Karen Köhler: Miroloi

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Neugierig erwartet wurde der Debütroman von Karen Köhler. Doch als er dann da war, brach in der Literaturkritik Ratlosigkeit aus. Jan Drees fand im Deutschlandfunk zum Phänomen der gehypten Romane deutliche Worte.

Immerhin: „Miroloi“ schaffte es auf die Longlist beim Deutschen Buchpreis, unter den sechs Finalisten ist er jedoch nicht mehr zu finden. Warum, das lässt der Gastbeitrag von Veronika Eckl erahnen:

Also. Da war diese Entdeckung im Herbst vor fünf Jahren, Karen Köhler, eine noch jung zu nennende Autorin aus Hamburg. Sie hatte einen Band mit Erzählungen geschrieben, Wir haben Raketen geangelt, die mit raketenartigem Temperament und einem ganz besonderen Sound daherkommen und im Gedächtnis haften bleiben, weil sie ungewöhnlich sind und häufig auch witzig konstruiert, immer mit einer unerwarteten Wendung. Es geht darin um junge Ich-Erzählerinnen in Ausnahmesituationen, die stets einen harten Cut machen: Die eine versucht eine Trennung dadurch zu überwinden, dass sie auf einem Kreuzfahrtschiff als Qualle im Bordmusical jobbt – und kurzentschlossen auf den Lofoten aussteigt. Eine andere setzt alles daran, herauszufinden, wer die junge Frau ist, die das Herz ihres verstorbenen Freundes bei einer Transplantation eingepflanzt bekommen hat. Wieder eine andere schreibt ihrem Freund Postkarten aus Italien, neben den Ansichten von Neapel, Ischia und Stromboli entfaltet sich so ein ganzes Seelenpanorama weiblicher Verlorenheit. Das muss man nicht immer alles ganz groß finden, aber gut zu lesen sind die neun Stories, temporeich, mit einer sensiblen Wucht verfasst. Alle weiblichen lesenden Freundinnen waren von dem Buch angetan, alle männlichen lesenden Freunde schnauften und sagten, es sei wohl mehr was für Frauen. Nur eine Erzählung fanden alle gleichermaßen ein wenig befremdlich: Die, in der sich eine junge Frau auf einem Hochsitz im Wald 27 Tage lang zu Tode hungert. Naja, eine Geschichte von neun, extrem, etwas übers Ziel hinausgeschossen vielleicht, aber das ist natürlich Geschmackssache.

Miroloi bedeutet Totenklage

Und jetzt: Herbst 2019, der erste Roman von Karen Köhler, Miroloi lautet der Titel, was in der Tradition der griechisch-orthodoxen Kirche eine Totenklage bedeutet. Und leider, es geht befremdlich weiter in Köhlers Schreiben. Erneut ist die Protagonistin eine junge Frau, die auf einer vage griechisch wirkenden Insel in einer unbestimmten Zeit ihr Dasein fristet, und zwar als Findelkind ohne Namen in einer archaischen Gesellschaft. Sie wächst beim religiösen Oberhaupt des Dorfes auf, der das Mädchen gut behandelt und es gegen die Anfeindungen einer gehässigen Gemeinschaft verteidigt, ihm sogar das Lesen beibringt, was streng verboten ist: Auf der Insel, auf der man ohne elektrischen Strom auskommt, dürfen Frauen nicht lesen und schreiben, Männer nicht singen und kochen, obwohl sie alle immerhin in einer Zeit leben, in der es bereits Klimaanlagen gibt und Plastikflaschen, die von „drüben“ angespült werden. Auf Regelverstöße stehen brutale Sanktionen, was auch die Heldin schon zu spüren bekam, der als Kind ein Bein zerschlagen wurde. Fast überflüssig zu sagen, dass sexueller Missbrauch, arg klischeehaft natürlich vom Lehrer des Dorfes betrieben, aber auch von anderen Männern, an der Tagesordnung ist. Es ist eine Insel, auf der die Frauen unglücklich sind und die Männer auch; interessant daran ist, wie  allmählich deutlich wird, dass das männliche Unglück das weibliche bedingt. Die Männer immerhin dürfen in einer Art religiösem Ritual Wunschzettel schreiben, die dann vom Ziehvater der Protagonistin heimlich gelesen und verbrannt werden.

Banner Buchpreisblogger 2019Als die junge Außenseiterin sich in einen Betschüler verliebt, mit dem sie sich immer bei Vollmond (hm) in den Bergen trifft, als ihr väterlicher Beschützer stirbt und neue Machthaber beschließen, dass Frauen sich verhüllen und nach Einbruch der Dunkelheit das Haus nicht mehr verlassen dürfen – da keimt die Rebellion in der jungen Frau; und als sie schwanger wird, kommt es zur recht vorhersehbaren Katastrophe. Eine Emanzipationsgeschichte also, die Beschreibung eines Aufbegehrens in einer von Männern dominierten Welt, und dass diese Emanzipation über die Entdeckung des eigenen Körpers und über die Sprache geschieht, ist nachvollziehbar, aber so richtig ans Herz greift es einem nicht. Was will uns Karen Köhler da präsentieren? Eine politische Parabel in Zeiten, in denen Millionen Menschen auf der Flucht sind? Ein Plädoyer für Frauenrechte? Eine Reflexion über totalitäre Gesellschaften? Eine Dystopie à la Margaret Atwoods Der Report der Magd? Da wird viel Unklarheit verbreitet von einer, die eigentlich Klarheit kann. Man merkt, dass Köhler am Theater gearbeitet hat und Theaterstücke schreibt, denn immer wieder ist ihre Sprache sehr präzise, schafft sie in wenigen Worten eine Atmosphäre, einen markanten Dialog, etwa wenn der Bethaus-Vater seinem Zögling tröstend beibringt, was ein Konjunktiv ist: „Eine Distanz in der Sprache, wenn sie nötig ist. Jemand hat gesagt, ich sei eine Missgeburt. Verstehst du? Nicht ich bin. Das rückt das Gesagte von dir weg.“ Dann aber wieder wirkt die Sprechweise der Figuren manieriert – “Ich ziehe mich jetzt zurück“ – und gewollt stilisierte Wortkonstrukte wie „Tausendaugen“ kollidieren mit einem banalen „Arschloch“.

Wie schade, dass die Autorin hier nicht zeigt, was sie an Sprache und Witz und Tempo eigentlich draufhat. Hätte sie statt dieses bemühten feministischen Gesangs einfach Geschlechterbeziehungen in unserer heutigen Zeit, in einem gegenwärtigen Deutschland, aufs Korn genommen – wir wären ihr gern gefolgt, anstatt nach mehr als 400 Seiten leicht verstimmt eine überzogen konstruierte Geschichte und ihre ebenso konstruierte Heldin hinter uns zu lassen.

Veronika Eckl


Weitere Informationen:

Karen Köhler, Miroloi. Hanser Verlag, 464 Seiten, 24 Euro.

Wir haben Raketen geangelt. Hanser Verlag, 237 Seiten, 19,90 Euro.

 

Bill Clegg: Neunzig Tage

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Bild von Markus Spiske auf Pixabay

„Neunzig Tage ist haarsträubend ehrlich, ein Drahtseilakt auf Messers Schneide, eine Balance zwischen dem Wunsch nach Sucht und dem nach einem neuen Leben, doch das eigentliche ist die tiefe Emotionalität, die den Leser so berührt, mitreißt, die einen so nah ran kommen lässt, mitten ins Geschehen. (…)
Bill Clegg erzählt brutal ehrlich, voll literarischer Sensibilität und erschütternd authentisch eine wahre Geschichte. Seine Geschichte.“

Bill Clegg, „Neunzig Tage. Eine Rückkehr ins Leben“, S. Fischer Verlag.
Link zur Verlagsseite:
http://www.fischerverlage.de/buch/neunzig_tage_eine_rueckkehr_ins_leben/9783100109491

Ausnahmsweise zu Beginn einmal kein Zitat aus dem Buch, sondern aus dem dazugehörigen Klappentext. Weil das Mitreißendste an diesem Buch für mich diesmal der Klappentext war. Brutal ehrlich übertrieben. Da hat sich jemand wirklich ins Zeug gelegt.

Gut, Klappentexte sind Reklame, müssen werberisch und marktschreiend daherkommen. Keiner wird ein Buch anpreisen mit den Worten: „Dies ist die wahre Geschichte eines Mannes, der nach Crack und Alkohol süchtig war, alles verloren hat – Beziehung, Freunde, Job, Wohnung – sich berrappeln muss, eine neue Existenz aufbauen muss, zunächst ein mitreißendes Buch über seinen Weg in die Sucht schreibt, als Literaturagent weiß, wie sich das verkaufen lässt, und dann offenbar – vielleicht auch als Therapie – ein zweites Buch über den harten Weg des Entzugs nachlegt, das nun aber eher flüchtig geschrieben erscheint, in dem wenig reflektiert wird, das eher eine Aneinanderreihung von Begegnungen und Ereignissen ist, das letztendlich eine Beschreibung einer Lebensphase, wenn auch einer sehr harten, von einigen Monaten ist, das aber auf den Leser eben weder erschütternd, noch emotional, literarisch sensibel oder gar tief berührend wirkt, außer er hat vorher noch nichts zum Thema gelesen.“ Das wäre freilich kontraproduktiv. Dennoch – zwischen dem Erstling „Portrait eines Süchtigen als junger Mann“ und dem Nachfolger „Neunzig Tage“ sowie dem dazugehörigen Klappentext klaffen Welten. Finde ich.

Das ist so ein wenig die Crux mit Bekenntnis- und Aufarbeitungsliteratur. Es gibt eine Flut davon. Beim überwiegenden Anteil denkt man sich: Wenn es der Autorin, dem Autoren gut tat, das Buch zu schreiben, dann hat es einen Zweck erfüllt. Aber nicht alles davon – oder besser: wenig davon – ist wirklich großartige Literatur. Aus der Masse der bekennenden autobiographischen Aufzeichnungen ragen selten wirklich auch literarisch anspruchsvolle Bücher heraus. Noch seltener sehr gute.

„Neunzig Tage“ gehört nicht dazu. Freilich: Es ist lesbar. Routiniert geschrieben. Man merkt Bill Clegg an, dass er die Literaturszene kennt, dass das Schreiben und die Literatur zu seinem Alltag gehörte – vor dem Absturz und inzwischen wieder. Doch die knapp 200 Seiten, die er mit dem anstrengenden Weg nach der Entzugsklinik füllt, indem er beschreibt, wie er sich so etwas wie einen Alltag wieder erkämpft, ließen mich eigenartig unberührt zurück. Mein erster Gedanke nach der Lektüre: Irgendetwas fehlt.

Clegg schildert, wie er nach der Klinik zunächst im Arbeitsstudio eines Freundes unterkommt, sich eine eigene Wohnung besorgt, einen „Paten“ zugesprochen erhält, zu Selbsthilfegruppen geht, dort Leute kennenlernt, die – wie er – jeweils gegen den nächsten Rückfall kämpfen, wie er selbst mehrfach von der Sucht wieder eingeholt wird und dann wieder aufsteht, bis er letztlich sagen kann: „Neunzig Tage“. Diese neunzig Tage sind die magische Zahl, die es ohne Drogen und Alkohol zu überstehen gilt, um aus „dem Gröbsten“ heraus zu kommen. Wie er sich letztlich zu diesen neunzig Tagen durchkämpft, ist jedoch mehr eine Aneinanderreihung von äußerlichen Erlebnissen – er erzählt von Begegnungen mit Freunden, die ihm das Vertrauen nicht entzogen, vom Vermeiden von „Triggerzonen“, von Verkauf des Familiensilbers, um seine Miete bezahlen zu können – und wie ein Teil des Geldes prompt in der Crackpfeife aufgeht, ein brutaler Rückfall erfolgt. Er erzählt vom Fallen und Wiederaufstehen, von der Freundschaft zu einer Abhängigen, die fast zu Tode kommt, von Freunden, die vom Tod gezeichnet sind und anderen, die es, wie er, schließlich schaffen. Man könnte auch sagen: Er berichtet von dramatischen Ereignissen beinahe so distanziert, als würde er in der Rückschau die Person betrachten, die er einmal war – und dabei gleichzeitig auf Abstand halten, weil diese Person ihn zu sehr verletzte. Statt tiefer Emotionalität – wie im Klappentext beschrieben – eher eine distanzierte Außenschau, der Leser dabei selbst beinah wie ein Voyeur.

Bei all den äußerlichen Beschreibungen bleibt die innere Reflexion zurück. Aber vielleicht ist dies so, wenn man gegen den Dämon Sucht ankämpfen muss: Dass man anfangs zunächst nur zusehen kann, dass man überhaupt über-lebt. Dass da wenig Raum bleibt, um zu reflektieren – sondern nur Raum, um Tag für Tag zu schaffen. Neunzig Tage.

Was letzten Endes für Bill Clegg der Schlüssel war, um seinen Weg zurück ins Leben zu finden, auch das bleibt im Ungefähren. Hier jedoch mit einer Begründung an seine Leser:

„Für einen Monat war ich auf einer Insel, wo es keinen Treffpunkt für heilungswillige Alkoholiker und Süchtige gab. Wenn man aus dem Schmerz lernt, dann war die schmerzliche Lektion des Inselaufenthalts, dass ich auf diese Treffen, auf die Süchtigen und Alkoholiker angewiesen bin. Ich brauche sie wie Sauerstoff. Ganz gleich, wie wohl, wie clean, wie obenauf ich mich fühle. Es gibt viele Heilungsprogramme. Kostenpflichtig, unentgeltlich, anonym und nicht anonym. Ich sage hier nicht, an welchem ich teilnehme, weil ich nicht möchte, dass das Programm für irgendetwas, was ich sage, tue oder schreibe, verantwortlich gemacht wird. Nichts soll Sie daran hindern, es zu finden, wenn es Ihnen helfen kann. Alkoholiker und Süchtige legen sich schon genug Steine in den Weg zu ihrer Besserung, da möchte ich keine hinzufügen.“

Insofern ist „Neunzig Tage“ keine Empfehlung, die ich Lesern weitergeben würde, die hoffen, auf ein sensationell geschriebenes Buch zu stoßen. Wer Literatur zur Thematik sucht, die zudem sprachlich herausragend ist, dem sei dagegen noch einmal Schluckspecht ans Herz gelegt.

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Karl Friedrich Borée: Dor und der September

„Ich dachte an Dor, und ich dachte auch wieder nicht an sie. Sie ruhte so im Untergrunde. Es war schön, daß es sie gab, genau so, wie es schön ist, daß es noch tiefverschneite Wälder gibt und Leute, die einen mitnehmen. Es ist nicht unbedingt nötig, daß man darüber hinaus etwas begehrt.“

Karl Friedrich Borée, „Dor und der September“, Erstveröffentlichung 1930.

Es gibt Bücher, die entwickeln eine ganz eigenartige Macht: Man liest sie, lebt mit den Figuren, die plötzlich, wie von einer Leinwand herunterzaubert, greifbar werden, fast schon dreidimensional. „Dor und der September“ wäre dann ein bittersüßer cineastischer Streifen in Sepiabrauch, durchsetzt mit keck aufblitzenden Farben, sobald Dor die Bühne betritt.

Als der Lilienfeld Verlag 2017 die Wiederentdeckung des Schriftstellers und Essayisten Karl Friedrich Borée (1886 – 1964)  mit dem Roman „Frühling 45 – Chronik einer Berliner Familie“ startete, zeigte sich das Feuilleton verblüfft und begeistert: So sehr war der schreibende Jurist, der mit 44 Jahren einen ersten Roman veröffentlichte, der sofort zum Bestseller wurde, vergessen worden. Dabei hatte Borée eine wichtige Rolle beim kulturellen Wiederaufbau nach 1945 inne. Er war unter anderem bis zu seinem Tode Generalsekretär der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Aber weit mehr als ein „Literaturfunktionär“, vielmehr ein Solitär in der literarischen Landschaft: Seine Sprache wirkt beinahe wie aus der Zeit gefallen, ist wunderbar altmodisch und funkelnd, mit ganz eigenen Wortschöpfungen, und doch sind einige seiner Bücher von überraschender Aktualität und überaus modern.

Vor allem aber ist es wirklich dieser einzigartige Ton, die Melodie, die sein Romandebüt „Dor und der September“, das 1930 erschien, zu etwas Besonderem macht.

„Der Strand war schöpfungsmorgeneinsam und dort, wohin wir uns verzogen hatten, übersichtlich wie Schnee. Das Meer eine lockende blaue Glasflut, klar bis an die Kimmung, die sich von einem blassen Messinggelb kräftig abhob.“

Erzählt wird eine im Grunde ganz einfache Liebesgeschichte, die ohne weltbewegende äußerliche Szenarien zurechtkommt, sondern ihre Spannung aus der Gegensätzlichkeit der beiden Liebenden bezieht. Er ist ein weltmüder, traumatisierter Kriegsteilnehmer, sie ist eine Medizinstudentin, 20 Jahre jünger, neugierig auf das Leben, auf die Welt.

Wie die beiden sich annähern, für eine Weile finden, wohlwissend, dass diese Liebe ihre Grenzen haben wird, das ist in einer hochpoetischen und dabei doch so im Detail genauen Sprache geschildert. Borée, dessen Roman stark autobiographische Züge trägt, versenkt sich in die Psyche seines Ich-Erzählers, der all seine Gefühle wahrnimmt, ihnen nachhorcht, der all die Stufen einer sich entwickelnden Liebe – das sehnsuchtsvolle Warten auf ein Wiedersehen, die von einer Person besetzten Gedanken, die Erschütterung nach dem ersten Streit, die Überwältigung nach dem ersten Liebesakt – reflektiert.

Ein modernes Frauenbild

Zum Bestseller wurde der Roman jedoch vor allem wegen jener „Dor“: Eine junge Frau, schon noch an der Leine eines wahrscheinlich konservativen Elternhauses, die ihren Weg sucht, die sich während des Romangeschehens auch großes Stück von vorgegebenen Rollenbildern emanzipiert. Der ältere Mann ist ihr dabei, obwohl er auch sie oftmals als „Kindfrau“ und „Mädchen“ beschreibt, ein Wegbegleiter und ein Brückenbauer. Allein schon deshalb, weil sie sich auf diese aussichtslose Liebe im vollen Bewusstsein einlässt, kann sie sich in ihr weiterentwickeln: Dor setzt die Grenzen der Gemeinsamkeit, Dor setzt auch ganz selbstbewusst ihre Prioritäten.

Wegbegleiter ist ihr der Ich-Erzähler übrigens auch im wortwörtlichen Dinge: Das Paar teilt seine Leidenschaft für lange Wanderungen und Streifzüge durch die Natur, Szenen, in denen sich Borées wunderbare Sprache richtig entfalten kann:

„Jenseits der staubigen Straße dehnte sich weites frühlingsgeschmücktes Wiesenland bis an das blaue Laken des Sees. Am andern Ufer glänzte der Waldrand in einer verklärten Helligkeit. Es war ein vollkommener Feiertagsnachmittag. Die Fühlung des schönen Geschöpfes, die ungewohnte Vertraulichkeit, die aus solch freundlicher Besitzergreifung sprach, das wunderbare Wetter: ich konnte mich nicht entsinnen, jemals vergleichbar glücklich gewesen zu sein.“

Auch wenn es dem Erzähler gegenwärtig ist, dass diese Liebe nicht dauern kann, so schließt das Buch dennoch mit einer zart-melancholischen Abschiedsszene, die Hoffnung in sich birgt. Der Mann, der vom Krieg so traumatisiert und müde war, weiß das Leben wieder zu schätzen.

Dieser Beitrag wurde in gekürzter Fassung erstveröffentlicht auf dem Hotlistblog.

Bibliographische Angaben:

Karl Friedrich Borée
„Dor und der September“
Lilienfeld Verlag 2019
22,00 Euro, gebunden mit Schutzumschlag, 280 Seiten
ISBN 978-3-328-940357-71-7


Titelbild zum Download:
Strand bei Travemünde


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Vivian Gornick: Ich und meine Mutter

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Bild von miawicks9 auf Pixabay

„Sie war überall, immer hinter mir her, innerlich wie äußerlich. Ihr Einfluss klebte wie eine Membran in meinen Nasenlöchern, auf meinen Lidern, in meinem offenen Mund. Ich nahm sie mit jedem Atemzug in mich auf. Ich dämmerte in ihrer betäubenden Atmosphäre vor mich hin, konnte dem schweren, klaustrophobischen Wesen ihrer Gegenwart, ihrem Sein, ihrer erstickenden, leidenden Weiblichkeit nicht entkommen.
Ich hatte keine Ahnung.“

Vivian Gornick, „Ich und meine Mutter“, Penguin Verlag, 2019.

Mütter und Töchter: Selten ein unkompliziertes Verhältnis. Meist ein lebenslanges Ringen zwischen Zuneigung und dem Wunsch nach Autonomie. Das Gefühl, sich am Vorbild Mutter messen zu müssen und sich zugleich davon befreien zu wollen, es endet im Grunde nie. Selbst wenn man beruflich erfolgreich ist, wie die Schriftstellerin Vivian Gornick, die ein unabhängiges, selbständiges Leben führt:

„Das waren die Jahre, in denen Frauen wie ich als »neu«, »emanzipiert« oder »exzentrisch« bezeichnet wurden, und tatsächlich war ich tagsüber neu, emanzipiert und exzentrisch (ich selbst habe bis heute exzentrisch bevorzugt), solange ich am Schreibtisch saß, doch wenn ich abends auf der Couch lag und ins Leere starrte, materialisierte sich dort meine Mutter, als wollte sie sagen: »Nicht so schnell, mein Kind. Wir sind noch nicht fertig miteinander.«

Die 1935 in der Bronx geborene Essayistin und Journalistin Vivian Gornick ist in den USA in Intellektuellenkreisen seit Jahrzehnten eine Größe. Von 1969 bis 1977 war sie Reporterin bei der „The Village Voice“, ihre Arbeiten erschienen aber auch in zahlreichen weiteren namhaften amerikanischen Magazinen und Zeitungen. Darüber veröffentlichte sie eine stattliche Anzahl von Büchern zu Sachthemen und autobiographischer Natur. Im deutschsprachigen Raum ist sie dagegen nahezu unbekannt: „Ich und meine Mutter“, seit seinem Erscheinen 1987 ein moderner Klassiker der amerikanischen Frauenbewegung, ist ihr erstes Werk, das in deutscher Sprache (übersetzt von pociao) herausgegeben wird.

Bodenständig und intellektuell

Zeit dafür wurde es: Nicht nur, weil Vivian Gornicks brillanter Stil bodenständig und intellektuell zugleich ist, nicht nur, weil ihr Roman ein intelligentes Lesevergnügen bietet, sondern auch deshalb, weil er Aspekte anspricht, die der kämpferische neue Feminismus (so er denn nicht nur reine Modeattitüde ist) bisweilen vernachlässigt. Denn maßgeblich prägend für Frauen ist eine zentrale Figur – die eigene Mutter.

Gornick zeigt ihre schonungslos offen ihre verletzliche Seite, die „Mutterwunde“, wie dies von der amerikanischen Psychologin Susan Forward bezeichnet wird:

„Die Mutter ist das Rollenvorbild der Tochter, wohingegen die Söhne irgendwann die Mutter wegschubsen, weil sie nicht mehr Mamas Liebling sein wollen. Söhne wollen nicht verweiblicht werden, aber Mädchen werden ermutigt, es ihren Müttern gleichzutun. Die Verschmelzung mit der Mutter ist für eine Tochter etwas Besonderes, und sie muss sich keine Sorgen machen, dass sie deshalb als Memme angesehen wird. Eine alte Maxime lautet: Ein Sohn ist ein Sohn, bis er eine Frau findet, aber eine Tochter bleibt ihr Leben lang Tochter. Das sagt doch schon alles. Ich habe viele männliche Klienten, deren Mütter grässlich waren, aber sie litten mehr unter schlechten Vätern. Söhne und Väter werden oft zu Rivalen. Für Töchter ist die Rivalität mit der Mutter ein doppeltes Dilemma, weil ihnen die Gesellschaft spiegelt, dass sie ihre Mutter als Rollenvorbild nachahmen sollen.“

(Quelle: Interview Süddeutsche Zeitung Magazin)

Ein Haus der Frauen

Vivian Gornick erzählt von ihrer Kindheit in einer jüdisch geprägten Ecke der Bronx, bildhaft, malerisch, lebendig: Das Mietshaus ist ein Haus der Frauen, die sich gegenseitig helfen, belauern, beneiden, bewundern, über einander tratschen und in einem Kreis von Sympathie und Antipathie miteinander verbunden sind. Ihre eigene Mutter, schlagfertig, tatkräftig und selbstbewusst, zimmert sich ihre eigene Fama – die im Kern verborgene Lebensenttäuschung darüber, dass sie als Mutter zweier Kinder und liebende Gattin ihre eigene Berufstätigkeit aufgab, mündet sie in den Satz um: »Wäre da nicht die Liebe eures Vaters gewesen«. Als dieser jedoch viel zu früh stirbt und die Frau mit zwei Teenagerkindern zurücklässt, fällt sie in eine langandauernde Depression. Dass ihre Tochter einen anderen Weg wählt – den einer beruflich erfolgreichen Frau, unabhängig, unverheiratet – wird zwischen den beiden Frauen zum andauernden Konfliktpotential.

„Tatsache aber war, dass für sie die Trauer um eine verlorene Liebe das höchste Niveau des Lebens war, das sie erreicht hatte. Wir alle gaben unseren Wünschen nach. Nettie wollte verführen, Mama wollte leiden, ich wollte lesen. Keine von uns wusste, wie sie es schaffen sollte, erfolgreich das ideale, normale Leben einer Frau zu führen. Und tatsächlich hat auch keine von uns es je geschafft.“

Auf die Frage, was denn das ist, das „normale Leben einer Frau“, finden Mutter und Tochter auch nach Jahrzehnten keine Antwort. Doch sie ringen darum, beinahe täglich auf ihren langen Spaziergängen durch New York. Und so ist „Ich und meine Mutter“ nicht nur ein lesenswerter Roman über Frauenbilder und Rollenverständnisse, nicht nur ein Buch der Frauen also, sondern auch ein Buch der Megacity, deren lebendiges Straßenleben so greifbar gut beschrieben wird wie beispielsweise in den Essays der „langatmigen Lady“.

Bibliographische Angaben:

Vivian Gornick
„Ich und meine Mutter“
Penguin Verlag, 2019
Aus dem Englischen von pociao
20,00 Euro, gebunden mit Schutzumschlag, 224 Seiten
ISBN 978-3-328-60030-5


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MIRABILIS VERLAG: Florian L. Arnold – Pirina

„Später erinnert er sich nicht mehr daran, wie alles an diesem Morgen aussah, wie bald seine Kindheit versinken sollte in den Scherben des Kommenden, doch an die Hand der Mutter, diese herbe, harte, warme Hand, die sich noch einmal in seinen Nacken legte, als wolle sie ihm einen kleinen Trost spenden, an diese Hand erinnerte er sich immer, selbst dann noch, als dieser Tag schon zurückgesunken ist in die ferne und fremde, entfärbte und zauberische Welt, die man Kindheit nennt, wenn ihre Geborgenheiten und Gefährdungen verschwunden sind hinter den Wüsten, die ein langes Leben schafft.“

Florian L. Arnold, „Pirina“, Mirabilis Verlag, 2019

Wir sehen sie jeden Tag in unseren Städten und Dörfern: Junge Männer meist, die ziellos durch die Straßen treiben, auf der Suche nach sich selbst, auf der Suche nach Verlorenem, auf der Suche nach einer Zukunft. „UmA`s“ nennt man sie im nackten Behördendeutsch, „Unbegleitete minderjährige Ausländer“, junge Leute, kaum der Kindheit entwachsen, ohne Familie, ohne eine Hand, die hält, in ein fremdes Land gespült. In seinem neuesten Roman vermag der Schriftsteller und Zeichner einem dieser Suchenden eine ganz besondere Stimme zu geben.

„Pirina“ erschien wenige Tage vor der Leipziger Buchmesse und lag dort, praktisch druckfrisch am Stand des kleinen, aber feinen „Mirabilis Verlag“, dem Hausverlag des Ulmer Autors, bereit – vielleicht ist der Roman heute noch nicht in vielen Buchhandlungen zu bekommen, dennoch aber ist er meine große Empfehlung zum diesjährigen Indiebookday.

Florian L. Arnold erzählt – übrigens wie in seinem Vorgängerroman „Die Ferne“ – von Menschen, die in die Welt geworfen werden, von einer Odyssee durch namenslose Länder und Städte. Vom Suchen und Ankommen: Erst als der junge Mann neben einer Unbekannten eine Wohnstatt findet, erst als eine Annäherung zwischen diesen beiden jungen Menschen stattfindet, erst dann wagt er es, seinen Namen auszusprechen, die Bedeutung seines Nachnamens zu erklären: SCHWARZES LAND UNTER WEISSER WOLKE.

Geschichte einer Liebe auf Zeit

Er und Pirina, so heißt die Nachbarin, tauschen ihre Geschichten aus, erzählen einander vom frühen Verlust und der allzu frühen Begegnung mit Gewalt und Grausamkeit.

„Er war ohne Namen und ohne Sprache in dieses Land gekommen. Wenn er Familien zusammen sah, wenn die Eltern ihren Kindern über die Köpfe strichen, trösteten oder tadelten, sah er sich, sah sich in diesen Eltern, er sah sich in den Kindern. Er schlüpfte hinein in Fremdes und Niegewesenes, träumte sich durch die Tage. Was er vermisste, konnte er nicht sagen. Manchmal glaubte er, den Gedanken an alles Verlorene nicht ertragen zu können, erfühlte sich krank und schwach, wenn er an die eigene Familie dachte.“

Wie die beiden Menschen sich annähern, sich für eine abgemessene Zeit Trost und Halt zu geben vermögen, wie in diese Liebesgeschichte aber auch schon ein Ende eingeschrieben ist, das beschreibt Florian L. Arnold ein einer wundersamen poetischen Sprache, die Orte und Zeit der Handlung in etwas Mystisches einwebt. So aktuell das Thema ist, so zeitlos, ja beinahe auch überzeitlich wird es geschildert: Die Länder haben keine Namen, die Namen der Menschen dagegen wirken archaisch, geheimnisvoll, Figuren, wie aus fernen Vergangenheiten kommend. Aber auch das ist stimmig: Den Krieg, Gewalt, Flucht sind überzeitliche Themen, prägen die Welt, seit es Menschen gibt.

Doch nicht nur in die ganz individuelle, eigentümliche Sprache des Autoren kann man sich beim Lesen förmlich einspinnen – bereichert wird das Buch durch die Bilderwelt Arnolds, Illustrationen, die die Magie der Sprache wiedergeben und spiegeln.

Meine große Empfehlung zum #indiebookday: „Pirina“!

Bibliographische Angaben:

Florian L. Arnold
Pirina
Mirabilis Verlag 2019
18, 00 Euro, 192 Seiten, Klappenbroschur, mit zahlreichen Illustrationen
ISBN 978-3-947857-00-5


Mehr Informationen:

https://www.indiebookday.de/
https://mirabilis-verlag.de/

Homepage des Autoren:
http://www.florianarnold.de/

Stimmen zum Buch:

„Es ist eine empfehlenswerte Lektüre für Menschen, die nicht nur bereit sind, sich auf ernste Themen einzulassen, sondern auch anspruchsvolle Literatur erwarten und Wert auf eine sorgfältig polierte Sprache legen.“ – Dieter Wunderlich

„Dem Autor gelingt es, diese Erzählung völlig undramatisch zu schildern, oft in Andeutungen, und in wunderbar poetischen Worten wie jenen, dass Tage zerbrechliche Brücken sein können zwischen den bedrohlichen Strömen des Schlafes.“ – Augsburger Allgemeine

„Arnolds Roman, kunstvoll gefügt, ratlos machend und manchmal auch verstörend, berichtet von einer Spurensuche ganz eigener Art. Zu anderen Zeiten wäre diese Liebesgeschichte bleischwer als Fügung des Schicksals bezeichnet worden, mit zugehöriger Wucht dargeboten, mit melodramatischer Musik unterlegt. Doch Arnold inszeniert nicht, sondern er zeichnet – und fügt tatsächlich auch Zeichnungen ein, die für sich betrachtet kleine Kunststücke sind, sehenswerte, nachdenklich stimmende Beigaben, einige düster und dunkel, andere opak und undurchsichtig.“ – Thorsten Paprotny bei literaturkritik.de

„Florian L. Arnold hat mit Pirina ein Buch geschrieben, welches sich in die Magengegend gräbt. Vor allem, da es eher die leisen, poetischen Töne anschlägt, um das Unvorstellbare zu beschreiben, verlangen die Szenen einem beim Lesen noch viel mehr ab.“ – We Read Indie

„Fast wirkt „Pirina“ wie ein 192-seitiges Gedicht. Mal mehr, mal weniger rhythmisch. Doch immer ästhetisch.“ – Simone Derichsweiler

Im Rahmen meiner Pressearbeit für den Mirabilis Verlag.

Kristiane Kondrat: Abstufung dreier Nuancen von Grau

„Dieses Niemandsland war für mich ein sich stets verlängernder Zwischenzustand, ein Zustand wie das allmähliche Erwachen aus einem Albtraum. Ich wusste nie, ob ich noch im Traum war oder bereits herausgetreten und im Begriff, in einen anderen einzusteigen, ob der Albtraum das Reale war oder der Zustand des Austretens, ob das, was wir Realität nennen, nicht vielleicht aus einem immerwährenden Austreten aus Träumen und Wiedereintreten in Albträume bestand, aus einem ständigen Übergang. Ich konnte es nicht beurteilen, ob ich, wenn ich mich aus einem Albtraum herauswand, nicht vielleicht schon in die Irrealität eingetreten war. Auch ich wusste oft nicht, wo ich mich gerade befand, denn auch die Stadt änderte von Stunde zu Stunde ihr Gesicht.“

Kristiane Kondrat, „Abstufung dreier Nuancen von Grau“.

Albtraumhaft ist auch der Unterton dieses Romanes. Eine namenlose Ich-Erzählerin erwacht in einem Krankenhaus, umgeben von Weiß, eingepackt in den Wunsch nach „Weißsein“. Sie erinnert sich an eine Vergangenheit in einem anderen Land, der alten Heimat, an einen Krankenhausaufenthalt unter anderen Umständen. Schritt für Schritt lernt sie wieder gehen, irrt schließlich an Krücken durch eine nicht benannte Stadt.

Surreale Szenen, Schlangen, die aus Stoffmustern kriechen, Geisterzüge, einsame Bahnhöfe, ein Feuerball über einem Dorf. Es verwischen sich die Perspektiven, Orte und Zeiten, manches Mal ist man im Ungewissen, ob man sich nun mit der Erzählerin in der neuen oder in der alten, oder in einer „neuen alten Heimat“ befindet. Hier wie dort eine kafkaesk anmutende Bürokratie, anders wohl in der neuen Heimat, auf andere Art bedrohlich – aber jedes Mal Abstufungen und Nuancen von Grau.

Ein sperriger Roman

Das Herumirren der Protagonistin durch die Stätten ihres Lebens, der Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, der manches Mal unvermittelt eintritt, er macht das Lesen dieses sperrigen, nicht leicht zugänglichen Romans zu einer Übung in Konzentration. Es ist weniger die fehlende stringente Handlung oder der zuweilen etwas spröde Sprachstil, der einem am Lesen hält, sondern die rätselhafte, unterschwellig bedrohliche Atmosphäre, die sich nach und nach entwickelt.

Es ist klar: Hier schreibt eine Autorin, die die Erfahrung, wie es ist, in einer Diktatur zu leben, ganz tief in sich trägt. Die weiß, was es heißt, ständig beobachtet, bespitzelt, ausgehorcht zu werden, die weiß, wie schwierig es ist, in den Zeiten der Finsternis selbst den engsten Mitmenschen zu vertrauen.

„Ich habe nie erfahren, was sie von uns wissen wollten. Sie befragten uns immer wieder, und es boten sich viele Gelegenheiten dazu. Sie wollten etwas erfahren, das es gar nicht gab, und waren sehr beharrlich. Sie, das waren jene dort, die ich nie beim Namen genannt hatte. Ich war mit dem Wissen aufgewachsen, dass es sie gibt, dass man aber ihren Namen nicht aussprechen dürfe, das bringe Unglück. Sie waren unberechenbar, nicht erfassbar, mit Logik war ihre Existenz, ihr Tun und die Art und Weise, wie sie es taten, nicht erklärbar, keine Logik der Welt konnte sie verständlich machen.“

„Sie“, soviel wird klar, das sind die Männer der Securitate während des Ceauşescu-Regimes in Rumänien. Kristiane Kondrat wurde 1938 als Aloisia Bohn im Banat geboren. Nach einem Studium der Germanistik und Rumänistik konnte sie dort zwar als Deutschlehrerin und Redakteurin der „Neuen Banater Zeitung“ arbeiten, doch die deutschsprachige Minderheit geriet unter dem Regime zunehmend unter Druck.

Der Diktatur entkommen

Zwar konnte Kristiane Kondrat noch in Rumänien einen Lyrik-Band beobachten, doch an eine Veröffentlichung von Texten wie jenen, die zur Grundlage für den hier besprochenen Roman wurden, war nicht zu denken. Die Literaturwissenschaftlerin Christina Rossi (die übrigens eine Dissertation über Herta Müller schrieb, an die man beim Lesen dieses Buches zwangsläufig denken muss), schildert in ihrem Nachwort, wie die von der Autorin als „Schubladentexte“ bezeichneten Blätter zunächst versteckt, dann Mitte der 1970er-Jahre in den Innensaum eines Wintermantels eingenäht, über die rumänische Grenze nach Deutschland geschmuggelt und schließlich zum Roman wurden.

Später arbeitete die Autorin immer wieder an der „Abstufung dreier Nuancen von Grau“: Das an manchen Stellen fast schon fragmentarisch anmutende Erzählen fügt sich mit einer Biographie, der von der Staatsgewalt immer wieder Brüche zugefügt werden, zusammen.

Der Roman erschien dann erstmals in einem bundesdeutschen Verlag 1997 und wurde nun bei „danube books“ wieder aufgelegt. Der Ulmer Verlag hat sich auf Bücher aus den Ländern an der Donau entlang spezialisiert: Grenzenlose Literatur entlang eines Flusses. „Mit unseren Büchern wollen wir nationale Grenzen überwinden und die kulturelle Vielfalt der Donauregion fördern“, heißt es auf der Homepage.

Informationen zum Buch:

Kristiane Kondrat
Abstufung dreier Nuancen von Grau
danube books Verlag
160 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
16,50 Euro
ISBN  978-3-946046-14-1


Bild zum Download: Lichtkuppel grau mit etwas Blau


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Inger-Maria Mahlke: Archipel

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Bild von Mister I auf Pixabay

„Hellgrau leuchten die Wolldecken im von der Mauer zurückgeworfenen Mondlicht, sonst haben sie die gleiche stumpfe Farbe wie Kittel, Schürzen und Nachthemden. Die neue Farbenlehre. Soldaten sind khaki, verwaschen blau die Falange, die Polizisten grau, Guardia Civil graugrün, die Armen staubfarben, die Pfarrer schwarz, Seminaristen chorhemdweiß, violett ist der Bischof. Rot ist niemand mehr.“ (1944).

Inger-Maria Mahlke, „Archipel“.

Die neue politische Farbenlehre Spaniens, eingeführt nach dem Ende des Spanischen Bürgerkriegs und dem Putsch gegen die Republik, beginnend mit dem Aufstieg der Faschisten. Sie wird noch Generationen überdauern, das Land und seine Menschen über Jahrzehnte prägen. Kunstvoll verknüpft Inger-Maria Mahlke die Schicksale mehrerer Familien auf der Insel Teneriffa in ihrem Roman „Archipel“, mit dem sie 2018 den Deutschen Buchpreis erhielt. Nicht zu Unrecht, ist dieses Buch doch sowohl erzählerisch als auch formal als gelungen zu betrachten.

Der Roman setzt ein 2015: Felipe Bernadotte González, Sprössling einer der über das Wasser und die Insel herrschenden Familie, in ewiger Opposition zu den kolonialistisch tätigen Vorfahren lebend, verbringt seine Tage süffelnd in einem Club, Ehefrau Ana ist in einen Politik- und Korruptionsskandal verwickelt und Tochter Rosa, so heißt es lapidar im Personenregister, „macht irgendetwas mit Kunst.“ Anas Vater Julio Baute, einst von den Faschisten verfolgt, hütet als betagter, aber rüstiger Portier die weniger rüstigen Alten im Heim, Eulalia, die Haushaltshilfe der Familie González, hat angesichts der Wirtschaftskrise noch ganz andere Sorgen.

„Ein Freistaat, so hat Sidney sich die Zukunft der Insel immer vorgestellt, wenn schon keine britische Kolonie, dann ein Freistaat. Keine Zölle, keine Steuern. Um die Straßen von den Packstationen zu den Verladekais, um die Erweiterung des Hafens würden sich die Firmen kümmern, in ihrem eigenen Interesse. Die tägliche Portion Gofio wäre den Einheimischen sicher.“ (1919).

Von diesem Ausgangspunkt in der Gegenwart aus erzählt Inger-Maria Mahlke rückwärts, hinein bis in das Jahr 1919, als die Insel wirtschaftlich fest in der Hand der Briten und Amerikaner war. Die feudale Gesellschaftsordnung begünstigt den Aufstieg einzelner Familien, die auch die Zeit der wirtschaftlichen Isolation während der Franco-Diktatur unbeschadet überstehen. Statt Land- und Wasserrechten und dem Export von Bananen und Tomaten bringt die Demokratie und die Öffnung des Landes neue wirtschaftliche Möglichkeiten: Tourismus ist die neue Währung.

Doch, so zeigt es Inger-Maria Mahlke in ihrem Experiment eines Familienromans, von der Entwicklung profitiert keiner: Die González, die für die „upper class“ stehen, wirken degeneriert, auch ob Rosa eine Hoffnungsträgerin wird in ihrer „irgendwas-mit-Kunst-Opposition“ ist ungewiss. Die Mittelschicht muss durch alle Jahrzehnte hinweg um ihren Platz bangen, ist den Wogen der Politik ausgeliefert wie ein Boot auf dem Ozean. Und die unteren Zehntausenden, repräsentiert durch Eulalia, ihre Mutter Merche und deren unbenannte, nur als „Katze“ bezeichnete Mutter, bleiben dort, wo eine auf Kapitalismus und durch den Katholizismus geprägte Gesellschaft sie vorgesehen hat: Unten.

In „Der Tagesspiegel“ wurde der Roman von Carsten Otte hervorgehoben:

„Der Roman heißt nicht nur „Archipel“, er ist auch in ästhetischer Hinsicht eine Art Inselgruppe mit sehr unterschiedlichen Eilanden, die unterirdisch miteinander verbunden sind und von Mahlke sowohl in literarischer Lupenansicht als auch aus einer Art Helikopter-Perspektive untersucht werden. Als wäre dies nicht allein eine literarische Herausforderung, bietet der Roman formal und inhaltlich ein alles überwölbendes Hauptthema, und das besteht im beeindruckenden Versuch, Geschichte und Lebensgeschichten gegen die bedingungslose Macht der Zeit zu erzählen.“

Hinzuzufügen ist, dass das Buch, auch wenn die Vielzahl an Personen und die Technik des Rückwärts-Erzählens kein Easy-Reading ermöglichen, durch seine bildkräftige Sprache und den beinahe lakonischen Stil der Autorin (die in Lübeck und Teneriffa aufgewachsen ist) überzeugen. Alles in allem: Excelente!


Informationen zum Buch:

Inger-Maria Mahlke
Archipel
Rowohlt Verlag 2018
20,00 Euro
436 Seiten, gebunden, Lesebändchen


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Ulrike Anna Bleier: Bushaltestelle

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Bild von Stefan K auf Pixabay

„Du hast dir dein erstes Kind ausgedacht, bevor es geboren wurde, und das ist der Grund, warum es überhaupt geboren wurde. Noch bevor das Kind, das zu Elke wurde, auf der Welt war, hat es in deiner Vorstellung existiert. Doch als es auf der Welt war, hat es aufgehört zu existieren, auch in deiner Vorstellung.
Doch seit du schrumpfst und immer mehr geschrumpft bist, habt ihr die Rollen getauscht, Elke und du, vielleicht hält dich ihre Idee von dir sogar am Leben, wer weiß das schon. Vielleicht gäbe es dich nicht mehr, vielleicht gäbe es gar keine Menschen, wenn es niemanden gäbe, der sie sich vorstellt. Es ist immer ein Mensch da, der nicht anders kann.“

Ulrike Anna Bleier, „Bushaltestelle“.

Er ist in uns alle eingeschrieben, dieser Codex und dieses Urgefühl: Du sollst deine Kinder lieben. Selbst wenn man keine eigenen Kinder hat: Die Tatsache, dass andere ihr eigen Fleisch und Blut misshandeln, missbrauchen, missachten, sie erschüttert uns bis ins Mark.

Dabei, man weiß es, gibt es das nur allzu häufig: Eltern, die ihre Kinder ablehnen und von sich wegstoßen. Die Ursachen mögen individuell sein, doch das Phänomen ist weit verbreitet – und wird aus einem instinktiven kollektiven Schamgefühl ausgeklammert. Jede dieser Geschichten: Nur ein tragischer Einzelfall.

Doch was geht in einer Mutter vor, die ihr Kind nicht mag? Und wie ist es, wenn man bereits in ganz jungen Jahren das Gefühl hat, nicht-existent zu sein, unsichtbar, klein und zweitrangig? Ulrike Anna Bleier, die 2017 mit ihrem Debütroman „Schwimmerbecken“ auf der Hotlist der zehn besten Bücher der unabhängigen Verlage stand, führt uns nun an eine „Bushaltestelle“: Das Warten auf den Bus an der Hand einer Nachbarin, die Fähigkeit, dort plötzlich aus dem eigenen Körper und dem Leben zu treten, das ist es, woran sich die Protagonstin Elke aus ihrer Kindheit erinnert:

„Und plötzlich fand sie sich da wieder, wo sie hinstarrte, und das war die andere Seite der Busfensterscheibe, erst noch in der Luft und dann an einer Ecke, wo sie stehengeblieben war, und dem Bus, in dem ihr eigener Körper saß, hinterherblickte. Dort, an dieser Straßenecke, stand sie eine Zeit lang und schaute und schaute und keiner hinderte sie und beachtete sie. Nur die Augen beobachteten den Körper, der vor Schreck ohnmächtig wurde, denn sie war es nicht gewohnt, sich selbst auf der anderen Seite zu sehen. Sie war es ja schon nicht gewohnt, überhaupt gesehen zu werden.“

Tatsächlich verschwindet Elke „eines Tages ganz von der Bildfläche“, bricht den Kontakt zu ihrer Familie – der scheinbar gefühlskalten Mutter Theresa, Vater Sepp, der zu einer Nebenrolle verdammt ist und dem vergötterten nachgeborenen Bruder Markus – vollständig ab. In Zeitsprüngen, wechselnd aus Sicht von Mutter und Tochter, aber immer aus der Du-Perspektive, was erhöhte Aufmerksamkeit beim Lesen verlangt, weil manches Mal die Stimmen von Mutter und Tochter sich innerhalb eines Kapitels abwechseln, wird die Geschichte der beiden Frauen rekonstruiert: Wie Theresa zu der einsamen alten Frau wurde, die sie ist, ein Kind des Krieges, gefangen in der verbotenen Liebe zu ihrem Bruder und in der Ehe mit einem ungeliebten Mann. Nach und nach entwirren sich die Fäden einer komplizierten Familiengeschichte und deutlich wird, dass das Unglück, das der Zweite Weltkrieg über diese Menschen brachte, bis hinein in die Gegenwart wirkt.

Und über Grenzen geht – Elke verschwindet hinter dem „Eisernen Vorhang“, sucht Unterschlupf bei einer Familienangehörigen in der Tschechoslowakei, bei Magdalena, die das Massaker der Nationalsozialisten in einem tschechischen Dorf mit- und die Rache der Partisanen überlebte.

„Selbst Tante Madla war überrascht gewesen, dass es eine Elke gab, wenn sie auch gleichzeitig nicht überrascht war, weil sie das ja kannte, dass es manche Menschen weniger gibt als andere.“

Als Elke wieder Kontakt zu ihrer Ursprungsfamilie bekommt, ist der Eiserne Vorhang längst gefallen, wurden aus der Tschechoslowakei neue Länder – doch die Wunden des Krieges leben fort. „Der Text macht sichtbar, wie sehr die Geschichte unserer Familie in uns eingeschrieben ist“, heißt es im Klappentext. Es ist ein Buch, das einen eigentümlich traurig zurücklässt: Denn auch die erwachsene Elke bleibt irgendwie unsichtbar, wirkt zurückgenommen, zurückhaltend in ihrer ersten Wiederbegegnung mit ihrem Bruder Markus und dessen französischer Frau. Nur langsam taut sie auf, entwickelt kleine Gefühle für die Schwägerin, für Nichte und Neffe bei einem gemeinsamen Kurzurlaub in Tschechien. Ein Zwischenfall – eines der Kinder verschwindet für einige Tage – stellt die gesamte Familienkonstellation jedoch wieder auf den Kopf: Markus und Anhang siedeln nach Frankreich um, Elke fällt die hilfsbedürftige Mutter wie ein spätes Erbe wieder zu. Ob die beiden Frauen sich tatsächlich wieder annähern, ob die Ältere die Jüngere nun endlich sieht, bleibt ungewiss:

„Elke hat dir erzählt, sie habe ein Kind im Bus gesehen, das habe geschlafen, mit offenen Augen habe es geschlafen, und du hast Elke überrascht angeschaut, als habest du gar nicht gewusst, dass Kinder Augen haben. Wenn du aufwachst, wird eine Tasse warmer Milch an deinem Bett stehen.“

Es ist ein leises, melancholisches Buch, dessen Sprache einen durch die raffiniert verknüpften Erzählstränge trägt. Der Ton von Ulrike Anna Bleiers Sprache nimmt einen gefangen, zieht einen förmlich in dieses Netz aus familiären Verstrickungen und emotionalen Verirrungen hinein. Ein Roman, der einen auffordert, „dabei zu bleiben“ und der einen anhält, weiterzudenken: Wie tief sitzen auch in uns die Katastrophen, die die Generationen unserer Familie vor uns erlebten?


Informationen zum Buch:
Ulrike Anna Bleier
Bushaltestelle
lichtung verlag
Broschurausgabe, 224 Seiten, 17,90 Euro
ISBN 978-3-941306-76-9


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Dörte Hansen: Mittagsstunde

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Bild von Frauke Feind auf Pixabay

„Der große Büffelschädel, der neuerdings an einer Wand des Brinkebüller Tanzsaals hing, gab Gasthof Feddersen ästhetisch endgültig den Rest. Am rechten Horn des Schädels hing ein Spinnennetz, und Ingwer war schon drauf und dran, das Staubtuch und die Trittleiter zu holen, um es wegzumachen. Putzperle Feddersen! Er pfiff sich gerade noch zurück. Ein Staubtuch hätte sowieso nichts mehr genützt, es konnte nicht mehr schlimmer werden. Die Hässlichkeit des Raumes hatte ihre maximale Sättigung erreicht, es kaum auf ein paar Spinnennetze nicht mehr an.“

Dörte Hansen, „Mittagsstunde“.

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich, wie viele andere auch, „Altes Land“, das Debüt von Dörte Hansen, mit Begeisterung gelesen. Es brauchte allerdings keine maximale Anstrengung dafür, es war neu, frisch, unaufgeregt geschrieben und für eine Bayerin mit wenig Kenntnis des hohen Nordens beinahe schon exotisch. Hängen geblieben ist allerdings nicht viel. Es ging irgendwie um Norddeutschland, ums Dorf, die Invasion der Städter, die Verstrickungen und Verirrungen der Dorfleute um- und miteinander. Und nun „Mittagsstunde“: Nach der maximalen Unterhaltung durch die knorrigen Typen im alten Land ein neuer nördlicher Ausflug, geprägt allerdings von minimaler Anstrengung. Wieder was mit Norden, Dorf, Städtern, Verstrickungen. Beim Lesen jedoch mein Ankämpfen gegen minimale Müdigkeit. Und einen minimalen Ärger.

Als ärgerlich empfinde ich es, dass in nicht wenigen Rezensionen zu diesem Buch herausgehoben wird, es vermeide Klischees. Für mich wurde jedoch dieses ganze fiktive Brinkebüll beim Lesen zu einem einzigen Klischee: Angefangen vom stets alkoholisierten Junggesellen, Dauergast im Gasthof Feddersen, über den stocksteifen Lehrer bis hin zu all den ganzen anderen entweder knorrigen oder aber „halfbackenen“ Typen, die dieses Buch bevölkern. Das Dorf, Keimzelle des Originellen, Absonderlichen. Und dabei alle „genügsam wie ein Torfmoos“. Ich warte nun auf ein Pendant aus dem Bayerischen, aus Adelschlag etwa oder Etzelwang, das könnte „Abendmesse“ lauten und wäre bevölkert mit irgendwie grantigen, derben, vor allem aber knorrigen Typen.

Ja, ich weiß: Normalität, das Alltägliche, der Allerweltsmensch, das eignet sich für das romanhafte Erzählen für die meisten Schriftsteller nicht. Und obgleich das Buch eine eigentlich ganz alltägliche Geschichte – ein nicht mehr ganz junger Mann kehrt inmitten einer Selbstfindungskrise in das Dorf seiner Kindheit zurück – erzählt, und obwohl Dörte Hansen dies irgendwie „norddeutsch“-unaufgeregt erzählt, wie dieser nicht mehr ganz junge Mann seine gebrechlichen Großeltern pflegt und dabei die Familiengeschichte aufgeblättert wird, ja obgleich, obwohl – das Ganze ist mir etwas zu angestrengt „aufgepeppt“ durch knorrige Typen und bleibt denn doch irgendwie im Vagen, Ungefähren. So unentschlossen wie sein Protagonist Ingwer (das bleibt vom Buch beim Kochen nun zumindest hängen, dass einer so heißen kann), so offen wie sein Ende.

Bleiben die Charaktere (vielleicht einfach auch zu viel davon) irgendwie diffus, manche zwar, wie Lehrer Steensen etwas tiefer auserzählt, etliche jedoch einfach zu sehr „Typ“ mit Nebenauftritt, so mangelt es mir an der Geschichte an sich auch an Tiefe. Es wirkt so unfertig und ein wenig dröge wie sein Held Ingwer.

Es ist die Sprache von Dörte Hansen, die über manches hinwegträgt. Aber auch da findet sich in diesem Roman ein wenig zu viel des Guten: Es scheint mir fast, als wäre die Autorin in einen Beschreibungsrausch gefallen. Das alte Dorf ist niemals nur eng, sondern es gibt das  „ganze Enge, Schiefe und Beschränkte“, es ist nicht am Verschwinden, sondern es wird „ausradiert, berichtigt und begradigt“, man sitzt in „Kellern, Gruften oder Höhlen“, man plaudert, schludert, tratscht, man fühlt ein Brennen, Schuld und Scham, es geht zu wie Kraut und Rüben, großes Kuddelmuddel. Heilige Dreiwortigkeit. Es erschien mir fast, als habe die Autorin ihrer eigenen Sprachkraft nicht mehr über den Weg getraut. Dabei kann sie Bilder zeichnen von großer Einprägsamkeit, in Sätzen, die auf die Aufzählungsversicherung verzichten können:

„An den Koppelrändern standen Kühe mit gesenkten Köpfen wie Melancholiker an Bahnsteigkanten, sie suchten unter den Büschen Schutz und starrten kauend auf die durchgeweichten Felder, die Hufe tief im nassen Grund. Sie stellten sich beim Melken an, als würden sie belästigt.“

Informationen zum Buch:
Dörte Hansen
Mittagsstunde
Penguin Verlag, 2018
Hardcover mit Schutzumschlag, 320 Seiten
22,00 Euro
ISBN: 978-3-328-60003-9

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Francesca Melandri: Alle, außer mir

EIN GASTBEITRAG VON VERONIKA ECKL

Der Esquilin ist einer der sieben Hügel Roms und heute der bunteste. Chinesen, Pakistani, Bangladesher, Marokkaner, Rumänen sind in die einst gutbürgerlichen Palazzi unweit des Hauptbahnhofs Stazione Termini eingezogen, die der noch junge italienische Staat nach seiner Gründung Ende des 19. Jahrhunderts für seine Beamten errichten ließ. Im Straßenbild sichtbar sind seit einiger Zeit aber vor allem viele Flüchtlinge aus Afrika, die tagsüber auf der Straße schlafen, weil es nachts zu gefährlich ist.

Ilaria, die mittelalte Protagonistin von Francesca Melandris Roman Sangue Giusto (Alle, außer mir), im vergangenen Jahr nominiert für den italienischen Literaturpreis Premio Strega, wohnt hier, seit ihr der vermögende Vater eine Wohnung gekauft hat. Das ist ein Glück für sie, die linksliberale, schlecht bezahlte, aber überzeugte Lehrerin, die gerne im Multikulti-Viertel lebt, die Gerüche aus der Küche der Pakistanis achselzuckend akzeptiert und die dennoch der Meinung ist, es sei auch eine Form von Rassismus, Immigration einfach nur toll zu finden. Eines Tages sitzt auf dem Treppenabsatz vor Ilarias Wohnung ein junger Äthiopier, der fließend Italienisch spricht, sich als ihr Neffe vorstellt und einen Pass mit dem Namen Shimeta Ietmgeta Attilaprofeti vorzeigt, der auf den Namen ihres Vaters verweist: Attilio Profeti. Der ist inzwischen 95 Jahre alt und lebt dement in der Obhut seiner zweiten Ehefrau, kann also nicht mehr zu dieser unerhörten Begebenheit befragt werden. Ilairia schwant Böses, musste sie doch bereits als Sechzehnjährige entdecken, dass ihr Vater noch eine andere Familie hat als ihre und sie und ihre beiden Brüder einen Halbbruder, den der charmante Profeti mit seiner Sekretärin zeugte. Nun also eine dritte Familie?

Die Mittvierzigerin öffnet dem jungen Schwarzen, der in Afrika wie sie selbst als Lehrer arbeitete, einem Foltergefängnis entkam und die Flucht übers Mittelmeer antrat, ihre Wohnungstür und beginnt zu recherchieren. So wie es auch Francesca Melandri tat, die zehn Jahre lang in Archiven und vor Ort in Äthiopien die Kolonialgeschichte Italiens erforschte.

Ilaria entdeckt schnell einen Attilio Profeti, von dem sie nichts wusste: Einen, der als junger Mann dabei war, als Mussolinis Truppen ab 1935 das damalige Abessinien mit einer Spur der Verwüstung überzogen, Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder töteten, um das afrikanische Land für Italien zu vereinnahmen. Einen, der als Assistent eines Rassenkundlers arbeitete, in den Dörfern Gipsabdrücke von den Einheimischen anfertigte und gleichzeitig mit einer Äthiopierin seine erste Familie gründete, von der später, daheim in Rom, niemand etwas ahnt. Nur gelegentlich bekommt er über einen alten Kriegskameraden, der in Adis Abeba geblieben ist und dort eine Autowerkstatt eröffnet hat, Botschaften von der Zurückgelassenen. Dabei ist die schöne Äthiopierin wohl die einzige Frau, für die Attilio in seinem Leben starke Gefühle hegte, stärkere zumindest als für die beiden italienischen Ehefrauen. Dass es in der Liebe nicht immer streng nach Theorie geht, weiß auch Ilaria, die seit vielen Jahren eine Affäre mit einem Abgeordneten der Berlusconi-Partei hat, dessen politische Überzeugungen sie vehement ablehnt – von dem sie aber trotzdem nicht lassen kann.

Nach und nach lernt der Leser die gesamte Familie Profeti kennen, und hier enthüllt sich auch das Erzähltalent der Autorin: Wenn sie etwa schildert, wie Attilios Vater, ein einfacher Bahnhofsvorsteher in der Emilia-Romagna, am letzten Tag vor seiner Pensionierung inmitten der Gleise stirbt, die sein Leben waren. Aber auch zahlreiche Nebenfiguren kommen zu Wort: Beeindruckend, wie Melandri in wenigen Seiten das Elend eines Polizisten entfaltet, der den Job hat, Abgeschobene im Flugzeug in ihre Heimat zurückzubegleiten und dabei selbst an seine physischen und psychischen Grenzen gelangt.

Andere Figuren des Romans bleiben blass, manche Passagen des Romans ziehen sich, auch wenn sie nur so von historischem Wissen strotzen. Freilich ist dieses Wissen auch ein Trumpf. Die Einblicke in die Vergangenheit fesseln jeden Italien-Interessierten, geht es hier doch um ein weitgehend unbekanntes Kapitel der Geschichte des Landes. Nicht viele wissen, wie brutal der General Rodolfo Graziani gegen die ostafrikanische Bevölkerung vorging, was für ein Faszinosum die schwarzen Frauen für die jungen italienischen Soldaten darstellten – eine Faszination, die gelegentlich in Liebe, oft aber nur in brutale Vergewaltigung mündete – oder dass heute noch viele Äthiopier Italienisch sprechen. Melandri schreibt über individuelle und kollektive Verdrängung, über eine Verdrängung, die jetzt in sich zusammenbricht, weil so viele Afrikaner, metaphorisch gesehen, wie Ilarias junger Verwandter auf dem europäischen Treppenabsatz sitzen. Da ist die kleine, elegant präsentierte Überraschung am Ende des Romans dann nur noch eine nebensächliche Volte, weil sowohl für die Familie Profeti als auch für den Leser längst feststeht, dass es kein „richtiges, gerechtes Blut“ (so die Übersetzung des Originaltitels sangue giusto) und auch kein falsches geben kann.

Veronika Eckl


Veronika Eckl studierte Romanistik und Germanistik. Es folgten journalistische Lehr- und Wanderjahre bei der »Süddeutschen Zeitung«, der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«, der »Katholischen Nachrichten-Agentur« und beim »Bayerischen Rundfunk«. Nach ihrer Redakteursausbildung ging sie nach Rom, wo sie längere Zeit als Journalistin arbeitete und das Latium für sich entdeckte. Heute arbeitet sie hauptberuflich als Lehrerin für Deutsch, Französisch und Italienisch.

Beim Picus Verlag erschien von ihr „Lesereise Latium“.


Informationen zum Buch:

Francesca Melandri
Alle, außer mir
Wagenbach Verlag
Aus dem Italienischen von Esther Hansen
Quartbuch. 2018
608 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
Buch 26,– € / E-Book 23,99 €
ISBN 978-3-8031-3296-3