Ingeborg Gleichauf: Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin

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Bild: Florian Pittroff, https://flo-job.de/

Auf den ersten Seiten der Biografie von Ingeborg Gleichauf heißt es irgendwann: “Die junge Gudrun Ensslin hat nichts Eigenbrötlerisches, Strenges oder gar Verbissenes. Ihr Hauptcharakterzug scheint in der Tat eine große Aufgeschlossenheit (…) zu sein.“ Und am Ende des Buches steht dann: “Im Gefängnis und während des Prozesses sind ihr die Worte, deren unendliche Möglichkeiten sie sehr früh erkannt hatte, schließlich ganz ausgegangen. Im Laufe ihres Lebens war immer weniger von ihrer individuellen Persönlichkeit hörbar gewesen in dem, was sie sagte, schrieb und schließlich tat.“

Zwischen diesen beiden Hauptpolen bewegt sich das Buch. Über die Entwicklung der RAF erfährt der Leser relativ wenig. Zeitumstände? Zweitrangig! Ingeborg Gleichauf stürzt sich ganz auf die Person und den Menschen Gudrun Ensslin. Wie kam es, dass aus einem interessierten Mädchen, aus einer klugen Studentin, eine Ikone der Rote Armee Fraktion wurde, die am 18. Oktober 1977 nach der gescheiterten Entführung und der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer im Hochsicherheitsgefängnis Stammheim gemeinsam mit Andreas Baader und Jan-Carl Raspe Selbstmord beging?

Auf insgesamt 330 Seiten geht Ingeborg Gleichauf auf Spurensuche, die in Bartholomä auf der Schwäbischen Alb beginnt. Bartholomä ist der Ort, in dem Gudrun Ensslin 1940 geboren wird und wo sie einen Teil ihrer Kindheit verbringt.

Ensslins Begegnung mit Bernward Vesper, dem Sohn des Nazi-Dichters Will Vesper und der Wechsel vom beschaulichen Tübingen nach Berlin brachten erste Unruhe in ihr Leben.

Schön nachzuvollziehen ist der eigentliche Bruch in Ensslins Leben. Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg auf der Anti-Schah-Demonstration 1967 in Berlin und die Begegnung mit Andreas Baader. Hier kann man die Veränderungen von Ensslin förmlich spüren.

Ja, die Biografie „Poesie und Gewalt. Das Leben der Gudrun Ensslin“ ist ein Zeitzeugnis mit neuen Aspekten und Möglichkeiten, spannend und interessant geschrieben, ohne Effekthaschereien. Ja, die Autorin gibt sich Mühe, hinter die Fassaden zu blicken. Und, ja, Ingeborg Gleichauf versucht neue Zugänge zur Person zu finden. Es gelingt oft – aber nicht immer. Manchmal erinnerte mich das Buch auch an eine wissenschaftliche Arbeit und das nahm mir so ein bisschen die Freude am Lesen. Ich wäre gerne öfter tiefer eingetaucht. Mir fehlen in dem Buch an manchen Stellen einfach die Geschichten, die Erzählungen. Wie war das damals, „was hat die Zeit mit uns gemacht“– um es mit Udo Lindeberg zu sagen.

Am Ende der Spurensuche ist aus dem Ich das Wir des Kollektivs der in Stammheim lebenslänglich einsitzenden Terroristen geworden. „Ensslin hätte Schriftstellerin oder Journalistin werden können. Sie hatte so ein Sensorium für Literatur“, sagt Gleichauf und wagt eine mutige Einschätzung: Wenn sie gleich nach dem Abitur gefördert worden wäre, wenn jemand mit ihr gesprochen hätte, wäre ihr Leben anders verlaufen. Weg von der Gewalt.

Ein Gastbeitrag von Florian Pittroff
www.flo-job.de

Angaben zum Buch beim Verlag:
https://www.klett-cotta.de/buch/Geschichte/Poesie_und_Gewalt/74784

Ulrich Peltzer: Das bessere Leben

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Bild: (c) Michael Flötotto

Please allow me to introduce myself
I’m a man of wealth and taste
I’ve been around for a long, long year
Stole many a man’s soul and faith…

Pleased to meet you: Es gibt Bücher, die entwickeln ihren eigenen Sound. Und manche setzen diesen Sound im Kopf frei, beim Lesen jagen Versatzstücke durchs Hirn, Stimmen, Sätze, Songs. „Das bessere Leben“ von Ulrich Peltzer ist ein derartiges Buch für mich. Ein vielstimmiger literarischer Trip durch die komplexe, unüberschaubare Welt der Manager, Global Player und Businesstypen, mit Abstechern in rheinländische Reihenhausbiederkeit und in die hippe Kunstszene, zudem ein Parforceritt durch die gescheiterten Utopien des 20. Jahrhunderts. Moskau, Wien, Rotterdam, London, Mailand, Frankfurt, Turin, China, Brasilien, USA – nur einige der Schauplätze, die im Roman eine Rolle spielen. Und die Sprache sitzt. Das Fragmentarische, Zersplitterte der Sätze, die ständigen Wechsel der Erzählerstimmen, das Gehetzte der Gedanken, die Gedankensprünge, ein stetiger Strom, ein Bewusstseinsstrom, die lose verknüpften Erzählstränge, die doch so dicht verwoben sind: Das alles macht das Buch zu einer Herausforderung. Ja, die ersten Seiten sind mühsam, aber dann entwickelt sich ein Sog des Erzählens, der das Buch herausfordernd und herausragend macht.

„Was möglich gewesen wäre, unter Umständen, aber nicht eingetreten ist. In der Wirklichkeit gibt es keinen Konjunktiv als Rettung, dachte Möhle, nur in der Kunst. Die aus einem einzigen Hätte-könnte-würde besteht und mit den Fakten macht, was sie will. Beziehungsweise … sich das Recht nimmt, zu entscheiden, wie eine Erzählung in Worten und Bildern zusammenhängen soll, solange die Wahrscheinlichkeit gewahrt bleibt. Sie nicht vollends ins Phantastische abdriftet, oder? Was ist denn schon wahrscheinlich? Eins so gut wie das andere, im Prinzip, in der Vorstellung. Nur leider mangelt`s an der oft im Leben, im Wirklichen. Wo man wie festgenagelt an Dingen festhält, die es nicht wert sind, die ihrer Bedeutung verlustig gegangen sind, manchmal von heut auf morgen.“

Zwei Typen stellt Peltzer aus der Armee moderner Geschäftsleute in seinem  Roman in den Mittelpunkt: Den Sachlichen, der im Getriebe weltweiter Geschäfte eher verfangen ist und den Strippenzieher, der vom Spiel an sich gefangen ist.

Jochen Brockmann, einer der beiden Hauptfiguren des Romans, steht vor dieser Situation: Der kühl denkende Ingenieur und Sales Manager, Anfang 50, geschieden, die Exfrau sucht ihr Heil in Yogaübungen und Zen, die Tochter in der Kunst, die Geliebten in der Flucht (resp. er in der Flucht vor ihnen), der Kontakt zu Geschwistern und Eltern lose und unterkühlt. Privat ist da nicht viel in diesem Leben, das auf Geschäftsreisen spielt. Und auch beruflich wird ihm der Boden unter den Füßen weggezogen: Das italienische Familienunternehmen wird von jungen Dynamikern überrollt, Brockmann ist ein Auslaufmodell. Midlife-Crisis setzt ein: War es dass, das gute Leben? Konsumkäufe auf Reisen und eine kleine Grafiksammlung?

Faust:

„Ich fühl`s, vergebens hab`ich alle Schätze
Des Menschengeists auf mich herbeigerafft,
Und wenn ich mich am Ende niedersetze,
Quillt innerlich doch keine neue Kraft;
Ich bin nicht um ein Haar breit höher,
Bin dem Unendlichen nicht näher.“

Sein Gegenpart: Sylvester Lee Fleming, ebenfalls ein „global player“, Strippenzieher und Verstrickter zugleich – in undurchsichtige, nur scheinbar legale „Versicherungs“-geschäfte. Einer, der verführerisch ein besseres Leben verspricht – seinen Kunden, Jungmanagern, die er an der goldenen Leine hält, auch den wenigen Menschen, die er etwas weiter hineinlässt in seine private Gefahrenzone. Ein Mephisto mit Beschädigung: Sich unruhig in Hotelzimmer wälzend, an der Vergangenheit knabbernd, ein vereinsamter Höllenhund. Getrieben von Überdruss, Zynismus, scheinbarer Abgeklärtheit (auch da liegt eine buchstäbliche Leiche im Keller des Gewissens).

Mephistopheles:

„Wer lange lebt, hat viel erfahren,
Nichts Neues kann für ihn auf dieser Welt geschehn.“

Ganz wie Mephistopheles trifft Fleming den Brockmann in der Phase seines größten Zweifels und der Resignation an, versucht ihn, in seine zwielichtigen Geschäfte zu verstricken, ist der Verführer. Brockmann widersteht. Das Ende bleibt offen. Das Flugzeug zum nächsten Geschäft hebt ohne ihn ab. Der letzte Satz eine Andeutung:

„Darf ich mich Ihnen vorstellen?“, sagt plötzlich der Mann auf dem Nebensitz. Warum nicht?

Mephisto alias Fleming verführt das nächste Opfer, money makes the world go round, die Kapitalismusmaschine dreht sich weiter.

Und Brockmann, findet er vielleicht das bessere Leben? Im Rückzug ins Private? Von den Boni an der Seite von Angelika lebend – jene durchaus kein naives Gretchen, sondern eine gestandene, kluge, welterfahrene Frau? Auch dies muss sich die Leserin, der Leser selbst zu Ende schreiben, diese nur „angezettelte“ Liebesgeschichte.

Vielfach wurde in den Rezensionen auf die „Leerstellen“ hingewiesen, die Peltzer in seinem Buch hinterlässt: Nicht „zu Ende“ erzählte Lebensgeschichten, lose verlaufende Erzählstränge. Scheinbare Erklärungen liefert die Politik am Fließband. Erklärungsversuche sind Sache der Philosophen. Die Literatur – wenn sie denn in so gelungener Form daherkommt – erfüllt eine andere Funktion: Sie erzählt von der Welt und zwingt im besten Falle zum Weiterdenken. Zum Selberdenken.

Und gerade dies ist eine der großen Stärken dieses Romans: Peltzer ist nicht nur ein hochverdichtetes Abbild unserer durchkapitalisierten Gegenwart gelungen, eine Darstellung des Hamsterrades, in dem sich Menschen bewegen. Die zahlreichen Bezüge und Hinweise auf vergangene und verlorene Utopien und Illusionen – jenen der Studentenbewegung, die im Terror der RAF endeten bis hin zu jenen des Sozialismus, die im Blut des real existierenden Stalinterrors versanken – münden alle in die Frage: Was ist es, „Das bessere Leben“?

„Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, daß es zugrunde geht;
Drum besser wär`s, daß nichts entstünde.“

Solch mephistophelischen Fatalismus hinterlässt der Peltzer-Roman dennoch nicht – aber er bedient auch nicht mit oberflächlichen Antworten in billiger Ratgeber-Manier.

Habe nun ach! Dies Buch gelesen und studiert: Und mich der Magie seiner Sprache ergeben. Mein persönliches Fazit nach wochenlangem Long- und Shortlist-Lesen: Ich weiß nicht, ob es der beste Roman des Jahres ist – diese Aussage halte ich per se für gewagt. Aber von all jenen, die mir im Zuge des Buchpreisbloggens in die Finger kamen, ist es mein Favorit. Ulrich Peltzer, das bessere Lesen. Am Montag, nach der Buchpreis-Verleihung, wissen wir mehr.

Das Buch kann bei buchhandel.de bestellt werden: Ulrich Peltzer, „Das bessere Leben“, S. Fischer Verlag, 2015.

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