Neuerscheinung: Tatys kleine Kräuterfibel 2

Ein erzählendes Sachbuch für Kinder (ab 8 Jahren) und für Erwachsene über Heilkräuter und Heilpflanzen. Mit vielen Rezepten, einem Sachregister und Illustrationen.

Schon gewusst, dass Ringelblütenblätter früher als Safranersatz verwendet wurden? Dass Thymian Mut und Tapferkeit verleiht? Oder wie man Holunderpunsch herstellt und Ringelbütenmuffins wohl schmecken? All das und noch viel mehr erfährt die kleine Elfe Taty bei ihren neuen Abenteuern in Vinlanda.

Obwohl das Wissen um Heilkräuter und ihre Wirkung eine große Aufmerksamkeit erfährt, gibt es zu dieser Thematik noch wenige Bücher, die sich direkt an Kinder wenden. „Tatys kleine Kräuterfibel“ füllt diese Lücke wunderbar. Bereits mit dem ersten Band von „Tatys kleine Kräuterfibel“ landete Autorin und Verlegerin Natascha Sturm einen schönen Erfolg: Das 2018 erschienene Buch gibt es nun bereits in der 4. Auflage.

Nun ist endlich eine Fortsetzung dieser Geschichte da, mit der Kinder märchenhaft in die Welt der Heilkräuter eingeführt werden: „Tatys kleine Kräuterfibel 2“ erschien vor wenigen Tagen im Neissuferverlag. Von Baldrian bis Thymian werden in Band 2 zwölf neue Heilpflanzen vorgestellt. Jedes Kräuterkapitel enthält viel Wissenswertes über die jeweilige Heilpflanze mit Hinweisen zur Teezubereitung und vielen Rezepten. Einen Überblick über die Wirkungsweise der vorgestellten Heilkräuter bietet das Kapitel „Was hilft wann?“.

Tatys kleine Kräuterfibel 2 richtet sich an Kinder ab 8 Jahren, deren Eltern und Großeltern, kann im Kindergarten und in der Schule eingesetzt werden und ist darüber hinaus für jeden interessant, der mehr über Kräuter und Heilpflanzen wissen möchte.

Zur Autorin: In Kassel geboren, wuchs Natascha Sturm im Taunus auf. Neben ihrer kaufmännischen Tätigkeit interessierte sie sich schon immer für die Naturheilkunde. Nach Abschluss ihres Heilpraktikers spezialisierte sie sich auf dem Gebiet der Heilpflanzenkunde. 2015 gründete sie in Görlitz, wo sie mit ihrer Familie lebt, den Neissuferverlag, dessen Programm liebevoll illustrierte und hochwertig produzierte Kinder- und Familienbücher umfasst.

Zur Illustratorin: Den ersten Kontakt mit Kunst und Gestaltung hatte Juliane Wedlich schon früh durch ihren Großvater, einen Bildhauer. Ab 2003 absolvierte sie eine Ausbildung zur Mediengestalterin in Berlin. Seit 2011 lebt sie als freischaffende Grafikerin und Illustratorin in ihrer Heimatstadt Görlitz.

Tatys kleine Kräuterfibel 2
Text: Natascha Sturm
Illustrationen: Juliane Wedlich
200 Seiten, Hardcover
ISBN 978-3-9821546-4-0
Preis: 15,00 €

Ein Beitrag im Rahmen der Pressearbeit für den Neissuferverlag.

Bücherhamstern (13): Das Dilemma

Schlimmes ist für den afrikanischen Kontinent durch den Corona-Ausbruch zu befürchten. Umso wichtiger das Buch, das heute vom zu Klampen Verlag vorgestellt wird.

Cover9783866746077Das Buch:

Gerd Hankels „Das Dilemma. ‚Entwicklungshilfe‘ in Afrika“ ist ein Erfahrungsbericht über die Situation der Entwicklungszusammenarbeit zwischen Europa und Zentralafrika. Was nüchtern klingt, ist eigentlich ein Buch mit sehr viel Sprengstoff. Denn Hankel geht äußerst kritisch mit allen Beteiligten ins Gericht: Mit den Geberländern wie auch mit Ruanda, das als Leuchtturm der Entwicklung in der Subsahara gilt.

Neokolonialismus, Menschenrechtsverletzungen, unterschwellige Gewalt, korrupte Regimes, ein Erwartungsdruck, der zu Missbrauch führt: Es gibt viele Argumente für und gegen die Entwicklungshilfe für Afrika. Doch sie münden alle in der Frage: Wie soll sich Europa, wie Deutschland verhalten? Gerd Hankel beschreibt basierend auf langjähriger Erfahrung die Situation in Zentralafrika und kommt zu einem differenzierten und selbstkritischen Plädoyer für eine Entwicklungshilfe, die diesen Namen verdient.

Der Verlag:

Der zu Klampen Verlag, gegründet 1983, setzt sich mit dem Großteil der erschienenen Bücher kritisch mit dem aktuellen politischen und gesellschaftlichen Geschehen auseinander. Aus einer übermütigen Idee dreier Studenten wurde ein renommierter Verlag, der auch jetzt, nach beinahe vierzig Jahren Tätigkeit, noch verlegerisches Geschick an den Tag legt.

Die Buchhandlung:

Bestellbar ist „Das Dilemma“ zum Beispiel bei der Buchhandlung am Nordwall. Sie ist eine engagierte Buchhandlung in der City von Springe und hat als eine der ersten in Niedersachsen einen Bücherbringservice in der Coronakrise organisiert, sie begleitet Lesungen mit Büchertischen und pflegt auch die Programme kleiner Verlage.

Informationen zum Buch:

Gerd Hankel
Das Dilemma. »Entwicklungshilfe« in Afrika. Ein Erfahrungsbericht
zu Klampen Verlag
Paperback, 150 Seiten, Preis: 16,00€
ISBN 9-783-86674-607-7

https://zuklampen.de/


Wegen der Coronakrise bietet der Blog unabhängigen und kleinen Verlagen unter der Rubrik #buecherhamstern die Möglichkeit, Titel aus ihrem Programm sichtbar zu machen. Das ist ein Zeichen der Solidarität für das verlegerische Engagement, das für Vielfalt und Auswahl für Lesende sorgt. Diese Beiträge sind kostenfreie Werbung.

Eddy de Wind: Ich blieb in Auschwitz

auschwitz-i-3673862_1280

Bild von Peter Tóth auf Pixabay

„Sie haben ihre Arbeit schlecht gemacht. Nach kurzer Zeit, nach einer Stunde vielleicht, bin ich wieder zu mir gekommen. Ich lag in der Grube, inmitten von lauter ermordeten Frauen, und habe noch gelebt. Da habe ich gespürt, dass sich meine Haltung verändert hat, dass ich am Leben bleiben muss, am Leben bleiben will, um davon zu erzählen. Um allen davon zu erzählen, die Menschen davon zu überzeugen, dass das hier wirklich passiert ist…“

Eddy de Wind, „Ich blieb in Auschwitz. Aufzeichnungen eines Überlebenden 1943 – 1945“.

Dies ist ein Buch, das sich einer gängigen Besprechung entzieht.
Es ist ein Buch, das einen auch heute noch beim Lesen, da die Geschehnisse über ein dreiviertel Jahrhundert zurückliegen, mit Entsetzen und Fassungslosigkeit erfüllt.

Und ein Buch, das Scham auslöst:
Scham darüber, dass das darin Geschilderte tatsächlich geschehen konnte.
Scham darüber, dass dieser Bericht, als er 1946 erstmals und 1980 erneut in den Niederlanden erschien, scheinbar nur wenige Menschen erreichte und interessierte.
Und auch Scham darüber, dass die Hoffnung seines Verfassers, dieses Buch möge mit „einem neuen Humanismus den Weg“ bereiten, nicht erfüllt wurde.

Bereits vor 30 Jahren hatte Eddy de Wind eine Neuauflage seines Berichtes aus der menschlichen Hölle angestrebt, weil, so heißt es im Nachwort der jetzigen Auflage, er sich zunehmen Sorgen macht „über etwas, das er eigentlich nie mehr erleben wollte, über das Wiederaufflammen von Intoleranz und politischer Gewalt – auch in Westeuropa.“ Wieviel Grund zur Sorge hätte der holländische Arzt und Psychoanalytiker erst heute, in diesen Tagen, da von manchen Politikern der Nationalsozialismus ganz offen als „Vogelschiss“ und das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ bezeichnet wird und Faschisten in fast allen europäischen Ländern ihre Wiederauferstehung feiern?

Gerade deshalb ist es wichtig, dass dieses Buch gerade jetzt wieder erscheint – erstmals in deutscher Übersetzung (durch Christiane Burkhardt) im Piper Verlag sowie in weiteren zwanzig Ländern.

Eddy de Wind (1916 – 1987) ist der letzte jüdische Student, der an der Universität in Leiden noch seinen Abschluss machen kann. Noch kann der junge Mann einige Monate in Amsterdam in Freiheit verbringen. Doch der Zugriff der nationalsozialistischen Besatzer wird immer enger. Um seiner Mutter, die im Lager Westerbork inhaftiert ist, helfen zu können, meldet sich de Wind als Freiwilliger im Arztdienst für dieses Lager – als er ankommt, ist seine Mutter jedoch bereits schon nach Auschwitz deportiert. Ein Schicksal, das auch ihn und seine Frau Friedel, der er in Westerbork kennengelernt hat, wenig später trifft.

In seinem Zeitzeugenbericht schildert de Wind die Verhältnisse in Auschwitz, in dem er von 1943 bis 1945 zahllose Grausamkeiten am eigenen Leib erlebt und miterleben muss, aus beinahe sachlicher, distanzierter Sicht – in einer nüchternen Sprache, in der sich jedoch die ganze Inhumanität, die dieser Todesmaschinerie innelag, erst richtig enthüllt.

„Es ging zum alten Krematorium, das zweihundert Meter vom Lager entfernt war. Es wurde nicht mehr benutzt. Seit alle Vernichtungen in Birkenau organisiert wurden und in Auschwitz bloß noch eine „normale“ Sterblichkeit herrschte, kamen die wenigen Leichen abends auf den Leichenwagen, der damit zu den Öfen von Birkenau fuhr.“

In der darauffolgenden Szene zeigt sich der ganze bürokratische Wahnsinn, der das Lagerleben und Lagersterben regelt – Eddy de Wind, der sich in seinen Aufzeichnungen Hans nennt, wird zu einem besonderen Einsatz eingeteilt:

„In einem der Räume des Krematoriums türmten sich Blechbehälter – die Urnen der Polen, die hier verbrannt worden waren. Die Familie bekam anschließend die Todesnachricht und konnte die Urne anfordern. Aber im Laufe der Jahre hatten sich vierzigtausend Urnen angesammelt, die jetzt in einen anderen Raum gebracht werden mussten.
Die Männer bildeten eine lange Menschenkette durch die Kellerräume, in denen die drei großen Öfen standen. Sie warfen sich die Urnen zu wie Käse- oder Brotlaibe. Noch nie hatte Hans so viele Tote in den Händen gehabt wie in diesen Stunden.“

Eddy de Wind erzählt von den Massentötungen, von der Ausbeutung der Menschen als Arbeitssklaven, von Hunger, Erschöpfung und zugleich der dem Lager innewohnenden Monotonie. Er macht in seinem Bericht die Hierarchie sichtbar, die unter all den Insassen die Juden an die unterste Stufe setzt, den SS-Mann als „Krönung der arischen Schöpfung“ dagegen zu allem berechtigt:

„Wer hat noch nie einen Betrunkenen gesehen, der seinem jaulenden Hund einen Tritt versetzt? Der Hund jault dann noch lauter, und obwohl der Mann betrunken ist, spürt er zu Recht, dass das Tier ihn wegen seiner Brutalität anklagt. Zu aufrichtiger Reue ist der Mann nicht imstande, dennoch weckt das anklagende Jaulen unangenehme Gefühle, die er mit einem stets brutaleren Auftreten überspielt. Fester treten, lauter jaulen – so lange, bis der Hund totgetreten ist.“

Das Berührende an diesem Text ist es, dass hier ein Mensch aus der Vergangenheit zu uns spricht, der unwürdiger behandelt wurde wie ein Tier – und der doch, wie andere seiner Leidensgenossen auch, seine Würde behielt, seine Menschlichkeit. Eddy de Wind erzählt auch von der Solidarität unter den Häftlingen, von ihrem Überlebenswillen, der natürlich auch vom Gedanken an Rache angetrieben wird. Und den Erzähler selbst hält das Wissen aufrecht, dass seine Frau Friedel nur einen Block entfernt noch unter den Lebenden ist und sich zudem lange den grausamen Experimenten der Lagerärzte unter Leitung des Dr. Mengele entziehen kann. Um mit ihr nur ab und an einige Worte und Lebensmittel wechseln zu können, dafür riskiert Eddy de Wind regelmäßig sein Leben.

Erst 1945, als die russischen Befreier kommen, erlebt das Ehepaar eine wirkliche Trennung: Friedel begibt sich, entgegen seines Rats, auf einen der Todesmärsche, auf die die SS Abertausende ihrer Gefangenen jagt, er dagegen versteckt sich im Lager und überlebt so die letzten Tage in Auschwitz. Es grenzt an ein Wunder, dass das Paar sich nach seiner Rückkehr in die Niederlande wiederfand, auch wenn die Ehe den durchlittenen Alptraum nicht überstand.

Eddy de Wind begann mit seinen Aufzeichnungen bereits, als die Deutschen aus Auschwitz abgezogen waren. Eine kleine Ironie des Schicksals: In einer Kladde der Deutschen hielt er all die Gräuel fest, deren Zeuge er wurde. So spricht aus diesem Buch die authentische Stimme eines Zeitzeugens, der, obwohl er selbst später als Psychiater und Psychotherapeut traumatisierten Kriegsopfern half, wusste, dass dieses Trauma in einem Menschenleben nicht zu überwinden ist, dass es kein Vergessen geben kann – „Ich blieb in Auschwitz“ ist ein Titel, der alles dazu sagt.

Informationen zum Buch:
Eddy de Wind
Ich blieb in Auschwitz
Piper Verlag 2020
Übersetzt von Christiane Burkhardt
240 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, 20,00 Euro
EAN 978-3-492-07001-0

Weitere Besprechungen:
Deutschlandfunk Kultur

 

 

Jürgen Goldstein: Blau

color-300343_1920

Bild von frankspandl auf Pixabay

„Am Anfang war kein Blau. Die Höhlenmalereien unserer Vorfahren, entstanden vor Zehntausenden von Jahren kennen Rottöne, sie schwelgen in Braun und Ocker, für sie wurde Schwarz verwendet – nicht aber Blau. Das ist weder Zufall noch ein reiner Mangel an blauen Farbstoffen: Blau scheint lange Zeit in der Entwicklungsgeschichte des Menschen eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Michel Pastoureau nennt es im Rahmen der europäischen Geschichte die „unauffällige Farbe“ und verzeichnet erst ab dem 12. Jahrhundert einen Bedeutungszuwachs.“

Jürgen Goldstein, „Blau. Die Wunderkammer seiner Bedeutungen“, Matthes & Seitz Berlin, 2017

Am Anfang war kein Blau. Und heute? Alle tragen Blue Jeans. Weit hergeholt, diese Assoziation? Dann sollte man sich von Jürgen Goldstein zum Lesen verführen lassen: Denn „Blau“ ist ein Buch, das seine Leser klug und intelligent auf eine überraschende Reise mit überraschenden Wendungen ins Blaue hinein mitnimmt.

In der Einführung zu seiner wunderbaren Essaysammlung spricht Jürgen Goldstein über das Glück des Flaneurs, „kein Ziel haben zu müssen.“ Die Lebenskunst, eine „souveräne Absichtslosigkeit“ auszuüben, sie kommt in unserem durchgeplanten Alltag oftmals zu kurz. Selbst das Lesen – das eine besondere Art des horizonterweiternden Müßiggangs sein könnte – fällt häufig einem Zwang zur Effizienz zum Opfer: Es soll uns weiterbringen, Wissen erweitern, Anstöße geben und ein Sachbuch sollte möglichst mit neuen Forschungsergebnissen oder zumindest mit innovativen Hypothesen aufwarten.

Dem Zwang zur zielgerichteten Optimierungslektüre nimmt der kluge Autor Goldstein mit seinen kulturphilosophischen Texten von vornherein jede Grundlage, so ganz anders ist dieses „Blau“ angelegt – nämlich als „Eine Wunderkammer seiner Bedeutungen“.

Der Professor für Philosophie, 2016 für sein Buch über Georg Forster mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, lädt die Leser zum Flanieren ein, zu einem kulturgeschichtlichen Bummel auf den Spuren der Farbe „Blau“. Eine literarische Fahrt ins Blaue im besten Sinne – ohne eindeutiges Ziel, ein Vorbeischlendern, ein Verharren, Pausieren dort, wo es einem gefällt, um am Ende des Tages (Buches) wie Picasso sagen zu können:

„Ich suche nicht – ich finde.“

Dieses Zitat führt nicht von ungefähr in den Prolog ein: Jürgen Goldstein möchte sein Buch als „Wunderkammer“, wie es sie in der Spätrenaissance und dem Barock gab, verstanden wissen: „Refugien“ des Außergewöhnlichen, die beim Betrachter Staunen, Neugier auf das Fremde und kulturellen Wissensdurst anregen sollten.

Die Wunderkammern fielen dem modernen Systematisierungsdrang der Museen zum Opfer. „Man geht wohl nicht zu weit, wenn man in dem Untergang der Wunderkammern den symbolischen Ausdruck eines bedenklichen Siegeszuges des modernen Ordnungswillens erkennt.“ Eine Entwicklung, die Goldstein für „unseren Umgang mit Kultur“ für „verheerend“ hält, sei doch Kultur „vom Prinzip her auf Vielfalt angelegt“.

Der durchstrukturierten Kulturvermittlung setzt Goldstein nun also eine blaue Wunderkammer entgegen:

„Mit dem eigenwilligen Ordnungsprinzip der Wunderkammer ist nun eine Möglichkeit eröffnet, nicht nur Dinge, sondern auch Bedeutungen von Dingen und Phänomenen so zu gruppieren, dass sie sich gegenseitig in verblüffenden Konstellationen ergänzen.“

Keine durchstrukturierte, chronologisch angeordnete Kulturgeschichte des „Blaus“ also, sondern ein assoziativer Spaziergang ins Blaue – dass Blau als Farbe erst allmählich Bedeutung gewann, dies erfährt man so nebenbei. Wobei dies dem Prinzip des Bandes entspricht – Wissenstropfen, die an geeigneter Stelle fallen gelassen werden, die dazu anregen, weiterzulesen, selbst weiter zu recherchieren, vor allem aber: selber zu denken.

Und tatsächlich lassen sich zwischen den einzelnen Texten rund um die Farbe Blau, die zunächst so lose nebeneinander stehen, trefflich blaue Seidenfäden spinnen, ergibt das Ganze ein eng verwobenes Blaumuster. Vom unverstellten Jubel der Astronauten der Apollo 8, als sie das erste Mal den blauen Planeten in seiner Pracht sehen, über die Bedeutung des „Blue Moon“ bis hin zu Frida Kahlos blauem Haus, in dem die Künstlerin schmerzensgeplagt auf ihr Ende wartet und hofft, „nie wiederzukehren“, spannt sich der thematische Bogen. Der vor allem zeigt, wie in der Kultur des 20. Jahrhundert die Farbe Blau mit Bedeutungen und Zuschreibungen aufgeladen wurde.

Blaustimmungen: Der Blues transportierte sie, der Jazz, die Rhapsodie in Blue. Das Blau als die Farbe des humorvollen Widerstands bei Yves Klein, der Lebensbejahung über den Tod hinaus bei Paul Klee, als Farbe der unstillbaren Sehnsucht der Romantiker. Goldstein streift durch die Künste, erzählt – immer elegant-schwungvoll – von den „Blue Notes“, den „Blue Jeans“, von „Kind of blue“, verknüpft geschickt Literatur, Musik, Bildende Kunst und Zeitgeschichte. Die Eigenwilligkeit des Autors zeigt sich unter anderem an einer bemerkbaren Leerstelle: „Der blaue Reiter“, den wahrscheinlich jeder kulturell Interessierte in einem Buch wie diesem erwartet, er wird nur ganz am Rande, in Zusammenhang mit Else Lasker-Schülers blauem Klavier erwähnt.

Man vermisst den blauen Reiter nicht zwingend: Die Welt hat so viel mehr an Blautönen zu bieten. Jürgen Goldstein stellt ein Zitat von Uwe Kolbe voran:

„Wer nach dem Blau fragt, der meint das ganze Leben.“

Verlagsinformationen zum Buch:

http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/blau.html

Meine Bewertung für den Bayerischen Buchpreis:

Ein Plus für die Sprache: Königsblau! Jürgen Goldstein schreibt elegant, flüssig, sinnlich.

Ein Plus für die Struktur: Dunkelblau! Das Buch hält, was es verspricht – es ist eine Wunderkammer zum Stöbern, Entdecken und Wiederfinden. Schön für den autonomen Leser, für Flaneure, für Genießer. In sich eigenständige Texte, die für sich gelesen werden können und doch durchzieht ein logischer blauer Faden das gesamte Werk.

Ein Plus für den Inhalt: Azurblau! Ultramarin! Lapislazuli! Es ist einfach ein Lesevergnügen, Jürgen Goldstein über so verschiedene Menschen wie Albert Camus, Virginia Woolf, Patti Smith, Bob Dylan und viele mehr plaudern zu „hören“.

Ein kleines Minus: Himmelblau mit Wolken! Obwohl in blaues Leinen gebunden, wartet das Buch „nur“ mit Schwarzweiß-Abbildungen auf – wer den Mond, die „Nacht-Blüte“ Paul Klees oder Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ in aller Farbenpracht sehen will, ist daher auf andere Quellen angewiesen.

Fazit: Eine große Empfehlung meinerseits – mit diesem Band lässt es sich wunderbar blaumachen!

Zum Bayerischen Buchpreis: http://www.bayerischer-buchpreis.de/

Bild zum Download: https://pixabay.com/de/photos/m%C3%BCnchen-odeonsplatz-statue-l%C3%B6we-4477307/

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln

chile-1463829_1920

Bild von LuisValiente auf Pixabay

„Dieser Atlas ist somit vor allem ein poetisches Projekt. Wenn der Globus rundherum bereisbar ist, besteht die eigentliche Herausforderung darin, zu Hause zu bleiben, und die Welt von dort aus zu entdecken.“

Judith Schalansky, „Atlas der abgelegenen Inseln“, 2009.

Judith Schalansky im Vorwort zum „Atlas der Abgelegenen Inseln“. Dieses literarisch-kartographische Experiment erschien 2009 im mare Verlag.Das Buch gibt es inzwischen auch als Taschenbuchausgabe –  zu empfehlen für Bibliophile ist jedoch das gebundene Exemplar, das auch von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet wurde.

Wie schön, dass uns Judith Schalansky an ihren Entdeckungsreisen – seien es zu Inseln rund um den Globus oder auch zur heimischen Flora und Fauna – immer wieder teilhaben lässt. Vor der Fahrt zu den abgelegenen Inseln muss man jedoch gewappnet sein. Es erwartet uns kein Tripp auf die Malediven mit Vollpension, weißem Muschelstrand, dezenter Musik und immer während blauem Himmel. „Das Paradies ist eine Insel. Die Hölle auch.“

Und auf den meisten Inseln, die Judith Schalansky vorstellt, geht es eben mehr oder weniger höllisch, selten jedoch himmlisch zu: Kaum auszuhalten auf dem Eiland „Einsamkeit“ im Nordpolarmeer, Iwojima, gezeichnet von den Spuren des Krieges und bekannt aus Clint Eastwoods gleichnamigen Film. Oder St. Helena – muss man nicht mehr viel zu sagen. Napoleon war es dort furchtbar öde.

Verschwundene Seefahrer, abgestürzte Pilotinnen, abgesetzte Diktatoren: Inselgeschichten wimmeln vor Tragik. Judith Schalansky hat zu jedem Eiland ein wunderbares Portrait geschrieben: Kurz, knapp, präzise, pointiert. So schön lesbar und unterhaltsam, dass man eigentlich gottfroh ist, diese Inselgeschichten in aller Sicherheit zuhause lesen zu können, ohne auf große Abenteuerfahrt zu müssen. Jahrelang hat die Autorin dafür in Bibliotheken und Archiven recherchiert, Karten und Begleitmaterial studiert – dafür gebührt ihr eigentlich auch Dank von jedem Reiseveranstalter: Ein Atlas an Orte, an die man niemand leichtfertig hinsenden sollte.

Trotzdem ruft der Begriff „Insel“ bei vielen Menschen zunächst Sehnsüchte wach, ruft Bilder von Blumenkränzen und Hulahoop-Reifen hervor. Bestes Beispiel: Meine Buchhändlerin. Beim Abkassieren verlor sie mit dem Blick auf das Buch minutenlang jede Aufmerksamkeit. Raffinierterweise ist die Taschenbuchausgabe auch aufgemacht wie ein kleiner Langenscheidt. „Ach, Inseln, Urlaub! Wo steht das Buch?“ – „Ja, hier bei Ihnen – hinten in der Ecke für besondere Bücher!“ – „Ich muss mal wieder weg, das hole ich mir.“ – „Ähmm, das ist kein Reisebuch…“. War ihr nicht zu vermitteln, dass das zwar ein tolles Buch ist, aber die Reiseziele nicht zu empfehlen sind – das Wort Insel überdeckte alles.

Jedenfalls – der Atlas ist ein schöner Leseausflug. So oder so. Und das muss man auch mal schaffen: Mit zwei Büchern in enger Zeitfolge von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet zu werden. Judith Schalansky ist es gelungen – mit ihrem Atlas der abgelegenen Inseln, zunächst erschienen bei mare. Und natürlich mit „Hals der Giraffe“ (Link zur Besprechung) bei Suhrkamp. Beides wunderschöne Bücher, habtisch, optisch, inhaltlich – Judtih Schalansky schreibt einen blendenden Stil, hat einen Sinn für das Skurrile und viel trockenen Humor. Schalansky, die Kunstgeschichte studiert hat, widmete sich zunächst dem Buchdesign – was ein Glück, möchte man sagen, dass sie auch selber schreibt. Eine, die beides kann – eine Wortbildkünstlerin.

Und für alle, die jetzt schon die Winterferien planen, hier ein kurzer Ausflug zur Weihnachtsinsel:
„Die Regenzeit lockt sie aus ihren Höhlen. Jedes Jahr im November machen sich 120 Millionen geschlechtsreife Krabben auf den Weg zur See. Ein roter Teppich breitet sich über die Insel aus. Mit Tausenden von Schritten krabbeln sie über Asphalt und Türschwellen, klettern über Mauern und Felswände, schieben ihre feurigen Panzer auf zwei starken Scheren und acht dünnen Beinen seitwärts zur See und werfen kurz vor Neumond ihre schwarzen Eier in die Brandung. Nicht alle kommen ans Ziel. Ihr Feind lauert überall: Woher er kommt, weiß niemand genau. Irgendwann war die Gelbe Spinnerameise da, von Besuchern eingeschleppt. Die Invasoren sind nur vier Millimeter groß, aber ihre Armee ist vernichtend. (…) Auf der Weihnachtsinsel herrscht Krieg.

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Harald Vogel: Was darf die Satire?

frogs-1610563_1920

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

„Aus der Gesamterscheinung dieses Mannes kann ich nicht ganz klug werden. Diese Verse sind wunderbar gearbeitet, mit der Hand genäht, kein Zweifel – aber irgendetwas ist da nicht in Ordnung. Es geht manchmal zu glatt, das sollte man einem deutschen Schriftsteller nicht sagen, dieses Formtalent ist so selten!“

Kurt Tucholsky 1929 in der Weltbühne über Kästner. Zitiert nach „Was darf die Satire?“, Harald Vogel, Verlag Ille & Riemer, Leipzig-Weissenfels, 2015.

Im vergangenen Herbst las ich den Kästner-Erzählband „Der Herr aus Glas“. Und war unschlüssig. Klappte das Buch mit einem unzufriedenen, merkwürdigen Gefühl zu: Irgendetwas war da nicht in Ordnung. Der „Atrium Verlag“, 1935 von dem jüdischen Verleger Kurt Leo Maschler ins Leben gerufen („Da ich Kästner leider nicht dazu bewegen konnte zu emigrieren, emigrierte ich seine Bücher. Ich fuhr in die Schweiz und gründete den Atrium Verlag.“), hatte für „Der Herr aus Glas“ aus den über 140 Erzählungen, die Kästner geschrieben hatte, eine Auswahl jener zusammengestellt, die für erwachsene Leser verfasst worden waren – 42 Texte insgesamt, die einige Facetten des Schriftstellers zeigen, die vor allem zeigen, dass die kurze Form für Kästner ein Experimentierfeld war, oftmals auch Gebrauchsprosa, für die Erscheinung in Zeitschriften und Zeitungen, zum Broterwerb gedacht. Nur elf der Geschichten hatte Kästner selbst für die Werkausgabe, die 1969 zu seinem 70. Geburtstag erschien, ausgewählt – ein Indiz dafür, wie er selbst die Texte bewertete? (Mehr zum Buch auf der Verlagsseite).

Den Fabian, den Gang vor die Hunde, jener Roman für Erwachsene, mit dem Kästner richtig berühmt wurde, den mochte ich sehr: ein Zeitroman, der Einblick gab in die Weimarer Republik mit einem liebenswerten Helden – freche Berliner Schnauze, eine warme, feinfühlige Seele auf der Habenseite. Jedoch aber auch schon ein Zauderer, ein Unentschlossener, ein Mamakind: Letzten Endes verfasste der Schriftsteller hier wohl auch ein Portrait seiner selbst. Sieht man die Bilder des jungen Erich Kästner, so kann man gut verstehen, dass dieser Mann Charme hatte, Wirkung auf die Frauen, aber dass auch irgendetwas fehlte – an Substanz, an Tiefe.

Kästner ist ein Humanist und Moralist. In einem Zeugnis würde über den „Musterknaben“, wie er sich selbst nannte, vielleicht stehen: Er bemühte sich, ein mutiger Mann zu sein. Manche nennen ihn auch einen Satiriker: Für einige Gedichte der Weimarer Republik, für den Fabian hat das Geltung. Aber es ist doch beim Lesen immer wieder, als ob da etwas fehlt. Oder eine Spur zuviel da ist – von dem Sentimentalen, von einem weichen Unterton in den Beschreibungen – wo Kästner vielleicht ein realistisches Bild der Armut, der Arbeitslosigkeit, der Hackordnung an Schulen, die Militäranstalten glichen, zeichnen wollte, klingt oftmals dieser Modus durch, der schon an Sozialromantik grenzt:

„Seine Mutter war Witwe; noch jung, oft krank, für ewig enttäuscht. Längst wäre sie an jenem Leiden gestorben, das man, höchst anschaulich, „ein gebrochenes Herz“ nett, wenn sie nicht ihn, den kleinen Jungen, gehabt hätte. Seinetwegen lebte sie weiter oder genauer: existierte sie fort. (…). Es wäre falsch gewesen, zu ihr von „stillem Heldentum“ oder dergleichen zu sprechen. Es wäre überhaupt falsch, ihr Wesen mit solchen Schlagwörtern zu etikettieren.- Sie nähte, statt zu leben. (…). So selbstverständlich es den Müttern ist, ihr Leben dem der Kinder zu opfern, so seltsam dünkt es manchmal die Kinder, daß es jemanden gibt, der ihr Glück mit dem seinen zu erkaufen scheint.“

Aus der Erzählung „Ein Musterknabe“.

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht – die Stärken Kästners, so zeigten es mir die Erzählungen, liegen woanders, dort, wo es turbulent zugeht, wo Humor und Phantasie sich treffen, beispielsweise bei den „Reisen des Amfortas Kluge“:

„Benares gehört zu den seltsamsten Städten, die ich kennen lernte. Und am auffälligsten ist wohl, daß es dort keine Hotels gibt. Wir standen also nachdenklich an den Ufern des Ganges; ich fütterte drei Krokodile mit meiner letzten Schinkensemmel und Bobby verstrickte einen spitzbärtigen Gaukler, der sich mit einer rotglühenden Brennschere die Haare auf den Zähnen ondulierte, in ein Gespräch über das Nirwana – als ein Inder auf uns zutrat, den Turban zog und fragte, ob er mit Herrn Amfortas Kluge das Vergnügen habe.“ – und auf in das nächste Abenteuer à la Münchhausen.

Münchhausen ist das Stichwort: Kästner dessen Bücher von den Nationalsozialisten zwar verbrannt worden waren, entschied sich, im Lande zu bleiben, wurde zu einem, dessen Name mit der „Inneren Emigration“ verbunden ist. Er will zudem als Schriftsteller weiter arbeiten – und bekam unter anderem unter dem Pseudonym „Berthold Bürger“ eine Sondergenehmigung, am Münchhausen-Drehbuch und anderen UFA-Filmen mitzuwirken. Das Kapitel 1933 bis 1945 wurde in der Ausstellung im Münchner Literaturhaus zwar nicht ausgelassen, jedoch auch nicht so kritisch hinterfragt, wie es nun in einer Publikation des Verlags Ille & Riemer geschieht.

Der Autor – Harald Vogel, emeritierter Professor für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik, Spiel- und Theaterpädagogik sowie Leiter der Lyrik-Bühne Esslingen – wagt unter dem Titel „Was darf die Satire?“ einen kritischen Vergleich zwischen Kurt Tucholsky und Erich Kästner. Freilich, es ist schwierig als Nachgeborener ein Urteil zu fällen – stellt man sich die Frage, wie hätte man selbst gehandelt als engagierter kritischer Autor in einer Diktatur, wissend, dass jedes freche, satirische Wort auch ein Todesurteil sein könnte? Aber dennoch: Gerade jene, die sich in besseren Zeiten mit ihren Zeitungsartikeln und literarischen Texten politisch positionieren, müssen sich auch später an ihren Schriften messen lassen. Schon im einleitenden Interview macht Harald Vogel keinen Hehl daraus, wem seine Sympathien gehören:

„Ich weiß, es tut weh, Kästner weh zu tun. Aber jüngere Forschungen rechtfertigen die kritische Sicht. Er hat fast die Hälfte seines Werkes in der Nazizeit geschrieben, unter Pseudonymen, und ging dafür viele Kompromisse ein. In einem Brief bittet er die Reichsschrifttumskammer, das Publikationsverbot gegen ihn zurückzunehmen. Das kann man fast Anbiederei an die Faschisten nennen.“

Vogel arbeitet die Gemeinsamkeiten dieser beiden Schriftsteller heraus, die zumindest äußerlich einiges verband: Wie der ältere Tucholsky arbeitete auch Kästner als Journalist und Schriftsteller, beide pflegten neben den sachlichen Texten und der erzählenden Literatur auch die Lyrik, beide verfassten Kabaretttexte, verkehrten in einem ähnlichen Milieu, hatten Amouren, aber Probleme mit der dauerhaften Bindung an eine Frau. Und doch gibt es, wie Vogel klar herausarbeitet, deutliche Unterschiede: Tucholsky, der Intellektuelle aus dem großbürgerlichen Milieu, schreibt glasklar, alles durchdenkend und formulierend bis zur letzten Konsequenz. Kästner dagegen geht den letzten Schritt nicht. Vogel stellt neben seinen eigenen Ausführungen zahlreiche Texte der beiden nebeneinander, die für sich sprechen, die zeigen, woran es Kästner fehlte, um ein zweiter Tucholsky werden zu können. Zudem zitiert der Autor auch Tucholsky, der etliche Werke des Jüngeren zwar wohlwollend-kritisch, aber auch mit einem guten psychologischem Gespür besprach.

Tucholsky über Kästner:

„Kästner hat Angst vor dem Gefühl, weil er es so oft in Form der schmierigsten Sentimentalität gesehen hat. Aber über den Leierkastenklängen gibt es ja doch ein: Ich liebe dich – es gehört nur eine ungeheure Kraft dazu, dergleichen hinzuschreiben. Und da sehe ich einen Bruch, einen Sprung, ist das sächsisch? Wir haben bei diesem Wort so dumme Assoziationen, die meine ich nicht. Langt es? Langt es nicht? (…)
Kästner wird viel nachgeahmt; es gehört wenig dazu, ihn nachzuahmen. Ich wünsche ihm ein leichtes Leben und eine schwere Kunst.“

Harald Vogel:

„Das Gutgemeinte poetisiert im Stil eines Kinderliedes, eine Schlagwortpersiflage, aber dies macht noch keine politisch zeitnahe Satire aus und sei sie moralisch noch so `gut´ gemeint. Um gesellschaftspolitisch zu überzeugen, bedarf es seitens des Autors einer intellektuellen Selbstkontrolle, die den gesellschaftlichen und moralischen Bezug textlich auf gedankliche Sprengkraft überprüft, die ein solches Thema satirisch inspiriert benötigt. Tucholsky spürt Kästners Kleinmut, seine Befangenheit vor einem ideologiekritischen Diskurs. Das Thema taug zum Kalauern.“

Durch den Blick auf die politische Literatur der beiden Männer wird zudem das Buch nicht nur zu einer vergleichenden Studie, sondern bietet auch eine gute Einführung in das Wesen der Satire, das vor allem Kurt Tucholsky in seinem berühmten Aufsatz analysierte. Viele kennen davon nur das Schlagwort: „Was darf Satire? Alles!“, oftmals wird es auch verfälscht und verkürzt missbraucht – es lohnt sich, den Text in ganzer Länge zu lesen.

Ausgespart werden kann bei diesem Vergleich freilich keinesfalls die Rolle Kästners im Nationalsozialismus, die, wie mittlerweile durch neuere Forschungen belegt, durchaus kritischer beurteilt werden muss, zumindest, so Vogel, verfing sich Kästner in „seinen eigenen Ängsten und Widersprüchen sowie moralisch fragwürdigen Kompromissen.“

Kurt Tucholsky dagegen, man weiß es aus seiner Biographie, ging keine Kompromisse ein. Vorstellbar ist, was ihm geschehen wäre, wären die Nazi-Schergen seiner habhaft geworden. Er ging die Lebensstufen bis zum letzteren bitteren Schritt. Aber am Ende treffen sich die beiden Männer hier doch wieder in einer Art Gemeinsamkeit: Sowohl Tucholsky als auch Kästner, verzweifelten wohl letzten Endes an ihren Lebensumständen, an der Welt, die sie nicht „gut schreiben“ konnten.

Mit Dank an den Tucholsky-Blog für die Überlassung des Rezensionsexemplares:
https://tucholsky125.wordpress.com/

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Harald Roth: Was hat der Holocaust mit mir zu tun?

p1040185

Bild: (c) Michael Flötotto

November 2015:
Als ich im Januar 2014 erstmals auf dieses Buch aufmerksam machte, sah die Welt noch anders aus. Ja, man wußte zwar, der Schoß war fruchtbar noch. Man wusste, dass dieses Gedankengut weiter schwelte. Inzwischen aber wird ein Tabu nach dem anderen gebrochen. Was stillschweigend vor sich hin gärte, darf nun laut rausgeschrien und gepöbelt werden – und findet immer mehr Zuspruch. Das macht manchmal sprachlos. Aber es darf nicht mutlos machen.

Heime brennen. Täglich gibt es Übergriffe auf Menschen – Flüchtlinge, Helfer, Politiker, Andersdenkende. Es gibt Einschüchterungsversuche überall. Ein Beispiel im Netz: Eine rechtsradikale Seite listet im Netz die Namen „linker, verdächtiger“ Personen auf. Das sind üble Zeiten: Menschen werden namentlich der Häme und Hetze freigegeben. Ich fand darauf auch den Namen einer Bekannten, einer Pressefotografin, die sich sozial engagiert. So wird das Gefühl, dass das radikal Schlechte auch in das eigene Leben eingreift, konkret.

„Man wird doch noch einmal sagen dürfen“: Diese Einführung jagt mir Kälteschauer über den Rücken. Denn meist ist es der Prolog zu Äußerungen voller Ressentiments und Vorurteilen. Mit den meisten Menschen kann man Dinge im Dialog noch klären. Ein Bürgermeister erzählte mir von einer Bürgerversammlung in Sachen „Asyl im Dorf“ – tagelang hat ihn das Thema zuvor umgetrieben und nervös gemacht. Ihm gelang die „Ent-Ängstigung“. Ein neues Wort in meinem Vokabular.

Aber es sind finstere Zeiten. Ich habe nicht die Hoffnung, dass die ganz Verblendeten, Radikalisierten mit Worten noch erreichbar sind. Und dennoch: Ich wünschte mir, jeder von denen, die jetzt gegen Flüchtlinge und Andersdenkende pöbeln, würden gezwungen, die Holocaust-Literatur zu lesen: Tadeusz Borowski, Imre Kertész, Bruno Apitz, Jorge Semprun, Aharon Appelfeld, Jurek Becker.

Ob es etwas an deren Denken ändern würde? Ich weiß es nicht. Aber ich möchte wenigstens, dass die, die jetzt zündeln, nochmals daran erinnert werden, wie es ist, wenn die ganze Welt brennt.

Januar 2014

„Nach meiner Auffassung stoße ich, wenn ich mich mit der traumatischen Wirkung von Auschwitz auseinandersetze, auf die Grundfragen der Lebensfähigkeit und kreativen Kraft des heutigen Menschen: das heißt, über Auschwitz nachdenkend, denke ich paradoxerweise vielleicht eher über die Zukunft nach als über die Vergangenheit.“

Imre Kertész, Rede zur Verleihung des Nobelpreises für Literatur, 2002
Vorangestellt dem Buch „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“, Herausgeber Harald Roth

1998:
Friedenspreisrede von Martin Walser in der Frankfurter Paulskirche. Ein Zitat:
„Kein ernstzunehmender Mensch leugnet Auschwitz; kein noch zurechnungsfähiger Mensch deutelt an der Grauenhaftigkeit von Auschwitz herum; wenn mir aber jeden Tag in den Medien diese Vergangenheit vorgehalten wird, merke ich, dass sich in mir etwas gegen die Dauerpräsentation unserer Schande wehrt.“

Weiter sträubt es sich in mir, aus dieser Rede zu zitieren – Walser verdreht gar die Formulierung von Hannah Arendt um in eine „Banalität des Guten“, diskreditiert damit sowohl den Ansatz Hannah Arendts als auch die Anstrengungen vieler, einen Teil zur  Erinnerungsarbeit beitragen zu wollen, die eine Wiederholung verhütet. Vor allem aber predigt er einer „politikfreien“ (moralfreien?) Literatur das Wort.

Ein kluger Beitrag zur Walser-Rede findet sich hier: Erinnern oder Vergessen?

Doch der Dichter sprach dem Volk wohl aus der Seele:
„Ferner stimmen 61 Prozent (1998: 63 Prozent) der Auffassung zu, dass 58 Jahre nach Kriegsende nicht mehr so viel über die Judenverfolgung geredet, sondern endlich ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen worden sollte.“
(Forsa-Studie)

2003:
„Jeder fünfte Deutsche ist latent antisemitisch. Dies war das erschreckende Ergebnis einer Forsa-Studie im Auftrag des stern im November 2003. Befragt wurden 1.301 Bundesbürger. Bereits 1998 wurde die Studie mit den gleichen Fragestellungen schon einmal durchgeführt, so dass sich Veränderungen über die Einstellung der Deutschen zu den Juden ablesen lassen. Demnach ist der Anteil der Deutschen mit „latent antisemitischen“ Einstellungen von 20 auf 23 Prozent gestiegen. Die Befragten konnten bei ihren Antworten aus einer siebenstufigen Skala auswählen von „trifft überhaupt nicht zu“ (Skalenwert 1) bis „trifft voll zu“ (Skalenwert 7). Wer Skalenwerte von 5 bis 7 angekreuzt hat, wird als „latent antisemitisch“ eingestuft. Auf die bewusst provokant gestellte Frage, ob viele Juden versuchten, aus der Vergangenheit des Nationalsozialismus ihren Vorteil zu ziehen und die Deutschen dafür zahlen zu lassen, antworteten sogar 36 Prozent der Befragten insgesamt mit ja (1998: 41 Prozent), 89 Prozent der Befragten mit antisemitischen Einstellungen waren dieser Meinung. Und 28 Prozent insgesamt glauben, dass Juden auf der Welt zu viel Einfluss haben (1998: 21 Prozent), 81 Prozent der Gruppe mit einer ausgeprägten antisemitischen Haltung stimmten dem zu. 1998 war der Anteil derer, die eine positive Entwicklung bei den Einstellungen gegenüber den Juden zu sehen glaubten, mit 49 Prozent deutlich größer als 2003 (36 Prozent). Heute glauben 30 Prozent, die Einstellung zu den Juden sei negativer geworden (1998: 15 Prozent) Wie aus der Studie weiter hervorgeht, meinen 16 Prozent aller Bundesbürger, die Juden hätten in der Vergangenheit nicht mehr durchgemacht als andere auch.
Quelle: http://www.lpb-bw.de/auschwitz-befreiung.html

2013:
In der ARD läuft – natürlich zu später Stunde – zum 75. Gedenktag anlässlich der „Reichspogromnacht“ ein Beitrag, der die Frage stellt: „Antisemitismus heute – wie judenfeindlich ist Deutschland?“.

Zwei Seiten – Verdrängung und Wiederholung. Die Haltung, >man könne es nicht mehr hören<, und steigender Antisemitismus gehen Hand in Hand.

Es ist also nach wie vor notwendig, vielleicht sogar notwendiger denn je, die Frage zu stellen: „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“. Herausgeber Harald Roth hat dies seinem Sammelband als Titel vorangestellt und 37 Antworten (oder besser: Versuche von Antworten und Annäherungen an diese Frage) zusammengefasst.  Es schreiben Holocaust-Überlebende, Schriftsteller, Politiker, Historiker, Journalisten.

Auch Roth geht in seinem Vorwort auf die Walser-Rede ein. Und stellt sie dorthin, wo sie hingehört, weist sie zurück. „Empirisch wäre zu überprüfen, ob man überhaupt von einer >Dauerpräsentation unserer Schande< sprechen kann. Walser kann man zudem entgegenhalten, dass es in einer freien Gesellschaft eine mediale Selbstbestimmung gibt: Keiner muss sich das Buch kaufen, keiner muss sich die Sendung anschauen.“

Aber: „Die Kritiker, die über ein mediales Überangebot räsonieren, übersehen meist einen simplen Sachverhalt: Für die junge Generation ist es immer eine Erstbegegnung. Zum ersten Mal erfahren sie etwas über Auschwitz, zum ersten Mal sehen sie einen Film über die >Weiße Rose<, zum ersten Mal besuchen sie eine KZ-Gedenkstätte.“

Am 27. Januar ist, in Erinnerung an die Befreiung von Ausschwitz durch die Rote Armee, der Gedenktag zur Erinnerung an die Opfer des Holocaust: In der Bundesrepublik erst (!) 1996 eingeführt, seit 2005 ebenfalls von den Vereinten Nationen. Roth weißt zurecht darauf hin, dass die Geste des Erinnerns emotional und moralisch gefüttert sein muss. Allerdings: „Die authentischen Stimmen der Zeitzeugen“ werden in absehbarer Zeit verstummen – sie jedoch „bilden für die Nachgeborenen eine emotionale Brücke zwischen dem Gestern und Heute.“

Und so sind die Stimmen der Zeitzeugen auch mit die eindrucksvollsten Berichte in diesem Buch:

Otto Dov Kulka, der von seiner späten Wiederkehr an den Ort berichtet, den er in seinem eigenen Buch „Landschaften der Metropole des Todes“ nennt.

Inge Deutschkron, die von der „Schuld der Überlebenden“ spricht und der „Pflicht, die mir meine Schuld auferlegte: Ich musste es niederschreiben Die Wahrheit, die lückenlose Wahrheit, präzise und emotionslos, so wie ich es mit eigenen Augen gesehen hatte. (…) Ich aber war wie besessen von der Idee, dass Vergleichbares nie wieder geschehen dürfe.“

Max Mannheimer, der die Lager überlebt hat, der sich niederließ im Land der Täter und auch im hohen Alter noch über das Studienzentrum in Dachau den Kontakt zu jungen Menschen sucht, um aufzuklären. Er schreibt: „Trotz der bitteren Erkenntnis, wozu Menschen fähig sind, wollte ich nicht, dass der Holocaust mich davon abhielt, an das Gute zu glauben, an die Hoffnung, an das Leben.“  Er appelliert an die Jugend: „Vergesst nicht, was geschehen ist, und entwickelt daraus Maßstäbe für euer eigenes Handeln.“

Edward Kossoy, der als Anwalt das unwürdige Feilschen um die Wiedergutmachungsleistungen erlebte: „Immer blieb es bei 150 Mark.“

Aber auch die Stimmen aus anderen Generationen (das merkwürdige Kanzlerwort von der „Gnade der späten Geburt“) kommen zu Wort – Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die eindringlich nahebringt, was es heißt, auf der Flucht und im Exil zu sein. Lena Gorelik, deren Fragen darum kreisen, warum das Jüdischsein in Deutschland keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer und stets mit Klärungsbedarf (Erklärungsnot?) verbunden ist. Martina Salzmann erzählt von ihrer „Muttersprache Mameloschn“.

Viele Beiträge kreisen um die Fragen, wie es möglich war, einen Massenmord in Gang zu setzen, wie es möglich war, mitzumachen und wegzusehen, warum die Ausgrenzung und systematische Ermordung einiger Bevölkerungsgruppen in einer scheinbar zivilisierten Gesellschaft stattfinden konnte. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Seibel: „Was Hannah Arendt am Beispiel Adolf Eichmanns deutlich zu machen versuchte, war dies: Gerade dadurch, dass man kein Monster sein musste, um an der Judenverfolgung mitzuwirken, konnte sich, was als Stigmatisierung und Diskriminierung begann, in ein monströses Massenverbrechen steigern. (…) Wenn man sich an den Gedanken gewöhnt, dass sich Massenverbrechen nicht als solche ankündigen, sondern erst durch die Mitwirkung normaler Menschen mit banalen Motiven zu Massenverbrechen werden, versteht man besser, wie sie entfesselt werden und was ihre Vernichtungsdynamik tatsächlich ausmacht.“

Mit diesem Rückgriff auf die „Banalität des Bösen“ beantwortet sich auch die Frage: „Was hat der Holocaust mit mir zu tun?“. Harald Roth will mit seinem Buch junge Menschen erreichen – die Beiträge, die von Augenzeugenberichten über Portraits bis hin zu Fachbeiträgen über einzelne Aspekte (Euthanasie, Wiedergutmachung, Umgang mit Erinnerungsorten, Friedensarbeit) reichen, eignen sich gut als Einstieg und Diskussionsgrundlage. Zu hoffen ist, dass es auch jene erreicht, die die Haltung übernommen haben, „es sei jetzt genug“.

Denn:
„Das Höchste, was man erreichen kann, ist zu wissen und auszuhalten, dass es so und nicht anders gewesen ist, und dann zu sehen, was sich daraus – für heute – ergibt.“
Hannah Arendt

Zum Herausgeber: Harald Roth, geboren 1950 in Böblingen, unterrichtete bis 2012 an einer Realschule Deutsch, Geschichte und Politische Bildung. Er veröffentlichte Anthologien und didaktische Materialien zur NS-Zeit u.a. eine Auswahl für junge Leser aus Victor Klemperers Tagebuch 1933-45. Roth ist Mitinitiator der KZ-Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen und lebt in Herrenberg.

Zum  Buch: Verlagsseite

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Nigel Barley: Traumatische Tropen

hut-945496_1920

Bild von Free-Photos auf Pixabay

Wie witzig man über Ethnologie schreiben kann, verdeutlichte Nigel Barley mit seinem Bestseller „Traumatische Tropen“, erschienen 1985: Traumatische Tropen. Notizen aus meiner Lehmhütte.

„In den Zeiten, als man noch fraglos von der Überlegenheit der westlichen Kultur überzeugt war, war es für jedermann unmittelbar klar, dass Afrikaner die meisten Dinge falsch sahen und überhaupt nicht sonderlich helle waren. (…) Der Primitive wird heute von Leuten im Westen ganz genauso wie vormals von Rousseau oder Montaigne benutzt, um die eigene Gesellschaft zu kritisieren und bestimme Aspekte in ihr anzuprangern, die das Missfallen der Kritiker erregen.“

Der britische Ethnologe Nigel Barley räumt in diesem äußert amüsant zu lesenden Buch gründlich auf: Er zieht gegen die Ethnologen und deren Vorstellungen und Annäherungen an „das Fremde“ ebenso ins Feld wie gegen die üblichen Vorstellungen von Feldforschungen und anderen Klischees.

Barley beherrscht das ironische Wort, vor allem aber auch die Selbstironie:
„Ethnologen hingegen haben hinduistischen Heiligen zu Füßen gesessen, haben fremdartige Götter geschaut und schweinischen Ritualen beigewohnt, sind an Orten gewesen, wo noch nie jemand vor ihnen war. Sie sind vom Ruch der Heiligkeit und himmlischen Nutzlosigkeit umwittert. Sie sind Heilige des britischen Kults um einer ihrer selbst willen gepflegten Exzentrizität. Die Chance, mich ihnen beizugesellen, war nichts, was ich leichten Herzens ausschlagen konnte.“

Und:
„Nicht an Daten fehlt es der Ethnologie, sondern an der Fähigkeit, etwas Sinnvolles mit den Daten anzufangen.“

Selbstverständlich, dass der junge Brite dies nach seinem ersten eigenen Feldforschungs-Aufenthalt gründlich ändern wird. Selbstverständlich, dass er die Zunft, geprägt von Bronislaw Malinowski und Claude Lévi-Strauss, mit seinen Erkenntnissen revolutionieren wird. Meint er, bevor er zunächst in die Mühlen gerät – die des Klinkenputzens, um Forschungsgelder zu gewinnen, und dann der Bürokratie, um Anfang der 80er Jahre eine Aufenthaltsgenehmigung für den Kamerun zu erhalten.

Letztendlich ist es aber die Begegnung mit dem Volk der Dowayo, das Barley zu erforschen gedenkt, die den Wissenschaftler selbst verändern. In Zentralafrika kommt er auf den Boden der Praxis. Krankheiten, Versorgungsnotstände, Unbequemlichkeiten, Unfälle – das sind die Alltagsbegleiter des wackeren Forschers. Und die Rollen tauschen sich – nicht er untersucht das Fremde, er wird zum Fremden. Amüsant zu lesen ist es, wie die Dowayos mit leicht amüsiertem Kopfschütteln die Fragerei des Weißen zur Kenntnis nehmen. Fragt sie Barley etwa hinsichtlich einer mythischen Handlung, warum sie das tun, antworten sie: „Weil es gut ist.“ Ein weiteres „Warum?“ wird ebenso überzeugt beantwortet: „Weil unsere Väter es uns gesagt haben.“ Es braucht nur noch eine weitere Nachfrage, um den Kreis zu schließen: „Warum taten es eure Väter?“ „Weil es gut ist.“

„Traumatische Tropen“ ist zugleich informativ, humorvoll und äußerst leicht lesbar – ein Brückenschlag, wie er in einem Sachbuch selten gelingt. Barley schreibt ganz im Sinne von Nietzsches „fröhlicher Wissenschaft“.

1996 veröffentlichte die Zeit ein Portrait des „Ethnologen in der Großstadt“.

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Bill Bryson: Sommer 1927

aircraft-2795557_1920

Bild von cocoparisienne auf Pixabay

„Als in Amerika der Juli anbrach – in der Woche, in der Richard Byrd und sein Team vor der französischen Luftfahrt notwasserten, in der New York unter seiner ersten Hitzewelle litt, in der Calvin Coolidge seinen fünfundfünfzigsten Geburtstag feierte, indem er in seine Cowboy-Montur schlüpfte, in der Charles Lindbergh nach Ottawa startete, in der Henry Fords Lakaien seine Entschuldigung an die jüdische Bevölkerung vorbereiteten und in der sich die führenden Zentralbanker der Welt zu einer geheimen Beratung auf Long Island versammelten -, beschäftigte die Nation am meisten, wie fit und motiviert Jack Dempsey war. Unzählige Reporter berichteten täglich aus seinem Trainingslager am Saratoga Lake im Bundesstaat New York und behaupteten, er wirke bedrohlich und entschlossen und seine Boxhiebe hätten eine Härte, wie man sie seit Jahren nicht mehr gesehen habe.“

Bill Bryson, „Sommer 1927“, Goldmann Verlag, 2014, Originaltitel: „One Summer. America 1927“, 2013.

In einer Sache kann man sich sicher sein: Wenn sich Bill Bryson ein Thema vornimmt, sei es eine kurze Geschichte von fast allem, seien es Reiseberichte oder Shakespeare-Dramen, dann wird es hochvergnüglich. Manchem distinguierten Historiker zuckt zwar die Augenbraue bei Nennung dieses Autorennamens hoch, aber die Leserschaft goutiert den Stil des gebürtigen US-Amerikaners, der seinen Lebensschwerpunkt jedoch nach England verlegt hat. Und so ist auch „Sommer 1927“ ein höchst unterhaltsames Sachbuch, das einige wenige Monate der amerikanischen Geschichte in den Fokus nimmt.

Zwar ist es nicht ganz schlüssig, warum ausgerechnet der Sommer 1927 (das war der, in dem laut Bryson „die Regierung ihre Bürger vergiftete“) für die USA von so wegweisender Bedeutung gewesen sein sollte. Dies ist jedenfalls der Ausgangspunkt, um den Bryson kreist. Ebenso würden zwar sich in den Jahren davor und danach Anhaltspunkte finden, um sie zu den Wendepunkten zu machen, an denen „Amerika erwachsen wurde“. Aber egal: Auch wenn der Amerikaner über 1743 oder 1984 schriebe, ich würde es mit Vergnügen verschlingen.

1927 jedenfalls ist das Jahr, in dem Charles Lindbergh, quasi als Unbekannter aus dem Nichts, den Flug nach Europa wagt und eine Nation in ungeahnten Freudentaumel versetzt. An dieser roten Linie – Lindberghs Alleinflug über den Atlantik und seine anschließende triumphale Tour durch die USA – reiht Bryson zahlreiche meist amüsante Anekdoten aus einem Sommer, der vom Fliegen, vom Baseball und vom Boxen geprägt zu sein schien. Neben Lindbergh sind weitere Hauptdarsteller unter anderem der legendäre Baseballer Babe Ruth, der Boxer Jack Dempsey, Wayne B. Wheeler, Motor der Prohibition, Al Capone und der verschrobene sowie höchst antisemitische Henry Ford.

Anhand dieses Personals bietet damit Bryson damit auch einen Blick auf eine Nation, der nicht schmeichelhaft ausfällt: Die USA als damals reichstes Land der Welt bieten ihren Bürgern Wohlstand und Komfort, nirgendwo sonst gibt es so viele Haushalte im Besitz mechanischer und elektronischer Küchengeräte, nirgendwo sonst so viele Automobilbesitzer, nirgendwo sonst so viele Kinos, nirgendwo sonst … gemessen natürlich an der etablierten weißen Bevölkerung. Und nirgendwo sonst haben die Medien bereits solche Macht: Sie unterhalten das Volk jedoch vor allem mit Brot und Spielen.

„In erster Linie aber waren die zwanziger Jahre die Blütezeit der Zeitungen. Die Zeitungsverkäufe stiegen um ein Fünftel, auf sechsunddreißig Millionen Exemplare täglich – oder 1,4 Zeitungen für jeden Haushalt. (…) Darüber hinaus konnten Leser in vielen Städten ihre Nachrichten jetzt einer neuen, revolutionären Form der Publikation entnehmen, die die Erwartungen der Menschen, wie tagesaktuelle Nachrichten aussehen sollten, völlig veränderten: dem Boulevardblatt. Boulevardblätter richteten ihren Schwerpunkt auf Verbrechen, Sport und Klatsch über Prominente und maßen allen drei Sparten dabei eine Bedeutung zu, die sie bislang nicht annähernd genossen hatten. Eine 1927 durchgeführte Studie zeigte, dass Boulevardblätter zwischen einem Viertel und einem Drittel ihres Umfangs der Verbrechensberichterstattung widmeten – bis zu zehnmal so viel wie seriöse Zeitungen. Ihrem Einfluss war es zu verdanken, dass ein unspektakulärer, aber blutiger Mord wie der an Albert Snyder landesweit Schlagzeilen machte.“

Müsig zu fragen, was zuerst da war: Die Henne oder das Ei. Ob der Boulevard nur eine Sensationslust befriedigte, die befriedigt werden wollte, oder ob Schlagzeilen diese Gier nach Mord&Totschlag erst weckten. Philosophische Gedankengänge dieser Art sind Brysons Sache nicht. Dafür treibt er seine Geschichte – oder vielmehr die Geschichten dieses Sommers – so voran, dass man einfach bei der Stange bleibt. Immerhin, so etliche Kapitel später, führte diese Sensationsberichterstattung auch zur traurigen Berühmtheit von Sacco&Vanzetti, jenen zu Tode verurteilten italienischen Einwanderern, die in einer engstirnigen, verunsicherten und xenophoben Gesellschaft keine Chance auf einen gerechten Prozess hatten. Und hier zeigt sich eine weitere Qualität des Buches: Manches Ereignis und mancher Zustandsbericht aus dem Jahr 1927 lässt sich unter veränderten Vorzeichen auch auf 2015 übertragen. Ein Land in leichter Hysterie – als läge die Ahnung der Weltwirtschaftskrise, deren Ursprung in einem Bankertreffen 1927 gelegt wird, schon in der Luft.

„Die damalige Zeit war keine gute, wenn man in Amerika lebte und ein Radikaler oder ein Ausländer war – und eine ausgesprochen gefährliche, wenn man beides war. Die Angst vor den Roten, den Sozialisten und Kommunisten, hatte das Land fest im Griff. 1917 und 1918 hatte der Kongress zwei erschreckend restriktive Gesetze erlassen: die Spionage- und die Volksverhetzungsverordnung. Beide Erlasse sahen schwere Strafen für diejenigen vor, die für schuldig befunden wurden, jegliche Art von Respektlosigkeit gegenüber der Regierung oder ihrer Symbole – der Flagge, militärischen Uniformen, historischen Dokumenten und allem anderen, auf dem die Ehre und Würde der Vereinigten Staaten von Amerika beruhte – zur Schau gestellt zu haben. Sie wurden dann auch mit großer Härte und Erbarmungslosigkeit angewandt. „Bürger kamen ins Gefängnis, weil sie an ihrem eigenen Esstisch das Rote Kreuz kritisiert hatten“, merkte ein Kommentator an. In Vermont wurde ein Geistlicher zu einer fünfzehnjährigen Haftstrafe verurteilt, nachdem er ein halbes Dutzend pazifistische Flugblätter verteilt hatte. In Indiana brauchten Geschworene gerade einmal zwei Minuten, um einen Mann für unschuldig zu erklären, nachdem dieser einen Einwanderer erschossen hatte, der schlecht über Amerika geredet hatte.“

Ein wenig untermauert Bryson mit diesem Buch auch die Klischees, die man von den Vereinigten Staaten und ihren Bürgern hat: Home oft he free and brave, Heimat der Automobilisten, Gewehrträger, Baseballfans, Land der Größe und Engstirnigkeit zugleich. Vor allem aber, dies sei nochmals gesagt, bietet Bryson Geschichte auf äußerst unterhaltsame Weise dar, schildert Zeit und Menschen fast schon greifbar lebendig und mit großem, augenzwinkerndem Humor:

„Als Lindbergh endlich die Rednerplattform erreichte, nickte er den Anwesenden zu und nahm den Jubel der Menge entgegen. Präsident Coolidge hielt eine kurze Willkommensrede, steckte im ein Distinguished Flying Cross aufgrund der heldenhaften Leistung ans Revers und lud ihn mit einer Geste ein, etwas zu sagen. Lindbergh beugte sich zum Mikrofon hinunter, das für ihn etwas zu tief eingestellt war, sagte, er freue sich, hier zu sein, bedankte sich mit knappen Worten und trat wieder zurück. Es folgte ein Augenblick unheimlicher Stille, in dem den unzähligen Zuschauern, von denen die meisten seit Stunden in der heißen Sonne gestanden hatten, bewusst wurde, dass sie es mit den zweien der schweigsamsten Männer Amerikas zu tun hatten und dass die Feierlichkeiten beendet waren.“

Ich danke dem Verlag für das Besprechungsexemplar.

Ein Beitrag von Claudio Miller

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

Dee Brown: Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses

indian-557261_1920

Bild von Tomasz Proszek auf Pixabay

Granger erklärte, Frieden könne es nur geben, wenn die Chiricahuas bereit seien, sich in einem Reservat niederzulassen. „Kein Apache würde die Erlaubnis erhalten, das Reservat ohne einen vom Agenten ausgestellten Passierschein zu verlassen“, sagte der General, „und es würde nie die Erlaubnis erteilt werden, die Grenze nach Old Mexico zu überschreiten.“

Cochise erwiderte in ruhigem Ton: „Die Sonne hat sehr heiß auf meinen Kopf geschienen und mich mit Glut erfüllt; mein Blut hat gekocht, doch jetzt bin ich in dieses Tal gekommen und habe von diesen Wassern getrunken und mich in ihnen gewaschen, und sie haben mich abgekühlt. Nun, da ich abgekühlt bin, komme ich mit offenen Händen zu dir, um in Frieden mit dir zu leben. Ich spreche aufrichtig und möchte dich nicht täuschen und nicht getäuscht werden. Ich möchte einen guten, starken und dauerhaften Frieden. Als Gott die Welt schuf, gab er einem Teil dem Weißen Mann und einen anderen den Apachen. Warum? Warum sind sie zusammengekommen? Jetzt, da ich spreche, sollen sich die Sonne, der Mond, die Erde, die Wasser, die Vögel und Tiere, ja selbst die ungeborenen Kinder über meine Worte freuen. Die Weißen haben lange nach mir gesucht. Hier bin ich! Was wollen sie? Sie haben lange nach mir gesucht, wieso bin ich so viel wert?
Die Coyoten streifen nachts umher und rauben und töten; ich kann sie nicht sehen; ich bin nicht Gott. Ich bin nicht mehr Häuptling aller Apachen. Ich bin nicht mehr reich, ich bin nur ein armer Mann. Die Welt ist nicht immer so gewesen. Gott hat uns nicht so wie euch gemacht; wie wurden wie Tiere geboren, in trockenem Gras, nicht in Betten wie ihr. Deshalb tun wir es den Tieren gleich und streifen nachts umher und rauben und stehlen. Wenn ich solche Dinge hätte wie ihr, dann würde ich nicht tun, was ich tue, denn dann brauchte ich es nicht zu tun. (…)
Ich zog in der Welt umher mit den Wolken und mit der Luft, als Gott zu meinen Gedanken sprach und mir sagte, ich solle hierherkommen und mit allen Frieden schließen. Er sagte, die Welt sei für uns alle da.“

Aus: „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“, Dee Brown, USA, 1970

Noch hat Barack Obama sein Versprechen aus dem Wahlkampf 2009, den Völkermord in Armenien auch als solchen offiziell zu bezeichnen, nicht einlösen können – in den Vereinigten Staaten erscheint dies politisch nicht opportun. Sicher auch, weil der Völkermord im eigenen Lande selbst noch ein großes Tabuthema ist – immerhin dauerte es ebenfalls bis 2009, bis sich eine US-Regierung bei den amerikanischen Ureinwohnern für die „Vorkommnisse“ entschuldigte. Ob es sich beim Niedergang der indianischen Stämme in Nordamerika jedoch um einen „Völkermord“ im eigentlichen Sinne handelt, darüber streiten sich bis heute die Historiker. Zu zersplittert seien die einzelnen Gruppen gewesen, ein geplantes administratives Vorgehen habe es nicht gegeben, oftmals habe es sich um regionale Konflikte gehandelt, so die Argumentation der Gegner einer Genozid-These. Fakt jedoch ist:

„Die rote Bevölkerung in Nordamerika wurde von ursprünglich etwa 890 000 auf 270 000 im Jahre 1901 dezimiert, also auf rund ein Drittel der autochthonen Bevölkerung. Im Kalifornien des Goldrausches zählte man 1848 noch 100 000 Indianer, 1859 waren es nur noch 30 000, 1895 noch 15 000, bis 1911 der letzte freie Indianer wie ein von weitem zugereistes Stück Wild, verstört vor Angst und Hunger, im Hof des Schlachthauses von Orville auftauchte.’ Anthropologen und Sprachforscher stürzten sich auf ihn. Er lebt seitdem unter dem Schutz eines Museums.“

Siegfried von Nostitz; „Die Vernichtung des roten Mannes“; Dokumentarbericht; Verlag Eugen Diederichs, Düsseldorf 1970

Einer der ersten Publizisten und Historiker, der die Völkermord-These ins Gespräch brachte, war in den USA Dee Brown. Sein 1970 erschienenes Buch „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ ist bis heute eines der meistverkauften Sachbücher in den USA. Anlässlich seines Todes 2012 hieß es in einem Radiobeitrag:

„Acht Jahrzehnte wird Schulkindern in  den USA von der Heldentat der US-Armee am „Wounded Knee“ berichtet. Es ist der Schriftsteller Doris „Dee“ Brown, der die Bevölkerung in seinem Bestseller „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ (1970) darüber aufklärt, dass dort vor allem indianische Frauen, Kinder und Alte getötet wurden: ein Trauma bis heute.“

Zwar ist mittlerweile einiges überholt, wurden weitere Faktenquellen erschlossen, manches wohl auch umgedeutet – aber dennoch behält dieses Buch seinen Stellenwert: Noch niemand hatte zuvor so akribisch und schonungslos über die massenhafte Ermordung des indianischen Volkes, über Massaker und Verfolgungen, über die Betrügereien und Lügen, mit denen den Indianern systematisch Land und Lebensraum geraubt wurde, geschrieben. In den USA führte es zu einer Neubetrachtung der eigenen Geschichte. „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses“ ist eine erschütternde Anklageschrift, die den Leser nicht unberührt lässt und im besten Fall sensibilisiert im Umgang mit Menschen aller Hautfarben und Rassen.

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00