Briefe schreiben – Seminar mit Theres Essmann

Wer Theres Essmann, die Autorin von „Federico Temperini“, als Dozentin erleben möchte, hat im September dazu Gelegenheit: Die Schriftstellerin bietet beim Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart eine Schreibwerkstatt zum Thema Briefe an.

Aus der Ausschreibung des Veranstalters:

Sie möchten den Zauber des Briefeschreibens und –empfangens wieder entdecken? Die eigene Brief-Stimme entwickeln oder ölen? In Zeiten von Abstandsregelungen Nähe über das Schreiben herstellen?

Dann probieren Sie es doch in diesem Kurs über die Kunst des Briefeschreibens aus. Dabei ist es egal, ob Sie Ihre Briefe handschriftlich verfassen oder mit dem Notebook. Vielmehr geht es darum, sich im Alltag die Zeit zu nehmen, die richtigen Worte zu finden, damit Briefe zu lebendigen und wahrhaftigen Mitteilungen »an dich, von mir, über mich« werden können.

In unseren Erinnerungen kommen wir dem auf die Spur, was Briefeschreiben für uns bedeutet. An Beispielen literarischer Briefe sammeln wir Impulse für den eigenen Ausdruck und setzen diese anhand von imaginierten Situationen in konkrete Schreibübungen um.

Am Ende des Kurses nehmen Sie Anregungen und neu gewonnene Vorfreude auf das Schreiben und Empfangen von Briefen mit.

Im Rahmen von: Summer in the City

LEITUNG: Theres Essmann, Schriftstellerin und zertifizierte Referentin für kreatives Schreiben und Biografiearbeit

Weitere Infos: https://www.theres-essmann.de

Kostenbeitrag: 66,00 € /  60,00 € bei Buchung bis 24.08.20

Kurs-Nr. 202-893

Kontakt: info@hospitalhof.de, Tel. 0711 / 2068-150

https://www.hospitalhof.de/programm/070920-briefe-wege-zum-anderen-wege-zu-mir/

LESEZEICHEN von: Jutta Reichelt

Jutta„Eine Frau, die am Abgrund steht und ihn nicht sieht. Vielleicht hat mich die Suche nach diesem Bild zur Schriftstellerin gemacht. Jedenfalls kommt es mir so vor, als habe ich mit diesem Bild den Raum des Symbolischen erstmals betreten. Als es mir eines Tages einfiel, kam es mir sofort wahrer vor als jede Erinnerung, die ich besitze, zutreffender als jeder Satz, mit dem ich versuchen könnte zu beschreiben, wer ich bin oder was mich ausmacht.“

Jutta Reichelt, „Wie ich Schriftstellerin wurde. Geschichte einer Hochstapelei.

Wie bist du zum Schreiben gekommen, wie wurden Sie Schriftstellerin? Keine Autorin, kein Autor, die nie mit dieser Frage konfrontiert würden. Oftmals klingen die Antworten phrasenhaft, häufig ist die Frage vielleicht auch nicht in einem Satz aufzuklären, meist liegt die Antwort vergraben in der eigenen Biographie. So wie bei Jutta Reichelt, die viele Blogger dank ihrer virtuellen Schreibwerkstatt, in der sie Wissen und Tipps weitergibt und zum eigenen Schreiben ermuntert, kennen.

Seit einiger Zeit arbeitet sie an einem Buch über „Lebensgeschichtslosigkeit“: Es handelt von Menschen, die über keine oder zumindest keine Lebensgeschichte im klassischen Sinne verfügen, es handelt auch von ihr selbst. Einen Auszug aus diesem Text hat Jutta Reichelt nun als Sonderdruck veröffentlicht: „Wie ich Schriftstellerin wurde. Geschichte einer Hochstapelei.“

Darin erzählt sie, wie sie spät zur Schriftstellerin wurde. Und warum. Ein Zitat:

„Viele Menschen denken, dass der therapeutische Effekt des Schreibens vor allem im Loswerden liegt und natürlich gibt es das auch, dass man sich etwas von der Seele schreibt und allein schon durch die Transformation des Erlebten in das Medium der Sprache Distanz gewinnt. Aber für mich ging es im Schreiben immer viel weniger ums Loswerden als ums Finden.“

Wer nun neugierig geworden ist: Der Sonderdruck kann direkt bei Jutta Reichelt bestellt werden.

https://juttareichelt.com/

Wilhelm Genazino: Tarzan am Main

„Wer in einem Flugzeug sitzt und sich langsam der Stadt Frankfurt am Main nähert, wird Opfer einer harmlosen Blendung. Etwa fünfzehn Minuten dauert der Sinkflug, und er spielt sich über schier endlosen Häusermeeren ab. In der Mitte des Panoramas erhebt sich machtvoll eine Wand von Hochhäusern, die zusammengewachsen scheinen. Wer die Geographie nicht kennt, hält den riesigen Teppich für Teile von Frankfurt, das seit langer Zeit damit leben muss, dass sie für die amerikanischste Stadt Deutschlands gehalten wird.“

Wilhelm Genazino, „Tarzan am Main. Spaziergänge in der Mitte Deutschlands“, 2013, Hanser Verlag

Über den Wolken scheint nicht nur die Freiheit grenzenlos zu sein. Eine Täuschung. Denn im Grunde, so macht es Wilhelm Genazino seinen Lesern deutlich, ist Frankfurt ein provinzielles Dorf, dessen Stadtkern in 20 Minuten durchquert werden kann (wenn einem nicht ständig die Massen an überwiegend asiatischen Touristen im Weg stünden). Zu gern wäre ich mit dem mittlerweile über 70jährigen Schriftsteller, dessen Romanhelden durch die Bank exzellente Flaneure sind, durch „Mainhattan“ oder auch „Painfurt“, wie ich es nenne, gebummelt. Hab` mich aber nicht getraut, bei ihm zu klingeln. Stattdessen habe ich seinen „Tarzan am Main“ als Begleitung dabei.

Eine Sammlung kurzer Texte, die verkürzt und fälschlicherweise oft „Genazinos Frankfurt-Buch“ genannt wird. Natürlich nehmen die Stadtbetrachtungen in diesem schmalen Band einen breiten Raum ein – zugleich sind sie aber auch ein Aufhänger für Biographisches. Genazino, der 1970 nach Frankfurt kam, um dort beim Satiremagazin „Pardon“ zu arbeiten, erzählt von den Anfängen seiner Schriftstellerexistenz, vom Schriftstellerdasein an sich („Ich sitze am Schreibtisch und suche nach Wörtern“), von den „zwiespältigen Wochen“ des Wartens auf die Herren vom Deutschen Literaturarchiv Marbach, die seine Aufzeichnungen übernehmen wollen („Vorlass“ genannt), von Kollegen (und dem leidigen und sträflich nachlässigen Umgang der Hochkultur mit den unterschätzten Vertretern des Fachs „Humor“ wie seinem Freund Robert Gernhardt). Es ist also ein Buch über das Spazierengehen UND das Schreiben.

Beides gehört für den Büchner-Preisträger unmittelbar zusammen, denn:
„Vermutlich ist der Schreibende das Gefäß einer Reizung, für die er sich immer besser präparieren lernt. Aus diesem Grund ist es irreführend, sich Literatur nur aus Sprache bestehend vorzustellen. Ohne die andauernde Wechselbelebung zwischen äußeren Bildern, ihrem verzögerten inneren Echo und deren Drang nach Gestaltung würde niemand schreiben wollen.“

Ich schreib hier keine Literatur. Und doch merke ich, dass mich meine Frankfurt-Eindrücke der letzten Tage so beschäftigen, dass ich sie schreibend erfassen will. Für eine Besucherin für mich aus der bayerischen Provinz ist die Stadt, die ich bislang nur vom Weg vom Bahnhof bis zur Buchmesse und zurück kannte, eine Stadt der Extreme: Himmelsstürmende Wolkenkratzer, Obdachlose auf Matratzenlager am Boden. Christopher-Street-Day auf der Zeil, der brummelnde alte Hesse, Schwulen-und-Ausländer-Hass-Parolen in seine Bierflasche murmelnd. Menschenmassen zwischen Alter Oper und Hirschgraben, dazwischen, beim Bücherflohmarkt am „Haus des Buches“, plötzlich ein Ort gepflegter Ruhe.

Dass Genazino, dieser begnadete Alltagsbeobachter, in seinen Frankfurt-Beobachtungen keine Sehenswürdigkeiten (Römer, Paulskirche, Bankenviertel, Schaumankai, Goethehaus) abhandeln würde, davon bin ich ausgegangen. Wer sich der „Seele“ dieser Stadt ein wenig annähern möchte, für den ist der „Tarzan am Main“ (das Titel“bild“ entstammt eigentlich einer Vignette über Genazinos Geburtsstadt Mannheim, wo sich Klein-Genazino inmitten der Kriegstrümmer vorstellte, er könne sich mit Lianen buchstäblich abseilen) richtig. Und es erklärt sich aus Buch und Stadterleben auch, warum Frankfurt den passenden Nährboden abgab, damit Genazino hier mit seinem „Abschaffel“ das Genre des Angestelltenromans „erfinden“ konnte. Im Park joggt ein junger Mann an mir vorbei, eigentlich noch ein Milchgesicht, an den Füßen stinkteure Sneakers, und hechelt beim Laufen in sein Headset: „Ja, Mama, aber die haben gesagt, dass ich dieses Jahr noch nicht zum Consultant upgegradet werden kann.“ That`s Ebbelwei-City.

Hingewiesen sei noch auf eine ausführliche Besprechung des „Frankfurt“-Buches bei Culturmag.

„Zum einen gefällt sich die Stadt in ihrer hausbackenen Eppelwoi-Seligkeit, zum anderen will sie als Mainhattan gelten. Man muss annehmen, dass Menschen, die derlei Verschmelzungen angemessen finden, noch nie in New York gewesen sind.“

„Frankfurts vielleicht heikelstes Kapitel ist die Zeil. Die Straße wird allgemein für das Zentrum der Stadt gehalten, weil hier tagtäglich abertausende von Menschen unterwegs sind und immer nur eines wollen: kaufen, kaufen, kaufen.“

„Das Erhabene in der Moderne entsteht durch den ungeplanten Zusammenprall von Elend und Kitsch.“

„An manchen Nachmittagen, besonders im Frühjahr und im Sommer, verwandeln sich Teile der Innenstadt in eine Art Szenario der Verwahrlosung. (…) Ich fürchte sowieso, unser Wirtschaftssystem hat einen Grad von Geschlossenheit erreicht, der die einmal Ausgeschlossenen nicht mehr zurücklässt. (…) Wie sehr die heutige Gesellschaft in geschlossene Segmente auseinandergefallen ist, kann man erleben, wenn man einen Abend in der Oper oder im Schauspielhaus verbringt. Wer in der Pause – ein Glas Prosecco für fünf Euro in der Hand – ein wenig im weiträumigen Foyer umherwandelt, kann ganz nah und doch im Dunkeln die herumhuschenden Schatten derer sehen, die in der Grünanlage unmittelbar vor dem Theater die Nacht verbringen.“

„Die moderne Stadt bringt kaum noch bemerkenswerte ästhetische Reize hervor, die von den Menschen ein längeres Verweilen fordern.“


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#BLOGBUSTER! Sag mal an Daniel: Roofen oder Schreiben – was ist Fiktion, was Realität?

Daniel Faßbender hat mich mit „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“ begeistert. Das Manuskript um einen jungen Mann, der sich in der Roofer-Szene bewegt, hatte es mir vom ersten Satz an angetan – und so wurde dieser Roman mein Favorit für den Literaturpreis Blogbuster. Weil der Text selbst von einer so ungewöhnlichen Szene erzählt, haben Daniel und ich uns entschieden, ihn auch außergewöhnlich in Szene zu setzen: Ein Interview fast ohne Worte über den Dächern von Köln.

Daniel, Dein Text handelt von einem Roofer. Kennst Du das aus eigener Erfahrung?

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Alle Bilder: Markus Syska

Roofen, Freiheit über den Dächern, und der Handlungsort Stockholm. Gibt es dafür spezielle Gründe?

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Dein junger Protagonist ernährt sich überwiegend von Kakao und Zimtwecken. Ist das auch Dein täglich Brot?

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Gibt es für Dich literarische Vorbilder?

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Arbeitest Du bereits an einem neuen Manuskript?

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Was bedeutet schreiben für Dich?

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Und hier gibt es noch eine sensationelle Leseprobe:

 

LESEZEICHEN von: Monika Maron

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„Worüber zu sprechen ich mich hier aufgefordert fühle, ist etwas sehr Intimes, über das ich öffentlich eigentlich gar nicht sprechen möchte. Mir wurde zwar gesagt, ich dürfe dieses Amt gestalten, wie ich es wünsche, aber das ändert nicht viel, denn auf jeden Fall soll ich ja über Bücher sprechen und über das Schreiben und über mein Verhältnis zu Büchern und zum Schreiben; und das empfinde ich als geradezu exhibitionistisch. Seit jeher hat mich die Frage nach meinem Lieblingsbuch, die einem übrigens erstaunlich oft gestellt wird, meistens von Journalisten, in Verlegenheit gestürzt, weil ich erstens kein Lieblingsbuch habe, sondern in bestimmten Lebensaltern bestimmte Autoren mehr geliebt habe als andere und weil ich an Tschechow etwas anderes bewundere als an Kafka, und an Uwe Johnson etwas anderes als an Natalia Ginzburg oder Philip Roth.
Weil ich zweitens so viele Bücher, die ich hätte lesen müssen, nicht gelesen habe und darum nicht weiß, ob nicht eines dieser ungelesenen Bücher mein eigentliches Lieblingsbuch ist.
Und drittens erschreckt mich der Gedanke, was ich alles über mich verraten würde, wenn ich mein Lieblingsbuch, das ich aber nicht habe, preisgäbe.
Eine andere Frage, die mir seltener von Journalisten als von Lesern oder Zuhörern gestellt wird, sich aber ebenso gegen eine Antwort sperrt, ist die nach dem Grund, nach dem Warum; warum schreiben Sie?
Ich vermute, dass diese Frage so beliebt ist, weil viele Menschen hin und wieder das Bedürfnis verspüren, selbst ein Buch zu schreiben, dass sie in sich eine Geschichte bewahren, die sie für mitteilenswert halten, aber nicht die Kraft oder den Mut finden, mit dem Schreiben anzufangen, und nun wissen wollen, worin sich jemand, der es wirklich getan hat, von ihnen unterscheidet. Ich weiß auf diese Frage natürlich keine Antwort. Die Antwort wäre die Frage. Der eine tut es, der andere nicht.
Vielleicht ist es eine frühe Erfahrung, dass etwas, über das man nicht sprechen will oder kann, sich einem Stück Papier anvertrauen lässt und dass Konfusion, in Sprache gefasst, Gestalt annimmt; dass also etwas, das als Zuviel, als störender Überschuss an der eigenen Person empfunden wird, sich plötzlich als sinnstiftende Möglichkeit offenbart. Und wenn eine solche Empfehlung mit dem Lesen einhergeht und eines Tages der Blick auf das eigene Leben darin nach einer Form sucht, nach einer erzählbaren Form, kann der Wunsch entstehen, den unzähligen Büchern ein eigenes hinzuzufügen.“

Monika Maron, „Wie ich ein Buch nicht schreiben kann und es trotzdem versuche“, 2005, Fischer Taschenbuch (Infos zum Buch hier).

Temperament- und humorvoll berichtete Monika Maron in ihren Frankfurter Poetikvorlesung 2005 davon, wie sie ihrer Hauptfigur Johanna aus dem Roman „Endmoränen“ in einem zweiten Buch dazu verhelfen will, aus ihrer Lebenskrise etwas zu machen. Wie die Autorin Maron und ihre Figur Johanna beinahe daran scheitern und ein Hund aus der Schreibkrise helfen muss. Wie es als Ausweg erscheint, erstmals als männlicher Perspektive zu erzählen. Und weil bei einer Krise, ob im Schreiben oder auch sonst, manchmal nur die Flucht nach vorne hilft respektive eine Reise, führt dieser literarische Ausflug vom Frankfurter Hörsaal bis nach Mexiko City.

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#BLOGBUSTER! Literaturblogs suchen gemeinsam den Debütroman 2017.

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Bild von Pexels auf Pixabay

16 Literaturblogger, die Literaturagentur Elisabeth Ruge, der Verlag Klett-Cotta, die Frankfurter Buchmesse und der bekannte ARD-Literaturkritiker Denis Scheck suchen die literarische Entdeckung und den Debütroman des Jahres. Das Ganze nennt sich Blogbuster – Preis der Literaturblogger und ist die Chance für alle, die ein Romanmanuskript in der Schublade haben, aber noch keinen Verlag. Der Gewinner bekommt einen Agentur- und Verlagsvertrag und wird bereits im nächsten Jahr auf der Frankfurter Buchmesse seinen Roman vorstellen können.

Um an dem Wettbewerb teilzunehmen, müssen sich die Autoren bei den beteiligten Literaturblogs bewerben. Diese wählen in einem ersten Schritt ihre Favoriten unter den Manuskripten aus, die danach einer Fachjury vorgestellt werden. Neben dem Jury-Voritzenden Denis Scheck entscheiden Elisabeth Ruge, Klett-Cotta Verleger Tom Kraushaar, Lars Birken-Bertsch von der Frankfurter Buchmesse und der Blogger und Initiator der Aktion, Tobias Nazemi, über den Blogbuster-Gewinner.

„Wir wollen damit zeigen, dass Blogs nicht nur Literatur gut vermitteln, sondern auch gute Literatur entdecken können“, sagt Tobias Nazemi, der für das Projekt 15 qualitativ hochwertige und reichweitenstarke Literaturblogs ausgewählt hat. Der Wettbewerb startet am 21. Oktober 2016 mit einer Auftaktveranstaltung im Orbanism-Space auf der Frankfurter Buchmesse. Die Preisverleihung findet Anfang Mai 2017 im Literaturhaus Hamburg statt.

Sätze&Schätze ist einer der beteiligten Blogs – alle weiteren Blogs auf der Suche nach dem Blogbuster 2017 sowie weitere Informationen finden sich unter: Blogbuster-Preis.de

Und auch hier kann man auf dem Laufenden bleiben:

https://www.facebook.com/Blogbusterpreis/

https://twitter.com/BlogbusterPreis

LESEZEICHEN von: Paul Auster

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„Also blieb ich bei meiner Schreibmaschine, und die achtziger Jahre gingen in die neunziger über. Einer nach dem anderen stiegen meine Freunde auf Mac oder IBM um. Allmählich kam ich mir vor wie ein Fortschrittsfeind, der letzte heidnische Posten in einer Welt voller digitalen Konvertiten. (…) Bis dahin hatte ich mich meiner Schreibmaschine nicht sonderlich zugetan gefühlt. Sie war einfach ein Werkzeug, das mir erlaubte, meine Arbeit zu tun; aber jetzt, da sie zu einer gefährdeten Spezies geworden war, zu einer der letzten überlebenden Gerätschaften des Homo scriptorus des 20. Jahrhunderts, begann ich eine gewisse Zuneigung zu ihr zu empfinden.“

Paul Auster/Sam Messer, „Die Geschichte meiner Schreibmaschine“, Rowohlt Verlag, 2005, Hardcover mit zahlreichen Bildtafeln.

1974 ersteht Paul Auster von einem Freund für 40 Dollar eine Olympia-Reiseschreibmaschine, „hergestellt in Westdeutschland. Dieses Land gibt es nicht mehr, aber seit jenem Tag im Jahr 1974 ist jedes Wort, das ich geschrieben habe, auf dieser Maschine getippt worden“. Wahrscheinlich gilt diese Aussage auch heute noch, 14 Jahre nach Erscheinen des amerikanischen Originals dieses kleinen Bildbandes: Denn Auster erstand vorsorglich 50 Farbbänder für seine Olympia. Technisch unbegabt, scheute der Schriftsteller die Anschaffung eines Computers. Das allein ist jedoch nicht der Grund für die immer intensiver gewordene „Beziehung“ zu seinem Schreibgerät: „Ich hatte nie die Absicht, meine Schreibmaschine zu einer Heldin zu machen. Das ist das Werk von Sam Messer, einem Mann, der eines Tages in mein Haus kam und sich in die Maschine verliebte.“

Der New Yorker Künstler begann „Portraits“ der Olympia zu malen, manchmal durfte auch Paul Auster mit ins Bild. Und so ist „Die Geschichte meiner Schreibmaschine“ vor allem eine bildhafte, schöne Liebeserklärung an diesen Gegenstand, der immer mehr aus unserem Alltag verschwindet.

Mit 17 Jahren – also vor mehr als drei Jahrzehnten – machte ich meine ersten Schreibversuche noch auf einem Modell namens „Gabriele“. Ein grässliches, klappriges Ding. Regelmäßig riss ich mir die Nagelhaut auf, weil die Tasten so seltsam standen. Erst später bekam ich die oben abgebildete Schreibmaschine meines Großvaters vererbt – eine Lust war es, darauf zu schreiben, die Tasten angenehm leise, das Klingeln am Rücklaufhebel gab mir das angenehme Gefühl, schon wieder etwas – sprich eine Zeile – geschafft und geschaffen zu haben.

Mir gibt das heute manchmal einen kleinen Schock, wenn ich daran denke, dass es in meinen ersten Berufsjahren selbst in den Redaktionen noch keinerlei Computer gab. Geschweige denn Emails. Plötzlich komme ich mir dann richtig steinzeitlich vor, wie ein Relikt – „weißt Du noch, damals, als wir noch Klebeumbruch machten …“. Und dennoch kam täglich eine Zeitung zustande – irgendwie.

Die Schreibmaschine meines Großvaters ist nicht mehr in Einsatz – und ich habe mich, im Gegensatz zu Paul Auster, längst schon an den PC gewöhnt. Aber dennoch: Computer und Laptops habe ich inzwischen schon einige verbraucht – und alle sind irgendwann in den Elektromüll gewandert, ohne großes Sentiment. Meine „Erfurt“ dagegen, sie steht als stillgewordene „Heldin“ immer noch in meinem Buchregal: Zu viele Erinnerungen verbinde ich mit ihr. Und manchmal lasse ich sie einfach so noch klingeln.

Den Bildband von Paul Auster und Sam Messer gibt es übrigens auch als ebook (Link hier). Das kann ich mir nun gar nicht vorstellen.

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Jutta Reichelt im Gespräch: Wie war der Weg vom Manuskript zum Buch?

Aus den Verlagsangaben:

„Jutta Reichelt, 1967 in Bonn geboren, studierte Jura und Soziologie in Bonn und Bremen. Freie Schriftstellerin, lebt und arbeitet in Bremen, unterrichtet Literarisches Schreiben, leitet diverse Literaturwerkstätten, gehört dem Masken-Ensemble des Bremer Blaumeier-Ateliers an.

Bisher erschienen von ihr Erzählbände, die Romane „Nebenfolgen“ und „Wiederholte Verdächtigungen“. Jutta Reichelt erhielt mehrere renommierte Auszeichnungen, u. a. war sie Stipendiatin der „Bremer Romanwerkstatt“, Preisträgerin des Tübinger Würth-Literaturpreises sowie des Irseer Pegasus.“

Und in der Blogosphäre kennt man sie durch ihren eigenen Blog „Über das Schreiben von Geschichten“, auf dem sie wertvolle Schreibtipps teilt.

Höchste Zeit einmal für ein Interview mit Jutta zu der Geschichte ihres Romans: Wie wurde aus den wiederholten Verdächtigungen der wunderbare Roman, den ich nicht oft genug empfehlen kann?

Liebe Jutta, Du hast fast sechs Jahre an Deinem Roman „Wiederholte Verdächtigungen“ gearbeitet – wann kam der Punkt für Dich während dieser Zeit, als Du wusstest: Jetzt ist es soweit – ich will das Manuskript einem Verlag vorstellen?

Ich glaube nach etwa drei Jahren entwickelte sich bei mir (auch durch die Rückmeldungen anderer AutorInnen) die Einschätzung, dass die „Wiederholten Verdächtigungen“ sich auch in einem größeren Literaturverlag würden behaupten können. Von dem Zeitpunkt an habe ich das Manuskript immer mal wieder verschickt.

Wie geht man als Autorin dabei vor – einfach ein Manuskript einzuschicken, ist da wohl wenig erfolgsversprechend?

Nach allem, was ich höre, ist es der am wenigsten erfolgversprechende Weg – aber hin und wieder kommen wohl auch so Veröffentlichungen zustande. Das Problem ist, dass es gerade für „literarische AutorInnen“ generell schwierig ist – jedenfalls bilde ich mir ein, dass es erheblich einfacher wäre, wenn ich mal einer meiner Krimi-Ideen nachginge. Anders gesagt: eine gute Agentur zu finden ist ähnlich schwer, wie einen guten Verlag zu finden.

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Jutta Reichelt. Bild: Caro Dirscherl

Hast Du Dir gezielt mehrere Verlage ausgesucht und kontaktiert?

Ich habe in einer ersten Runde nacheinander Kontakt zu vier größeren Agenturen aufgenommen, bei denen ich mich auf Empfehlungen anderer AutorInnen beziehen konnte. Da gab es durchweg positive Reaktionen, allerdings  auch immer ein „aber“.

Ich erzähle mal von einer Absage,  weil es eine schöne Geschichte ist und weil sie mir tatsächlich sehr weitergeholfen hat: Ich erhielt von einem Agenten eine sehr knappe Absage (wofür man schon fast dankbar sein muss, weil manche Agenturen sich überhaupt nicht melden) und vom selben Agenten nochmals sechs Monate später eine weitere. Er entschuldigte sich, dass er so spät erst reagierte, wusste also offenbar nicht mehr von der früheren Absage. Er lobte dann sehr den Ton, die Sprache, die „fast makellose Prosa“, monierte aber, dass er in die Geschichte nicht richtig reingekommen wäre, dass ihm das alles zu lang gedauert hätte. Als ich das las, dachte ich: Das darf nicht wahr sein! Die Geschichte, die ich vor mir sehe, die ich in den „Wiederholten Verdächtigungen“ erzähle, ist so stark, es muss mir doch gelingen, dafür eine Form zu finden. Und dann habe ich jeden Absatz, jeden Satz daraufhin überprüft, welche Funktion er für den Text hat – und etwa 50 Seiten gestrichen…

 Wie war das emotional für Dich – ein Stück Arbeit, die ja auch ein Stück Deines Lebens ist, zur „Bewertung“ durch Lektoren und Verlagsmitarbeiter aus der Hand zu geben?

 Was ich schwierig finde, ist der Umstand, den ich eben angedeutet habe: Dadurch, dass die Agenturen und Verlage derart mit Manuskripten überschwemmt werden, gelingt es den wenigsten, den Ablauf zu gewährleisten, den sich vermutlich alle Beteiligten wünschen würden: Eingangsbestätigung und innerhalb von 6 – 8 Wochen eine Entscheidung. Manche Agenturen schreiben z. B. auf ihrer Homepage: „Wenn Sie nach 3 –6 Monaten nichts von uns gehört haben, können Sie davon ausgehen, dass wir kein Interesse haben.“ Da ist dann die Diskrepanz zwischen der Bedeutung, die das Manuskript für die Autorin, den Autor hat und der Bedeutung, die ihm vom Gegenüber entgegengebracht wird, schon frustrierend. Und, dass alles so lange dauert: Bei einem größeren Verlag sah es längere Zeit ganz gut aus – und dann wurde es doch nichts und es waren wieder insgesamt neun Monate vergangen, in denen ich auch nichts anderes hatte versuchen können.

Wie gingst Du mit Absagen um?

Das war ganz unterschiedlich. Es gab welche, die ich  recht sportlich nehmen konnte, bei denen ich mich wie eben geschildert auch gefreut habe, dass vieles offenbar stimmt und dann aber auch ein oder zwei, die mich wegen ihres Tons  geärgert haben. Und natürlich ist es eine Enttäuschung. Aber es waren für mich immer eher Tage als Wochen oder gar Monate, in denen sich das auf meine Stimmung ausgewirkt hat. Und man muss einfach auch sehen, dass es für den großen Aufwand, den es für einen Verlag bedeutet, ein Buch zu „machen“, einfach auch nicht reicht, es „nur“ gut oder sehr gut zu finden – es muss dann wirklich begeistern oder zumindest die Hoffnung wecken, es würde genug LeserInnen begeistern.

Veröffentlicht wurde „Wiederholte Verdächtigungen“ bei Klöpfer&Meyer, einem Verlag der sich neueren Stimmen der deutschen Literatur öffnet. Wie fandet ihr zusammen?

Ich habe 2008 den Preis der Jury des Irseer Pegasus erhalten, der in eben diesem Jahr sein zehntes Jubiläum feierte, weswegen eine schöne Anthologie erschien – im Klöpfer & Meyer Verlag. Huber Klöpfer, der Verleger, brachte die druckfrischen Exemplare direkt nach Irsee und es kam zu einer kurzen Begegnung zwischen uns, auf die ich mich dann berufen konnte, als ich ihn vor gut zwei Jahren anschrieb. Und dann gab es noch einen weiteren Anknüpfungspunkt nach Tübingen, wo der Verlag sitzt, der sicherlich ein „Türöffner“ war: Ich hatte 2001 den Würth-Preis der Tübinger Poetik-Dozentur erhalten, verbunden mit einer Laudatio von Herta Müller.

Vom Vertrag bis zur Veröffentlichung: Wie lange hast Du dann noch am Manuskript gearbeitet? Wie sah Deine Zusammenarbeit mit dem Verlagslektorat aus?

Im  Frühjahr 2014 hatte ich die Zusage von Hubert Klöpfer, dass er das Buch verlegen wird, im Sommer haben wir uns dann in Tübingen getroffen und über Details gesprochen und dann war klar, dass der Text im Spätsommer ins Lektorat ginge und ich bis dahin Zeit hätte ihn nochmals zu überarbeiten. Zunächst dachte ich daraufhin: Ich habe den Text jetzt schon so oft überarbeitet, ich warte erstmal ab, was die Lektorin Petra Wägenbaur dazu sagt. Aber dann habe ich bei einer weiteren Lektüre des Textes festgestellt, dass ich mit dem letzten Drittel des Textes und auch mit dem unmittelbaren Ende noch nicht vollkommen zufrieden war und habe also den Sommer über nochmals sehr konzentriert an dem Text gearbeitet.

Die Zusammenarbeit mit der Lektorin war dann sehr entspannt, von wechselseitigem Respekt geprägt. Aber da war der Text auch schon in einer sehr „guten Verfassung“ – was ich auch den beiden wunderbaren Autoren-Kolleginnen Ulrike Ulrich und Kerstin Becker zu verdanken habe, die den Text über die Jahre mehrfach gelesen haben (ich habe darüber auf meinem Blog den Beitrag geschrieben: http://juttareichelt.com/2014/11/10/vom-text-zum-buch-raymond-carver-meine-drei-lektorinnen-und-ich/

Und wieviel Einfluss hattest Du als Autorin auf die Buchgestaltung?

Ich hatte die Möglichkeit, Vorschläge zur Cover-Gestaltung zu formulieren, aber eher, um zur Ideenfindung beizutragen und weniger, um einen sehr konkreten Vorschlag zu machen, der dann übernommen wird. Aber ich hatte die Zusage, dass ich bei allem (Cover, Klappentext, Vorschau) eine Art Veto-Recht habe. Bei der Vorschau war es dann auch keine Frage, dass meine Änderungswünsche angenommen wurden, was oft vor allem ein Zeitproblem ist. Für mich war wichtig, dass es bei dem Titel bleibt und ansonsten kann ich sehr gut andere ihre Arbeit machen lassen und anerkennen, dass sie davon mehr verstehen als ich – zum Beispiel von Gestaltung.

Wiederholte Verdächtigungen ist Deine vierte Buchveröffentlichung – fängt für Dich mit dem fünften Buchprojekt dieses Procedere der Verlagssuche dann wieder von vorne an? Oder wird es von Buch zu Buch aufgrund wachsender Kontakte – so wie ja auch der Kontakt zu Klöpfer&Meyer durch ein persönliches Zusammentreffen entstand – einfacher?

Was den „neuen Roman“ betrifft, gibt es von meiner wie auch von Verlagsseite die Absicht, weiter miteinander zu arbeiten – was mich auch deswegen sehr freut, weil ich die Zusammenarbeit mit dem ganzen Verlagsteam als ungewöhnlich angenehm empfunden habe: sehr engagiert, qualitativ hochwertig und humorvoll. Aber ich habe mittlerweile auch noch ein paar andere Projekte, die nicht in das Profil von  Klöpfer & Meyer passen (ein Kinderbuch und einen „anderen“ Schreibratgeber um mal die zu nennen, die schon weit gediehen sind) – und da bin ich wieder auf der Suche und merke, dass ich jetzt schon in einer besseren Position bin, als noch vor einem Jahr – aber mal schauen, vielleicht versuche ich es auch noch mal mit einer Agentur …

Jutta`s Blog findet sich hier:

http://juttareichelt.com/

Zu „Wiederholte Verdächtigungen“ bei Klöpfer&Meyer geht es da lang:

Verlagsseite

Ja, und hier gebe ich meine Eindrücke wieder:

http://saetzeundschaetze.com/2015/02/23/jutta-reichelt-wiederholte-verdachtigungen/

LESEZEICHEN von: Franz Kafka

Chinesischer Staatszirkus

Brief an Felice Bauer, 21.,22. und 23. Juni 1913

21.VI 13

Liebste, auch das und vielleicht das vor Allem berücksichtigst Du in Deinen Überlegungen nicht genug, trotzdem wir schon viel darüber geschrieben haben: daß nämlich das Schreiben mein eigentliches gutes Wesen ist. Wenn etwas an mir gut ist, so ist es dieses. Hätte ich dies nicht, diese Welt im Kopf, die befreit sein will, ich hätte mich nie an den Gedanken gewagt, Dich bekommen zu wollen. Was Du jetzt zu meinem Schreiben sagst, kommt nicht so sehr in Betracht, Du wirst, wenn wir zusammen sein sollten, bald einsehn, daß, wenn Du mein Schreiben mit oder wider Willen nicht lieben wirst, Du überhaupt nichts haben wirst, woran Du Dich halten könntest. Du wirst dann schrecklich einsam sein, Felice, Du wirst nicht merken, wie ich Dich liebe und ich werde Dir kaum zeigen können, wie ich Dich liebe, trotzdem ich Dir dann vielleicht ganz besonders angehören werde, heute wie immer. Langsam werde ich ja zerrieben zwischen dem Bureau und dem Schreiben (das gilt auch für jetzt, trotzdem ich seit 5 Monaten nichts geschrieben habe) wäre das Bureau nicht, dann wäre freilich alles anders und diese Warnungen müssten so streng nicht sein, so aber muß ich mich doch zusammenhalten, so gut es nur geht. Was sagst Du aber liebste Felice zu einem Eheleben, wo, zumindest während einiger Monate im Jahr, der Mann um ½ 3 oder 3 aus dem Bureau kommt, ißt, sich niederlegt, bis 7 oder 8 schläft, rasch etwas ißt, eine Stunde spazieren geht, dann zu schreiben anfängt und bis 1 oder 2 Uhr schreibt. Könntest Du denn das ertragen? Vom Mann nichts zu wissen, als daß er in seinem Zimmer sitzt und schreibt? Und auf diese Weise den Herbst und den Winter verbringen? Und gegen das Frühjahr zu den Halbtoten an der Tür des Schlafzimmers empfangen und im Frühjahr und Sommer zusehn, wie er sich für den Herbst zu erholen sucht? Ist das ein mögliches Leben? Vielleicht, vielleicht ist es möglich, aber Du mußt es doch bis zum letzten Schatten eines Bedenkens überlegen. Vergiß dabei aber nicht andere Eigenheiten, die mit dem Vorigen zusammenhängen, aber außerdem in unglücklichen Anlagen begründet sind. Seit jeher war es mir peinlich oder zumindest beunruhigend einen Fremden oder selbst einen Freund in meinem Zimmer zu haben, nun hast Du jedenfalls Menschen gerne, vielleicht auch Gesellschaften (…)

22. VI 13

Aber selbst wenn und solange ich bleibe, also im günstigsten, vergleichsweise günstigsten Fall, werden meine Frau und ich arme Leute sein, welche diese 4588 K sorgfältigst werden einteilen müssen. (…) Du hast schon mehrmals irgendein Leid erwähnt, das Ihr früher zuhause erlitten und ertragen habt. Was war das für ein Leid? Kann man daraus vielleicht die Tragfähigkeit für anderes Leid schließen?

23. VI 13

Nur auf das, was ich jetzt schreibe mußt Du hören, Felice, nur auf das mußt Du antworten, aber auf alles, nicht nur auf die Fragen. Dafür aber verspreche ich Dir aber, wenn Du das tust und in welchem Sinne immer, an Deine Eltern, wenn ich um Dich bitte, nur ganz kurz zu schreiben. Es ist wirklich nur unsere Sache, aber Du mußt ihr gerecht werden.

Franz

„Aber Du mußt ihr gerecht werden“: Da ist einer, der fordert im Namen der Liebe sehr viel ein – und das, nachdem er seitenweise zuvor über die Gründe schreibt, warum es besser wäre, ihn nicht zu heiraten. Die Briefe von Franz Kafka an Felice Bauer – ihre an ihn sind unglücklicherweise nicht erhalten – sie sind einfordernd und fordern, bedrängend und drängend einerseits und zugleich Zeugnisse eines, der lieben will und sich der Liebe doch nicht ganz anvertrauen mag. Ein Brief vorwärts, zwei Telegramme zurück. Sehen werden sich die beiden in diesen Jahren nur wenige Male – die Höhenflüge der Liebe, die Abstürze: Alles findet auf dem Papier statt, nicht im Leben.

Franz Kafka lernte die Berlinerin Felice Bauer im August 1912 kennen, wenig später beginnt der Briefwechsel, eine wahre Briefflut, die mit manchen Unterbrechungen bis 1917 dauert. Als Kafka an Tuberkulose erkrankt, ist das für beide wohl wie eine Erlösung von einer nicht „lebbaren“ Liebe, sie trennen sich.

Der S. Fischer Verlag hat die „Briefe an Felice Bauer“ und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit im Rahmen der Kritischen Gesamtausgabe Kafkas neu herausgebracht, das Buch liegt inzwischen auch als Fischer Taschenbuch vor. Ein guter Einstieg für jene, die sich der Kafka`schen Gedankenwelt nähern möchten – denn auch in den Briefen zeigt sich, wie sich Leben und Werk verknüpften: Felice Bauer leiht den Heldinnen seiner Werke – der Frieda Brandenfeld, dem Fräulein Bürstner bis hin zur Frieda des Schloßromans – nicht nur die Initialen ihres Namens.

Hans-Georg Koch, der die Briefe neu editiert und kommentiert hat, schreibt in seinem Nachwort:

„Briefe schreiben, und nicht nur einen, sondern gleich mehrere am Tag? (…) Vielleicht wären Felice Bauer und Franz Kafka, die in ihrem Hunger nach Mitteilungen einander in nichts nachstanden, in der heutigen Zeit völlig den Möglichkeiten des beständigen elektronischen Austauschs verfallen. Die dichte Abfolge ihrer Briefe unterscheidet sich jedenfalls kaum von SMS- oder E-Mail-Bombardements. Das Warten auf Antwort war allerdings eine größere Geduldsprobe, und gerade angesichts drängender Fragen schrieb Kafka oft bereits den nächsten Brief (…),

Dieses Schreiben mehrmals am Tag, bei dem man nicht weiß, ob überhaupt eine Antwort kommen kann, aber auch dieses vor und wieder zurück, was den Inhalt anbelangt – eigentlich kann sich jeder, der sich binden und doch nicht binden will, und das trifft heute auf viele zu, gut in Kafkas Lage hineinversetzen. Dieser ständige Sinneswandel, das Herantasten und dann doch wieder Fliehen, weil jedes Wort zu viel dann doch wieder zu nahe hingeführt hat zu etwas, wozu man sich letztlich nicht imstande sieht – auch unter diesem Aspekt ist die Korrespondenz zwischen Felice Bauer und Franz Kafka einer heutigen Fernbeziehung via Internet ziemlich ähnlich.“

Dieses vor und wieder zurück – auch die Autorin Marie Luise Kaschnitz schreibt darüber bereits 1967 im Spiegel:

„Dieser ewige innere Widerspruch ist qualvoll — ein pathologischer Sonderfall ist er nicht. In jedem Zueinander- und Voneinanderwegstreben Liebender ist etwas von dem Kafka-Felice-Schicksal, das hier durch die beschwörende Kraft von Kafkas Sprache, durch seine besondere Ungeduld und Trauer, vor allem durch sein künstlerisches Gewissen eine so ungeheure Steigerung erfährt.“

Wie Felice das ausgehalten hat? Ganz einfach: Sie liebte ihn. Als sie sich 1956 aus einer materiellen Notlage heraus von den Briefen trennen musste (sie verkaufte sie für 8000 Dollar, später wurden sie für 605 000 Dollar versteigert), sagte sie: „Mein Franz war ein Heiliger.“

Ein lesenswerter Beitrag für jene, die des Spanischen mächtig sind. Oder zumindest Fotos von Franz und Felice sehen möchten:
https://enlenguapropia.wordpress.com/2014/01/07/franz-kafka-y-felice-bauer-desdichas-de-un-amor-epistolar/

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Kathrin Schmidt im Gespräch: „Preisvergaben sind als demokratische Veranstaltungen nicht denkbar“

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Bild von Florin Radu auf Pixabay

Zwar lesen die Buchpreisblogger inzwischen schon die von ihnen ausgewählten Titel von der Longlist, doch der Blick geht nicht nur nach vorn: Wir baten auch die Autorinnen und Autoren der vergangenen Jahre, mit uns über ihre Erfahrungen mit dem Deutschen Buchpreis zu sprechen. Auf Buchrevier hatte Tobias Nazemi bereits Julia Franck im Gespräch, Mara von Buzzaldrins Bücher interviewte Terézia Mora. Und hier kommt nun Kathrin Schmidt zu Wort, die Buchpreisträgerin des Jahres 2009.

Sechs Jahre sind seit der Auszeichnung von „Du stirbst nicht“ mit dem Deutschen Buchpreis vergangen. Werden Sie noch manchmal im Alltag darauf angesprochen?

Im Alltag? Was ist das? Ich schreibe ja alle Tage, und ich esse oder wasche alle Tage, und alle Tage legen sich zu meinem Leben übereinander. Sicher spricht mich wer an, aber kaum auf den Buchpreis. Das ist weit weg, lange her. Bekannte erwähnen ihn manchmal, „weißt Du noch?“, Unbekannte wissen davon nichts.

Wie geht man damit um, wenn man mit einem doch so sehr persönlichen Buch wie „Du stirbst nicht“ nun – trotz zahlreicher Veröffentlichungen zuvor – plötzlich so sehr in der Öffentlichkeit steht?

Ich finde das Buch nicht „persönlicher“ als meine anderen Romane. Ich kann ja überhaupt nur schreiben, wenn ich eine gewisse Distanz zum Gegenstand gewonnen habe. Das ist bei „Du stirbst nicht“ keinesfalls anders gewesen. Keine „Aufarbeitung“. Keine „Therapie“. Das lag hinter mir. Ich konnte die Erinnerungen an die Krankengeschichte einer anderen Person mitgeben, aber die Krankengeschichte ist ja hoffentlich nicht alles…

Die Freude über den Preis – so äußerten Sie das in einem Interview mit dem Tagesspiegel 2009 – kam einher mit belastenden Gedanken: Der Verlag diskutierte über Nachdruck, Verkaufszahlen, etc. Wie sehr setzt dies eine Schriftstellerin unter Druck, wie sehr beeinflusste es auch Ihre Arbeiten im Anschluss?

Das stürmte in den ersten Wochen auf mich ein, verlor sich aber bald. „Richtige“ Bestsellerautoren erleben das öfter, gewöhnen sich daran, denke ich. Ich brauchte mich zum Glück nicht daran zu gewöhnen, denn es war ein einmaliges Ereignis. Dass es mich nicht unter Druck gesetzt hat, würde ich heute nicht mehr sagen. Ich tat mich schwer mit dem nächsten Roman, der aber im nächsten Jahr nun kommt. Zum Glück hatte ich Kurzprosa und Gedichte, und zwar nicht zur Überbrückung. Und der Verlag war, wie vorher schon, keinesfalls drängend oder treibend.

Dem Deutschen Buchpreis werden ja zahlreiche Kritikpunkte vorgehalten. Unter anderem, es würden vorwiegend Bücher prämiert, die die einschneidenden Themen der deutschen Geschichte – Nationalsozialismus, Teilung, Fall der Mauer – zum Inhalt hätten. Ist das für sie – zumal sie sich in der Bürgerrechtsbewegung engagiert haben – ärgerlich, dass diese Themen so abgetan werden?

Das interessiert mich eigentlich nicht. Ich habe inzwischen oft genug erlebt, wie das Feuilleton tickt. Damit meine ich nicht die ehrlichen, guten Kritiker, die es zum Glück noch gibt. Aber oft wird ein subjektiver Eindruck nicht als subjektiver Eindruck verkauft, sondern als objektive Gegebenheit. Wenn das Gegenteil der Fall wäre, also stets nicht vordergründig politische Bücher gewählt würden, wären die Kritikpunkte auch gegenteilig. Als Korrektiv vielleicht gar nicht schlecht? Aber drauf geben muss man, glaube ich, nicht viel.

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Kathrin Schmidt bei der Buchpreisverleihung 2009. Bild: (c) Claus Setzer.

Sie wurden bei der Preisverleihung 2009 noch als „Karin“ Schmidt aufgerufen – war das auch ein wenig symptomatisch dafür, dass man, selbst 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, im „westdeutsch“ geprägten Literaturbetrieb viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die mit dem Schreiben in der ehemaligen DDR begonnen hatten, kaum kannte und las?

Das scheint mir ein Trugschluss zu sein. Wenn ich an die 80er Jahre denke, eigentlich also auch an den Beginn meiner eigenen Publikationserfahrung, so waren Schriftsteller meines Alters aus dem Gebiet der DDR dem westdeutschen „Literaturbetrieb“ Garanten für Aufmerksamkeit und Erfolg, und zwar nicht unbedingt abhängig davon, ob sie in der DDR verblieben oder ausgereist waren. Auch Literaturpreise gingen in den 80ern und 90ern oft an in diesem Sinne ostdeutsche Autoren. Unter den zehn Trägern des Buchpreises finden sich fünf ostdeutsch geborene und zwei mit „Migrationshintergrund“, dazu kommt ein Österreicher. Bleiben zwei Preise für genuin „westdeutsche“ Autoren. Dass Herr Honnefelder mich Karin nannte, war ihm womöglich peinlicher als mir unangenehm, ich habe einfach keinen Namen, den man sich merkt. Durs Grünbein hat es besser. Übrigens auch ein Ostdeutscher

In der von Marlene Streeruwitz angestoßenen Debatte haben Sie sich auch Gedanken darüber gemacht, wie eine demokratische Preisvergabe für „einen“ Roman des Jahres aussehen könnte. Vorschläge?

Preisvergaben sind als demokratische Veranstaltungen nicht denkbar. Wenn jeder Autor, den der Buchpreis trifft, auch an jene dächte, die ihn nicht bekommen, könnte er sich vielleicht sogar leichter und ehrlicher freuen. Bei mir war das übrigens einer der ersten Gedanken. Er ebnete die Freude nicht ein, mäßigte sie aber und sorgte für Bodenhaftung. Ich habe mich damit wohlgefühlt.

Weitere Informationen:

Die Jury begründete ihre Entscheidung 2009 für Schmidts Roman „Du stirbst nicht“ so:

„Der Roman erzählt eine Geschichte von der Wiedergewinnung der Welt. Silbe für Silbe, Satz für Satz sucht die Heldin, nach einer Hirnblutung aus dem Koma erwacht, nach ihrer verlorenen Sprache, ihrem verlorenen Gedächtnis. Mal lakonisch, mal spöttisch, mal unheimlich schildert der Roman die Innenwelt der Kranken und lässt daraus mit großer Sprachkraft die Geschichte ihrer Familie, ihrer Ehe und einer nicht vorgesehenen, unerhörten Liebe herauswachsen. Zur Welt, die sie aus Fragmenten zusammensetzt, gehört die zerfallende DDR, gehören die Jahre zwischen Wiedervereinigung und dem Beginn unseres Jahrhunderts. So ist die individuelle Geschichte einer Wiederkehr vom Rande des Todes so unaufdringlich wie kunstvoll in den Echoraum der historisch-politischen Wendezeit gestellt.“

Gerrit Bartels schrieb in der Zeit: „Die Auszeichnung trifft die Richtige.“

2014 äußerte sich Kathrin Schmidt zur Gender-Debatte um den Buchpreis in der Welt: „Eine Quote für den Buchpreis ist Frauenkohlsuppe.“