Lisel Mueller: Brief vom Ende der Welt

Noch eine Chance gemeinsam aufzuwachen,
ich nehme die Einladung für
einen weiteren Morgen an. Noch eine Chance,
um den schwarzen Traum, allein zu erwachen,
über den Rand der Welt zu schieben,
wo mich kein Leben erhält.

Lisel Mueller, aus: „Notizen im Winter“ in „Brief vom Ende der Welt“, ausgewählte Gedichte.

Liest man diese melancholischen Zeilen, die in ihrem letzten in den USA erschienenen Gedichtband „Alive Together“ (1996) enthalten sind, liest man diese „Notizen im Winter“, eigentlich ein Lied auf den Herbst des Lebens, das von der Ahnung des Endes, des irgendwann nahenden Todes spricht, dann wird einem das Gemüt dieser Tage erst richtig schwer. Ein Schwanengesang, ein Abschiedslied – am 21. Februar verstarb Lisel Mueller in Chicago, nur wenige Wochen nach ihrem 96. Geburtstag.

Im deutschen Blätterwald löste diese Nachricht kein Rauschen und Rascheln aus, nicht einmal ein Windhauch war zu spüren. Was nicht nur bedauerlich, sondern auch beschämend ist: Denn Lisel Mueller, als Elisabeth Annedore Neumann am 8. Februar 1924 in Hamburg geboren, war eine herausragende Lyrikerin, ihr Werk ist von berührender Schönheit, von tiefer Nachdenklichkeit geprägt.

In den Vereinigten Staaten zählte sie zu den bedeutendsten Dichterinnen der Gegenwart, wurde mit allen namhaften Preisen ausgezeichnet, mit dem Carl Sandburg Prize, dem Lamont Award, dem National Book Award und nicht zuletzt, als einzige in Deutschland geborene Dichterin, mit dem Pulitzer Preis für Lyrik.

Und dennoch lief ihr Werk unter dem Radar des deutschen Feuilletons und Verlagswesens. Allein im MaroVerlag erschien bislang unter dem Titel „Brief vom Ende der Welt“ eine Auswahl ihrer Gedichte, herausgegeben und zum überwiegenden Teil von Andreas Nohl, dem renommierten Übersetzer, ins Deutsche übertragen. Das Ausmaß ihrer Unbekanntheit mag auch damit zusammenhängen, dass Lisel Mueller, ihrem Vater, der als aufgeklärter Pädagoge und Jude vor den Nationalsozialisten flüchten musste, gemeinsam mit Mutter und Schwester bereits 1939 ins Exil in die Vereinigten Staaten folgte. Die junge Frau fasste schnell Fuß in der neuen Heimat, zum Schreiben begann sie als Reaktion auf den frühen Tod der Mutter und in ihrer neuen Sprache, dem amerikanischen Englisch.

Mag sein, dass es diese Biographie war, die ihren Teil dazu beitrug, dass Lisel Müller leider immer noch eine große Unbekannte hierzulande ist, mag auch sein, dass Lyrikerinnen es von Haus aus schwer haben – aber keineswegs sollte man an ihrem Werk vorübergehen.

Benno Schirrmeister von der taz ist einer der wenigen Kenner ihres Werks hierzulande, der ihr nicht nur etliche längere Artikel in der taz widmete, sondern auch eine Ausstellung über ihr Leben und Werk mitkuratierte (ein Interview zur Ausstellung im Deutschen Auswandererhaus findet sich hier). Er schreibt in einem Portrait über die „Dichterin der zweiten Sprache“:

„Deutsche Dichterin ist falsch, das klingt nach Vereinnahmung, darum darf es nicht gehen. Lisel Mueller ist Amerikanerin, Bürgerin der USA seit den frühen 1940ern. Ihre Lyrik ist durch und durch amerikanisch, auch wenn hie und da Brecht-Zitate auftauchen – und sie immer wieder die Abgründe der deutschen Volksmärchen nutzt (…)
Deutschland spielt aber immer eine Rolle, eine zutiefst ambivalente, für sie selbst und in ihren Texten: „For ­years“, schreibt sie, nachdem sie 1983 erstmals die Stätten ihrer Kindheit besucht hat, „I did not want to be German, wanted nothing to do with German traditions“
(…) Und trotzdem nennt sie Deutschland „what should have been my own country“, also, das, was mein Land hätte sein sollen.

Diese Ambivalenz spricht auch aus ihrem Gedicht „Eine Anthologie von deutschen Nachkriegsgedichten“, das in der Maro-Auswahl enthalten ist:

Amerika hat mich gerettet
und die Geschichte hat mir eine Nase gedreht:
Ich wurde nicht unter Trümmern
begraben, noch wurde ich
an einem gefrorenen Straßengraben erschlagen (…)

Es ist das Schuldgefühl der Überlebenden, das aus diesen Zeilen spricht, und  zugleich die Bewunderung für die Nachkriegsgeneration. Vielleicht schwingt auch ein wenig Wehmut mit, weil sie schon da weiß, dass sie nicht mehr dazugehört:

Unter diesen Dichtern bin
ich Dornröschen, eine Schläferin im Tal,
eine Fremde ihrem Mut,
wenn sie eine neue Sprache schaffen
aus den Trümmern und dem Bösen,
aus dem Grauen ihres Wissens. Ich sehe
staunend wie das Wort
aus Ruinen sich erhebt
und, eine lebende Zelle, sich teilt,
ins zukünftige Geschick.

Auch wenn einige dieser Gedichte von ihrer amerikanischen Sozialisation sprechen – so die Szenen aus „Glückliche und unglückliche Familien“ oder die Zeilen an „Ihr Müden, Ihr Armen“, ganz ist die Nabelschnur nicht durchschnitten, die Herkunft lässt sich nicht vollends abschütteln, auch nicht das Wissen um das, was in Deutschland, in Europa geschah.

Andreas Nohl schreibt denn auch in seinem Nachwort zu „Brief vom Ende der Welt“:

„So sehr das Bewusstsein der Unversehrtheit Muellers Werk von dem gleichaltriger deutschsprachiger Dichter unterscheidet – Paul Celan war um vier Jahre älter, Ingeborg Bachmann um zwei Jahre jünger als sie -, so sehr unterscheidet sie sich von ihren amerikanischen Zeitgenossen in dem Bewusstsein der historischen Kontingenz, die eine solche Rettung ermöglichte.“

In den folgenden Sätzen geht Andreas Nohl auf die weitere Entwicklung der Dichterin ein:

„Erst im Privaten, im Familienleben, in eigensinnigen Traditionen und Erbschaften lässt sich eine Art Einspruch, lässt sich eine Art menschliche Würde gegen die Machination des historischen Unglücks formulieren. Doch umgekehrt trägt das geglückte Private immer die Male des bloßen Davongekommenseins.“

Die damit einhergehende Zwiespältigkeit sei ein wesentliches Motiv ihrer Gedichte.

Nach außen hin dominiert das private Glück im Leben der Poetin: Am College lernt sie Paul E. Mueller kennen, die beiden heiraten 1943, mit ihrem Mann und den beiden Töchtern führt sie zwar ein tätiges, aber auch beschauliches, ein normales Leben. Was aber ihren Gedichten weder verzärtelten noch sentimentalen Ton gibt, vielmehr sind ihre Gedichte geprägt von einer souveränen Ruhe, häufig geradezu auch beinahe lakonisch-beiläufig wirkend, man werfe nur einen Blick auf ihren Lebensbericht.

Diesen Anklang haben auch die ersten Zeilen bei „Entwurf für eine Landschaft“:

Sieh, der einsame Wanderer
an diesem kältesten Sonntag des Jahres
schultert da draußen die ganze Last der Geschichte.

Im „Brief vom Ende der Welt“ schreibt Lisel Mueller:

Der Punkt ist: seit ich dich verlor,
bin ich durch die Welt gezogen,
dich zu suchen, und statt deiner
fand ich mich selbst, Bruchstücke einer Frau,
die langsam zueinander passen.

Liest man ihre späteren Gedichte, wie „Im Schwinden“ oder „Dinge“, dann merkt man auch, da hat eine zu sich gefunden, da passen die Stücke zusammen, auch wenn das Ende, an dem alles zerbricht, naht. Man würde sich nun nur noch wünschen, der Brief vom Ende der Welt käme endlich an, in dem Land, in dem Lisel Muellers Leben begann, und die Menschen hier könnten diese wundervolle Lyrik, so klug und wunderbar mit ihren fein gesetzten Metaphern, lesen und würdigen.


Informationen zum Buch:
Lisel Mueller
Brief vom Ende der Welt
MaroVerlag
Paperback, 108 Seiten, 14,00 Euro
ISBN: 978-3-87512-281-7


Weitere Informationen:

„Die Dichterin der zweiten Sprache“: Portrait in der taz
Curriculum Vitae by Lisel Mueller: Gedichtinterpretation
„Blood Oranges“ by Lisel Mueller: Gedichtinterpretation


 

Marianne Moore: The complete poems of Marianne Moore

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Der Tod von John Ashbery hat mich einmal mehr daran erinnert, welch unbekanntes Terrain doch die moderne amerikanische Lyrik trotz einiger herausragender Namen für ein breites Lesepublikum noch ist. Zwar gibt es einige wenige Poeten, deren Werk (teilweise) ins Deutsche übersetzt wurde, einige Anthologien moderner amerikanischer Lyrik, doch ebenso viele weiße Flecken auf der poetischen Landkarte. Zwei Dichterinnen, beide mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und durchaus in einem Atemzug mit Sylvia Plath zu nennen, sind hierzulande weitestgehend unbekannt, ihr Werk kaum in die deutsche Sprache übertragen: Marianne Moore und Elizabeth Bishop.

“No water so still as the
dead fountains of Versailles.”

Marianne Moore, 1887-1972

Für ihre konzentrierte, präzise Sprache, den dichten Einsatz von Bildern, Metaphern und anderen sprachlichen Mitteln, für die Fähigkeit, Gedanken und Ideen in dem einen richtigen Wort auszudrücken, wurde Marianne Moore von ihren Kolleginnen und Kollegen allseits bewundert. Moore ist eine der großen Poetinnen der amerikanischen Moderne. Sie setzte sich für die Gegenständlichkeit in der Lyrik ein, bewegt von “a burning desire to be explicit”. Statt Metaphorik die Gegenwärtigkeit und Direktheit des Ausdrucks. Als technisches Mittel diente ihr dazu auch die Vereinnahmung von Zitaten, Schlagzeilen und anderen Fremdtexten – so beginnt ihr berühmtes Gedicht „No swan so fine“ mit dem oben zitierten Satz, den sie in einem Bericht über Versailles las. Und es endet ganz explizit mit den Worten: „The king is dead.“

Die 1887 in St. Louis geborene Marianne Moore war ein vaterloses Kind. Dieser war bereits vor ihrer Geburt nach einem Nervenzusammenbruch in eine psychiatrische Klinik eingewiesen worden, sie lernte ihn nie kennen. 1894 zog die Familie nach Pennsylvania. Marianne Moore besuchte eine private Mädchenschule, erste literarische Gehversuche folgten, 1915 veröffentlichte sie ihre ersten Gedichte. 1918 zog sie mit ihrer Mutter nach New York. Drei Jahre später begann sie als Assistentin in der New York Library zu arbeiten, lernte Wallace Stevens und William Carlos Williams kennen, kam in literarische Kreise. Die mit ihr befreundeten Schriftsteller Hilda Doolittle und Robert McAlmon veröffentlichten ohne ihr Wissen ihr erstes Buch.

Für ihr Werk wurde Moore, die 1972 in New York starb, wiederholt ausgezeichnet, unter anderem mit dem Pulitzer Preis und dem National Book Award. Mehr noch jedoch zählt wohl die vorbehaltlose Anerkennung durch andere Dichter und Autorenkollegen. So schrieb William Carlos Williams in einem Essay über ihre genaue Beobachtungsgabe:

“So that in looking at some apparently small object, one feels the swirl of great events.”

T.S. Eliot betonte:

“Living, the poet is carrying on that struggle for the maintenance of a living language, for the maintenance of its strength, its subtlety, for the preservation of quality of feeling, which must be kept up in every generation… Miss Moore is, I believe, one of those few who have done the language some service in my lifetime.”

(Quelle – Portrait und Gedichte von Marianne Moore bei der Poetry Foundation: https://www.poetryfoundation.org/poets/marianne-moore)

Darüber hinaus war Marianne Moore zeitlebens auch bekannt für ihr exzentrisches Auftreten, stets mit seltsamen Kopfbedeckungen und in eine Art Cape gewandet. Sie liebte auch im hohen Alter noch den Besuch von Sportveranstaltungen. So eröffnete sie beispielsweise 1968 die Saison der Yankees mit dem ersten Wurf.  Zu ihren Freunden zählte Muhammad Ali. Zu dessen Schallplatten-Aufnahme der legendären „I am the Greatest“-Rede schrieb sie die den Covertext.

„The deepest feeling always shows itself in silence;
not in silence, but restraint.“

Elizabeth Bishop (1911-1979).

„The art of losing isn`t hard to master;
so many things seem filled
with the intend to be lost
that their loss is no disaster.“

Für eine weitere bedeutende amerikanische Lyrikerin war Marianne Moore Mentorin und Freundin zugleich: Elizabeth Bishop. Die beiden Frauen verband das Leben und die Lyrik – wie Moore verlor Bishop ihren Vater früh, ihre Mutter kam wegen einer psychischen Erkrankung in eine Heilanstalt. Elizabeth sah sie das letzte Mal, als sie fünf Jahre alt war.

Die wohlhabenden Großeltern väterlicherseits ermöglichten ihr schließlich den Besuch des renommierten Vassar Colleges – dort traf sie Moore, dort begann ihre literarische Karriere. Zu Lebzeiten veröffentlichte sie nur einige wenige Prosastücke und 101 Gedichte, an denen sie extrem lang feilte. Ein schmales Werk, aber umso kostbarer und wichtiger. Zeilen und Worte, die von Trauer, Verlusten, Sehnsüchten handeln, alles reduziert und verdichtet – Verdichtung als Kunst.

2011, zu ihrem 100. Geburtstag, erschien eine zweisprachige Ausgabe einer Auswahl ihrer Gedichte, übersetzt und herausgegeben von dem Literaturwissenschaftler Klaus Martens, der über ihre Arbeit schreibt:

„Sie schreibt keine poetische Diktion, ihre Syntax wird immer eine alltägliche sein und aus dieser allgemeinen Verbindlichkeit heraus eine Magie herauszuoperieren, einfach durch Selektion, durch Edition über Jahre so zusammenzuschreiben, dass der Grundstock bleibt und dann doch ein ganz neuer Schimmer, ein neuer Glanz hinzukommt, das konnten nur ganz wenige, und Bishop ist da eine der ganz Großen.“

Elizabeth Bishop, Alles Meer ein gleitender Marmor, herausgegeben, übersetzt und mit einer Einleitung von Klaus Martens, Mattes Verlag, Heidelberg 2011.

Verlagsinformationen zum Buch: http://www.mattes.de/buecher/dichtung_der_englischsprachigen_welt/978-3-86809-045-1.html

Die Kunst des Dichtens, die Kunst des Verlierens: Elizabeth Bishop lernte dies in ihrem Leben. Wer sich für ihre Biographie interessiert, dem kann ich auch dieses Biopic empfehlen: „Die Poetin“, ein Film, der 2013 in die Kinos kam und sich auf ihre Beziehung mit der brasilianischen Architektin Lota de Macedo Soares konzentriert.

Wie Susan Vahabzadeh in ihrer Filmbesprechung in der Süddeutschen Zeitung richtig anmerkte:

„Beide Frauen sind heute nicht mehr präsent, die Dichterin Bishop nicht und nicht die Architektin Lota de Macedo Soares, die so gern ein neues Brasilien gestaltet hätte. Die Sache ging tragisch aus. Aber das Verlieren hatte Elizabeth ja gelernt. Ich verlor zwei Städte, verlor zwei Flüsse, einen Kontinent. . . Die Zeile stammt aus einem ihrer Gedichte, es heißt „Die Kunst des Verlierens“.“

Schön wäre es, wenn auch die Leserinnen und Leser hierzulande nicht ganz den Faden zu diesen großartigen amerikanischen Dichterinnen verlieren würden …

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John Ashbery – Im Ozean der Sprache

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Bild von Roger Mosley auf Pixabay

IM OZEAN DER SPRACHE – Eine Notiz zum Tod des amerikanischen Weltpoeten John Ashbery

Ein Gastbeitrag von Michael Braun

Eine der schönsten Legenden, die diesen Giganten der Weltpoesie umwehen, erzählt davon, dass selbst die Falschschreibung seines Namens Poesie erzeugt hat. „Ash-berry“ – die Asche und die Beere. Die „Beere aus Asche“ verweist auf das beunruhigend Flimmernde seiner Gedichte, das Opake als eine Brücke zum Wunderbaren. John Ashbery, dieser lyrische Solitär und Vorbild für eine unüberschaubare Zahl von poetischen Bewunderern, unternahm über sechzig Jahre lang die „Anstrengung, sich hinzusetzen, und, der Kopf eine tabula rasa, mit dem Schreiben zu beginnen“.
Die Fama besagt, dass der 1927 in Rochester geborene John Ashbery zu den jungen wildern Dichtern der New York School gehörte. 1950 lernte er seine aufrührerischen Kollegen Frank O´ Hara und Kenneth Koch kennen und mischte mit provozierenden „kubistischen“ Gedichten die Feten der avantgardistischen Maler und Bohemiens auf. „Der Wüstling“, so schreibt sein großer Freund und wichtigster Übersetzer ins Deutsche, Joachim Sartorius, „steckt in der frühen Lyrik.“ In seinen frühen Bänden „The Tennis Court Oath“ (1962) und „Rivers and Mountains“ 1966) inszenierte er den Zusammenprall von Alltagsslang und erhabener Metaphorik und collagierte die Sprache des Melodrams mit Fundstücken aus der Medienwirklichkeit. Seine späteren epischen Gedichte, die sich in viele Richtungen verzweigen, die epochalen Bände „Self-Portrait in a  Convex Mirror“ („Selbstporträt im konvexen Spiegel“) von 1975 und „Flow Chart“ (1990)  setzen einen Prozess der Selbsterforschung in Gang, der an kein Ziel führt, sondern nur in der Bewegung des Fragens selbst, im rastlosen Grübeln und Vor-Tasten in eine fremde Welt existiert. Der endlose Dialog, den er in diesen Gedichten mit seinem Bewusstsein führt, so schreibt Joachim Sartorius sehr treffend, „mag noch so trivial, noch so sehr small talk, noch so idiosynkratisch sein, er berührt immer das Universelle.“ Im langen Gedicht „A Wave“ („Die Welle“) ist diese Form von Bewusstseinsstrom prägnant zusammengefasst: „Durch so viele Systeme wie die,/in die wir verstrickt sind, durch ebensoviele/ wurden wir freigesetzt auf einen Ozean der Sprache, der zu einem Teil/von uns wird, als ob wir je davonkämen.“ Es scheint, als teilte sich das lyrische Subjekt immer wieder in mehrere Stimmen – „a kind of crowd of voices“ – , die sich zwischen den Zeiten bewegen.

John Ashbery unterrichtete viele Jahre am Brooklyn College, später am Bard College, als freier Autor vagabundierte er dann viele Jahre zwischen seiner Stadtwohnung in New York, seinem Haus in Hudson und ausgedehnten Reisen nach Europa hin und her, zehn Jahre lang lebte er von 1955 bis 1965 in Paris. Nach zahlreichen Publikationen im Hanser Verlag und im Residenz Verlag war es in den vergangenen Jahren der Luxbooks Verlag, der in Deutschland die Erinnerung an diesen Riesen der amerikanischen Poesie wach hielt. Zuletzt haben Matthias Göritz und Uda Strätling das komplizierte Langgedicht „Flow Chart“ in eine kühne deutsche Fassung („Flussbild“, 2013) gebracht. „Einer von uns bleibt zurück“, heißt es im Gedicht „Hotel Lautréamont“, „Einer von uns geht auf der Brücke weiter / wie auf einem Teppich. Leben – es ist herrlich – folgt und fällt zurück.“ Im Juli hatte er noch seinen 90. Geburtstag gefeiert, am 3. September 2017 ist das herrliche Leben des Weltpoeten und Pulitzer-Preisträgers John Ashbery in seinem Haus in Hudson zu Ende gegangen.

Michael Braun
Michael Braun, geboren 1958, lebt als Literaturkritiker in Heidelberg. Er veröffentlicht Essays zu Fragen einer zeitgenössischen Poetik. Von 2007 bis 2011 gab er Deutschlandfunk-Lyrikkalender heraus, seit 2012 den Lyrik-Taschenkalender (Wunderhorn Verlag). Weitere aktuellere Veröffentlichungen unter anderem: „Jean Krier: Eingriff, sternklar. Gedichte aus dem Nachlass“ (Hrsg., Poetenladen, Leipzig 2014) und „Der gelbe Akrobat 2. 50 deutsche Gedichte, kommentiert“ (Hrsg. zusammen mit Michael Buselmeier. Poetenladen, Leipzig 2016).
Weitere Informationen zum Autoren: http://poetenladen.de/michael-braun.htm