Neuigkeiten!

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Ausgiebig über Bücher spricht das „gemischte Doppel“ beim NDR, bestehend aus Annemarie Stoltenberg und Rainer Moritz. Unter den Buchempfehlungen für den Herbst 2020 ist auch Máirtín Ó Cadhain mit „Die Asche des Tages“ aus dem Kröner Verlag zu finden. Zum Nachhören findet sich die Sendung hier: https://www.ndr.de/ndrkultur/Das-Gemischte-Doppel-Buchtipps-fuer-den-Spaetsommer-Teil-3,audio739266.html

Richard Mayr stellte am 2. September im Feuilleton der Augsburger Allgemeinen den „Federico Temperini“ von Theres Essmann vor. Er meint: „Ein Debüt, das gespannt macht auf mehr“.
https://www.pressreader.com/germany/augsburger-allgemeine-ausgabe-stadt/20200902/281861530897913

Und über die Buchpremiere von Martina Altschäfers Roman „Andrin“ und Vorstellung des Mirabilis Verlags berichtet die Neu-Ulmer Zeitung: https://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Literatur-unter-Baeumen-in-Neu-Ulm-Mirabilis-ein-Verlag-fuer-kleine-Wunder-id58034261.html

Rainer Moritz: Als der Ball noch rund war

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Ein Beitrag von Florian Pittroff

Die Fußballweltmeisterschaft steht quasi vor der Türe und da gibt es sicher wieder Augenblicke, an die man sich auch noch in 20 Jahren erinnern wird. Wichtige, entscheidende, unangenehme Augenblicke der Fußballgeschichte bleiben nämlich unauslöschbar im Gedächtnis des gemeinen Fußballfans eingebrannt.

Und genau von solchen Geschichten und Anekdoten erzählt Rainer Moritz in seinem Buch „Als der Ball noch rund war“. In fünf Kategorien schreibt sich Moritz von den schrecklichen Erinnerungen über unangenehme und „soso-lala“ Reminiszenzen bis zu den schönen und sogar grandiosen Augenblicken durch die deutsche Fußballgeschichte.

Das waren noch Zeiten 1954, als Rahn aus dem Hintergrund schießen sollte und auch geschossen hat. Oder als die deutsche Nationalmannschaft 2014 im Halbfinale die brasilianischen Gastgeber mit 7:1 entzauberte. Oder als ein Obsthändler die Bundesliga in ihren Grundfesten erschütterte – dem großen Bundesligaskandal. Aufgedeckt wurde das „Verschieben“ von Spielen übrigens durch den Vereinspräsidenten von Kickers Offenbach, Horst-Gregorio Canellas, der bei der Feier seines 50. Geburtstages am 6. Juni 1971 die Gäste mit dem Abspielen eines Tonbandgerätes überraschte.

Aber auch ein gewisser Franz Brungs kommt vor in diesem amüsanten und schlauen Buch. Kennen Sie Franz Brungs? Das war der,  der den FC Bayern München  fast im Alleingang erledigte, am 2. Dezember 1967. Zwischen der 37. und 62. Minute traf Brungs viermal hintereinander. Katsche Schwarzenbeck, der dieser Tage 70 Jahre alt geworden ist, wird sich an diesen ominösen Dezembertag sicher immer noch erinnern.

Kurzweilig und recht persönlich geht Moritz an die besonderen Augenblicke der deutschen Fußballgeschichte ran – aus seiner Sicht sind die Geschichten grandios oder schrecklich. Der geneigte Fußballfachmann kann beim Lesen natürlich für sich selbst ausloten, in welche Kategorie er die Geschehnisse einordnen würde. Jedes Fußballherz schlägt ja bekanntlich anders. Und so ist der letzte Derby-Sieg der Münchner Löwen gegen den FC Bayern München im April 2000 für den einen (Moritz selbst zählt zu den verbliebenen eingefleischten Löwenfans) eine positive, wenn nicht sogar eine grandiose Erinnerung – für andere ist das nur eine Randerscheinung der Geschichte.

Eine gute Idee finde ich das Register am Ende des Buches. Bei 257 Seiten fetter Fußball-Informations-Fülle macht ein Namensregister Sinn. Und ich liebe beim Lesen kurze Kapitel – da kann man sich schnell vorwärts lesen, hat viele Aha-Effekte während der Lektüre und kann wunderbar in (Fußball-)Erinnerungen schwelgen. Herrlich!

Florian Pittroff
www.flo-job.de 

Verlagsinformationen zum Buch:
http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/als-der-ball-noch-rund-war-buch-9518/

Richard Yates: Eine strahlende Zukunft

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Scheiß auf die Kunst“, sagte sie. „Das meine ich ernst, Michael. Scheiß auf die Kunst, okay? Ist es nicht witzig, daß wir ihr ein Leben lang nachgejagt sind? Daß wir unbedingt all denen nahestehen wollten, die sie zu begreifen schienen, als könnte uns das weiterhelfen; daß wir nie aufhörten, uns zu fragen, ob sie nicht hoffnungslos unseren Horizont übersteigt – oder vielleicht gar nicht existiert? Denn das ist eine interessante These für dich: Was, wenn sie nicht existiert?“

Richard Yates, „Eine strahlende Zukunft“, 2014.

Gäbe es die Kunst nicht, müsste Michael Davenport sich eine Kugel durch den Kopf jagen – dies ist es auch, was er, der Dichter ohne Ruhm und Anerkennung seiner Ex-Frau Lucy bei diesem Treffen, rund dreißig Jahre nach ihrer ersten Begegnung, antwortet. „Eine strahlende Zukunft“ (1984 unter dem Titel „Young hearts crying“ erschienen – was in mir erneut die Frage aufwirft, warum der DVA-Verlag, der das Gesamtwerk Richard Yates herausgibt, zwar für hervorragende Übersetzungen sorgt, aber die Romantitel verkitscht) gilt als eines der schwächeren Werke des amerikanischen Romanciers. Auch Yates-Biograph Rainer Moritz bemängelt in „Der fatale Glaube an das Glück“ gewisse Schwächen, Längen, ermüdende Dialogszenen und eine weniger gelungene psychologische Zeichnung der Hauptfigur. Ganz klarer Widerspruch meinerseits und damit in guter Gesellschaft von Shortlists.com:
http://shortlist.com/entertainment/books/10-underrated-novels-from-great-authors

„Frankly, we’re spoilt for choice when it comes to Richard Yates. Sadly overlooked during his life, it was only years after his death that he was finally given the appreciation he truly deserved. While it doesn’t have the devastating emotional impact of Revolutionary Road, Young Hearts Crying makes an excellent companion piece, telling the story of a similarly hopeful couple who fall apart over the years. Wonderfully prescient in its depiction of hipster culture all the way through to its forward-thinking take on divorce, it’s still a horribly well-observed look at how difficult maintaining one’s own dreams can be when in the constraints of a couple. Bitter at times sure but realistic to the end.“

Ob in „Eine besondere Vorsehung“ oder „Eine gute Schule“ oder in seinen Erzählungen: Immer wieder arbeitet Richard Yates (1926-1992)  in seinem Schreiben die Traumata seines Lebens auf. Die Künstlerin-Mutter, die keinen Halt geben konnte, weil sie selbst haltlos war. Die gescheiterten Beziehungen. Die – nach kurzem Ruhm – mangelnde Anerkennung als Schriftsteller. Die Psychiatrieerfahrung, der Alkoholismus, die Armut, die Isolation. Unter all diesen Büchern halte ich „Young hearts crying“ für sein persönlichstes Werk, für eine Art Bestandsaufnahme gegen Ende seines Lebens. Und trotzdem auch dieser Roman in vielfacher Weise ein Monument des Scheiterns ist – am Ende des Buches klingt etwas wie Hoffnung, wie Ruhe an, ein, zwei Sätze, die vielleicht auch zeigen, warum Richard Yates selbst durchhielt.

Die Schlussszene zeigt ihn nach dem Gespräch mit seiner Ex-Frau Lucy, er schlendert zu seinem Hotel, denkt an Sarah, seine zweite Ehefrau, an die Partnerschaft, die vielleicht am Zerbrechen ist:

Vielleicht würde sie kommen und mit ihm leben, vielleicht auch nicht; und es gab noch eine dritte, schreckliche Möglichkeit: Vielleicht würde sie kommen, im Geiste zögerlicher Willfährigkeit nur ein Weilchen bleiben und darauf warten, dass ihr gesunder Menschenverstand sie befreite.

„…im Grunde ist jeder allein“, hatte sie gesagt, und er begann zu erkennen, dass darin viel Wahrheit steckte. Und außerdem: Jetzt, wo er älter war, wo er zu Hause war, spielte es vielleicht gar keine Rolle, wie die Geschichte am Ende ausging.

Tatsächlich sind die Liebesbeziehungen, die Ehegeschichten in diesem Roman – ebenso wie in seinem Pendant „Revolutionary Road“ (deutsch: „Zeiten des Aufruhrs“) – die Folien für eine zentralere Frage: Was ist, wenn der Lebenstraum, dem du nachhängst, zu groß für dich ist?

„Young hearts crying“ ist vor allem auch ein Künstlerroman und eine verhalten zynische, bittere Abrechnung mit dem Kunstbetrieb: Wie die zu Anerkennung gelangen, die die beste Anpassungsleistung erbringen, der arrivierte Maler, der seit Jahren mit Erfolg ein Thema variiert, der gescheiterte Schauspieler, der zum richtigen Zeitpunkt die Exploitation-Welle ausnutzt, um an Geld und eine jüngere Ehefrau zu kommen, die Tochter aus reichem Hause, die sich aneinander folgend in Schauspiel, Schreiben, Malen versucht. Letzteres ist Lucy, die Exfrau, deren künstlerische Gehversuche Yates mit Humor, aber auch viel Wärme und Respekt nachzeichnet. In ihrem Abendschreibkurs wird eine ihrer Erzählung so charakterisiert: Geschmackvoll, gut gezeichnet, Sätze mit Würde. Wie Lucy letztlich anerkennt, dass ihr Talent für nichts im Kunstbetrieb ausreicht – das tut sie mit Würde, wenn auch ein großer Rest an Traurigkeit verbleibt.

Etwas, das Michael, der von Beginn an mit mehr Wut und Eigenzorn ausgestattet ist,  aber auch mit mehr Talent, sich erst erarbeiten muss – mit der Wut, mit der Trauer aufgrund des Scheiterns, mit der Schwierigkeit, zu sich zu kommen, mit all dem zurecht zu kommen.

„Mit dreiundzwanzig hatte Michael Davenport gelernt, seiner eigenen Skepsis zu trauen.“

So wird der Dichter mit dem ersten Satz vorgestellt. Im Folgenden bewegt sich Michael durch diesen Roman, als habe er ständig die falschen Kleider an (auch an den anderen Künstlern bemerkt Michael im wörtlichen Sinne diese falschen Kleider, die aufgesetzt wirkenden abgetragenen Army-Klamotten, der Wandel vom abgerissenen Maler hin zum Khakihosen tragenden College-Dozenten). Das Leben, die Dichtung wird zum Ringen um „Authenzität“. Dies geht so weit, daß er es ablehnt, vom riesigen Vermögen seiner ersten Frau Lucy zu leben, sondern einen Gebrauchstexter-Job annimmt: Weniger aus einem Gefühl „männlicher Würde“ heraus, den Lebensunterhalt verdienen zu müssen, denn aus der Vorstellung, ein Leben in Wohlstand und der damit erkauften Freiheit sei falsch für sein Werk.

Dieses Ringen um Wahrhaftigkeit führt letztendlich zum Bruch der Ehe. Der Bruch der Ehe zum Verlust einiger angenommener Lebensvorstellungen. Der Verlust wiederum zum Bruch in Michaels Persönlichkeit. Wie Richard Yates selbst lässt er seinen Protagonisten Davenport mit einer unbezeichneten Diagnose in das New Yorker Bellevue einliefern. Für Yates war dies an sich die traumatische Lebenserfahrung. Eine ungefähre Ahnung vom Zustand der Psychiatrie dieser Jahrzehnte erhält man auch durch „Einer flog über das Kuckucksnest“ von Ken Kesey. Für einen Menschen in seiner psychischen Verletzlichkeit brachte diese Art der „Behandlung“ keine Heilung, sondern oftmals erst den unheilbaren Zusammenbruch.

„Und nachdem ich aus dem Bellevue raus war“, sagte er, „hatte ich ständig Angst. Angst, um Straßenecken zu biegen. Es gab keine Schlangen mehr, aber die Angst vor der Flak wollte nicht aufhören. (…) Aber der zentrale Gedanke, verstehst du, ist die Untrennbarkeit von Angst und Wahnsinn. Angst haben macht dich verrückt; Verrücktwerden macht dir Angst.“

Auch Yates versuchte, sein Leben lang mit dieser Angst zurechtzukommen, die Scherben zusammenzuhalten. Obwohl ihm die öffentliche Anerkennung versagt blieb, schrieb er einen Roman nach dem anderen, die zum Besten gehören, was die moderne amerikanische Literatur zu bieten hat.

„Die Arbeit mochte nicht alles sein, was es auf der Welt gab, doch sie war das Einzige, worauf Michael Davenport sich verlassen konnte. Wenn er sie jetzt schleifen, seine Gedanken je davon wegdriften ließ, dann konnte es zu einem dritten Schub kommen – und der konnte ihn, hier in New York, durchaus wieder ins Bellevue bringen.“

Das Schreiben, so formuliert es Rainer Moritz, war Richard Yates` Waffe gegen den Untergang.

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Richard Yates: Cold Spring Harbor

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Bild: (c) Michael Flötotto

„Filme waren wunderbar, denn sie holten einen in eine andere Welt und gaben einem zugleich das Gefühl, vollständig zu sein. In der Realität konnte einen alles auf Schritt und Tritt daran erinnern, dass das eigene Leben verknäuelt und gefährlich unvollständig war, der Schrecken stets kurz davor, von einem Begriff zu ergreifen, doch in der kühlen, wohlriechenden Dunkelheit des Kinos verschwand diese Wahrnehmung fast immer, und sei es auch nur für ein Weilchen.“

„Cold Spring Harbor“, Richard Yates, 1986, DVA Verlag 2015

Es gibt Schriftsteller, die umkreisen in ihren Werken immer wieder dieselben Themen. Und dennoch wird man ihrer nicht überdrüssig. Ganz vorne auf dieser Liste steht für mich Richard Yates. Seine Bücher sind Variationen seiner Lebensthemen: Übermächtige, meist psychisch angeschlagene Mütter, zerrüttete Ehen, traumatisierte Kinder. Gescheiterte Lebensentwürfe, verlorene Illusionen, vernichtete Träume. Zerbrochene Seelen, Abstürze in Alkohol, Landung in der Psychiatrie.

Den Trost des Kinos – vollständig zu sein und werden zu können – den bietet er einem in seinen Büchern nicht. Yates, Chronist der amerikanischen Mittelschicht, der „kleinen Leute“ mit großen Ambitionen, ist ein gnadenloser Realist. Er erzählt vom Scheitern – manchmal, so wie in „Zeiten des Aufruhrs“, enden Lebenslügen dramatisch-tödlich, manchmal, so wie in „Cold Spring Harbor“, liegt der Schrecken „nur“ in den Banalitäten des Alltags.

„Cold Spring Harbor“ ist der letzte Roman, den Yates, schon schwer von seiner Alkoholsucht gezeichnet und von psychischen und finanziellen Problemen erdrückt, vollbringen konnte (die tragische Vita findet sich hier). Gewidmet ist er seinem Freund Kurt Vonnegut – einer der vielen Bewunderer der Yateschen Prosa. Der Roman liegt nun auch in deutscher Übersetzung beim DVA Verlag, der das Gesamtwerk auf Deutsch herausbringt, vor. Yates-Biograph Rainer Moritz bezeichnet in „Der fatale Glaube an das Glück“ (DVA Verlag, 2012) das Buch als eines der besten Werke des amerikanischen Schriftstellers. Es fällt mir schwer, diese Unterscheidung zu treffen – es ist ein sehr gutes unter den übrigen der sehr guten Büchern von Yates, das – auch in der Übersetzung von Thomas Gunkel – durch diese typische verhaltene Mischung aus Realismus und Resignation, Melancholie und Ironie besticht. Allerdings: So gnadenlos wie in diesem vorletzten Roman (Yates ließ bei seinem Tod ein umfangreicheres Manuskript zurück, an dem er gearbeitet hatte) geht er mit seinen Figuren selten um.

„Cold Spring Harbor ist bewusst kein Roman, der Mühe darauf verschwendet, seine Protagonisten mit Sympathiewerten auszustatten“, bemerkt dazu Rainer Moritz.

Im Mittelpunkt stehen der pensionierte Militär Charles Shepard (seine alkoholsüchtige und psychisch kranke Frau Grace kommt fast nur schemenhaft vor) und dessen etwas hohlköpfiger Sohn Evan, der allenfalls durch seine äußerliche Attraktivität hervorsticht:

„Dem Jungen mochte einst eine kriminelle Karriere gedroht haben, doch der erwachsene Mann war von reiner Trägheit befallen. Obendrein wurde er unübersehbar immer attraktiver – die Mädchen waren ihm überall verblüffte Blicke voller Hilflosigkeit zu -, und das Witzige daran war: Für jemanden, der so blendend aussah, schien es nicht richtig, so wenig im Kopf zu haben.“

Die beiden Männer lernen durch Zufall die einsame Gloria und deren Kinder Rachel und Phil kennen.

Nicht weniger böse als Evans` Charakterisierung ist die Beschreibung von Gloria bei einem Treffen mit Charles, der ihr dabei gesteht, dass er nur mangelnde Sehkraft hat:

„Und so war es durchaus möglich, dass er ihre Falten an Hals und Gesicht und den Fettfleck, den eine heruntergefallene Wurstscheibe auf dem Oberteil des besten ihrer drei Kleider hinterlassen hatte, nicht sehen, dass er ihr Alter nicht einschätzen konnte und sich nicht fragen musste, wie er auf die unverhüllte Einsamkeit und Sehnsucht reagieren sollte, mit der sie ihn immer ansehen würde.“

Durch die Beziehung der beiden jungen Leute Rachel und Evans werden die Bande der beiden Familien ineinander verwoben. Gloria, die in der Ehe eine Chance zu gesellschaftlichem Aufstieg und einen Ausweg aus ihrer Einsamkeit sieht, kauft kurzerhand eine Bruchbude für sich und das junge Paar in Cold Spring Harbor, dem Wohnort der Shepards: Das Ende der Ehe ist damit bereits vorgezeichnet. Nichts Spektakuläres an Handlung also, sondern Geschichten, wie sie hier und dort, heute und gestern (der Roman ist in den 1940er-Jahren angesiedelt) spielen könnten.

Doch Richard Yates ist ein Meister darin, dieses alltägliche Scheitern zu sezieren. Er zeichnet oftmals ein Milieu zwischen Mittelschicht und Bohème, nur einen Schritt vom „white trash“ entfernt. Menschen, die dem amerikanischen Versprechen nach freier Lebensgestaltung nachjagen – und sowohl an den äußeren Bedingungen und den eigenen Unzulänglichkeiten scheitern.

In „Cold Spring Harbor“ macht er besonders deutlich, wie unerfüllte Lebensträume in Familien oftmals von Generation zu Generation weitergegeben werden. Väter sehen Söhne in ihren Fußstapfen. Töchtern werden die Träume der Mütter zu eng. So oder so – alles eine Schuhnummer zu groß. Gescheiterte Hoffnungen, die zur Bürde für die Nachkommen werden. Träume, für die auch kein Preis zu hoch erscheint:

„Nach dem Angriff auf Pearl Harbor war Charles Shepard tagelang krank vor Kummer. Er war noch nicht fünfzig; er wusste, wenn seine Augen nicht wären, würden sie ihn beim Militär wieder nehmen. (…) Evan war gesund und geschickt und kräftig: Er würde ein hervorragender Soldat sein und sich vermutlich für die Offiziersausbildung qualifizieren. Es war so gut wie unmöglich, dass er für diesen Krieg zu spät nach Übersee kam; und so könnte er als Lieutenant oder sogar als junger Captain dienen, um das Leben seines Vaters zu rechtfertigen.“

Familie – das ist bei Yates oft genug auch die ganz normale Hölle:

„Noch während Rachel redete und ihrer eigenen Stimme lauschte, wurde ihr allmählich klar, dass die Freude, die es einer erwachsenen Frau bereitete, ihre Mutter herabzusetzen, vielleicht etwas Universelles hatte.“

Auch wenn Yates in diesem Roman mit seinem Personal recht unsentimental umspringt, seine Schwächen messerscharf darstellt und weniger als sonst auch Mitgefühl und Wärme mitschwingen lässt – das Buch ist mitreißend, auch hochironisch, kein Wort zu viel. Yates, der Stilist, wusste, wie er sie zu setzen hatte.

Man schlägt es zu, auch ein wenig mitgenommen von den traurigen Lebensverschwendungen. Ein gutes Gegenmittel dann: Ab ins Kino, den neuen Bond oder ähnliches schauen, zur Erholung von der Realität.

Verlagsseite zum Buch hier.

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Pierre Bost: Bankrott

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„Sie aßen nun zusammen, und Brugnon zeigte nun eine ganz andere Haltung, ruhig, sanft. Man erriet, daß sich dahinter eine große Leere verbarg, aber die Fassade schien solide, als hätte sich Brugnons Schutzmantel plötzlich verhärtet und sei nun undurchdringlich. Es war kein Schleier, sondern ein Panzer. Brugnon war nicht geheilt, aber eingesperrt. Er sprach ruhig und es war zu spüren, dass er sein ganzes Leiden tief in sich vergaben hatte und davon nicht mehr sprechen, es schweigend in einer Ecke verenden lassen würde. Poussain sagte sich sehr wohl, dass das vielleicht noch schlimmer war, aber dennoch freute er sich, egoistisch und ermattet, wie er war, darüber, Brugnons Weinen und Klagen nicht mehr zu hören.“

Pierre Bost, „Bankrott“, 1928.
In deutscher Übersetzung 2015 beim Dörlemann Verlag erschienen.

Und wieder eine Pretiose aus dem Hause Dörlemann: „Bankrott“ ist einer der früheren Romane des literarischen Tausendsassas Pierre Bost. Wie „Ein Sonntag auf dem Lande“ (1945) – übrigens der letzte Roman, den Bost schrieb, dann wandte er sich bis zu seinem Tode 1975 dem Film zu und war als Drehbuchautor erfolgreich – liegt nun auch dieses Werk in einer Übersetzung von Rainer Moritz vor, die die melancholisch-schillernde Eleganz dieses Romanciers präzise trifft.

Wie andere französischen Schriftsteller steht Pierre Bost in der Tradition des psychologischen Schreibens, des Aufblätterns seelischer Vorgänge en détail – ohne jedoch dabei in ein den Leser meist anödendes „Psychologisieren“ zu geraten. Das Abtauchen in die Abgründe einer Seele erfolgt hier mit Stil, die „Anatomie eines Untergangs“ in elegantem Setting mit Champagner und Grandezza. Vom „Setting“, vom Flair weht uns noch ein Hauch „Fin de Siècle“ an, und doch hält bereits auch die Moderne, die kalte, automatisierte Atmosphäre in diese Geschichte ihren Einzug:

„Oh, ihr Stenotypistinnen, um euch zu beschreiben, müsste man Worte verwenden, die nur für euch erfunden wurden. Der mechanische, kompliziert gebaute Körper, der den eurigen oberhalb eurer Fingernägel verlängert, hat eure weiblichen Formen verändert, eure Ellbogen zusammengepresst, aus euren Fingern Zorngeschrei hervorschießen lassen und hinter euren Köpfen eine offensichtliche Nackenlinie enthüllt. Die alten Floskeln, die man für Frauen, wie ihr keine mehr seid, verwendet hat, können euch nicht erfassen und umschreiben, aber auch die modernen Formeln, die dem Rhythmus der Maschinen und Hektik angepasst, diese Floskeln bei denen sich alle Sprachen der Welt ein Stelldichein geben, alle kurzlebigen Leidenschaften, alle eleganten Formen ohne Anmut, die uns heute gefallen, diese modernen Wörter, die man gern verabscheuen würde und die dennoch anziehend sind, auch die würden euch nicht angemessen beschreiben. Ihr seid eine verwirrende Mischung, ein hybrides Wesen, halb lebend, halb tot, halb Frau, halb Maschine.“

Aber auch Brugnon, der an sich und der Welt verzweifelnde Protagonist, ist ein Mensch der Zwischenzeit: Geprägt vom Berufsethos seines Vaters, übernimmt Brugnon dessen Handelsfirma und übernimmt sich dabei. Er, halb patriarchalischer Firmenleiter wie sein Senior, halb sich als modernen Manager sehend, kommt mit den Entwicklungen des Marktes nicht zurecht. Im Wunsch, die Firma, die Lebensmittelpunkt und Lebensinhalt ist, immer größer zu sehen, wachsen zu lassen, zu erweitern und an die Spitze zu treiben, lässt sich Brugnon auf Spekulationen und Fehlinvestitionen ein. Beinahe sehenden Auges treibt er in Konkurs – um diesen letzten Endes abzuwenden, fehlen dem bis dahin schon völlig apathischen Brugnon jegliche Widerstandskraft und Energie.

So hat Bost nur vordergründig einen Roman über einen wirtschaftlichen Bankrott geschrieben – es ist vor allem das Psychogramm eines Menschen, der einen seelischen Bankrott erleidet, der sein ganzes Leben falschen Werten, falschen Vorstellungen untergeordnet hat. Brugnons Leben spielt sich hauptsächlich zwischen den vier Wänden seines Büros (seine Wohnung wird im Buch nicht einmal tangiert) ab – das gibt ihm Sicherheit, das gibt ihm Gerüst. Vorstellungen wie die, einmal Urlaub zu machen, lehnt er entrüstet ab. Und die einzigen beiden Menschen, mit denen er eine engere Bindung unterhält, sind sein Sekretär Poussain (eher eine hierarchisch stark eingeschränkte Zweckgemeinschaft, Poussain wird als Seelentröster „missbraucht“) und die zu seiner langjährigen Geliebten Simone. Dies alles fällt in sich zusammen, als Brugnon in einer einseitigen „amour fou“ für die junge, kühle Stenotypistin Florence entbrennt. Die Zuneigung wird nicht erwidert, Brugnons mühsam errichtetes Lebenskartenhaus bricht zusammen. Dem Gefühl, eine wahre Leidenschaft zu erleben, hält er nicht stand.

„Poussain hätte gern etwas gesagt, aber wie sollte diese Flucht begreifen, dieses Verschwinden von Brugnon, der um sich herum nichts als Schranken aufbaute? Es schien so, dass ihn die Worte nicht erreichten und von einem harten, unsichtbaren Panzer abprallten, der von Minute zu Minute stabiler wurde. Poussain sah Brugnon, wie man im Traum diejenigen sieht, die sich entfernen, entfernen, von einem Fluss hinweggetragen, schon so weit weg, dass ihre Schreie gar nicht mehr ankommen, ihre Gesten vergeblich sind, dass man nicht einmal mehr weiß, ob sie in Lebensgefahr sind und rufen, da alles von nun an unvermeidlich und leicht ist, in einer ruhigen und verzweifelten Welt.“

Bost zeigt sich als ein feiner, feinfühliger Zeichner von Charakteren und Seelenregungen. Auch die – heute vielleicht altmodisch erscheinenden – Liebestaten und Handlungen von Simone, der Geliebten, die sich körperlich verweigert, aber dem langjährigen Freund und Vertrauten eine selbstlose Treue erhält, werden so selbstverständlich und nachvollziehbar:

„In ihr war nicht mehr genügend Kraft, dass sie sich anderem als ihrer eigenen Qual hätte zuwenden können. Es schien ihr nun, dass sie genug Leid angehäuft hatte, wie bei einem Schatz, mit dem man, ums sich verdientermaßen zu erholen, endlich allein sein will, um diesen Reichtum zu zählen. Sie wollte fliehen, weit fortgehen, ohne Brugnon.“

Sie bleibt, wider besseres Wissen.

In seinem Nachwort schreibt Rainer Moritz:

„Das Schicksal des alle Energie verlierenden Brugnon darf man als psychologisches Kabinettstück lesen, das die Zerrissenheit eines eindimensionalen Menschen aufzeigt. Die Art und Weise, wie Bost diesen glücklosen Unternehmer zeichnet, hat freilich auch mit der Zeit zu tun, in der Bankrott spielt. In kleinen Exkursen (…) zeigt Bost, wie der technische und wirtschaftliche Fortschritt in die Psyche der Akteure eingreift.“

Brugnon, der sich in einer Tradition von Unternehmern sieht, die sich „hocharbeiteten“, die Fleiß und Energie als wichtigste Grundlagen des Erfolgs werten, sieht sich vom Zeitalter der Maschinen überrollt: Sowohl der Markt als auch das Leben sind durch eigenes Handeln nicht mehr lenkbar. Der wirtschaftliche Niedergang geht mit dem seelischen Zusammenbruch einher: heute würde man von einem klassischen Burnout sprechen.

Mit Dank an den Dörlemann Verlag für das Besprechungsexemplar.

Gestoßen bin ich auf das Buch beim Blog von Muromez, seine Rezension hier.


Ein noch weitaus abgründigeres Werk der französischen Literatur:
„Gegen den Strich“ von Joris-Karl Huysmans.

Im Vergleich zu Floressas Des Esseintes, dem Helden dieses Romans aus dem Jahre 1884, ist Dorian Gray ein bodenständiger Pragmatiker. Mir ging dieses Vorzeigewerk der literarischen Dekadenz jedoch eher gegen den Strich: Lebende Schildkröten mit Goldrücken, seitenweise Dekorfragen, luxuriöse Langeweile – dafür muss man die Nerven erst mal haben.
Aus den Verlagsangaben: „Floressas Des Esseintes flieht vor der Grobheit und Banalität der Zeitgenossen ins Exil seines Landhauses, wo das Schlafzimmer als Mönchszelle gestaltet, seine Dienerin als Nonne verkleidet ist. Alles Natürliche, der Außenwelt Zugehörige wird konsequent ferngehalten, aus Kunst und Künstlichem schafft er sich sein eigenes Paradies.  Die Tage verrinnen in ausschweifenden Phantasien über symbolistische Gemälde und Literatur, Schwelgereien in Farben und Düften, Träumen, die ihm die Wirklichkeit ersetzen; nach immer morbideren Sinnesreizen verlangt es Des Esseintes.“

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