verbrecher motiviert. Die Rebellion gestaltet sich explizit freudianisch und endet mit einem großen Fanal. Im engeren Sinne ist es ein Entwicklungsroman: Ein junger Mensch, der nach Orientierung sucht. Der erfährt, dass das Leben mit den Jahren nicht unbedingt leichter, sondern komplizierter wird. Der aber auch von Haus aus so viel Substanz und Anstand mitbringt, dass er den Anfechtungen widersteht. Und sich für das Richtige entscheidet. Ein kleiner Held in schlimmen Jahren.

Die Geschichte von Franzens` Nacht-Träumen ist ein ganz herrlicher Einfall von Robert Seethaler: Ein Mensch nutzt seine wirren unbewussten Traumgesichter zu einer  versponnen, kleinen Geste des Widerstands. Wunderbar. Ich kann nur empfehlen: Selber lesen! Und träumen!