Donald Ray Pollock: Knockemstiff

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Bild von Falkenpost auf Pixabay

„Als ich sieben war, zeigte mir mein Vater in einer Augustnacht beim Torch-Drive-in, wie man einem Mann so richtig wehtut.“

Donald Ray Pollock, Knockemstiff, liebeskind verlag, (USA 2008/Deutschland 2013).

Bumm! Schon der erste Satz ein Schlag mit dem Hammer. Voll in die Magengrube. Und so geht es weiter in „Knockemstiff“: Das Leben kennt keine Gnade mit den Bewohnern dieses verlassenen, ja förmlich gottverlassenen Kaffs in Ohio. Und Daniel Ray Pollock keine Gnade mit seinen Lesern. Durchschnaufen ist nicht – Knockemstiff ist die amerikanische Hölle, und da gibt es keinen Notausgang.

Hier sammelt sich der „white trash“. Einen Schwarzen, so ist in einer der Erzählungen zu lesen, hat man in Knockemstiff, diesem reaktionären, hinterwäldlerischem Ort noch nie gesehen. Wenn man schon ganz unten ist, dann ist man wenigstens nicht das Allerletzte auf der Darwinschen Leiter – wenigstens nicht schwarz. So kann man das verstehen.

In Knockemstiff gibt einem das Leben den Rest – entweder raubt einem das Koks den Verstand oder die Demenz. Endstation Sehnsucht? Von wegen. Endstation für die Hoffnung, und das hoch drei. Keiner kommt hier ungeschoren davon, keiner kommt hier weg – und wenn doch, dann landet er mit einer Perücke auf dem Kopf in einer Absteige oder als Leiche auf dem Müll.

Alkohol, Drogen, Gewalt – das ist die unheilige Dreifaltigkeit in Knockemstiff. Schwerer Stoff. Nur wenige Momente lang lässt DRP etwas aufblinzeln, das Schönheit in das Leben bringt:

„Nein, er redet ununterbrochen über Hawaii“, seufzt Peg und schaut zum Fenster hinaus, wo die Abendsonne gerade wie ein brennender Vogel in die andere Welt eintaucht. Und während die herabstürzenden Strahlen die Küche in ein blutiges Rot tauchen, vergisst sie für einen kurzen wunderschönen Augenblick einfach alles.

Schnell geht das Fenster wieder zu: Denn Knockemstiff ist nicht die Abendsonne, das ist der Ort, wo man bei verstopften Leitungen ein Loch in den Zimmerboden hat, um seinen Scheiß loszuwerden. Der Erzählband ist das Debüt von DRP. Schon beim Lesen hatte ich den Eindruck: So kann nur einer schreiben, der dieses Leben kennt. Tatsächlich ist Pollock aus Knockemstiff – und er ist entkommen. Schreiben vielleicht auch als Therapie, als Vergangenheitsbewältigung. Aber nicht im lamoryanten Ton, sondern lakonisch, hart, hard-boiled:

– „Selbst an einem guten Tag waren Gespräche mit seinem Vater so, als wäre man mit einem ausgehungerten Kannibalen in einem Fahrstuhl eingesperrt.“

– „Außerdem fange ich langsam an zu glauben, dass alles, was ich unternehme, um mein Leben zu verlängern, nur die Qualen vergrößert, es zu durchleben.“

– „Jake würde nicht mal Scheiße sagen, wenn er den Mund davon voll hätte.“

Zu ertragen wäre diese Abfolge von Grausamkeiten wohl kaum, wäre Pollock nicht ein brillanter Erzähler (und überdies brillant übersetzt von Peter Torberg für den Indie-Verlag liebeskind München). Das Buch wird verglichen mit dem Kosmos „Winesburg, Ohio“ von Sherwood Anderson, ein Klassiker, aber es liegen Lichtjahre dazwischen. War das Leben in Winesburg schon seltsam genug – Crystal Meth, Fast Food, Soap Operas und Bodybuilding sind die Seuchen unserer Zeit, die sich Anderson wohl nicht einmal in seinen schlimmsten Träumen hätte vorstellen können.

Pollock ist für mich eine grandiose Entdeckung – lakonisch wie Charles Bukowski, hart wie James Ellroy, melancholisch wie Raymond Carver. Knockemstiff ist im Hinterland, was die letzte Ausfahrt Brooklyn (Hubert Selby) in der Megacity ist. Ein Ort ohne Hoffnung.

„Theodore“, sagte William und grinste wie ein Verrückter, „wir sind Götter, schon vergessen? Scheiße, wir können alles.“ Wer dies in Knockemstiff glaubt, muss tatsächlich verrückt sein.

Knockemstiff ist gottverlassen – ein ghost town.

Zum Nachlesen:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/knockemstiff-von-donald-ray-pollock-selbstverstaendliches-faustrecht-1.1721685

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Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald: Wir sind verdammt lausige Akrobaten

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Und, Ernest, ich kann das nicht mal als eine literarische Fingerübung akzeptieren. Es scheint mir, das alles müsste sorgfältig gekürzt werden, sogar neu geschrieben. Unsere arme alte Freundschaft wird das kaum überleben, aber was lässt sich tun? Besser ich sage Dir das als irgend so ein Niemand von der Literaturkritik, der sich weder um Dich noch um deine Zukunft sorgt.“

Die arme alte Freundschaft hat auch diesen Brief aus dem Jahre 1929 überlebt (der Brief bezieht sich übrigens auf den Roman „In einem anderen Land“). Was Wunder nimmt: Denn allgemein galt Ernest Hemingway als nachtragend und Kritik gegenüber als äußerst empfindlich. Nun, vielleicht hat er später Rache genommen – indem er diese von Beginn an wunderliche, wundersame Freundschaft zu dem anderen großen Literaten dieser Zeit, F. Scott Fitzgerald, in späteren Jahren relativierte, die Rollen neu schrieb.

Unter anderem in „Paris, ein Fest fürs Leben“. Hier bin ich erstmals auf diese Verbindung zwischen zwei Literaten, wie sie vom Typ, vom Habitus unterschiedlicher nicht sein könnten, gestoßen. Die von Hemingway geschilderte Anekdote spricht Bände über seine spätere Inszenierung dieser Freundschaft:

„Schließlich, als wir die Kirschtorte aßen und eine letzte Karaffe Wein dazu tranken, sagte er (F. Scott Fitzgerald):
„Du weißt, dass ich mit niemand außer mit Zelda geschlafen habe.“
„Nein. Das wusste ich nicht“.
„Ich dachte, ich hätte es dir erzählt.“
„Nein. Du hast mir `ne Menge Sachen erzählt, aber das nicht.“
„Das ist es, worüber ich dich etwas fragen muss.“
„Schön, weiter.“
„Zelda hat gesagt, dass ich, so wie ich gewachsen bin, nie eine Frau glücklich machen könne, und das war`s, was sie zuerst aus dem Gleichgewicht gebracht hat. Sie sagte, es sei eine Frage der Maße. Seit sie das gesagt hat, bin ich nie wieder der alte gewesen, und ich muss es wahrheitsgemäß wissen.“
„Komm raus, ins Büro“, sagte ich.
„Wo ist das Büro?“
„Das WC.“

Hola, die Waldfee! Erzählt man dieses über tote Kumpels? Macht man die so posthum zur Minna? Oder ist es eben das typische Konkurrenzgehabe kleiner Jungs? Denn selbstverständlich hat Hemingway den Überblick. Nicht nur an dieser Stelle zeigt er sich F. Scott Fitzgerald leicht gönnerhaft-überlegen, der Freund und Konkurrent wird als hypochondrisches Weichei charakterisiert.

Einige Briefe erstmals in deutscher Übersetzung

Dieses Ungleichgewicht wird nun etwas aufgewogen durch den Briefwechsel der Beiden, der sich immerhin 15 Jahre hinzog. Erschienen bei Hoffmann und Campe unter dem Titel „Wir sind verdammt lausige Akrobaten“, herausgegeben von Benjamin Lebert („Crazy“), der einige der Briefe Fitzgeralds erstmals ins Deutsche übersetzt hat. Umfangreich ist das Buch nicht – etliche der Briefe blieben wohl nicht erhalten -, die editorische Leistung ist eher mäßig: Das Vorwort ist mehr von persönlicher Begeisterung als von Fachinformation geprägt, die Ergänzungen zu Werk und Leben sowie erwähnten Personen könnten ausführlicher sein.

Aber die Briefe an sich sind es, die dieses Zirkusstückchen ausmachen: Zwei Wortakrobaten, die sich gegenseitig in schwindelnde Höhen hochschaukeln, Witz-Kapriolen schlagen, den traurigen Clown mimen. Der „Schriftverkehr“ wirft ein neues, ungeahntes Licht auf diese Kumpanei zwischen dem eleganten Lebemann und dem trinkfesten Macho.

Kennengelernt haben sie sich 1925 in Paris – F. Scott Fitzgerald bereits berühmt durch „Der große Gatsby“ und durch seinen Lebensstil – er und seine Frau Zelda verkörperten die Roaring Twenties, das Jazz Age. Hemingway noch ein no name, der als Korrespondent die Nähe der von ihm bewunderten Literaten in der französischen Metropole sucht: Gertrude Stein (die ihn in der „Autobiographie von Alice B. Toklas“ recht giftig als willigen Schüler darstellt), James Joyce, Sherwood Anderson, und anderen.

Stark in der Kunst, schwach im Leben?

Die Freundschaft zu Fitzgerald hält am längsten – in der Nachbetrachtung, da man ihrer beider Schicksale kennt, verwundert dies nicht: Zwei hochtalentierte Menschen, die stark in der Kunst, aber schwach im Leben waren.

Sie tauschen sich aus über ihren Alltag, Geldsorgen, Probleme mit Frau (Fitzgerald), Frauen (Hemingway), die Liebe zu den Kindern, über Freunde, Trinkgelage, Reisen, aber vor allem über eines: Das Schreiben. Und dabei geben sie sich, trotz allem literarischen Wettbewerbs, gegenseitig Unterstützung und Hilfe.

Fitzgerald 1928 an Hemingway:

„Nichts ist annähernd so gut. Wann wirst Du mich davon erlösen, Deine Sachen auswendig zu lernen, weil ich sie zu oft gelesen habe, und endlich etwas Neues fertig schreiben? Denk dran, Proust ist tot.“

In großem Futterneid von Kumpan und Klatschtante Scott

Hemingway 1934 an Fitzgerald:

„Vergiss Deine persönliche Tragödie. Wir sind alle von Anfang an verflucht, und besonders Du musst erst furchtbar verletzt werden, bevor Du ernsthaft schreiben kannst. Aber wenn Du diesen verdammten Schmerz fühlst, nutze ihn, und betrüge nicht damit. Sei damit so gewissenhaft wie ein Wissenschaftler – aber bilde Dir nicht ein, irgendetwas sei nur deshalb von Bedeutung, weil es Dir zustößt oder jemandem, der zu Dir gehört.“

Vor allem Fitzgerald geht in seiner literarischen Kritik fast gnadenlos mit dem Freund um:

„Nun ja, jedenfalls finde ich einige Teile von Fiesta nachlässig erzählt, Du erzielst keine Wirkung…Dein erstes Kapitel enthält ungefähr zehn Stellen dieser Art, und es übermittelt sich mir beim Lesen das Gefühl einer herablassenden Gleichgültigkeit…Wie ich Dich kenne, würdest Du dergleichen bei anderen als halb Stil, halb Pferdescheiße bezeichnen.“

Diese Ehrlichkeit tut der Freundschaft in den ersten Jahren jedoch keinen Abbruch – vielmehr versichern sich die Beiden immer wieder, in beinahe schon zärtlicher Manier, ihrer gegenseitigen Zuneigung.

Ernest an Scott:

„Gott, ich wünschte, ich könnte Dich sehen. Du bist der einzige Kerl in und außerhalb Europas von dem (oder gegen den) ich das sagen kann, aber ich würde Dich wahrhaftig gern sehen.“

Scott an Ernest:

„Ich kann Dir gar nicht sagen, wie viel mir Deine Freundschaft die letzten anderthalb Jahre über bedeutet hat. Von ihr ist für mich auf unserer Europareise das meiste Licht ausgegangen.“

Mit der Zeit werden die Kontakte zwischen dem „lieben Papa, Stierkämpfer, Gourmand“ und dem „Mr. Fizzgeral“ (eine Anspielung auf die Rechtschreibschwächen des großen Gatsby-Autors) weniger, die Anzahl der Briefe geringer. Aus dem Jahre 1940 ist nur ein Schreiben Scotts an Ernest erhalten – kurz vor seinem Tod im Dezember verfasst. „Ich bin nie dazu gekommen, Dir zu sagen, dass mir Haben und Nichthaben ebenso gut gefallen hat…“. Dann verstummt der große amerikanische Autor.

Nachgestellt ist diesem ein Brief von Hemingway 1954 an Harvey Breit, in dem er sich von dieser Freundschaft, die vielleicht nur in Briefen wirklich lebte, distanziert:

„Manchmal war es lustig. Aber in Ordnung war es nie.“

Was diese Freundschaft also vor allem Hemingway bedeutete – man wird es niemals wissen können, die Spuren seiner Zuneigung zum Akrobatenfreund hat er später gut verwischt. Doch was bleibt, sind die Briefe – und in dem Moment, als er Sätze schrieb wie diesen, waren diese wohl auch wahr:

„Doch wenn Du nichts dagegen hast, Du bist mein allerbester Freund.“

„Wir sind verdammt lausige Akrobaten“, Hoffmann und Campe, 2013

Eine weitere Besprechung gibt es bei Notizhefte: http://notizhefte.wordpress.com/2013/10/06/briefwechsel-hemingway-fitzgerald/