Daniel de Roulet: Zehn unbekümmerte Anarchistinnen

Uns alle beeindruckte der Feuereifer eines jungen, italienischen Anarchisten, den sie Benjamin nannten. Er war erst 18 Jahre alt und hing an den Lippen von Bakunin, der achtundfünfzig Jahre alt war, von denen er zehn im Gefängnis verbracht hatte. Eines Abends erzählte der russische Prinz im Café de la Place von seiner Flucht aus Sibirien, wohin er deportiert worden war. Er war über Japan, Kalifornien, New York geflohen, bevor er nach London zurückgekehrt war, um mit Karl Marx zu streiten, dessen Bücher er ins Russische übersetzt hatte. Benjamin spendierte die Runde, sagte, es sei ganz natürlich, für eine Idee um die Welt zu reisen.“

Daniel de Roulet, „Zehn unbekümmerte Anarchistinnen“, Limmat Verlag Zürch, 2017.

Sie träumen von der Freiheit und der Liebe, lassen sich von „Julie oder Die neue Heloïse“ zu Tränen rühren und spüren vor allem, dass das Leben, das sie in ihrem Tal im Berner Jura fristen, so weder in Ordnung noch gerecht ist. Zehn junge Frauen, die sich zu zehn „unbekümmerten Anarchistinnen“ entwickeln. Sie wollen der Enge und Armut ihrer Heimat entfliehen, der Ausbeutung durch die Uhrmacherindustrie, der politischen Unterdrückung und der Kontrolle durch die Kirchenvertreter. Am anderen Ende der Welt wollen sie ihr Glück suchen und dort – zunächst in Patagonien, dann auf einer Pazifikinsel und am Ende in Buenos Aires – ihren Traum von einem freien Leben ohne Autoritäten und ohne Ungleichheit leben.

Am Ende bleibt nur eine übrig, um vom großen Experiment zu berichten: Die spröde, skeptische Valentine, die als Erzählerin in chronologischer Reihenfolge von den einzelnen Stationen der Gruppe berichtet. Überall dort, wo die Frauen ankommen, versuchen sie ihre Utopie vom Zusammenleben in Freiheit zu leben. Sie, die in der Uhrenindustrie in Saint-Imier als billige Arbeiterinnen ausgebeutet wurden, gründen in Südamerika eine Bäckerei, eine Uhrmacherwerkstatt, schlagen sich mit wechselnden Jobs durch – aber sie stehen auf eigenen Füßen. Manche von ihnen lieben Frauen, manche wechseln ihre Liebhaber ständig, andere, wie Valentine, trauern einem Phantom hinterher. Doch all dies ist erlaubt, wird akzeptiert: Platz ist für jeden in dieser Gruppe.

Nur eine Frau bleibt übrig

Doch analog zum Kinderlied von den „ten little Injuns“ geht bei jedem Kapitel eine der unbekümmerten Anarchistinnen verloren. Die meisten der Frauen sterben, werden ermordet, überleben Schwangerschaften, Krankheiten, Epidemien und Revolutionsmärsche nicht. Kann man da von einem gelungenen Experiment sprechen? Die 64jährige Valentine, die Übriggebliebene, schreibt Jahre später darüber, will davon erzählen, „was es kostet, die Welt neu zu erfinden.“ Sie, die sich als Berichterstatterin versteht, will ein Zeugnis ablegen:

„Uns liegt weder an Spott noch an Glorifizierung. Einfach unsere Portraits, unsere Liebesgeschichten, unsere Überzeugungen, keine Urteile, keine Übertreibungen. Eher eine Art politisches Testament, also eine ernste Sache. Wie Sie sehen werden, hatten wir alle ein ausgefülltes Leben.“

Die nüchterne Erzählerin weiß:

„Wir hatten eine zufriedenstellende Lebensform gefunden oder fast. Denn man weiß ja, dass ein befreiter Raum nur etwas Vorübergehendes sein kann. Solange Anarchie nur in einer kleinen Gemeinschaft gelebt wird, bleibt die Welt ringsum bedrohlich.“

Insofern ist das Experiment für die Frauen, zwischen 17 und 31 Jahre alt, als sie aus der Schweiz aufbrechen, gescheitert – immer wieder stoßen sie auf ihren Stationen an Grenzen stoßen, von staatlicher und männlicher Autorität errichtet, immer wieder müssen sie von vorne beginnen. Halt gibt ihnen die Solidarität unter Frauen:

Mehrere von uns Frauen taten sich zusammen, um zu schreiben. Wir wollten zeigen, dass wir auch etwas im Schädel und nicht nur im Bauch hatten. Mathilde formulierte ein paar Dinge sehr deutlich: „Nur die soziale Revolution vermag den Klerus, die Regierung, die Herrschaft, den Kapitalismus, die Gesetzbücher, die Richter und Staatsanwälte und das ganze Faulenzerpack zu beseitigen, das nichts produziert und auf unsere Kosten von allen profitiert.“

Der Schriftsteller Daniel de Roulet erzählt diesen kleinen Roman auf der Basis historischer Begebenheiten: Tatsächlich war das Zentrum der Schweizer Uhrenindustrie zeitweilig auch das Zentrum der internationalen anarchistischen Bewegung, tatsächlich trugen viele Schweizer Emigranten die anarchistische Utopien in die Welt hinaus.

Reale Ereignisse als Hintergrund

Die Ausgangshandlung basiert auf wirklichen Geschehnissen: 1872 kamen auf Einladung der Arbeiterorganisation „Juraföderation“ in St-Imier im Berner Jura die Delegierten der antiautoritären Gruppierungen zusammen, dabei wurde die „Antiautoritäre Internationale“ gegründet. Dies war eine Reaktion auf den Kongress der Ersten Internationalen, bei dem es Karl Marx gelungen war, Anarchisten wie Bakunin auszuschliessen. Bis heute ist Saint-Imier übrigens die einzige Gemeinde in der Schweiz mit einer anarchistisch-kommunalistischen Gemeindeführung und war 2012 Schauplatz einer erneuten antiautoritären Internationalen. Marianne Enckell, Archivarin und Bibliothekarin des Lausanner „Centre International de Recherches sur l’Anarchisme“, erinnerte in diesem Zusammenhang an die Anfänge:

„1869 kommt Bakunin nach Le Locle, im Neuenburger Jura, wo er Vorträge hält und Uhrenarbeiter trifft, die mit der Bildung der ersten autonomen Widerstandsverbände begonnen haben. Die Arbeiter wollen sich allein organisieren, ausbilden und bessere Arbeitsbedingungen erkämpfen.

Es ist eine Begegnung zwischen einem Revolutionstheoretiker und Leuten, die beginnen, konkrete Organisationserfahrungen zu machen. Es ist eine gegenseitige Verführung. Nach und nach übernehmen die Jurassier anarchistische Positionen, und Bakunin beginnt, sich hauptsächlich den praktischen Fragen der Arbeiterbewegung zu widmen.“

Quelle: https://www.swissinfo.ch/ger/libertaere-geschichten_bakunin-und-die-uhrmacher/33391750

 Nur wenige Frauen haben jedoch – wie auch das Interview verdeutlicht – damals in der anarchistischen Bewegung tatsächlich eine entscheidende Rolle gespielt. Eine der wenigen, Louise Michel, platziert der Autor geschickt in seinem Roman: Die Schweizerinnen lernen sie auf der Überfahrt nach Patagonien kennen, sie wird deportiert. Die skeptische Valentine zählt Louise Michel zu den „ganz Eisernen“, die in der Ehe, in der Familie die „größte Geißel der Menschheit sehen“. Im Roman formulieren die Frauen schließlich ihre eigenen Prinzipien:

„Auf dem Gebiet von Sexualität und Liebe wird absolute Freiheit herrschen, und Paare, die schon vor ihrem Aufenthalt auf dem Territorium des Experiments bestanden, dürfen ihr Leben weiterführen wie bisher. Mit einem Wort, jede Frau kann frei über sich selbst bestimmen, niemand darf jemals ihre Freiheit beschränken.“

Dieses Prinzip leben die Frauen bis zum Ende, diese Freiheit haben sie sich erobert: Und damit ist das Experiment denn doch für jede einzelne von ihnen gelungen.

Daniel de Roulet legt seiner Erzählerin eine spröde, fast karge Sprache in den Mund. Mehr Jura-Gestein denn patagonische Lava. Diese Schmucklosigkeit und die längeren Zitate anarchistischer Texte machen den Roman, der von Maria Hoffmann-Dartevelle aus dem Französischen übersetzt wurde, schränken den Lesegenuss gelegentlich ein. Stilistisch konnte mich der Roman nicht überwältigen.

Und dennoch empfand ich die Lektüre als bereichernd: In einer Zeit, in der so vieles im Umbruch ist und im Argen liegt, tut es gut und not sich an politische Ideal, meinetwegen Utopien, zu erinnern, die andere Formen menschlichen Zusammenlebens zum Ziel haben.

Denn die Frage, die sich durch diesen schmalen Roman zieht, lautet: Wie frei wollen wir leben?


Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.limmatverlag.ch/programm/titel/816-zehn-unbekuemmerte-anarchistinnen.html

Bild zum Download: Skulptur Frau


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