Mark Twain: Post aus Hawaii

ship-2418436_1920

Bild von DawniGirl auf Pixabay

„Wenn man in Honolulu mit einem Fremden ins Gespräch kommt und den natürlichen Wunsch verspürt, herauszufinden, auf welchem Terrain man sich bewegt und welche Art von Mensch der andere ist, dann spricht man ihn am besten zunächst mit „Kapitän“ an. Man beobachte ihn genau, und wenn man an seinem Gesichtsausdruck erkennt, dass man auf der falschen Spur ist, frage man ihn, wo er predigt. Es ist so gut wie sicher, dass er entweder Missionar oder Kapitän auf einem Walfänger ist.“

 Mark Twain, „Post aus Hawaii“, 2010, mareverlag, Hamburg.

Als Mark Twain zu den Sandwich-Inseln reisen darf, ist er bei weitem noch kein etablierter Autor. 1866 wird Samuel Langhorne Clemens im Auftrag der Tageszeitung “Sacramento Daily Union” mit dem Dampfschiff auf Reportage entsandt. Der junge Reporter, geboren 1835 in Florida, soll vor allem über die Zuckerrohrindustrie auf den Sandwich-Inseln berichten.

Auch wenn der junge Journalist alles andere als die bestellten Auftragsarbeiten ablieferte – sowohl für ihn als auch für die Herausgeber des „Sacramento Daily“ wurde die Reise zum Glücksfall. Aus den geplanten vier Wochen wurden vier Monate, aus den journalistischen Berichten wurden lebendige Reportagen, kleine Erzählungen und vor allem Humoresken über das Inselleben. Und aus dem Zeitungsmann Samuel Langhorne Clemens wurde durch den Erfolg dieser Briefe und der anschließenden Vortragsreisen der berühmte „Mark Twain“.

Die Reiseberichte lesen sich auch heute noch so frisch, lebendig und widerborstig wie andere „Reisebücher“ aus der Feder dieses großen amerikanischen Schriftstellers, sei er mit den Arglosen im Ausland unterwegs oder auf einem „Bummel durch Europa“. Bis die Reportagen, die den Grundstein zu Mark Twains Erfolg bildeten, jedoch komplett in Buchform erschienen, sollte es dauern. Er selbst verwertete zu Lebzeiten nur Teile daraus in anderen Büchern. In deutscher Übersetzung durch Alexander Pechmann – der der Ausgabe auch ein lesenswertes Nachwort mit einer Fülle weiterer Informationen angefügt hat – wurden die vollständigen Briefe aus Hawaii erst 2010 veröffentlicht, 100 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers.

Die „Post aus Hawaii“ lässt schon die typischen Züge des späteren Schriftstellerstars erkennen: Die Briefe sind humorvoll bis bissig, ab und an gehen ihm die fiktiven Gäule durch (so erfindet er einen tolpatschigen Reisebegleiter, den armen Mr. Brown), sie zeugen zugleich aber auch von seinem journalistischen Spürsinn und seiner genauen Beobachtungsgabe. Was das Werk von späteren unterscheidet: Mark Twain schlägt deutlich patriotische Töne an, Hawaii wird vor allem aus dem Blickwinkel betrachtet, inwieweit die Insel und ihre Nachbarn nützlich für Amerika sein könnten.

Als Twain auf die Sandwich-Inseln kommt, waren diese bereits mehrfach wegen ihrer geographischen Lage und ihrer Naturschätze zum Objekt der Begierde geworden: James Cook gab der Inselkette zu Ehren von Lord Sandwich ihren Namen, dann annektierten die Russen, die Engländer und die Franzosen in abwechselnder Reihenfolge die Inseln, die seit 1810 durch die gewaltsame Eroberung von Kamehameha I. als Königreich geführt wurde. Die Monarchie überlebte den Besuch Twains nur wenige Jahre. Und auch die nachfolgende Republik war nur von kurzer Dauer: 1898 wurde Hawaii von den Amerikanern annektiert und ist seit 1959 der 50. Staat der Vereinigten Staaten.

Die großen Nachbarn hatten schon immer ein lebhaftes Interesse an den Inseln – und dieses sollte auch über die Zeitungsberichte Mark Twains beim Publikum geschürt werden. Immerhin ging es auch um handfeste wirtschaftliche Interessen. So schreibt Mark Twain im April 1866 an seine Leser:

„Der Walfang des nördlichen Pazifiks – der keineswegs unbedeutend ist – hat sein Zentrum in Honolulu. Ohne ihn würde die Stadt eingehen – ihre Geschäftsleute würden fortziehen, und die Grundstücke würden ihren Wert verlieren, zumindest jene, die zur Stadt gehören, obwohl Honolulu womöglich auch weiterhin als hervorragende Zuckerrohrplantage gedeihen würde, denn der Boden ist fruchtbar und braucht nur wenig Bewässerung.
Die Handelskammer von San Francisco wäre gut beraten, wenn sie sich bemühte, das Geschäft mit dem Walfang nach Kalifornien zu holen. Honolulu rüstet dieses Jahr die Mehrheit von sechsundneunzig Walfängern aus und erhält dafür eine ziemlich große Geldsumme.“

Wie Alexander Pechmann in seinem Nachwort ausführt, zeigt Twain in diesen Zeitungsartikeln durchaus eine imperialistische, patriotische Haltung, in dem er sich für eine wirtschaftliche Expansion der Vereinigten Staaten ausspricht – eine Haltung, die er in späteren Texten revidieren wird. Pechmann schreibt dazu:

„Twains politische Haltung ist nicht einfach zu definieren. Er hat anscheinend keine Probleme damit, in vielen seiner Erzählungen die Geldgier seiner Landsleute zu verhöhnen und gleichzeitig in seinen Zeitungsartikeln die Ausbeutung billiger Arbeitskräfte zu propagieren. (…) Er zeigt immer dann Sympathie für die Bemühungen des Königsreichs von Hawaii, den Status der Unabhängigkeit zu bewahren, wenn damit die Unabhängigkeit von den europäischen Mächten gemeint ist. Die Hawaiianer sind für ihn gewissermaßen bereits Amerikaner (…)“.

„America first“: Und doch kann man Herrn Twain für diese jungenhafte patriotische Haltung nicht allzu böse sein, bringt er einen doch überwiegend mit seiner Südsee-Post zum Schmunzeln und zum Lachen. Neugierig, respektlos, intelligent: So berichtete Mark Twain über das Leben und die Sitten auf den Inseln. Keiner ist vor ihm sicher: Er karikiert das Gehabe der Missionare, die naive bis morbide Wissbegier der Touristen, nimmt Eingewanderte und Einheimische aufs Korn und amüsiert sich insbesondere über die örtliche Politik:

„Dieses Parlament ist wie alle anderen Parlamente. Ein Holzkopf steht auf und macht irgendeinen vollkommen absurden Vorschlag, wonach er und ein halbes Dutzend anderer Holzköpfe die Sache eine Stunde lang mit geschwätziger Leidenschaft durchdebattieren, während die anderen Abgeordneten seelenruhig abwarten, bis ein vernünftiger Mann – ein einflussreicher Mann – eine große Nummer –  sich erhebt und die Torheit der Angelegenheit in fünf Sätzen darlegt.“

Mit bissigem Humor schaut Mark Twain auf den Inselstaat, seine Bewohner und ihre Sitten. Ganz ernst geht er jedoch auch auf die offenkundigen Schattenseiten im Inselparadies ein – die Folgen der Kolonialisierung, die Folgen der Ausbeutung der Ressourcen und Arbeitskräfte. Was ihn, als echten amerikanischen Patrioten, jedoch nicht daran hindert, für die Annexion Hawaiis durch die USA einzutreten.

Auch wenn man manches einfach in der Zeit verorten muss – Lesefreude bereitet der Hula auf Hawaii mit Mark Twain auch heute noch, zudem könnten die Briefe bei einem Inselbesuch auch ganz nützliche, unterhaltsame Reisebegleiter sein.

Das Buch ist auch als Taschenbuch erhältlich:
Post aus Hawaii, Dumont Verlag

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00

John Dos Passos: Orient-Express

P1030532

Bild: Michael Flötotto

„Nehmen Sie nur mich“, rief der Sajjid mit schriller Stimme. „Als Kind habe ich die Europäer für eine überlegene Rasse gehalten (…) Ich habe alle Länder gesehen, habe ihre Propaganda gehört. Ich habe gesehen, welche Schmiergelder sie bezahlen und mit welchen Methoden sie kämpfen, all die hochzivilisierten, vornehmen Völker Europas, und ich weiß, was ich weiß. (…) Erst haben wir die Briten gemocht, weil sie besser sind als die Russen, doch nun gibt es keinen Druck von Russland, und die Briten haben sich verändert. (…). Europa ist unser Lehrmeister, Europa gibt uns Waffen“.

John Dos Passos, Orient-Express, Nagel & Kimche Verlag, 2013

John Dos Passos war gerade mal 25 Jahre alt, als er eine Reise in die Länder des Nahen Ostens unternahm. Jung an Jahren, aber reich an Erfahrung: Einen Weltkrieg hatte er bereits miterlebt, zwei Romane verfasst, mit einem davon, „Three Soldiers“, schon eine gewisse Reputation erlangt. Von einem Schriftsteller wie diesem ist kein klassischer Reisebericht zu erwarten – dazu war John Dos Passos zu sehr auch politischer Denker und Sozialrevolutionär. Er verknüpft malerische Szenerien mit politischem und historischem Hintergrund, verbindet die Rolle des Journalisten, der die Geschehnisse mit dem distanzierten Blick des außenstehenden Beobachters aufzeichnet, mit der des Romanciers.

Der Romantitel ist leicht irreführend: Der Roman „Orient-Express“ nimmt eigentlich dort erst richtig Fahrt auf, wo der legendäre Luxuszug endete, in Istanbul. Noch die Bilder vom „Coney Island aller Coney Islands“, Venedig, auf der Netzhaut, landet der junge Autor 1921 in der Metropole. Von dort geht es weiter mit Schiff, Zug, zu Fuß und auf dem Kamel über Tiflis, Eriwan, Teheran, Bagdad bis zum Schlusspunkt Damaskus. Die Reise führt ihn in durch die Türkei, Georgien und Armenien, den Iran (Persien), Irak und Syrien.

John Dos Passos erlebt eine Region, ja einen halben Kontinent im Umbruch, am Siedepunkt: Die Kolonialmächte feilschen um die Vorherrschaft, die russischen Bolschewisten annektieren Landstriche und greifen eisern durch, die türkisch-griechischen Feindseligkeiten erreichen einen neuen traurigen Höhepunkt, der Genozid an den Armeniern, der von der Weltöffentlichkeit kaum wahrgenommen worden wäre, hätte es damals nicht schreibende Reisende wie John Dos Passos gegeben. Zwischen all diesen Polen ringen die Völker des Orients um ihre Autonomie – ihnen gibt der Amerikaner eine Stimme.

Der Orient als Randepisode?

Er wird zum Chronisten des Umbruchs, der Zeitenwende, der Massaker, des Flüchtlingselends, der Hungersnöte, aber auch der Schönheit des Orients. Dies hält er in nüchternen Alltagsbetrachtungen fest, fast schon ängstlich bemüht, nicht in die Haltung der „Okzidentalen“ zu verfallen, für die „der Orient“ vor allem eine riesige Projektionsfläche ist. Einerseits schreibt Dos Passos mit „Abscheu vor den ganzen romantischen Orientklischees, von denen es ja selbst im Orient wimmelt“, finden sich andererseits auch Passagen wie die folgende – als „Randepisode“ gekennzeichnet, begibt sich Dos Passos damit selbst in Distanz,  doch bleibt eben auch nicht frei vom Schwelgen im Exotischen: „Als Randepisode ist dieser verblassende Orient noch immer sehr schön. Der unbeschreiblich weiche, federnde Gang eines zweihöckerigen Kamels, die alten Männer mit karminroten Bärten, die mächtigen Turbane, weiß, blau, schwarz, grün auf rasierten Schädeln, Knaben mit Käppchen, unter denen das lockige Haar nach Troubadourart hervorquillt, die gespenstisch verhüllten Frauen, die turmhohen Filzhüte, die bunten Teppiche, die Gewänder aus papageiengrüner Seide, die Bäume von grellem Mangangrün auf gelben Hügeln, dahinwirbelnde Wasserläufe, weiße Esel, die türkisfarbenen Kuppeln, die weißen Mohnfelder.“

Poetischen Passagen wie diese finden sich im Wechsel zu einer kühlen Beobachterhaltung, der Distanz des Reporters. „In den letzten Jahren hat die Geschichte diese Region abermals heimgesucht in Gestalt dreier gnadenloser Armeen. Während des Weltkriegs haben Türken und Russen hier gegeneinander gekämpft. 1918 kamen die Briten in ihrem Feldzug um Öl hierher und bauten die Straße, genauer gesagt, erneuerten sie.“ beschreibt Dos Passos den Weg auf dem Pass Taqhe Gara in den Irak. „Das hat dazu geführt, dass hier kaum noch ein Clan oder Dorf steht, dass die Wüste, Schauplatz der gossen Aufmärsche der Geschichte, das ganze Agrarland aufgefressen hat und dass man während einer Tagesreise in einem klapprigen Ford nichts zu essen findet, außer, mit viel Glück, eine Schale saurer Milch im Zelt kurdischer Nomaden.“

Erstmals in deutscher Übersetzung

Erstaunlicherweise liegt dieser ungewöhnliche Reisebericht eines großen Schriftstellers erst seit Frühjahr 2013 in deutscher Veröffentlichung vor. Dabei ist diese Reportage in Romanformat beziehungsweise dieser Roman im Reportagestil, betrachtet man die Ereignisse im Nahen Osten, nicht nur hochaktuell, sondern vermutlich auch zeitlos: Die Sünden der Vergangenheit, die Wunden, die kolonialistische Fremdmächte geschlagen haben, die Zerrissenheiten zwischen den Ländern selbst erscheinen in naher Zeit kaum heilbar.

Spende? Gerne!

Wer das Engagement dieses Blogs unterstützen möchte, kann dies gerne mit einem Beitrag via Paypal tun. Oder ganz klassisch mit einer Überweisung, die Daten dafür finden sich im Impressum.

€5,00