Felix Austria mit Menasse, Haas und Seethaler

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Österreichische Identität – dieser Begriff hat etwas von einem dunklen und muffigen Zimmer, in dem man, wenn man aus irgendeinem Grund eintritt, sofort die Vorhänge beiseite schieben und das Fenster öffnen möchte, um etwas Luft und Licht hereinzulassen. Doch wenn das Fenster keine Aussicht hat und sich der Raum daher nur wenig erhellen will?“

Robert Menasse, „Das Land ohne Eigenschaften“, Essay zur österreichischen Identität, 1992.

Lange Zeit war für mich die zeitgenössische österreichische Literatur hauptsächlich mit Namen wie Thomas Bernhard und Elfriede Jelinek verknüpft. Mit welcher Wut, welcher Wucht, welcher Sprachgewalt die gegen alpine und andere Republiken anschrieben. Wörter gegen steinerne Gebirgsmassive und steinerne Herzen, verknöcherte Hirne schleuderten. Wie sie wüteten – und sich dabei auch zerrieben – gegen die Verhältnisse. Keinen Stein auf dem anderen lassen wollten, sei es auf dem Großglockner oder am Heldenplatz.

Doch – die Wut hat ihre Zeit, ihren Platz. Aber auch die Leichtigkeit braucht ihren Raum. Und die ist für mich mit drei Autoren wieder eingezogen in die österreichische Literatur. Zeit zum Aufatmen, zum Durchatmen. Und das Schöne daran: Bei allem „Schmäh“ in der Sprache, dieses Herrentrio produziert durchaus keine pappsüßen Salzburger Nockerln, viel Schaum um Nichts, sondern vereint Humor, Lakonie, Ironie mit Anspruch, Tiefgang, Niveau. Und schreibt dabei so locker, so elegant, dass man am liebsten im ¾-Takt Bücher von ihnen lesen möchte. Beste Unterhaltung – für den Kopf, für das Herz und wenn man Literatur tanzen könnte, dann auch für die Beine.

Politisch und hintersinnig: Robert Menasse

Robert Menasse, ist der älteste des von mir geschätzten Männertrios. In letzter Zeit ist er vor allem wieder mit Essays und politischen Schriften, so „Der Europäische Landbote“, in Erscheinung getreten. In „Das war Österreich“ und „Erklär mir Österreich“ arbeitet er sich an seiner Heimat ab. Bewusst wird bei der Lektüre einmal mehr, wie nah und doch so fern uns unsere Nachbarn über den Bergen sind. Und dennoch: Spott ist nicht angebracht, wenn man selbst im „wilden Süden“ lebt, in dem die Wankelmütigkeit eines Stimmenkönig Horst und die größeren und kleineren Skandale vom Wählervolk mit den Worten goutiert werden: „Hund sands schoa“. Ob diese Nachsicht Ausfluss eines immer noch barocken Katholizismus ist, der verspricht, dass man, solange wenigstens stets brav seine Sünden beichtet, wie Alois in den Himmi kimmt? Mag sein.

Menasse steht für mich am Übergang zwischen der Erdschwere der oben Genannten und der neueren österreichischen Leichtigkeit – ein kritischer Essayist, ein wunderbarer Romancier. Von der „Trilogie der Entgeisterung“ bis zum 2007 erschienenen Roman „Don Juan de la Mancha. Oder die Erziehung der Lust“ spreche ich eine uneingeschränkte Leseempfehlung aus: Klug, elegant, sinnlich.

Im Don Juan mit Don Quijoten-Charaktereigenschaften sucht ein alternder, abgestumpfter Journalist das Glück in der Liebe. Und reflektiert dabei vor seiner Therapeutin die vergangenen Lieben, seine Liebesunfähig- und Lustlosigkeiten, gescheiterte Beziehungen, geschiedene Ehen, gestörte Vater-Sohn-Verhältnisse. Die unterhaltsame Psychografie eines Mannes, der letztendlich nur eines will: Ankommen, bevor der große Vorhang fällt.

Psychografie = Seelenbild. Beispielsweise, wenn der Jungmann in der Disko einen Korb erhält:
„Seither weiß ich, dass die Seele keinen Sitz hat. Sie ist eine Flipperkugel. Sie schlägt an im Knie, klickt gegen die Hoden, stößt ans Zwerchfell, trifft das Herz, schlingert durch den Hals, prallt an das Hirn, fällt in ein Loch.“

Herrlich lakonisch der Rückblick auf eine Spät-68er-Studenten-Jugend in Österreich:
„Dort hatte Ferry Radax den Film `Sonne halt!´ gedreht, der damals bereits als Klassiker der Österreichischen Avantgarde galt. Ich hatte ihn erst wenige Wochen zuvor bei einer Radax-Retrospektive im Filmmuseum gesehen. Retrospektiven für Jung-Filmer – das gab es nur in Österreich. Andererseits: Radax war der älteste Jungfilmer der Welt. Der Film zeigte nichts anderes als den österreichischen Dichter Konrad Bayer, wie er in Monterosso auf einer Terrasse vor dem Meer Banjo spielt und singt: „Schlaf, Kindlein schlaf, bist gar ein böses Kind, machst alle Puppen kapuuutt, und wenn sie dann gestorben sind, machst du sie nicht wieder guuut.“ Immer wieder und immer wieder. Da droht die Sonne unterzugehen. Konrad Bayer legt das Banjo weg, nimmt ein Gewehr, sagt „Sonne halt!“, schießt – und der Film friert ein im Standbild der durch die Kugel an den Himmel angenagelten Sonne. Ich hatte damals zu solcher Avantgardekunst ein Verhältnis, wie es Jugendliche heute zu Robbie Williams oder Madonna haben. Vielleicht bin ich deshalb auch nie glücklich geworden.“

Bissig und bitterböse: Wolf Haas

Mit seinen sieben Kriminalromanen um den dickschädeligen, leicht verhatschten, chaotischen Privatdetektiv löste der 1960 geborene Wolfgang Haas einen richtiggehenden Brennerkult, eine Brennermanie aus. Nicht von ungefähr – den der Haas schreibt eine Sprache, das glaubst du nicht:

„Der Tod ist vielleicht groß. Aber Wien ist auch groß. Wenn du mit der Fünfer vom Westbahnhof zum Nordbahnhof fährst, bist du fast eine Stunde unterwegs. Und da bist du noch lange nicht draußen in der Bronx. Noch lange nicht in der Großfeld- oder in der Trabrennsiedlung oder am Schöpfwerk draußen, wo sie immer die Vergewaltiger haben und die Jugendbanden und die Zeitungsleute.

Und da liest man dann in der Zeitung, wie gefährlich es am Schöpfwerk ist, weil das Crack, oder wie der Dreck heißt, die Leute so aggressiv macht, dass sie dir den Kopf abschneiden. Aber niemand schreibt über die tiefere Ursache. Niemand schreibt über die Burenwurst. Weil die Burenwurst macht so aggressiv, das glaubst du nicht. Käsekrainer, Zigeuner, Cabanossi machen auch aggressiv, aber im Grunde genommen macht nichts so aggressiv wie die heiße Burenwurst, außer natürlich der heiße Leberkäse.“

Da schau her. Von wegen Palatschinken, Kaiserschmarrn und anderes Süßzeug. Auch beim Haas herrscht Düsternis im Herzen Österreichs, wenn auch auf andere Art, mehr krimimäßig, du glaubst es nicht… Für seine Kriminalromane hat Wolf Haas einen ganz eigenen Sprachduktus entwickelt, dem man sich, einmal im Geschehen, kaum entziehen kann. Doch nicht nur die lakonische Erzählweise mit dem gewissen österreichischen Sound zeichnet diese Kriminalliteratur aus – ungewöhnliche, leicht exzentrische Figuren, wie man sie sich jedoch lebhaft vergegenwärtigen kann. Haas lässt mit seinen Büchern auch etwas in die Volksseele gucken, hält den Lesern einen Spiegel vor. Klug, komisch, und manchmal bitterböse schreibt der Haas. Und er will:
“dem Leser quasi mit dem Oasch ins G’sicht fahr’n, ganz ohne Umschweife“.

Leicht und doch so ernst: Robert Seethaler

Solche Sachen macht der 1960 geborene Robert Seethaler nun wiederum nicht. Er schlägt etwas dezentere Töne an, schreibt bei aller Leichtigkeit jedoch ebenso fulminant – beziehungsweise wird bislang von Buch zu Buch noch leichter und doch tiefer und besser und hat, wie Menasse und Haas, einen ganz eigenen Sound:

„Die Mutter Gottes hat sicher auch schon einiges gesehen. Wer schon einmal einen Sohn so ganz ohne Mann empfangen hat, den haut wahrscheinlich gar nichts mehr so schnell um. Und darum schaut die Mutter Gottes jetzt eher abgeklärt und ein bisschen gelangweilt in das Zimmer von der Frau Kämmerle hinein.“

Seethaler „debütierte“ auf dem Literaturparkett 2006 mit dem geschriebenen Roadmovie „Die Biene und der Kurt“. Ein ungleiches Paar, die 16jährige Biene, aus einem katholischen Mädchenheim entfleucht, und der abgewrackte Sänger Kurt, der sich mit Konzerten in Altersheimen und Dorfscheunen über Wasser hält, findet zusammen. Eine wilde Tour durch die Provinz endet tragisch-komisch – für Biene jedoch der Eintritt ins Erwachsenenleben. „Die Biene und der Kurt“ ist eigentlich ein Flutschbuch: gute Unterhaltung, vergnüglich zu lesen, wenn auch ohne tieferen Nachgang.

Doch schon mit dem zweiten Roman, 2010 erschienen, wird es ernst(er): Auch „Jetzt wirds ernst“ ist ein Entwicklungsroman – wie ebenfalls „Der Trafikant“ – handelt von der Enge der Provinz, von einem jungen Mann und großen Träumen:

„Also gut“, sagte Freud. „Ich schlage vor, dass wir jetzt erst einmal die Begrifflichkeiten klären. Ich vermute, wenn wir von deiner Liebe sprechen, meinen wir in Wahrheit deine Libido.“
„Meine was?“
„Deine Libido. Das ist die Kraft, die Menschen ab einem gewissen Alter antreibt. Sie schafft ebenso viel Freude wie Leid und hat, etwas vereinfacht gesprochen, bei Männern ihren Sitz in der Hose.“
„Auch bei Ihnen?“
„Meine Libido ist längst überwunden“, seufzte der Professor.

Beides – „Biene und der Kurt“ und „Jetzt wird’s ernst“ waren Vorübungen für ein kleines Wunder. „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“ sind Bücher, die im Gedächtnis bleiben.

Bella gerant alii, tu felix Austria nube.
Nam quae Mars aliis, dat tibi diva Venus.

Glückliches Österreich, deine Schriftsteller – auch dort, wo sie die Finger auf die Wunden legen, tun sie es mit viel Leichtigkeit und Lebensart. Am Ende steht da dann einfach lesbare, unterhaltende, gute Literatur.

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Robert Seethaler: Jetzt wirds ernst

„Magst du bumsen?“, fragte sie plötzlich und zeigte auf meine Badehose.
Das kam überraschend.  (…)
Ich zog meine Badehose aus und hängte sie an einem Ast in Blickhöhe. Eine Weile geschah nichts. Die Erde war kühl unterm Hintern. Im Hintergrund plätscherte das Stimmengewirr der Grillgäste und das blecherne Gedudel aus dem Rekorder.
Plötzlich fasste sie sich an den Hinterkopf, zog ihr gelbes Haarband vom Pferdeschwanz, beugte sich vorne, griff beherzt zu und band mir eine große Schleife um meinen Pimmel.
Ich war beeindruckt. Ich hatte das Schleifenbinden noch nicht gelernt, weder im Kindergarten noch zu Hause, sie hingegen brauchte nur ein paar Handgriffe und das Ding saß. Das kleine Luder hatte Erfahrung.

Robert Seethaler, „Jetzt wirds ernst“, Kein & Aber Verlag, 2010.

Mit einem gelben Haarband am besten Stück in der Hecke hocken, eine liebestolle Pubertiererin, die sich im eigenen Hintern verbeißt oder Hormonschübe beim Anblick chevrolet-farbener Zehennägel: Es ist für einen Jungen wahrlich nicht einfach, ein Mann zu werden. Zumal der junge Held in Robert Seethalers Roman mit mehreren Handicaps geschlagen ist: Sensibel, eigenbrötlerisch, leicht tolpatschig und unbeholfen. Der Weg zum Erwachsenwerden ist zudem mit harten Schlägen verbunden – dem Verlust der Mutter und die Erkenntnis, dass die heimlich Angebetete ausgerechnet dem best buddy zugeneigt ist.
Dabei ist jene Lotte (ja, Werther lässt grüßen) ausschlaggebend dafür, dass unser Held denn doch nicht im väterlichen Friseursalon in der Provinz endet, sondern auszieht, um Schauspieler zu werden. Zum Theater kommt er wie die Jungfrau zum Kinde – um Lotte nahe zu sein, meldet er sich für eine Schulaufführung von der „Möwe“. Einmal mit dem Theatervirus angesteckt, liest er sich durch die Weltliteratur und zieht schließlich aus, um die Bühnen der Welt zu erobern…

Mit „Jetzt wirds ernst“ hat Robert Seethaler bereits vor seinem großen Erfolg „Der Trafikant“ einen jungen Mann in den Mittelpunkt gestellt, der sich erst noch suchen und finden muss. Ein locker-fluffig zu lesender Roman, amüsant und voller skurriler Einfälle – da wird en passant ein Altenheim zertrümmert, eine Theateraufführung gesprengt und die Weltliteratur auf die Reihe gebracht:

Die Russen – eine einzige, deprimierende Hölle, aber auch zum Schreien komisch.
Die Amerikaner – genauso versoffen, liebeskrank und todeslustig wie die Russen.
Die Skandinavier- zittrige Seelen in der schneebedeckten Einöde.
Die Schweizer – akkurat, unbestechlich, etwas moralisierend.
Die Österreicher – durchgedreht, witzig, hasszerfressen.
Die Griechen – bei denen geht es richtig zur Sache.
Goethe – starker Dichter, doch vom Theater keine Ahnung
Schiller – alles sehr deutsch. Große Liebe. Große Helden. Großes Geschrei. Große Bürokratie.
Und dann kommt Shakespeare.

Mit Shakespeare wird es für den Nachwuchs-Theaterstar ernst – in der Begegnung mit dem Dramatiker kristallisiert sich das künftige Wohl und Wehe aus. Seethaler dagegen hat mit diesem Roman noch nicht so richtig ernst gemacht – er wirkt ein wenig wie die Vorübung auf den Trafikanten, leichter, natürlich auch mit weniger ernstem Hintergrund: Während der junge Held hier nur aus der Provinz entkommen muss, landet sein gleichalteriges Pendant im Trafikanten geradezu im „Reich des Bösen“, kommt im nationalsozialistischen Wien an und hat sich weitaus anderen Bewährungsproben zu stellen. Vieles, was den Trafikanten auszeichnet, ist jedoch in „Jetzt wirds ernst“ bereits zu finden: Die Mischung aus Skurrilität und Melancholie, Tag- und Nachtträumereien, die Einblick in das Innenleben der Helden geben, und eine große Wärme, mit denen Robert Seethaler seine Figuren umfängt.


Bild zum Download: Tonfiguren


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Robert Seethaler: Der Trafikant

„Franz` sexuelle Erlösung bedeutete nicht gleichzeitig eine Besserung seines Gesamtzustandes. Das Feuer, das jetzt zwischen seinen Schenkeln entzündet war, brannte lichterloh und würde nie mehr zu löschen sein, so viel war ihm klar. Dabei – und auch das war ihm auf schmerzhafte Weise bewusst geworden – gab es noch so viel zu lernen. Zu kurz war diese eine Nacht gewesen, selbst ein komplettes Leben schien nicht auszureichen, um das Mysterium Frau in seiner ganzen schrecklichen Schönheit begreifen zu können. An den Klippen zum Weiblichen zerschellen selbst die Besten von uns, hatte der Professor gesagt. Das wird schon so sein, dachte Franz, aber dann ist es halt so.“

Robert Seethaler, „Der Trafikant“,  Kein & Aber Verlag.

Auch wenn hiermit schon das melancholische Ende verraten wird – ja, der Franz, er zerschellt, jedoch nicht nur an den Klippen des Weiblichen. Vielmehr wird er im Strom der Zeit weggerissen, zermalmt – aber nicht ohne vorher noch ein paar ganz bemerkenswerte Schritte zu tun, Entwicklungsschritte für sich, seine Männlichkeit, aber auch für die Menschheit im Allgemeinen und die Wiener im Besonderen.
Der Franz – er ist mein heimlicher, kleiner literarischer Held der letzten Lesemonate. Anfangs möchte man den Buben aus der österreichischen Provinz am liebsten adoptieren und bemuttern – wenn er denn nicht schon eine ganz patente Mutter hätte. Der Tod des mütterlichen Liebhabers zwingt den 17jährigen von der heimischen Schürze und dem Salzkammergut hinaus in die große Stadt. Wien kurz vor dem Anschluss – die Gemütlichkeit geht langsam flöten, man meint den preußischen Stechschritt der lederbestiefelten Nazis schon auf den Straßen zu hören.

Da steht der Franz anno 1937 in Wien – ein bisschen tapsig, ein bisschen neben der Spur, aber gut aufgehoben bei einem anarchistisch angehauchten, einbeinigen Trafikanten. Die Trafik: Neben dem Kaffeehaus geistige Heimat belesener und rauchender Wiener. Der Trafikant: Ratgeber in politischen Fragen, Philosoph und kleiner Geschäftsmann.

„Das Problem, meinte Otto Trsnjek mit einem traurigen Blick auf das bis unter die Decke dicht mit Zigarrenkisten vollgeräumte Wandregal, das große Problem für das Zigarrengeschäft sei – so wie für vieles andere übrigens auch – die Politik. Die Politik verhunze nämlich grundsätzlich alles und jedes, und da sei  es ziemlich egal, wer da gerade mit seinem breitgesessenen Hintern die Regierung bilde, ob der Kaiser selig, der Zwerg Dollfuß, sein Lehrling Schuschnigg oder drüben der größenwahnsinnige Hitler: Von der Politik werde alles und jedes verhunzt, verpatzt, versaut, verdummt und überhaupt zugrunde gerichtet.“

Ähnlich wenig Optimistisches äußert Trafikant Trsnjek auch zu Liebesabenteuern – dafür findet Franz einen zweiten großväterlichen Freund und Ratgeber in der Nachbarschaft: Den jüdischen „Deppendoktor“ Sigmund.

„Also gut“, sagte Freud. „Ich schlage vor, dass wir jetzt erst einmal die Begrifflichkeiten klären. Ich vermute, wenn wir von deiner Liebe sprechen, meinen wir in Wahrheit deine Libido.“

„Meine was?“

„Deine Libido. Das ist die Kraft, die Menschen ab einem gewissen Alter antreibt. Sie schafft ebenso viel Freude wie Leid und hat, etwas vereinfacht gesprochen, bei Männern ihren Sitz in der Hose.“

„Auch bei Ihnen?“

„Meine Libido ist längst überwunden“, seufzte der Professor.

Dumm nur, dass Franzens Libido ihn zu einem beehmischen Meedel der berechnenderen Sorte treibt – die mag den Jungen zwar, aber muss eben auch schauen, wo sie in diesen unsicheren Zeiten bleibt. Und als Tänzerin in einem Varieté ist die richtige Auswahl aus überlebenstaktischen Gründen leicht zu treffen.Franz ist es jedenfalls nicht. Geplagt also von Liebeskummer und Libido erlebt der zunächst politisch unbeleckte Landbub mit, wie rund um ihn alles zusammenbricht: Menschen, auch der einbeinige kriegsversehrte Otto, verschwinden und sterben in den Kellern der Gestapo, Juden und politisch Andersdenkende werden verfolgt und ermordet und der hochbetagte Freud muss sich in das Exil retten.

„Herr Professor, ich glaube, ich bin ein riesengroßer Depp“, sagte Franz nach ein paar Augenblicken angestrengt nachdenklichen Schweigens. „Ein von hinten bis vorne verblödeter oberösterreichischer Schafsschädel.“

„Gratuliere, die Einsicht ist die Hebamme der Besserung!“

„Ich habe mich nämlich gerade gefragt, was meine kleinen, dummen Sorgen überhaupt für eine Berechtigung haben neben diesen ganzen verrückten Weltgeschehnissen.“

„Ich glaube, da kann ich dich beruhigen. Erstens sind Sorgen in Bezug auf Frauen zwar meistens dumm, aber selten klein. Und zweitens könnte man die Frage auch andersrum stellen: Was hat dieses ganze verrückte Weltgeschehen überhaupt für eine Berechtigung neben deinen Sorgen?“

Sorge dich nicht, lebe – vielleicht will Freud dies seinem jungen Freund mitteilen, denn er selbst sieht den ganzen Irrsinn klar heranziehen: ein Weltgeschehen wie „ein Tumor, ein Geschwür, eine schwärende, stinkende Pestbeule, die bald platzen und ihren ekeligen Inhalt über die gesamte westliche Zivilisation entleeren wird.“

Gerade humorig sind sie nicht gestimmt, die Herrschaften in Robert Seethalers Roman. Die Geschichte ist traurig. Und die Zeiten sind schwer. Und trotzdem durchhaucht dieses Buch eine wundersame Leichtigkeit des Stils, die angesichts der sich zuspitzenden Dramatik keine Schwere, sondern allenfalls eine bittersüße Melancholie hervorruft.

Seethaler – Jahrgang 1966! – schreibt, als sei er selbst als junger Zuhörer neben Stefan Zweig, Arthur Schnitzler oder auch Joseph Roth bei einem großen Braunen oder einer Melange im Kaffeehaus gesessen und habe deren Sprache erlauscht. Mit leisen Tönen wird eine traurige Geschichte von schweren Zeiten erzählt.
Seethaler verfügt über eine Sprache, die mich wiederum verführt hat, so ungewöhnlich viele Zitate in diese Besprechung einzustreuen. Eine Inhaltsangabe gäbe diesen besonderen „Sound“, diese Sprachmelodie nicht nur nicht wieder, sondern würde sogar in die Irre führen: Denn das Stück endet tragisch, der Weg dorthin ist es aber nicht. Man meint, dem Buch zuweilen anzuhören, zwischen welchen Polen es pendelt – ein bisschen Walzertakt, ein wenig Wienerwald, Marschmusik, gemütliches Wienerisch und im Hintergrund das Radio, aus dem plärrend die hysterische Stimme des Anstreichers dringt. Der Roman hat den Sound der Wiener Heldenplatz-Zeit.

Franz jedenfalls wird vom Weltgeschehen aufgerüttelt und zu einer ganz eigenen Rebellion gegen die nationalsozialistischen Verbrecher motiviert. Die Rebellion gestaltet sich explizit freudianisch und endet mit einem großen Fanal. Im engeren Sinne ist es ein Entwicklungsroman: Ein junger Mensch, der nach Orientierung sucht. Der erfährt, dass das Leben mit den Jahren nicht unbedingt leichter, sondern komplizierter wird. Der aber auch von Haus aus so viel Substanz und Anstand mitbringt, dass er den Anfechtungen widersteht. Und sich für das Richtige entscheidet. Ein kleiner Held in schlimmen Jahren.

Die Geschichte von Franzens` Nacht-Träumen ist ein ganz herrlicher Einfall von Robert Seethaler: Ein Mensch nutzt seine wirren unbewussten Traumgesichter zu einer  versponnen, kleinen Geste des Widerstands. Wunderbar. Ich kann nur empfehlen: Selber lesen! Und träumen!