LITERARISCHE ORTE: Tschechows letzte Tage

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Nachbildung des 1918 eingeschmolzenen Tschechow-Denkmals. Alle Bilder: Birgit Böllinger

„Badenweiler ist ein sehr origineller Kurort, aber worin seine Originalität besteht, ist mir noch nicht klargeworden. Eine Menge Grün, der Eindruck der Berge, es ist sehr warm, die Häuschen und Hotels, die als Villen im Grünen stehen. Ich wohne in einer kleinen Villen-Pension mit viel Sonne (bis 7 Uhr abends) und einem großartigen Garten, wir zahlen 16 Mark pro Tag für beide (Zimmer, Mittagessen, Abendessen, Kaffee). Wir werden gewissenhaft verpflegt, sehr sogar. Aber ich kann mir vorstellen, welche Langeweile hier im allgemeinen herrscht! Heute übrigens regnet es seit dem frühen Morgen, ich sitze im Zimmer und höre zu, wie unter und über dem Dach der Wind pfeift.“

Anton Pawlowitsch Tschechow an W.M. Sobolewski am 25. Juni 1904

Ebenfalls an einem Sommertag, nur 115 Jahre später, verschlägt mich ein Zufall nach Badenweiler. Der Ort wirkt auch heute noch originell, wenn er auch an denselben Krankheiten wie viele andere Kurorte zu leiden scheint. Das Grandhotel am Schlossplatz liegt verlassen da. Stillstand. Belebt werden die Straßen und Plätze vor allem von den französischen Tagesgästen, die es zur Therme zieht. Ein Hauch gepflegter Langeweile liegt in der Luft. Und dennoch scheint das Städtchen im Südschwarzwald auch heute noch anziehend für die Prominenz: Der Fernsehmann Horst Lichter hat sich hier niedergelassen, ebenso wie Rüdiger Safranski, der seit Jahren dafür sorgt, dass die Badenweiler Literaturtage mit hochkarätigen Namen glänzen können.

Seit 2015 gibt es zudem im Rathaus eine weitere literarische Attraktion: Ein literarisches Museum, kostenfrei zugänglich, sorgfältig aufgemacht und interessant präsentiert. Sein Kern ist ein seit 1998 bestehender „Tschechow-Salon“, das einzige deutsche und westeuropäische Museum, das so umfangreich an den russischen Dramatiker und Schriftsteller erinnert. Durch die Erweiterung des Museums eröffnet sich inzwischen auch der Blick auf die vielen bekannteren Kurgäste, die dem Ort in der Vergangenheit einen Hauch von Mondänität und Intellektualismus verliehen: Unter anderem kurten hier bereits Stephen Crane, Hermann Hesse, Gabriele Wohmann (die in Tschechows Sterbehotel mit dem Roman „Frühherbst in Badenweiler“ begann), Theodor Heuss und Indira Gandhi. Albert Fraenkel ließ sich im Ort als Landarzt nieder und René Schickele, Annette Kolbe sowie Oskar Schlemmer bildeten eine Art Künstlerkolonie, die häufig von Thomas Mann und Hermann Kesten besucht wurde.

2019_Freiburg (89)Doch aus diesem „name dropping“ ragt ein Name heraus: Tschechow, der eigentlich nur wenige Monate seines Lebens hier verbrachte. Allerdings seine letzten Tage und Wochen: Er war bereits schwer von der Tuberkulose gezeichnet, als er im Juni 1904 auf Anraten eines Arztes mit seiner Frau Olga – die er erst drei Jahre zuvor geheiratet hatte – in den badischen Kurort kam. Nur kurz bekam ihm das milde Klima wirklich gut. Mitte Juli 1904 hatte er mehrere Schwächeanfälle, schließlich starb er am 15. Juli. In ihren Memoiren schrieb Olga Knipper über die letzten Minuten ihres Mannes:

„Kurz nach Mitternacht wachte er auf und bat erstmals in seinem Leben selbst darum, einen Arzt zu holen (…) Es kam der Doktor, verfügte, ein Glas Champagner zu bringen. Anton Pawlowitsch setzte sich auf und sagte irgendwie bedeutungsvoll, laut zu dem Arzt auf deutsch (er konnte nur sehr wenig Deutsch!): ‚Ich sterbe…‘ Dann nahm er das Glas, wandte sich zu mir und sagte: ‚Lange keinen Champagner mehr getrunken …‘, trank in aller Ruhe aus, legte sich still auf die linke Seite und war bald für immer verstummt.“

Das Ehepaar war zunächst im mondänen Hotel Römerbad – jenes Grandhotel, das heute mitten am zentralen Schlossplatz leer steht – abgestiegen, dort aber wollte man Lungenkranke offenbar nicht dulden. Vom Hotel, dass den Tschechows zu pompös war, wechselte man in das Traditionshaus „Sommer“, das als Gasthaus bereits 1620 gegründet worden war. Am Balkon seines ehemaligen Zimmers erinnert eine Plakette an den Schriftsteller, der dort verstorben war.

2019_Freiburg (187)Das Gedenken an Tschechow hat in Badenweiler durchaus eine wechselhafte Geschichte: Bereits 1909 errichteten Verehrer des Schriftstellers ein Denkmal für ihn in Badenweiler, das erste überhaupt außerhalb Russlands. Die Bronzeskulptur wurde 1918 eingeschmolzen: Der Krieg forderte seine Opfer, auch in dieser Weise. Unter den Nationalsozialisten war die Erinnerung an einen sozialkritischen, russischen Schriftsteller von vornherein verpönt. Im Kalten Krieg gestalteten sich Versuche, erneut ein Tschechow-Denkmal zu errichten, ebenso schwierig.

So dauerte es Jahrzehnte, bis die Erinnerungsarbeit wieder Schwung aufnehmen konnte – heute ist Badenweiler nicht nur Museumsort, sondern auch Sitz der deutschen Tschechow-Gesellschaft. Auf deren Seiten ist ausführlich nachzulesen, was den Schriftsteller und den badischen Kurort verbindet:

„Seit Anfang der 1970er Jahre hat Badenweiler die Zusammenarbeit mit der deutschen universitären Slavistik wie auch mit russischen Institutionen gesucht. Ein großer Teil des frühen musealen Bildbestandes kam so 1979 als Geschenk des Moskauer Tschechow-Zentralmuseums nach Badenweiler. Seither verging kein Jahr in Badenweiler, ohne dass die moderne internationale Tschechow-Rezeption in Badenweiler ihre Spuren hinterlassen hätte.“

Und es ist gut so, dass die Tschechow-Rezeption dort ihre Spuren hinterlässt und von Badenweiler aus ausstrahlt: Denn Anton Pawlowitsch Tschechow ist weit mehr als der vielgespielte Dramatiker, den man mit der Möwe und dem Kirschgarten in Verbindung bringt. Vor allem ist er ein ausgezeichneter Geschichtenerzähler gewesen: Seine Erzählungen und Novellen wirken bis heute frisch und modern, glänzen durch seinen subtilen Humor, vor allem aber durch Tschechows Menschenliebe. Tschechow, selbst Enkel eines Leibeigenen und aus kleinen Verhältnissen kommend, wurde zwar nie offen politisch in seinem Schreiben, zeigte aber eben auch die Schattenseiten seiner Zeit auf und blieb dadurch sozialkritisch. 2010 schrieb Karla Hielscher zum 150. Geburtstag des Schriftstellers im Deutschlandfunk:

„Es ist spannend zu beobachten, wie Anton Tschechow, ein Schriftsteller, dessen wirkliche Entdeckung in Deutschland erst viele Jahrzehnte nach seinem Tod in den 70er-Jahren ganz zögernd und schrittweise begann, inzwischen zu den unumstrittenen Größen der Weltliteratur geworden ist. Wie Shakespeare ist er von den Bühnen überhaupt nicht mehr wegzudenken, und seine sensible, in ihrem Verzicht auf alles Moralisieren und jede Autorenallwissenheit so moderne Prosa haben auch die Leser des 21. Jahrhunderts lieben gelernt. Der Mensch und Arzt Tschechow mit seiner Bescheidenheit, seinem lebenslangen Engagement für andere, seiner skeptisch melancholischen Lebensfreude und seiner außergewöhnlichen inneren Freiheit ist zur bewunderten Leitfigur geworden.“


Weitere Informationen:

Zum „Literarischen Museum Tschechow Salon“ 

Zur Deutschen Tschechow-Gesellschaft

Bilder zum Download:
Bild 1, Tschechow-Skulptur
Bild 2, Straßenschild
Bild 3, Lampe am Sterbehotel


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Aka Morchiladze: Reise nach Karabach

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Der beschädigte und gestürzte Lenin in Tiflis: Ein Symbol für ein Land auf der Suche. Bild von freshu auf Pixabay

„Sein oder Nichtsein? Natürlich Sein!
Keine Ahnung, ob ich im Traum Hamlet getroffen hatte. Ich konnte mich an den Traum nicht erinnern. Als ob der Schlaf nur eine Sekunde gedauert hätte. Zack-zack, und ich wachte wieder auf. Das war nichts Merkwürdiges, wenn man bedenkt, wieviel ich vor dem Schlafengehen geredet und mich angestrengt hatte. Ich hatte geschuftet. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben geschuftet. Dann schlief ich nach der langen Arbeit ein. Es war die erste Angelegenheit, die ich wirklich ernstgenommen und gemeistert hatte. Dazu noch eine so wichtige Angelegenheit. Wahrscheinlich, weil sie mich betraf. Es ging um mein Leben und meinen Tod.“

Aka Morchiladze, „Reise nach Karabach“, 1992, in der Übersetzung von Iunona Guruli 2018 im Weidle Verlag erschienen.

Im Laufe seiner abenteuerlichen Reise wird Gio, der „Held“ dieses Romans von einer Journalistin gefragt, ob er denn Don Quijote sei. Eine Rolle, die dem jungen Georgier durchaus auf den Leib geschnitten ist. So chaotisch die Lage in seinem Heimatland, so abgefuckt und aussichtlos das Leben seiner Freunde, so ungewiss jede Zukunftsperspektive. Da gleicht es durchaus einer Don Quijoterie, sich in ein Mädchen zu verlieben, von Familie, trautem Heim und Harmonie zu träumen. Der Wunsch nach Normalität, das gleicht hier, in dieser explosiven Region, dem vergeblichen Kampf gegen Windmühlen. Doch Gio hat auch einen guten Teil Hamlet in sich: Immer ein wenig unentschlossen, hin und her schwankend, denkend und grübelnd, erst in der äußersten Bedrängnis ein Mann der Tat.

Gios Sancho Panza ist der etwas dumpfe Kumpel Gogliko, seine Rosinante ein Lada – und weil er motorisiert ist und zugleich dem trüben Einerlei, das ihn in Tiflis im Griff hat, entkommen will, lässt sich Gio von seinem Sancho zu einem scheinbar einfachen Trip überreden: Einmal kurz nach Aserbaidschan und zurück, um Drogen zu besorgen. Doch die beiden Kumpel landen mitten im Herz der Finsternis. Im wortwörtlichen Sinne: Sie verlieren bei ihrer Fahrt nachts vollkommen die Orientierung und geraten in der Region Bergkarabach, die bis heute von Armenien und Aserbeidschan für sich beansprucht wird, zwischen die Fronten. Aus dem etwas surrealen Roadmovie wird unvermittelt eine Erzählung vom Krieg und aus dem Tagträumer Gio der Held für einen Tag, als er sich, Gogliko und den Lada aus misslicher Lage befreit. Hin- und hergereicht zwischen den Kriegsparteien werden die Georgier zum Pfand, Geiseln mit ungewisser Lebensdauer, wie Gio bald ahnt:

„Im Krieg mußt du töten, nicht wahr? Du überfällst, entführst und verlangst dann Lösegeld. Entweder für einen lebendigen oder für einen toten Gefangenen. Ist das Krieg? Das ist kein Krieg, sondern eine Genossenschaft. Die armenisch-tatarische kaukasische Genossenschaft. Erst zerstören wir die Häuser der anderen, töten ihre Frauen, entführen ihre Kinder, und dann erpressen wir ihr Geld. Mit dem Geld kaufen wir Gewehre und Handgranaten und beschießen damit gegenseitig unsere Häuser.“

Mit einer waghalsigen Aktion befreut Gio sich aus dieser Lage. Zurück in Tiflis fällt der gefeierte Held jedoch in eine tiefe Depression, wird von Professoren „hin und her gewendet wie ein Damenschuh und von allen Seiten betrachtet“. Doch ist es mehr als eine posttraumatische Belastungsstörung, die den Ich-Erzähler plagt. Vielmehr ist es sein bisheriges Leben in Georgien, das ihn verstört: Seine Unterordnung unter den dominanten Vater, den revolutionären Oberputschisten, der bei Berufswahl und Liebesleben des Sohnes das letzte Wort hat, sein Sich-Treiben-Lassen und seine Passivität.

„Ich wäre so gerne wie dort, in Karabach, irgendwie normal.“

Das Ende bleibt offen, der Leser im Ungewissen darüber, wohin Gios Weg geht. Doch ein Fünkchen Hoffnung lässt der Ritter mit der rostigen Rüstung und dem gebrochenen Herzen zurück:

„Man sagt, ich sei krank, meine Reise nach Karabach habe mich verändert. Ich liege wortlos herum und spüre die Wärme der Lampe auf meinem Gesicht. Ich halte den Atem an. Draußen ist es dunkel, und komische Figuren tanzen auf der Wand.“

Dieses schnörkellos und geradlinig erzählte Buch von Aka Morchiladze erschien bereits 1992 – da lag der Zusammenbruch der Sowjetunion erst kurz zurück, die ganze Region glich einem Pulverfaß (und tut dies in Teilen heute noch). Dass der Roman, laut Verlagsangaben einer der meistgelesenen Werke der vergangenen knapp drei Jahrzehnte in Georgien, nun passend zu dessen Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse erscheint, ist logisch – zumal nicht nur das Buch ein Bestseller ist, sondern dessen Autor (der übrigens zur Buchmesse kommt) einer, wenn nicht der bekannteste, zeitgenössische Schriftsteller in Georgien ist. Dennoch ist der Roman im Grunde kein georgisches Buch – zwar steht die junge Generation der Republik, die eingebettet ist zwischen Russland, Armenien, der Türkei und Aserbeidschan, im Mittelpunkt. Doch spielt die Handlung in weiten Teilen in eben jenem zerrissenen Bergkarabach, einem Landstrich, in dem beispielhaft all die ethnischen, kulturellen und politischen Konflikte, die die Region erschüttern, deutlich werden. Ob Georgier aus Tiflis, ob Tartare aus Aserbeidschan oder ein armenischer Dörfler, sie alle eint ein tiefes Misstrauen gegen „die Russen“ sowie die Erfahrung von Instabilität, Chaos und Korruption.

Morchiladze erzählt – ironisch, packend, spannend – von einem jungen Menschen, der sich, gefangen zwischen Familientradition und politischem Chaos, selber finden muss: Kein Hamlet, kein Don Quijote, sondern ein Gio.

Verlagsinformationen zum Buch: Reise nach Karabach

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LESARTEN: Die „Zeit“ meint – diese Bücher überdauern die Zeit.

Da behaupte noch mal einer, auf „die Blogger“ höre niemand: Kaum tauschen Maren und ich uns aus über die Frage, ob es auch für jüngere Leser (Mitt-Dreißiger und drunter) so etwas wie einen literarischen Kanon gibt (nachzulesen ist das „Gespräch“ unter den „Lese-Omas“ bei meinen zehn Fragen zu Büchern), da startet die ehrwürdige Zeit dieses Projekt: In einer Serie werden die wichtigsten Romane der jungen Literatur vorgestellt. Man habe die Weltliteratur durchforstet, leidenschaftlich diskutiert und sich für 15 Romane dieses Jahrhunderts entschieden, die die Redaktion für die besten hält, „für Meisterwerke, die bleiben werden und nicht mit dem Tag vergehen.“ Die Redaktion ruft ausdrücklich zu Widerspruch und Diskussion auf – und weist fürsorglich darauf hin, dass „Unendlicher Spaß“ bereits 1996 erschien.

PS: Das mit der Zeit war natürlich reiner Zufall. Seit wann hört die schon auf Lese-Omas?

Und das sind die ersten elf Titel auf der Liste:

  1. Jonathan Franzen – Die Korrekturen. Jan Brandt schreibt: „Wenn es einen Einwand gegen Franzen gibt, dann ist es diese ästhetische Rückwärtsgewandtheit: Er ist ein reaktionärer Idealist, der einen Feldzug gegen die Verlockungen des Informationszeitalters führt.“
    Beitrag: „Der analoge Triumph“
  2. Jennifer Egan – Look at me. Der Roman erschien kurz vor 9/11 und handelt von einem geplanten Terrorakt in New York. „Mir kam der furchtbare Gedanke, dass ich eine Komplizin war“, äußert Jennifer Egan im Interview mit Susanne Mayer.
    Beitrag: „Ahnen, was passieren wird“
  3. Orhan Pamuk – Schnee. „Orhan Pamuk hat sein Meisterwerk Schnee vor den Attentaten von 9/11 geschrieben, der Roman spielt in den 1990er Jahren, erschienen ist er 2002, und er nimmt vorweg, was seit dem Einsturz des World Trade Center die globalisierte Welt aus den Fugen hebt: dass der Fundamentalismus im Namen des Islams in die westliche Modernisierung eingewoben ist, noch im abgelegensten Nest der Provinz und dass der Staat kaum Antworten auf die Gewalt kennt, außer seinerseits durch Gewalt, Militär, Überwachung zu reagieren“, schreibt Elisabeth von Tadden.
    Beitrag: „K wie Kristall“
  4. Daniel Kehlmann – Die Vermessung der Welt. Ulrich Greiner nimmt Stellung für das Buch: „Nein, Kehlmann war nicht dabei, und dies ist kein historischer Roman, sondern ein virtuoses Spiel mit Dichtung und Wahrheit. Die historischen Fehler, die dem Buch vorgeworfen werden, hat Kehlmann in poetischer Freiheit absichtsvoll eingebaut.“
    Beitrag: „Ein virtuoses ironisches Spiel“
  5. Marie NDiaye – Drei starke Frauen. „Als ich das Buch vor acht Jahren schrieb, sprach noch niemand von den Flüchtlingen. Für mich waren sie Helden“, äußert die Schriftstellerin im Gespräch mit Iris Radisch. Heute würde sie dieses Buch nicht mehr so schreiben – auch wenn sie hofft, „dass seine Geschichten wahr bleiben.“
    Beitrag: „Eine Chiffre für das Fremdsein“
  6. Péter Nádas – Parallelgeschichten. „Es gibt keinen anderen Autor, der mit dieser obsessiven Insistenz jede Pore der Epidermis untersucht hat, die dünne Membran zwischen innen und außen“, meint Michael Krüger. Und sagt: „Vielleicht lesen künftige Generationen dieses Buch als düstere Prophetie dessen, womit sie sich herumzuschlagen haben. Sie werden es nicht bereuen.“
    Beitrag: „Die Haut und das Ich“
  7. Haruki Murakami – 1Q84. „Japanische Literatur wirkt auf den Außenseiter so klar und so verschlossen wie ein Zengarten, der bei aller Übersichtlichkeit doch einen Sinn hat, der sich ihm nicht erschließt“: Burkhard Müller versucht dem Sinn, im „Opus Magnum“ des japanischen Starautors nachzuspüren.
    Beitrag: „Waisenkinder dieser Zeit“
  8. Herta Müller – Atemschaukel. „Das Besondere an diesem Buch ist die Sprache, in der das Schicksal von Leopold Auberg, dem Alter Ego Pastiors, in 64 kurzen Kapiteln erzählt wird“, meint Alexander Cammann. „Denn Müller poetisiert das Grauen.“
    Beitrag: „Die Schönheit der Wörter, das Grauen der Lager“
  9. Vladimir Sorokin – Der Schneesturm. Stefanie Schlamm sprach mit Sorokin über dieses Werk. Auf ihre Frage „Sie selbst werden gerne als moderner Klassiker bezeichnet. Doch sind Sie nicht eher ein düsterer Romantiker?“ antwortet Sorokin ganz lapidar: „Dazu möchte ich nichts sagen.“
    Beitrag: „Das eisige Drama der Provinz“
  10. Michel Houellebecq – Karte und Gebiet. Für den Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich ist der im Roman portraitierte Künstler, „der, gerade weil er als solcher unfasslich bleibt, viel provokanter als die Künstlerfiguren anderer Romane der letzten Jahre.“
    Beitrag: „Der Wahnwitz des Betriebs“
  11. John M. Coetzee – Tagebuch eines schlimmen Jahres. „In Coetzees Tagebuch eines schlimmen Jahres kehren die früheren Möglichkeiten des Romans zurück. Der Ruhm des Nobelpreisträgers macht sie auf der großen literarischen Bühne salonfähig“, urteilt Stephan Wackwitz.
    Beitrag: „Die erneuerte Tradition“

Am kommenden Donnerstag werden die letzten vier Bücher in diesem „Kanon des jungen Jahrhunderts“ in der Zeit vorgestellt. Und was haltet ihr von der Liste? Welche Romane könntet ihr euch auf den letzten vier Plätzen vorstellen, welches der vorgestellten Werke haltet ihr für fehlplatziert, welches Buch wird überschätzt, welches vermisst?

Nachtrag zur Komplettierung der Liste:

12. Chimamanda Ngozi Adichie – Americanah. „Es passiert viel in diesem Roman, der auf drei Kontinenten spielt, doch es werden diese Blogeinträge sein, die Americanah seinen Nachhall bescheren. Sie sind ein Zeitdokument der Ära Obama, sie sind erhellend und unterhaltsam, ernüchternd und brutal“, urteilt Jackie Thomae.
Beitrag: „Was Sie schon immer über Farben wissen wollten“

13. Karl Ove Knausgård – Sterben/Lieben/Spielen/Leben/Träumen. „Aber ich wollte mich mit Min Kamp auch befreien von diesen stilistischen Erwartungen. Ob es gut oder schlecht geschrieben ist, finde ich uninteressant. Interessant ist, was darin zum Ausdruck kommt. Also versuchte ich, schnell zu schreiben und unterhalb meiner eigenen Standards, dafür näher am Leben.“ Der Norweger im Interview zu seinem Mammut-Schreib-Projekt.
Beitrag: „Ein Bedürfnis nach Revanche“

14. Rainald Goetz – Klage. In diesem Buch, meint David Hugendick, lärmt die Gegenwart so oft, „dass es bisweilen kaum auszuhalten ist.“ Aber der aktuelle Büchner-Preisträger lärmt halt besonders gut. AMORE!
Beitrag: „Tiefenamputiertheit“

15. Roberto Bolaño – 2666. „Aber oh Wunder: Bolaño lesen, das gilt auch für das von Christian Hansen bewunderungswürdig übersetzte 2666, ist ganz leicht. Er verzichtet auf hochtrabende Stilistik und geht seinen Lesern nie mit überlegener Besserwisserei auf die Nerven“, meint Heinrich von Berenberg. D`accord!
Beitrag: „Ästhet und Folterknecht“


Bild zum Download: Bücherstapel


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Steffen Kopetzky: Risiko

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Bild von ErikaWittlieb auf Pixabay

„Das erste große Geschäft, das die Welt revolutioniert hat, war …nun?“
Zickler dachte nach, was Helphand zuvor gesagt hatte. Religion – Zucker fürs Volk.
(…)
„Aber Zucker wurde immer billiger. Das nächste große Geschäft musste her.“
Jetzt wusste Zickler natürlich schon, worauf es hinauslief: Opium. (…)
Mittlerweile, so führte Helphand aus, habe sich die Industrie tatsächlich gegenüber der agrarischen Produktion und den Genussmitteln, mit denen einst das große Geld verdient worden war, einen Vorrang erarbeitet. Das Genussmittel der Gegenwart sei etwas anderes: Energie.

Steffen Kopetzky, „Risiko“, Klett-Cotta Verlag, 2015.

Wenn Putin und Obama dieser Tage um die Deutungshoheit im Anti-Terrorkrieg rangeln, so glauben vermutlich nur noch hoffnungslose Romantiker, hier ginge es allein um humanitäre Hilfe für die syrische Bevölkerung und den Schutz westlicher demokratischer Werte. Es geht vor allem um die Stoffe, die das Weltgetriebe schmieren: Macht und Öl.

Wer Wind sät, wird Sturm ernten: Seit mehr als anderthalb Jahrhunderten werden der Nahe Osten und die Arabische Welt vom Westen als eine Art riesiges Depot betrachtet. Die Erdölvorkommen und andere Rohstoffe weckten und wecken Begehrlichkeiten. Die Kriege der jüngsten Zeit – wesentlich von wirtschaftlichen Motiven angetrieben – sie sind der Boden, auf denen der Terror wächst. Öl und Macht sind sowohl Motiv und Ziel aller machtstrategischen Planspiele, die die sogenannten Großmächte steuern. Das ist heute so, das war vor einem Jahrhundert so.

Der Krieg ist die Mutter fast allen Wahnsinns: Und so erinnert Steffen Kopetzky in seinem über 700 Seiten starken Roman „Risiko“ an ein wahnwitziges deutsch-türkisches Unternehmen, das einige deutsche Soldaten mitten in das „great heartland“ imperialistischer russischer und britischer Politik führen sollte. Noch nie hatten zuvor Deutsche Afghanistan betreten – doch 1914 machte sich ein von Berlin gesteuerter Trupp nach Kabul auf, um von dort aus in einem deutsch-türkischen Bündnis die Völker des zerfallenden Osmanischen Reiches in einem „Dschihad“ gegen die Russen und Briten aufzuwiegeln. Was Lawrence of Arabia wenig später gelang – die zerstrittenen Stämme und Völker zu vereinen – endet bei dem deutschen Unternehmen in einem Fiasko.

Die Realität holt die Berliner Planspiele ein: Die Wirklichkeit am Tigris, in der siechenden Stadt Isfahan, in der Salzwüste Kewir und im harschen afghanischen Gebirge ist eben eine andere als das, was sich die Strategen in der wilhelminischen Hauptstadt zusammenträumten. Wobei der Motor dieser wahnwitzigen Operation ein durchaus erfahrener Orientalist war: Max von Oppenheim, der sich unter anderem als Archäologe einen Namen gemacht hatte.

Nicht von ungefähr nannte Kopetzky seinen Roman jedoch auch nach einem Brettspiel, das, wie sich der Kaffeehaussitzer auch in seiner Besprechung erinnert, Mitte der 80er-Jahre vor allem von der männlichen Jugend begeistert gespielt wurde: „Risiko“ taucht im Buch als „Großes Spiel“ auf, das deutsche und türkische Offiziere fesselt. Der Krieg als Spiel – die Menschen und Einheiten werden zu Figuren, die strategischen Gesichtspunkten geopfert werden.

Geschickt treibt Kopetzky dieses Spielmotiv immer wieder voran, verknüpft die Erzählebene mit historischen Hintergründen, zeigt die politischen und militärischen Verwerfungen auf. Daneben führt er neben seinen fiktiven Hauptfiguren – unter anderem wird das Buch getragen von einem jungen bayerischen Marinefunker und dessen Gegenspieler, einem englischen Spion (der in die Rolle eines indischen muslimischen Prinzen schlüpft, zunehmend Identität sowie Verstand verliert und dabei nicht von ungefähr an den oben genannten Lawrence of Arabia erinnert) – auch historische Personen ein, unter anderem Max von Oppenheim als Stratege ohne Fortune. Der Vater von Albert Camus als algerisch-französischer Soldat hat ebenso einen Auftritt wie ein Verwandter von Robert Musil.

Für Kopetzky spricht, dass er besser als seine Strategen im Buch die Fäden in der Hand behält, die Nebenstränge der Erzählungen gut verknüpft und zusammenführt. Rund zehn Jahre soll der Autor für dieses Buch recherchiert haben – diese akribische Kenntnis über ein Einzelunternehmen in diesem „Großunternehmen“ des Ersten Weltkriegs geht allerdings manches Mal auch zu Lasten des Erzählflusses: „Risiko“ ist, wie es im Deutschlandradio hieß, ein „pompöses Orient-Abenteuer“, manche „Troddel“ an diesem Faktenteppich ist denn aber auch ein wenig zuviel.  An einigen wenigen Stellen braucht man als Leser durchaus langem Atem oder die Geduld eines Wüstenbewohners, um im Bild zu bleiben.

Dennoch: „Risiko“ ist ein gut lesbarer Abenteuerroman, hat seine Schmökerqualitäten und bietet einen Einblick in ein politisches Unterfangen, das uns heute wieder berührt – die Namen Damaskus, Aleppo, Kabul, sie prägen wieder unsere Nachrichten. Dass das Buch allerdings nicht von der Long- auf die Shortlist gelangte, ist in meinen Augen verständlich: Bis auf einige Längen durchaus flüssig erzählt, bleibt es sprachlich jedoch auf einer konventionellen Ebene. Und die Deutungsebene hinkt hinter dem Erzählen hinterher – die Figuren bleiben stellenweise eindimensional und blass, die eingebaute Liebesgeschichte ein wenig seicht (und ist im Grunde auch überflüssig), manchmal greift Kopetzky auch stilistisch etwas daneben. Dazu mehr in der Besprechung der „Zeit“, deren Tenor ich jedoch nicht teile: So trocken wie die Wüste ist „Risiko“ durchaus nicht – aber eben auch kein Roman, der Leser mitreißen wird, die wenig Affinität zu solchen Themen haben.

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