LITERARISCHE ORTE: Hans Sachs und die Szenen einer Ehe

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Hans-Sachs-Denkmal in Nürnberg. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Reichtum ist da ein selt’ner Gast,
wo man täglich schlemmt und praßt,
denn bei dem Saufaus trifft man eben
ein wüst‘ und ungeregelt‘ Leben,
draus bitt’re Armut auferwachs‘ –
das sagt von Nürnberg euch Hans Sachs.

Verehrt, vergessen, vereinnahmt: So könnte man das Leben und die Nachwirkung des Mannes, dessen Namen mit Nürnberg so eng verbunden ist, zusammenfassen. Hans Sachs (1494 – 1576) zählte zu den bekanntesten Dichtern des 16. Jahrhunderts und ist neben Albrecht Dürer (1471 – 1528) einer der beiden berühmten Söhne, die damals in der freien Reichsstadt lebten und wirkten.

Für Bürgerstädte wie Nürnberg und Augsburg war dies ein goldenes Zeitalter, sie waren „global player“, Handels- und Handwerksmetropolen. Von neuem Selbstbewusstsein und zunehmenden Wohlstand in Teilen des „dritten Standes“ zeugte auch die Zuwendung der Bürger zu den schönen Künsten. Die Kunst wurde freier und frei zugänglicher. So begannen sich im 15. Jahrhundert erstmals bürgerliche Dichter und Sänger zunftartig zusammenzuschließen, der Begriff „Meistersinger“ war geboren.

Hans Sachs, selber Sohn eines Schneidermeisters und sein Leben lang in seinem Beruf als Schuhmacher tätig, wurde – auch befördert durch den aufkommenden Buchdruck –  der berühmteste seiner Gattung. Neben 4000 sogenannten Meistergesängen werden ihm noch über 2000 weitere Werke unterschiedlichster Art zugeschrieben: Unter anderem sechs Prosawerke, in denen er, ein überzeugter Anhänger der Reformation, sich mit dieser Bewegung auseinandersetze, aber auch zahlreiche sogenannte „Fastnachtsspiele“, die als Stilmittel am Anfang eines bürgerlichen, weltlichen Theaters standen.

Seine Themen waren vielseitig, mal ernst, mal heiter, mal derb, mal philosophisch und lebensweise, alltagspraktisch oder einfach auch auf den richtigen Benimm ausgerichtet:

Ist wo ein Gast so unverschämt,
Vor der Herrschaft und anderen Gästen,
Daß er bei Tisch greift nach dem Besten,
Und sich der Schleckerbißlein fleißt,
Und dafür lahme Zoten reißt,
Dem höret man wohl zu und lacht,
Doch wird von jedem still gedacht:
O pfui! du unverschämte Sau!
Auch denkt im Hause Herr und Frau:
Der ist mit Unflat arg besessen,
Kann nichts als Saufen, nichts als Fressen,
Als wollt‘ es ihm entwischen immer;
Und lädt die Sau fortan dann nimmer.
Der Gäst gibts viel jenseits des Bachs
Und diesseits auch, so spricht Hans Sachs.

Aufgrund seiner Produktivität und seines Bekanntheitsgrades schon zu Lebzeiten wird Sachs oftmals als der erste bürgerliche Dichter bezeichnet. Auch wenn solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen sind – unbestritten ist, dass Kunst und Literatur durch Menschen wie Hans Sachs und die entsprechenden Verbreitungsmittel immer mehr auch zur „Volkssache“ wurden. Nach seinem Tod jedoch wurde der Meistersinger aus Nürnberg, der bis auf wenige Wanderjahre als Geselle sein Leben dort verbrachte, nach und nach vergessen. Die Wiederentdeckung durch Goethe, die Würdigung seiner Prosawerke durch Lessing, vor allem aber Richard Wagners Oper brachten den Nürnberger wieder ins Bewusstsein.

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Beim Neuen Museum Nürnberg erinnern Schriftzüge an Hans Sachs, Dürer, Hegel und andere, die Kunst und Geistesleben der Stadt prägten.

Doch die Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten blieb leider auch nicht aus. In Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ wird ein idealtypisches, germanisches Mittelalter gefeiert und Sachs als braver Handwerker und obrigkeitstreuer Bürger stilisiert- mit dieser Oper eröffnen die Nationalsozialisten während ihres Reichparteitages 1935 das umgestaltete Nürnberger Opernhaus. Das Bild vom braven, mutigen deutschem Mann ist jedoch ebenso einseitig wie die Überzeichnung des Dichters als radikaler und revolutionärer Autor, als spätmittelalterliches Vorbild für den Klassenkampf.

Wie Sachs diese Vereinnahmungen empfunden hätte? Schwer zu sagen. Seine Schriften stehen für ihn ein – sie zeigen, dass dahinter nicht nur ein einfacher Schuhmacher, sondern ein gebildeter Kopf und ein kluges Menschenherz steckten. So zieht er in „Summa all meiner gedicht vom 1514. jar an bis ins 1567. jar“ eine anrührende Lebensbilanz:

wie mir das auch nach meinem leben
mein gedicht werden zeugnus geben;
wan die ganz sum meiner gedicht
hab ich zu eim bschluß zugericht
in meinem alter, als ich war
gleich alt zwei und sibenzig jar,
zwei monat und etliche tag.
darbei man wol abnemen mag,
das der spruch von gedichten mein
gar wol mag mein valete sein,
weil mich das alter hart vexiert,
mich druckt, beschwert und carceriert,
das ich zu ru mich billich setz
und meine gedicht laß zuletz
dem gutherzign gemeinen mon,
mit gots hülf sich beßer darvon.

Vergessen ist sein Name heute zwar nicht mehr, aber gelesen wird er wohl nur von ganz wenigen: Dies liegt an einer Sprache und Dichtung, die durchaus etwas aus der Zeit gefallen ist. Die auch Mühe und Geduld erfordert – doch wer sich eine Zeit lang mit seinen Texten beschäftigt, wird mit weit mehr belohnt als nur sehr guten Kalendersprüchen.

Verliebt, verlobt, verheiratet: In seiner Heimatstadt Nürnberg findet man bei einem Bummel durch die Altstadt noch manchen Hinweis auf den Meistersinger. Nicht besonders attraktiv ist heutzutage der Hans-Sachs-Platz, in dessen Zentrum eine Statue von Johann Konrad Krausser seit 1874 an den Meistersinger erinnert. In unmittelbarer Nähe stand einst die Nürnberger Hauptsynagoge, die 1938 abgetragen wurde, weil sie laut Julius Streicher das „schöne deutsche Stadtbild erheblich störte.“  Dass die eigentlichen Störenfriede jedoch die Faschisten an der Macht und ihre Gefolgsleute waren, hatte insbesondere auch für Nürnberg bittere Folgen: Die „Stadt der Reichsparteitage“ und der Nürnberger Gesetze, sie wurde bei den Luftangriffen der Alliierten im Altstadtbereich fast vollständig zerstört, darunter auch das Wohnhaus des Dichters unweit des Platzes.

Heute ist ein weiterer Anlaufpunkt in Nürnberg nicht nur dem Dichter, sondern im Grunde auch seiner Ehefrau Kunigunde, mit der er 41 Jahre verheiratet gewesen war, gewidmet: Der 1984 aufgebaute Hans-Sachs-Brunnen, ein großer, ausladender Figurenbrunnen in der Nürnberger Fußgängerzone. Er zeigt die Szenen einer Ehe nach dem Gedicht „Das bittersüße eh’lich‘ Leben.“: Vom reinsten Glück der Verliebten zur handfesten Beziehungskrise bis hin zum Abschiednehmen im Alter. Übrigens: Obwohl er seiner Kunigunde, die ihm zudem sieben Kinder gebar (die Hans Sachs alle überlebte), treu verbunden war, heiratete er nun ein Jahr nach ihrem Tod ein zweites Mal. Das hatte – für damalige Zeiten nicht ungewöhnlich – vor allem praktische Gründe: Sachs, mit 67 Jahren verwitwet und alle Kinder überlebt, brauchte jemand, der ihn versorgte. Und seiner zweiten Frau, einer 27-jährigen Witwe mit sechs Kindern, ging es ebenso.

Der von Bildhauer Jürgen Weber gestaltete Brunnen war zunächst stark umstritten. Tatsächlich sind die Szenen deftig und drastisch ausgestaltet, zarte Gemüter können sich durchaus daran stören. Mich erinnern manche Details des Kunstwerks eher an barocke Stilmittel, die mit dem Dreißigjährigen Krieg und den Erschütterungen, die für die Menschen damit einhergingen, aufkamen. Barocke Vanitasmotive statt spätmittelalterlicher Zurückhaltung. Gleichwohl: Jedes Mal, wenn ich nach Nürnberg komme, gibt es am „Ehekarussell“ etwas Neues für mich zu entdecken. Und Touristen wie Einheimische lassen sich von Gevatter Tod und Bruder Dekadenz eh nicht schrecken – der Platz ist ein wuseliger, lebendiger Aufenthaltsort, über den Hans Sachs seine behütende Dichterhand hält.

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Auf einem Herz aus Stein findet sich das Ehegedicht in ganzer Länge. Bild von Birgit Böllinger auf Pixabay

Vor allem passt das Kunstwerk aber auch zu den ziemlich direkten Worten von Hans Sachs über seine Kunigunde:

Das bittersüße ehlich Leben

Gott sei gelobet und geehrt,
der mir ein frumb Weib hat beschert,
Mit der ich zwei und zwanzig Jahr
gehaust hab, Gott gab länger gar
Wiewohl sich in mein ehling Leben
Hat Süß und Saures oft begeben
Gar wohl gemischt von Freud und Leid,
Erst auf, dann ab, ohn Unterscheid.
Sie hat mir nit stets kochet Feigen,
will schwankweis Dir ein Teil anzeigen.

Sie ist ein Himmel meiner Seel,
Sie ist auch oft mein Pein und Hell,
Sie ist mein Engel auserkoren
Ist oft mein Fegeteufel woren.
Sie ist mein Wünschelrut und Segen,
Ist oft mein Schauer und Platzregen,
Sie ist mein Mai und Rosenhag,
Ist oft mein Blitz und Donnerschlag,

Mein Frau ist oft mein Schimpf und Scherz,
Ist oft mein Jammer, Angst und Schmerz,
Sie ist mein Wunn und Augenweid,
Ist oft mein Traurn und Herzeleid,
Sie ist mein Freiheit und mein Wahl,
Ist oft mein Gfängnis und Notstall,

Sie ist mein Hoffnung und mein Trost,
Ist oft mein Zweifel, Hitz und Frost,
Mein Frau ist meine Zier und Lust,
Ist oft mein Graun und Suppenwust,
Ist oft mein königlicher Sal,
Ist oft mein Krankheit und Spital,

Mein Frau, die hilft mir treulich nähren,
thut mir auch oft das Mein verzehren,
Mein Frau, die ist mein Schild und Schutz,
ist oft mein Frevel, Poch und Trutz.
Sie ist mein Fried und Einigkeit
Und oft mein täglich Hebensstreit,

Sie ist mein Fürsprech und Erlediger
Ist oft mein Ankläger und Prediger,
Mein Frau ist mein getreuer Freund,
Oft worden auch mein größter Feind,
Mein Frau oft mietsam ist und gütig,
Sie ist auch zornig oft und wütig,
Sie ist mein Tugend und mein Laster,
Sie ist mein Wund und auch mein Pflaster,
Sie ist meines Herzens Aufenthalt,
Und machet mich doch grau und alt.


Bilder zum Download:

Bild 1, Hans-Sachs-Denkmal in Nürnberg
Bild 2, Ehegedicht am Sachsbrunnen in Nürnberg


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Michael Klein: Mark Twain in Bayern

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Mark Twain mochte München. Auch im Winter. Bild von Michael Siebert auf Pixabay

„Eine deutsche Tageszeitung ist die traurigste sämtlicher menschlicher Erfindungen.“ 

Michael Klein (Hg.), „Mark Twain in Bayern“, Allitera Verlag, München, 2016. 

Mark Twain muss Bayern sehr zu schätzen gewusst haben. Ein Indiz dafür: Obwohl er insgesamt rund ein halbes Jahr seines Lebens unter weißblauem Himmel verbracht hatte, klammerte er den Freistaat (damals Königreich) aus seinem satirischen Reisebericht „Ein Bummel durch Europa“ – den er in München schrieb – weitgehend aus.

Dreimal in seinem 74jährigen Leben hielt sich der amerikanische Schriftsteller in Bayern auf: Mit seiner Familie verbrachte er 1878/79 einen Winter in München, eine zweite Reise führte ihn 1891 nach Nürnberg und Bayreuth und 1893 begleitet er seine Frau Olivia zur Kur nach Bad Tölz. Akribisch hat der Autor und Übersetzer Michael Klein die schriftlichen Spuren dieser Reisen zusammengetragen: Briefe und Reiseberichte, in denen Mark Twain von seinen Erlebnissen erzählt, aber auch die literarischen Erzeugnisse, in die das, was der Schriftsteller in Bayern erlebte, einfloss. Michael Klein, der bereits 2015 das Buch „Mark Twain in München“ (Morio Verlag)  veröffentlicht hat, ist Herausgeber das Bandes „Mark Twain in Bayern“, in dem erstmals alle „bayerischen Texte“ des Schriftstellers erschienen sind, manche davon in deutscher Erstveröffentlichung.

Mit staunenden Augen blickt Mark Twain auf „Bavarian Gemütlichkeit“, genießt die Weihnachtszeit und Lebkuchenseligkeit in München, versucht seine Deutsch-Kenntnisse aufzupolieren und insbesondere beim ersten Besuch eine veritable Schreibkrise zu überwinden. Was nach anfänglichen Startschwierigkeiten gelingt: Mark Twain kommt in München zur Ruhe, der „Bummel durch Europa“ nimmt zwischen Museums- Ausstellungsbesuchen (München galt auch damals schon als Kunststadt von sehr gutem Ruf) und dem Studium der Bräuche und Sitten langsam Gestalt an.

In seinen Briefen und privaten Texten schildert Twain seine täglichen Erlebnisse – er räsoniert über die Sinnhaftigkeit des Meldewesens für Ausländer, begeistert sich für die Tradition des Schäfflertanzes und mokiert sich aber ebenso auch über das örtliche Zeitungsangebot – für den Journalisten, der Zeit seines Lebens ein eifriger Zeitungsleser blieb, waren die deutschen Newspapers schlichtweg eine große Enttäuschung:

„Wenn man einen Münchner Bürger fragt, welches die beste Münchner Tageszeitung sei, wird er einem unweigerlich antworten, dass es nur eine einzige gute Münchner Tageszeitung gäbe und dass sie in Augsburg erscheine, das in einer Entfernung von etwa siebzig bis achtzig Kilometern liegt. Das ist ungefähr so, als würde man sagen, die beste New Yorker Zeitung erscheine irgendwo draußen in New Jersey. (…) Die gesamte, auseinandergelegte Zeitung ist nicht annähernd so groß wie eine einzige Seite des New York Herold. Natürlich ist sie beidseitig bedruckt, aber die Typen sind derart groß, dass der gesamte Inhalt in der Schriftgröße des Herold auf eine einzige Seite desselben gehen würde (…).“ 

Aber hätte er nicht nur versucht, Deutsch zu lernen, sondern auch das Bayerische, so hätte sein Urteil über alles andere sicher gelautet: „Passt scho!“.  Michael Klein stellt in informativen Einleitungen die Texte Twains aus Bayern in die richtigen biographischen und zeitgeschichtlichen Zusammenhänge. So wird auch verständlich, warum in dieses Buch die beiden Erzählungen Twains „Das Geständnis eines Sterbenden“ und „Der gestohlene weiße Elefant“ Eingang gefunden haben. In München besuchte Mark Twain 1879 ein Leichenschauhaus, damals durchaus eine selten zu findende Einrichtung. Hintergrund war die verbreitete Angst, scheintot begraben zu werden. Für den phantasievollen Geist Mark Twains die Inspiration zu einer Kriminalgeschichte, die in den Vereinigten Staaten spielt, ihren Ausgang aber in Bayern hat. Und der „weiße Elefant“, eine seiner berühmtesten Erzählungen, ist einfach ein Beispiel dafür, dass Twain in München seine Schreibblockade überwand und zu alter Form zurückfand – entstand die Erzählung doch in jenem ersten Münchner Winter.

Im Grunde hätte „die Weltstadt mit Herz“ auch einen großen Anteil im Reisebuch „Ein Bummel durch Europa“ haben sollen, wie Michael Klein schreibt,

„vergleichbar den Passagen über die Neckarfloßfahrt, Heidelberg oder die Tour durch die Schweiz, die lange Textstrecken in seinem im März 1880 erschienen Buch ausmachen. Mit Entwürfen über München hatte er begonnen, doch blieben seine Schilderungen sehr berichtsartig und während der Arbeit an seinem Buchmanuskript veränderten sich dessen Motive und Tonfall. Mark Twain verstärkte die fiktiven, flunkernden und humoristischen Elemente und am Ende stellte er fest, dass seine München-Texte sich in diesen Stil nicht mehr harmonisch würden einfügen lassen.“ 

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Natürlich darf die Konfrontation mit Wagner-Musik nicht fehlen. Bild von Mikhail Vachtchenk0 auf Pixabay

Dass Mark Twain dann einige Jahre später ausführlich über Franken schreibt, hängt damit zusammen, dass er für die „New York Sun“ von den Bayreuther Festspielen berichten sollte. Der Wagner-Kult: Eine Steilvorlage für den Satiriker, der aber als Privatmann, so Michael Klein, ein durchaus ambivalentes Verhältnis zur Oper und Richard Wagner im Speziellen hatte, das „von entsetztem Spott bis zu echter, leidenschaftlicher Begeisterung“ reichte. Gleichwohl ist „Am Schrein zu St. Wagner“ (in voller Länge auch hier zu finden) einer der unterhaltsamsten Texte zu diesem eigenartigen Phänomen:

„Gestern wurde „Tristan und Isolde“ gespielt. Ich habe alle Arten von Zuschauern gesehen – in Theatern, Opern, Konzerten, bei Vorlesungen, Predigten und Trauerfeiern – aber keine war der der Wagnerzuschauer in Bayreuth gleich in Bezug auf konzentrierte, ehrfurchtsvolle Aufmerksamkeit, absolute, versteinerte Aufmerksamkeit bis zum Ende eines Akts, mit der am Anfang des Akts eingenommenen Haltung vollkommen intakt. Man kann keine Bewegung der soliden Masse von Köpfen und Schultern entdecken. Man scheint mit den Toten im Dunkel eines Mausoleums zu sitzen. Man weiß, dass sie zutiefst erschüttert sind; dass es Zeiten gibt, wenn sie aufstehen wollen und ihre Tücher schwenken wollen und ihre Zustimmung hinausschreien wollen, und Zeiten, wenn ihnen Tränen herunterlaufen, und es wäre eine Erlösung, wenn sich ihre angestauten Gefühle in Seufzern oder Schreien entladen könnten; man hört jedoch keinen einzigen Laut bis sich der Vorhang schließt und die letzten Töne verklungen sind; dann erwachen die Toten auf einmal auf und erschüttern das Haus mit ihrem Beifall. Jeder Sitz ist im ersten Akt voll; es gibt keinen leeren im letzten Akt. Falls jemand auffallen will, soll er hierher kommen und sich inmitten eines Akts entfernen. Es würde ihn berühmt machen.“ 

Dass Michael Klein sich die Mühe gemacht hat, die Texte Mark Twains zu und aus Bayern zusammenzutragen und zusammenhängend zu präsentieren, dürfte nicht nur echten Twain-Experten gefallen – der Sammelband ist ein unterhaltsames Kompendium für alle Leser, die Twain UND Bayern mögen und Lust haben, mit liebevollem Spott auf dieses eigenartige Land zu blicken.

Informationen zum Buch:
„Mark Twain in Bayern“ erschien in der „edition monacensia“ im Allitera Verlag. Seit 2002 bringt Elisabeth Tworek, Leiterin der Monacensia, Literaturarchiv und Bibliothek der Landeshauptstadt München, ausgewählte Werke renommierter Münchner Autorinnen und Autoren des 19., 20. und 21. Jahrhunderts in der »edition monacensia« heraus.

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Mark Twain: Bummel durch Europa

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Bild von Heidelbergerin auf Pixabay

„Der nächste Morgen brachte uns gute Nachricht – unsere Reisekoffer waren endlich aus Hamburg eingetroffen. Dies möge dem Leser als Warnung dienen. Die Deutschen sind sehr gewissenhaft, und dieser Charakterzug macht sie sehr umständlich. Sagt man daher einem Deutschen, man möchte irgend etwas sofort erledigt haben, nimmt er einen beim Wort; er glaubt, man meint, was man sagt; also erledigt er es sofort – in Übereinstimmung mit seiner Vorstellung von sofort – nämlich in etwa einer Woche; das heißt, sofort bedeutet eine Woche, wenn es sich um die Herstellung eines Kleidungsstückes handelt, oder anderthalb Stunden, wenn es um die Zubereitung einer Forelle geht. Schön; sagt man einem Deutschen, er möge einem den Koffer „nicht als Eilgut“ nachschicken, nimmt er einen beim Wort, er schickt ihn „nicht als Eilgut“ und man kann sich gar nicht vorstellen, wie lange man seine Bewunderung angesichts der Ausdruckskraft dieser Wendung der deutschen Sprache wachsen lassen darf, bevor man seinen Koffer schließlich in Empfang nimmt. Das Fell meiner Seekiste war weich und dicht und jugendfrisch, als ich sie in Hamburg zum Versand aufgab; sie war kahlköpfig, als sie Heidelberg erreichte.“

Mark Twain, „Bummel durch Europa“, 1880.

Der Blick der Amerikaner auf die Alte Welt war ja schon immer von Merkwürdigkeiten geprägt. Wahrscheinlich ist Mark Twain daran schuld (ich denke, das hätte dem Alten Spaß gemacht, diese Schuldzuweisung). Denn in den Jahren 1878 und 1879 bummelte er – einen stattlichen Tross an Familie und Freunden im Anhang – durch Europa.
Soll heißen: Vor allem durch Süddeutschland, die Schweiz, Italien und Frankreich. Der deutsche Norden wurde nur kurz gestreift, Skandinavien fand er auf seiner Landkarte wohl noch nicht, Südosteuropa war gerade in Urlaub und die iberische Halbinsel hatte keine Zeit.
„A Tramp Abroad“ erschien 1880. Und Mark Twains Landsleute erfuhren dadurch von allerhand Merkwürdigkeiten, Sitten und Gebräuchen. Am allermeisten jedoch beschäftigten den Schriftsteller die alten Sagen – herrliche Vorlagen, um fact und fiction zu vermengen, kleine Lügenmärchen zu spinnen und assoziativ abzuschweifen. „Bummel durch Europa“ ist sowieso das Buch eines passionierten Spaziergängers, der seinen Beinen und Gedanken freien Lauf lässt. Mit Mark Twain wäre ich gerne gebummelt – ein netter, schwadronierender Herr an meiner Seite, so stelle ich mir das vor, der mit lustigen Einfällen und bissigen Bemerkungen nicht spart.

Ich kann nur jedem raten, auf diesen „Bummel durch Europa“ mitzugehen – man erfährt so viele Dinge über die eigene Heimat, von denen wohl nie mehr ganz zu klären sein wird, ob sie den Tatsachen entsprachen oder Mark Twains Hirn entsprangen. Zumindest stützte er sich auf eine seriöse Quelle: „Rheinsagen von Basel bis Rotterdam“ von F. J. Kiefer (ein Buch, das es tatsächlich gab, ungelogen). Vielleicht lag es aber auch an „Die schreckliche deutsche Sprache“, dass Mark Twain so manche geschichtliche Fakten durcheinanderwirbelte – der herrliche Sprachaufsatz ist dem „Bummel durch Europa“ angehängt:

„Ich ging oft ins Heidelberger Schloß, um mir das Raritätenkabinett anzusehen, und eines Tages überraschte ich den Leiter mit meinem Deutsch, und zwar redete ich ausschließlich in dieser Sprache. Er zeigte großes Interesse; und nachdem ich eine Weile geredet hatte, sagte er, mein Deutsch sei sehr selten, möglicherweise einzigartig; er wolle es in sein Museum aufnehmen.“

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Bild von Herbert Aust auf Pixabay

In Heidelberg und Baden hielt sich Mark Twain länger auf – und hatte neben Ironie und Spott vor allem wohlwollende Worte für Stadt, Land und Leute übrig:

„Das Schloß blickt auf die dichtgedrängte, braungedachte Stadt hinunter; und von der Stadt aus überspannen zwei malerische alte Brücken den Fluß. Nun weitet sich der Blick; durch das Tor der Schildwache stehenden Vorgebirge schaute man auf die weite Rheinebene hinaus, die sich sanft und vielfarbig ausbreitet, allmählich und traumhaft verschwindet und schließlich im fernen Horizont verschmilzt. Ich habe mich noch nie einer Aussicht erfreut, die solch einen heiteren und befriedigenden Zauber gewährte wie diese.“

So erheitert, kann sich Mark Twain auch den eigenartigen Sitten des Studentenlebens widmen. Er schreibt mit spürbar irritierter Faszination (oder faszinierter Irritation) über die Verbindungen, deren Duellgebräuche und den berühmten Studentenkarzer, der heute noch besichtigt werden kann.

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Bild von modi74 auf Pixabay

„Die Decke war vollkommen mit Namen, Daten und Monogrammen bedeckt, die man mit Kerzenrauch daruntergeschrieben hatte. Die Wände waren dicht mit Zeichnungen und Porträts (im Profil) bedeckt, von denen einige mit Tinte, andere mit Ruß, andere mit Bleistift und wieder andere mit roter, blauer oder grüner Kreide angefertigt worden waren; und überall dahin, wo zwischen den Bildern ein Daumenbreit Platz freigeblieben war, hatten die Häftlinge Klageverse oder Namen und Daten geschrieben. Ich glaube nicht, daß ich jemals in einem sorgfältiger ausgemalten Zimmer gewesen bin.“

Im Studentenkarzer der Universität Heidelberg wurden von 1823 bis 1914 Studenten arretiert: Die Universität hatte das Privileg, über ihre Mitglieder selbst Recht sprechen zu dürfen, ab 1886 galt dies jedoch nur noch für Disziplinarverfahren. Bei den Studenten handelte es sich dabei meist um nächtliche Ruhestörungen und ähnliche Verstöße gegen die öffentliche Ordnung. Zwar konnte man während der Karzerzeit seine Vorlesungen besuchen – die meisten „Inhaftierten“ fanden das Karzerleben jedoch recht gemütlich, schwänzten die Uni und malten lieber Bilder an die Wand.

Doch besuchte Mark Twain nicht nur Duelle und das Heidelberger Schloß, sondern widmete sich auch richtiger, ernsthafter Kultur: Mehrmals besuchte er das Nationaltheater in Mannheim. Mit wenig Freude:

„An einem Tag fuhren wir nach Mannheim und hörten uns eine Katzenmusik, will sagen: eine Oper an, und zwar jene, die „Lohengrin“ heißt. Das Knallen und Krachen und Dröhnen und Schmettern war unglaublich. Die mitleidlose Quälerei hat ihren Platz in meiner Erinnerung gleich neben der Erinnerung an die Zeit, da ich mir meine Zähne in Ordnung bringen ließ.“

An Mark Twains Wagner-Antipathie, die sich so herrlich lesen lässt, musste ich dieser Tage in Mannheim denken: Das Nationaltheater, in dem „Die Räuber“ uraufgeführt wurden und Schiller Mannheims erster Theaterdichter war, gibt es nicht mehr – 1943 wurde es bei einer Bombardierung zerstört. Das war eine Folge davon, dass eine irregeleite Nation die Welt für einige Jahre mit teutonisch-wagnerianischem Knallen, Krachen, Dröhnen und Schmettern überzogen hatte.

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