Eleonora Hummel: Die Wandelbaren

„Moskau? Ich bitte dich, Arnold. Wer braucht in Moskau ein deutschsprachiges Theater? Genau: niemand. Unsere Situation ist absurd. Denk doch mal nach: Zuerst rauben sie uns das Land, die Häuser und das Vieh, dann schieben sie uns mittellos in unwirtliche Gebiete ab, auf ewige Zeiten, ohne Recht auf Wiederkehr. Das heißt Gefängnis, auch wenn sie es nicht so nennen, lebenslang, die Nachgeborenen inbegriffen. Und als wäre das nicht genug, nehmen sie uns auch noch die Sprache weg. Und weißt du warum?“
„Warum?“
„Weil ein Volk, das viele Sprachen kennt, schwerer zu überwachen ist. Zum Abhören von Telefonaten, zur Kontrolle von Zeitungen, für alles brauchst du Übersetzer. Unsere Heimat, vom Ochotskischen Meer bis zur Ostsee – ein einziges großes Babylon. Wenn alle eine aufgezwungene Hauptsprache sprechen, werden sie ihre eigene vernachlässigen. Solche lassen sich einfacher regieren, also klein halten.“

Eleonora Hummel, „Die Wandelbaren“.

Nein, klein halten lassen sie sich nicht, die vier jungen Leute, die da 1975 im „Rahmen der Maßnahmen zur Kulturförderung nationaler Minderheiten“ quasi vom Traktor aus der Steppe Kasachstans auf die Bühne einer Moskauer Theaterschule geholt werden. Es sind die Jahre, als in der UdSSR eine neue Verfassung mit föderaler Struktur entsteht. Nationale Minderheiten sollen stärker berücksichtig werden. Es sind Jahre des Aufbruchs, des Träumens und des Ankommens in einer Realität, das Scheitern an einer Mentalität, an einer inneren wie äußeren Verfassung, die sich so schnell nicht ändern wird:

„Pässe lügen nicht. Fahr nach Hause und denk darüber nach, wer du wirklich bist, warum dein Name mehr wiegt als gute Noten, mehr noch als der Zuweisungsschein des Komsomol.“

Klein halten lassen sie sich nicht, aber sie werden scheitern, an den Verhältnissen und der Tatsache, dass sie hier wie dort nirgends richtig dazugehören. Über vier Jahrzehnte hinweg begleitet Eleonora Hummel ihre vier Hauptfiguren, die „Wandelbaren“. Ein doppeldeutiger Titel: Als Berufsschauspieler müssen Violetta, Emilia, Oskar und Arnold von Haus aus ihre Wandlungsfähigkeit beweisen. Doch schon ihr Lebensschicksal an sich ist dieses von Wandelbaren, ist solchen enormen Wandlungen unterworfen, dass alle Vier sich selbst am Ende irgendwie verlieren und verloren sind: Nirgends dazugehörig, nirgends daheim.

In der alten Heimat misstrauisch aufgrund ihrer deutschen Vorfahren betrachtet, in der neuen Heimat nach der Aussiedlung nicht angenommen, aufgrund ihres Dialekts und ihrer Schauspieltechnik für die westlichen Bühnen nicht gebraucht, Fremde bleibend.

Eleonora Hummel, die selbst aus Kasachstan stammt und seit 1982 in Dresden lebt und schreibt, hat sich eines spannenden Kapitels der Theater- und Politikgeschichte angenommen. Tatsächlich wurde 1980 in der Industriestadt Termirtau ein deutsches Theater eröffnet, das später nach Alma-Ata verlegt wurde. Die Geschichte des Theaters ist hier nachzulesen. Für das Theater wurden junge deutschstämmige Russen rekrutiert – Talent und Bühnenpräsenz waren dabei wohl zweitrangig, in erster Linie zählte die Abstammung.

Obwohl sich einige der jungen Schauspieler die deutsche Sprache erst mühsam anlernen müssen – von den Vorfahren kennen sie allenfalls einige schwäbische Brocken und ein Uhland-Gedicht – wird das Theater für sie mehr als eine Bühne. Tatsächlich werden diese Bretter für sie zu einer Welt: Hier sind sie ihresgleichen, werden weder als „Faschisten“ beschimpft noch als Fremde betrachtet. Äußerlich bilden sie eine verschworene Gemeinschaft, die sich in den Tauwetter-Perioden politischen Träumen von einer eigenen, neuen Wolgarepublik ergibt.

Zugleich aber verknüpft Eleonora Hummel dies mit den inneren Zerwürfnissen in der Gruppe, mit Eitelkeiten, Ehrgeiz, Eifersucht. Das hält den Spannungsbogen, macht das Buch so lebendig: Vier Persönlichkeiten, deren Entwicklung man lesend miterlebt, deren Scheitern man am Ende bedauert. Ihr Leben ist mit dem Theater in Kasachstan aufs Engste verbunden – eine Zukunft gibt es für die Truppe dort in der sich auflösenden Sowjetunion jedoch nicht. Alle gehen schließlich, als die UdSSR zerbricht, in den Westen – um festzustellen, dass man auch hier fremd bleibt:

„Es heißt, wir ehemaligen Sowjetmenschen erkennten uns gegenseitig auf der Straße. Das stimmt wohl. Die Ahnungslosen spüren nur, dass da unter der Oberfläche etwas lauert, dem sie nicht auf die Spur kommen, deshalb bleiben sie auf Distanz.“

„Die Wandelbaren“ ist ein Roman, der zumindest mir den Blick erweitern konnte auf Menschen, die deutsch und russisch sind. In einer ruhigen, fast schon sachlichen, aber eingängigen Sprache, mit kurzen Kapiteln, die die jeweilige Figur in den Mittelpunkt stellen, erzählt Eleonora Hummel von Menschen, deren Schicksal es ist, „nur“ in der eigenen Sprache eine Heimat finden zu können.

Mehr Informationen zum Buch:
Eleonora Hummel
„Die Wandelbaren“
Müry Salzmann Verlag 2019
Gebunden, 464 Seiten, 24 Euro
ISBN 978-3-99014-196-0

Homepage der Autorin:
https://eleonora-hummel.de/


Bild zum Download: Kleiderpuppe


 

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Arthur Koestler: Sonnenfinsternis

Während heuer die Long- und Shortlist zum Deutschen Buchpreis, der auf der Frankfurter Buchmesse vergeben wird, ganz an mir vorbeiging, hatten mich dagegen mehrere Titel auf der „Hotlist“ der unabhängigen Verlage gelockt. Und so war ich gerne dabei, als ich gefragt wurde, ob auch ich einen Beitrag für den Blog der Hotlist beisteuern würde. „Sonnenfinsternis“ von Arthur Koestler in der bisherigen Ausgabe steht bei mir schon lange ungelesen im Regal, die Entdeckung der Originalfassung und das Hotlistenlesen waren nun der geeignete Anlass, den Roman endlich auch zu lesen.

Dass ich damit die Rezensionen gestern auf dem Hotlistblog eröffnen durfte, freut mich natürlich. Und ebenso, dass heute ein zweites Buch besprochen wird, dass ich auch hier auf dem Blog schon aus vollem Herzen empfohlen habe.

Hier findet ihr alle Beiträge zur diesjährigen Hotlist: https://derhotlistblog.net/

Beide Bücher zeigen, was man den unabhängigen Verlagen zu verdanken hat: Sie haben den Mut, Klassiker und neue Literatur zu pflegen, die nicht auf die Masse schielt, sie geben besonderen Themen, auch der politischen Literatur, wie hier zu sehen, einen Raum, sie schauen (auch geographisch) weit über den Tellerrand hinaus.

Und nun zur Sonnenfinsternis:

„Seine ganze Vergangenheit war wund, sie eiterte bei jeder Berührung. Die Vergangenheit, das war die Bewegung, die Partei; auch Gegenwart und Zukunft gehörten der Partei; waren untrennbar mit ihrem Schicksal verflochten; aber die Vergangenheit war mit der Partei identisch. Und diese Vergangenheit war plötzlich in Frage gestellt. Der heiße, atmende Leib der Partei erschien ihm von Geschwüren überzogen, eiternden Geschwüren, blutenden Stigmen, aus denen die rostigen Nägel hervorragten. Wann und wo in der Geschichte hatte es jemals so defekte Heilige gegeben? Wann war eine gute Sache schlechter vertreten worden? Wenn die Partei den Willen der Geschichte verkörperte, dann war die Geschichte selbst defekt.“

Arthur Koestler, „Sonnenfinsternis“, 1940, 2018 nach dem wiederentdeckten Originaltyposkript im Elsinor Verlag, Coesfeld, erschienen.

Wenn es ein belletristisches Werk gibt, von dem man zugleich sagen kann, dass es nicht nur einen eine Epoche des Zeitgeschehens frühzeitig und hellsichtig aufgriff, sondern selbst dieses Zeitgeschehen prägte, dass es Geschichte schrieb und allein schon seine Entstehung wieder eine ganz eigene Geschichte ist, ja dann ist dies wohl „Sonnenfinsternis“ von Arthur Koestler.

Koestler, 1905 in Budapest in eine deutschsprachige jüdische Industriellenfamilie hineingeboren, beginnt seine Berufslaufbahn als Journalist: 1926, vom Zionismus begeistert, wandert er nach Palästina aus und sendet von dort erste Reportagen an die Zeitungen des Ullstein Verlags. 1930 kehrt er nach Berlin zurück, arbeitet als Redakteur und tritt ein Jahr später in die Kommunistische Partei ein. 1954 schreibt er über diese Zeit:

„Ich war 26 Jahre alt, als ich in die Kommunistische Partei eintrat, und dreiunddreißig, als ich sie verließ. Die Jahre dazwischen waren meine besten Jahre, sowohl dem Alter nach, als wegen der bedingungslosen Hingabe, die sie ausfüllte. Nie zuvor oder nachher schien das Leben so übervoll an Sinn wie während dieser sieben Jahre. Sie hatten die Überlegenheit eines schönen Irrtums über die schäbige Wahrheit.“

Die schäbige Wahrheit, das war das Aufkommen des Faschismus. Für viele Schriftsteller jener Generation wurde das revolutionäre Russland zum utopischen Gegenbild. Der Kommunismus als Vision einer Gesellschaft der Gleichen – zum Zeitpunkt der Moskauer Schauprozesse von 1936 bis 1938 ist dieser Traum für Arthur Koestler bereits ausgeträumt.

Nicht von ungefähr lässt Koestler daher auch die Hauptfigur seines Romans, den langedienten Volkskommissar Rubaschow, unsanft aus einem Traum erwachen. Rubaschow, der immer wieder im Schlaf von seiner Verhaftung im Ausland (gemeint ist damit wohl das nationalsozialistische Deutsche Reich), den anschließenden Verhören und der Folter träumt, wird dieses Mal von seinen eigenen Landsleuten aus dem Schlaf gerissen, verhaftet und wochenlangen Verhören ausgesetzt. Er wird der oppositionellen Gesinnung, der Verschwörung und eines Mordkomplotts an „Nummer Eins“ (unschwer zu erkennen, dass damit Josef Stalin gemeint ist) beschuldigt.

Rubaschow weiß, was auf ihn zukommt. Er erinnert sich an eine Fotografie der Delegierten zum ersten Parteikongreß, alle an einem langen hölzernen Tisch, Nummer Eins noch abseits am unteren Ende sitzend. Von diesem Bild, nicht von ungefähr an das Abendmahl erinnernd, leben nur noch wenige:

„Ihre Gehirne hatten das Schicksal der Welt verändert; dann bekam jedes seine Ladung Blei.“

Schon 1935 sieht Koestler das kommen, was später als „Große Säuberung“ bezeichnet wird. 1940 veröffentlicht Koestler, der inzwischen in England arbeitete, seinen zweiten Roman, „Sonnenfinsternis“. Das Buch, das am Beispiel des altgedienten Volkskommissars Rubaschow zeigt, wie die Revolutionäre der ersten Stunde unter Stalin den Säuberungen zum Opfer fallen, erregt Aufsehen. Insbesondere im Frankreich der Nachkriegszeit, als dort die Kommunisten kurzzeitig dominieren, wird der Roman leidenschaftlich diskutiert und über 400.000 Mal verkauft. Eine führende Zeitung schreibt gar, es sei der wichtigste Einzelfaktor gewesen, der zur Niederlage der Kommunisten in der Abstimmung über die Verfassung führte, so Koestler in seiner Biographie „Die Geheimschrift“ (1954). In mehr als 30 Sprachen übersetzt, entfaltete der Roman eine ungeheure politische Wirkung. Koestler, der sich selbst zunächst noch im linken Flügel der Labour Party engagierte und zeitlebens antifaschistisch aktiv blieb, wurde von den staatstreuen Kommunisten heftigst angefeindet.

Im deutschsprachigen Raum spielte dieses „Enthüllungsbuch“ nicht ganz dieselbe Rolle, wurde aber in entsprechenden Enzyklopädien und Aufsätzen zur politischen Literatur als eines der berühmtesten Werke über den Stalinismus immer mit aufgeführt, gleichbedeutend neben den Romanen von Orwell und den Gulag-Erzählungen von Solschenizyn. Zugleich wurde Koestler auch hier für sein Werk angefeindet, beispielsweise von Ernst Bloch und Robert Havemann, der „Sonnenfinsternis“ als Propaganda des „Klassenfeindes“ abtat.

Dass der Roman jetzt, 2018, in den deutschen Medien wieder breit diskutiert und von vielen Menschen gelesen wird, hängt mit zwei Faktoren zusammen. Zum einen ist „Sonnenfinsternis“ heute, da in ganz Europa der Zulauf zu den politischen Extremen rechts und links zunimmt, wieder von hoher Aktualität. Zum anderen ist die Geschichte hinter dem Buch abenteuerlich genug. Während Koestler an dem Buch arbeitete, übersetzte seine Freundin Daphne den Text ins Englische. Im Chaos der Flucht ging jedoch das deutsche Originalmanuskript verloren, für den deutschen Buchmarkt musste Koestler „Sonnenfinsternis“ praktisch aus dem Englischen zurückübertragen.
Das Original galt als verschollen. Bis der Kasseler Germanistik-Doktorand Matthias Weßel durch eine Computerrecherche 2015 im Archiv der Universität Zürich auf einen Eintrag stieß: Tatsächlich war die erste Textfassung, mit handschriftlichen Anmerkungen Koestlers, vorhanden.

Die Originalfassung macht im Vergleich zur von Koestler später überarbeiteten Rückübersetzung an Stil und Sprache auch deutlich, unter welchen Umständen „Sonnenfinsternis“ entstand. Die Hetze, das Ungewisse, das ein Leben auf der Flucht prägt, wird bemerkbar, macht das Buch aber auch umso authentischer. Dieses wiederentdeckte Manuskript, das nun im 2006 gegründeten unabhängigen Elsinor Verlag erschien (der „Sonnenfinsternis“ in der „alten“ Fassung bereits im Programm gehabt hatte), bescherte dem Roman und dem Verlag nun große Aufmerksamkeit.

Zu Recht: Denn „Sonnenfinsternis“ beschreibt nicht nur eine geschichtliche Epoche, die man überwunden glaubte – zumal man nicht wissen kann, wohin die neue Entwicklung unter Putin führen wird. Sondern der Roman wirft die großen Fragen nach Schuld und Sühne auf (im Verhör diskutieren der Gefangene Rubaschow und sein Gegenspieler eben diesen Roman von Dostojewski): Heiligt der Zweck alle Mittel? Dient eine Revolution den Menschen, die dem Individuum alle Rechte, selbst das wichtigste, das Recht auf Leben, abspricht? Sind politische Utopien angesichts der menschlichen Disposition nicht sowieso von vornherein zum Scheitern verurteilt?

Rubaschow, dessen Schicksal angelegt ist an jene von Leo Trotzki, Karl Radek und Nikolai Bucharin, erkennt im Lauf der Verhöre, wie er sich selbst schuldig machte, weil er die Menschheit über den Menschen stellte. Und obwohl im Lauf seiner Inhaftierung seine Zweifel am System, seine Kritik an „Nummer Eins“ (Stalin wird namentlich nie genannt) wachsen, bekennt er sich am Ende der Vorwürfe, die haltlos sind, schuldig. Er stellt sich ein letztes Mal in den Dienst der Partei.

Als Koestler dieses fiktive Verhör schrieb, wusste die Außenwelt noch nicht sehr viel über die inneren Vorgänge in der Sowjetunion. Man staunte, warum sich langjährige Parteimitglieder einer demütigenden öffentlichen Gehirnwäsche unterwarfen. Erst später wurden Protokollauszüge solcher Verhöre bekannt. Umso hellsichtiger durchschaute damals schon der Autor die Mechanismen des Stalinismus.

Die Verhöre, die in geschichtsphilosophische Diskurse münden, bieten auch bei der heutigen Lektüre noch Denkanstöße, die über die beschriebene historische Epoche hinausgehen. Im Deutschlandfunk sagte Michael Opitz dazu:

„Wie weit Koestler seiner Zeit mit „Sonnenfinsternis“ voraus war, zeigte sich erst Jahre später. Dass das Buch nun in seiner ursprünglichen Fassung vorliegt, ist ein Glücksfall. Hinterfragt wird jene Selbstherrlichkeit der Mächtigen, die glauben, der Zweck heilige die Mittel. Solange dieser Grundsatz als politisch vertretbar gilt, bleibt der Roman aktuell.“


Weitere Informationen:

Verlagsinformationen zum Buch: https://www.elsinor.de/

Besprechung im Deutschlandfunk von Michael Opitz

Zur weiteren Lektüre ein paar Vorschläge:

„Radek“ von Stefan Heym

„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes

„Der Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn

„Die Revolution entlässt ihre Kinder“ von Wolfgang Leonhard


 

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

John Steinbeck und Robert Capa: Russische Reise

gum-2768178_1280

Das Warenhaus Gum in Moskau. Bild von khazoff auf Pixabay

„Willy stellte uns die beiden hellgrünen Suissesses hin, und wir fingen eine Diskussion darüber an, was es in der Welt für einen ehrlichen und liberal denkenden Mann noch zu tun gäbe“.

Ich hab zwar keinen grünen Schimmer, was ein Suissesse ist. Scheint aber ein extrem geistvolles Getränk zu sein. Denn John Steinbeck, der das in der Bar des Bedford Hotels in New York gemeinsam mit Robert Capa süffelt, kommt dabei auf eine Idee, die mancher seiner Zeitgenossen wohl auch als „Schnapsidee“ gewertet hat  – zusammen mit dem Fotoreporter eine „Russische Reise“ zu unternehmen. Auf Gegenliebe stießen die beiden dabei auf keiner Seite, behördlicher- und staatlicherseits.

„Wir stellten fest, daß Tausende an akuter Moskauitis litten – einem Zustand, der es erlaubt, jede Absurdität zu glauben und sämtliche Tatsachen beiseite zu schieben. Später stellten wir fest, daß die Russen unter Washingtonitis leiden – derselben Krankheit. Wir fanden heraus, daß uns die Russen ebenso verteufeln, wie wir die Russen verteufeln.“

Um Völkerverständigung zu betreiben, war das Jahr 1948 tatsächlich nicht der beste Zeitpunkt für das Vorhaben: Mit der Verkündigung der Truman-Doktrin am 12. März 1947 setzte der Kalte Krieg ein. In den USA wurde ab `47 hysterische Jagd nach Kommunisten getrieben (McCarthy-Ära), in der UdSSR herrschte der Stalinterror. Solche politischen Hintergründe lässt Steinbeck in seinem Reisebericht jedoch weitestgehend außen vor. Er und Capa haben ein Programm:

„…eine einfache Reportage, von Fotografien untermauert. Wir würden zusammenarbeiten. Wir würden Politik und heikle Themen vermeiden. Wir würden uns vom Kreml, von Militärs und Militärplänen fernhalten. Wir wollten das russische Volk kennenlernen, falls uns das möglich war.“

Darauf noch eine Suissesse, und los geht die Reise, 1948. John Steinbeck hatte 1937 bereits die Sowjetunion besucht, aufgrund seines Romans „Früchte des Zorns“ (für mich immer noch das beste, klarste und dezidierteste seiner Bücher) war er in seinem Heimatland unter „Linksverdacht“. Ebenso Robert Capa, Mitbegründer der Fotoagentur Magnum, der unter anderem vom Spanischen Bürgerkrieg berichtet hatte. Trotzdem werden sie in Moskau nicht nur mit offenen Armen empfangen. Dem Duo gelingt es jedoch, sich relativ frei zu bewegen – nur begleitet von einem Dolmetscher, der als ausgemachter Pechvogel und Trottel von ihnen den Spitznamen „Gremlin“ erhält, lernen sie Moskau, die Ukraine und Georgien kennen.

Manches wirkt klischeehaft in diesem Reisebericht – das graue Moskau, die ernsten Moskowiter, die anpackenden, fleißigen Ukrainer, die wilden, stolzen Georgier. Manches wirkt auch naiv – das Lob des fleißigen Landmannes, der tagsüber auf der Kolchose schuftet und abends Tanzen geht, die üppig aussehende und kochende Babuschka. Doch John Steinbeck ist eben einer, der immer mit großen Respekt und mit viel menschlicher Wärme über die „einfachen“ Leute schreibt. Doch trotz des leichtgängigen Plaudertons, mit dem Steinbeck von Land&Leuten berichtet und über seinen Reisegefährten frozzelt (ein „typischer“ Fotograf, getrieben von der Jagd nach Motiven und die Sorge um seine Negative, ansonsten stundenlang in der Badewanne treibend), Steinbeck und Capra singen nicht nur das Lied vom glücklichen Aufgehen im Kollektiv. Der zum Teil absurde Bürokratismus, die ständige Bewachung durch Polizisten, vor allem aber auch der Stalinkult werden durchaus benannt.

„Bei öffentlichen Feiern sprengen die Stalinbilder alle Grenzen der Vernunft. Sie können bis zu acht Stockwerke hoch und fünfzig Fuß breit sein. An jedem öffentlichen Gebäude hängen monströse Portraits von ihm.
Wir sprachen darüber mit einigen Russen und bekamen verschiedene Antworten. (…). Eine vierte, daß dies Stalin selbst gar nicht gefällt und er verlangt hat, daß damit aufgehört wird. Doch uns kam es so vor, als würde alles, wogegen Stalin eine Abneigung gefaßt hat, umgehend verschwinden, die Bilder sich hingegen vermehren.“

Eine tiefgehende Analyse und deutlichere Kritik am Stalinismus, während dem Abertausende in den Gulags verschwanden, bietet die Reportage jedoch nicht. Dies darf man von der „Russischen Reise“ nicht erwarten – sie ist, was sie ist: Der Versuch, mit Humor und Ironie die Lebensverhältnisse der Bevölkerung darzustellen. Wo das Wort zuweilen zu spielerisch wird, sprechen Robert Capas Bilder eine umso klarere Sprache.

John Steinbeck zieht im letzten Absatz des Berichts eine durchaus auch selbstkritische Bilanz:

„Uns ist klar, daß dieser Bericht weder für die ekklesiastische Linke noch für die grobschlächtige Rechte besonders befriedigend ist. Erstere wird sagen, er sei antirussisch, und die zweite, daß er prorussisch sei. Ganz bestimmt ist er oberflächlich, und wie könnte er das nicht sein? Es gibt keine Schlußfolgerungen, die man ziehen könnte, außer jenen, daß sich das russische Volk nicht wesentlich von den anderen Völkern dieser Welt unterscheidet. Ganz bestimmt gibt es einige Bösewichte darunter, aber die weitaus meisten sind sehr anständige Menschen.“

Lesenswert als Zeitbericht und unterhaltsam ist die „Russische Reise“ allemal, auch wenn sie, nicht ganz ohne Grund (und nicht nur wegen der politischen Umstände), das Buch Steinbecks blieb, das sich am schlechtesten verkaufte. Der Reisebericht erschien 2011 erstmals in deutscher Übersetzung (Susanne Urban) in der Reihe „Weltlese – Lesereisen ins Unbekannte“, die bei der Edition Büchergilde von Ilija Trojanow  herausgegeben wird.

Robert Capa kam 1954 in Indochina ums Leben. Steinbeck ging Jahre später wieder auf eine ähnliche Reise mit dem Ziel, das Leben der „normalen“ Menschen kennenzulernen: Diesmal in seinem eigenen Heimatland. Und statt des Fotografen in Begleitung eines Pudels: „Meine Reise mit Charley“.

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00